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Wie man Budapest kennenlernt

Dieser Beitrag ist Teil 2 von 2 der Beitragsserie "Eine Reise nach Budapest 2025"

Am Morgen meines ersten vollständigen Tages in Budapest mußte ich glücklicherweise keinen Zug erreichen. Ich war ja bereits da. Nach dem langen Vortag, den ich im wesentlichen sitzend und über Schwellen ratternd verbracht hatte, schien mir das ein durchaus erfreulicher Gedanke zu sein. Jetzt war ich wirklich im Urlaub angekommen und konnte mich auf den Weg machen, ohne daß ein Fahrplan oder sonst etwas darüber bestimmte, wann ich wo zu sein hatte.

Viel hatte ich mir zunächst gar nicht vorgenommen. Das Gefühl, angekommen zu sein, ein erster Eindruck, ein Überblick – das sollte für heute alles sein, was ich erstrebte. Und so wollte ich vom Hotel zur Donau hinuntergehen, mich unterwegs ein wenig umschauen und mich wieder mit der Stadt vertraut machen, die mir in meiner Kindheit für einige Zeit liebe Heimat gewesen war. Für einen Spaziergang klang das nach einem überschaubaren Programm. Allerdings hatte ich dabei weder berücksichtigt, wie sich Pläne durch unverhoffte Umstände ändern konnten, noch daran gedacht, wie viele Dinge zwischen meinem Hotel und der Donau standen, die sich keineswegs damit zufriedengeben würden, daß ich einfach so an ihnen vorüberging.

Schon das erste befand sich praktisch vor meiner Haustür.

Ungarische Staatsoper in Budapest
Die Staatsoper am Morgen. Ein Anfang, bei dem es sich durchaus lohnt, stehenzubleiben.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Das „K+K Hotel Opera Budapest“ trug, wie ich bereits wußte, seinen Namen nicht ohne Grund. Von seinem am nordöstlichen Ende der Révay utca gelegenen Eingang waren es nur wenige Schritte bis zur Ungarischen Staatsoper an der Andrássy út. Dieses 1884 eröffnete Haus war ein Werk Miklós Ybls, eines jener Architekten, deren Namen einem bei der Beschäftigung mit Budapest immer wieder begegnen. Heute würde das nicht das letzte Mal sein.

Ich nahm mir einen Augenblick Zeit, mir das Opernhaus in Ruhe anzusehen. Rundbögen, Säulen, Balustraden, Figuren – die Fassade hatte einiges aufzubieten. Das Gebäude schien sich seiner Bedeutung durchaus bewußt zu sein. Wobei es damit an dieser Straße keineswegs allein stand, wie ich noch sehen würde. Ein in der Baustilkunde einigermaßen Bewanderter dürfte die Renaissance-Elemente in der Gestaltung des Musentempels sofort erkennen. Und ihm würde auch sofort klar sein, daß die Entstehungszeit des Baus eine wirkliche Zugehörigkeit zu dieser Kunstepoche ausschloß, so daß man hier von Neorenaissance zu sprechen hatte – einem der Stile, die im Zuge des Rückgriffs auf historische Baustile in der Zeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts populär waren.

Ich muß gestehen, daß mir das in dem Moment, als ich andächtig das Gebäude studierte, natürlich nicht so klar und präsent vor Augen stand und ich dazu erst einmal einiges nachlesen mußte. Was mir aber sofort auffiel, war der deutliche Unterschied zur mir bestens bekannten Berliner Staatsoper, die, obwohl etwa einhundertfünfzig Jahre früher im Stil des Palladianismus errichtet, beim Betrachter einen deutlich strengeren und ernsteren Eindruck hinterläßt als das Opernhaus, dem ich mich hier gegenübersah. Man könnte sagen, die Berliner Oper verkörpert preußische Nüchternheit, während die hiesige künstlerische Verspieltheit an den Tag legt. Ihr überaus reichhaltiger Fassadenschmuck stellt sie unmittelbar in die Tradition der europäischen Musikgeschichte. So stehen auf der oberen Balustrade die Figuren bedeutender Komponisten verschiedener Zeiten, darunter Berühmtheiten wie Wolfgang Amadeus Mozart, Ludwig van Beethoven, Michail Iwanowitsch Glinka, Richard Wagner und Giuseppe Verdi, Pjotr Iljitsch Tschaikowski und Bedřich Smetana. Diese Statuen sind allerdings nicht mehr die, welche zu seiner Eröffnung das Gebäude zierten. Aus weichem Kalkstein bestehend, verwitterten jene über die Zeit so stark, daß im Jahre 1939 schließlich eine der Statuen herabstürzte, woraufhin man konsequent alle Figuren entfernte. Fast dreißig Jahre mußte das Opernhaus anschließend ohne sie auskommen. Erst im Dezember 1966 stellte man neue Figuren auf. Allerdings änderte man dabei die Auswahl der dargestellten Komponisten. Nach wie vor original sind jedoch die beiden sitzenden Figuren in den jeweiligen Nischen neben dem Haupteingang. Geschaffen von Alajos Strobl – ein weiterer Künstler, dessen Werken ich heute noch des öfteren begegnen sollte -, verkörpern sie die Komponisten Franz Liszt und Franz Erkel, die auf ungarisch Ferenc Liszt und Ferenc Erkel heißen. Beide Komponisten saßen dem Bildhauer persönlich Modell.

Doch die Fassade des Opernhauses hat dem interessierten Betrachter nicht nur Komponisten als Kunstbezug zu bieten. Die Arkaden im Obergeschoß werden durch Darstellungen der vier Musen geschmückt, die die im Opernhaus zusammenkommenden Kunstformen Dichtung, Gesang, Tanz und Schauspiel verkörpern. So blicken an der Vorderseite des vorspringenden Mittelteils Erato, die für Liebeslyrik und Gesang zuständig ist, und Terpsichore, die den Tanz und Chorgesang repräsentiert, auf den Betrachter herab. An den seitlichen Flächen werfen ihm Thalia, die Komödie, und Melpomene, die Tragödie, ihre Blicke zu.

