Für meinen Vater

Zum 80. Geburtstag

Im neunzehn-einundvierziger Jahr,
Krieg tobte in allen Breiten,
erblicktest Du das Licht dieser Welt,
die alles war, nur nicht zum Besten bestellt,
in jenen gar dunklen Zeiten.

Ein schwerer Anfang war es fürwahr,
der Dir auf Erden beschieden,
Denn Not und Elend bemaß man nach Jahren,
bis niedergerungen die Kriegstreiber waren
und endlich einzog der Frieden.

Und blieben die Zeiten zunächst auch schwer,
das Leben begann, sich zu lichten,
Als Jüngster umsorgt vom Familienrund,
brachte die Kindheit manch frohe Stund‘
und die Schule auch erste Pflichten.

In Schule und Lehre, da lerntest Du,
auf Dein Können stets zu vertrauen.
Und daß dieses groß war, sprach rum sich flott,
schon stand vor der Tür die FDJ –
es galt, ein Land aufzubauen.

Talent und Können auch beim Gesang
mußt‘ man neidlos Dir zuerkennen.
Man fragt‘ „Wo spielt denn das Radio so schön?“
Dabei konnt‘ man Dich singend sitzen seh’n
auf dem Dach, beim Bau von Antennen.

Und auch am Sonntag, beim Tanz, gabst Du gern
eine kleine Gesangseinlage,
Du gefielst einem Mädchen, und sie Dir auch sehr,
Ihr traft Euch wieder, daraus wurde mehr.
Bald stelltest Du DIE eine Frage.

Ihre Antwort war „Ja“! Und daraus entstand
eine wunderbar lange Ehe,
Ihr habt stets geliebt, viel gelacht, kaum geweint,
und was auch geschah, Ihr standet vereint,
ganz gleich, ob in Wohl oder Wehe.

Dabei war es anfangs gar nicht so leicht,
gemeinsam durch’s Leben zu gehen.
Erst Wehrdienst, dann Studium führten Dich fort,
zu näherem oder auch fernerem Ort,
Ihr konntet Euch selten nur sehen.

Und dann war’s geschafft. Doch mit dem Erfolg
kamen neue Herausforderungen.
Die Arbeit führte Euch nun nach Berlin,
gemeinsam zogt Ihr für immer dorthin,
Ihr und Eure beiden Jungen.

Die eigene Wohnung nach einigen Jahr’n,
die konntet Ihr nicht einmal testen.
Die Kultur zu vertreten im fremden Land,
hat man gern ’nen fähigen Mann zur Hand.
Drum schickte man mit Dir den Besten.

So ging es nach Ungarn, nach Budapest,
Kulturen sollt’st Du verbinden,
Künstlern zu helfen warst Du stets bereit,
Beruflich war’s Deine glücklichste Zeit
Und der Abschied schwer zu verwinden.

Noch weitaus schwerer wurde es dann,
als sie’s Ende des Landes beschlossen.
Erst standen sie auf für Demokratie,
dann beugten sie für D-Mark das Knie,
das hat Dich dann doch sehr verdrossen.

Doch Aufgeben war keine Sache für Dich,
Man konnte Dich nicht unterkriegen.
Du fingst nochmal ganz von vorne an,
wurdest Heizölverkäufer und ließest dann
den Kunden das Öl nie versiegen.

Bei Dir hatte selbst der Krebs keine Chance
und suchte verzweifelt das Weite.
Bei Dir Fuß zu fassen hat er nicht geschafft.
Du schlugst ihn mit Mut und mit Willenskraft
Und mit der Frau an Deiner Seite.

Nun hast Du die runde Achtzig erreicht,
Ein Meilenstein, gar keine Frage.
Und auch, wenn es schon mal hier und da zwickt,
nicht jedes Gelenk mehr ganz so leicht knickt,
für Dich ist das kein Grund zur Klage!

Sicher wirst Du mit Deinen nun achtzig Jahr’n
auf manch Vergang’nes rückschauen.
Doch bitte nur aus historischem Grund,
Denn besser sollt’st Du nach vorn blicken und
stets auf die Zukunft vertrauen.

Die Achtzig, was für ein Meilenstein!
Ein großer Geburtstag! Ein runder!
Ich denke, wenn Du so weitermachst,
mit Optimismus das Leben anlachst,
wär’n hundert Jahre kein Wunder.

© 2021, Alexander Glintschert. Alle Rechte vorbehalten.

Ballade von der wiederkehrenden Null

Für meinen Bruder zum 60. Geburtstag

Die erste Null war so wunderbar schön,
Da konnt‘ man das Licht dieser Welt erstmals seh’n.
Man war ach so zart, unschuldig und klein,
Wußt‘ gar nichts davon, wie das Leben wird sein.

Mit Zehn traf man dann auf Null Nummer zwei.
Die Schulzeit war da noch lang nicht vorbei.
Doch unbeschwert kümmerte man sich kaum drum,
Mit Lernen und Spielen ging die Zeit sehr schnell rum.

Um die Zeit scherte man sich auch dann noch nicht viel,
Als mit Zwanzig die dritte Null ins Leben fiel.
Man träumte, probierte und plante voraus
Und wenn mal was schiefging, so lernte man draus.

Und dann stand die Dreißig unverhofft vor der Tür
Und bracht‘ als Begleitung mit Null Nummer Vier.
Die nahm man auf einmal nicht mehr gar so leicht,
Denn die Mitte des Lebens war plötzlich erreicht.

Ist vorüber die Jugend? fragte mancher sich bang.
Derweil der Ernst des Lebens in selbiges drang.
Und grad als man sich konnt‘ gewöhnen daran,
da eilte auch Null Nummer fünf schon heran.

Beruf und Familie, Kinder, Frau, Hund,
es ging eigentlich fast tagtäglich rund.
So blieb nicht viel Zeit, auf das Alter zu seh’n,
Plötzlich war man Fünfzig, sah die sechste Null steh’n.

Nun hast Du die Sechzig gerade erreicht.
Und egal, was Du machst, die siebte Null weicht
Dir nicht von der Seite. Sie bleibt eisern dort,
auch wenn Du Dir noch so sehr wünschst, sie wär‘ fort.

Es sagte vor Jahren ein sehr weiser Mann:
Lang wird nur leben, wer auch alt werden kann.
Drum umarme die Sechzig! Sei zufrieden mit ihr!
Begrüße sie freudig! Sie gehört nun zu Dir.

Sechzig und kein bißchen weise – na und?
Wenn Du es nur willst, geht es noch immer rund!
Lebe den Tag! Und dann, Du wirst seh’n,
kommen mindestens Null Nummer acht, neun und zehn.

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Keine Angst

Vorbei. Aus. Vorüber.

An jedem Jahresende, am Silvesterabend, ist es mir mittlerweile eine liebe Tradition geworden, mich entgegen dem allgemeinen Treiben meiner Mitmenschen zurückzuziehen und ein wenig innere Einkehr zu halten, zu reflektieren, was war, darüber nachzudenken, was ist, und die eine oder andere Vorstellung zu entwickeln, wie es im neuen Jahr weitergehen soll, mir zu überlegen, was ich ändern möchte, aber auch, was ich beibehalten oder weiterentwickeln will. Und so sitze ich auch jetzt wieder bei einem guten Glas Wein im Schein einer kleinen Lampe und denke über dieses vergangene Jahr nach.

Der erste Gedanke, der mir in den Sinn kam, als ich diesen Text begann, steht gleich an seinem Anfang.

Vorbei. Aus. Vorüber.

Und auch, wenn ich versucht bin, noch ein „Endlich!“ hinterherzudenken, tue ich es nicht. Denn das Jahr mag zu Ende gegangen sein. Die aktuelle Situation ist es nicht.

Dieses Jahr 2020, es hat mich in mehrfacher Weise sprachlos gemacht. Unmittelbar ablesen kann ich das schon allein daran, daß dieser kleine Jahresendtext unmittelbar auf den des vorigen Jahres folgt.

Doch was soll ich zu diesem Jahr denn auch sagen. Daß ich zu seinem Beginn nie und nimmer damit gerechnet hätte, daß es so verlaufen würde, wie es verlaufen ist? Eine Binsenweisheit. Wer hätte das denn? Hätte ich jedes Mal auch nur einen Cent erhalten, wenn in diesem Jahr jemand einen Satz mit den Worten „Hätte mir vor einem Jahr jemand gesagt, daß heute…“ in meiner Gegenwart begonnen hat oder ich einen solchen gelesen habe, ich wäre mittlerweile steinreich.

Was gäbe es denn sonst über 2020 und die aktuelle, weiter andauernde Situation zu sagen, was nicht irgendwer im Laufe des Jahres irgendwann einmal schon geäußert hat? Mir fällt nichts ein. Nach meinem Eindruck ist es so, wie Karl Valentin es einst formulierte:

Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen.

Da muß ich nicht auch noch mittun. Und ich will es auch nicht, denn es brächte nur sinnlose Aufregung. Und so denke ich lieber darüber nach, was mir dieses Jahr ganz persönlich an Erkenntnissen beschert hat.

Angst ist kein guter Ratgeber.

So sagt es ein Sprichwort. Momentan haben alle Angst. Aber jeder vor etwas anderem. Vor einem Virus. Vor dem Tod. Vor den Maßnahmen dagegen. Vor dem Zerfall der Gesellschaft. Vor was weiß ich. Auch mir ist Angst in diesem Jahr nicht fremd geblieben. Nun ist Angst an sich ja ein gutes und wichtiges Gefühl in einer konkreten Gefahrensituation, denn es hält uns davon ab, leichtsinnig zu agieren, und bringt uns dazu, auf unsere Sicherheit bedacht zu sein. Es ist jedoch ein völlig kontraproduktives Gefühl, wenn es zum Dauerzustand wird. Wenn es sich zur Panik steigert. Aus welchem Grund auch immer.

Und so bemühe ich mich nun aktiv, die Angst loszulassen. Das schreibt sich einfacher, als es ist.

