Die Stadt der Victoria

Dieser Beitrag ist Teil 5 von 6 der Beitragsserie "Reise nach Neuseeland & Singapur"

Als wir am Ferry Building ankommen, fällt mir etwas auf, was mir bei unserem gestrigen Besuch hier entgangen war: das Gebäude ist streng symmetrisch gestaltet. Der Uhrenturm befindet sich genau in der Mitte und wird von der Gebäudefassade aufgenommen und als Mittelrisalit mit einer einzigen Fensterachse bis zum Boden geführt. Zu beiden Seiten schließen sich jeweils fünf Fensterachsen an, deren zwei mittlere wiederum als Risaliten ausgeführt sind. Während der mittlere oben durch einen dreieckigen Giebel abgeschlossen wird, weisen die beiden seitlichen Risaliten an ihrem oberen Ende Rundbögen auf, die im Erdgeschoß in großen Torbögen ihre Entsprechung finden. Bei diesen wird dann die Symmetrie allerdings durchbrochen. Während der linke dieser Torbögen den Eingang zu dem Restaurant „Botswana Butchery“ bildet, das mir bereits am Vortag durch seine martialischen Türgriffe in Form von Fleischerbeilen aufgefallen war, gewährt der rechte einem öffentlichen Weg Durchlaß, der zu den hinter dem Ferry Building liegenden Fährterminals führt. Diesen Weg nehmen nun auch wir, denn wir wollen eine der Fähren besteigen. Angeregt durch unsere aus der luftigen Höhe des Sky Towers angestellten Betrachtungen der rund um den Waitematā Harbour ausgedehnten Stadt haben wir uns kurzerhand dazu entschlossen, den restlichen Nachmittag für einen Ausflug nach Devonport zu nutzen, einem Ortsteil Aucklands, der auf der gegenüberliegenden Seite des großen Naturhafens liegt.

Damit man uns an Bord der Fähre läßt, müssen wir zunächst Tickets erwerben. Das ist am Fahrkartenschalter schnell erledigt, wobei wir allerdings daran denken müssen, sie für die Rückfahrt gleich mitzukaufen, denn wir wollen ja nachher auch wieder zurück und haben keine Ahnung, wie lange die Ticketausgabe an unserem Ziel geöffnet hat, ob es dort Ticketautomaten gibt und ob diese funktionieren. Sicher ist also sicher. Anschließend begeben wir uns zum Pier, an dem die Fähren nach Devonport abgehen. Lange müssen wir nicht warten, denn der Fahrplan sieht jede halbe Stunde eine Fahrt vor. Offenbar ist Devonport ein beliebtes Ziel.

Tatsächlich ist die Fähre einigermaßen gut ausgelastet, allerdings auch nicht so sehr, daß wir Schwierigkeiten hätten, einen Platz zu finden. Wir sind allerdings gar nicht so sehr daran interessiert, uns zu setzen. Wir begeben uns stattdessen sofort zum hinteren Ende des Schiffes, wo wir auf dessen Deck im Freien stehen können und eine wunderbare Aussicht haben, die sich allerdings im Augenblick noch auf das Ferry Building beschränkt, da wir ja noch nicht abgelegt haben. Das Schiff ist eine reine Personenfähre, nicht gerade klein, aber auch nicht übermäßig groß. Es besitzt drei Decks, deren zwei den Passagieren zur Verfügung stehen, während das dritte – obere – nur den Führerstand beherbergt. Betrieben wird unsere Fähre von Fullers Ferry, einem Unternehmen, das den Nahverkehr zu Wasser in Auckland fest in der Hand zu haben scheint, denn soweit ich sehen kann, tragen alle Fähren hier seinen Namenszug. Was Schiffstypen angeht, habe ich nur ausgesprochen rudimentäre Kenntnisse. Sie reichen jedoch soweit aus, um festzustellen, daß unsere Fähre ein Katamaran ist. Zu erfahren, daß er auf den Namen „Kea“ hört, erfordert hingegen kein besonderes Vorwissen. Dafür muß ich nur lesen können, denn der Name steht am Heck. Oder zumindest an dem, was ich für das Heck halte. Denn wie ich später herausfinden werde, ist unser Schiff der Länge nach symmetrisch gebaut, was es ihm ermöglicht, in beide Richtungen gefahren werden zu können, ohne wenden zu müssen. Das spart enorm Zeit und erlaubt es, den halbstündigen Fährbetrieb zwischen dem Fährterminal und Devonport nur mit diesem einen Schiff zu bewerkstelligen. Die Überfahrt selbst dauert nämlich nicht einmal eine Viertelstunde. Der Name „Kea“ ist im übrigen ganz passend für ein Schiff, das in den Gewässern Aucklands verkehrt, denn der Kea ist ein in Neuseeland beheimateter Vogel, der vorwiegend in alpinen Regionen lebt und daher gelegentlich auch als Bergpapagei bezeichnet wird. Leider ist er – wie so viele andere Tierarten auf der Welt auch – vom Aussterben bedroht.

Das Ferry Building am Fährterminal in Aucklands Innenstadt
Auch von seiner „Seeseite“ bietet das Ferry Building einen wunderschönen Anblick, wie man vom Heck einer gerade ablegenden Fähre sehen kann.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Nun, da ich also den Namen des Schiffseigners ebenso kenne wie den des Schiffs, steht aus meiner Sicht der Fahrt nichts mehr im Wege. Der Steuermann sieht das offenbar genauso, denn just in diesem Augenblick geht es los und unser Schiff legt ab. Solange wir uns noch in den Gewässern des Fährterminals befinden, bewegen wir uns recht gemächlich. Das läßt mir genug Zeit, nacheinander mehrere Fotos in Richtung der Innenstadt Aucklands zu schießen, die sich langsam von uns entfernt – oder wir uns von hier, je nachdem, welche Perspektive man einnimmt. Während das Ferry Building nach und nach kleiner wird, weitet sich unser Blickfeld und wir können nun auch die Hochhäuser sehen, die unmittelbar hinter ihm stehen. Kurz darauf kommen links und rechts weitere hinzu. Stück für Stück formt sich so, je weiter wir uns entfernen, eine Skyline der Central Business District genannten Innenstadt. Und gerade als hinter den Hochhäusern der sie überragende Sky Tower zum Vorschein kommt und die Skyline vervollständigt, sind wir offenbar weit genug in den Waitematā Harbour hinausgefahren, um nun richtig Fahrt aufnehmen zu können. Unser Schiff beschleunigt, und jetzt geht es zügig vorwärts in Richtung Osten, während wir eine breite Spur aufgewühlten Wassers hinter uns herziehen, von der sich mit weißem Schaum gekrönte Wellen keilförmig nach links und rechts entfernen. Das Ganze hat gerade einmal vier oder fünf Minuten gedauert, und wir haben nun ein atemberaubendes Stadtpanorama vor unseren Augen. Auf die Anlagen des Frachthafens mit den großen Hafenkränen und den Lagerhallen ganz links folgt die Skyline der Innenstadt, dominiert von Wolkenkratzern, die den schlanken, eleganten und sie alle überragenden Sky Tower in ihre Mitte genommen haben. Dort, wo die Hochhäuser enden, schließt sich das Wynyard Quarter an, hinter dem die Auckland Harbour Bridge emporsteigt, um – nun schon in weiter Entfernung zu uns – den Waitematā Harbour zu überspannen. Rechts, wo die Brücke schließlich wieder Land erreicht, sehen wir die grünen Ufer von North Shore City. Vor all dem dehnt sich die weite, blau-grüne Wasserfläche des großen Naturhafens, und darüber wölbt sich ein strahlend blauer Himmel, an dem nur ganz vereinzelt ein paar weiße Wölkchen zu sehen sind. Wie hingetupft sehen sie aus. Wir stehen an dem Ende des Schiffs, das aufgrund unserer aktuellen Fahrtrichtung gerade das Heck abgibt, und blicken andächtig auf dieses prächtige Panorama, das sich da vor unseren Augen förmlich entrollt hat.

Auckland-Panorama, vom Waitematā Harbour gesehen
Von den Wassern des Waitematā Harbours bietet sich dieses wahrlich beeindruckende Panorama Aucklands, das mit dem Sydneys durchaus vergleichbar ist.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Schiffe verkehren zwischen Auckland – beziehungsweise der heutigen Innenstadt von Auckland – und Devonport schon seit dem Jahr 1840. Anfangs waren es einfache Segelkutter, offen und ohne jeglichen Komfort, die von einheimischen Seeleuten gesteuert wurden. Zwanzig Jahre später hielt die Technik Einzug und die Segelschiffe wurden von Schaufelraddampfern abgelöst.  Mehr als vierzig Jahre darauf, im Jahre 1904, stellte man dann Fähren mit Schiffsschraubenantrieb in Dienst. Mit dem Aufkommen des Autos als Verkehrsmittel erweiterten die Fährenbetreiber ihr Transportangebot auch auf die neuartigen fahrbaren Untersätze. So blieb es bis zum Jahr 1959. Mit der Eröffnung der Auckland Harbour Bridge wurden die Fähren zur Beförderung von Fahrzeugen als überflüssig angesehen und man stellte ihren Betrieb ein. Auch den Betrieb der Passagierfähren reduzierte man drastisch, einige Linien wurden ganz aufgegeben. Doch totzukriegen war der Fährbetrieb nicht. Denn trotz der neuen Brücke blieb die Verbindung zwischen nördlicher und südlicher Seite des Waitematā Harbours für einige Bereiche der sich ausdehnenden Städte Auckland und North Shore City ausgesprochen umständlich und zeitintensiv. Und das verstärkte sich noch, weil sich die Brücke schnell zu einem verkehrstechnischen Nadelöhr entwickelte. So behielt man einige Fährverbindungen bei, die allerdings weniger Fahrten anboten als bisher und auch keine Autos mehr transportierten. Und so verkehren heute zwischen der Innenstadt Aucklands und Devonport nur noch Personenschiffe.

Und dann sind die nicht einmal fünfzehn Minuten, die unsere Fahrt dauert, auch schon wieder fast um. Wir werden langsamer und legen kurz darauf am Fährterminal in Devonport an, dem sogenannten Devonport Wharf. Dieser lehnt sich an den benachbarten Victoria Wharf an, der einst die Anlegestelle für die Autofähren war. Beide Piere sind so angeordnet, daß sie gemeinsam ein großes F bilden. Weil aber beide auch ihren eigenen Zugang zum Festland haben, sieht dieses F so aus, als habe es noch eine Stütze, die es am Umfallen hindert[1]Auf Google Maps kann man sich das sehr schön ansehen..

Als wir das Schiff verlassen haben und über den Pier an Land gegangen sind, finden wir uns auf einem großen Parkplatz wieder. Und weil der nicht sonderlich attraktiv ist, verlassen wir ihn schnell. Rechts liegt eine kleine Grünanlage, die mit ihrer Rasenfläche, vor der einige alte Bäume stehen, wesentlich ansehnlicher wirkt, so daß wir auf sie zugehen. Als wir sie erreicht und damit den Parkplatz, dem man den Namen Marina Square verpaßt hat, hinter uns gelassen haben, bietet sich uns bereits ein ganz anderes, wesentlich verlockenderes Bild. Unmittelbar vor uns beschreibt eine Straße, parallel zum Ufer aus westlicher Richtung kommend, eine Kurve und führt in nördlicher Richtung direkt in den Ort hinein. An der Ecke, um die sie herumführt, steht ein Gebäude, das, seiner äußeren Erscheinung nach zu urteilen, direkt aus einem Seebad stammen könnte. Seine beigefarbene Fassade mit in Ockertönen abgesetzten Kanten, Pilastern und Fenstereinfassungen beschreibt eine ebensolche Kurve wie die Straße vor ihm, wobei sie allerdings nicht perfekt rund, sondern vorn abgeflacht ist, so daß sich eine Hauptfront ergibt, die direkt auf die Straßenecke hinausgeht. Bekrönt mit einem oben abgerundeten, von zwei kleinen Ziertürmchen flankierten Scheingiebel, in dessen Mitte ein tiefblaues Schild mit der weißen Aufschrift „The Esplanade Hotel“ prangt, bietet sie Besuchern im Erdgeschoß den Haupteingang des Gebäudes dar. Und damit diesen der Zweck des Hauses auch keinesfalls entgeht, ist der Zugang mit einer ebenso tiefblauen Markise versehen, auf deren Blende der Name des Hotels in großen weißen Lettern wiederholt wird.

The Esplanade Hotel in Devonport
Direkt vom Fähranleger in Devonport kommend, wird man als erstes vom Esplanade-Hotel begrüßt, einem mehr als einhundert Jahre alten Seehotel.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Dieses Esplanade-Hotel sieht nicht nur so aus, es ist tatsächlich ein typisches Seehotel aus der Zeit des Übergangs vom 19. zum 20. Jahrhundert. Vor seiner Errichtung hatte es mit dem alten Flagstaff Hotel bereits ein solches Etablissement gegeben, das im Jahr 1900 seinen Besitzer wechselte. Die lokale Firma Northern Property Limited, die es erwarb, hatte allerdings kein Interesse daran, es weiterzubetreiben. Da sie vielmehr Pläne für einen Neubau im Stile der aus den englischen Küstenstädten Brighton und Blackpool bekannten Kurhotels hatte, ließ sie es kurzerhand abreißen. 1901 begann man mit dem Neubau, zwei Jahre später war er fertiggestellt. Dem neu errichteten Hotel gab man ganz folgerichtig den Namen des damals bekanntesten Kurhotels im englischen Brighton: The Esplanade Hotel. Schnell entwickelte sich das Etablissement, da es gut geführt wurde, zu einem beliebten Hotel im damaligen Seebad Devonport. Es wechselte im Laufe der Zeit mehrfach den Besitzer, blieb aber stets als Hotel erhalten – bis zum heutigen Tag, an dem wir nun davorstehen und es betrachten.

Wir setzen unseren Weg in die kleine Grünanlage fort, die den Namen Windsor Reserve trägt. Unser Ziel ist der kleine Sandstrand, der sich direkt an den Park anschließt. Es ist der erste, den wir seit unserer Ankunft in Auckland finden. Dort angekommen, werfen wir nicht nur einen andächtigen Blick hinaus auf die weite Fläche des Waitematā Harbour und das jenseitige Ufer, sondern nutzen auch die Gelegenheit, endlich einmal wenigstens die Füße ins Wasser zu halten. Wenn man schon einmal am Pazifik steht… Der Vollständigkeit halber sei berichtet, daß es recht kalt ist – baden wollen wir also nicht nur wegen fehlender Badesachen lieber nicht. Obwohl das ohne weiteres möglich gewesen wäre, denn wir sind heute die einzigen Menschen hier. So werden wir bei unserem Tun lediglich von einer Schar Möwen beobachtet, die die beiden Besucher, die da so einfach über ihren Strand laufen, argwöhnisch beäugen.

Leider schenken wir in unserem Bestreben, den Strand zu erreichen, der kleinen Grünanlage kaum nennenswerte Beachtung. Nun, außer der bereits erwähnten Rasenfläche und den Bäumen, einem Spielplatz und einer öffentlichen Toilette hat sie dem Auge auch nicht sonderlich viel zu bieten. Meinen wir jedenfalls. So entgeht uns allerdings ein Detail, von dem ich leider erst später erfahre, das ich aber gerne gesehen hätte. Denn irgendwo im Boden dieses überschaubar großen Parks ist eine kleine Tafel eingelassen, die folgende einfache Inschrift trägt:

On this site in 1897 nothing happened.

Die Übersetzung lautet:

An dieser Stelle ist 1897 nichts passiert.

Es heißt, diese Tafel sei eines Nachts unverhofft hier aufgetaucht, also – wohl heimlich – angebracht worden. Sie sei ein Beweis für den Humor des in Devonport geborenen Terry Sheehan, der wohl für sie verantwortlich zeichnete. Sheehan, der sich einst scherzhaft zum „König von Devonport“ in der „Republik des Flaggenmasts“ erklärt hatte, war allerdings nicht einfach nur ein Witzbold.  2013 neunundsiebzigjährig verstorben, ist Sheehan bis zum heutigen Tage für seine Wohltätigkeit und sein Engagement in den Bereichen Verlagswesen, Werbung und Rugby ebenso bekannt wie für sein Talent zum Witzeerzählen. Die Tafel, sagt man, sei somit auch ein Denkmal für ihn und seinen Humor. Und dieser ist in diesem Zusammenhang durchaus hintergründig, denn der Erinnerungstext auf der Tafel, der zunächst einmal vollständig der Wahrheit entspricht, bezieht sich mit der Jahresangabe 1897 ziemlich sicher auf die Furcht der damaligen Neuseeländer vor einer Invasion der russischen Pazifikflotte, die zur Absicherung gegen den erwarteten Angriff in der Gegend um Auckland Waffen aufstellten und militärische Einrichtungen etablierten. Wir waren bereits im Albert Park darauf gestoßen, doch auch in Devonport, das schon damals ein Marinestützpunkt war, hatte man entsprechende Vorkehrungen getroffen. Passiert war dann allerdings, wie es auch die Erinnerungstafel feststellt, nichts. Wie sagt man so schön: genau mein Humor!

Die Geschichte des kleinen Devonports beginnt bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, was es zu einem der ältesten Vororte Aucklands macht. Bereits um etwa 1840 war das Gebiet der Stadt besiedelt worden, wobei man bei dieser Jahresangabe nur die Landnahme durch eingewanderte Europäer berücksichtigt. Māori-Siedlungen hatte es auf der Halbinsel, auf der Devonport sich befindet, bereits lange vorher gegeben. Zunächst gab man dem Ort den Namen Flagstaff, was auf Deutsch Flaggenmast bedeutet. Tatsächlich war zu jener Zeit auf dem nahegelegenen Berg ein solcher aufgestellt worden, der der Kommunikation mit den Schiffen im Waitematā Harbour diente. Folgerichtig nannte man den Berg zunächst einfach Flagstaff Hill, gab ihm aber noch in den 1840ern den neuen Namen Mount Victoria, zu Ehren der seit 1837 regierenden englischen Königin. 1859 benannte man dann auch den Ort um, wobei man die gleichnamige englische Stadt als Namenspatron wählte. Der erwähnte Marinestützpunkt war bereits in den Anfangstagen der Stadt westlich von ihrem Zentrum als Reede für die Schiffe der Royal Navy entstanden. Aus dieser entwickelte sich die noch heute bestehende Devonport Naval Base, die die größte Basis der Royal New Zealand Navy ist. Bis 1989 blieb der Ort selbständig. Dann wurde er Teil von North Shore City, das, wie wir bereits wissen, die einst viertgrößte Stadt Neuseelands war. Gemeinsam mit dieser wurde Devonport dann 2010 in Auckland eingemeindet. Heute ist der Ort bei den Einwohnern der Großstadt für seinen altertümlichen Charme bekannt und beliebt. Es heißt, sie kämen abends nach Feierabend gerne mit der Fähre herüber, zu einem gemütlichen Abendessen in einem der zahlreichen Restaurants und Cafés des Ortes.

