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Stadtbummel im Grünen

Dieser Beitrag ist Teil 4 von 6 der Beitragsserie "Reise nach Neuseeland & Singapur"

Als wir aus dem Eingangsbereich des Sky Towers hinaus auf die Straße treten, läßt uns dies aus den erhabenen Sphären hoch über der Stadt, in denen wir eben noch geschwebt hatten, förmlich auf den Boden der Tatsachen, das heißt in den wirren Trubel der geschäftigen Metropole fallen. Autos brausen die Victoria Street entlang an uns vorüber, wenn ihnen die Ampel an der kleinen Straßenkreuzung, vor der wir stehen, grünes Licht gibt, während sie bei rotem Signal ob des erzwungenen Halts unwillig vor sich hin zu brummen scheinen.

Hatten wir eben noch großzügig über die gen Himmel strebenden und ihn doch nicht erreichenden Hochhäuser des Central Business Districts hinweg- und in die Weite gesehen, so ist es nun, als ob sich eben diese Bauten dafür revanchieren wollen, indem sie sich jetzt um so dichter zusammendrängen und unseren Blick so weit wie nur möglich begrenzen, so daß er kaum wesentlich weiter als bis zur nächsten Straßenkreuzung reicht. Überdimensionierte Werbetafeln an den Fassaden der meist quaderförmigen Blöcke versuchen, unsere Aufmerksamkeit an sich zu binden, indem sie uns ihre Botschaften mittels riesiger Lettern förmlich entgegenschreien. Vergebens. Wir sind an ihnen nicht sonderlich interessiert.

Mein Blick wendet sich stattdessen einigen Bauten aus offensichtlich früheren Tagen zu, die es hier und da geschafft haben, den sich um sie herum versammelnden und in die Höhe reckenden Wolkenkratzern ihren Standort abzutrotzen. Bescheiden begnügen sie sich mit zwei oder drei Stockwerken, in deren unterem sie kleine Läden, Cafés oder Restaurants beherbergen. Gefällig präsentieren sie dem Auge des Betrachters hübsche Fassaden mit sauber gegliederten Fensterachsen und Schmuckelementen wie kleinen Spitzgiebeln, in die Hauswand integrierten Ornamenten oder Mauervorsprüngen. Ein langgestrecktes Gebäude mit dem Erscheinungsbild eines Reihenhauses paßt sich der in der Höhe abfallenden Victoria Street an, indem sich seine Bestandteile treppenförmig aneinanderfügen. Demgegenüber scheinen die Architekten der die kleinen, alten Bauten bedrängenden Hochhäuser ihre Energie eher in den Wettbewerb, welches ihrer Bauwerke wohl höher aufragen kann, investiert zu haben, wobei sie jedoch vergaßen, für ein ansprechendes Äußeres zu sorgen, was mich etwas überrascht, denn aus der Höhe des Sky Towers hatten die Wolkenkratzer durchaus abwechslungsreich gestaltet gewirkt. Von hier unten aber beschränkt sich ihr Äußeres meist auf ein langweiliges Einerlei endlos an- und übereinander gereihter zahlloser Fenster, das mich als Betrachter für die an den Fassaden angebrachten Werbetafeln fast schon wieder dankbar sein läßt, bringen sie doch wenigstens ein bißchen Abwechslung in die Versammlung gleichförmiger Wände. Allerdings frage ich mich, ob die Menschen in den Büros dahinter – Wohnungen werden es doch hoffentlich nicht sein? – nun überhaupt Tageslicht erhalten. Die Gleichgültigkeit ihrer Fassaden setzt sich auch in der Anordnung dieser Hochhäuser fort, denn zu dem Gelände, in dem sie stehen, haben sie keinerlei Bezug. Zwar ist das Gefälle der Victoria Street nicht eben übermäßig groß, doch auch nicht gänzlich unerheblich. Als ich mir aber die Wolkenkratzer anschaue, kann ich es dennoch so gut wie überhaupt nicht nachvollziehen. Ja, die meisten von ihnen scheinen es sogar nach Kräften ignorieren zu wollen, beharren sie doch eisern darauf, ihre Fassadenkanten streng horizontal auszurichten, ohne daran auch nur einen einzigen Abstrich in Form einer treppenartigen Abstufung zu machen, wie sie die historischen Bauten so bereitwillig vollziehen.

Ein Blick die Victoria Street West entlang in Richtung Osten
Alt und Neu existieren in der Victoria Street in Auckland mehr oder weniger einträchtig nebeneinander.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Von der Federal Street, an deren Kreuzung mit der Victoria Street wir uns befinden, lenken wir unsere Schritte in Richtung Osten. Der Grund ist nicht die Tatsache, daß es für uns nun ein wenig bergab geht – auch wenn uns das durchaus nicht unwillkommen ist -, sondern daß in dieser Richtung der Albert-Park liegt, den wir auf unserem Stadtbummel als erstes Ziel auserkoren haben. Wir überqueren die Queen Street, was uns vom Westteil in den Ostteil der Victoria Street bringt. Die nahezu in Nord-Süd-Richtung verlaufende Queen Street dient im Zentrum Aucklands gewissermaßen als Straßenscheide. Zwar tragen sie kreuzende Verkehrswege meist durchgängig denselben Namen, allerdings erhalten sie westlich der Queen Street den Namenszusatz West, östlich davon wird ein East angehängt. Waren wir also eben noch auf der Victoria Street West unterwegs, legt sich nun die Victoria Street East unter unsere Füße. Beide Straßenteile haben eine voneinander völlig unabhängige Numerierung der an ihnen befindlichen Häuser. Die Wellesley Street, in der sich unser Hotel befindet, folgt ebenfalls diesem Benennungsschema.

Bereits zwei Querstraßen weiter findet die nun wieder ansteigende Victoria Street East an der Kitchener Street bereits ihr unverhofftes Ende, denn auf deren gegenüberliegender Straßenseite steigt das Gelände plötzlich steil an. Der dadurch entstehende Hang ist mit einer Vielzahl hoher Bäume besetzt, die einen weiteren Blick hinauf wirksam verhindern. An seinem unteren Ende beschneiden aus großen, natürlichen Steinen zusammengefügte Mauern diesen Hang und grenzen so ein Stück ebener Erde ab, auf dem sich ein langgezogenes Podest, aus Steinen derselben Art gebildet, befindet. Auf diesem ragen zwei schlanke, aus übereinandergestapelten Steinen bestehende Säulen meterhoch auf, die an ihrem oberen Ende durch, wie es von hier unten scheint, filigrane Drähte oder dünne, gebogene Metallstäbe miteinander verbunden sind. Die Steine, aus denen dieses von Chris Booth geschaffene Kunstwerk besteht, sind Basaltblöcke, die, so lese ich später nach, das in der Matauri Bay in Northland lebende Māori-Volk der Ngati Kura gestiftet und so dem Albert-Park, der an dem dahinterliegenden Hang beginnt, zu einem markanten Eingangstor verholfen hat.