Was dabei auf jeden Fall hilft, ist die Einschränkung des Medienkonsums. Nicht mehr jeden Tag auf irgendwelche Zahlen, R- und sonstige Werte und Diagramme mit auf- und absteigenden Kurven (je nachdem, wer sie gerade wieder zu welchem Zweck veröffentlicht) starren, nicht mehr jeden Tag irgendwelche Meinungsartikel studieren, die entweder wilde Szenarios totalitärer Zukunftsaussichten entwerfen oder die neuesten Maßnahmen anpreisen, nicht mehr jeden Tag die neuesten Horrorschlagzeilen lesen, nicht mehr jeden Tag nachsehen, was gerade bei Twitter oder sonstwo trendet oder wer wieder wen wegen irgendwas beschuldigt oder beleidigt – all das mal für eine gewisse Zeit einfach wegzulassen, ist ungemein befriedend. Und so verzichte ich zeitweise ganz auf Medien und nehme eine komplette Auszeit.  Das sorgt schon mal für eine angenehme Stille. Eine Stille, in der ich die eigenen Gedanken und das eigene Befinden überhaupt erst einmal wieder wahrnehmen kann, in der ich wieder zu mir selbst komme. Im eigenen Kopf ist schon genug Geplapper der Gedanken vorhanden, das muß die mediale Dauerbeschallung nicht noch verstärken.

Dazu beschäftige ich mich mit Dingen, die dazu einen direkten Gegenpol bilden – lebensbejahend sind. Rauszugehen in die Natur – wie erholsam, belebend, anregend das ist, das habe ich in diesem Jahr regelrecht neu entdeckt. Verwunderlich? Nun, ich bin Softwareentwickler. Da ist man nicht soviel unterwegs. Tatsächlich habe ich mich nun aber wohl noch nie soviel bewegt wie in den letzten Monaten. Unterwegs zu sein, mit dem Rad oder zu Fuß, das macht mir richtig Spaß. Und wenn ich mittlerweile nicht mindestens eine Wanderung oder wenigstens einen ausgedehnten Spaziergang – besser zwei – in der Woche unternommen habe, dann fehlt mir was. Daß das Immunsystem und damit die Gesundheit dadurch gestärkt beziehungsweise gefördert werden, ist ein mehr als angenehmer Seiteneffekt. Und wenn der Weg vor die Stadt und in den Wald doch mal zu weit ist, dann geht das auch in der Stadt. Und so fühle ich mich, auch wenn ich in diesem Jahr praktisch nicht mehr im Fitneßstudio war, körperlich beweglicher und wohler denn je. Den Vertrag hab ich gekündigt.

Überhaupt sind aktive Hobbies, bei denen man in irgendeiner Form, ob körperlich wie beim Wandern oder geistig wie beim Schreiben, tätig ist, auch ein hilfreiches Mittel, wie ich selbst feststellen konnte. Für meine Website Anderes.Berlin sind auf diese Weise in diesem Jahr soviele Beiträge entstanden wie noch nie zuvor. Dafür ist mein Konsum über Streamingdienste – das Fernsehen hab ich ja schon vor Jahren für mich abgeschafft – an Filmen und Serien praktisch auf knapp über Null gesunken. Mir fehlte plötzlich völlig das Interesse dafür. Das Netflix-Abo hab ich auch gekündigt.

Was dieses Jahr mir auch eindrücklich gezeigt hat, ist die Tatsache, daß man Menschen in einer Krise erst so richtig kennenlernt. Das kann zu sehr guten Erfahrungen führen, aber leider auch zu mitunter schmerzhaften Enttäuschungen. Doch wie ich schon einmal 2016 nach einer ähnlichen Erfahrung feststellen konnte, kann beim Umgang damit eine Sichtweise helfen, die sich aus dem Wort Enttäuschung selbst ergibt:

In ihm steckt nämlich durchaus auch etwas Positives, denn wörtlich genommen bedeutet eine Ent-Täuschung, daß man einer Täuschung, einer Illusion entledigt wurde.

Wichtig ist dann allerdings auch, die guten Erfahrungen besonders zu schätzen und sich für die Menschen, denen man sie verdankt, weiter zu öffnen. Denn nichts ist wichtiger bei der Überwindung von Angst als Gemeinschaft mit Menschen, die einem lieb und teuer sind.

In diesem Sinne hoffe ich darauf, daß das neue Jahr 2021 ein besseres und für uns alle angstfreieres Jahr wird als das alte, mittlerweile vergangene 2020. Ich wünsche es Euch und nicht zuletzt auch mir selbst.

Und wieder ist ein Jahr vorüber…

Rot funkelt der Wein im Glase. Eine kleine Lampe auf dem Tisch vor mir erleuchtet nur spärlich die nähere Umgebung, und auch der am Fenster sanftes, goldenes Licht spendende Schwibbogen vermag den Rest des Zimmers kaum zu erhellen. Doch das ist auch nicht nötig. Leise spielt Musik und untermalt die ruhige und besinnliche Atmosphäre, die ich mir geschaffen habe und mit der es mir gelingt, all den Trubel auszublenden, der von der dem Jahreswechsel entgegenfiebernden Welt vor meinen Fenstern veranstaltet wird.

Das vierte Jahr in Folge halte ich es nun schon so. Es ist eine mir inzwischen lieb gewordene kleine Tradition, das Ende des Jahres allein und zurückgezogen zu begehen und leicht in das neue Jahr hinüberzugleiten. Sanft und ohne raschen Rutsch. Ganz in Ruhe.

Das Besinnliche nehme ich dabei gern wörtlich: mich besinnen auf das, was im vergangenen Jahr gewesen ist und was ich erreicht habe. Und auch, was nicht.

Ich nehme mir vor, achtsamer mit meiner Zeit umzugehen. Sie gleichermaßen bewußt zu nutzen und bewußt zu verschwenden – kurz: sie bewußt zu leben. Jedenfalls mehr als bisher.

So hatte ich es zum Ende des vorigen Jahres formuliert. Und natürlich, die Frage steht im Raum: Habe ich das erreicht? Ja? Nein? Gar nicht so leicht zu beantworten. Zumindest nicht, wenn es nicht oberflächlich sein soll. Mal sehen.

Zunächst einmal kann ich feststellen, daß mir zu der gewählten Überschrift dieses Textes „Und wieder ist ein Jahr vorüber…“ – ja, die stand tatsächlich als erstes fest – nicht wie im letzten Jahr sofort die Frage „Hatte das nicht gerade eben erst angefangen?“ und gleich danach der Satz „Das kann doch unmöglich schon wieder vorbei sein.“ eingefallen sind. Und tatsächlich, wenn ich so über das vergangene Jahr nachdenke, dann habe ich nicht den Eindruck, daß die Zeit einfach so verronnen ist. Und das liegt zu einem nicht geringen Teil daran, daß ich in der Folge meiner letztjährigen Überlegungen zu diesem Thema begonnen habe, mir Gedanken zu machen. Gedanken darüber, was falsch läuft in meinem Leben. Und was richtig. Was mir wichtig ist. Und auch, was nicht.

In der Folge dessen habe ich einige Dinge neu bewertet. Ganz persönlich. Für mich. Womit möchte ich meine Zeit verbringen? Und womit verbringe ich sie tatsächlich?

Als ich begann, darüber nachzudenken, landete ich unweigerlich bei meinem Job. Meiner beruflichen Tätigkeit. Wie stand es damit? Die Arbeit eines Softwareentwicklers ist, was ich gelernt habe und was ich seitdem ohne Unterbrechung ausübe. Dabei ist die Idee einer Karriere für mich völlig irrelevant. Und das kann ich so sicher sagen, weil ich sie ausprobiert habe. Wie so viele andere auch habe ich als Softwareentwickler begonnen und bin den Weg ins Management gegangen. Doch nach einer Weile bin ich umgekehrt. Das war es nicht, was mich interessierte. Was mir wirklich Spaß macht, worin ich gut bin, ist etwas völlig anderes. Für ein echtes Problem eine Software zu entwickeln, die es löst, ist etwas, das unglaublich erfüllend sein kann. Es beginnt bereits bei der Analyse des Problems, wenn sich Erkenntnis aufbaut und man beginnt zu verstehen, worum es geht. Es setzt sich fort, wenn man dann den kreativen Schritt macht und eine Lösung entwirft. Hier ist Kreativität gefragt. Man tritt ein in den Zyklus aus Idee, Ausprobieren, Verwerfen, Von-vorn-beginnen mit einer neuen Idee. Und hat man dann endlich einen Ansatz gefunden, der funktionieren kann, arbeitet man ihn aus und entwickelt ihn zur fertigen (Software-)Lösung. Und all das tut man nicht allein, sondern gemeinsam mit anderen. Man tauscht Ideen aus, man diskutiert, mal streitet man auch. Aber nichts geht über das wunderbare Gefühl, wenn man gemeinsam, auf Augenhöhe miteinander arbeitend, etwas geschaffen hat.

Aber was lief dann falsch? Wenn ich doch die meiste Zeit Software entwickelte und mir das Spaß machte, warum hatte ich dennoch immer öfter das Gefühl, daß meine Zeit verstrich, ohne daß ich sagen konnte, wo sie denn geblieben war? Und warum blieben so viele meiner persönlichen Interessen unbeachtet, so viele meiner persönlichen Vorhaben ungetan? Ich kam zu dem Schluß, daß ich offenbar dazu übergegangen war, meine Prioritäten mit den Jahren völlig falsch zu setzen. Beginnt man wie ich als Softwareentwickler in einem kleinen, aufstrebenden Unternehmen, scheint diese Tätigkeit das Wichtigste der Welt zu sein, in das man all seine Zeit investiert. Selbst dann, wenn es nicht die eigene Firma und man nur angestellt ist. Es ist wie ein eigenes Werk, ein Baby, das man voranbringen will. Und so waren Überstunden zwar an der Tagesordnung, doch ich nahm sie gern in Kauf, konnte ich doch die erreichten Ergebnisse sehen, die ja irgendwie auch meine waren. Beginnt man dann den Weg ins Management, scheint dieselbe immense zeitliche Investition erforderlich, erst recht, wenn man seine Arbeit ernst nimmt und das Beste erreichen will. Es ändert sich nur der Grund dafür. Doch arbeitete ich mittlerweile weder in einem kleinen, aufstrebenden Unternehmen noch war ich auf der Management-Karriereleiter unterwegs. Und dennoch hatte ich, was meine Zeit betraf und wie ich sie investierte, einfach so weitergemacht wie vorher. Daß meine beruflichen und meine persönlichen Interessen und Projekte nicht vollständig deckungsgleich waren, daß also mein Beruf mir zwar Spaß machte, aber nicht meinen einzigen Lebensinhalt bildete, war mir auf meinem Weg durch mein Arbeitsleben irgendwie aus dem Blick geraten.

Doch nun, wo mir das klar geworden war, gab es keinen Grund mehr, einfach so weiterzumachen wie bisher. Beruf und Persönliches mußten wieder in die richtige Balance. Und so fällte ich die Entscheidung, die Zeit, die ich meinem Beruf zukommen ließ, zu verkürzen. Dabei beließ ich es nicht mit dem Vorsatz, einfach weniger oder keine Überstunden mehr zu machen. Ich ging einen radikaleren Schritt und entschied, nur noch vier Tage in der Woche zu arbeiten. Ein Entschluß, den ich bis heute nicht bereut habe.