Nun, von diesem Charme wollen wir uns nun höchstpersönlich überzeugen, und so überlassen wir, als wir unsere Strümpfe und Schuhe wieder an den Füßen haben, den Möwen ihren Strand wieder für sich und machen uns auf den Weg zu der in den Ort hineinführenden Straße, die wir auf unserem Weg hierher bereits bemerkt hatten.

Die Victoria Road, wie diese Straße heißt, wurde ebenfalls zu Ehren der britischen Königin, die dreiundsechzig Jahre das Oberhaupt des britischen Empires war, benannt – wie übrigens auch der Victoria Wharf, den wir schon bei unserer Ankunft in Devonport kennengelernt hatten – und kann als die Hauptstraße des Zentrums Devonports angesehen werden. Gesäumt von zahlreichen Cafés und Restaurants, die ebenso zum Verweilen einladen wie die vielen kleinen Läden, deren Angebote von Papierwaren über Schmuck und Spielzeug bis hin zu Büchern und Kleidern reichen, ist sie ein wahres Paradies für Bummler.

The Arcade in der Victoria Road in Devonport
Ein langgestreckter historischer Bau mit nur einem Obergeschoß, in der Mitte ein bogenförmiger Eingang, in dessen Wölbung der Name der Einkaufspassage steht – das ist „The Arcade“ in der Victoria Road in Devonport.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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In dieses Paradies treten nun auch wir ein, als wir gegenüber der Windsor Reserve in einem langgestreckten Gebäude durch einen bogenförmigen Eingang hindurch eine Einkaufspassage betreten, die sich einfach „The Arcade“ nennt. In den 1870er Jahren errichtet, verbindet sie die Victoria Road mit der parallel verlaufenden Wynyard Street. Dem Gebäude mit der hellen bläulich-grauen Fassade, in dem ihr Eingang liegt, sieht man deutlich an, daß es wie die meisten Häuser in dieser Straße aus einer anderen Zeit stammt. Hohe, schmale Bogenfenster reihen sich im einzigen oberen Stockwerk nebeneinander, darüber krönt eine Balustrade die Fassade, die direkt über dem Eingang dessen Bogen wiederholt. In ihrem Inneren ist die Einkaufspassage – ganz im Gegensatz zu anderen Vertretern ihrer Art, die ich beispielsweise in den australischen Städten Sydney, Melbourne oder Adelaide kennengelernt habe – völlig unprätentiös. Sie kommt gänzlich ohne den Glanz und Glamour aus, den ich dort angetroffen habe; sicher eine direkte Folge dessen, daß Devonport niemals eine Großstadt war, sondern immer eher den Charakter eines Seebades hatte. Tatsächlich möchte ich die Arkade, die wir hier durchwandern, in ihrer inneren Ausgestaltung rustikal nennen, wirkt sie doch in ihrem hinteren Teil sogar so, als hätte man einfach einstige Hinterhöfe und Durchgänge überdacht, um eine Arkade zu schaffen. So finden wir uns unverhofft in einem Restaurant oder Café wieder, dessen Wände so aussehen, als seien es früher die aus Ziegeln erbauten Außenwände von Häusern mit spitz zulaufenden Dächern gewesen. Diese Form wird von dem Glasdach über dem Lokal aufgenommen, was den Eindruck verstärkt, das wir uns hier in einem früheren Hof befinden. Am anderen Ende der Arkade, dort, wo sie die Wynyard Street erreicht, ist es dann mit dem altertümlichen Charme allerdings ganz vorbei. Als wir dort ins Freie treten, stehen wir noch ein Stück von der Straße entfernt auf einem kleinen Parkplatz – schon wieder -, der an drei Seiten von eingeschossigen Bauten umgeben ist, die eher an provisorische Baracken erinnern als an Häuser. Kehren wir lieber wieder um.

Durch die Passage zurückgelangt zur Victoria Road, wandern wir diese weiter in Richtung Norden, dem Berg entgegen, der sich an ihrem hinteren Ende erhebt und ihr dort ein natürliches Ende zu bereiten scheint. Das muß der Mount Victoria sein. Schauen wir mal.

Auf der anderen Straßenseite, dort, wo sich hinter der in die Victoria Road einmündenden King Edward Parade der kleine, Windsor Reserve genannte Park fortsetzt und ein Flachbau die städtische Bibliothek beherbergt, schimmert unter den Blättern der Bäume etwas Knallbuntes hervor. Neugierig wechseln wir die Straßenseite, um uns das einmal anzuschauen. Als wir dort ankommen, bleiben wir zunächst kurz vor einer Statue stehen, die auf einem Sockel aus Feldsteinen steht und einen uniformierten Soldaten zeigt, der seinen Hut in der Hand trägt und ein Gewehr mit aufgepflanztem Bajonett über der Schulter hängen hat. Dieses von Francis Ennis Lynch geschaffene Denkmal erinnert, wie eine an seinem Fuße befindliche Plakette mitteilt, an die Männer aus Devonport, die im Ersten Weltkrieg ihr Leben verloren. Die Namen der Getöteten sind auf einer großen Tafel, die vorn am Sockel angebracht ist, aufgelistet. Eine weitere Sammlung von Namen ist in späterer Zeit an der Seite des Denkmals ergänzt worden. Sie führt die Namen der Einwohner Devonports auf, die der kleine Ort im Zweiten Weltkrieg verloren hat. Unwillkürlich kommt mir der Gedanke in den Sinn, daß zu hoffen bleibt, daß nicht in Zukunft eine weitere Ergänzung dieses Denkmals erforderlich sein wird und daß, sollte das doch der Fall sein, möglicherweise niemand mehr da sein wird, der diese vornehmen könnte.

Schnell schüttele ich diese düsteren Gedanken ab und wende mich einem großen Baum zu, der hinter einer ausladenden, hölzernen Bank mit steinerner Rückwand steht, die einen weiten Halbkreis formt und das Denkmal an seiner hinteren Seite förmlich umarmt. Dieser Baum, aus dessen Basis riesigen Umfangs bereits in einem Meter Höhe drei sehr dicke Stämme herauswachsen, ist in einen bunten Flickenteppich eingehüllt, der bis in eine Höhe von wenigstens zwei Metern, wenn nicht mehr, hinaufreicht und somit sowohl die Basis als auch die drei Stämme jeweils einzeln umhüllt. Flickenteppich ist dabei keineswegs despektierlich gemeint, sondern soll lediglich die Art der Umhüllung illustrieren, die wahrlich aus vielen einzelnen, unterschiedlich großen Flicken in allen möglichen Farben und Mustern zusammengesetzt ist. Alle sind gestrickt oder gehäkelt. Hier sind bunte Blumen zu sehen, dort scheinen Wellen hin und her zu schwappen. An einer Seite blickt mich eine rote Maske an, deren Nase und – sind das Stoßzähne? – sogar aus ihr herausragen. Dreidimensionale Strickkunst sozusagen. Hier bunte Sterne, vielleicht Seesterne, kleine Häuser und Blumen, dort schrille farbige Streifen. Und an einer Seite steht sogar etwas – „tearoha“ entziffere ich. Damit kann ich gerade nichts anfangen, werde aber später herausfinden, daß Te Aroha der Name eines Berges und auch eines Ortes ist, die sich nicht allzuweit von Auckland entfernt befinden. Das müssen aber fleißige Stricklieseln gewesen sein, die diese wunderhübsche Baumumhüllung zusammengestellt haben; die Strickfranzeln natürlich nicht zu vergessen, die es möglicherweise auch gegeben haben mag. Während ich mir dieses farbenprächtige Zeugnis leidenschaftlicher Handarbeitskunst recht verwundert anschaue, versuche ich, hinter den Sinn, der sich darin verbergen mag, zu kommen, was mir zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht so recht gelingt. Tatsächlich, so lerne ich bei meinen späteren Recherchen, hat sich Derartiges weltweit zu einem gewissen Trend entwickelt, der mit Urban Knitting bezeichnet wird, was man mit „Städtischem Stricken“ nur unzureichend ins Deutsche übersetzen kann. Eine andere Bezeichnung ist Guerilla Knitting – „Guerilla-Stricken“. Dabei geht es wohl darum, Gegenstände, die sich im öffentlichen Raum befinden, durch Stricken so zu verändern, daß sie aus ihrer Unscheinbarkeit heraustreten und auffallen. Das kann durch das Anbringen gestrickter Accessoires geschehen oder aber auch – wie hier – bis zum Einstricken ganzer Stadtmöbel reichen. Und Bäume, möchte ich angesichts unserer Entdeckung hier in Devonport ergänzen. Was es nicht alles gibt…

Urban Knitting in Devonport
Ein wahrlich meisterhaftes Beispiel für Urban Knitting finden wir in Devonport.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Wir wandern weiter die Victoria Road entlang, wobei wir auf der rechten Straßenseite bleiben. Am Ende des Parks überqueren wir eine weitere Straße, die den Namen Flagstaff Terrace trägt – geschichtsbewußt scheint man ja hier zu sein -, dann beginnt auch auf unserer Seite der Victoria Road die Bebauung. Hinter einem unspektakulären modernen Flachbau weckt gleich das zweite Haus mein Interesse. In einem knalligen Gelb gehalten, das im Licht der hell strahlenden Sonne vielleicht noch stärker leuchtet als sonst, fällt es dem vorüberschlendernden Passanten zwangsläufig ins Auge. Architektonisch ist es eher schlicht. Ein quaderförmiger Bau mit einem Obergeschoß, der Eingang ganz links, die Fenster rechteckig und aus mehreren kleinen, ebenfalls rechteckigen Scheiben zusammengesetzt, die durch Leisten miteinander verbunden werden. Von weitem sieht es aus, als wären die Fenster mit Querstreben vergittert. Das ist durchaus kein Zufall, denn dieses Querstrebenmotiv setzt sich im Mauerwerk links und rechts der Fenster direkt fort. In der Mitte, zwischen dem Erd- und dem Obergeschoß, ist das Gebäude mit einer Art Sims versehen, der – so mittig, wie er angeordnet ist – wie eine Banderole wirkt, die das Haus umhüllt. In der Mitte dieses Simses ist an der Vorderseite in großen Buchstaben „POST OFFICE“ zu lesen. Insgesamt wirkt das Gebäude recht nüchtern. Einziger Schmuck sind ein in die Fassade eingelassenes Wappen über der Eingangstür, zwei Fahnenmasten, die links und rechts über dem Dach in die Höhe ragen, an denen jedoch keine Flagge im Winde flattert, sowie ein in der Mitte auf das Obergeschoß aufgesetzter, achteckiger Minipavillon, der mir jedoch nicht so recht dorthin zu passen scheint, wirkt er doch viel zu verspielt, um mit der sonstigen Nüchternheit des Baus zu korrespondieren.

Das alte Postamt in der Victoria Road in Devonport
Das alte Postamt in der Victoria Road in Devonport nimmt heute niemandem mehr Pakete ab. Es ist eine Einkaufspassage.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Errichtet wurde das Haus 1938. Daß es ein Gebäude aus Stahlbeton ist, sieht man zwar nicht auf den ersten Blick, erklärt mir aber den nüchternen Eindruck, den es mir vermittelt. Natürlich gab es zu jener Zeit schon ein Postamt in Devonport. Dieses befand sich in einem älteren Gebäude auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Daß man trotzdem ein neues baute, geht auf ein landesweites Bauprogramm zur Errichtung neuer Postämter zurück, das die erste Labour-Regierung Neuseelands ins Leben gerufen hatte und das Bestandteil eines sogenannten Expansionsprogramms war. Dessen Zweck bestand darin, die Umsetzung der großen Sozialreformen nach der Großen Depression zu unterstützen. Den Entwurf lieferte der Architekt Norman Wade, der sich des Baustils der sogenannten Stromlinienmoderne bediente. Davon hatte ich vor diesem alten Postamt und meiner Beschäftigung mit seiner Geschichte noch nie etwas gehört. Reisen bildet eben tatsächlich.

Im Inneren, so lese ich, besaß das Postamt im Erdgeschoß eine zur Victoria Road gelegene Hauptvorhalle, einen großen öffentlichen Raum, ein Arbeitszimmer für den örtlichen Postmeister und eine geräumige Poststelle. In der oberen Etage hatte der Postmeister eine Wohnung für sich und seine Familie. Ein Gebäude ganz im Dienste der neuseeländischen Post also. Und dennoch können wir hier keine Briefmarken mehr kaufen, denn bereits im Jahr 1991 hatte man dieses Postamt aufgegeben. Stattdessen kam nun ein privates Museum hier unter: Jackson’s Muzeum of Automobilia, Sounds, Victoriana and Collectables. Hier wurden also in erster Linie Sammlerstücke präsentiert – solche, die im Zusammenhang mit Automobilen standen, Erinnerungsstücke aus viktorianischer Zeit und überhaupt alles, was sich irgendwie sammeln ließ. Im Unklaren bin ich mir allerdings darüber, was man wohl in Verbindung mit Sounds ausgestellt haben mag. Klänge? Vielleicht alte Schallplatten? Wie auch immer, wenn das Museum auch nur halb so interessant war wie sein Name lang, dann war es bestimmt großartig. Im Zuge seiner Einrichtung wurde übrigens erst jetzt der kleine Pavillon auf der Vorderfront errichtet, was den etwas fremdartigen Eindruck erklärt, den er dort hinterläßt. Als wir nun vor dem Gebäude stehen, gibt es das Museum allerdings auch schon wieder nicht mehr. 2008 hatte man aus dem alten Postgebäude eine Einkaufspassage gemacht. Kommerz schlägt Kultur.

Ein Haus weiter stoßen wir gleich auf eine weitere, ebenso ehemalige Einrichtung des öffentlichen beziehungsweise geschäftlichen Lebens einer Stadt. Im Gegensatz zum Posthaus hebt sich hier die Frontseite architektonisch deutlich vom Rest des Gebäudes ab. Mit ihren vier Pilastern, die oben in mit Voluten versehenen Kapitellen enden, über denen ein Architrav angedeutet ist, folgt diese Fassade klassizistischen Architekturelementen. Schaut man jedoch nicht nur von vorn auf das Gebäude, sondern wirft einen Blick auf dessen Seiten, stellt man fest, daß es sich lediglich um eine Scheinfassade handelt. Bereits in zwei Metern Tiefe wechseln plötzlich Farbe und Höhe des Gebäudes. Vorn in dunklem Grüngrau gehalten, ist das Gebäude im hinteren Teil weiß getüncht, ohne jeden architektonischen Schmuck. Auch die Höhe gibt gut einen Meter nach. Tatsächlich ist dieses vom Architektenbüro Edward Mahoney and Son entworfene und in den Jahren 1925/26 errichtete Gebäude ein einfacher Ziegelbau, dessen Frontseite mit aufwendig gestaltetem Putz geschmückt ist. Will man wissen, für wen man sich denn eigentlich diese Mühe gemacht hat, das Gebäude mit einer solchen Scheinfassade auszustatten, muß man nur einen Blick auf den Architrav werfen. Dort steht heute noch deutlich zu lesen:

BANK OF NEW ZEALAND

Die ehemalige Filiale der Bank of New Zealand in Devonport
Ein Pub mit der Aufschrift „Bank of New Zealand“ – für den zufällig vorbeikommenden Touristen verwirrend, doch wenn man die Geschichte des Hauses kennt, versteht man den Zusammenhang.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Eine Bank also. Nun, das Bankgewerbe dürfte sich in den 1920er Jahren eines gewissen Wohlstands erfreut haben. Da muß es auch nicht verwundern, daß man diesen Aufwand bereits für eine Bankfiliale betrieben hat. Denn um eine solche handelt es sich bei dem Gebäude, das wir uns gerade ansehen. Die Bank of New Zealand hatte im Jahre 1925 einen Pachtvertrag für das Grundstück erhalten, was aber an die Bedingung geknüpft war, daß sie darauf ein großes Gebäude errichtete, daß für Bankzwecke genutzt würde. So entstand dieses im klassizistischen Stil verputzte Ziegelsteingebäude, das im vorderen Teil des Erdgeschosses die Bankräume beherbergte, während im hinteren Teil und im ersten Stock die Wohnung des örtlichen Geschäftsführers untergebracht war. Die Bankfiliale hatte in dem Gebäude bis 1975 Bestand, dann zog sie an einen anderen Ort in der Straße um. Seitdem wurde das Gebäude als Restaurant und als Bar genutzt. Daß es einst eine Bank war, sieht man daher heute nur noch an der bereits erwähnten Aufschrift an der Frontseite.

Wir wandern weiter die Victoria Road entlang und betrachten die Häuser links und rechts der Straße. Hier und da hat sich auch einmal ein Gebäude neueren Datums zu den älteren Bauten hinzugesellt. Erfreulich ist, daß man dies hier nur dann zu erlauben scheint, wenn sich die Neuankömmlinge in Höhe und Stil ihrem Umfeld anpassen. Jedenfalls begegnen uns keine gröberen Bausünden, die den Charme, den Devonport – zumindest in seiner Hauptstraße – ausstrahlt, stören oder gar zerstören würden.

Nach einer Weile und dem Überschreiten einer weiteren Querstraße kommen wir schließlich an ein Gebäude, das seine Kollegen in der Victoria Road dann doch deutlich überragt. Ganz offensichtlich handelt es sich jedoch nicht um einen Bau aus heutiger Zeit. Die Art-déco-Fassade deutet vielmehr auf eine viel frühere Entstehungszeit hin. Wie bei vielen Gebäuden in den Geschäftsstraßen Aucklands und damit auch Devonports wird der Gehweg von einem über dem Erdgeschoß angebrachten Vordach überschattet, das am Haupteingang auf der linken Seite des Hauses eine leichte Wölbung besitzt. Diese wird von dem daran befindlichen Schriftzug nachgeahmt. Wir lesen:

Victoria Picture Palace / Theatre

Abgesehen davon, daß man sich nicht ganz sicher zu sein scheint, ob das Gebäude nun eher ein Filmpalast oder ein Filmtheater sein soll, treffen wir hier erneut auf die große Königin als Namenspatronin. Victoria Wharf, Mount Victoria, Victoria Road und nun der Victoria Picture Palace oder das Victoria Picture Theatre – die Verehrung für die englische Monarchin scheint hier wahrlich grenzenlos zu sein. Ich wage die Vermutung, wir werden in diesem Ort nicht zum letzten Mal auf ihren Namen gestoßen sein.