Nachdem ich auch die Damen ausreichend gewürdigt hatte, machte ich mich auf den Weg die Andrássy út entlang. Hier boten sich auch die anliegenden Häuser zur Betrachtung an. Schräg gegenüber der Oper trugen am Wahrmann-Palast zwei steinerne Frauen einen Balkon mit steinerner Balustrade. Karyatiden nennt man solche Figuren, die von der Architektur zur dauerhaften Mitarbeit herangezogen werden, der sie nie entrinnen dürfen. Sie waren bereits meine zweite Begegnung mit dem Werk von Alajos Strobl. Ein reich verziertes zweiflügeliges Portal flankierend, halten sie Kränze in ihren Händen, die sie trotz ihrer tragenden Rolle frei haben, obwohl sie diese bereits seit fast hundertfünfzig Jahren spielen. Das Gebäude wurde nämlich in den Jahren 1882 bis 1884 nach den Plänen des Architekten Vilmos Freund errichtet.

Karyatidenportal am Wahrmann-Palast
Frauen in tragender Rolle. Zwei Karyatiden am Wahrmann-Palast in der Andrássy út.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Ein paar Meter weiter ging es auf der anderen Straßenseite weiter oben ähnlich reich verziert zu. Die obere Fassadenpartie des zwischen 1883 und 1884 ebenfalls nach Plänen von Vilmos Freund im Stil der Neorenaissance errichteten Ullmann-Palasts an der Ecke Andrássy út und Káldy Gyula utca wird von Figurengruppen, ornamentalen Reliefs und Säulen mit korinthischen Kapitellen geschmückt. Eine steinerne Balustrade bildet den oberen Abschluß. Der stahlblaue, wolkenlose Himmel bot den sonnenbeschienenen Gebäuden einen herrlichen Kontrast.

Zurück auf der linken Straßenseite, erwarteten mich am Saxlehner-Palast schließlich zwei geflügelte Fackelträger.

Portal des Saxlehner-Palasts
Wenn schon eine Haustür, dann bitte mit angemessener Begleitung – das Portal des Saxlehner-Palasts.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Sie flankieren eine reich verzierte zweiflügelige Holztür, in der ornamentale Metallgitter die Türfelder und das halbkreisförmige Oberlicht schmücken. Jede der beiden figürlich gestalteten Wandleuchten stellt einen bärtigen, geflügelten Mann dar, der mit beiden Händen eine reich verzierte Fackel hält, deren Leuchtkörper einer Flamme nachgebildet ist. Der Unterkörper geht in einen geschwungenen, ornamental verzierten Wandhalter über.

Ich war erst wenige Meter weit gekommen, und hatte doch bereits das Gefühl, viel Sehenswertes entdeckt und vermutlich ebensoviel bereits verpaßt zu haben. Es gibt Städte, in denen man nach Sehenswürdigkeiten förmlich suchen muß. Hier in Budapest schien eher die Frage zu sein, wann ich mit dem Schauen aufhören sollte, um auch einmal weiterzukommen.

Am Saxlehner-Palast hatte ich das südwestliche Ende der Andrássy út erreicht und stand nun an der großen Kreuzung, an der dieser bedeutende Boulevard auf die mir bereits bekannte Bajcsy-Zsilinszky út trifft. Von hier aus konnte ich mein nächstes Ziel bereits sehen. Groß und mächtig überragte die Kuppel der St.-Stephans-Basilika zu meiner Rechten die Dächer der umliegenden Häuser.

Diese große Kirche, die nach dem ersten ungarischen König benannt ist, gehört zu den Bauwerken, die man in Budapest kaum übersehen kann. Ihre Kuppel erhebt sich sechsundneunzig Meter über die Stadt, womit sie nur knapp von der des Berliner Doms geschlagen wird – die ist achtundneunzig Meter hoch. Interessant ist schon die Baugeschichte dieser Kirche. Die Bauarbeiten begannen im Jahre 1851 nach Plänen von József Hild. Aufgrund der Nähe der Donau gestaltete sich der Bau schwieriger als zunächst gedacht, denn man stellte schnell fest, daß für eine Kirche von der geplanten Größe die Fundamente wegen des Untergrunds wesentlich größer dimensioniert werden mußten, als man sich das vorher vorgestellt hatte. Man plante neu und grub schließlich einen Keller, der ganze drei Stockwerke tief war, was nahezu der Größe der darüberliegenden Kirche entspricht. Nachdem Hild im Jahre 1867 verstorben war, übernahm Miklós Ybl die Leitung. Seinem Werk war ich bereits am Anfang meines heutigen Spaziergangs an der Staatsoper begegnet. Er hatte noch kaum mit seiner Arbeit begonnen, da stellte er fest, daß sich die bereits errichtete Kuppel in ernster Gefahr befand. Unterschiedlich belastbares Steinmaterial und eine ungünstige Lastverteilung hatten die Konstruktion geschwächt, so daß der Einsturz drohte. Ybl veranlaßte umgehend Sicherheitsmaßnahmen, konnte jedoch die Katastrophe nicht verhindern. Die Kuppel und ihr Unterbau brachen am 22. Januar 1868 zusammen. Das Unglück machte umfangreiche Abbrucharbeiten und eine weitere Überarbeitung der Pläne notwendig. Die heutige Kuppel ist also das Ergebnis dieses zweiten Anlaufs. Ybl nutzte diese Gelegenheit, der Kirche ihre prägende Gestaltung im Stile der Neorenaissance zu geben. Unter seiner Leitung gedieh der Bau, doch als er 1891 starb, war dieser noch immer nicht fertig. So kam die Kirche zu ihrem dritten Architekten. József Kauser leitete die abschließende Innenausstattung und die künstlerischen Arbeiten. Schließlich konnte im Jahre 1905 die Kirche geweiht werden – nach vierundfünfzig Jahren Bauzeit.

Angesichts dieser interessanten Historie hatte ich heute natürlich nicht vor, die Basilika ausschließlich von außen zu betrachten. Doch wenn ich geglaubt hatte, ich könnte einfach zur Kirche hinüber und um sie herum zum nach Westen gewandten Haupteingang am Szent István tér gehen und sie durch diesen dann betreten, so sah ich mich getäuscht. Die ersten beiden Schritte waren natürlich noch ohne Probleme möglich. Am dritten scheiterte ich jedoch, denn das Hineinkommen war gar nicht so einfach.