Durchschreiten muß man dieses Tor allerdings nicht, um in den Albert-Park zu gelangen. Dafür ist es eindeutig zu sehr als Kunstwerk hier positioniert worden. Alle Wege führen sauber drumherum. Dafür müssen wir nun doch etwas mehr körperliche Fitneß zeigen, denn unser Weg in den Park hinein führt uns über eine Reihe von Treppen mit zahlreichen Stufen den Hang hinauf. Glücklicherweise ist es zwar sommerlich warm, aber nicht sonderlich heiß, und unter den vorwiegend einheimischen Bäumen, die in diesem Teil des Parks wachsen und wohl mehr als einhundert Jahre alt sind, ist es wunderbar schattig. Ihrem Alter angemessen, haben die prachtvollen Bäume weit ausladende und gewaltige Formen entwickelt.

Mehr als einhundert Jahre alte Bäume im nordwestlichen Albert-Park
Diesen prächtigen Bäumen begegnen wir nach unserem Aufstieg in den Albert-Park.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Oben angekommen, stehen wir nun auf dem langgestreckten Bergrücken, auf dem sich der Albert-Park befindet. Im südöstlichen Parkbereich aus Sandstein bestehend, wird dieser Höhenzug am nordwestlichen Ende des Parks, in dem wir uns gerade befinden, durch einen der vielen Vulkane des Auckland Volcanic Fields ergänzt, dem man – wenig einfallsreich, aber naheliegend – den Namen Albert-Park-Vulkan gegeben hat. Daß wir auf einem potentiell feuerspeienden Berg stehen, entgeht uns bei unserem Aufenthalt hier allerdings völlig. Doch damit sind wir nicht allein. Bis ins Jahr 1859 hat niemand überhaupt auch nur etwas davon gewußt. Erst der in Esslingen am Neckar geborene Geologe, Naturforscher und Entdecker Ferdinand von Hochstetter erkannte bei seinem Besuch Aucklands in jenem Jahr den vulkanischen Ursprung dieses Areals. Der Grund liegt darin, daß es sich beim Albert-Park-Vulkan, der vor etwa 145.000 Jahren das einzige (und hoffentlich letzte) Mal ausgebrochen ist, um einen eher kleinen Vertreter seiner Zunft handelt – so klein, daß er von dem Sandsteinrücken, auf dem sich der überwiegende Teil des Parks befindet, sogar überragt wird. Der vollständige Bewuchs tut ein Übriges, um den Vulkan vor unseren Augen komplett zu verbergen.

Auf gut gepflegten Wegen beginnen wir unseren Rundgang durch die weitläufige Parkanlage. Nun, da wir einmal die Höhe des Bergrückens erklommen haben, läßt es sich wahrlich entspannt spazieren, denn dieser bildet hier eine Art Plateau, auf dem es kaum einmal eine Steigung gibt. Dies zog bereits in der Vergangenheit die Menschen an. Schon die Māori errichteten hier ein Dorf namens Rangipuke, später gar eine Siedlung namens Mangahekea, die jedoch in den 1740er Jahren ihr Ende fand. Als in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Briten kamen, hatten sie nichts Besseres zu tun, als hier eine frühe militärische Festung anzulegen – die sogenannten Albert Barracks. Das erhöhte Gelände war wohl bestens dafür geeignet, das umliegende Gebiet zu überwachen. Einige Bauten aus Holz und Mauerwerk, umgeben von einer Mauer aus Vulkangestein, das man in der Umgebung abgebrochen hatte – das war die Festung. Nun, daß es vulkanischen Ursprungs war, darüber machte man sich wohl damals keine Gedanken. Das stellte ja – wir erinnern uns – erst Ferdinand von Hochstetter einige Jahre später fest.

Nun, von all dem ist heute nichts mehr übrig, abgesehen von einem Rest besagter Mauer, der sich heute auf dem Gelände der nahen Universität von Auckland befindet. Die Festung wurde 1870 nutzlos, als das britische Regiment, daß hier stationiert war, abgezogen wurde. Fünf Jahre zuvor hatte Auckland den Status der Hauptstadt an Wellington verloren. Man riß die Gebäude ab und widmete das heutige Gelände der Grünanlage in ein Reservat um, das man dann in den 1880ern zu einem Park weiterentwickelte. Man schrieb – ein bei Politikern bis heute beliebtes Mittel, wenn eigene Ideen Mangelware sind – dafür einen Wettbewerb aus, den der Architekt James Slater gewann. Das heißt, er entschied den zweiten Wettbewerb für sich. Bereits in 1870er Jahren hatte man einen solchen ausgerichtet, den Siegerentwurf dann jedoch nicht umgesetzt. Warum, das weiß wohl heute niemand mehr. So entstand der Albert-Park nach den Entwürfen Slaters, und so existiert er heute noch, einschließlich einiger einzelner Bäume, die in der Zeit zwischen 1880 und dem Ersten Weltkrieg gepflanzt wurden.