Der Victoria Picture Palace oder das Victoria Picture Theatre in Devonport
Victoria Picture Palace oder Victoria Picture Theatre – das ist hier die Frage. Im besten Falle einfach beides.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Erbaut hat das Filmtheater der Amerikaner John Leon Benwell im Jahre 1912 – also noch in der Stummfilmzeit. 965 Plätze hat es damals gehabt – eine stolze Anzahl, wenn man bedenkt, daß Devonport zu jener Zeit noch ein selbständiger und nicht gerade großer Ort war. Seitdem hat dieses Gebäude, sieht man einmal von notwendigen Phasen der Renovierung ab, ununterbrochen genau dem Zweck gedient, zu dem es errichtet worden war: Filmtheater zu sein. Es ist damit das älteste noch existierende und betriebene Kino der südlichen Hemisphäre. Eine der erwähnten Renovierungs- bzw. Umbauphasen fand im Jahr 1929 statt, während der man das Kino äußerlich im Art-déco-Stil umgestaltete und inwendig zu einem modernen Kino für die Aufführung von Tonfilmen aufrüstete. Als kurz nach der Jahrtausendwende, im Jahre 2001, die Schließung und darauffolgende Umwandlung in ein Apartmenthaus drohten, setzten sich lokale Bürgerinitiativen für den Erhalt des Kinos ein und erreichten fünf Jahre später, daß es vom Stadtrat von North Shore City erworben wurde und seine Bestimmung als Filmtheater behielt.

Kurz hinter dem Kino haben wir den Punkt erreicht, den wir aus der Ferne für das Ende der Straße und den Beginn des Berges gehalten hatten. Jetzt, wo wir hier angekommen sind, ist dieser allerdings immer noch ein Stück entfernt, auch wenn das Gelände bereits anzusteigen beginnt. Die Victoria Road ist folglich hier auch nicht zu Ende, sondern beschreibt stattdessen eine weite Kurve nach links, um den Berg zu umgehen. Geradeaus führt nun lediglich eine schmale Straße weiter, die allerdings eine gewisse Steigung aufweist. An ihrem Beginn entdecken wir ein Schild, daß eine kleine Karte des vor uns liegenden Geländes zeigt und darüber verkündet:

Mount
Victoria

Wir haben also tatsächlich den nach der Königin benannten Berg vor uns. Dieser ist, wie sollte es in Auckland auch anders sein, ein weiterer Vulkan des Auckland Volcanic Fields. 87 Meter ist er hoch. Die Māori, die einst auf seinem Hang siedelten und von deren Dorf sich noch einige Reste von Erdbefestigungen erhalten haben, nennen den Berg Takarunga, was „Hügel, der oben steht“ bedeutet.

Weil die sich abwendende Victoria Road nun in ein reines Wohngebiet zu führen scheint und uns die Aussicht vom Gipfel des Berges mehr interessiert, beginnen wir kurz entschlossen mit dem Aufstieg. Nun, das klingt gewaltiger, als es ist. Zunächst wandern wir die schmale Straße entlang, die sich wohl noch keinen eigenen Namen verdient hat, wobei wir eher gemächlich bergauf zu gehen haben. Es folgt eine Rechtskurve, hinter der es weiter hinaufgeht, bis wir nach wenigen Schritten schließlich an einem Gatter stehen, das die Straße für Autos absperrt – zumindest, soweit es den allgemeinen Publikumsverkehr betrifft. Für uns Fußgänger ist es natürlich ein Leichtes, darum herumzugehen, und so folgen wir der Straße weiter den Berg hinauf.

Es geht nun erst in eine Linkskurve und dann weiter gemächlich in die Höhe. Wieder sind wir nur einige Meter gegangen, als wir links neben der Straße ein großes einstöckiges Gebäude mit Spitzdach entdecken. Es scheint ein hübsches Wohnhaus zu sein, ganz aus Holz errichtet, mit einer um die uns zugewandte Ecke herumlaufenden Veranda. Ein Schornstein verspricht einen Kamin im Inneren des Hauses, was mich sofort an heimelige Abende am flackernden Kaminfeuer denken läßt. In einem Schaukasten an der Straße bemerke ich drei große Tafeln mit Texten und Fotos, auf deren einem ich das Gebäude wiederzuerkennen glaube. Neugierig trete ich näher. Was mag wohl an einem einfachen Wohnhaus an einem Berghang so besonders sein, daß man dazu derart viel Information aushängen muß?

Die mittlere der drei Tafeln klärt mich darüber auf, daß es sich bei dem Haus mitnichten lediglich um irgendein Domizil irgendeiner Familie handelt. Was ich hier vor mir habe, ist das sogenannte Signalman’s House – das Haus des Signalmanns. Neugierig lese ich weiter und bekomme gleich noch eine Lektion in Devonports Geschichte.

Es war im Jahre 1842, als man auf dem Gipfel des Berges, an dem das Gebäude steht, eine Signalstation zur Kommunikation mit den Schiffen im Waitematā Harbour einrichtete, deren wichtigstes Utensil ein Flaggenmast war. Nun, das weiß ich schon. Dieser Mast war ja zunächst auch der Namensgeber für den Berg und den Ort zu seinen Füßen gewesen. Von dort oben, heißt es weiter, hatte man nicht nur einen weiten Blick auf den Naturhafen, sondern auch auf den Hauraki-Golf, denn Devonport und der Mount Victoria liegen auf einer Halbinsel zwischen beiden. Somit war der Berg der ideale Standort für eine solche Signalanlage. Und diese war für die Einwohner und insbesondere die Kaufleute Devonports, aber auch Aucklands von immenser Bedeutung. Zu jener Zeit konnte es, wenn ein einlaufendes Schiff das erste Mal gesichtet wurde, schon einmal drei Tage dauern, bis es in Auckland auch tatsächlich ankam. Heute ist das kaum noch vorstellbar.

Natürlich mußte eine solche Signalstation auch betreut und gewartet werden. Diese Aufgabe übernahmen sogenannte Signalmen – Signalmänner. Zunächst lebten diese lediglich in einem Zelt oder einer einfachen Reethütte auf dem Gipfel. Doch weil das auf Dauer nicht als angemessene Unterbringung durchgehen konnte, baute man schließlich in der Nähe des Gipfels für sie ein festes Haus, für das sich die Bezeichnung „Signalman’s House“ einbürgerte. 1898 mußte der amtierende Signalmann dann umziehen, Man errichtete ihm ein neues Haus, das weiter unten am Hang plaziert wurde. Dieses vom Architekten Edward Bartley entworfene Wohnhaus – Bartley war übrigens ein Einwohner Devonports – sehen wir heute vor uns.

Signalman's House und Michael King Writers' Centre
Ein idyllisches Wohnhaus am Hang des Mount Victoria – das alte Signalman’s House, in dem heute das Michael King Writers‘ Centre untergebracht ist.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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1930 legte man die Signalstation schließlich aus wirtschaftlichen Erwägungen still. Der letzte Signalmann durfte mit seiner Frau allerdings weiterhin in dem Haus wohnen bleiben. Nachdem er 1943 verstorben war, lebte seine Witwe noch bis 1968 darin. Danach übernahm die Stadt das Haus.

Wie mir nun die erste Tafel erläutert, wurde im Jahre 2004 das Michael King Writers‘ Centre ins Leben gerufen und erhielt das Signalman’s House von der Stadt North Shore City, die es nach der Eingemeindung Devonports nun besaß, langfristig zur Verfügung gestellt. Auf der Tafel lese ich:

The Michael King Writers‘ Centre is the first full writers‘ facility and literary centre in New Zealand.

The national facility aims to support writers and to promote all aspects of New Zealand literature, both fiction and non-fiction.

Übersetzt heißt das:

Das Michael King Writers‘ Centre ist die erste umfassende Einrichtung für Schriftsteller und ein Literaturzentrum in Neuseeland.

Ziel dieser nationalen Einrichtung ist es, Schriftsteller zu unterstützen und alle Aspekte der neuseeländischen Literatur, sowohl der Belletristik als auch der Sachliteratur, zu fördern.

Klingt ehrgeizig. Doch unwillkürlich drängt sich mir die Frage auf, was ein solches Zentrum wohl mit diesem Wohnhaus anfängt. Darauf liefert mir der Text sogleich die Antwort. Das Zentrum stellt dieses Haus jedes Jahr Schriftstellern zur Verfügung, die es für die Arbeit an einem ganz konkreten Projekt als Gäste nutzen können. So eine Art Schriftsteller in Residence also. Extra dafür hat man das Haus 2006 einer umfassenden Renovierung unterzogen. Nun gibt es hier zwei Schlafzimmer mit jeweils eigenem Bad, ein separates Arbeitsstudio für den Gastautor sowie einen Aufenthaltsraum und einen Verwaltungsraum. Diese stehen für literarische Veranstaltungen zur Verfügung, während das zweite Schlafzimmer für kurzfristige Aufenthalte  an Schriftsteller oder aber als Arbeitsraum vermietet werden kann. Für aufstrebende Schriftsteller ist das bestimmt eine großartige Unterstützung, zumal sie, wenn sie und ihr Projekt ausgewählt werden, die Unterkunft kostenlos und überdies ein Stipendium erhalten.

Natürlich wäre es nun auch interessant zu wissen, wer denn nun eigentlich Michael King ist oder war, nach dem dieses Zentrum benannt ist. Natürlich hat man mit diesem meinem Interesse gerechnet und extra dafür die dritte Tafel in den Schaukasten gehängt. Sie verrät mir, daß Michael King 1945 geboren wurde und einer der bedeutendsten Biographen und Historiker Neuseelands war, dessen großer Beitrag zur schriftlichen Geschichte Neuseelands darin bestand, sie zugänglich gemacht zu haben. Er schrieb Biographien über führende Māori und bedeutende Pakeha-Schriftsteller und wird insbesondere von den Nachfahren der Moriori dafür verehrt, daß er die Geschichte dieser Volksgruppe von den Chatham-Inseln erforscht und aufgeschrieben hat. Als Schriftsteller, der sich nach erfolgreicher Karriere in Wissenschaft und Journalismus 1976 entschieden hatte, das Schreiben zu seinem Hauptberuf zu machen, wußte er aus eigener Erfahrung, wie schwer es unter Umständen sein konnte, von dieser Tätigkeit leben zu müssen. Aus diesem Grunde befürwortete er stets die Idee eines Zentrums, das neuseeländische Schriftsteller unterstützen sollte. Als er im Jahre 2004 zusammen mit seiner Frau bei einem Autofall ums Leben kam, setzten einige seiner Freunde und literarischen Weggefährten diese Idee in die Tat um und riefen das Writers‘ Centre ins Leben, dem sie ihm zu Ehren seinen Namen verliehen.

Ich bin beeindruckt. Dieses Zentrum und sein ehrgeiziges Projekt nötigen mir Respekt ab. Während auf staatlicher Seite heutzutage oft genug Mittel zur Förderung von Kunst und Kultur zusammengestrichen werden, leistet man hier – auf hauptsächlich privater Ebene, denn das Zentrum wird durch einen Förderverein geführt – echte kulturelle Unterstützung und trägt zu ihrer Förderung bei, wobei allerdings nicht unerwähnt bleiben soll, daß die Städte North Shore City und heute Auckland dazu einen gewichtigen Beitrag leisten, indem sie das historische Signalman’s House zur Verfügung stellen. Was man so alles finden und lernen kann, wenn man doch eigentlich nur einen Berg hinaufsteigen will…

Dieser Beschäftigung wenden wir uns nun aber wieder zu und setzen unseren Weg fort. Weit müssen wir nicht mehr gehen, da sehen wir den Gipfel schon ganz nah vor uns, sind aber beständig im Schatten von Bäumen unterwegs, so daß sich die Aussicht sehr in Grenzen hält. Schließlich macht die Straße eine Biegung nach rechts und geht kurz danach in eine Kehre. An deren Scheitelpunkt führt ein Weg – eigentlich ist es eher ein Trampelpfad – geradeaus weiter.  Wir sind ihn nur ein paar Meter gegangen, da führt er aus dem Schatten heraus und wir finden uns auf einem baumlosen Abschnitt des Berghanges wieder. Von hier aus haben wir eine uneingeschränkte Sicht nach Osten. Zu unseren Füßen reihen sich die Häuser von Devonport aneinander, rechts dehnt sich der Waitematā Harbour, links der Rangitoto Channel, der bereits Teil des Hauraki-Golfes ist. Dort, wo beide schließlich zusammentreffen, erhebt sich ein weiterer, doch nicht ganz so hoher Berg, der die Spitze der Halbinsel markiert, auf der sich Devonport befindet: der North Head oder Nordkopf. Die Māori nennen diesen Berg Maungauika – Berg von Uika.

Ein wahrlich schöner Blick. Und doch ist er rein gar nichts im Vergleich zu der Aussicht, die sich uns bietet, als wir den Berghang ein wenig höher steigen. Noch immer stehen wir hier knapp unter dem baumlosen Gipfel, doch können wir nun schon über die Kronen der Bäume hinwegsehen, unter denen wir auf der Straße eben noch entlanggewandert waren. Was sich uns nun darbietet, ist ein sagenhaftes 180-Grad-Panorama. Ganz links, im Nordosten, blinkt die weite Wasserfläche des Hauraki-Golfs im Sonnenlicht. Über den Rangitoto Channel, der die gleichnamige Insel von uns trennt, wandert unser Auge zum North Head, den wir von weiter unten schon erblickt hatten. Doch nun schweifen wir weiter über den großen Waitematā Harbour, dessen jenseitiges Ufer das Stadtgebiet Aucklands einnimmt. Gegenüber dem North Head liegt der Bastion Point, an den sich die Hobson Bay anschließt, auf die der Hafen von Auckland folgt. Und an dessen Ende erkennen wir im Südwesten dann die uns nun bereits wohlbekannte Skyline der Innenstadt Aucklands, aus der der Sky Tower wie eine Nadel heraussticht. Direkt zu Füßen des Berges, auf dem wir stehen, breitet sich Devonport aus, das, wie wir nun feststellen, sehr viel größer ist, als wir dachten. Wir erkennen die Victoria Road, über die wir hergekommen sind und die nun, von hier aus betrachtet, vom Berg zum Fähranleger führt, vor dem wir rechts die grünen Baumwipfel des kleinen Parks namens Windsor Reserve erblicken. Minutenlang stehen wir nur schweigend da und schauen und schauen und schauen…

Auckland-Panorama vom Mount Victoria
Dieses wundervolle 180-Grad-Panorama von Auckland bietet sich dem Betrachter auf dem Mount Victoria. Es ist zu klein? Klicken Sie mal drauf!
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Es ist ein Anblick, von dem sich abzuwenden wahrlich schwer fällt. Das blaue Wasser des Meeres, auf dem sich winzig kleine, weiße Segelboote tummeln und ebenso weiße Schnellboote, deren vermutlich dröhnendes Motorengebrumm wir hier oben nicht mehr hören können, lautlos ihre schaumgekrönte Bahn ziehen, dehnt sich unter einem Himmel, dessen Blau schon fast unwirklich scheint. Abgesehen von einer kleinen Ansammlung, die sich genau im Osten über dem Horizont plaziert hat, ist keine Wolke am Firmament zu sehen. Wir sind genau zur richtigen Zeit hier oben, um dieses prachtvolle Panorama zu bestaunen, denn die Sonne nähert sich nun langsam dem Ende ihres Tageslaufs und steht hinter uns im Westen, so daß sie die sich vor uns ausbreitende Szenerie beleuchtet, ohne uns zu blenden.

Schließlich gelingt es uns aber doch, uns von dem Anblick loszureißen, und wir steigen die letzten Meter den Berghang hinauf, um den Gipfel zu erreichen. Dort angekommen, stehen wir auf einem grasbewachsenen Plateau, das, großzügig betrachtet, eine Dreiecksform hat. An seiner westlichen Seite windet sich die Straße, die wir vorhin verlassen hatten, herauf und endet hier in einem kleinen Parkplatz. Von diesem führt ein schmaler, befestigter Weg zu einem Gebäude, das auf seiner Ostseite an die Kommandobrücke eines Schiffes erinnert, während es vor allem durch die große Anzahl aller Arten von Antennen auf seinem Dach auffällt. Offenbar ist es von einiger Wichtigkeit, denn das quadratische Grundstück, auf dem es sich befindet, ist von einem hohen, sehr massiv wirkenden Metallzaun umgeben. Tatsächlich ist dieses Bauwerk der moderne Nachfahre der einstigen Signalstation. Als sich die Technik weiterentwickelte, hatte man 1954 einen neuen Signalturm auf dem Gipfel errichtet, der später um eine Radaranlage ergänzt wurde. Seit dem Jahr 2000 ist die Signalstation vollständig automatisiert, was erklärt, warum wir an und in dem Gebäude keine Menschenseele erblicken können. Ansonsten ist das Plateau weitgehend eine grüne Wiese. Mit zwei Ausnahmen.

Die erste besteht darin, daß hier und da kleine Kästen oder Sockel aus dem Boden ragen, die aus solidem Beton bestehen und deren Zweck uns zunächst nicht so recht klar ist. Diese werden an der nördlichen Ecke des dreieckigen Plateaus durch drei Reihen von übergroßen metallenen Fliegenpilzen ergänzt, deren Sinn sich uns auch nicht so recht erschließen will. Verwundert blicken wir auf diese merkwürdige Ansammlung über das Plateau verteilter Aufbauten und sind einigermaßen ratlos. Was soll das?

Fliegenpilze auf dem Mount Victoria
Fliegenpilze auf dem Mount Victoria? Was da wohl daruntersteckt?
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Vorerst finden wir darauf keine Antwort. Wir wenden uns daher der zweiten der beiden Ausnahmen zu. Diese besteht in einem befestigten Kreisrund, in dessen Mitte eine große Vertiefung besteht. Was sich darin befindet, läßt sich von hier oben nicht feststellen. Wir entdecken jedoch einen Zugangsweg, der von dem kleinen Parkplatz zu diesem Kreis hinführt, sich dabei jedoch kontinuierlich absenkt, so daß er schließlich am Boden der Grube endet. Was wir dort vorfinden, ist einerseits unerwartet und andererseits auch wieder nicht.

Vor uns steht: eine riesige Kanone! Massiv, stählern, nietenbesetzt, schwer und unverrückbar. Ein wahres Monstrum, das ich so hier nicht erwartet habe, hatte es doch bei unserem Aufstieg zum Mount Victoria keinerlei Anzeichen für militärische Anlagen gegeben. Andererseits ist mir ja bereits bekannt, daß Devonport seit seinen Anfangstagen ein Marinestützpunkt war. Da ist schon damit zu rechnen, daß man nicht darauf verzichtet haben würde, im Laufe der Zeit auch den Berg für Waffenstellungen zu nutzen. So stehe ich nun also vor diesem gewaltigen Metallrohr auf seiner riesigen stählernen Lafette, das hier am Boden dieser Grube aufgestellt wurde, die so tief ist, daß es trotz seiner Größe vollständig darin verschwindet. Das erscheint mir nicht sehr zweckmäßig, wenn man doch sicher vorhatte, damit zu schießen. Worin besteht hier also der Trick?