Meiner Erfahrung nach lassen sich heutige Kirchen in vier Gruppen einteilen. Die erste Gruppe ist die uninteressanteste. Es sind die Kirchen, die man nie besuchen kann, es sei denn, man ist Mitglied der Gemeinde. Außerhalb von Gottesdiensten und anderen kirchenbezogenen Veranstaltungen sind sie immer geschlossen. Die zweite Gruppe ist mir die liebste. Sie wird von jenen Gotteshäusern gebildet, die interessierten Besuchern stets offenstehen, so daß man einfach hineingehen und sie besichtigen kann. Oder Andacht halten, wenn man das möchte. Die dritte Gruppe wird von den sogenannten scheinoffenen Kirchen gebildet. Ihre Tür ist immer unverschlossen, man darf eintreten, gelangt aber maximal bis zu einem Gitter oder einer Glaswand, von der aus man in den Kirchenraum blicken kann, ohne ihn jedoch betreten zu dürfen. Besichtigung und Andacht sind trotz der einladend offenen Kirchentür nicht möglich. Die vierte und letzte Gruppe versammelt die Gotteshäuser, die einem Besucher den Zutritt zwar gewähren, ihm dafür jedoch einen nicht unerheblichen Geldbetrag abverlangen. Einfach hineingehen und Andacht halten – das ist hier offenbar nicht vorgesehen.

Wie ich, nun vor dem Eingang stehend, schnell feststellte, gehörte die St.-Stephans-Basilika eindeutig zur vierten Gruppe. An den Türen standen Kontrolleure, denen jeder Besucher ein gültiges Eintrittsticket vorweisen mußte, um von ihnen in das Gotteshaus eingelassen zu werden. Was ich jedoch nirgends entdeckte, war ein Verkaufsstand, an dem ich so ein Ticket erwerben konnte.

Da ich jedoch nicht vorhatte, so einfach aufzugeben, fragte ich kurzerhand einen der Kontrolleure, wo der Erwerb der von mir begehrten Eintrittskarte denn möglich sei. Ohne das stets wachsame Auge von den an uns weiter vorbeiströmenden Besuchern und den Tickets in ihren Händen abzuwenden, bedeutete er mir knapp, mich zur südlichen Seite des Szent István térs zu begeben, denn dort sei das Ticket-Verkaufsbüro zu finden.

Gesagt, getan. Ich bedankte mich freundlich für die Auskunft und begab mich unverzüglich zum genannten Ort. Es fiel mir nicht schwer, die Verkaufsstelle, die sich in einem der den Platz säumenden Häuser befand, zu finden. Sie war ohne Schwierigkeiten an der langen Schlange Wartender zu erkennen, in die auch ich mich nun einreihte. Glücklicherweise blieb die Wartezeit sehr moderat, was der Tatsache zu danken war, daß man sich offenbar auf die große Zahl interessierter Besucher eingestellt und mehrere Verkaufsschalter eingerichtet hatte, so daß der Ansturm einigermaßen schnell bewältigt werden konnte. Es dauerte nicht einmal zwanzig Minuten, da hielt ich meine Tickets in den Händen, die mich nun dazu berechtigten, sowohl das Kircheninnere als auch den Kuppelumgang zu besuchen. Geschäftstüchtig war man hier jedenfalls. Warum nur eine Attraktion verkaufen, wenn man den Besuchern stattdessen auch Geld für mehrere abnehmen kann.

So ging ich denn hinein.

Was mir sofort auffiel – man kann es auch von außen schon erkennen, aber da hatte ich noch nicht darauf geachtet -, war, daß die Kirche in ihrem Grundriß keineswegs dem klassischen Bautyp einer länglichen Basilika entspricht. In der Tat geht ihre Bezeichnung auf den päpstlichen Ehrentitel der „Basilica minor“ zurück, den sie im Jahre 1931 erhielt. Und wenn wir schon bei Titeln sind: seit 1993 ist die St.-Stephans-Basilika außerdem Mitkathedrale des Erzbistums Esztergom-Budapest, also Bischofssitz. Sie dürfte also mit Fug und Recht auch als St.-Stephan-Kathedrale bezeichnet werden.

Was ich uneingeschränkt zugestehen muß, ist die Tatsache, daß ich für die umgerechnet etwa 17,50 € Eintritt eine ganze Menge zu sehen bekam. Der Innenraum bot mit seinen Mosaiken, Altären, Skulpturen und der großen Orgel reichlich Anlaß, den Gang durch die Kirche langsam anzugehen. Ich blickte von unten in die reich geschmückte Hauptkuppel der Basilika hinauf, die vollständig mit herrlich farbenprächtigen Mosaiken ausgekleidet ist, die nach Entwürfen von Károly Lotz geschaffen wurden und in deren Zentrum Gottvater höchstpersönlich thront, umgeben von zahlreichen biblischen Figuren. Rundbogenfenster erhellen die Kuppel nicht nur, sondern teilen sie gemeinsam mit vergoldeten Ornamenten in einzelne Bildfelder. Farbige Wandfelder leiten über zu den mit Rosetten verzierten Gewölbebögen, die den Kirchenraum in alle vier Richtungen an die Kuppel anschließen. Die Zwickel zwischen den tragenden Bögen zeigen herrlich detaillierte, farbenfrohe Darstellungen der Evangelisten.

Der Hochaltar ist ein meisterhaftes Kunstwerk für sich. Unter einem von Säulen getragenen Baldachin steht die Marmorstatue des heiligen Königs Stephan, wieder ein Werk Alajos Strobls. Auf der Spitze des Baldachins befindet sich der Erzengel Gabriel mit der Heiligen Krone. Vor all dem steht der separate Altartisch. Der umgebende Chorraum ist geschmückt mit vergoldeten Ornamenten und lateinischen Inschriften sowie Reliefs, die Szenen aus Stephans Leben zeigen. Und als wäre das noch nicht genug, schmücken über all dem nach Entwürfen von Gyula Benczúr ausgeführte Mosaiken die Halbkuppel des Chors.

Als ich mich umdrehte, fiel mein Blick auf die große Orgel, die auf der Empore über dem Eingang steht und nicht einfach nur ein Musikinstrument ist, sondern ebenfalls ein wunderschönes Kunstwerk. Das 1905 von der Werkstatt József Angster und Sohn gebaute Instrument besitzt einen reich verzierten Prospekt mit vergoldeten Ornamenten, gestaffelten Pfeifenfeldern und seitlichen Rundtürmen. Darüber fällt Licht durch ein großes Rundbogenfenster und taucht die Orgel in einen hellen Schein – auch etwas, das man in Kirchen nicht alle Tage sieht. Vergoldete Kapitelle und die ornamentale Gestaltung des Gewölbes setzen die Orgelempore in einen passenden Rahmen.