Allzu groß ist sie nicht, diese Grünanlage im Herzen der Stadt, und so haben wir keine allzu weiten Wege zurückzulegen, um die herausragenden Punkte dieses Parks aufzusuchen. Wir kommen zunächst an einem kleinen Denkmal vorüber, das von einem schwarzen Metallzaun umgeben ist und Rätsel aufgibt. Auf einem Podest, das an einen Schrein mit bogenförmiger Öffnung erinnert, steht die kleine marmorne Statue einer jungen Frau, der eine merkwürdige Haube auf dem Kopf sitzt und die ein Kleidungsstück auf dem Leib trägt, welches mit seinen kurzen Beinen, den fehlenden Ärmeln und den Rüschen an einen altmodischen Badeanzug erinnert. Doch was hält sie da in der Hand? Sieht aus wie ein – Fisch? Dann wäre das große Etwas, das sich von ihren Händen durch ihre Beine zum Boden windet, vielleicht ein Netz? Soll diese Statue ein Fischermädchen darstellen? Im Badeanzug? Ich weiß es nicht. Vielleicht gibt ja die Plakette, die sich an dem Podest befindet, Aufschluß:

Erected
In Loving Remembrance Of
G. M. Reed. B. A.
of Auckland, Journalist.
„For the future in the distance
and the good that we can do.“
1901

Übersetzt heißt das:

Errichtet
In liebevollem Gedenken an
G. M. Reed. B. A.
aus Auckland, Journalist.
„Für die Zukunft in der Ferne
und das Gute, das wir tun können.“
1901

Denkmal für George M. Reed im Albert-Park in Auckland
Das etwas rätselhafte Denkmal für George M. Reed im Albert-Park in Auckland.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Also ein Denkmal, das ein Fischermädchen im Badeanzug darstellt und der Erinnerung an einen Journalisten gewidmet ist, der in Auckland ansässig war. Versteht das jemand? Ich nicht. Leider auch dann nicht, als ich später ein wenig darüber recherchiere. Dabei finde ich lediglich heraus, daß es sich bei dem Podest nicht um einen Schrein, sondern um einen Trinkbrunnen handelt, der aber wohl heute nicht mehr Betrieb ist. Wasser habe ich jedenfalls nirgendwo gesehen. Immerhin stellt das eine gewisse Beziehung zu dem Motiv des Fischermädchens her. Die Schöpfer des Brunnens waren die Architekten John Mitchell and Robert Watt, die Statue schuf William Parkinson, ein einheimischer Bildhauer. Nun gut. Und George M. Reed? Der war Journalist und Zeitungseigner in Auckland. Das war’s. Es bleibt rätselhaft.

Ein Stück weiter gelangen wir auf den großen Hauptweg des Parks, der diesem seine große Nord-Süd-Achse verleiht. Hier, am südlichen Ende stoßen wir auf etwas, das es früher häufiger in öffentlichen Grünanlagen gab, man aber heute kaum noch irgendwo vorfindet: einen Orchesterpavillon. In früheren Zeiten trafen sich die Menschen bei schönem Wetter in den Parks, um kleinen oder größeren Gruppen von Instrumentalisten, vielleicht auch Sängern zu lauschen, die in solchen Pavillons ihre Musik zu Gehör brachten. Eigentlich eine schöne Tradition. Warum eigentlich gibt es so etwas heute nicht mehr? Nun, Radios, Stereoanlagen, Computer und MP3-Player haben es möglich gemacht, die Musik mit nach Hause zu nehmen oder unterwegs zu hören – jederzeit, überall. Und ganz individuell. Was dabei leider auf der Strecke blieb, ist das gemeinschaftliche Erleben der Musik. Natürlich, wird so mancher gleich einwenden, ist das doch auch heute noch möglich. Doch entweder zahlt man dafür meist recht teuren Eintritt oder man lauscht Straßenmusikern in der Fußgängerzone, im U-Bahn-Eingang oder an anderen Orten, wo Menschen meist keinen Nerv für’s Musikhören haben und das Ambiente dem Genuß eher abträglich ist. Da wäre so ein Musikpavillon in einem schönen Park doch viel besser geeignet. Oft genug hat der Fortschritt eben auch seine mangelhafte Kehrseite.

Von dem Orchesterpavillon mit seiner zwiebelförmigen Spitze aus Blech auf dem Dach, der übrigens der älteste noch erhaltene Musikpavillon in der Region Auckland ist, spazieren wir den Hauptweg in nördlicher Richtung entlang. Links und rechts dehnt sich sauber gepflegter Rasen, auf dem einzelne, ausladende Bäume stehen – vermutlich jene aus den Anfangstagen des Parks. Gesäumt wird der Weg von hochgewachsenen Palmen mit schlanken, doch völlig kahlen Stämmen, die ein wenig wie hier aufgestellte Masten wirken. Vor uns führen einige Stufen zu einem weitläufigen Rondell, in dessen Mitte sich ein großer Schalenbrunnen befindet.

Was mir beim Näherkommen auffällt, ist, daß der Brunnen ausnehmend dunkel erscheint. Im hellen Sonnenlicht wirkt er fast schwarz. Nur Wasser kann ich nirgends erkennen. Sollte in einem Brunnen – insbesondere, wenn es ein Schalenbrunnen ist – nicht schon von weitem sichtbar Wasser von oben nach unten laufen? Als wir die paar Stufen zu dem Rondell erreicht haben, sie hinaufgestiegen sind und schließlich unmittelbar vor dem Brunnen stehen, kann ich erkennen, daß ich mich geirrt habe – zumindest ein wenig. Es gibt durchaus Wasser, allerdings nur in Form einer recht großen Pfütze inmitten des großen Brunnenbeckens, das jedoch weit davon entfernt ist, gefüllt zu sein. Ansonsten scheint der Brunnen im Wortsinne auf dem Trockenen zu sitzen. Warum, ist nicht festzustellen. Weder kann es an zu niedrigen Temperaturen liegen – es ist sommerlich warm – noch wird er gerade gereinigt. Vielleicht ist etwas kaputt?

Der viktorianische Brunnen im Zentrum des Albert-Parks in Auckland.
Der gußeiserne viktorianische Brunnen bildet das Herzstück des Albert-Parks im Zentrum Aucklands.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Wie dem auch sei, ich schaue ihn mir trotzdem an. Unter künstlerischen  Gesichtspunkten ist er auch ohne Wasser durchaus sehenswert. Zwei Schalen unterschiedlicher Größe sind übereinander angeordnet, die kleinere oben. Unterhalb der großen Schale sind rings um den Sockel vier Statuen positioniert, die große Fische zeigen. Manche behaupten, es handle sich um Delphine, doch üblicherweise haben Delphine keine Schuppen. Auf diesen Fischen reiten Putten, von denen jede ein Horn bei sich hat, in das sie andächtig bläst. Ist der Brunnen in Betrieb, stoßen diese Hörner, so lese ich später, Wasser aus. Oberhalb der kleinen Brunnenschale steht eine weitere Statue – eine Frauenfigur, eine Darstellung der Aphrodite. Auch sie trägt ein Horn, das sicherlich ebenfalls Wasser speien kann. Schalen und Skulpturen sind ebenso wie der verzierte Schaft, an dem sie sich befinden, aus Gußeisen, was die dunkle Farbe des Brunnens erklärt. Über den Künstler, der ihn einst schuf, kann ich leider nichts herausbekommen, doch erfahre ich, daß der viktorianische Brunnen von Beginn an im Albert-Park zu Hause ist, nachdem man ihn extra dafür im Jahre 1881 aus Großbritannien importiert hatte.