Das verrät mir eine Tafel, die sich am Eingang zu der Grube befindet. Sie erzählt die Geschichte des Forts Victoria. Natürlich, wie sonst hätte diese militärische Einrichtung hier auch heißen können. Zunächst erfahre ich, daß der Mount Victoria bereits von den Māori zu Verteidigungszwecken befestigt wurde, lange bevor die Europäer in diesem Gebiet eintrafen, daß ihre vergleichsweise primitiven Verteidigungsanlagen, als dies im 19. Jahrhundert dann geschah, jedoch längst Geschichte waren. Als sich gegen Ende des Jahrhunderts dann die Russenangst in der jungen Kolonie breitmachte, begann man 1885 damit, erste Küstenbefestigungen auf dem Berg zu errichten. Dazu schleppte man zunächst einfach ein paar Schiffskanonen hier hinauf, die man an der Nordseite aufstellte. Ergänzt um eine Brüstungsmauer für Musketiere bildete sie die Anfänge des Forts Victoria. Bereits acht Jahre später galten die Kanonen nur mehr als „Salutbatterie“. 1904 erklärte man sie endgültig für veraltet und räumte sie nach und nach ab. Die letzten beiden verbrachte man dann 1911 in den kleinen Park namens Windsor Reserve an der Küste von Devonport. Dort hatten wir sie jedoch nicht bemerkt. Allerdings waren sie uns nicht auch einfach entgangen, sondern sie werden heute im Marinestützpunkt Devonport aufbewahrt.

Die versenkbare Kanone des Mount Victoria
Am Grunde einer Grube auf dem Mount Victoria verdämmert eine riesige Kanone die Tage. Das ist auch besser so.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Die riesige Kanone, die wir gerade eingehend betrachtet hatten, wird auf der Tafel auch beschrieben. Es handelt sich um ein Acht-Zoll-Geschütz, das einst auf dem North Head gelagert wurde. 1898 stellte man es auf Fort Victoria auf, da man sich durch die größere Höhe des Berges versprach, daß die Kanone von hier aus sowohl den inneren als auch den äußeren Teil des Waitematā Harbours schützen konnte. Möglicherweise war das der Grund, warum der Signalmann in jenem Jahr vom Berggipfel hinab an den Hang umziehen mußte. An der Grube, in der das Geschütz heute steht, baute man ein ganzes Jahr. Doch wozu hob man sie aus? Was hat diese große Waffe hier unten verloren? Nun, bei dieser Kanone handelt es sich um ein sogenanntes „disappearing gun“ – eine dank Verschwindlafette versenkbare Kanone. Diese brachte nach dem Schuß das Geschütz in die Vertiefung hinab, wo die Bedienungsmannschaften besser vor direktem Beschuß geschützt waren. Diese Kanone ist eine der letzten dieser Art, die es auf der Welt noch gibt.

Bereits in den Anfangstagen des Forts entstanden auch erste unterirdische Bunkeranlagen, die später immer wieder einmal ausgebaut wurden. Dies erklärt uns sowohl die merkwürdigen Betonaufbauten als auch die Fliegenpilze, die wir zuvor auf dem Gipfel so verwundert bestaunt hatten. Bei letzteren handelt es sich um Abdeckungen von Lüftungsschächten. Als Studenten in den 1980er Jahren einen Ulk veranstalteten und diese Kappen als Fliegenpilze anmalten, fand das bei den Besuchern des Berges schnell Anklang, so daß man sich entschied, diese Verzierung beizubehalten.

Während das Fort Victoria im Ersten Weltkrieg keine Rolle spielte und anschließend für einige Zeit zur Lagerung von Munition genutzt wurde, befand man das in den 1930er Jahren für zu unsicher und verfüllte das alte Fort mit Schlacke. Doch schon im Zweiten Weltkrieg reaktivierte man es wieder, stellte ein Flugabwehrgeschütz mit einem Beobachtungsposten auf und grub einige Bunker-Kammern aus, um darin Wohnungen für die Besatzung einzurichten. Nach dem Ende des Krieges wurde das Fort endgültig überflüssig, so daß man es wieder stillegte. Zu Beginn des neuen Jahrtausends unternahm man eine umfassende Restaurierung, so daß das Fort heute der Öffentlichkeit zugänglich ist. Einer der Bunker wird vom Devonport Folk Club als Spielstätte genutzt, was zeigt, daß man selbst aus destruktiven militärischen Einrichtungen Orte der Kultur machen kann.

Wir wandern nun die vom Parkplatz ausgehende und sich den Berg hinabwindende Straße wieder abwärts, wobei wir an der Westseite des Mount Victoria noch einmal die phänomenale Aussicht auf den Central Business District genießen, die hier den inneren Waitematā Harbour und die Auckland Harbour Bridge einschließt. Als wir schließlich die Stelle erreichen, wo wir bei unserem Aufstieg die Straße verlassen hatten, fällt mir am Berghang ein merkwürdiger Stein ins Auge, den ich zuvor offenbar übersehen hatte, weil mein Blick angesichts des weiten Panoramas nur in die Ferne gerichtet war. Neugierig gehe ich darauf zu. Als ich näherkomme, entpuppt sich der Stein, an dem ich von weitem ein Gesicht wahrgenommen zu haben glaubte, tatsächlich als die steinerne Skulptur eines Gnomes, der da vor mir im Gras zu hocken scheint und ein recht verkniffenes Gesicht zieht. Ob er mit irgendetwas unzufrieden ist? Doch was sollte das sein, wo doch das Wetter heute gar nicht besser sein könnte und dies der ideale Tag ist, um am Berghang im Gras zu sitzen und sich die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen? Vielleicht stören ihn ja die vielen Besucher, wie ich einer bin, die hier stets und ständig an ihm vorüberziehen und seinen schönen Berg bevölkern…

Am Hang des Mount Victoria kann man unverhofft dem Anx begegnen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Tatsächlich wird es später nicht ganz einfach sein herauszubekommen, was diese Skulptur genau darstellen soll. Nach einigem Suchen werde ich schließlich in einer alten Ausgabe des „Devonport Flagstaff“[2]The Devonport Flagstaff vom 12. Februar 2016, Seite 31. Wer aktuelle Ausgaben dieser Zeitung sucht, wird auf ihrer Homepage fündig. – ja, Devonport hat eine eigene Zeitung und wie sonst sollte sie wohl heißen? – auf einen Hinweis stoßen. Viele Besucher, heißt es, halten sie für eine Māori-„Schnitzerei“. Damit liegen sie allerdings völlig falsch. Die „Anx“ genannte Steinskulptur, die eine ganz offensichtlich stark überzeichnete Mannsperson zeigt, wurde von Allan Williams geschaffen und zunächst im Western Park im Ponsonby genannten Stadtteil von Auckland aufgestellt, von wo man sie, nachdem sie dort einem Akt des Vandalismus zum Opfer gefallen war, 1987 auf den Mount Victoria brachte. Es heißt, sie sei als Karikatur des ehemaligen neuseeländischen Premierministers Sir Robert Muldoon gedacht. Ob dieser das nun als Ehre betrachtet hat oder aber diese Darstellung seiner Person ablehnte, konnte ich allerdings nicht ergründen…

Hinab geht es immer schneller als hinauf. Ob das wirklich nur daran liegt, daß man aufgrund der Hilfe der Schwerkraft mit höherer Geschwindigkeit bergab geht als bergauf, oder ob das auch etwas damit zu tun hat, daß man so wie wir beim Weg hinauf öfter einmal stehenbleibt, um sich im unbekannten Terrain umzusehen und die von Mal zu Mal bessere Aussicht zu genießen, sei einmal dahingestellt. Nach vergleichsweise nur wenigen Minuten erreichen wir jedenfalls wieder die Victoria Road, der wir anschließend geradewegs zurück zum Hafen folgen, denn so langsam nähert sich die Sonne nun dem Horizont. Bald wird die Dämmerung einsetzen.

Als wir schließlich wieder am Fähranleger ankommen, dauert es nicht lange, da trifft die uns nun schon wohlbekannte Fähre ein und wir gehen an Bord. Als sie schließlich ablegt, werfen wir einen letzten Blick auf die Strandpromenade Devonports.  Hinter dem Ort erhebt sich der Mount Victoria wie ein großer, gütiger Beschützer. Besieht man es genau, haben wir an diesem einen Nachmittag eigentlich gar nicht soviel von dem Ort gesehen: im wesentlichen nur die Hauptstraße des Zentrums und den Mount Victoria. Doch allein dabei sind wir auf einiges gestoßen, was geschichtsträchtig, wissenswert und überaus interessant ist. Dafür muß man keine großen Touren unternehmen. Es genügt, mit offenen Augen und wachen Sinnes durch die Welt zu gehen und sich die Zeit zu nehmen, um hinzuschauen.

Keine Viertelstunde später gehen wir am Ferry Building wieder an Land und begeben uns in unser Hotel. Und auch wenn wir nach all der Lauferei kreuz und quer durch Stadt und Vorstadt ein klein wenig geschafft sind, so sind wir doch munter genug, um am Abend noch einen kleinen Bummel hinüber zum Aotea Square zu unternehmen – einerseits für ein kleines Abendbrot und andererseits, um noch einmal das Rathaus der Stadt zu besuchen, dessen sanfte, bunte Beleuchtung uns am gestrigen Abend so gut gefallen hatte.

Der Name des Platzes nimmt auf Motu Aotea Bezug, den Māori-Namen für die Great-Barrier-Insel, der größten der Neuseeland vorgelagerten Inseln. 1979 angelegt und 2010 neu gestaltet, wird die Freifläche häufig für öffentliche Veranstaltungen genutzt. Deren Bandbreite ist groß, reicht sie doch von Musikfestivals und Rockkonzerten über Messen bis hin zu Protestkundgebungen.

Der Sky Tower am Abend
Der abendliche Sky Tower, für das Chinesische Neujahrsfest in majestätisch rot-goldenem Glanze angestrahlt.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Als wir schließlich – nun zum zweiten Mal an diesem Tag – auf dem Rückweg in unser Hotel sind, fällt uns der Sky Tower ins Auge, wie er, in rot-goldenem Lichte erstrahlend, vor uns hoch in den dunklen Nachthimmel aufragt. Ein wahrlich majestätischer Anblick. Die Farben, in denen der Turm illuminiert wird, sind dabei keineswegs zufällig, sondern werden zu verschiedenen Anlässen sorgsam ausgewählt. Die Farben Rot und Gold, in denen er sich uns heute präsentiert, weisen auf das Chinesische Neujahrsfest am morgigen 19. Februar hin. Für uns schließt sich damit gewissermaßen der Kreis, hatten wir doch diesen Tag mit dem Besuch des Sky Towers begonnen. Und das ist dann doch ein irgendwie angemessener Ausklang für diesen ersten, mit einer Vielzahl wunderbarer Erlebnisse und schöner Eindrücke angefüllten Tag in Auckland…

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Referenzen

Referenzen
1 Auf Google Maps kann man sich das sehr schön ansehen.
2 The Devonport Flagstaff vom 12. Februar 2016, Seite 31. Wer aktuelle Ausgaben dieser Zeitung sucht, wird auf ihrer Homepage fündig.

Stadtbummel im Grünen

Dieser Beitrag ist Teil 4 von 6 der Beitragsserie "Reise nach Neuseeland & Singapur"

Als wir aus dem Eingangsbereich des Sky Towers hinaus auf die Straße treten, läßt uns dies aus den erhabenen Sphären hoch über der Stadt, in denen wir eben noch geschwebt hatten, förmlich auf den Boden der Tatsachen, das heißt in den wirren Trubel der geschäftigen Metropole fallen. Autos brausen die Victoria Street entlang an uns vorüber, wenn ihnen die Ampel an der kleinen Straßenkreuzung, vor der wir stehen, grünes Licht gibt, während sie bei rotem Signal ob des erzwungenen Halts unwillig vor sich hin zu brummen scheinen.

Hatten wir eben noch großzügig über die gen Himmel strebenden und ihn doch nicht erreichenden Hochhäuser des Central Business Districts hinweg- und in die Weite gesehen, so ist es nun, als ob sich eben diese Bauten dafür revanchieren wollen, indem sie sich jetzt um so dichter zusammendrängen und unseren Blick so weit wie nur möglich begrenzen, so daß er kaum wesentlich weiter als bis zur nächsten Straßenkreuzung reicht. Überdimensionierte Werbetafeln an den Fassaden der meist quaderförmigen Blöcke versuchen, unsere Aufmerksamkeit an sich zu binden, indem sie uns ihre Botschaften mittels riesiger Lettern förmlich entgegenschreien. Vergebens. Wir sind an ihnen nicht sonderlich interessiert.

Mein Blick wendet sich stattdessen einigen Bauten aus offensichtlich früheren Tagen zu, die es hier und da geschafft haben, den sich um sie herum versammelnden und in die Höhe reckenden Wolkenkratzern ihren Standort abzutrotzen. Bescheiden begnügen sie sich mit zwei oder drei Stockwerken, in deren unterem sie kleine Läden, Cafés oder Restaurants beherbergen. Gefällig präsentieren sie dem Auge des Betrachters hübsche Fassaden mit sauber gegliederten Fensterachsen und Schmuckelementen wie kleinen Spitzgiebeln, in die Hauswand integrierten Ornamenten oder Mauervorsprüngen. Ein langgestrecktes Gebäude mit dem Erscheinungsbild eines Reihenhauses paßt sich der in der Höhe abfallenden Victoria Street an, indem sich seine Bestandteile treppenförmig aneinanderfügen. Demgegenüber scheinen die Architekten der die kleinen, alten Bauten bedrängenden Hochhäuser ihre Energie eher in den Wettbewerb, welches ihrer Bauwerke wohl höher aufragen kann, investiert zu haben, wobei sie jedoch vergaßen, für ein ansprechendes Äußeres zu sorgen, was mich etwas überrascht, denn aus der Höhe des Sky Towers hatten die Wolkenkratzer durchaus abwechslungsreich gestaltet gewirkt. Von hier unten aber beschränkt sich ihr Äußeres meist auf ein langweiliges Einerlei endlos an- und übereinander gereihter zahlloser Fenster, das mich als Betrachter für die an den Fassaden angebrachten Werbetafeln fast schon wieder dankbar sein läßt, bringen sie doch wenigstens ein bißchen Abwechslung in die Versammlung gleichförmiger Wände. Allerdings frage ich mich, ob die Menschen in den Büros dahinter – Wohnungen werden es doch hoffentlich nicht sein? – nun überhaupt Tageslicht erhalten. Die Gleichgültigkeit ihrer Fassaden setzt sich auch in der Anordnung dieser Hochhäuser fort, denn zu dem Gelände, in dem sie stehen, haben sie keinerlei Bezug. Zwar ist das Gefälle der Victoria Street nicht eben übermäßig groß, doch auch nicht gänzlich unerheblich. Als ich mir aber die Wolkenkratzer anschaue, kann ich es dennoch so gut wie überhaupt nicht nachvollziehen. Ja, die meisten von ihnen scheinen es sogar nach Kräften ignorieren zu wollen, beharren sie doch eisern darauf, ihre Fassadenkanten streng horizontal auszurichten, ohne daran auch nur einen einzigen Abstrich in Form einer treppenartigen Abstufung zu machen, wie sie die historischen Bauten so bereitwillig vollziehen.

Ein Blick die Victoria Street West entlang in Richtung Osten
Alt und Neu existieren in der Victoria Street in Auckland mehr oder weniger einträchtig nebeneinander.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Von der Federal Street, an deren Kreuzung mit der Victoria Street wir uns befinden, lenken wir unsere Schritte in Richtung Osten. Der Grund ist nicht die Tatsache, daß es für uns nun ein wenig bergab geht – auch wenn uns das durchaus nicht unwillkommen ist -, sondern daß in dieser Richtung der Albert-Park liegt, den wir auf unserem Stadtbummel als erstes Ziel auserkoren haben. Wir überqueren die Queen Street, was uns vom Westteil in den Ostteil der Victoria Street bringt. Die nahezu in Nord-Süd-Richtung verlaufende Queen Street dient im Zentrum Aucklands gewissermaßen als Straßenscheide. Zwar tragen sie kreuzende Verkehrswege meist durchgängig denselben Namen, allerdings erhalten sie westlich der Queen Street den Namenszusatz West, östlich davon wird ein East angehängt. Waren wir also eben noch auf der Victoria Street West unterwegs, legt sich nun die Victoria Street East unter unsere Füße. Beide Straßenteile haben eine voneinander völlig unabhängige Numerierung der an ihnen befindlichen Häuser. Die Wellesley Street, in der sich unser Hotel befindet, folgt ebenfalls diesem Benennungsschema.

Bereits zwei Querstraßen weiter findet die nun wieder ansteigende Victoria Street East an der Kitchener Street bereits ihr unverhofftes Ende, denn auf deren gegenüberliegender Straßenseite steigt das Gelände plötzlich steil an. Der dadurch entstehende Hang ist mit einer Vielzahl hoher Bäume besetzt, die einen weiteren Blick hinauf wirksam verhindern. An seinem unteren Ende beschneiden aus großen, natürlichen Steinen zusammengefügte Mauern diesen Hang und grenzen so ein Stück ebener Erde ab, auf dem sich ein langgezogenes Podest, aus Steinen derselben Art gebildet, befindet. Auf diesem ragen zwei schlanke, aus übereinandergestapelten Steinen bestehende Säulen meterhoch auf, die an ihrem oberen Ende durch, wie es von hier unten scheint, filigrane Drähte oder dünne, gebogene Metallstäbe miteinander verbunden sind. Die Steine, aus denen dieses von Chris Booth geschaffene Kunstwerk besteht, sind Basaltblöcke, die, so lese ich später nach, das in der Matauri Bay in Northland lebende Māori-Volk der Ngati Kura gestiftet und so dem Albert-Park, der an dem dahinterliegenden Hang beginnt, zu einem markanten Eingangstor verholfen hat.

Durchschreiten muß man dieses Tor allerdings nicht, um in den Albert-Park zu gelangen. Dafür ist es eindeutig zu sehr als Kunstwerk hier positioniert worden. Alle Wege führen sauber drumherum. Dafür müssen wir nun doch etwas mehr körperliche Fitneß zeigen, denn unser Weg in den Park hinein führt uns über eine Reihe von Treppen mit zahlreichen Stufen den Hang hinauf. Glücklicherweise ist es zwar sommerlich warm, aber nicht sonderlich heiß, und unter den vorwiegend einheimischen Bäumen, die in diesem Teil des Parks wachsen und wohl mehr als einhundert Jahre alt sind, ist es wunderbar schattig. Ihrem Alter angemessen, haben die prachtvollen Bäume weit ausladende und gewaltige Formen entwickelt.