In der Folge hat sich einiges für mich verändert. Was meinen Beruf betrifft, habe ich sogar den Eindruck, deutlich produktiver als vorher zu sein. Wichtig ist bei einem solchen Schritt natürlich, daß man nicht versucht, die Arbeit von fünf Tagen an vieren zu schaffen. Die Umstellung auf eine Vier-Tage-Arbeitswoche hat mich auch im Job dazu gebracht, wesentlich bedachter auszuwählen, welchen Aufgaben ich mich widme und welchen nicht. Es war ein äußerst wichtiger Lernschritt für mich zu erkennen, wie unglaublich produktivitätssteigernd ein zur rechten Zeit geäußertes Nein sein kann. Und wenn man nach eigenem Gefühl die richtige Balance zwischen Arbeit und Persönlichem erreicht hat, investiert man seine Zeit und Fähigkeiten viel bewußter in die aktuelle Tätigkeit, weil man überhaupt erst einmal in der Lage ist, darüber nachzudenken, was wichtig ist und was nicht und wann der beste Zeitpunkt ist, eine übernommene Aufgabe zu erledigen. Nach meinem Eindruck schaffe ich in den vier Tagen pro Woche in meinem Job jetzt sogar mehr als vorher in fünfen, ohne daß ich deshalb das Gefühl habe, mich zu übernehmen.

Und auch außerhalb des Jobs kam es zu deutlichen Verbesserungen in meinem Leben. Klar, ich hatte mehr Zeit. Doch das allein macht ja noch nichts besser. Es kommt darauf an, sie bewußt einzusetzen. Ich schreibe hier absichtlich nicht „sinnvoll nutzen“. Denn mir kommt es nicht darauf an, meine neu gewonnene Zeit zu rationalisieren. Wichtig ist mir, sie bewußt für das zu verwenden, was für mich gerade wichtig und erforderlich ist. Das kann ein Projekt sein, daß ich umsetzen, ein Ziel, das ich erreichen will. Das kann aber auch bewußte Verschwendung sein, wenn die Seele danach verlangt. Tagträumen, müßiggehen, bummeln, nichts erreichen müssen. Für von allem ein bißchen habe ich mir im vergangenen Jahr Zeit genommen: für einen vergleichsweise spontanen Ausflug nach Nürnberg an einem verlängerten Wochenende; für einen Urlaub im schönen Wien, wohin ich immer schon einmal wollte, und für einen anderen im Schwarzwald, wo ich vor Jahren schon einmal war, woran ich mich aber kaum noch erinnern konnte; für die Fertigstellung einer schon lange geplanten vierteiligen Artikelserie über die Spittelkolonnaden auf meiner Website Anderes.Berlin; für die Recherche zu einer weiteren, an der ich gerade noch arbeite; für die Zusammenstellung einer Spotify-Playlist mit epischer Musik, unglaublich motivierend bei allen möglichen Gelegenheiten; für die Wiederaufnahme meiner brachliegenden Mitgliedschaft im Fitneßstudio – Sport macht Spaß, Sport macht Spaß, Sport macht Spaß…

Unglaublich befreiend ist auch das Abwerfen von Ballast. Im wahrsten Sinne des Wortes. Stimmt die Balance im Leben nicht, neigt mancher zur Kompensation. Was durchaus eine gewisse Zeit funktionieren kann. Erst recht, wenn man gerne Dinge sammelt. Bücher, CDs, Schallplatten. Oder Star-Trek-Raumschiffmodelle. Deren Anschaffung kann eine gute Kompensation sein. Für eine Weile. Bis man das Gefühl hat, daß sie einen erdrücken und die Balance zusätzlich durcheinanderbringen. Dann sollte man sie dringend loswerden. Was plötzlich sehr einfach wird, wenn man seine Balance wiederfindet, wie ich in diesem Jahr ebenfalls feststellen konnte.

Ich nehme mir vor, achtsamer mit meiner Zeit umzugehen. Sie gleichermaßen bewußt zu nutzen und bewußt zu verschwenden – kurz: sie bewußt zu leben. Jedenfalls mehr als bisher.

Und? Habe ich das nun erreicht? Ich meine, in diesem Jahr ist mir dafür ein recht guter Anfang gelungen. Und bedenke ich es recht, ist dieses Vorhaben keines, bei dem man an irgendeinem Punkt im Leben sagen kann: Jetzt habe ich es geschafft. Weiter geht es nicht. Vielmehr ist es eine Haltung, eine Einstellung zum Dasein. Seine Zeit bewußt zu leben – das ist ein Vorhaben, das man jeden Tag umsetzen muß. Und dafür muß man es jeden Tag auf’s Neue in Angriff nehmen.

In diesem Sinne wünsche ich Euch allen ein gesundes neues Jahr 2020. Setzt die Zeit, die Ihr habt, so bewußt ein, wie Ihr könnt.

Ist doch nur ein Blogartikel… – Ein Blick hinter den Vorhang

Fertig ist sie, meine Beitragsserie über die Geschichte der Berliner Spittelkolonnaden. Vier einzelne Beiträge, jeweils zu einer einzelnen Periode aus der Geschichte dieses schönen Bauwerks, dazu eine umfassende Fotogalerie mit historischen Aufnahmen und aktuellen Bildern – alles das ist nun auf der Website meines Berlin-Projektes Anderes.Berlin zu finden.

Das war ein ganz hübsches Stück Arbeit. Angefangen von zahllosen Samstagen, die ich in der Abteilung für Berlin-Studien der Zentralen Landesbibliothek zugebracht habe, um zu recherchieren und Informationen zusammenzutragen, über viele, viele Stunden Online-Recherche, um weitere Daten und Fakten zu finden, bis hin zum Schreiben der Texte für die einzelnen Artikel, war ich wenigstens ein halbes Jahr damit befaßt – Zeit, angefüllt mit dem Aufstöbern und Studieren einzelner, kleinerer und größerer Zeitungsartikel, dem Lesen von Büchern, dem Durchsuchen von Bibliothekskatalogen, dem Sitzen in Lesesälen öffentlicher Bibliotheken, dem Durchsuchen des Internets, dem Notieren jedes noch so winzigen Fakts, dem buchstabengetreuen Abschreiben wichtiger Zitate, dem zeitlichen Ordnen der Fakten, dem Protokollieren jeder benutzten Quelle und so weiter und so fort. Besonders spannend wird es, wenn solche Quellen einander widersprechen. Welche Aussage stimmt? Was ist wahr, was falsch? Gibt es weitere Quellen, bestenfalls sogar schriftliche Zeugnisse aus der betreffenden Zeit selbst? All das macht wahnsinnig Spaß und erinnert manchmal an Detektivarbeit.

Als ich dann alle Fakten und Informationen gesammelt hatte, ging es an’s Schreiben. Nun mußte ich all die Daten und einzelnen Geschichtchen zu einem großen Ganzen zusammenbringen,  zu einer zusammenhängenden, unterhaltsamen und möglichst spannenden Geschichte. Eine Herausforderung! Ich wollte bei der Beschreibung historischer Zusammenhänge und Abläufe die stets damit verbundene Gefahr bannen, daß der Text zu trocken gerät, sich zu sehr auf die Aneinanderreihung der Fakten konzentriert und es versäumt, eine Geschichte zu erzählen. Doch wie stellte ich das am besten an? Nach einiger Überlegung verfiel ich auf die Idee, jedem der vier Artikel eine kleine Geschichte voranzustellen. Eine Geschichte, die nicht nur mit dem Gegenstand der Beitragsserie, den Spittelkolonnaden, zu tun hatte, sondern auch den jeweiligen Zeitraum jedes Artikels näher illustrierte. Eine Geschichte, die ich mir jeweils ausdachte, die aber dennoch so oder so ähnlich passiert sein könnte. Ob mir all das gelungen ist oder nicht, möge jeder Leser der Beitragsreihe selbst beurteilen. Mir hat es auf jeden Fall sehr viel Spaß gemacht, sie zu schreiben.

Nun war das geschriebene Wort also fertig. Doch das war ja erst der Inhalt. Solch eine Artikelserie lebt aber nicht vom Text allein. Wer will schon eine Webseite lesen, die wie eine einzige Bleiwüste daherkommt, zumal, wenn es um historische Ereignisse und Orte geht? Da müssen Illustrationen her, die das im Text Erzählte visualisieren. Darstellungen aus der Vergangenheit und, wenn wie in diesem Fall das Bauwerk noch existiert, auch aus der Gegenwart machen den Text lebendiger, nachvollziehbarer und damit letztlich interessanter. Während das für aktuelle Aufnahmen noch relativ einfach ist, für die ich nur eine kleine Fototour unternehmen, das Bauwerk fotografieren, die Bilder bearbeiten und auf die Website laden muß, stellt sich das für historische Aufnahmen schon deutlich schwieriger dar. Gibt es überhaupt welche? Und wenn ja, wo sind diese zu finden? Wieder waren viele Stunden Suche und Recherche vergangen, bis ich schließlich für jede einzelne Periode der Geschichte der Spittelkolonnaden ansprechende Darstellungen – Zeichnungen und Fotografien – gefunden hatte.

Die Berliner Spittelkolonnade
Die Spittelkolonnade in der Leipziger Straße
Fotograf: Alexander Glintschert (2019),
Creative Commons Lizenzvertrag

Doch damit war es nicht getan. Während ich meine eigenen Fotos ohne Probleme auf meiner Website verwenden kann, ist das für historische Bilder nicht so einfach. Da gilt es, das Urheberrecht zu beachten. Nicht alles, was man so findet, ist auch frei verfügbar. Auch nicht, wenn man es im Internet aufstöbert. Also setzte sich die Recherchearbeit fort. Diesmal ging es darum, für jedes einzelne Bild herauszufinden, wer es aufgenommen hatte und wann, ob es noch urheberrechtlich geschützt ist und wenn ja, wer die Rechte daran besitzt. Gerade der Zeitraum vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis heute ist da immer problematisch. Fotografien aus dieser Zeit sind einfach noch nicht alt genug, um bereits gemeinfrei zu sein. Hier gilt es herauszufinden, ob die Urheber, also die Fotografen, noch am Leben sind oder nicht. Sind sie es nicht, ist wichtig zu wissen, wann sie verstorben sind. Ist das bereits mehr als 70 Jahre her? Und selbst wenn das der Fall ist, gibt es eventuell noch andere Personen, die ebenfalls noch Rechte an der Aufnahme haben? Ein Gemälde kann beispielsweise gemeinfrei sein. Will ich jedoch ein Foto dieses Gemäldes verwenden, kann der Fotograf wiederum Urheberrechte beanspruchen, die ich beachten muß. Es ist kompliziert.