Nur wenige Meter hinter dem Rondell mit dem Brunnen findet die Nord-Süd-Achse des Albert-Parks ihr Ende an dem großen Denkmal für Königin Victoria von Großbritannien. Man kann kaum in irgendeinen Winkel des ehemaligen britischen Empires reisen, ohne auf irgendetwas zu stoßen, was in Bezug zu dieser bedeutenden Monarchin steht. Das Denkmal, vor dem wir nun anhalten, zeigt sie in Lebensgröße, auf einem hohen, steinernen Sockel stehend. 1897 von Francis John Williamson geschaffen, wurde das bronzene Standbild zwei Jahre später hier enthüllt, um den sechzigsten Jahrestag der Krönung Victorias feierlich zu begehen. Es war die erste Statue der Königin in Neuseeland.

Der Park hat noch einige weitere Kunstwerke und Denkmale aufzuweisen, die wir auf unserem Spaziergang leider nicht alle auffinden. So entgehen uns bedauerlicherweise ein Marmor-Denkmal für den Burenkrieg und zwei edwardianische Marmorstatuen. An dem ebenfalls von Francis John Williamson geschaffenen, überlebensgroßen Marmorstandbild von Sir George Grey kommen wir zwar vorüber, übersehen es aber irgendwie – zumindest habe ich weder ein Foto noch eine Erinnerung daran -, da unsere Aufmerksamkeit offenbar von den beiden großen, ganz in der Nähe aufgestellten Feldgeschützen in Anspruch genommen wird, die man, als die Albert Barracks längst Geschichte waren, in den 1880er Jahren hier positioniert hatte, weil man Angst vor einer russischen Invasion bekam. Nun, an der Angst vor dem Russen hat sich bis heute, mehr als einhundert Jahre später, nichts geändert. Als Feindbild war er in angelsächsischen, heute westlichen Sphären stets außerordentlich beliebt, egal, welcher Staats- beziehungsweise Gesellschaftsform er auch immer gerade anhing. Überflüssig zu erwähnen, daß die befürchtete Invasion russischer Heerscharen hier am anderen Ende der Welt natürlich niemals stattfand.

Wir wenden uns nun der Ostseite des Parks zu, wo er von der Princes Street begrenzt wird. Bevor wir ihn dort verlassen, kommen wir an einer Ecke, die von zwei aufeinandertreffenden Wegen gebildet wird, zu einer riesigen Ansammlung von mit kleinen Mauern eingefaßten Blumenrabatten. Während links und rechts niedrige, sorgfältig gestutzte Hecken den Namen der Grünanlage bilden – ALBERT links, PARK rechts – stellen die in bunten Farben blühenden Anpflanzungen in der Mitte ganz offensichtlich eine riesige Uhr dar. Als ich nähertrete, entdecke ich auch die großen Zeiger, die über den Rabatten ihre Bahn ziehen. Unwillkürlich ziehe ich mein Mobiltelefon hervor, um die Zeit zu vergleichen. Tatsächlich, diese riesige Blumenuhr geht absolut genau. Siebzehn Minuten nach Eins. Was für ein wunderschönes gärtnerisches Kunstwerk! Dies ist um so bewundernswerter, als dieser pflanzliche, wenn auch elektrisch betriebene Zeitmesser bereits mehr als sechzig Jahre alt ist. 1953 wurde die Laidlaw Floral Clock geschaffen. Die Familie Laidlaw hatte sie anläßlich des ersten Besuch Königin Elisabeths II. in Neuseeland gestiftet.

Die kolossale Blumenuhr im Albert Park, nahe der Princes Street.
Die kolossale Blumenuhr im Albert-Park, nahe der Princes Street, geht absolut genau.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Wir verlassen den Albert-Park durch den nahegelegenen Ausgang und treten auf die Princes Street hinaus. Hier gelangen wir zu einer Reihe Wohnhäuser, die ganz offensichtlich schon älteren Datums sind. Ein unter einer prächtigen, hohen Palme aufgestelltes Schild macht uns mit einem von ihnen bekannt:

Princes St. Merchant House

steht darauf, verbunden mit dem Hinweis, daß es erhalten und gepflegt würde durch den Stadtrat von Auckland. Nun, das mag ich nicht recht glauben. Ich gehe davon aus, daß der Stadtrat von Auckland dies nicht höchstselbst erledigt. Er wird seine Leute dafür haben.

Die Merchant Houses – tatsächlich sind es fünf an der Zahl – ließen Ende des 19. Jahrhunderts reiche Bürger der Stadt hier für sich errichten. Die meisten von ihnen waren Geschäftsleute, woraus sich wohl der Name der Häuser ableitet: Kaufmannshäuser. Sie bevorzugten die Höhenlage des Albert-Parks, die sich damals – Auckland war noch viel kleiner als heute – eher am Stadtrand befand, als Wohnsitz – im wahrsten Sinne des Wortes abgehoben von der Geschäftigkeit des Stadtzentrums zu ihren Füßen, aber dennoch nicht allzu weit von diesem entfernt. Die fünf Häuser haben sich in unsere Zeit hinübergerettet, was sie allerdings nicht ihren reichen Besitzern verdanken. Denn als die Stadt anwuchs, verlegten sie ihre Wohnsitze alsbald an andere Orte. Viele der Merchant Houses wurden wieder abgerissen, doch die fünf, die wir nun vor uns sehen, fanden in den Jahren seitdem andere Eigentümer. Zuerst wurden sie in Pensionen umgewandelt, später zogen nacheinander verschiedene Institutionen ein und aus – bis heute. Das Gebäude in der Princes Street Nummer 29, welches uns von dem Schild unter der Palme so freundlich wie unvollständig vorgestellt wird, trägt den Namen „Hamurana“ – was nicht auf dem Schild steht – und besitzt eine hölzerne Fassade. Seine Vorderseite wird in ihrer gesamten Breite von einer großen Veranda im Obergeschoß eingenommen. Den von dieser überschatteten Bereich vor dem Untergeschoß hat man als Arkaden gestaltet. Das Haus gehört heute zur Universität von Auckland, deren City-Campus auf der gegenüberliegenden Straßenseite beginnt.