Mehr als einhundert Jahre alte Bäume im nordwestlichen Albert-Park
Diesen prächtigen Bäumen begegnen wir nach unserem Aufstieg in den Albert-Park.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Oben angekommen, stehen wir nun auf dem langgestreckten Bergrücken, auf dem sich der Albert-Park befindet. Im südöstlichen Parkbereich aus Sandstein bestehend, wird dieser Höhenzug am nordwestlichen Ende des Parks, in dem wir uns gerade befinden, durch einen der vielen Vulkane des Auckland Volcanic Fields ergänzt, dem man – wenig einfallsreich, aber naheliegend – den Namen Albert-Park-Vulkan gegeben hat. Daß wir auf einem potentiell feuerspeienden Berg stehen, entgeht uns bei unserem Aufenthalt hier allerdings völlig. Doch damit sind wir nicht allein. Bis ins Jahr 1859 hat niemand überhaupt auch nur etwas davon gewußt. Erst der in Esslingen am Neckar geborene Geologe, Naturforscher und Entdecker Ferdinand von Hochstetter erkannte bei seinem Besuch Aucklands in jenem Jahr den vulkanischen Ursprung dieses Areals. Der Grund liegt darin, daß es sich beim Albert-Park-Vulkan, der vor etwa 145.000 Jahren das einzige (und hoffentlich letzte) Mal ausgebrochen ist, um einen eher kleinen Vertreter seiner Zunft handelt – so klein, daß er von dem Sandsteinrücken, auf dem sich der überwiegende Teil des Parks befindet, sogar überragt wird. Der vollständige Bewuchs tut ein Übriges, um den Vulkan vor unseren Augen komplett zu verbergen.

Auf gut gepflegten Wegen beginnen wir unseren Rundgang durch die weitläufige Parkanlage. Nun, da wir einmal die Höhe des Bergrückens erklommen haben, läßt es sich wahrlich entspannt spazieren, denn dieser bildet hier eine Art Plateau, auf dem es kaum einmal eine Steigung gibt. Dies zog bereits in der Vergangenheit die Menschen an. Schon die Māori errichteten hier ein Dorf namens Rangipuke, später gar eine Siedlung namens Mangahekea, die jedoch in den 1740er Jahren ihr Ende fand. Als in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Briten kamen, hatten sie nichts Besseres zu tun, als hier eine frühe militärische Festung anzulegen – die sogenannten Albert Barracks. Das erhöhte Gelände war wohl bestens dafür geeignet, das umliegende Gebiet zu überwachen. Einige Bauten aus Holz und Mauerwerk, umgeben von einer Mauer aus Vulkangestein, das man in der Umgebung abgebrochen hatte – das war die Festung. Nun, daß es vulkanischen Ursprungs war, darüber machte man sich wohl damals keine Gedanken. Das stellte ja – wir erinnern uns – erst Ferdinand von Hochstetter einige Jahre später fest.

Nun, von all dem ist heute nichts mehr übrig, abgesehen von einem Rest besagter Mauer, der sich heute auf dem Gelände der nahen Universität von Auckland befindet. Die Festung wurde 1870 nutzlos, als das britische Regiment, daß hier stationiert war, abgezogen wurde. Fünf Jahre zuvor hatte Auckland den Status der Hauptstadt an Wellington verloren. Man riß die Gebäude ab und widmete das heutige Gelände der Grünanlage in ein Reservat um, das man dann in den 1880ern zu einem Park weiterentwickelte. Man schrieb – ein bei Politikern bis heute beliebtes Mittel, wenn eigene Ideen Mangelware sind – dafür einen Wettbewerb aus, den der Architekt James Slater gewann. Das heißt, er entschied den zweiten Wettbewerb für sich. Bereits in 1870er Jahren hatte man einen solchen ausgerichtet, den Siegerentwurf dann jedoch nicht umgesetzt. Warum, das weiß wohl heute niemand mehr. So entstand der Albert-Park nach den Entwürfen Slaters, und so existiert er heute noch, einschließlich einiger einzelner Bäume, die in der Zeit zwischen 1880 und dem Ersten Weltkrieg gepflanzt wurden.

Allzu groß ist sie nicht, diese Grünanlage im Herzen der Stadt, und so haben wir keine allzu weiten Wege zurückzulegen, um die herausragenden Punkte dieses Parks aufzusuchen. Wir kommen zunächst an einem kleinen Denkmal vorüber, das von einem schwarzen Metallzaun umgeben ist und Rätsel aufgibt. Auf einem Podest, das an einen Schrein mit bogenförmiger Öffnung erinnert, steht die kleine marmorne Statue einer jungen Frau, der eine merkwürdige Haube auf dem Kopf sitzt und die ein Kleidungsstück auf dem Leib trägt, welches mit seinen kurzen Beinen, den fehlenden Ärmeln und den Rüschen an einen altmodischen Badeanzug erinnert. Doch was hält sie da in der Hand? Sieht aus wie ein – Fisch? Dann wäre das große Etwas, das sich von ihren Händen durch ihre Beine zum Boden windet, vielleicht ein Netz? Soll diese Statue ein Fischermädchen darstellen? Im Badeanzug? Ich weiß es nicht. Vielleicht gibt ja die Plakette, die sich an dem Podest befindet, Aufschluß:

Erected
In Loving Remembrance Of
G. M. Reed. B. A.
of Auckland, Journalist.
„For the future in the distance
and the good that we can do.“
1901

Übersetzt heißt das:

Errichtet
In liebevollem Gedenken an
G. M. Reed. B. A.
aus Auckland, Journalist.
„Für die Zukunft in der Ferne
und das Gute, das wir tun können.“
1901

Denkmal für George M. Reed im Albert-Park in Auckland
Das etwas rätselhafte Denkmal für George M. Reed im Albert-Park in Auckland.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
Creative Commons Lizenzvertrag

Also ein Denkmal, das ein Fischermädchen im Badeanzug darstellt und der Erinnerung an einen Journalisten gewidmet ist, der in Auckland ansässig war. Versteht das jemand? Ich nicht. Leider auch dann nicht, als ich später ein wenig darüber recherchiere. Dabei finde ich lediglich heraus, daß es sich bei dem Podest nicht um einen Schrein, sondern um einen Trinkbrunnen handelt, der aber wohl heute nicht mehr Betrieb ist. Wasser habe ich jedenfalls nirgendwo gesehen. Immerhin stellt das eine gewisse Beziehung zu dem Motiv des Fischermädchens her. Die Schöpfer des Brunnens waren die Architekten John Mitchell and Robert Watt, die Statue schuf William Parkinson, ein einheimischer Bildhauer. Nun gut. Und George M. Reed? Der war Journalist und Zeitungseigner in Auckland. Das war’s. Es bleibt rätselhaft.

Ein Stück weiter gelangen wir auf den großen Hauptweg des Parks, der diesem seine große Nord-Süd-Achse verleiht. Hier, am südlichen Ende stoßen wir auf etwas, das es früher häufiger in öffentlichen Grünanlagen gab, man aber heute kaum noch irgendwo vorfindet: einen Orchesterpavillon. In früheren Zeiten trafen sich die Menschen bei schönem Wetter in den Parks, um kleinen oder größeren Gruppen von Instrumentalisten, vielleicht auch Sängern zu lauschen, die in solchen Pavillons ihre Musik zu Gehör brachten. Eigentlich eine schöne Tradition. Warum eigentlich gibt es so etwas heute nicht mehr? Nun, Radios, Stereoanlagen, Computer und MP3-Player haben es möglich gemacht, die Musik mit nach Hause zu nehmen oder unterwegs zu hören – jederzeit, überall. Und ganz individuell. Was dabei leider auf der Strecke blieb, ist das gemeinschaftliche Erleben der Musik. Natürlich, wird so mancher gleich einwenden, ist das doch auch heute noch möglich. Doch entweder zahlt man dafür meist recht teuren Eintritt oder man lauscht Straßenmusikern in der Fußgängerzone, im U-Bahn-Eingang oder an anderen Orten, wo Menschen meist keinen Nerv für’s Musikhören haben und das Ambiente dem Genuß eher abträglich ist. Da wäre so ein Musikpavillon in einem schönen Park doch viel besser geeignet. Oft genug hat der Fortschritt eben auch seine mangelhafte Kehrseite.

Von dem Orchesterpavillon mit seiner zwiebelförmigen Spitze aus Blech auf dem Dach, der übrigens der älteste noch erhaltene Musikpavillon in der Region Auckland ist, spazieren wir den Hauptweg in nördlicher Richtung entlang. Links und rechts dehnt sich sauber gepflegter Rasen, auf dem einzelne, ausladende Bäume stehen – vermutlich jene aus den Anfangstagen des Parks. Gesäumt wird der Weg von hochgewachsenen Palmen mit schlanken, doch völlig kahlen Stämmen, die ein wenig wie hier aufgestellte Masten wirken. Vor uns führen einige Stufen zu einem weitläufigen Rondell, in dessen Mitte sich ein großer Schalenbrunnen befindet.

Was mir beim Näherkommen auffällt, ist, daß der Brunnen ausnehmend dunkel erscheint. Im hellen Sonnenlicht wirkt er fast schwarz. Nur Wasser kann ich nirgends erkennen. Sollte in einem Brunnen – insbesondere, wenn es ein Schalenbrunnen ist – nicht schon von weitem sichtbar Wasser von oben nach unten laufen? Als wir die paar Stufen zu dem Rondell erreicht haben, sie hinaufgestiegen sind und schließlich unmittelbar vor dem Brunnen stehen, kann ich erkennen, daß ich mich geirrt habe – zumindest ein wenig. Es gibt durchaus Wasser, allerdings nur in Form einer recht großen Pfütze inmitten des großen Brunnenbeckens, das jedoch weit davon entfernt ist, gefüllt zu sein. Ansonsten scheint der Brunnen im Wortsinne auf dem Trockenen zu sitzen. Warum, ist nicht festzustellen. Weder kann es an zu niedrigen Temperaturen liegen – es ist sommerlich warm – noch wird er gerade gereinigt. Vielleicht ist etwas kaputt?

Der viktorianische Brunnen im Zentrum des Albert-Parks in Auckland.
Der gußeiserne viktorianische Brunnen bildet das Herzstück des Albert-Parks im Zentrum Aucklands.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Wie dem auch sei, ich schaue ihn mir trotzdem an. Unter künstlerischen  Gesichtspunkten ist er auch ohne Wasser durchaus sehenswert. Zwei Schalen unterschiedlicher Größe sind übereinander angeordnet, die kleinere oben. Unterhalb der großen Schale sind rings um den Sockel vier Statuen positioniert, die große Fische zeigen. Manche behaupten, es handle sich um Delphine, doch üblicherweise haben Delphine keine Schuppen. Auf diesen Fischen reiten Putten, von denen jede ein Horn bei sich hat, in das sie andächtig bläst. Ist der Brunnen in Betrieb, stoßen diese Hörner, so lese ich später, Wasser aus. Oberhalb der kleinen Brunnenschale steht eine weitere Statue – eine Frauenfigur, eine Darstellung der Aphrodite. Auch sie trägt ein Horn, das sicherlich ebenfalls Wasser speien kann. Schalen und Skulpturen sind ebenso wie der verzierte Schaft, an dem sie sich befinden, aus Gußeisen, was die dunkle Farbe des Brunnens erklärt. Über den Künstler, der ihn einst schuf, kann ich leider nichts herausbekommen, doch erfahre ich, daß der viktorianische Brunnen von Beginn an im Albert-Park zu Hause ist, nachdem man ihn extra dafür im Jahre 1881 aus Großbritannien importiert hatte.

Nur wenige Meter hinter dem Rondell mit dem Brunnen findet die Nord-Süd-Achse des Albert-Parks ihr Ende an dem großen Denkmal für Königin Victoria von Großbritannien. Man kann kaum in irgendeinen Winkel des ehemaligen britischen Empires reisen, ohne auf irgendetwas zu stoßen, was in Bezug zu dieser bedeutenden Monarchin steht. Das Denkmal, vor dem wir nun anhalten, zeigt sie in Lebensgröße, auf einem hohen, steinernen Sockel stehend. 1897 von Francis John Williamson geschaffen, wurde das bronzene Standbild zwei Jahre später hier enthüllt, um den sechzigsten Jahrestag der Krönung Victorias feierlich zu begehen. Es war die erste Statue der Königin in Neuseeland.

Der Park hat noch einige weitere Kunstwerke und Denkmale aufzuweisen, die wir auf unserem Spaziergang leider nicht alle auffinden. So entgehen uns bedauerlicherweise ein Marmor-Denkmal für den Burenkrieg und zwei edwardianische Marmorstatuen. An dem ebenfalls von Francis John Williamson geschaffenen, überlebensgroßen Marmorstandbild von Sir George Grey kommen wir zwar vorüber, übersehen es aber irgendwie – zumindest habe ich weder ein Foto noch eine Erinnerung daran -, da unsere Aufmerksamkeit offenbar von den beiden großen, ganz in der Nähe aufgestellten Feldgeschützen in Anspruch genommen wird, die man, als die Albert Barracks längst Geschichte waren, in den 1880er Jahren hier positioniert hatte, weil man Angst vor einer russischen Invasion bekam. Nun, an der Angst vor dem Russen hat sich bis heute, mehr als einhundert Jahre später, nichts geändert. Als Feindbild war er in angelsächsischen, heute westlichen Sphären stets außerordentlich beliebt, egal, welcher Staats- beziehungsweise Gesellschaftsform er auch immer gerade anhing. Überflüssig zu erwähnen, daß die befürchtete Invasion russischer Heerscharen hier am anderen Ende der Welt natürlich niemals stattfand.

Wir wenden uns nun der Ostseite des Parks zu, wo er von der Princes Street begrenzt wird. Bevor wir ihn dort verlassen, kommen wir an einer Ecke, die von zwei aufeinandertreffenden Wegen gebildet wird, zu einer riesigen Ansammlung von mit kleinen Mauern eingefaßten Blumenrabatten. Während links und rechts niedrige, sorgfältig gestutzte Hecken den Namen der Grünanlage bilden – ALBERT links, PARK rechts – stellen die in bunten Farben blühenden Anpflanzungen in der Mitte ganz offensichtlich eine riesige Uhr dar. Als ich nähertrete, entdecke ich auch die großen Zeiger, die über den Rabatten ihre Bahn ziehen. Unwillkürlich ziehe ich mein Mobiltelefon hervor, um die Zeit zu vergleichen. Tatsächlich, diese riesige Blumenuhr geht absolut genau. Siebzehn Minuten nach Eins. Was für ein wunderschönes gärtnerisches Kunstwerk! Dies ist um so bewundernswerter, als dieser pflanzliche, wenn auch elektrisch betriebene Zeitmesser bereits mehr als sechzig Jahre alt ist. 1953 wurde die Laidlaw Floral Clock geschaffen. Die Familie Laidlaw hatte sie anläßlich des ersten Besuch Königin Elisabeths II. in Neuseeland gestiftet.

Die kolossale Blumenuhr im Albert Park, nahe der Princes Street.
Die kolossale Blumenuhr im Albert-Park, nahe der Princes Street, geht absolut genau.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Wir verlassen den Albert-Park durch den nahegelegenen Ausgang und treten auf die Princes Street hinaus. Hier gelangen wir zu einer Reihe Wohnhäuser, die ganz offensichtlich schon älteren Datums sind. Ein unter einer prächtigen, hohen Palme aufgestelltes Schild macht uns mit einem von ihnen bekannt:

Princes St. Merchant House

steht darauf, verbunden mit dem Hinweis, daß es erhalten und gepflegt würde durch den Stadtrat von Auckland. Nun, das mag ich nicht recht glauben. Ich gehe davon aus, daß der Stadtrat von Auckland dies nicht höchstselbst erledigt. Er wird seine Leute dafür haben.

Die Merchant Houses – tatsächlich sind es fünf an der Zahl – ließen Ende des 19. Jahrhunderts reiche Bürger der Stadt hier für sich errichten. Die meisten von ihnen waren Geschäftsleute, woraus sich wohl der Name der Häuser ableitet: Kaufmannshäuser. Sie bevorzugten die Höhenlage des Albert-Parks, die sich damals – Auckland war noch viel kleiner als heute – eher am Stadtrand befand, als Wohnsitz – im wahrsten Sinne des Wortes abgehoben von der Geschäftigkeit des Stadtzentrums zu ihren Füßen, aber dennoch nicht allzu weit von diesem entfernt. Die fünf Häuser haben sich in unsere Zeit hinübergerettet, was sie allerdings nicht ihren reichen Besitzern verdanken. Denn als die Stadt anwuchs, verlegten sie ihre Wohnsitze alsbald an andere Orte. Viele der Merchant Houses wurden wieder abgerissen, doch die fünf, die wir nun vor uns sehen, fanden in den Jahren seitdem andere Eigentümer. Zuerst wurden sie in Pensionen umgewandelt, später zogen nacheinander verschiedene Institutionen ein und aus – bis heute. Das Gebäude in der Princes Street Nummer 29, welches uns von dem Schild unter der Palme so freundlich wie unvollständig vorgestellt wird, trägt den Namen „Hamurana“ – was nicht auf dem Schild steht – und besitzt eine hölzerne Fassade. Seine Vorderseite wird in ihrer gesamten Breite von einer großen Veranda im Obergeschoß eingenommen. Den von dieser überschatteten Bereich vor dem Untergeschoß hat man als Arkaden gestaltet. Das Haus gehört heute zur Universität von Auckland, deren City-Campus auf der gegenüberliegenden Straßenseite beginnt.

Und dieser wenden wir uns nun zu. Denn dort steht ein Gebäude, das mir bereits vom Sky Tower aus aufgefallen war und mein Interesse an dem Universitätsgelände geweckt hatte: der Uhrenturm.

Nun, eigentlich ist es nicht einfach nur ein Uhrenturm. Tatsächlich handelt es sich um ein großes Gebäude mit einem großen h-förmigen Haupttrakt und zwei sich links und rechts anschließenden Seitenflügeln. Der Turm, der dem Gebäude zu seinem Namen verholfen hat, erhebt sich in der Mitte des Haupttrakts. Rund im Grundriß, wirkt er mit seinen filigranen Verzierungen, die mich irgendwie an die Adern von Blättern erinnern, trotz seiner beachtlichen 54 Meter Höhe fast ein wenig fragil. Dieser Eindruck wird durch die von seinem Dach aufragenden Zierspitzen eher noch verstärkt. Die Uhr, die in einem Uhrenturm natürlich nicht fehlen darf, befindet sich unmittelbar unter der Dachkante, die sich in spitz zulaufenden Wellen rings um den Turm zieht.

Entworfen hat das im Jugendstil gehaltene Gebäude der Architekt Roy Alstan Lippincott. 1926 fertiggestellt, beherbergte es lange Zeit alle geisteswissenschaftlichen Fakultäten der Universität sowie die Bereiche Architektur, Jura und Musik. Man bezeichnete es daher lange Zeit als Old Arts Building, das Gebäude der alten Künste. Auch die Universitätsbibliothek und die Aula waren hier untergebracht. In den 1980er Jahren war dann schließlich eine umfassende Renovierung und Restaurierung erforderlich geworden. Damit verbunden war eine Umwidmung des Gebäudes, so daß sich heute die Räumlichkeiten des Vizekanzlers der Universität und weitere Verwaltungseinrichtungen darin befinden, desweiteren der Große Saal und der Ratssaal der Bildungseinrichtung. Da der alte Name nun nicht mehr so ganz paßte, bürgerte sich schließlich die Bezeichnung Clock Tower – Uhrenturm – ein.