Als ich dann endlich für jedes Bild, das ich verwenden wollte, alle entsprechenden Informationen zusammenhatte, kam der nächste Schritt, denn natürlich waren nicht alle Bilder, die ich gefunden hatte und verwenden wollte, für mich so ohne weiteres nutzbar. Nun mußte ich die einzelnen Rechteinhaber anschreiben und um die Genehmigung für die Verwendung der Bilder bitten. Erfreulicherweise waren fast alle bereit, mir die Bilder für die Verwendung auf meiner Website zur Verfügung zu stellen. Danken möchte ich in diesem Zusammenhang besonders dem Bildarchiv Foto Marburg und der Stiftung Stadtmuseum Berlin, die mir einige sehr schöne und für meine Artikelserie wichtige Bilder kostenfrei zur Verfügung gestellt haben. Ich habe mich sehr gefreut, daß sie auf diese Weise mein Projekt unterstützen wollten. Für ein aus reiner Liebhaberei betriebenes, nicht kommerziell orientiertes und werbefreies Website-Projekt ist es nicht so einfach, die entsprechenden Kosten, die beispielsweise durch die nicht eben geringen Gebühren verschiedener Bildarchive entstehen können, finanziell aufzubringen.

Nun hatte ich also die Texte und ich hatte die Bilder. Jetzt galt es, all dies zusammenzubringen und möglichst ansprechend zu gestalten, damit lesenswerte Artikel daraus entstehen konnten. Auch das ist natürlich wieder eine ganze Menge Arbeit gewesen, trotz der technischen Unterstützung durch eine entsprechende Software zur Entwicklung, Gestaltung und Pflege von Websites. Bis die vier Beiträge nach und nach fertig und veröffentlicht waren, verging noch einmal ein gutes Vierteljahr. Doch nun ist es vollbracht. Viel Zeit und viel Arbeit waren also das Resultat. Aber, und das ist für mich das Wichtigste überhaupt, auch viel Spaß und Freude!

Nun war ja diese Artikelserie zu den Spittelkolonnaden nicht meine erste. Ich habe in der Vergangenheit ja schon einige Artikel auf Anderes.Berlin veröffentlicht. Warum also schreibe ich hier darüber?  Wozu noch dieser Blogbeitrag?

Nun, zum einen wollte ich allen, die es vielleicht interessieren mag, einmal einen kleinen Einblick geben, was es bedeutet, eine solche Artikelserie zu verfassen, zu gestalten und ins Leben, also online zu bringen. Zum anderen aber hat diese spezielle Artikelserie zu den Berliner Spittelkolonnaden für mich einen besonderen Stellenwert. Denn die Säulengänge des Carl von Gontard begleiten mich schon eine recht lange Zeit meines Lebens. Und das nicht nur, weil ich als Kind und Jugendlicher in der Leipziger Straße gewohnt und in der Gegend zur Schule gegangen bin, so daß ich auf meinem Schulweg tagtäglich an dem steinernen Halbrund vorüberkam.

Es begann, als ich in der fünften Klasse und gerade neu an die 18. Polytechnische Oberschule „Reinhold Huhn“ gekommen war, eine der beiden Schulen, die damals für das Wohngebiet rund um die Leipziger Straße zuständig waren. Um bei uns Kindern das Interesse für unsere nähere Umgebung und ihre Geschichte zu wecken und gleichzeitig gemeinschaftliches Arbeiten an einem gemeinsamen Projekt zu lernen, vergaben die Lehrer an jede Klasse einen Forschungsauftrag. Ziel war die selbständige Erforschung eines historischen Ereignisses, das sich in unserer Wohngegend ereignet hatte, oder der Geschichte eines Bauwerks, das sich im Umfeld unserer Schule befand. Unsere Klasse bekam den Auftrag, die Geschichte der Spittelkolonnaden zu erforschen, die erst wenige Jahre zuvor in der Leipziger Straße wiedererrichtet worden waren. Dafür wurde in unserer Klasse eine sogenannte Forschungsgruppe eingerichtet, die aus mehreren Schülern bestand und die an dem Forschungsauftrag arbeiten sollte. Heute würde man das vielleicht Projektgruppe nennen. Und weil man damals der Meinung war, daß jede Arbeitsgruppe auch einen Leiter braucht, wurde einer der Schüler dazu bestimmt. Warum unsere Klassenlehrerin dabei auf die Idee verfiel, daß ich das sein sollte, der ich doch gerade erst neu in der Klasse war und noch kaum jemanden wirklich kannte, ist für mich immer ein  Geheimnis geblieben.

Nun, das mit der Projektgruppe hat nicht so geklappt, wie es sollte. Weder haben wir als Arbeitsgruppe wirklich funktioniert (das Leiten lag mir wohl noch nie so recht), noch ging ohne Anleitung durch einen Lehrer das Konzept, mit dieser Maßnahme bei den Schülern ein breites Interesse für Stadtgeschichte und ihre nähere Umgebung zu wecken, wirklich auf. Letztlich hat sich niemand in der Klasse für den Forschungsauftrag wirklich begeistert. Wirklich niemand. Außer mir. Für mich war das eine ziemlich spannende Angelegenheit. Und so trug ich allerlei Informationen über die Spittelkolonnaden und ihre Geschichte zusammen und lieferte das Ergebnis ab – für die Klasse, versteht sich. Was ich da im einzelnen alles herausfand und zusammengefaßt darstellte, entzieht sich heute leider meiner Erinnerung. Was ich jedoch noch sehr gut weiß, ist, daß ich in Bezug auf die Klasse zwar der einzige war, der an dem Projekt arbeitete, daß ich dabei jedoch keinesfalls allein war. Denn wer mich dabei massiv unterstützte, waren meine Eltern. Durch sie lernte ich, wie man an so eine Aufgabe, bei der man am Anfang nur die Zielsetzung kennt und keine Ahnung von der Materie hat, herangeht.  Für diese und all die andere Hilfe, die ich von ihnen immer erfuhr, bin ich ihnen stets dankbar.

So ist auf diese Weise mit den Spittelkolonnaden meine erste eigene Arbeit zur Geschichte eines Berliner Bauwerks verknüpft. Mit ihnen wurde mein Interesse für die Geschichte meiner Heimatstadt Berlin geweckt, das mich seitdem nicht mehr losgelassen und letzten Endes – viele Jahre später – zu meinem Webprojekt Anderes.Berlin geführt hat. Und so ist es nur angemessen und auch folgerichtig, daß ich den Spittelkolonnaden nun endlich auch eine eigene umfassende Artikelserie auf Anderes.Berlin gewidmet habe. Es wurde Zeit dafür.

Wirklich schon wieder ein Jahr…

Und wieder einmal ist es Silvester. Das Jahr 2018 neigt sich unweigerlich dem Ende entgegen. Hatte das nicht gerade eben erst angefangen? Das kann doch unmöglich schon wieder vorbei sein.

So oder so ähnlich mag es manchem gehen, da bin ich sicher nicht der einzige. Im Alltag fällt uns meist gar nicht auf oder wir ignorieren mehr oder weniger bewußt, daß die Zeit unweigerlich voranschreitet. Doch an Tagen wie diesem, die uns mit ihrer besonderen Bedeutung, die wir ihnen beimessen, aus dem Alltäglichen herausholen, kann es geschehen, daß wir uns plötzlich dessen bewußt werden, und wir fragen uns, wo die Zeit denn nur geblieben ist.

Und so sitze auch ich nun hier und denke über das zurückliegende Jahr nach. Wieder einmal halte ich mich fern von den alljährlichen Silvesterparties. An diesem Abend, wenn alle Welt feiert und feuerwerkt, ist mir eher nach Besinnlichkeit. Während alle mit einem hoffentlich guten Rutsch ins neue Jahr schliddern, möchte ich lieber sanft hinübergleiten. Ein Glas roten Weins an einem ruhigen Abend – mehr brauche ich nicht. Es muß mir allerdings gelingen zu ignorieren, daß von draußen vor dem Fenster Geräusche an mein Ohr dringen, die mich glauben lassen könnten, es wäre Krieg.

Warum um alles in der Welt ist jetzt schon wieder Jahresende? Ach, die Zeit verrennt. Das ist ein Satz, den viele sagen.

Eins, zwei, drei – im Sauseschritt
eilt die Zeit. Wir eilen mit.

So dichtete bereits Wilhelm Busch. Doch kann Zeit eilen? Oder rennen? Wohl eher nicht. Also stimmt der Satz nicht? Dem widerspricht der Eindruck, der sich bei manchem so manches Mal – und auch bei mir gerade jetzt – einstellt, daß schon wieder soviel Zeit vergangen ist, ohne daß man es so recht merkte. Moment, ohne daß man es merkte? Ohne daß ich es merkte? Das bedeutet ja… Mir will nicht so recht gefallen, was es bedeutet. Wenn Zeit unbemerkt vergehen kann, dann geht man achtlos mit ihr um. Und Achtlosigkeit führt – das kennt man auch von anderen Ressourcen – in aller Regel zu Verschwendung. 

Aber ist das denn schlimm? Ich bin kein großer Freund davon, alles und jedes zu rationalisieren. Das passiert in unserem Zeitalter sowieso schon allerorten. Alles wird nur noch nach dem Nutzen, den es haben könnte, bewertet. Doch mit Zeit – und insbesondere der eigenen Lebenszeit – sollte man das auf keinen Fall tun. Es sei denn, man sucht das unfehlbare Rezept für permanente Unzufriedenheit. Zeit verschwenden – das kann so schön sein. Tagträumen, müßiggehen, bummeln, nichts erreichen müssen – ab und zu braucht die Seele das. Und dann sollte man mit Zeit nicht sparen, um ihr das zu gewähren.

Eine derartige Verschwendung von Zeit kann, wenn sie bewußt geschieht, eine Bereicherung sein. Der achtlose Umgang damit führt jedoch zum genauen Gegenteil. Verschwendung aus Achtlosigkeit – das wird unweigerlich zu Verlust, aus dem wieder Unzufriedenheit resultiert; Unzufriedenheit, die sich in der Frage, wo denn nur die Zeit geblieben ist, ausdrückt. 