Und dieser wenden wir uns nun zu. Denn dort steht ein Gebäude, das mir bereits vom Sky Tower aus aufgefallen war und mein Interesse an dem Universitätsgelände geweckt hatte: der Uhrenturm.

Nun, eigentlich ist es nicht einfach nur ein Uhrenturm. Tatsächlich handelt es sich um ein großes Gebäude mit einem großen h-förmigen Haupttrakt und zwei sich links und rechts anschließenden Seitenflügeln. Der Turm, der dem Gebäude zu seinem Namen verholfen hat, erhebt sich in der Mitte des Haupttrakts. Rund im Grundriß, wirkt er mit seinen filigranen Verzierungen, die mich irgendwie an die Adern von Blättern erinnern, trotz seiner beachtlichen 54 Meter Höhe fast ein wenig fragil. Dieser Eindruck wird durch die von seinem Dach aufragenden Zierspitzen eher noch verstärkt. Die Uhr, die in einem Uhrenturm natürlich nicht fehlen darf, befindet sich unmittelbar unter der Dachkante, die sich in spitz zulaufenden Wellen rings um den Turm zieht.

Entworfen hat das im Jugendstil gehaltene Gebäude der Architekt Roy Alstan Lippincott. 1926 fertiggestellt, beherbergte es lange Zeit alle geisteswissenschaftlichen Fakultäten der Universität sowie die Bereiche Architektur, Jura und Musik. Man bezeichnete es daher lange Zeit als Old Arts Building, das Gebäude der alten Künste. Auch die Universitätsbibliothek und die Aula waren hier untergebracht. In den 1980er Jahren war dann schließlich eine umfassende Renovierung und Restaurierung erforderlich geworden. Damit verbunden war eine Umwidmung des Gebäudes, so daß sich heute die Räumlichkeiten des Vizekanzlers der Universität und weitere Verwaltungseinrichtungen darin befinden, desweiteren der Große Saal und der Ratssaal der Bildungseinrichtung. Da der alte Name nun nicht mehr so ganz paßte, bürgerte sich schließlich die Bezeichnung Clock Tower – Uhrenturm – ein.

Wir spazieren in nördlicher Richtung die Princes Street entlang. Weil wir jedoch nicht so recht Lust haben, nach all dem schönen Grün nun eine schnöde Straße entlangzuwandern, nehmen wir, nachdem wir den linken Seitenflügel des Clock Towers passiert haben, einen Fußweg, der nach rechts auf das Universitätsgelände führt, das seinerseits von üppigem Grün bewachsen ist. Weit müssen wir nicht gehen, da leuchtet zwischen den Bäumen und Büschen die beigefarbene, orange abgesetzte Holzfassade eines weiteren Gebäudes hervor, das von einem riesigen, schlanken Nadelbaum überragt wird, der sofort ins Auge fällt. Das Gebäude wirkt wie ein Wohnhaus aus dem vorigen Jahrhundert. Neugierig suchen wir zu seiner Frontseite zu gelangen.

Doch bevor wir dort ankommen, werden wir plötzlich abgelenkt. Direkt neben uns setzt unvermittelt ein außerordentlich lautes Zirpen ein. Im ersten Moment denke ich an eine Grille, ein Heupferdchen, doch bei dieser Lautstärke müßte es sich schon um ein regelrechtes Heuroß handeln. Und wenn ich es recht bedenke, trifft die Bezeichnung Zirpen auch nicht so recht das, was ich da gerade höre. Es klingt eher, als würde jemand einen dicken Stock über ein großes Waschbrett ziehen. Was ist das?

Neugierig spüre ich dem Geräusch hinterher, das immer wieder einmal pausiert, kurz darauf jedoch wieder mit unverminderter Lautstärke einsetzt. Schließlich entdecke ich am dünnen Stämmchen eines kleinen Baumes den Verursacher des, nun ja, Lärms: eine Zikade. Wie ich es vermutet hatte, ist das Insekt von beachtlicher Größe. Vorsichtig, um es nicht zu verschrecken, hebe ich meine Kamera und halte den eigentümlichen Sänger für die Nachwelt fest:

Eine Zikade.
Chorzikaden wie diese sind in Neuseeland heimisch und weit verbreitet. Selbst in den Städten ist ihr lautes Zirpen zu gewissen Tageszeiten allgegenwärtig.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Wir schauen und hören der Zikade noch eine Weile interessiert zu, doch schließlich wenden wir uns wieder unserem eigentlichen Ziel zu: dem Gebäude mit der hölzernen Fassade.

Ein kleines, daran angebrachtes rundes Schild gibt uns Auskunft:

Old Government House

Designed by William Mason
„The first New Zealand Architect“
This building was built in 1856 by Mr. Hay for
£ 14.581. It replaced the original house on this
site built by Governor Hobson in 1841
and destroyed  by fire in 1848.
It remained a Vice-Regal Residence until
1969 when it was transferred
to the University.

Übersetzt heißt das:

Altes Regierungsgebäude

Entworfen von William Mason
„Der erste neuseeländische Architekt“
Dieses Gebäude wurde 1856 von Mr. Hay für 14.581 £ gebaut. Es ersetzte das ursprüngliche Haus an dieser Stelle, das 1841 von Gouverneur Hobson errichtet und 1848 durch ein Feuer zerstört wurde. Es diente bis 1969 als Vizeregierungsresidenz und wurde dann an die Universität übertragen.

Na, damit ist doch alles Wesentliche gesagt. Oder nicht? Nun, man könnte noch ergänzen, daß zum Zeitpunkt der Errichtung dieses Gebäudes Auckland die Hauptstadt des Landes war, was es notwendig machte, daß der Gouverneur hier eine Residenz hatte. Interessant ist auch, daß das Old Government House das erste Gebäude Neuseelands war, bei dem man sich die Mühe machte, die hölzerne Fassade so zu bearbeiten, daß sie den Eindruck vermittelte, aus Stein zu sein. Neun Jahre nach seiner Fertigstellung verlor Auckland seinen Hauptstadt-Status, da es ihn 1865 an Wellington abtreten mußte. Zwar war Auckland die größere der beiden Städte, aber Wellington lag einfach zentraler. Das Old Government House blieb dem Gouverneur allerdings als Vize-Residenz erhalten.