Die Kunstfertigkeit der Innenausstattung der Basilika setzt sich im Kirchenraum selbst fort. Das Kirchengestühl, der geometrisch gemusterte Steinboden, die rötlichen Säulen, vergoldeten Kapitelle und wieder die reich verzierten Gewölbebögen schaffen ein Erscheinungsbild, das zwar prunkvoll, doch keineswegs überladen wirkt, wie es manchmal in Barockkirchen der Fall ist. Mir kam eher das Wort „erhaben“ in den Sinn, als ich nach einer Beschreibung für den Eindruck suchte, den der wunderschöne Innenraum dieser Basilika bei mir hinterließ.

Fast ist es ein wenig müßig zu erwähnen, daß sich die Seitenaltäre in diese Atmosphäre nahtlos einfügten. Der Marienaltar präsentiert in seinem Zentrum ein schönes Gemälde von Gyula Benczúr, das den heiligen König Stephan zeigt, wie er der Maria mit dem Jesuskind die ungarische Krone darbietet. In muschelförmigen Nischen flankieren zwei Marmorstatuen das Altarbild: links steht der heilige Emmerich von Ungarn, Sohn Stephans I., geschaffen von Sándor Boldogfai Farkas, und rechts die heilige Margareta von Ungarn, Tochter König Bélas IV., geschaffen von Béla Ohmann.

Dem Marienaltar gegenüber steht der Heilig-Kreuz-Altar. Sein zentrales Gemälde, gemalt von Gyula Stetka, zeigt Christus am Kreuz. In den seitlichen Muschelnischen stehen Marmorstatuen des heiligen Franz von Assisi und des heiligen Aloisius von Gonzaga, beide geschaffen von Alajos Strobl. Unter dem Gemälde befindet sich ein vergoldeter Tabernakel, der von zwei wunderschönen knienden Engelsfiguren aus Bronze gesäumt wird.

Ergänzt wird die Ansammlung erhabener Kunstwerke von drei großen Skulpturen an den vier die Kuppel tragenden Hauptpfeilern des Innenraums – am vierten befindet sich die Kanzel. Eine davon ist die Marmorskulptur der heiligen Elisabeth von Thüringen, die von Károly Senyei geschaffen wurde. Die gekrönte Heilige reicht einem neben ihr stehenden Kind eine Gabe.

Und all das ist noch längst nicht alles, was ich auf meinem Rundgang durch den Innenraum der Basilika zu sehen bekam. All diese prachtvollen und wunderschönen Kunstwerke führten mir ebenso wie die Baugeschichte der Kirche eindrücklich vor Augen, daß, auch wenn die Basilika heute meist mit dem Namen Miklós Ybls verknüpft wird, sie keineswegs das Werk eines einzelnen Mannes ist, sondern das Gemeinschaftswerk vieler großer ungarischer Künstler.

Allerdings durfte ich die Kirche natürlich nicht verlassen, ohne eine ihrer ungewöhnlichsten Kostbarkeiten gesehen zu haben – vielleicht sogar die bedeutendste. Sie befindet sich in einem kleinen Schrein, der die Gestalt einer neogotischen Kapelle besitzt und vor dem Marienaltar steht. Darin wird die sogenannte Heilige Rechte verwahrt. Es handelt sich dabei um die als Reliquie verehrte rechte Hand Stephans I. Man mag sich nun fragen – und ich muß gestehen, daß auch mir diese Frage durchaus durch den Kopf ging, als ich vor dem kleinen Gefäß stand – welche Umstände wohl dazu geführt haben mochten, daß die Hand dieses großen Königs von seinem Leichnam abgetrennt wurde, um in diesem Schrein aufbewahrt zu werden. Der Überlieferung zufolge wurde die unversehrt gebliebene Hand bei einer Umbettung vom Leichnam getrennt und als Reliquie bewahrt. Wie dieser Vorgang tatsächlich ablief, ist heute allerdings nicht mehr sicher bekannt. Tatsache ist, daß die damalige religiöse Deutung aus einem körperlichen Überrest ein verehrungswürdiges Zeichen des Heiligen machte. Heute kann man jedenfalls sicher, ohne falsch zu liegen, feststellen, daß ein König, dessen Andenken nicht nur in Geschichtsbüchern, sondern auch auf eine so unmittelbare Weise bewahrt wird, im Gedächtnis eines Landes offenbar einen besonderen Platz einnimmt.

Wenn man nun annähme, daß der Name der Kirche mit dieser Reliquie in Verbindung stünde, läge man jedoch falsch. Tatsächlich war die Basilika gar nicht von Beginn an dem großen König geweiht, und daß sie es heute ist, hat auch nichts mit der Reliquie zu tun. Diese gelangte nämlich erst im Jahre 1950 in die Obhut des Pfarrers der Kirche. Und erst ab 1971 wurde sie schließlich in dieser selbst aufbewahrt. Der ursprüngliche Patron des Gotteshauses war hingegen Szent Lipót, auch bekannt als der heilige Leopold III., Markgraf von Österreich. Schon die kleine Vorgängerkirche aus dem Jahre 1817 war ihm gewidmet, so daß der große Neubau zunächst dieses Patrozinium übernahm. Der Wechsel zu Stephan erfolgte dann im Jahre 1897 und stand im Zusammenhang mit den ungarischen Millenniumsfeiern, die 1896 das tausendjährige Jubiläum der ungarischen Landnahme begangen hatten. Die erzbischöfliche Behörde stellte die zu diesem Zeitpunkt immer noch im Bau befindliche Kirche offiziell unter den Schutz des ersten ungarischen Königs. Dieser Umstand zeigte mir wieder einmal, daß die offensichtlichsten Verbindungen oftmals ganz schöne Holzwege sein können.