Nein, die Zeit verrennt nicht. Sie schreitet voran – immer im gleichen Tempo. Behauptet man, sie renne, versucht man nur, die Schuld am eigenen achtlosen Umgang mit ihr auf sie abzuwälzen. Doch ändert man nur einen Buchstaben in diesem Satz, drückt er plötzlich aus, was dann wirklich passiert: Die Zeit verrinnt. Und zwar wie Sand durch die Finger…

Silvester und Neujahr – das ist stets die Zeit der guten Vorsätze. Ich denke, dieses Mal belasse ich es bei einem einzigen. Ich nehme mir vor, achtsamer mit meiner Zeit umzugehen. Sie gleichermaßen bewußt zu nutzen und bewußt zu verschwenden – kurz: sie bewußt zu leben. Jedenfalls mehr als bisher.

In diesem Sinne wünsche ich Euch allen ein gesundes und fröhliches, vor allem aber ein bewußt gelebtes Jahr 2019. Laßt es Euch gut gehen!

Ein Nachmittag auf dem Ostkreuz

Am Nachmittag des 2. Juni 2018, einem Sonnabend, veranstaltete der Verein für die Geschichte Berlins e. V., gegründet im Jahre 1865, eine Führung der besonderen Art. Führungen durch Museen oder Ausstellungen jeglicher Art ist man gewohnt. Auch Stadtführungen kennt man zur Genüge. Wenngleich viele davon interessant sind, so sind sie doch meist nichts, was man außergewöhnlich nennen würde. Doch eine Führung über einen Bahnhof? Das gibt es nicht alle Tage. Als Eisenbahn-Liebhaber im allgemeinen und Freund der Berliner S-Bahn im besonderen war es keine Frage, daß ich mir das nicht entgehen lassen durfte.

Unter der überaus sachkundigen Führung von Sven Heinemann, Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin und Autor des Buches „Mythos Ostkreuz“ (VGB-Verlagsgruppe, Fürstenfeldbruck), der bereits mit seinem gleichnamigen Vortrag am 16. Mai 2018 auf das Thema eingestimmt und auf diesen Nachmittag neugierig gemacht hatte, wanderte ich mit den anderen Expeditionsteilnehmern runde zweieinhalb Stunden treppauf, treppab über den Bahnhof und durch seine nähere  Umgebung. Dabei bewegten wir uns ausschließlich auf öffentlich zugänglichem Terrain: Bahnsteige, Straßen, Gehwege, Fußgängerbrücken, Treppen. Gelände also, das Jedermann jederzeit betreten und betrachten kann. Und auch wenn man als Berliner, täglicher S-Bahn-Benutzer oder einfach nur Interessierter meinte, den Bahnhof, auch wenn er in den letzten Jahren massiv umgebaut wurde, zur Genüge zu kennen, so wurde man binnen kurzem eines Besseren belehrt.

Neuer und originaler Pfeiler des Bahnhofsdach von Bahnsteig D.
Neuer und originaler Pfeiler des Bahnhofsdach von Bahnsteig D.
Fotograf: Alexander Glintschert (2018), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Lebendig und anschaulich ließ Heinemann vor dem inneren Auge die Geschichte des Bahnhofs aufleben, berichtete von den Vorgängerbahnhöfen, der Entstehung des Bahnhofs Stralau-Rummelsburg und seiner Entwicklung bis hin zum allseits bekannten und wenig geliebten Rostkreuz, auf die schließlich der große Umbau der letzten Jahre folgte, der leider nur wenig von der historischen Substanz des einstigen Ostkreuzes übrig ließ. Doch dieses Wenige hatte er akribisch aufgespürt und führte es uns vor Augen. Und was wir da im öffentlichen Raum zu sehen bekamen und entdeckten, bewies wieder einmal, daß man meist nur wahrnimmt, was man weiß. Originale Pfeiler des Bahnhofsdaches auf dem Bahnsteig D? Originalteile der (noch nicht völlig wiederhergestellten) Fußgängerbrücke über den gesamten Bahnhof? Welcher der Reisenden, die täglich diesen Bahnhof passieren, nimmt sie wahr? Und wer weiß eigentlich, daß die erwähnte Fußgängerbrücke den Namen ihres Architekten trägt und Brademannbrücke heißt?

All das und noch so vieles mehr erfuhren wir auf diesem überaus spannenden Rundgang. Und so manche Erinnerung an diesen Bahnhof, an Eigenartiges und heute Verschwundenes lebte auch in mir wieder auf und bescherte mir so manchen „Ach ja! – So war’s!“-Moment; – wie den der Erinnerung an den eigentümlichen Bahnsteig A, der zwar zwei Bahnsteigkanten besaß, an denen aber die Züge zweier verschiedener Linien hielten – an der einen die stadtauswärts über die Südkurve fahrenden Züge nach Schönefeld, an der anderen die aus Buch über die Nordkurve kommenden, die ins Stadtinnere wollten. Und die Züge der jeweiligen Gegenrichtung? Die hielten hier einfach nicht. Als Kind hatte mich diese Merkwürdigkeit stets fasziniert. Heute ist der Bahnsteig abgerissen, die Nordkurve ist mit ihm verschwunden und die Südkurve führt über eine vollkommen neue Brücke aus Beton, die nicht mehr rosten kann. Die sie überquerenden Züge halten nun hier gar nicht mehr – in beiden Richtungen. Das ist zwar eigentlich nicht im  Sinne eines Bahnhofs, aber wenigstens ist jetzt Symmetrie hergestellt.

Doch nicht nur die Geschichte des Bahnhofs erzählte Sven Heinemann, sondern auch immer wieder kleine Geschichten. Wie die der Bewohner des südlichen Beamtenwohnhauses an der Südkurvenbrücke, des heute ältesten Gebäudes am Bahnhof Ostkreuz. Geschichten wie diese machen die Historie eines Ortes erst wirklich lebendig.

Bei dieser kurzweiligen Tour verging die Zeit wie im Fluge, und als sie zu Ende war, hatten wir viel erfahren und erlebt – und waren überdies um die Erkenntnis reicher, daß es, wie es der Vorsitzende des Vereins formulierte, nicht nur Stadtführer gibt, sondern auch Bahnhofsführer. Und davon hätten wir gern mehr, denn interessante Bahnhöfe gibt es in Berlin noch einige…

Gedanken zum Jahreswechsel…

Das Jahr neigt sich dem Ende entgegen. Wieder einmal ist Silvester. Und ich schwänze auch dieses Jahr die Party. Es ist nicht das erste Mal.

In den Tagen und Wochen vorher bekommt man oft die Frage gestellt, was man denn Silvester mache. Kommt die Reihe an mich, Antwort zu geben, sage ich einfach:
„Nichts!“
„Wie, nichts?“
„Na, nichts! Ich bin zu Hause!“
„Aber es ist doch Silvester! Das mußt Du doch feiern!“

Muß ich? Wieso eigentlich?

Meistens fällt es mir schwer, zu einem festgelegten Zeitpunkt auf Abruf in Feierlaune zu kommen. Und dieser Zeitpunkt ist ja schon besonders willkürlich. Irgendwann in der Geschichte der Menschheit hat jemand gefunden, daß es eine gute Idee wäre, die vergehende Zeit in feste Abschnitte einzuteilen. Irgendwie konnte er die Anderen davon überzeugen, wie toll seine Idee ist. Gute Argumente gab es sicher zuhauf. Beispielsweise vereinfacht es Verabredungen ungemein. Wahrscheinlich waren sich alle schnell einig über das Grandiose dieser Idee. Über die Anzahl der Abschnitte, ihre Bezeichnung, ihren Anfang und ihr Ende konnte dann allerdings im Laufe der Geschichte keine Einigung erzielt werden. So änderte man immer mal wieder den Kalender, aus den unterschiedlichsten Erwägungen. Und auch heute gibt es bei verschiedenen Völkern durchaus verschiedene Kalender. Es gibt sogar Menschen, die nach zwei Kalendern gleichzeitig leben. Kommt man da eigentlich nicht durcheinander?

Wie ich so darüber nachsinne, kommt mir der Gedanke, doch mal im Internet über Kalender nachzuschlagen. Im Bereich „Schlagzeilen“ liefert mir Google gleich einen passenden Artikel der Frankfurter Rundschau: „Zählt, wie es Euch gefällt – Kalender im Wandel der Zeit“. Veröffentlicht vor etwa zwei Stunden. Wie überaus passend. Als hätte ich gefragt.

Daß wir den Jahreswechsel heute feiern, ist also lediglich eine willkürliche Festlegung. Wäre es nicht besser, das im Sommer zu tun? Da wäre es doch viel wärmer. Das müßte doch gerade jene freuen, die sich jetzt am Brandenburger Tor oder anderswo im Freien bei einer der vielfältigen Silvesterparties den Hintern abfrieren. Obwohl, in diesem Jahr geht’s ja noch. Wir haben ja fast frühlingshafte Temperaturen. Dennoch. Silvesterparty im Freien, wo’s kalt ist? Laßt mich kurz nachdenken… Nein.

Und was heißt überhaupt heute? Zwar wird der Gregorianische Kalender heute rund um die Welt in vielen Ländern verwendet und es feiern die Menschen dort Silvester auch am heutigen Tag, aber wegen der Zeitzonen ist das ja relativ. Während wir uns also am Nachmittag des 31. Dezember auf den Jahreswechsel vorbereiten, haben die Australier ihn längst vollzogen. Ob die da auch so sinnlos rumballern wie wir hier? Und wenn alle rund um den Erdball das genau so machen, zieht dann das Silvesterfeuerwerk wie eine riesige La-Ola-Welle um die Welt? Kann man das vom Weltraum aus sehen? Hat das eigentlich schon mal jemand die Kosmo- oder Astronauten auf der ISS gefragt?

Doch ich schweife ab. Weder ist also der Jahreswechsel ein ehernes Datum, noch begehen ihn alle Menschen der Welt zur selben Zeit. Das ist natürlich ein wirklich schöner Grund, nicht auf Bestellung in Feierlaune zu verfallen. Und man kann darüber auch sehr gelehrt und lang dozieren. Vielleicht würde man den einen oder anderen sogar überzeugen.

Doch warum ich heute nicht auf einer Party bin, sondern stattdessen gemütlich in der warmen Stube sitze und bei einem Glas Rotwein und ruhiger Musik über den Jahreswechsel sinniere, das neue Jahr erwarte und mir den einen oder anderen Gedanken durch den Kopf gehen lasse, auf das alte 2017 zurückschaue und überlege, was ich denn im nächsten Jahr so tun oder lassen möchte, hat einfach den einen Grund: ich will es so. Es ist schön. In all dem Trubel und der Hektik, die die heutige Zeit so mit sich bringt, in der man so oft meint, das Heft in der Hand zu halten und dabei gar nicht merkt, daß man tatsächlich nur ein Getriebener ist, tut es gut, einfach mal innezuhalten und nicht dem allgemeinen Trend zu folgen, mich zurückzuziehen, von der Welt um mich herum für ein paar Stunden Abstand zu nehmen und mich ganz auf mich zu konzentrieren. Und dafür ist ein willkürlich festgelegter Jahreswechsel gar nicht mal der schlechteste Zeitpunkt.