Als diese 1969 in ein anderes Gebäude im Stadtteil Mount Eden verlegt wurde, übergab man das Old Government House der Universität. Für uns ergibt sich daraus ein unmittelbarer Vorteil, denn als wir vor dem Haupteingang des Gebäudes stehen, stellen wir erfreut fest, daß die Hochschule unter anderem auch ein Restaurant beziehungsweise Café darin eingerichtet hat. Und da es nun schon weit über den Mittag hinaus ist, melden sich unsere Mägen mittlerweile vehement zu Wort. Wir zögern daher nicht lange und suchen uns einen der Tische aus, die vor dem Gebäude im Freien stehen. Schließlich haben wir einen schönen sommerlichen Februartag, da wollen wir natürlich nicht drinnen sitzen, wenn es sich vermeiden läßt. Kurz darauf stellen wir fest, daß wir doch hinein müssen, denn hier ist Selbstbedienung. Na gut, wir sind ja nicht verwöhnt. Dann holen wir uns unser Essen eben selbst. Im Inneren des Gebäudes müssen wir etwas suchen, um den Weg zum Essen zu finden. Er führt uns einmal durch das Innere des Hauses auf dessen andere Seite. Dort angekommen, haben wir etwas vor uns, was wir bereits gut aus unseren eigenen Studienzeiten an einer Universität kennen und wofür ich keineswegs den Begriff Restaurant oder Café gebrauchen würde. Was wir sehen, erinnert eher an eine Kantine.

Na, macht nichts. Wir suchen uns jeder ein Essen aus, bezahlen und tragen es den Weg zurück aus dem Gebäude hinaus an unseren Tisch. Über die Qualität kann ich eigentlich nicht viel sagen – die bleibt mir offenbar nicht in Erinnerung. Weder richtig gut noch richtig schlecht, das trifft es wohl am besten. Was sich mir jedoch einprägt, ist der Eindruck, daß mich im Inneren des Gebäudes kaum etwas daran erinnert, daß es sich dabei um einen ehemaligen Regierungssitz handeln könnte. Dies wird mir später bestätigt, als ich noch ein wenig mehr über das Old Government House herausfinden möchte. Ich erfahre, daß es nun hauptsächlich als Aufenthaltsraum für das Personal dient und eine Empfangssuite für den Rat der Universität, Wohnungen für Gastwissenschaftler, Räume für den Verband der Hochschulabsolventinnen und einen Hörsaal beherbergt. Um all dies in dem Haus unterbringen zu können, hat man dessen Inneres im Laufe der Zeit mehr und mehr verändert, um es an die Bedürfnisse der Lehreinrichtung anzupassen. Die Atmosphäre einer palastähnlichen Residenz ist dabei allerdings weitestgehend verlorengegangen. Wirklich schade.

Das Old Government House in Auckland
Von außen sieht das Old Government House in Auckland noch wie ein ehrwürdiger Gouverneurssitz aus dem vorigen Jahrhundert aus. Im Inneren ist davon allerdings nur noch wenig zu sehen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Während wir hier draußen im warmen Sonnenschein sitzen, haben wir genug Zeit, uns umzusehen. Einige der Bäume auf dem Gelände rings um das Gebäude sind, wie es den Anschein hat, so alt wie das Old Government House selbst. Erneut fällt mir der riesige Nadelbaum auf, der es weit überragt. Es heißt, diese Norfolk-Kiefer habe Sir George Grey höchstpersönlich während seiner zweiten Amtszeit als Gouverneur in den 1860er Jahren gepflanzt. Nun, alt genug könnte sie dafür wohl sein.

Als wir schließlich unseren Weg über das Gelände der Universität fortsetzen, kommen wir an einem etwa drei Meter hohen Strauch vorüber, der hier am Rande eines Fahrwegs auf einer Rasenfläche wächst. Wunderschöne große, rosafarbene Blüten mit fünf Blütenblättern und einem langen Griffel, besetzt mit gelben Staubblättern, erblühen in großer Zahl rings um den gesamten Strauch, in dem ich einen engen Verwandten meines Chinesischen Roseneibischs, einer Hibiskus-Art, erkenne, der zu Hause mein Wohnzimmer verschönert und bei dem ich, wie ich leicht zerknirscht zugeben muß, nie so recht darüber nachgedacht habe, wo er eigentlich heimisch ist. Manchmal muß man eben erst ans andere Ende der Welt reisen, um etwas darüber zu lernen, was man zu Hause direkt vor der eigenen Nase hat…

Wenige Schritte weiter treten wir unter den Bäumen, die unseren Weg beschattet haben, hervor, passieren ein Tor in einem weißen Zaun und erreichen eine große Straßenkreuzung. Wir haben den City-Campus der Universität Auckland, den größten ihrer sechs Standorte, hinter uns gelassen – und keine Gelegenheit, dies zu bedauern. Denn schon an eben dieser Kreuzung, an der sich vier Straßen begegnen, finden wir zwei weitere Sehenswürdigkeiten der Stadt, die unsere Aufmerksamkeit unmittelbar auf sich ziehen.

An der Ecke Alten Road und Symonds Street reckt eine verhältnismäßig kleine Kirche ihren schönen Turm in die Höhe, der ein wenig so wirkt, als solle er die Kleinheit der Kirche unbedingt wettmachen, denn er scheint für sie ein wenig zu groß beziehungsweise zu hoch zu sein. Das tut der Schönheit seiner Architektur jedoch keinen Abbruch. Ein großes Schild, das man an der Seite der Kirche aufgestellt hat, informiert uns, daß wir hier die Kirche Saint Andrew’s vor uns haben, die nicht einfach nur ein presbyterianisches Gotteshaus ist, sondern die erste presbyterianische Kirche Aucklands. Tatsächlich ist sie, von 1847 bis 1850 errichtet, sogar die erste Kirche, die in der Stadt gebaut wurde. Bereits der erste Entwurf von Walter Robertson, dem der Kirchenbau entspricht, sah einen Turm und auch einen Säulengang vor. Doch bereits damals kam es so, wie es auch heute oft genug geschieht – die geplanten Kosten wurden massiv überschritten und man konnte sich Turm und Säulengang schlicht nicht mehr leisten. So soll die Kirche lange Jahre eher an eine Scheune erinnert haben als an ein Gotteshaus. Erst im Jahr 1882 konnten Turm und Säulengang ergänzt werden, basierten aber nun auf Entwürfen von Matthew Henderson.