Für mich war es nun Zeit, ein wenig die Perspektive zu wechseln. Ich verließ den Innenraum der Basilika und begab mich zum Haupteingang zurück. Allerdings verließ ich die Kirche noch nicht, sondern wandte mich zur rechten Seite des Eingangsbereiches, wo sich, wie ich beim Betreten der Kirche festgestellt hatte, der Aufgang zur Kuppel befand. Zu deren Umgang wollte ich nun hinauf. Das bedeutete die Überwindung eines Höhenunterschieds von immerhin fünfundsechzig Metern, womit nun wieder die St.-Stephans-Basilika dem Berliner Dom etwas voraus hat. Dessen Kuppelumgang befindet sich nämlich in lediglich fünfzig Metern Höhe. Er ist über zweihundertsiebzig Stufen zu Fuß erreichbar. Um zu dem der Basilika hinaufzugelangen, muß der geneigte Treppensteiger dreihundertvier Stufen bewältigen. Hatte ich das nun also auch vor mir?

Glücklicherweise nicht. Bei einer Restaurierung der Basilika hatte man nämlich Aufzüge eingebaut, die seit 2003 eine bequemere Alternative zum Treppenaufstieg bieten. Da ich noch vorhatte, im Anschluß an den Besuch der Basilika ein wenig durch die Stadt zu wandern, und mich daher nicht verausgaben wollte – wann laufe ich schon mal eine solche Menge Treppen am Stück erst hoch und dann wieder runter? -, fiel mir die Wahl nicht schwer. Und so verließ ich kurz darauf den Aufzug, der mich vom Boden ein Stück hinaufgebracht hatte. Allerdings befand ich mich noch nicht auf dem Kuppelumgang, sondern in irgendeinem Zwischengeschoß. Von hier aus mußte es ja irgendwie weitergehen. Ich folgte ein paar Pfeilen, von denen ich annahm, daß sie mich zum nächsten Aufzug führen sollten, der mir unten vom Personal angekündigt worden war, fand jedoch zunächst nur den Treppenaufgang. Es kostete mich noch ein paar Minuten gezielten Suchens, bis ich den nächsten Aufzug gefunden hatte. Dann dauerte es nur noch wenige Minuten, und ich trat durch eine Tür hinaus in den sonnigen Tag.

Blick von der St.-Stephans-Basilika zum Gellértberg
Budapest von oben: Im Hintergrund erhebt sich der Gellértberg, im Vordergrund das Riesenrad am Erzsébet tér
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Von hier oben ließ sich das Verhältnis zwischen den einzelnen Teilen der Stadt ganz anders erfassen als unten auf der Straße. Die Häuser wurden zu Blöcken, die Straßen zu Schneisen, und die Bauwerke, die zwischen den Fassadenreihen zunächst verborgen geblieben waren, ragten nun als Orientierungspunkte heraus.

Beginnend im Südwesten, wo ich den Umgang betreten hatte, wanderte ich entgegen dem Uhrzeigersinn um die Kuppel herum und ließ den Blick nach und nach in alle Richtungen gehen. Im Südosten breitete sich die dicht bebaute Pester Stadtlandschaft aus. Weiter östlich konnte ich die Staatsoper wiederfinden, an der ich am Morgen noch gestanden hatte. Ihr großes Dach ließ sich zwischen den umliegenden Häusern gut erkennen.

Blick über Terézváros zur Ungarischen Staatsoper
Die Oper hatte ich gerade erst von unten betrachtet. Nun ließ sie sich zwischen den Dächern wiederfinden.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Nach Nordwesten schob sich die Kuppel des Parlaments über die Bebauung. Dahinter lagen die Budaer Berge, unter denen der Drei-Grenzen-Berg mit seinem hellen Sendeturm besonders herausragte. Ihn zu sehen, war, als grüße ein alter Freund zu mir herüber. Ich erinnerte mich noch, wie ich es als Kind stets faszinierend fand, wie er da immer so von weitem zu sehen war als Endpunkt einer ansteigenden Kette von Bergen, mit seinem hellen Turm und seinen dicht bewaldeten grünen Hängen, die – ganz im Gegensatz zu den anderen der Budaer Berge – nicht über und über mit Häusern besetzt waren. Immer wieder drängte ich meine Eltern, daß wir doch unbedingt einmal dorthin fahren sollten, weil ich sehen wollte, was da ist. Bis wir eines Tages die Fahrt unternahmen. Nun, so spannend kann das, was wir dort fanden, nicht gewesen sein, denn während ich den Wunsch, dort einmal hinzufahren, noch heute gut nachfühlen konnte, war mir von dem Ausflug selbst nichts in Erinnerung geblieben. Merkwürdig, nicht wahr? Ich mußte unwillkürlich lächeln, als ich plötzlich wieder den Wunsch verspürte herauszufinden, was der Berg denn wohl zu bieten habe. Offenbar war mein kleineres Selbst noch irgendwo in mir…

Blick über die Dächer zum ungarischen Parlament
Der Himmel über Budapest: Das Parlament am Ufer der Donau, die sich versteckt, und dahinter die Budaer Berge mit dem Drei-Grenzen-Berg und seinem weißen Turm.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Weiter nach Westen kamen die Matthiaskirche und die Fischerbastei ins Bild, und schließlich auch der Burgpalast mit seiner grünen Kuppel.

Matthiaskirche und Fischerbastei auf dem Budaer Burgberg
Matthiaskirche und Fischerbastei. Für heute mußte die Betrachtung aus der Ferne genügen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Der Burg würde ich mich an einem späteren Tag noch ausführlicher widmen. Jetzt war es erst einmal angenehm, sie zusammen mit so vielen anderen Orten in einen größeren Zusammenhang einordnen zu können.

Auch die Basilika selbst hielt hier oben noch einiges bereit. Ihre beiden westlichen Glockentürme standen nun beinahe auf Augenhöhe. Im Südwestturm hängt die große Stephansglocke, die mit ihren 9.250 Kilogramm die größte Glocke Ungarns ist. Die anderen fünf Glocken sind im Nordwestturm untergebracht. Von unten wirken solche Türme vor allem repräsentativ. Hier oben wurde ihr Zweck etwas greifbarer.

Die Zrínyi utca zeigte mir schließlich auch die Richtung meines weiteren Weges. Zwischen ihren Häusern konnte ich bis zur Donau sehen. Die Straße führte vom Vorplatz der Basilika geradewegs auf den Fluß zu. Für die Orientierung war das ausgesprochen praktisch.