In diesem Sinne: Ein gesundes, neues Jahr Euch allen. Laßt es ruhig angehen!

Aufgetafelt: Das Sisaket

Auf Yelp habe ich heute den folgenden Beitrag zum Restaurant Sisaket veröffentlicht:

Der recht unscheinbare schmale Eingang dieses Restaurants in der Dircksenstraße macht es trotz seiner Nähe zum Hackeschen Markt einfach, diese gastronomische Perle zu übersehen. Das wäre jedoch ein außerordentlich bedauerlicher Fehler, wie wir bei unserem Besuch am zweiten Weihnachtsfeiertag selbst feststellen konnten.
Das Ambiente ist außerordentlich angenehm. Tritt man durch den Eingang von der Dircksenstraße herein, findet man sich in einem geräumigen Restaurant wieder, das man von außen so gar nicht erwartet hätte. Obwohl außer uns noch einige Gäste anwesend waren, war die Atmosphäre angenehm ruhig. Im Hintergrund ist leise Musik zu hören, die auf das Ambiente abgestimmt ist und es unterstützt. Kein Gedanke an die nervige Fahrstuhlmusik, die anderswo aus allen Ritzen zu kriechen scheint und die Gehörgänge malträtiert. Die Ausstattung bietet was für’s Auge, angefangen von den beiden Holzelefanten am Eingang über die Bilder an den Wänden und die Lampen, die für ein angenehm gedämpftes Licht sorgen, bis hin zu der Kleidung des Personals – hier hat man sich offensichtlich Gedanken darum gemacht, wie man es dem geschätzten Gast so angenehm wie möglich machen kann.
Und das hört beim Ambiente nicht auf. Das Personal ist freundlich und zuvorkommend, ohne aufdringlich zu sein. Für mich besonders beeindruckend: unsere Bestellung wurde von der Kellnerin aufgenommen, ohne daß sie sich auch nur das Geringste notiert hätte. Jeder von uns hatte etwas anderes bestellt, sowohl beim Essen also auch bei den Getränken. Als sie das Gewünschte brachte, war nicht nur alles korrekt und vollständig, sondern sie wußte auch noch genau, wer was bestellt und zu bekommen hatte. Angesichts der Vielzahl ungelernter und oftmals auch am Gast völlig uninteressierter Hilfskräfte, mit denen man sich anderswo heute oft herumschlagen muß, ist allein das schon ein Grund, dieses Restaurant zu mögen.
Der Hauptgrund dafür ist jedoch das Essen – deswegen besucht man schließlich ein Restaurant. Und das ist hier wirklich exquisit. Auch wenn wir nicht die ganze Karte durchprobiert haben – bei drei verschiedenen Essen inklusive Vor- und Nachspeise haben wir, so glaube ich, eine recht guten und repräsentativen Eindruck von der hier gebotenen Qualität gewinnen können. Die Küche ist thailändisch und außerordentlich vielfältig. Salate, Suppen, Gerichte ohne und mit Fleisch – Huhn, Ente, Rind werden geboten – oder Meeresfrüchten – wer da nichts findet, ißt vermutlich nie. Dabei merkt man schon beim Lesen der umfangreichen Karte, daß es hier wahrhafte Gerichte gibt und kein Bausatzessen, mit dem man durch Kombination der verfügbaren Zutaten verschiedene Gerichte simuliert und die Karte so künstlich aufbläht. Die Auswahl fällt schwer, denn schon das Lesen der Karte macht Appetit auf alles.
Zwischen Bestellung und Erhalt des Gewünschten vergeht einige Zeit. Das ist aber kein Indiz für einen langsamen Koch oder eine unorganisierte Küche, sondern dafür, daß das Essen für jeden Gast frisch zubereitet wird, was einfach seine Zeit braucht, wenn man kein Fertigessen möchte. Und das gibt es hier nicht! Wer das nicht zu schätzen weiß, ist hier falsch.
Für die Wartezeit wird man mit – ich sagte es schon – exquisitem Essen belohnt, das jede gewartete Minute wert ist. Und hier ißt das Auge mit! Für einige Gerichte hat man sich ausgefallene Anrichtungen einfallen lassen. Mein gebratener Reis mit Eierstich, Gemüse, Hähnchenbrustfilet-Stücken und Garnelen schmeckte nicht nur anbetungswürdig gut, er wurde auch in einer frischen, ausgehöhlten Kokosnuß serviert. Daß nur mit frischen Zutaten gekocht wird, versteht sich fast schon von selbst und ist dem Essen unbedingt anzumerken. Fein gewürzt, die Schärfe nuanciert, jede Zutat ist im Essen mit ihrem Eigengeschmack zu erleben. Das ist thailändische Küche auf absolutem Spitzenniveau.
Die Preise sind für die gebotene Qualität moderat, das Essen jeden einzelnen Cent wert.
Wer also Hunger und Lust auf wirklich exquisite thailändische Küche hat, ist in diesem Restaurant bestens aufgehoben. Ich komme auf jeden Fall wieder!

An Kanälen entlang

Wieder stehe ich am Wassertorplatz, doch diesmal auf der anderen Seite des Hochbahnviadukts. Vor mir liegt die vierte Etappe meiner Wanderung auf dem Grünen Hauptweg Nr. 19. Vom Engelbecken hatte mich der Weg auf dem ehemaligen Luisenstädtischen Kanal entlang bis hierher geführt. Und auf eben dem Grünstreifen, den der zugeschüttete Kanal hinterlassen hat, geht es nun weiter.

Am Wassertorplatz
Der Wassertorplatz wird von der Hochbahn durchschnitten. Rechts führt sie weiter die Skalitzer Straße entlang, links die Gitschiner Straße.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Waren die Parkwege kurz vor dem Wassertorplatz zuletzt etwas ungepflegter, so sind sie nun um so eleganter. An einem Spielplatz vorbei führen sie mich an sorgsam gestutztem, saftig grünem Rasen vorbei, der sanft gewellte Hügel bedeckt. Ein winziges Tal zwischen ihnen, das eigentlich nur als Tälchen bezeichnet werden kann, wird von einer filigranen, metallischen Brücke überspannt, die reiner Dekoration dient. Denn weder strömt Wasser unter ihr entlang noch ist der Talboden weiter als einen Meter von ihrem Steg entfernt. Hübsch sieht sie aber aus.

Elisabeth-Hof
Am Erkelenzdamm befindet sich mit dem Elisabeth-Hof einer der größten Industrie- und Gewerbehöfe in Kreuzberg. Hier ein Blick auf die gesamte Fassade des Vorderhauses.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Auf der linken Seite begleitet der Erkelenzdamm den Parkstreifen. Die Hausnummern 59 und 61 gehören zu einem schönen Gebäude, an dem in goldfarbenen Lettern „Elisabeth-Hof“ steht. Zwei Toreinfahrten direkt nebeneinander führen hinein. Weil sie offenstehen, trete ich neugierig hindurch und gelange in einen kleinen sauberen Hof. Ein Brunnen erfüllt ihn mit seinem fröhlichen Plätschern und ist umgeben von üppigem Grün. An seinem Rande sitzt ein kleiner Froschkönig mit seiner goldenen Kugel. Zu den Seitenflügeln führen dunkelbraune Türen, die mit heraldischen Lilien verziert sind und von Supraporten gekrönt werden, die hier als halbkreisförmige Reliefs über dem Türsturz gestaltet sind. Das Quergebäude wird wiederum von zwei nebeneinanderliegenden Durchfahrten durchbrochen. An ihrem Ende liegt ein weiterer Hof, den ich aber nicht erreichen kann, weil die Durchfahrten mit Gittertoren verschlossen sind. Durch sie kann ich nur in ihn hineinblicken. Vor mir liegt der erste von drei Gewerbehöfen, die neben dem Wohnhof, den ich bereits durchschritten habe, zum Ensemble dieses Gebäudekomplexes gehören, der eine der größten Industrie- und Gewerbehofanlagen in Kreuzberg ist.  Die Aufgänge in die Seiten- und Quergebäude sind hier als Portale bezeichnet und durchnumeriert. Über Portal I, das mir genau gegenüberliegt, befindet sich im ersten Stock eine Tafel in der Fassade, die an den Architekten dieser Anlage erinnert: Kurt Berndt. In der zweiten Etage ist eine Uhr in die Hauswand eingelassen, die links und rechts von den Worten „Die Stunde ruft – nütze die Zeit!“ begleitet wird. Da weiß man doch gleich, worum es geht. Hier wird gearbeitet! Müßiggang hat hier keinen Platz! Nun, das sehe ich zumindest für den heutigen Tag völlig anders. Und bevor noch jemand kommt und mich zur Arbeit ruft, verlasse ich lieber den Elisabeth-Hof und gehe zurück in die Parkanlage am Erkelenzdamm.

Am Urbanhafen
Diese Parkanlage ist die Mündung des ehemaligen Luisenstädtischen Kanals in den Landwehrkanal.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Es sind nur noch wenige Schritte auf dem ehemaligen Luisenstädtischen Kanal, da verbreitert sich der Park nach links und rechts, und vor mir schimmert Wasser zwischen den Bäumen und Büschen hindurch. Es ist der vom Landwehrkanal durchflossene Urbanhafen, wo einst der Luisenstädtische Kanal abzweigte. Am gegenüberliegenden Ufer befindet sich ebenfalls eine Grünanlage, die jedoch von einem dunkelgrauen und – man verzeihe mir die abwertende Beurteilung – häßlichen Betonklotz dominiert wird. Das Urbankrankenhaus ist wirklich kein schöner Bau, weswegen ich auch keine weiteren Worte darüber verlieren will und meine Aufmerksamkeit lieber dem Wasserbecken zuwende, an dessen Ufer sich Schwäne tummeln. Auf meiner Seite wird es von einer schönen Uferpromenade mit angeschlossenem Park gesäumt. Mein Weg biegt nun nach rechts ab und folgt ihr am Kanal entlang. Ich passiere malerische Trauerweiden, die ihre Zweige weit über die Wasserfläche hängen lassen. Ich liebe diese Bäume, die immer von einem Hauch Melancholie umgeben zu sein scheinen.