Der Kirche schräg gegenüber auf der anderen Seite der Kreuzung, an der Ecke, die von den Straßen Anzac Avenue und Waterloo Quadrant gebildet wird, steht auf einer kleinen Erhebung ein trutziges Gebäude aus rotem Backstein, dessen Kanten und Fensterumrandungen mit weißen Steinen gefaßt sind. Wirkt es so schon ein bißchen wie eine kleine Festung, wird dieser Eindruck durch zwei zinnenbewehrte Türme noch verstärkt. Dieses neugotische Gebäude stammt aus der Mitte der 1860er Jahre und ist der Sitz des Obersten Gerichts Aucklands, des High Courts. Bereits als Gerichtsgebäude errichtet – die Gestaltung ist daher keineswegs zufällig gewählt, sondern war zu jener Zeit der bevorzugte Stil für solche Bauten im britischen Empire -, diente es seitdem nahezu ununterbrochen diesem Zweck.

Wir schlendern nun die Anzac Avenue entlang, die uns der Waterfront entgegenbringt, an der entlang wir zur Queen Street wandern wollen. Noch immer haben wir die Höhe, zu der wir bei unserem Eintritt in den Albert-Park aufgestiegen sind, nicht verlassen, doch als wir zwischen den Häusern, an denen wir nun entlanggehen – die Grünanlagen haben wir mit dem Gelände der Universität endgültig hinter uns gelassen -, weiter unten ein massives Gebäude erblicken, das ebenfalls schon einige Jahrezehnte gesehen haben dürfte, ist unser Interesse geweckt und wir nutzen die nächste Gelegenheit, über eine Abfolge von Treppen von der Höhe wieder herunterzusteigen. Kurz darauf stehen wir an der Beach Road – warum die wohl so heißt? Einen Strand gibt’s hier jedenfalls nicht – und blicken über einen großen Platz, an dessen anderer Seite sich das besagte Gebäude erhebt.

Über drei riesigen Bogenfenstern, die fast die gesamte Höhe des zweistöckigen Gebäudes einnehmen, ist in großen Lettern

RAILWAY STATION

zu lesen. Ein Bahnhof also. Zwischen den beiden Wörtern ist eine große Uhr zu sehen, die aber offenbar nicht mehr funktioniert, denn sie zeigt fünf Minuten vor fünf Uhr an, was keineswegs stimmen kann. Das ist für einen Bahnhof etwas ungewöhnlich, denn gerade dort ist doch die Kenntnis der aktuellen Uhrzeit für die zu den Zügen eilenden Reisenden von essentieller Wichtigkeit. Moment! Reisende? Die zu den Zügen eilen? Da sind keine! Abgesehen von abgestellten Autos sind Auffahrt und Vorplatz des Bahnhofs auffallend leer. Keine Menschenseele ist zu sehen.

Das alte Bahnhofsgebäude der einstigen Auckland Railway Station
Das ehrwürdige alte Bahnhofsgebäude der einstigen Auckland Railway Station.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Nun, das ist auch kein Wunder. Denn mit intensivem Zugverkehr ist an diesem alten Bahnhof, der, wie man der Aufschrift an seiner Vorderfront entnehmen kann, einst einfach Auckland Railway Station hieß, heute nicht mehr zu rechnen. Ende der 1920er Jahre errichtet und 1930 hier an der Beach Road eröffnet, ersetzte er einen einstigen Endbahnhof, der sich an der nicht allzuweit entfernten Queen Street befand, etwa dort, wo wir tags zuvor das Britomart Transport Centre vorgefunden hatten. Und dieses war es auch, das seinerseits im Jahre 2003 die Auckland Railway Station ablöste, so daß diese nach dreiundsiebzig Jahren im Dienst nun geschlossen wurde. Von ihren einst sieben Bahnsteigen wandelte man fünf in Abstellgleise um und behielt ganze zwei, die man bis zum heutigen Tag noch für Ausflugszüge, als Notreserve und als Endstation für den Fernverkehr des Northern Explorer nutzt. Um aber Verwirrung über den Bahnhofsnamen zu vermeiden – jeder würde unter dem Namen „Auckland Railway Station“ den Hauptbahnhof der Stadt vermuten -, führte man den nun sehr eingeschränkten Betrieb unter dem neuen Namen Strand Station fort.

Das einstige Bahnhofsgebäude, das William Henry Gummer einst im Beaux-Arts-Stil entworfen hatte, können die wenigen Fahrgäste allerdings nicht mehr nutzen, um die verbliebenen Bahnsteige zu erreichen. Das hatte man direkt nach der Schließung des Bahnhofs in ein Wohnhaus umgewandelt, dem man den Namen Grand Central Apartments gab und in dem zeitweilig ein Studentenwohnheim untergebracht war. Der Öffentlichkeit ist der Bau damit weitestgehend entzogen. Und das ist ein ausgesprochen trauriger Umstand, denn wie ich einschlägigen Beschreibungen des Gebäudes entnehme, war es einst eines von Aucklands repräsentativsten Gebäuden! Kunstvoll gestaltete öffentliche Räume und zahlreiche Einrichtungen und Geschäfte machten es zu einem wichtigen öffentlichen Ort der Stadt. Besonders beeindruckend war wohl die prächtige Metalldecke in der Haupthalle, die man in Deutschland herstellen ließ. Die Teile wurden nach ihrer Fertigstellung verschifft und an Ort und Stelle zusammengesetzt. Importierter Marmor und feine Bronzedetails mit einem wunderschönen Terazzoboden hatten das prunkvolle Erscheinungsbild des Bahnhofsgebäudes vervollständigt. All das bekommen wir nun nicht zu sehen – wenn es denn überhaupt noch vorhanden ist.