Blick durch die Zrínyi utca zur Donau
Die Donau ist am Ende der Straße bereits zu erkennen. Jetzt mußte ich nur noch wieder nach unten.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Als ich schließlich den Gellértberg mit der Freiheitsstatue wieder vor mir sah, wußte ich, daß ich die Kuppel einmal umrundet hatte. Der Gellért-hegy, wie er auf Ungarisch heißt, liegt auf der Budaer Seite direkt an der Donau. Er besitzt eine Höhe von 235 Metern. Über dem Meeresspiegel wohlgemerkt, nicht über der Donau. Sein Name erinnert an Bischof Gellért, was auf Deutsch Gerhard bedeutet. Gellért war ein christlicher Missionar, der der Überlieferung zufolge während eines Aufstands im Jahre 1046 von der felsigen Donauseite des Berges in die Tiefe gestürzt wurde. Daß er dabei in ein Faß gesteckt worden sein soll, ist allerdings nur eine Legende.

Die weithin sichtbare Frauengestalt mit dem erhobenen Palmzweig ist der Beweis dafür, daß nicht nur New York eine Freiheitsstatue besitzt. Denn der Name dieser Statue – Szabadság-szobor – bedeutet genau das: Freiheitsstatue. Die 1947 aufgestellte, ohne Sockel vierzehn Meter hohe Bronzefigur wurde von Zsigmond Kisfaludi Strobl geschaffen und erinnerte ursprünglich an den Sieg der sowjetischen Truppen über die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg. Nach dem politischen Umbruch Ende der 1980er Jahre wurde die Widmung des Denkmals jedoch erweitert. Es erinnert heute an diejenigen, die ihr Leben für Ungarns Unabhängigkeit, Freiheit und Wohlergehen opferten. Damit bewiesen die Ungarn, daß es auch in Zeiten großer Umbrüche durchaus nicht notwendig ist, Kunstwerke und Denkmäler untergehender Epochen zu schleifen. Man kann sie erhalten und ihre politische Bedeutung sinnvoll erweitern oder sogar ändern.

Die klar erkennbare langgestreckte Festung hinter der Statue ist deutlich älter als diese. Sie entstand in den Jahren 1850 bis 1854, nach der Niederschlagung der ungarischen Revolution und des Unabhängigkeitskampfes von 1848/49. Ihr Zweck war vor allem, die Stadt militärisch zu kontrollieren und mögliche neue Aufstände zu unterdrücken. Sie war somit zunächst ein Symbol habsburgischer Herrschaft. Die Anlage ist etwa zweihundertzwanzig Meter lang und sechzig Meter breit; ihre Steinmauern sind rund vier Meter stark. Die kaiserlichen Truppen bezogen sie 1854 und blieben dort bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts.

So schaute ich hier also nicht einfach nur auf einen Berg, sondern blickte gewissermaßen auf materialisierte Geschichte. Ein Bischof und Missionar, der für seinen Glauben in den Tod gegangen war, eine später errichtete Festung zur Kontrolle der Stadt und ein noch später aufgestelltes Freiheitsdenkmal – ich blickte hier gewissermaßen auf Elemente der Geschichte des steten Kampfes der Menschen um die Freiheit. Die Freiheit des Glaubens. Die Freiheit des Denkens. Die Freiheit, ohne Unterdrückung zu leben.

Freiheitsstatue und Zitadelle auf dem Gellértberg
Einmal rund herum: Mit dem Blick auf den Gellértberg hatte mein Kuppelrundgang auf der St.-Stephans-Basilika begonnen. Jetzt schaute ich nochmal genauer hin.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Ich verließ den Kuppelumgang durch dieselbe Tür, durch die ich ihn auch betreten hatte. Der Weg von Aufzug zu Aufzug war mir diesmal bekannt, und so fand ich mich kurze Zeit später unten auf dem Platz wieder. Hier betrachtete ich die Kirche noch einmal von außen. Über ihrer Kuppel und den beiden Türmen hatten sich mächtige Wolken versammelt. Der Himmel lieferte der Architektur einen Hintergrund, den kein Architekt hätte bestellen können.

St.-Stephans-Basilika unter mächtigen Wolken
Die Basilika am Szent István tér. Der Himmel trägt seinen Teil zur Wirkung bei.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Ich setzte nun meinen Weg fort und folgte der Zrínyi utca, die mich hinunter zur Donau bringen sollte. Die kleine Straße ist, genau wie der Szent István tér und einige der sie kreuzenden Straßen, eine Fußgängerzone. Ich konnte sie also ganz gemütlich entlangbummeln und die Blicke nach links und rechts schweifen lassen, ohne auf vorbeifahrende Autos achten zu müssen. Hohe Häuserfassaden mit reich gegliederten Fenstern und Erkern säumten den Weg auf beiden Seiten, hier und da standen kleine Bäume, zahlreiche Restaurants und Cafés luden die Passanten zum Verweilen ein und kleine Läden animierten zum Einkaufen. Die Stadt wirkte hier sehr lebendig und lebensfroh.

Bereits an der nächsten Querstraße stieß ich wieder auf ungarische Geschichte. Die Október 6 utca erinnert mit ihrem Namen an den Gedenktag der Märtyrer von Arad. An diesem Tag wurden im Jahre 1849 in Arad, das heute zu Rumänien gehört, dreizehn hohe Offiziere der ungarischen Armee auf Befehl der habsburgischen Militärführung hingerichtet. Sie gingen als die „Märtyrer von Arad“ in die ungarische Erinnerung ein. Am selben Tag erschossen die habsburgischen Truppen in Pest auch Lajos Batthyány, der der erste Ministerpräsident einer dem ungarischen Parlament verantwortlichen Regierung war. Diese Hinrichtungen gehörten zur habsburgischen Vergeltung nach der Niederschlagung der ungarischen Revolution von 1848/49. Das Datum war dabei ganz bewußt gewählt worden, denn am 6. Oktober 1848 hatte in Wien ein Aufstand begonnen, bei dem der österreichische Kriegsminister Theodor Baillet von Latour getötet worden war. So steckt hinter dem unscheinbaren Datum im Namen dieser Straße, der ihr im Jahre 1953 verliehen wurde, ein zentrales Ereignis der nationalen ungarischen Geschichte.