Am Landwehrkanal
Ein Blick von der Baerwaldbrücke auf den Landwehrkanal. Im Hintergrund ist über den Bäumen die Heilig-Kreuz-Kirche zu sehen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Der Park, der hier das Ufer begleitet, ist übrigens der Böcklerpark, der nach Hans Böckler, einem Politiker und Gewerkschaftsfunktionär benannt ist. Ich muß auch nicht lange warten, da begegne ich ihm höchstselbst – allerdings nur in Form einer Büste. Da habe ich schon fast die Prinzenstraße erreicht und damit auch das Ende des Urbanhafens. Der Grüne Hauptweg Nr. 19 wechselt hier das Ufer und überquert den Landwehrkanal über die Baerwaldbrücke. Schnell noch ein letzter Blick zurück auf den Urbanhafen und dann noch einer voraus, der mir den von grünen Ufern gesäumten Kanal präsentiert. Im Hintergrund erhebt sich der Turm der Kreuzberger Heilig-Kreuz-Kirche über den Baumwipfeln.

Hausfassade am Carl-Herz-Ufer
Ein teilzerstörter und modern ergänzter Stuckfries am Haus Carl-Herz-Ufer 25.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Am Carl-Herz-Ufer führt der Weg nun weiter den Kanal entlang. Das Kreuzberg, das ich hier durchwandere, wirkt ruhig und beschaulich. Die Häuser sind ebenso wie die Straßen sehr sauber und gepflegt. Mit dem oft assoziierten alternativen Kreuzberg um Oranienstraße und Kottbusser Tor hat dieses hier gar nichts gemein. Es wirkt vielmehr fast schon bürgerlich. Das unterstreicht auch das Haus, das ich an der Straßenecke Carl-Herz-Ufer / Tempelherrenstraße erreiche. Seine Fassade ist vollkommen instandgesetzt und renoviert und wirkt wie neu. Erst auf den zweiten Blick fällt mir auf, daß die einst reichlich vorhandenen Stuck- und Fassadenelemente nicht mehr alle vorhanden sind. Hier fehlt eine Fensterbekrönung, dort ein Stück der Rahmendekoration, und da ist nur noch ein halbes Stuckrelief vorhanden. Diese fragmentierte Fassade übt einen ganz eigenen Reiz aus, so wie antike Reste, gefunden bei einer Ausgrabung. Direkt unter dem Dach befindet sich die einzige Ausnahme. Den nur noch teilweise vorhandenen Stuckfries hat man mit Malereien ergänzt. Nun tummeln sich hier merkwürdig eckige Figuren, die ihren ganz eigenen Tanz aufzuführen scheinen.

Altes Zollhaus
Das alte Zollhaus am Landwehrkanal.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Nur wenige Meter weiter meine ich dann plötzlich, mich irgendwo auf dem Lande zu befinden. Direkt am Ufer des Landwehrkanals steht inmitten hoher Bäume ein Fachwerkhaus. Auch wenn es sich älter macht als es ist – das Alte Zollhaus wurde erst 1901 als Depot für die Berliner Stadtreinigung erbaut und später als Kontrollstelle der Berliner Dampfschiffahrt genutzt -, so ist es doch ein sehr schöner und idyllischer Ort, was das darin heute beheimatete Restaurant nach Kräften unterstützt.

Immer weiter am Kanalufer entlang führt der Weg durch das Grün, bis die nebenherlaufende Brachvogelstraße – benannt nach dem Schriftsteller Albert Emil Brachvogel, dessen bekanntestes Werk der biografische Roman über Friedemann Bach ist – unvermittelt in einem Wendekreis endet. Der Weg führt ein paar Stufen hinauf durch ein Hecke – und ich stehe plötzlich am Rand einer vom Verkehr durchtosten Straße. Diese überquert über eine Brücke den Kanal, auf dessen anderer Seite sich ihm die Hochbahntrasse nähert, auf der quietschend eine U-Bahn vorbeirumpelt. Es hupt, es dröhnt, es brummt allerorten. Nach dem grünen Idyll am Kanalufer ist die Kreuzung aus Zossener und Lindenstraße mit der Gitschiner Straße ein kleiner Kulturschock.

An der naheliegenden Ampel geht es zuerst über die Zossener Straße und dann über die Waterloo-Ufer genannte Verkehrsader, so daß ich schnell wieder am Kanal stehe. Von hier aus offenbart ein Blick zurück wieder den Turm der Heilig-Kreuz-Kirche, die nun ganz nahe ist.

Hallesches-Tor-Brücke
Die Allegorie „Fischfang“ an der Hallesches-Tor-Brücke.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Zwischen Kanal und Straße wandere ich weiter bis zur nächsten Brücke. Diese trägt heute den Namen Hallesches-Tor-Brücke, war früher jedoch unter dem Namen Belle-Alliance-Brücke bekannt. Während eines kurzen Intermezzos von 1953 und 1974 führte sie auch den Namen Mehringbrücke. Zwei Skulpturen zieren das Ende des Kanalübergangs am Waterloo-Ufer, auf jeder Seite eine. Sie gehörten einst zu einem Figurenensemble von insgesamt vier Allegorien: der Flußschiffahrt, dem Fischfang, dem Gewerbefleiß und dem Fruchthandel. Nachdem zwei der Skulpturen dem Hochbahnbau weichen mußten und in der Folgezeit nach mehreren Umzügen verlorengingen, sind heute nur noch der Fischfang und die Flußschiffahrt hier zu betrachten.

Ein kurzer Abstecher zum nahegelegenen Mehringplatz, der einst der Belle-Alliance-Platz war, führt mich zu einer weiteren steinernen Figur. Sie wurde vom Bildhauer Albert Wolff geschaffen und trägt den Namen „Der Friede“, was der Palmzweig, den sie in der Hand hält, deutlich werden läßt. Die ihr zur Seite gestellte „Geschichtsschreibung“ ist gerade nicht zu sehen, denn sie umgibt ein blickdicht verplantes Baugerüst. Da sie auf diese Weise selbst auch nichts sehen kann, wird ihr Geschichtsbuch wohl einige Lücken aufweisen.

Am Mehringplatz
Die Friedenssäule von Christian Gottlieb Cantian auf dem Mehringplatz.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Dominiert wird der runde Platz jedoch von einer anderen Skulptur: der Viktoria, die in seinem Zentrum auf einer hohen Säule den Siegerkranz in die Höhe hält. Diese Friedenssäule wurde von Christian Gottlieb Cantian entworfen. Ganze 19 Meter ist sie hoch, was der obenstehenden, von Christian Daniel Rauch geschaffenen Viktoria einen schönen Rundblick über die Stadt verschaffen dürfte.

Auf dem Rückweg zum Landwehrkanal fällt der Eingang zum U-Bahnhof ins Auge, an dem in großen Lettern „BAHNHOF HALLESCHES TOR“ steht. Man muß jedoch nicht unter ihnen durch-, sondern den längeren Weg an ihnen vorbei gehen, um den Bahnhof zu erreichen. Weil es vermutlich deshalb immer einige Leute ziemlich eilig haben, die Straße zu überqueren – notfalls auch bei Rot anzeigender Ampel -, muß man als müßiger Stadtwanderer aufpassen, von ihnen nicht umgerannt zu werden.

Altes Postamt SW 61
Das Altes Postamt SW 61 am Tempelhofer Ufer 1. Es wurde vom Architekten und Postbaurat Hermann Struve entworfen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Über die Hallesches-Tor-Brücke geht es zurück auf die andere Kanalseite und dann an diesem weiter in die vorherige Richtung. Die Straße trägt jetzt den Namen Tempelhofer Ufer. Ich bin nur wenige Meter gegangen, da fällt mir auf der anderen Straßenseite ein roter Ziegelbau ins Auge. Das alte Postamt SW 61 erinnert an den gotischen Baustil, ist aber viel jünger, denn es stammt vom Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Heute trägt es den Namen „Hallesches Haus“.

Ich überquere den Mehringdamm, der auf der anderen Kanalseite in die Wilhelmstraße übergeht, und wandere weiter – rechts von mir der Kanal, links die Straße. Dieser Abschnitt des Grünen Hauptwegs Nr. 19 ist wegen des vorbeibrausenden Verkehrs nicht mehr so idyllisch. Die Wegmarkierungen sind sich hier nicht so recht einig, wo der Weg nun eigentlich entlangführt, denn es gibt sie auf beiden Seiten des Landwehrkanals. Ich habe also die Wahl zwischen dem Tempelhofer oder dem Halleschen Ufer. Letzteres lockt mit einem von Büschen gesäumten Weg am Kanal, der direkt unter dem Hochbahnviadukt entlangführt, doch ich entscheide mich dennoch für das Tempelhofer Ufer. Als Berliner Stadtkind schreckt mich die Straße nicht, und diese Seite hat einiges mehr zu bieten, was sich anzusehen lohnt, auch wenn man es nur auf den zweiten oder gar dritten Blick entdeckt.

Hof Tempelhofer Ufer 10
Dieses kleine Relief befindet sich an Eingang eines Gebäudes im zweiten Hinterhof Tempelhofer Ufer 10.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Um diesen zweiten oder dritten Blick riskieren zu können, muß man allerdings hin und wieder die Straße überqueren und einen Abstecher in manch offenstehende Toreinfahrt wagen. So entdecke ich in Hausnummer 10 einen eigentlich recht unspektakulären zweiten Hinterhof. Ein hoher Ziegelschornstein und ein Flachbau zwischen den umgebenden Häusern, wie er einer Werkstatt oder einer kleinen Manufaktur als Domizil dienen könnte – mehr scheint hier nicht zu sehen zu sein. Doch selbst hier hat man früher nicht auf schmückendes Beiwerk verzichtet. Der Eingang zu einem der Hinterhofhäuser ist über seiner Tür mit einem kleinen Relief verziert, das altes Handwerk darstellt.

Hector-Peterson-Schule
Blick in den Hof der Hector-Peterson-Schule am Tempelhofer Ufer 15.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Ein paar Hausnummern weiter – diesmal ist es Tempelhofer Ufer 15 – führt ein unscheinbarer Toreingang auf den großen Hof der Hector-Peterson-Schule. Der Namensgeber – eigentlich Hector Pieterson – war ein südafrikanischer Schüler, der im Alter von 12 Jahren während des Soweto-Aufstandes 1976 erschossen wurde. Als ich aus der Toreinfahrt heraustrete, erblicke ich vor und rechts von mir einen großen Bau, der irgendwie auf den ersten Blick als Schulbau erkennbar ist. Der Hof ist auf der linken Seite von hohen Bäumen bestanden, und auch in seiner Mitte grünt und blüht es. Dazwischen sind beim Bummel hindurch zahlreiche kleine und große Kunstwerke zu entdecken. Über den Eingangstüren zum Schulgebäude hat man kleine, runde, steinerne, an Medaillons erinnernde Plaketten angebracht, die Kinderfiguren zeigen. Alles in allem ein sehr verträumt wirkender Ort, der an Schultagen sicher einen anderen, weitaus lebhafteren Eindruck vermittelt.