Wir spazieren in nördlicher Richtung die Princes Street entlang. Weil wir jedoch nicht so recht Lust haben, nach all dem schönen Grün nun eine schnöde Straße entlangzuwandern, nehmen wir, nachdem wir den linken Seitenflügel des Clock Towers passiert haben, einen Fußweg, der nach rechts auf das Universitätsgelände führt, das seinerseits von üppigem Grün bewachsen ist. Weit müssen wir nicht gehen, da leuchtet zwischen den Bäumen und Büschen die beigefarbene, orange abgesetzte Holzfassade eines weiteren Gebäudes hervor, das von einem riesigen, schlanken Nadelbaum überragt wird, der sofort ins Auge fällt. Das Gebäude wirkt wie ein Wohnhaus aus dem vorigen Jahrhundert. Neugierig suchen wir zu seiner Frontseite zu gelangen.

Doch bevor wir dort ankommen, werden wir plötzlich abgelenkt. Direkt neben uns setzt unvermittelt ein außerordentlich lautes Zirpen ein. Im ersten Moment denke ich an eine Grille, ein Heupferdchen, doch bei dieser Lautstärke müßte es sich schon um ein regelrechtes Heuroß handeln. Und wenn ich es recht bedenke, trifft die Bezeichnung Zirpen auch nicht so recht das, was ich da gerade höre. Es klingt eher, als würde jemand einen dicken Stock über ein großes Waschbrett ziehen. Was ist das?

Neugierig spüre ich dem Geräusch hinterher, das immer wieder einmal pausiert, kurz darauf jedoch wieder mit unverminderter Lautstärke einsetzt. Schließlich entdecke ich am dünnen Stämmchen eines kleinen Baumes den Verursacher des, nun ja, Lärms: eine Zikade. Wie ich es vermutet hatte, ist das Insekt von beachtlicher Größe. Vorsichtig, um es nicht zu verschrecken, hebe ich meine Kamera und halte den eigentümlichen Sänger für die Nachwelt fest:

Eine Zikade.
Chorzikaden wie diese sind in Neuseeland heimisch und weit verbreitet. Selbst in den Städten ist ihr lautes Zirpen zu gewissen Tageszeiten allgegenwärtig.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Wir schauen und hören der Zikade noch eine Weile interessiert zu, doch schließlich wenden wir uns wieder unserem eigentlichen Ziel zu: dem Gebäude mit der hölzernen Fassade.

Ein kleines, daran angebrachtes rundes Schild gibt uns Auskunft:

Old Government House

Designed by William Mason
„The first New Zealand Architect“
This building was built in 1856 by Mr. Hay for
£ 14.581. It replaced the original house on this
site built by Governor Hobson in 1841
and destroyed  by fire in 1848.
It remained a Vice-Regal Residence until
1969 when it was transferred
to the University.

Übersetzt heißt das:

Altes Regierungsgebäude

Entworfen von William Mason
„Der erste neuseeländische Architekt“
Dieses Gebäude wurde 1856 von Mr. Hay für 14.581 £ gebaut. Es ersetzte das ursprüngliche Haus an dieser Stelle, das 1841 von Gouverneur Hobson errichtet und 1848 durch ein Feuer zerstört wurde. Es diente bis 1969 als Vizeregierungsresidenz und wurde dann an die Universität übertragen.

Na, damit ist doch alles Wesentliche gesagt. Oder nicht? Nun, man könnte noch ergänzen, daß zum Zeitpunkt der Errichtung dieses Gebäudes Auckland die Hauptstadt des Landes war, was es notwendig machte, daß der Gouverneur hier eine Residenz hatte. Interessant ist auch, daß das Old Government House das erste Gebäude Neuseelands war, bei dem man sich die Mühe machte, die hölzerne Fassade so zu bearbeiten, daß sie den Eindruck vermittelte, aus Stein zu sein. Neun Jahre nach seiner Fertigstellung verlor Auckland seinen Hauptstadt-Status, da es ihn 1865 an Wellington abtreten mußte. Zwar war Auckland die größere der beiden Städte, aber Wellington lag einfach zentraler. Das Old Government House blieb dem Gouverneur allerdings als Vize-Residenz erhalten.

Als diese 1969 in ein anderes Gebäude im Stadtteil Mount Eden verlegt wurde, übergab man das Old Government House der Universität. Für uns ergibt sich daraus ein unmittelbarer Vorteil, denn als wir vor dem Haupteingang des Gebäudes stehen, stellen wir erfreut fest, daß die Hochschule unter anderem auch ein Restaurant beziehungsweise Café darin eingerichtet hat. Und da es nun schon weit über den Mittag hinaus ist, melden sich unsere Mägen mittlerweile vehement zu Wort. Wir zögern daher nicht lange und suchen uns einen der Tische aus, die vor dem Gebäude im Freien stehen. Schließlich haben wir einen schönen sommerlichen Februartag, da wollen wir natürlich nicht drinnen sitzen, wenn es sich vermeiden läßt. Kurz darauf stellen wir fest, daß wir doch hinein müssen, denn hier ist Selbstbedienung. Na gut, wir sind ja nicht verwöhnt. Dann holen wir uns unser Essen eben selbst. Im Inneren des Gebäudes müssen wir etwas suchen, um den Weg zum Essen zu finden. Er führt uns einmal durch das Innere des Hauses auf dessen andere Seite. Dort angekommen, haben wir etwas vor uns, was wir bereits gut aus unseren eigenen Studienzeiten an einer Universität kennen und wofür ich keineswegs den Begriff Restaurant oder Café gebrauchen würde. Was wir sehen, erinnert eher an eine Kantine.

Na, macht nichts. Wir suchen uns jeder ein Essen aus, bezahlen und tragen es den Weg zurück aus dem Gebäude hinaus an unseren Tisch. Über die Qualität kann ich eigentlich nicht viel sagen – die bleibt mir offenbar nicht in Erinnerung. Weder richtig gut noch richtig schlecht, das trifft es wohl am besten. Was sich mir jedoch einprägt, ist der Eindruck, daß mich im Inneren des Gebäudes kaum etwas daran erinnert, daß es sich dabei um einen ehemaligen Regierungssitz handeln könnte. Dies wird mir später bestätigt, als ich noch ein wenig mehr über das Old Government House herausfinden möchte. Ich erfahre, daß es nun hauptsächlich als Aufenthaltsraum für das Personal dient und eine Empfangssuite für den Rat der Universität, Wohnungen für Gastwissenschaftler, Räume für den Verband der Hochschulabsolventinnen und einen Hörsaal beherbergt. Um all dies in dem Haus unterbringen zu können, hat man dessen Inneres im Laufe der Zeit mehr und mehr verändert, um es an die Bedürfnisse der Lehreinrichtung anzupassen. Die Atmosphäre einer palastähnlichen Residenz ist dabei allerdings weitestgehend verlorengegangen. Wirklich schade.

Das Old Government House in Auckland
Von außen sieht das Old Government House in Auckland noch wie ein ehrwürdiger Gouverneurssitz aus dem vorigen Jahrhundert aus. Im Inneren ist davon allerdings nur noch wenig zu sehen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Während wir hier draußen im warmen Sonnenschein sitzen, haben wir genug Zeit, uns umzusehen. Einige der Bäume auf dem Gelände rings um das Gebäude sind, wie es den Anschein hat, so alt wie das Old Government House selbst. Erneut fällt mir der riesige Nadelbaum auf, der es weit überragt. Es heißt, diese Norfolk-Kiefer habe Sir George Grey höchstpersönlich während seiner zweiten Amtszeit als Gouverneur in den 1860er Jahren gepflanzt. Nun, alt genug könnte sie dafür wohl sein.

Als wir schließlich unseren Weg über das Gelände der Universität fortsetzen, kommen wir an einem etwa drei Meter hohen Strauch vorüber, der hier am Rande eines Fahrwegs auf einer Rasenfläche wächst. Wunderschöne große, rosafarbene Blüten mit fünf Blütenblättern und einem langen Griffel, besetzt mit gelben Staubblättern, erblühen in großer Zahl rings um den gesamten Strauch, in dem ich einen engen Verwandten meines Chinesischen Roseneibischs, einer Hibiskus-Art, erkenne, der zu Hause mein Wohnzimmer verschönert und bei dem ich, wie ich leicht zerknirscht zugeben muß, nie so recht darüber nachgedacht habe, wo er eigentlich heimisch ist. Manchmal muß man eben erst ans andere Ende der Welt reisen, um etwas darüber zu lernen, was man zu Hause direkt vor der eigenen Nase hat…

Wenige Schritte weiter treten wir unter den Bäumen, die unseren Weg beschattet haben, hervor, passieren ein Tor in einem weißen Zaun und erreichen eine große Straßenkreuzung. Wir haben den City-Campus der Universität Auckland, den größten ihrer sechs Standorte, hinter uns gelassen – und keine Gelegenheit, dies zu bedauern. Denn schon an eben dieser Kreuzung, an der sich vier Straßen begegnen, finden wir zwei weitere Sehenswürdigkeiten der Stadt, die unsere Aufmerksamkeit unmittelbar auf sich ziehen.

An der Ecke Alten Road und Symonds Street reckt eine verhältnismäßig kleine Kirche ihren schönen Turm in die Höhe, der ein wenig so wirkt, als solle er die Kleinheit der Kirche unbedingt wettmachen, denn er scheint für sie ein wenig zu groß beziehungsweise zu hoch zu sein. Das tut der Schönheit seiner Architektur jedoch keinen Abbruch. Ein großes Schild, das man an der Seite der Kirche aufgestellt hat, informiert uns, daß wir hier die Kirche Saint Andrew’s vor uns haben, die nicht einfach nur ein presbyterianisches Gotteshaus ist, sondern die erste presbyterianische Kirche Aucklands. Tatsächlich ist sie, von 1847 bis 1850 errichtet, sogar die erste Kirche, die in der Stadt gebaut wurde. Bereits der erste Entwurf von Walter Robertson, dem der Kirchenbau entspricht, sah einen Turm und auch einen Säulengang vor. Doch bereits damals kam es so, wie es auch heute oft genug geschieht – die geplanten Kosten wurden massiv überschritten und man konnte sich Turm und Säulengang schlicht nicht mehr leisten. So soll die Kirche lange Jahre eher an eine Scheune erinnert haben als an ein Gotteshaus. Erst im Jahr 1882 konnten Turm und Säulengang ergänzt werden, basierten aber nun auf Entwürfen von Matthew Henderson.

Der Kirche schräg gegenüber auf der anderen Seite der Kreuzung, an der Ecke, die von den Straßen Anzac Avenue und Waterloo Quadrant gebildet wird, steht auf einer kleinen Erhebung ein trutziges Gebäude aus rotem Backstein, dessen Kanten und Fensterumrandungen mit weißen Steinen gefaßt sind. Wirkt es so schon ein bißchen wie eine kleine Festung, wird dieser Eindruck durch zwei zinnenbewehrte Türme noch verstärkt. Dieses neugotische Gebäude stammt aus der Mitte der 1860er Jahre und ist der Sitz des Obersten Gerichts Aucklands, des High Courts. Bereits als Gerichtsgebäude errichtet – die Gestaltung ist daher keineswegs zufällig gewählt, sondern war zu jener Zeit der bevorzugte Stil für solche Bauten im britischen Empire -, diente es seitdem nahezu ununterbrochen diesem Zweck.

Wir schlendern nun die Anzac Avenue entlang, die uns der Waterfront entgegenbringt, an der entlang wir zur Queen Street wandern wollen. Noch immer haben wir die Höhe, zu der wir bei unserem Eintritt in den Albert-Park aufgestiegen sind, nicht verlassen, doch als wir zwischen den Häusern, an denen wir nun entlanggehen – die Grünanlagen haben wir mit dem Gelände der Universität endgültig hinter uns gelassen -, weiter unten ein massives Gebäude erblicken, das ebenfalls schon einige Jahrezehnte gesehen haben dürfte, ist unser Interesse geweckt und wir nutzen die nächste Gelegenheit, über eine Abfolge von Treppen von der Höhe wieder herunterzusteigen. Kurz darauf stehen wir an der Beach Road – warum die wohl so heißt? Einen Strand gibt’s hier jedenfalls nicht – und blicken über einen großen Platz, an dessen anderer Seite sich das besagte Gebäude erhebt.

Über drei riesigen Bogenfenstern, die fast die gesamte Höhe des zweistöckigen Gebäudes einnehmen, ist in großen Lettern

RAILWAY STATION

zu lesen. Ein Bahnhof also. Zwischen den beiden Wörtern ist eine große Uhr zu sehen, die aber offenbar nicht mehr funktioniert, denn sie zeigt fünf Minuten vor fünf Uhr an, was keineswegs stimmen kann. Das ist für einen Bahnhof etwas ungewöhnlich, denn gerade dort ist doch die Kenntnis der aktuellen Uhrzeit für die zu den Zügen eilenden Reisenden von essentieller Wichtigkeit. Moment! Reisende? Die zu den Zügen eilen? Da sind keine! Abgesehen von abgestellten Autos sind Auffahrt und Vorplatz des Bahnhofs auffallend leer. Keine Menschenseele ist zu sehen.

Das alte Bahnhofsgebäude der einstigen Auckland Railway Station
Das ehrwürdige alte Bahnhofsgebäude der einstigen Auckland Railway Station.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Nun, das ist auch kein Wunder. Denn mit intensivem Zugverkehr ist an diesem alten Bahnhof, der, wie man der Aufschrift an seiner Vorderfront entnehmen kann, einst einfach Auckland Railway Station hieß, heute nicht mehr zu rechnen. Ende der 1920er Jahre errichtet und 1930 hier an der Beach Road eröffnet, ersetzte er einen einstigen Endbahnhof, der sich an der nicht allzuweit entfernten Queen Street befand, etwa dort, wo wir tags zuvor das Britomart Transport Centre vorgefunden hatten. Und dieses war es auch, das seinerseits im Jahre 2003 die Auckland Railway Station ablöste, so daß diese nach dreiundsiebzig Jahren im Dienst nun geschlossen wurde. Von ihren einst sieben Bahnsteigen wandelte man fünf in Abstellgleise um und behielt ganze zwei, die man bis zum heutigen Tag noch für Ausflugszüge, als Notreserve und als Endstation für den Fernverkehr des Northern Explorer nutzt. Um aber Verwirrung über den Bahnhofsnamen zu vermeiden – jeder würde unter dem Namen „Auckland Railway Station“ den Hauptbahnhof der Stadt vermuten -, führte man den nun sehr eingeschränkten Betrieb unter dem neuen Namen Strand Station fort.

Das einstige Bahnhofsgebäude, das William Henry Gummer einst im Beaux-Arts-Stil entworfen hatte, können die wenigen Fahrgäste allerdings nicht mehr nutzen, um die verbliebenen Bahnsteige zu erreichen. Das hatte man direkt nach der Schließung des Bahnhofs in ein Wohnhaus umgewandelt, dem man den Namen Grand Central Apartments gab und in dem zeitweilig ein Studentenwohnheim untergebracht war. Der Öffentlichkeit ist der Bau damit weitestgehend entzogen. Und das ist ein ausgesprochen trauriger Umstand, denn wie ich einschlägigen Beschreibungen des Gebäudes entnehme, war es einst eines von Aucklands repräsentativsten Gebäuden! Kunstvoll gestaltete öffentliche Räume und zahlreiche Einrichtungen und Geschäfte machten es zu einem wichtigen öffentlichen Ort der Stadt. Besonders beeindruckend war wohl die prächtige Metalldecke in der Haupthalle, die man in Deutschland herstellen ließ. Die Teile wurden nach ihrer Fertigstellung verschifft und an Ort und Stelle zusammengesetzt. Importierter Marmor und feine Bronzedetails mit einem wunderschönen Terazzoboden hatten das prunkvolle Erscheinungsbild des Bahnhofsgebäudes vervollständigt. All das bekommen wir nun nicht zu sehen – wenn es denn überhaupt noch vorhanden ist.

Wir gehen die Beach Road entlang, bis sie endet und in die Customs Street übergeht, die hier ein „East“ angehängt bekommt – ein Zeichen, daß wir wohl nicht mehr allzuweit von der Queen Street entfernt sind. Und richtig, ein paar Minuten später haben wir sie erreicht, biegen rechts in sie ein und stehen alsbald vor dem alten, ehrwürdigen, amtlich aussehenden Gebäude mit der großen Uhr über dem Eingang, das einst das Hauptpostamt der Stadt war und heute als Empfangshalle des Britomart Transport Centres dient. Wir werfen einen Blick hinein und ich stelle fest, daß das Erdgeschoß aus einem riesigen Saal besteht, der von der Vorder- bis zur Rückseite des Gebäudes reicht. Die Decke ruht auf zahlreichen runden Säulen, ergänzt um einige viereckige Pfeiler, die als Basis jeweils einen stählernen Fuß besitzen. Kleine, in die Halle hineingebaute Kioske verkaufen Sandwiches, Lebensmittel oder Fahrkarten, es gibt eine Cafeteria, deren Sitzbereich in der Mitte der Halle auf einem um drei Stufen erhöhten Podest liegt, wo sich auch ein Wartebereich mit mehreren Bänken befindet. Eine große Anzeigetafel, die die nächsten Abfahrtszeiten der Züge verkündet, fehlt natürlich auch nicht. Alles in allem war es das aber auch schon.

Ein Bahnhof ist allerdings nirgends zu sehen, was uns aber nicht weiter verwundert, denn wir wissen ja bereits, daß er sich im Untergrund befindet. So sind wir auch nicht überrascht, als wir an der Rückseite des Gebäudes eine breite Treppe vorfinden, die in die Tiefe hinabführt. Um die Hinauf- und Hinabsteigenden ausreichend vor der Witterung zu schützen, hat man hier an das alte Hauptpostamt einen modernen Glaswürfel angebaut, der den Einstieg in den Untergrundbahnhof umhüllt.

Als Eisenbahnliebhaber müssen wir natürlich wenigstens einmal einen Blick in den unterirdischen Bahnhof geworfen haben, und so steigen wir kurzerhand die Treppe hinunter. Unten angekommen, versperrt uns eine Batterie von Bahnsteigsperren den Weg zu den Gleisen, doch wir können den Bahnhof auch so ganz gut überblicken. Drei Bahnsteige, fünf Gleise, alle nebeneinander in einem breiten Tunnel angeordnet. Wir stehen am Kopf des Bahnhofs, die Gleise enden direkt vor uns an Prellböcken. Ein Kopfbahnhof also, dessen Ausfahrt in Richtung der alten Auckland Railway Station liegt. Nun, das verwundert auch nicht.