An der Straßenecke begegnete ich einem Polizisten, bei dem ich mich nicht fragen mußte, ob das Fotografieren womöglich unerwünscht sein könnte. Er war aus Bronze. Die 2008 aufgestellte Figur von András Illyés wird häufig „Pocakos rendőr“ genannt, was ungefähr „dickbäuchiger Polizist“ bedeutet. Wenn man ihn sieht, weiß man sofort, warum. Mit seinem charakteristischen Helm und der historischen Festuniform eines alten Budapester Straßenpolizisten gehört er einer anderen Zeit an, die in der ungarischen Erinnerung offenbar positiv besetzt ist, denn bei der Einweihung wurde ausdrücklich erklärt, daß die Figur ein „Bild aus friedlichen alten Zeiten“ vermitteln solle. Und so machte dieser Polizist mit seinem üppigen Schnurrbart und dem sich stark vorwölbenden Bauch auch einen eher gemütlichen denn strengen Eindruck auf mich. Vielleicht lag das auch daran, daß er einen ausgesprochen dauerhaften Dienstposten hat.

Der gemütliche Polizist in der Zrínyi utca
Dieser Polizist bleibt auch dann auf seinem Posten, wenn alle anderen längst Feierabend haben.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Wieder eine Straße weiter, an der Ecke zur Nádor utca, traf ich am Donaupalast in einer Ecknische Franz Liszt, diesmal in Form einer Büste. Die Bronzearbeit der Bildhauerin Katalin Gerő wurde 2013 mithilfe von Spenden aufgestellt. Sie entstand ursprünglich zum 200. Geburtstag des Komponisten im Jahr 2011. Interessant ist, daß weitere Abgüsse der Büste in Warschau und Belgrad stehen. Ich weiß nicht, wie es sich dort verhält, aber hier hat der Standort der Büste einen direkten Bezug zu Liszts Leben: in der Nähe befand sich seine erste Pester Wohnung. Die Büste blickt zur St.-Stephans-Basilika, deren Bau Liszt mit einer Spende unterstützt hatte.

Wenig später erreichte ich den Széchenyi István tér, einen langgestreckten rechteckigen Platz am Ufer der Donau. Graf István Széchenyi, der von 1791 bis 1860 lebte, gilt heute als einer der wichtigsten Wegbereiter des modernen Ungarn, arbeitete er doch Zeit seines Lebens und in verschiedenen Positionen als Politiker – im ersten parlamentarischen ungarischen Kabinett unter Lajos Batthyány wurde er 1848 Verkehrsminister -, Schriftsteller und Förderer großer Bau- und Wirtschaftsprojekte daran, das Land aus seinen feudalen Strukturen herauszuführen. So ist es kein Wunder, daß nicht nur Straßen und Plätze nach ihm benannt sind, sondern daß sogar seine politischen Gegenspieler seine Leistungen anerkannten, unter ihnen Lajos Kossuth, der ihm sogar den Ehrennamen verlieh, der noch heute eng mit ihm verknüpft ist: „a legnagyobb magyar“ – „der größte Ungar“. Kann es eine größere Anerkennung geben?

Hier am Széchenyi István tér stand ich gleich zwei bedeutenden Errungenschaften gegenüber, die mit diesem großen Mann auf das Engste verbunden sind. Die erste war die Ungarische Akademie der Wissenschaften.

Ungarische Akademie der Wissenschaften im Jubiläumsjahr
Nicht nur schön, sondern auch geistreich: das Gebäude der ungarischen Akademie der Wissenschaften.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Die Hauptfassade dieses wunderschönen Neorenaissance-Gebäudes ist dem Platz zugewandt, an dessen schmaler Nordseite es steht. Ich war etwas überrascht zu erfahren, daß es nach Plänen des deutschen Architekten Friedrich August Stüler errichtet worden war, dessen Berliner Werke mir natürlich bestens vertraut sind: das Neue Museum und die Alte Nationalgalerie auf der Museumsinsel, die St.-Matthäus-Kirche und die unter seiner Mitwirkung errichtete Neue Synagoge in Mitte, die St.-Jacobi-Kirche in Berlin-Kreuzberg und nicht zuletzt die Kirche St. Peter und Paul auf Nikolskoje. Da fühlte ich mich gleich irgendwie verbunden. 1865 eröffnet, gilt das Gebäude der Budapester Akademie der Wissenschaften als erstes öffentliches Bauwerk Ungarns im Stil der Neorenaissance. An der Fassade waren farbenfrohe Banner angebracht, die darauf hinwiesen, daß die darin beheimatete Institution in diesem Jahr 2025 ihr zweihundertjähriges Bestehen feierte. Ihre Gründung geht auf István Széchenyis Angebot von 1825 zurück, ein Jahreseinkommen seiner Güter für eine ungarische Gelehrtengesellschaft zu stiften. Der Mann hatte offenbar eine recht konkrete Vorstellung davon, wie sich die Entwicklung seines Landes voranbringen ließ. Mit dieser Stiftung sollten nach seiner Vorstellung insbesondere die ungarische Sprache gepflegt und gefördert werden. Die Initiative fiel auf fruchtbaren Boden, weitere Adelige schlossen sich an – und im Ergebnis ging daraus die Akademie der Wissenschaften hervor.

Bevor ich mich dem zweiten Werk, das seinem segensreichen Wirken für Ungarn zu danken war, zuwandte, warf ich noch einen Blick auf zwei Denkmale, die vor dem Akademiegebäude standen. Rechts erhob sich eine Büste, die der Aufschrift am Sockel zufolge Ferenc Salamon darstellte, einen ungarischen Historiker, der von 1825 bis 1892 lebte. Die Bronzearbeit von Gyula Jankovits wurde 1902 aufgestellt. Das durch Spenden finanzierte Denkmal entstand auf Initiative der Ungarischen Historischen Gesellschaft. Salamon war Mitglied der Akademie und verfaßte unter anderem eine mehrbändige Geschichte von Buda und Pest. Die Sockelinschrift „Salamon Ferencz“ verwendet nicht nur die historische Schreibweise des Vornamens, sondern zeigt auch, daß Namen im Ungarischen anders wiedergegeben werden als im Deutschen. Während wir es gewohnt sind, Personen mit Vor- und Nachnamen zu bezeichnen – woraus sich auch die Begriffe für die Namensteile ableiten -, nennen die Ungarn stets den Nachnamen zuerst.