Als ich ein Stück weiter den U-Bahnhof Möckernbrücke erreiche, fällt mir das Haus Tempelhofer Ufer 20 – wieder ein Bau mit schöner Ziegelfassade – auf. Die Fenster in der mir zugewandten Seitenwand des Hauses erkenne ich erst auf den zweiten Blick als aufgemalt. Sie scheinen sich auf einem Vorhang zu befinden, der die halbe Hauswand bedeckt und gerade herübergezogen wird. Die andere Hälfte gibt einen vom Vorhang teilweise noch verdeckten, ebenfalls gemalten Baum zur Ansicht frei. Dieses 1981 von Irene Niepel geschaffene Wandbild ist ein schönes Kunstwerk mitten im städtischen Raum. Leider ist es am unteren Ende von den Händen geistloser Narren mit stumpfsinnigen Graffiti beschmiert worden.

Anhalter Brücke
Blick auf die Anhalter Brücke über den Landwehrkanal mit dem sie überspannenden Hochbahnviadukt.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Weiter führt der Grüne Hauptweg Nr. 19 am Landwehrkanal entlang und erreicht schließlich die Anhalter Brücke. Einst befand sich an dieser Stelle eine Brücke der Berlin-Anhaltinischen Eisenbahn, über die die Zufahrtstrecke zum alten Anhalter Bahnhof führte. Die heutige Fußgängerbrücke, an der die Schriftzüge „BERLIN“ und „ANHALT“ an die alte Eisenbahnstrecke erinnern, wurde 2001 fertiggestellt. Das Viadukt der Hochbahn, das hier den Landwehrkanal verläßt, überquert an dieser Stelle Kanal und Anhalter Brücke gleichzeitig, was einen imposanten Anblick bietet.

BVG-Haus am Tempelhofer Ufer
Das BVG-Haus am Tempelhofer Ufer. Es ist so gestaltet, daß es so aussieht, als würde die Hochbahn direkt in das Haus hineinführen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Mein Weg führt nun am Deutschen Technikmuseum vorbei, was mir Gelegenheit gibt, den über dem Gebäude schwebenden Rosinenbomber zu bestaunen. Ich mache mir im Geiste eine Notiz, diesem Museum auch bald mal wieder einen Besuch abzustatten. Mit dem Kanal unterquere ich das Hochbahnviadukt, das hier direkt auf das BVG-Haus am Tempelhofer Ufer zuführt. Bis zum Zweiten Weltkrieg ist die U-Bahn hier wirklich durch ein Haus hindurchgefahren. Dann wurde es jedoch zerstört. Der heutige Neubau erinnert mit dem über der Strecke schwebenden BVG-Logo nur noch vage daran.

Nachdem die Hochbahn vom Kanal verschwunden ist, wird er nun beidseitig von Bäumen gesäumt, was ihm gleich ein viel grüneres Antlitz verleiht, obwohl ihn immer noch Straßen begleiten. Die auf meiner Seite wechselt alsbald ihren Namen in Schöneberger Ufer. Auf der anderen Seite ist ein alter Ziegelbau mit einem langen Schornstein zu sehen. Dieses alte Pumpwerk am Halleschen Ufer steht unter Denkmalschutz. Es diente von 1978 an als Lapidarium, in dem alte steinerne Denk- und Standmale bewahrt wurden, ist aber seit 2010 geschlossen und öffentlich nicht mehr zugänglich.

Dienstgebäude der Königlichen Eisenbahndirektion Berlin
Der Mittelbau der Hauptfassade des ehemaligen Dienstgebäudes der Königlichen Eisenbahndirektion Berlin am Schöneberger Ufer 1.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Auf meiner Seite des Kanals passiere ich derweil einen prachtvollen Klinkerbau mit zwei runden Ecktürmen. Dieses ehemalige Dienstgebäude der Königlichen Eisenbahndirektion Berlin, das Ende des 19. Jahrhunderts errichtet wurde, beherbergt heute die Bundespolizei. An seine Eisenbahnzeit erinnert noch das Flügelrad über dem Haupteingang im Mittelbau.

Nur wenige Schritte weiter unterquere ich schon wieder ein Hochbahnviadukt. Hier überquert die U-Bahnlinie U2 den Kanal und strebt linker Hand dem Gleisdreieck entgegen. Den Eingang zum Park am Gleisdreieck passiere ich hinter dem architektonisch wenig ansprechenden Parkhaus, dessen Einfahrt überdimensionierte steinerne Rosen zieren, die beweisen, daß übermäßige Vergrößerung auch wunderschöne Dinge in Monstrositäten verwandeln kann.

Park am Karlsbad
Im Park am Karlsbad zwischen den Straßen Am Karlsbad und Schöneberger Ufer.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Gegenüber ragen hinter dem Landwehrkanal die Bauten der ehemaligen Daimler-City auf, die bis zum Potsdamer Platz reichen. Der Grüne Hauptweg Nr. 19 wendet sich jedoch von ihnen ab und führt in den kleinen Park am Karlsbad hinein, eine mir sehr willkommene grüne Oase nach dem langen Marsch direkt an der Straße. Im 19. Jahrhundert befand sich hier ein Kurbad, das den Namen „Auf dem Karlsbade“ trug. Später errichtete man hier Wohnhäuser, die jedoch im Zweiten Weltkrieg ihr Ende fanden. 1950 entstand dann der Park, den ich, nachdem ich die als „Schreitender“ bezeichnete Skulptur von Hans Haffenrichter passiert habe, wieder verlasse.

Hier kreuzt der Landwehrkanal die Potsdamer Straße, die ich nun überquere. Auf dem Mittelstreifen nehme ich mir kurz die Zeit, das von Gerhard Rommel geschaffene Denkmal für den „Eisernen Gustav“ zu betrachten. Ein Blick in die andere Richtung präsentiert mir die Staatsbibliothek zu Berlin und das Kulturforum. Das markante Dach des Sony-Centers grüßt herüber. Am Kanal steigt der Weg eine steile Treppe hinab, an deren Fuß er dann eher an einen Trampelpfad erinnert. Das ist jedoch nur kurz der Fall, denn schon nähert sich von links wieder die Straße und der Pfad wird breiter. Unter Bäumen geht es nun am Ufer weiter.

Reichsversicherungsamt
Das von August Busse entworfene Gebäude am Reichpietschufer am Landwehrkanal war einst der Sitz des Reichsversicherungsamtes.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Auf der anderen Seite trägt die Straße mittlerweile den Namen Reichpietschufer, und dort kommt jetzt das von August Busse entworfene Gebäude in Sicht, das einst der Sitz des Reichsversicherungsamtes war. Ende des 19. Jahrhunderts wurde es errichtet und hat die Zeiten und zwei Weltkriege überstanden. Der sogenannten modernen Überformung durch den britischen Architekten James Stirling, die lediglich die kanalseitige Fassade übrigließ, hatte es dann jedoch nichts mehr entgegenzusetzen. Heute ist hier das Wissenschaftszentrum Berlin untergebracht.

Am Schöneberger Ufer, an dem ich immer noch entlangwandere, passiere ich einen Hauseingang, an dem eine Berliner Gedenktafel an den Kunsthändler Ferdinand Möller erinnert, der hier einst seine Galerie hatte und, obwohl von den Faschisten mit der Verwertung der im Rahmen der Verfolgungsaktion „Entartete Kunst“ beschlagnahmten Kunstwerke beauftragt, viele von ihnen vor der Vernichtung bewahrte.

Hinter der Bendlerbrücke rückt nun auf der gegenüberliegenden Kanalseite das gleichnamige Gebäude ins Blickfeld – der Bendlerblock. Er diente einst dem Reichsmarineamt als Sitz und beherbergt heute das Bundesministerium für Verteidigung. Bekannt ist er auch, weil sich hier die Gedenkstätte Deutscher Widerstand befindet.

Hiroshimasteg
Der Hiroshimasteg führt über den Landwehrkanal.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Die nächste Brücke ist ein kleiner Steg, der Fußgängern vorbehalten ist und den Namen Hiroshimasteg trägt. Der Grüne Hauptweg Nr. 19 überquert auf ihm den Landwehrkanal und führt dann auf dem Herkulesweg durch einen kleinen Parkstreifen. Hier in der Galandrellianlage bemerke ich auf einer Wiese einen etwa mittelgroßen Hund, der jedoch schon von weitem etwas merkwürdig anmutet. Als ich näherkomme, erkenne ich den Grund – ich habe etwas vor mir, was man in Berlin nicht alle Tage sieht: ein Schwein. Sein Besitzer führt es aus wie einen der bellenden Vierbeiner, die man sonst in Berlins Grünanlagen anzutreffen gewohnt ist. Man könnte also sagen, es handelt sich um einen echten Schweinehund.

Am Ende des Parkstreifens trifft der Weg auf eine Mauer, an der er nun entlangführt. Hinter ihr steht ein weißer villenartiger Bau, den ich genauer betrachten kann, als ich ihn passiert habe. Die Villa von der Heydt ist eine der ältesten und heute die einzige erhaltene freistehende Villa, die von der einstigen Villenbebauung des großen Tiergartenviertels aus dem 19. Jahrhundert noch erhalten ist. Direkt an sie an schließt sich das Bauhaus-Archiv, ein Museum, das Arbeiten, Dokumente und Literatur, die in Zusammenhang mit dem Bauhaus stehen, sammelt und präsentiert.

Am Landwehrkanal
Blick von der Corneliusbrücke auf den Landwehrkanal in Richtung des Tiergartens.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Die Corneliusstraße, auf der es nun weitergeht, gibt mir mit ihrem Namen schon einen Hinweis. Und richtig, an der nächsten Brücke habe ich ihn erreicht – den Endpunkt meiner Wanderung. Ich bin dort angekommen, wo ich vor vier Etappen begonnen habe: an der Corneliusbrücke. Der Rundkurs des Grünen Hauptwegs Nr. 19 ist vollendet – ein Rundkurs um Berlins Zentrum, auf grünen Wegen und doch mitten in der Stadt. Schön war’s.

A good traveller has no fixed plans and is not intent on arriving. (Lao Tzu)

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