Die Decke des Tunnels ist recht hoch, senkt sich über den beiden äußeren Gleisen jedoch ab. Das ermöglicht es, daß die den Bahnhof erhellenden Lampen nicht nur in die Decke eingelassen werden konnten, sondern sich auch in der so entstehenden Seitenwand des abgesenkten Deckenbereichs befinden. Tagsüber bekommt der Bahnhof überdies noch Licht aus mehreren Oberlichtern, die sich hintereinander in der Mitte der Tunneldecke befinden. Eines ist direkt vor den Bahnsteigsperren über uns plaziert. Als ich hinaufschaue, stelle ich fest, daß es ein Okulus ist – ein kreisrundes Deckenfenster. Merkwürdig finde ich allerdings, daß der Blick durch die Scheiben keineswegs klar ist, sondern das sich eigentümliche Schlieren über das Glas zu bewegen scheinen. Ich kann mir keinen rechten Reim darauf machen.

Während wir wieder zur Oberfläche hinaufsteigen, grüble ich weiter darüber nach, finde aber keine Erklärung. Das soll sich jedoch schlagartig ändern, als wir den Glaspavillon über der Treppe erreicht haben und an seiner Rückseite das Bahnhofsgebäude verlassen. Wir stehen nun auf einem Platz, der hinter dem alten Hauptpostamt liegt. Bahnhofsvorplatz kann man ihn daher wohl nicht nennen. Gibt es ein entsprechendes Wort für die hiesige Situation? Bahnhofsrückplatz vielleicht? Ich komme nicht dazu, mir andere Wörter zu überlegen, denn nun fällt mein Blick auf einen Brunnen, der sich in der Mitte der Freifläche befindet. Er ist kreisrund und nur etwa einen halben Meter hoch. In seiner Mitte befindet sich keine Fontäne, sondern das Wasser wird von dort befindlichen Düsen auf eine ebene Fläche gesprüht. Unter dem Druck rinnt es zu deren Rand, wo es in einer Vertiefung wieder verschwindet. Die runde Fläche allerdings besteht – aus Glas. Das ist das Okulus – und des Rätsels Lösung! So einfach, so genial.

Brunnen am Britomart Transport Centre.
Ein gut getarntes Fenster in die Unterwelt – der Brunnen am Britomart Transport Centre.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Wir wandern um das Empfangsgebäude des Britomart Transport Centres herum zurück zur Queen Street. Der Name des Bahnhofs geht auf eine einstige Landspitze namens Point Britomart zurück, die sich früher an dieser Stelle im Waitematā Harbour befand, im Zuge von Landgewinnungsmaßnahmen jedoch verlorenging. Mit anderen Worten: Dort, wo heute Hochhäuser links und rechts der Queen Street in den Himmel ragen, schwappten einst die Wellen des Waitematā Harbours hin und her. Nun ergibt es auf einmal auch einen Sinn, daß die Straße, die wir vorhin hierher entlanggewandert waren, den Namen Beach Road trägt. Der „Strand“ hatte sich zu jener Zeit tatsächlich viel weiter landeinwärts befunden als heute.

Daß man Anfang der 2000er Jahre das Britomart Transport Centre hier in den Untergrund baute, wurde dadurch motiviert, daß man die Auckland Railway Station als zu weit von der Innenstadt entfernt befand. Dies soll bereits bei deren Eröffnung als Hindernis empfunden und kritisiert worden sein. Dennoch blieb sie mehr als siebzig Jahre in Betrieb, bis man der anhaltenden Kritik nachgab und die Eisenbahn an den Ort zurückbrachte, an dem sie früher ihren Anfang genommen hatte. Manche Dinge dauern eben manchmal etwas länger…

Wir spazieren nun hinüber zur Waterfront an der Quay Street, wo wir erneut den Roten Zaun bewundern. Diesmal zieht es uns jedoch nicht hinaus auf die Piers. Der Tag ist noch immer jung genug, um uns noch ein weiteres Ziel zu setzen. Und dafür müssen wir als nächstes zum Fährterminal hinter dem Ferry Building…

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Auf dem Himmelsturm

Dieser Beitrag ist Teil 3 von 6 der Beitragsserie "Reise nach Neuseeland & Singapur"

Der nächste Morgen findet uns ausgeruht und bereit, die Stadt ausgiebig zu erkunden. Zu Beginn unserer ersten Nacht in Neuseeland hatte es noch kurz so ausgesehen, als könnte sie etwas unruhig und schlaflos werden, da ich feststellen mußte, daß die Klimaanlage, die wir zur Vermeidung stickiger Luft im Zimmer angestellt hatten – die Fenster ließen sich ja leider nicht öffnen -, in regelmäßigen Abständen kühle Luft direkt auf meine Liegestatt hinab- und mir ins Gesicht blies – ein Umstand, der mich beim Hinüberdämmern in den Schlaf immer wieder aufschrecken ließ, so daß an Ruhe nicht so recht zu denken war. Doch ich machte dem nach einiger Zeit kurzentschlossen ein Ende, indem ich aufstand und das Lüftungsgerät einfach ausschaltete. Lieber etwas stickige Luft als keinen rechten Schlaf. Glücklicherweise erwies sich unser Zimmer als groß genug, daß es dennoch zu keinem Sauerstoffmangel kam. Und auch die Luftqualität blieb alles in allem erträglich.

So war die Nacht dann doch erholsam gewesen, und nun stehen wir nach einem guten Frühstück, das wir in unserem Hotel eingenommen hatten, frohen Mutes auf der Straße und schauen dem morgendlichen Verkehr zu, während wir warten, daß die Ampel uns den Weg über die Albert Street freigibt. Weit haben wir es nicht, nur ein Stück die Wellesley Street West entlang bis zur nächsten Querstraße, die wir dann allerdings noch ein kleines Stück entlanggehen müssen. Doch bereits an der Ecke zur Federal Street – so heißt die Querstraße – ist das Ziel unseres kurzen Weges nicht zu übersehen, ragt es doch satte 328 Meter vor uns in die Höhe: der Sky Tower inmitten des Stadtzentrums von Auckland.

Der Sky Tower im Zentrum von Auckland
Hoch in den blauen Himmel eines herrlichen Morgens ragt er auf, der Sky Tower im Zentrum Aucklands.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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„Sollt‘ Dir die Gegend unklar sein,
hol einen Überblick Dir ein.“

Nach diesem Motto wollen auch wir verfahren und uns diesen Überblick im Wortsinne verschaffen, indem wir unseren ersten Tag in Auckland damit beginnen, dieses höchste freistehende Bauwerk der südlichen Hemisphäre zu erklimmen. Doch bevor wir das tun, erregt noch ein anderes, unserer Position an der Straßenecke der Federal Street näheres Bauwerk unsere Aufmerksamkeit. Trutzig steht es dort auf der anderen Seite der Wellesley Street West und reckt ebenfalls einen mächtigen Turm nach oben. Der kann zwar, was die Höhe angeht, mit dem schlanken Sky Tower keineswegs mithalten, doch dieses Manko macht er durch sein massives Erscheinungsbild ohne weiteres wett. Wo der eine durch seine graziöse Eleganz bedeutend wirkt, die jedoch nur in Verbindung mit seiner Höhe zum Ausdruck kommt, tut es der andere allein durch seine Wuchtigkeit.

Doch nicht nur ihre unterschiedlichen Formen machen den Gegensatz zwischen den beiden Türmen aus. Ebenso augenfällig wie jene ist auch die Tatsache, daß sie durch ein knappes Jahrhundert voneinander getrennt werden. Der trutzige Turm uns gegenüber gehört zum Gotteshaus Saint Matthew in the City, einer anglikanischen Kirche, deren Errichtung man zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts begann und die man 1905 fertigstellte. Den neugotischen Stil, in dem sie gehalten ist, kann man kaum übersehen. Was ich zwar nicht bemerke, doch später erfahre, ist, daß das Kirchengebäude in seinen Mauern einen rund 1.300 Jahre alten Stein birgt, der aus den Ruinen der Abtei Sankt Augustinus in Großbritannien stammt, eines Klosters, das nicht nur das erste im südlichen England war, sondern auch die erste Gründung darstellte, die der Benediktiner-Orden außerhalb des kontinentalen Europas vornahm.

Was Historie angeht, so kann der elegant-moderne Sky Tower dem natürlich nichts entgegensetzen, ist mit seinem Bau doch erst im Jahre 1994 begonnen worden. Drei Jahre hat es gedauert, bis er fertig war. Nur drei Jahre, ergänze ich in Gedanken. Warum scheint eigentlich die Errichtung  neuer Bauwerke, egal, ob unter oder auf der Erde, in anderen Ländern der Welt immer so viel schneller vonstattenzugehen, als wir das in Deutschland stets erleben? Es kann mir doch keiner erzählen, daß so ein Fernsehturm, der immerhin Platz 28 auf der Rangliste der höchsten Türme der Welt einnimmt, so viel einfacher zu bauen ist als beispielsweise ein Flughafen, ein Bahnhof oder eine Philharmonie?

Aber lassen wir das. Wir spazieren die wenigen Meter die Federal Street entlang, die uns vom Sky Tower noch trennen. Als wir dort ankommen,  schaue ich den Schaft des Turmes hinauf, der über mir in den stahlblauen Himmel ragt. Beeindruckend.

Weniger beeindruckend ist die unmittelbare Umgebung des Turmes. Er steht inmitten eines Unterhaltungs- und Kasinokomplexes namens „Skycity Auckland“, in dem allerdings um diese Tageszeit nicht sonderlich viel los ist. Unterhaltung und Glücksspiel sind doch eher Abend- als Morgenbeschäftigungen. Nun, uns ist das egal – wir wollen sowieso in höhere Sphären. Der Eingang ist schnell gefunden, auch die Tickets zu erwerben, ist keine große Sache. Und so stehen wir alsbald in einem der Fahrstühle, der uns den Turm hinaufbringt. Als ich vorhin von Erklimmen sprach, hat doch hoffentlich niemand angenommen, wir würden da zu Fuß hinauflaufen?

Während wir hinauffahren, ist etwas Zeit, um uns ein wenig über den Turm zu informieren. Zwei Aussichtsplattformen gibt es, so erfahren wir. Die erste ist auf einer Höhe von 186 Metern zu finden, die zweite liegt noch einmal 34 Meter höher. Dazu kommen noch ein Café und zwei Restaurants, von denen eines eine Eigenschaft besitzt, die den Sky Tower mit dem Berliner Fernsehturm verbindet: es rotiert. Einmal in der Stunde absolviert es eine komplette Umdrehung. Nun, das werden wir eher nicht überprüfen, denn wir begnügen uns mit dem Besuch der Aussichtsplattformen.

Als wir im sogenannten Main Observation Deck – der unteren der beiden Aussichtsplattformen – aus dem Fahrstuhl steigen und das erste Mal einen Blick aus den großen Panoramafenstern werfen, stockt uns schon ein wenig der Atem. 186 Meter über dem Boden – das klingt nicht nach besonders viel, doch wenn man hier oben ist, dann ist das auf einmal ganz schön hoch! Doch die Aussicht ist phantastisch.  Das Wetter ist für unseren Ausflug auf den Turm wie gemacht – der Himmel leuchtet tiefblau und schmückt sich mit zahllosen mehr oder minder kleinen weißen Wölkchen. Ein wahrlich hübscher Anblick, und das nicht nur am Himmel selbst. Die freundlich von dort herablächelnde Sonne sorgt dafür, daß die Wolken auch auf der Stadt, die sich im weiten Rund um und unter uns ausbreitet, ihre Spuren hinterlassen, und zwar in Form kleiner und großer Schatten. Das resultiert in einem scheckigen Muster, das in einer permanenten Bewegung über die Erdoberfläche zieht und sich dabei ständig verändert. Allein dabei zuzusehen, ist schon faszinierend.

Dasselbe gilt für die Stadt selbst. Von hier oben können wir sie zur Gänze überblicken. Eine gute Möglichkeit, sich zu orientieren – ein bißchen so, als würden wir auf eine dreidimensionale Landkarte blicken. Doch bevor wir das tun, müssen wir uns ganz dringend einer anderen Attraktion widmen, die wir bei unseren ersten Schritten durch das Main Observation Deck entdecken. An einigen Stellen sind in dessen Boden Glasplatten eingelassen. Neugierig treten wir näher an eine heran, blicken auf sie herab und … sehen den Boden unter uns. Also nicht den der Aussichtsplattform, in der wir uns befinden, sondern den Erdboden. Mit den Gebäuden rings um den Turm. Und den Straßen. Den Menschen. Den Autos.

Der Glasboden im Sky Tower in Auckland
Zwei Füße – meine Füße – über jeder Menge leerer Luft. Ganze 38 Millimeter Glas trennen sie von 186 Metern Nichts und dem Erdboden dahinter.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Ein Glasboden! Großartig! Ich bin begeistert. Kurz darauf stehe ich auf einem der Felder, zücke meinen Fotoapparat und mache ein Foto von meinen Füßen über jeder Menge leerer Luft. Als ich kurz darauf wieder aufblicke, bemerke ich einige zweifelnde Blicke, die mir von Umstehenden zugeworfen werden. Habe ich was falsch gemacht? Darf man das nicht? Ich schaue mich um, kann aber keinen Hinweis darauf entdecken, daß es verboten sein könnte, auf die Glasplatten zu treten. Kurz über ihnen finde ich an der Wand lediglich kleine Schilder, auf denen folgendes zu lesen ist:

This glass floor is 38mm thick.
IT IS AS STRONG AS THE CONCRETE
FLOORS YOU ARE STANDING ON.“

Übersetzt heißt das:

Dieser Glasboden ist 38 Millimeter dick.
ER IST SO STARK WIE DER BETONBODEN,
AUF DEM SIE STEHEN.

Na also. Keine Gefahr. Und auch kein Verbot. Ich beantworte die Blicke mit einem freundlichen Lächeln, worauf sie sich schnell von mir abwenden. Ich beobachte, wie die Leute, die mich eben so zweifelnd betrachtet hatten, zwar neugierig versuchen, durch die Glasplatten in die Tiefe zu blicken, es aber tunlichst vermeiden, auch nur einen Millimeter darauf zu treten. Sie scheinen der Versicherung, daß es völlig ungefährlich ist, darauf zu stehen, nicht so recht zu trauen. Man kann ja nie wissen…

Nun, sollen sie. Man wird ja hier zu nichts gezwungen. Ich wende mich nun der phänomenalen Aussicht vor den Fenstern der Aussichtsplattform zu. In nördlicher Richtung breitet sich vor mir die Wasserfläche des Waitematā Harbours aus. Der Blick reicht dabei von seinem Ende im Landesinneren im Westen bis zu seiner Mündung in den großen Hauraki Golf im Osten, von dem er ein Teil ist. Dort führen zwei Kanäle zum Hauptteil des Golfs hinüber. Die Stelle, an der sie sich voneinander trennen, wird durch eine große nahezu runde Insel markiert, in deren Mitte sich ein markanter Gipfel erhebt: der Rangitoto auf der nach ihm benannten Insel Rangitoto Island. Im Gegensatz zum Stadtgebiet erscheint diese in einem dunklen, satten Grün. Eine Spur von Bebauung ist dort nirgends auszumachen. Ich mache mir eine gedankliche Notiz dahingehend, daß wir nach Möglichkeit einen Besuch dort einplanen sollten. Auf unserem Spaziergang tags zuvor hatte ich am Fährterminal hinter dem Ferry Building gesehen, daß Fähren dorthin abgingen. Also sollte es keine allzu große Schwierigkeit darstellen, die Insel aufzusuchen und zu besichtigen.

Geradezu dehnt sich hinter dem Waitematā Harbour eine große, etwas zerklüftet wirkende Halbinsel aus. Dort ist zwar auch viel Grün auszumachen, doch ist die dichte Bebauung nicht zu übersehen. Dort liegen Devonport und Takapuna – Ortsteile von North Shore City. Es ist noch gar nicht so lange her, daß dies die viertgrößte Stadt Neuseelands war. Im Jahre 2010 hat man jedoch beschlossen, eine Art Äquivalent zur Schaffung von Groß-Berlin im Jahre 1920 zu vollziehen und einige bis dahin eigenständige große und kleine Orte in Auckland einzugemeinden. Auckland Council entstand, das aber sicherlich – außer in Amtsgeschäften – niemand so nennt. All das ist nun einfach Auckland.

Das Panorama des Waitematā Harbour
Das prächtige Panorama des Waitematā Harbour breitet sich zu Füßen des auf dem Sky Tower weilenden Betrachters aus.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Daß man, wenn man dort hinüber will, am besten die Fähre nimmt, um möglichst schnell auch dort anzukommen, das wird von hier oben offenkundig. Selbst aus dieser Perspektive ist es schwierig, jede Windung des Ufers des großen Waitematā Harbours auszumachen, der sich bis tief ins Landesinnere in unzählige kleinere und größere Seitenbuchten verzweigt. Da drumherumfahren zu müssen, kostet sicher reichlich Zeit. Diese läßt sich natürlich auch verkürzen, indem man die Auckland Harbour Bridge benutzt, die sich nicht allzuweit vom Stadtzentrum entfernt über den großen Naturhafen schwingt. Allerdings ist, so lese ich später, diese anfangs vierspurige Brücke seit ihrem Bau ein verkehrstechnisches Nadelöhr, so daß man sie bereits einmal erweitern mußte, indem man links und rechts zusätzliche Fahrbahnen mit jeweils zwei weiteren Spuren anbaute, was das Problem allerdings nicht auf Dauer lösen konnte. Also doch lieber die Fähre.

Von hier oben kann ich die Brücke nun in ihrer ganzen Länge sehen, die immerhin stolze 1,15 Kilometer beträgt. Nur ein kleiner Teil zwischen zweien der insgesamt sechs Brückenpfeiler weist die hohen stählernen Bögen auf, die mich gestern eine gewisse Ähnlichkeit zur Sydney Harbour Bridge hatten erkennen lassen. Nun, in ihrer Gesamtansicht, ist diese Ähnlichkeit nicht mehr ganz so groß.

Direkt zu unseren Füßen liegt rings um den Turm die Innenstadt Aucklands, auch Central Business District genannt. Und ein zentrales Geschäftsviertel ist dies in der Tat, wie die zahlreichen Hochhäuser beweisen. Einige von ihnen hatten wir uns ja schon auf unserem gestrigen Bummel durch die Queen Street von unten besehen können. Daß sie nicht die Höhe der Wolkenkratzer anderer Großstädte der Welt erreichen, war uns dabei bereits aufgefallen. Dennoch stellen sie eine durchaus beeindruckende Versammlung dar, wenn ich sie jetzt so von oben betrachte. Und auch wenn ich historische Bauten aufgrund ihrer größeren Ästhetik, ihres schöneren baulichen Schmuckes und ihrer oft ganz eigenen, nun, nennen wir es Persönlichkeit vorziehe, so muß ich doch zugeben, daß diese nadelartigen Gebäude hier zumindest einen gewissen gefälligen Abwechslungsreichtum aufweisen, was ihre äußere Gestaltung angeht. Diese liegt jedenfalls weitab von dem eintönigen Einerlei der Bürogebäude, die man heutzutage in Berlin für gewöhnlich so errichtet. Woran das wohl liegt?