Wir gehen die Beach Road entlang, bis sie endet und in die Customs Street übergeht, die hier ein „East“ angehängt bekommt – ein Zeichen, daß wir wohl nicht mehr allzuweit von der Queen Street entfernt sind. Und richtig, ein paar Minuten später haben wir sie erreicht, biegen rechts in sie ein und stehen alsbald vor dem alten, ehrwürdigen, amtlich aussehenden Gebäude mit der großen Uhr über dem Eingang, das einst das Hauptpostamt der Stadt war und heute als Empfangshalle des Britomart Transport Centres dient. Wir werfen einen Blick hinein und ich stelle fest, daß das Erdgeschoß aus einem riesigen Saal besteht, der von der Vorder- bis zur Rückseite des Gebäudes reicht. Die Decke ruht auf zahlreichen runden Säulen, ergänzt um einige viereckige Pfeiler, die als Basis jeweils einen stählernen Fuß besitzen. Kleine, in die Halle hineingebaute Kioske verkaufen Sandwiches, Lebensmittel oder Fahrkarten, es gibt eine Cafeteria, deren Sitzbereich in der Mitte der Halle auf einem um drei Stufen erhöhten Podest liegt, wo sich auch ein Wartebereich mit mehreren Bänken befindet. Eine große Anzeigetafel, die die nächsten Abfahrtszeiten der Züge verkündet, fehlt natürlich auch nicht. Alles in allem war es das aber auch schon.

Ein Bahnhof ist allerdings nirgends zu sehen, was uns aber nicht weiter verwundert, denn wir wissen ja bereits, daß er sich im Untergrund befindet. So sind wir auch nicht überrascht, als wir an der Rückseite des Gebäudes eine breite Treppe vorfinden, die in die Tiefe hinabführt. Um die Hinauf- und Hinabsteigenden ausreichend vor der Witterung zu schützen, hat man hier an das alte Hauptpostamt einen modernen Glaswürfel angebaut, der den Einstieg in den Untergrundbahnhof umhüllt.

Als Eisenbahnliebhaber müssen wir natürlich wenigstens einmal einen Blick in den unterirdischen Bahnhof geworfen haben, und so steigen wir kurzerhand die Treppe hinunter. Unten angekommen, versperrt uns eine Batterie von Bahnsteigsperren den Weg zu den Gleisen, doch wir können den Bahnhof auch so ganz gut überblicken. Drei Bahnsteige, fünf Gleise, alle nebeneinander in einem breiten Tunnel angeordnet. Wir stehen am Kopf des Bahnhofs, die Gleise enden direkt vor uns an Prellböcken. Ein Kopfbahnhof also, dessen Ausfahrt in Richtung der alten Auckland Railway Station liegt. Nun, das verwundert auch nicht.

Die Decke des Tunnels ist recht hoch, senkt sich über den beiden äußeren Gleisen jedoch ab. Das ermöglicht es, daß die den Bahnhof erhellenden Lampen nicht nur in die Decke eingelassen werden konnten, sondern sich auch in der so entstehenden Seitenwand des abgesenkten Deckenbereichs befinden. Tagsüber bekommt der Bahnhof überdies noch Licht aus mehreren Oberlichtern, die sich hintereinander in der Mitte der Tunneldecke befinden. Eines ist direkt vor den Bahnsteigsperren über uns plaziert. Als ich hinaufschaue, stelle ich fest, daß es ein Okulus ist – ein kreisrundes Deckenfenster. Merkwürdig finde ich allerdings, daß der Blick durch die Scheiben keineswegs klar ist, sondern das sich eigentümliche Schlieren über das Glas zu bewegen scheinen. Ich kann mir keinen rechten Reim darauf machen.

Während wir wieder zur Oberfläche hinaufsteigen, grüble ich weiter darüber nach, finde aber keine Erklärung. Das soll sich jedoch schlagartig ändern, als wir den Glaspavillon über der Treppe erreicht haben und an seiner Rückseite das Bahnhofsgebäude verlassen. Wir stehen nun auf einem Platz, der hinter dem alten Hauptpostamt liegt. Bahnhofsvorplatz kann man ihn daher wohl nicht nennen. Gibt es ein entsprechendes Wort für die hiesige Situation? Bahnhofsrückplatz vielleicht? Ich komme nicht dazu, mir andere Wörter zu überlegen, denn nun fällt mein Blick auf einen Brunnen, der sich in der Mitte der Freifläche befindet. Er ist kreisrund und nur etwa einen halben Meter hoch. In seiner Mitte befindet sich keine Fontäne, sondern das Wasser wird von dort befindlichen Düsen auf eine ebene Fläche gesprüht. Unter dem Druck rinnt es zu deren Rand, wo es in einer Vertiefung wieder verschwindet. Die runde Fläche allerdings besteht – aus Glas. Das ist das Okulus – und des Rätsels Lösung! So einfach, so genial.

Brunnen am Britomart Transport Centre.
Ein gut getarntes Fenster in die Unterwelt – der Brunnen am Britomart Transport Centre.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Wir wandern um das Empfangsgebäude des Britomart Transport Centres herum zurück zur Queen Street. Der Name des Bahnhofs geht auf eine einstige Landspitze namens Point Britomart zurück, die sich früher an dieser Stelle im Waitematā Harbour befand, im Zuge von Landgewinnungsmaßnahmen jedoch verlorenging. Mit anderen Worten: Dort, wo heute Hochhäuser links und rechts der Queen Street in den Himmel ragen, schwappten einst die Wellen des Waitematā Harbours hin und her. Nun ergibt es auf einmal auch einen Sinn, daß die Straße, die wir vorhin hierher entlanggewandert waren, den Namen Beach Road trägt. Der „Strand“ hatte sich zu jener Zeit tatsächlich viel weiter landeinwärts befunden als heute.

Daß man Anfang der 2000er Jahre das Britomart Transport Centre hier in den Untergrund baute, wurde dadurch motiviert, daß man die Auckland Railway Station als zu weit von der Innenstadt entfernt befand. Dies soll bereits bei deren Eröffnung als Hindernis empfunden und kritisiert worden sein. Dennoch blieb sie mehr als siebzig Jahre in Betrieb, bis man der anhaltenden Kritik nachgab und die Eisenbahn an den Ort zurückbrachte, an dem sie früher ihren Anfang genommen hatte. Manche Dinge dauern eben manchmal etwas länger…

Wir spazieren nun hinüber zur Waterfront an der Quay Street, wo wir erneut den Roten Zaun bewundern. Diesmal zieht es uns jedoch nicht hinaus auf die Piers. Der Tag ist noch immer jung genug, um uns noch ein weiteres Ziel zu setzen. Und dafür müssen wir als nächstes zum Fährterminal hinter dem Ferry Building…

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