Wie dem auch sei, dadurch fühle ich mich sogar bemüßigt, das eine oder andere Foto eines Wolkenkratzers zu schießen, sei es wegen seiner originellen Form oder wegen der interessanten Spiegelungseffekte in seiner Glasfassade.

Die Aussicht von hier oben ist in allen Richtungen gleichermaßen ausgezeichnet. Das Main Observation Deck ist so gestaltet, daß man einen uneingeschränkten 360-Grad-Rundblick genießen kann. Man muß einfach nur an den großen Fenstern entlanggehen, die sich an seiner Außenseite entlangziehen. Und genau das tue ich jetzt, wobei ich mich entgegen dem Uhrzeigersinn bewege.

Nach Westen und Süden hin dominieren eher niedrige Bauten das Stadtbild. Viele ein- bis zweistöckige Häuser sind in den einzelnen Stadtteilen zu sehen, die so malerische Namen wie Saint Marys Bay, Herne Bay, Freemans Bay oder Ponsonby und Grey Lynn tragen.  Hochhäuser gibt es hingegen nur sehr vereinzelt. Im Südwesten wird der Waitematā Harbour schließlich in der Ferne durch eine Bergkette abgelöst – die Waitākere Ranges. Ihre tiefgrünen Hänge deuten auf eine waldreiche Gegend hin.

Als sich mein Blick schließlich nach Süden richtet, entdecke ich eine weitere Wasserfläche am Horizont. Auckland besitzt ja die einzigartige Eigenschaft, gleichzeitig an der Ost- und an der Westküste der Nordinsel Neuseelands zu liegen. Und das ist von hier oben zu sehen. Diese Wasserfläche ist nämlich der an der Westküste gelegene Manukau Harbour, der zweitgrößte Naturhafen Neuseelands. Daß er größer als der Waitematā Harbour an der Ostküste ist, kann ich aufgrund seiner größeren Entfernung vom Stadtzentrum nicht wirklich sehen. Was ich beim Weitergehen hingegen bemerke, ist, daß sich im Stadtgebiet nun mehr und mehr einzelne Erhebungen zeigen. Hier eine, dort eine. Die meisten sehen eher wie kleine Hügel aus, einige erreichen aber auch größere Höhen, so daß sie doch recht deutlich hervorstechen. Der höchste dieser Hügel – es ist der Mount Eden – zeigt, als ich ihn mit meinem Teleobjektiv näher zu mir heranhole, einen ausgeprägten Krater, der ihn sofort als Vulkan erkennbar macht.

Es ist schon ein etwas merkwürdiges Gefühl, daß sich in meiner Bauchgegend breitmacht, als ich so unmittelbar daran erinnert werde, daß Auckland auf einem riesigen vulkanischen Feld errichtet wurde. Neueste Forschungen haben ergeben, daß es von dreiundfünfzig Vulkanen gebildet wird, von denen sich die meisten im Stadtgebiet befinden. Gemeinhin geht man davon aus, daß sie nach ihrem Ausbruch erkaltet sind und somit in der Zukunft kein Feuer mehr speien werden. Das ist doch beruhigend, nicht wahr?

Nun, wie so oft im Leben gibt es ein Aber. Und in diesem Fall ist es ein sehr großes Aber. Zunächst wäre zu sagen, daß es sich bei der Vorhersage, daß die Berge auf dem Auckland Volcanic Field nicht wieder ausbrechen werden, nur um eine Annahme handelt. Sicherlich eine gut begründete Annahme, aber eben doch nur eine Annahme. Absolut sicher ist sich da niemand. Und wer davon nicht beunruhigt wird, für den gibt es noch eine zweite, die besagt, daß man davon ausgeht, daß Eruptionen jederzeit an einer anderen Stelle des Vulkanfeldes möglich sind. Man hat sogar ausgerechnet, wie wahrscheinlich es wohl ist, daß ein im Jahr 2008 in Auckland geborenes Kind, für das man eine Lebenserwartung von achtzig Jahren angenommen hat und das sein Leben lang in der Stadt bleibt, hier einen Vulkanausbruch erlebt. Acht Prozent. Sagen die Wissenschaftler. Ist doch gut zu wissen, oder? Da kann man doch planen.

Der Mount Eden.
Der Mount Eden ist mit seinen 196 Metern der höchste der Vulkankegel im Stadtgebiet Aucklands. Sein Krater ist überdeutlich zu erkennen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Für einen Moment bricht sich in mir die Vorstellung Bahn, daß sich plötzlich vor meinen Augen mitten in der Stadt die Erde auftut und ein Lavastrom hervorbricht, der einen neuen Vulkankegel formt. Und was ist eigentlich, wenn das Ganze auch noch mit dem reichlich vorhandenen Meerwasser in Kontakt kommt? Doch dann reiße ich mich am sprichwörtlichen Riemen und schüttle diese Bilder schnell ab, die dann doch ein ganz klein wenig zu dystopisch für meinen Geschmack sind. Ich gestatte mir noch kurz den Gedanken, daß ich eher bezweifle, diese Stadt, so schön sie auch sein mag, als Wohnort für meinen Lebensabend in Betracht zu ziehen; dann wende mich Erfreulicherem zu.

Links hinter dem Mount Eden bemerke ich einen weiteren der Vulkane, auf dem eine Art Denkmal oder eine Statue oder etwas in der Art zu stehen scheint. Genau erkennen kann ich es wegen der großen Entfernung nicht. Also nehme ich wieder mein Teleobjektiv zu Hilfe – praktisch, so ein Ding, taugt auch als Fernglas; wenn es nur nicht so schwer wäre – und besehe mir die Sache näher. Es ist ein Obelisk. Sofort fallen mir die Illuminaten ein. Ich habe definitiv zuviel Dan Brown gelesen…

Nein, mit den Illuminaten hat dieser Obelisk ganz sicher nichts zu tun. Er steht dort als Erinnerung an das einhundertjährige Jubiläum der Unterzeichnung des Vertrages von Waitangi. Durch diese Vereinbarung – in der Sprache der Māori als „Te Tiriti o Waitangi“ bezeichnet -, die am 6. Februar 1840 vom Captain der Royal Navy William Hobson als Konsul für die britische Krone und zahlreichen Chiefs der Māori-Klans unterzeichnet wurde, gelangte Neuseeland in den Status einer britischen Kolonie. Bemerkenswert ist, daß darin festgehalten ist, daß die britische Krone das Eigentum der Māori an ihren Ländereien, Wäldern und anderen Besitztümern anerkennt und ihnen die Rechte britischer Untertanen gewährt. Der Vertrag stellt die älteste Verfassungsurkunde Neuseelands dar und ist auch heute noch anwendbares Recht. Benannt ist er nach dem Ort der Unterzeichnung.

Der One Tree Hill in Auckland
Ein einzelner Obelisk ragt anstelle eines Baumes auf dem One Tree Hill in den Himmel. Man sagt, die Einwohner der Stadt würden den Hügel auch als „No Tree Hill“ bezeichnen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Der Berg, auf dem der Obelisk steht, trägt den Namen One Tree Hill, was Ein-Baum-Berg bedeutet. Das ist einigermaßen merkwürdig, denn soweit ich sehen kann, gibt es auf dem Gipfel nur den Obelisken, aber keinen Baum. Erst etwas tiefer an den Hängen sind vereinzelt Bäume anzutreffen. Nun, zum Zeitpunkt der Namensgebung soll es dort wohl genau einen Baum gegeben haben. Es ist anzunehmen, daß das stimmt, andernfalls ergäbe der Name des Berges überhaupt keinen Sinn. Wie so oft, wenn die Briten in Neuseeland Dinge benannt haben, hat ihre Bezeichnung mit der der Māori überhaupt nichts zu tun. Jene nennen den Hügel Maungakiekie, was übersetzt soviel wie „Berg der Kiekie“ bedeutet. Die Kiekie wiederum ist eine Kletterpflanze, die ausschließlich in Neuseeland zu finden ist. Rings um den Berg zieht sich, soweit ich von hier aus erkennen kann, ein Park. Daß er den Namen Cornwall Park trägt, erfahre ich später, als ich darüber nachlese, was mir auch die Erkenntnis einbringt, daß die Benennung im Jahre 1901 zu Ehren des Herzogs und der Herzogin von Cornwall und York vorgenommen wurde, die Auckland gerade besuchten. Sie gingen später als König Georg V. und Königin Mary von Großbritannien in die Geschichte ein.

Nachdem mittlerweile neben Rangitoto Island auch Devonport und der Mount Eden auf meiner gedanklichen Liste der Orte, die aufzusuchen sich lohnen könnte, stehen, kommen im weiteren Verlauf meiner Rundschau über die Stadt noch die Auckland Domain mit dem Auckland War Memorial Museum, der Albert Park und die Universität hinzu – alles Orte, die man von hier oben gut erkennen, aber nicht näher in Augenschein nehmen kann, die jedoch auf die eine oder andere Art mein Interesse wecken.

Herauszufinden, was man in der jeweiligen Blickrichtung jeweils gerade sehen kann, überläßt man hier oben übrigens nicht allein der Findigkeit des Besuchers. Vor den Fenstern sind immer wieder Tafeln aufgestellt, die mittels einer schematischen Darstellung des Geländes Hinweise auf interessante Sehenswürdigkeiten geben. Als kleine Zugabe verzeichnen sie auch bedeutende Städte der Welt, die in der jeweiligen Himmelsrichtung liegen, inklusive einer Entfernungsangabe. Und weil Berlin von den Neuseeländern glücklicherweise als bedeutend genug eingeschätzt wird, um hier verzeichnet zu sein, weiß ich nun also auch, daß wir aktuell gerade 17.736 Kilometer von zu Hause entfernt sind. Das ist immerhin näher als das 120 Kilometer weiter weg liegende Prag! Interessant, nicht wahr? Ich hätte das andersherum erwartet…

Dann rückt schließlich wieder der Waitematā Harbour in mein Blickfeld, und kurz darauf habe ich meine Runde um das Main Observation Deck vollendet, als ich erneut die Auckland Harbour Bridge sehen kann.

Auch wenn nicht davon auszugehen ist, daß wir 34 Meter weiter oben völlig neue Aussichten erwarten können, sind wir nun doch einmal hier, und im Preis ist der Besuch des Sky Decks inbegriffen. Also fahren wir kurzentschlossen mit dem Fahrstuhl das vergleichsweise kurze Stück hinauf.

Wie vermutet, ist die Aussicht hier oben nicht nur ebenfalls uneingeschränkt in alle Richtungen möglich, sondern genauso phantastisch wie weiter unten. Wir vollziehen auch hier eine komplette Umrundung und haben, weil wir jetzt nicht mehr alles zum ersten Mal sehen und auch nicht mehr ständig in Ahs und Ohs ausbrechen müssen, genug Muße, noch nach den wenigen Orten Ausschau zu halten, die wir schon kennen, bei unserer ersten Umrundung in der unteren Aussichtsplattform aber vergessen hatten. Wir entdecken die Auckland Town Hall, die Auckland Waterfront und – ganz wichtig – unser Hotel, das EconoLodge City Central.

Tatsächlich neu ist allerdings der Blick auf eine dritte Aussichtsplattform, die der Turm besitzt, die aber oft gerne vergessen wird, da ihr Besuch im normalen Ticket nicht enthalten ist. Aus gutem Grund! Wer sie betreten will, heißt es, muß starke Nerven mitbringen. Von hier oben erkennen wir auch sofort, warum! Denn diese Plattform, die sich in 192 Metern Höhe zwischen Main Observation und Sky Deck befindet, ist eigentlich nicht viel mehr als ein Metallsteg, vielleicht einen halben Meter breit, der außen um den Turm herumführt. Und mit außen meine ich draußen! Und wenn ich Steg sage, dann ist auch exakt das darunter zu verstehen – ein Steg ohne jegliches Geländer! Klingt lustig? Nun, das dürfte definitiv im Auge des Betrachters liegen.

Wer da einmal außen herumlaufen will, muß das nicht nur extra buchen, der muß auch entsprechende Ausrüstung anlegen, denn natürlich lassen die Turmbetreiber nicht jeden, der das will, einfach so in luftiger Höhe außen um den Turm spazieren. Das geht nur angeseilt. Wir hatten unten trotzdem nur ganz kurz überlegt, ob wir uns das gönnen sollen – und dann darauf verzichtet. Nun, wo ich auf beiden hinter Fenstern gelegenen Aussichtsplattformen war, bin ich mit dieser Entscheidung auch ganz zufrieden. Viel mehr als von hier sieht man auf diesem Sky Walk auch nicht, und nur des Nervenkitzels wegen muß ich das nicht machen.

Nervenkitzel im Übermaß verspricht übrigens auch die andere Betätigung, die man von dieser Außenplattform aus ausüben kann. Die Rede ist vom SkyJump. Dabei kann man im wahrsten Sinne des Wortes von Turmspringen reden. Allerdings ist das Ziel nicht ein Wasserbecken, sondern einfach der harte Erdboden. Und man springt auch nicht aus zehn Metern Höhe, sondern stürzt sich aus 192 Metern in die Tiefe. Damit das aber nicht böse endet, wird man mit drei Führungsseilen verbunden, die von hier oben bis nach ganz unten reichen und genau den Zweck erfüllen, der sich in ihrem Namen ausdrückt: sie führen den Sprung. Damit soll vermieden werden, daß die Wagemutigen – andere würden sie vielleicht auch als Verrückte bezeichnen – bei Windböen gegen den Turm geschleudert werden. 85 Kilometer pro Stunde Fallgeschwindigkeit soll man bei so einem Sprung erreichen können. Und wie kommt man unten an? Nun, es wird versprochen, daß man kurz vor dem Boden computergesteuert abbremst.

Eine Gruppe Wagemutiger bereitet sich auf den SkyJump vor.
Eine Gruppe Wagemutiger bereitet sich auf den SkyJump vor.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Als wir vom Sky Deck auf den Sky Walk hinunterblicken, können wir dort eine Gruppe Besucher beobachten, die sich gerade darauf vorbereiten. Alle sind in orangefarbene Overalls gekleidet und angeseilt. Offenbar erhalten sie gerade von einem Angestellten des Turm-Teams letzte Anweisungen. Weil es aber wohl eine ganze Menge zu der Angelegenheit zu sagen gibt, dauert das so lange, daß wir schließlich die Geduld verlieren und unseren Rundgang um das Sky Deck fortsetzen.

Als wir auf dem Weg nach unten wieder im tiefergelegenen Main Observation Deck angekommen sind, haben die Wagemutigen ihre Einweisung offenbar erfolgreich hinter sich gebracht und sind nun einer nach dem anderen auf dem Weg nach unten. Dabei rauschen sie direkt vor den Fenstern vorbei. Das geht derart schnell, daß ich mir kaum vorstellen kann, daß sie in der kurzen Zeitspanne, die sie bis nach unten benötigen, überhaupt viel von dem Sprung und der Welt um sich herum mitbekommen können. Nun, auf jeden Fall sind sie schneller unten als wir.

Dort langen auch wir wenig später an. Als ich beim Verlassen des Empfangsgebäudes auf die Uhr sehe, stelle ich fest, daß wir runde zwei Stunden auf dem Turm verbracht haben. Gut investierte Zeit, denn wir haben nicht nur einen schönen Überblick über die Stadt gewonnen und bei bestem Wetter eine phantastische Aussicht genossen, sondern nun auch einige weitere lohnende Ziele für unsere nächsten Unternehmungen in Auckland auf dem Zettel. Und weil der Tag noch lange nicht zu Ende ist – die Mittagszeit ist gerade erst vorüber -, fangen wir auch gleich damit an.

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An meinen verschwundenen Fußabtreter

Es war einmal ein Abtreter,
der lag vor meiner Tür.
Ob ich kam früher oder später,
stets putzte er mir meine Treter,
er war bezweckt dafür.

Drauf war ein nerd’ger Spruch zu seh’n,
Mit Zeichnung noch dazu.
Wer stand vor meiner Türe, draußen,
Las „Innen größer als von außen“
und fragte sich „Nanu?

Was meint denn dies? Was soll das nur?
Es läßt mir keine Ruh!
Komm, sag mir schnell, was heißt denn das?“
Für mich war’s stets ein Heidenspaß,
wenn ich sagt‘: „Dr. Who!

Ja, kennst Du denn den Doktor nicht?
Das kann doch gar nicht sein!
Mit seiner Tardis eilt geschwind
durch Raum und Zeit er wie der Wind!
Du, das ist wirklich fein!

Das Fluggerät, sieh her, das ist
’ne Zell‘ für’s Telefon!
Sieht eng aus, wenn du draußen bist,
doch wenn Du durch die Türe trittst,
ist’s groß wie ein Salon!

Ach was, Salon, wie ein Palast,
wo reiht sich Saal an Saal.“
Gar mancher schaut‘ verständnislos,
und fragt‘ sich: „Wovon red’t der bloß?
Ach! Ist ja auch egal…“

Egal war mir mein Abtreter
nun ganz und gar nicht. Nein!
Ich freute mich, wenn ich ihn sah,
was beinah jeden Tag geschah,
wenn ich ging aus und ein.

Doch als heut‘ früh ich frohen Sinns
trat vor die Schwelle her,
da fühlt‘ beim Tritt sich’s komisch an,
so sah ich hin und merkte dann,
der Platz vor ihr war leer.

Wie’s schien, hatt‘ wohl sein Werk getan
Ein Dieb vergang’ne Nacht.
Gekommen leis‘, verschwunden auch,
hatt‘ er, die Matte vor dem Bauch
sich aus dem Staub gemacht.

Nun war mein Fußabtreter fort,
traurig war’s mir zumut‘.
Und alles, was zu tun mir blieb,
war, zu verdammen diesen Dieb,
den bösen Tunichtgut!

Doch als die Wut mich dann verließ,
sah milder ich die Tat.
Es war, ging es mir durch den Kopf,
vielleicht ein wirklich armer Tropf,
der mich bestohlen hat.

Es könnt‘ doch sein, daß er, wie ich,
den Doktor sehr verehrt.
Drum wollt‘ er auch stets so ein Stück,
Doch ohne Geld hatt‘ er nie Glück,
es blieb ihm stets verwehrt.

Ob’s wirklich so gewesen ist,
oder auch nicht – egal!
Ich kann stets auf ihn böse sein,
Ich kann ihm aber auch verzeih’n,
Das ist für mich die Wahl.

Im ersten Falle habe ich
den Kopf stets voller Wut.
Ich male mir Vergeltung aus,
komm niemals aus dem Ärger raus.
Das tut mir gar nicht gut.

Drum laß den Ärger schnell ich los
und üb‘ mich im Verzeih’n.
Vergeltung? Pah! Die kann ich missen.
Es mag lediglich sein Gewissen
des Diebes Strafe sein.

So liegt mein Abtreter seit heut‘
vor einer and’ren Tür.
Mir hat er immer sehr genutzt,
mein Schuhwerk sauber abgeputzt.
Ich dank‘ ihm sehr dafür.