Das zweite Denkmal hatte man 1899 links vor der Akademie plaziert. Es war ebenfalls von Gyula Jankovits geschaffen worden und zeigt die Büste des ungarischen Sprachwissenschaftlers Gábor Szarvas, der von 1832 bis 1895 lebte. Auch er war Mitglied der Akademie, begründete 1872 die Zeitschrift „Magyar Nyelvőr“, was soviel wie „Ungarischer Sprachwächter“ bedeutet, und setzte sich für die Pflege der ungarischen Sprache ein. Ein am Sockel der Bronzearbeit dargestellter Band dieser Zeitschrift verweist auf seine Arbeit. Besonders fiel mir die weibliche Begleitfigur ins Auge, die einen Lorbeerzweig zur Ehrung des Gelehrten emporreicht. Dergleichen sieht man an solchen Gedenkbüsten eher selten.

Nun war es jedoch an der Zeit, sich dem großen und vielleicht berühmtesten Bauwerk Budapests zuzuwenden, von dem man eigentlich gar nicht sagen kann, daß es sich hier am Széchenyi István tér befindet, weil das bei einer Brücke über einen großen Strom keinen rechten Sinn ergäbe. Da sie jedoch genau in der Mitte von dessen westlicher Langseite auf den Platz trifft, mußte ich mich nur umdrehen, um sie stolz und majestätisch vor mir zu sehen: die Kettenbrücke.

Auch an ihrem Zustandekommen war István Széchenyi maßgeblich beteiligt gewesen. Er hatte sich für die Schaffung einer dauerhaften Brücke eingesetzt, die Pest und Buda über die breite Donau hinweg verbinden sollte. Allerdings beließ er es nicht bei Reden und Absichtserklärungen, wie das so viele Politiker heutzutage tun. Stattdessen organisierte er Fachleute, die sich um die Verwirklichung dieser Idee kümmerten, und wirkte an der Finanzierung und der Schaffung der rechtlichen Voraussetzungen aktiv mit. Entworfen wurde die gewaltige Brücke von William Tierney Clark. Die Eröffnung fand am 20. November 1849 statt. Mit der Brücke ging auch eine bemerkenswerte Neuerung einher: erstmals mußten auch Adlige Brückenzoll bezahlen. Damit wurde die Brücke zugleich ein sichtbares Zeichen dafür, daß Standesprivilegien überwunden werden konnten. Als Anerkennung für seinen Einsatz verliehen die Ungarn der Brücke seinen Namen: Széchenyi lánchíd – Széchenyi-Kettenbrücke. Die ebenfalls namensgebenden Eisenketten sind dabei keineswegs nur schmückendes Beiwerk. Ihnen kommt an dieser Hängebrücke eine echte tragende Funktion zu.

Und nun stand sie direkt vor mir.

Kettenbrücke und Budaer Burgviertel
Die Kettenbrücke verbindet die beiden Donauufer. Dahinter erhebt sich das Budaer Burgviertel.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Vom Pester Brückenkopf am Széchenyi István tér ließ sich die gegenüberliegende Stadtseite gut betrachten, die vom Budaer Burgviertel mit dem Burgpalast, der Matthiaskirche und der Fischerbastei dominiert wird. Darunter führte die Brücke über den Fluß und vor ihr hielten zwei Löwen Wache. Zwei weitere befinden sich am jenseitigen Brückenkopf. Die Tierskulpturen wurden von János Marschalkó geschaffen und an den beiden Brückenköpfen aufgestellt.

Die Brücke ist in der Tat weit über Budapest und Ungarn hinaus berühmt. Und mit ihr eng verbunden ist eine Geschichte über die Löwen und ihre Zungen, die mir schon als Kind über den Weg lief. Als ich damals im Kindergarten erzählte, daß wir nach Budapest umziehen würden, weil mein Vater an die dortige Botschaft versetzt worden war, erklärte mir meine begeisterte Kindergärtnerin, daß es an der Kettenbrücke Löwenfiguren gäbe und ich mir diese auf jeden Fall genau ansehen solle, denn zwei dieser Löwen hätten Zungen, während sie den anderen beiden fehlten. Das faszinierte mich natürlich, und als wir dann schließlich in Budapest waren und ich das erste Mal den Löwen gegenüberstand, wollte ich es natürlich genau wissen. Tatsächlich konnte ich aber, da die Tierfiguren auf hohen Sockeln plaziert sind, bei keinem der Löwen eine Zunge entdecken.

Daß ich damit noch viel näher an der Legende von den Zungen war als meine Kindergärtnerin, konnte ich damals natürlich nicht wissen. Denn in der Tat erzählt diese, daß, als die vier steinernen Löwen an der Kettenbrücke enthüllt wurden, die versammelten Zuschauer die Arbeit des Bildhauers János Marschalkó bewunderten. Als dann plötzlich ein Schusterlehrling aus der Menge „Die Löwen haben ja gar keine Zungen!“ rief, schauten alle genauer hin. Und es schien ihnen, als habe der Junge tatsächlich recht. Marschalkó, der so stolz auf seine Arbeit gewesen war, daß er zuvor versprochen haben soll, sich in die Donau zu stürzen, falls jemand einen Fehler an seinen Löwen entdecken könne, wurde nun zum Gespött der Stadt. Aus Scham über seinen vermeintlichen Fehler setzte er sein Versprechen in die Tat um und stürzte sich von der Brücke in die Donau.

Natürlich ist an dieser Legende kein Wort wahr. Auch die Geschichte, daß nur zwei der Löwen keine Zunge besäßen, ist es nicht. Denn in der Tat verfügen alle vier Löwenfiguren über eine Zunge. Der Bildhauer hatte die steinernen Löwen mit größtmöglicher anatomischer Genauigkeit geschaffen. Und weil Großkatzen in der Regel nicht mit heraushängender Zunge hecheln, wie Hunde das gewöhnlich tun, sondern ihre Zunge normalerweise hinter den Zähnen und tief im Maul liegt, hatte Marschalkó die Zungen seiner Löwen natürlich genau so modelliert. Um sie zu sehen, müßte man auf die Sockel klettern und von oben in die geöffneten Mäuler der Löwen blicken. Vom Straßenniveau aus sind sie jedoch unsichtbar. Und auch die Erzählung vom Freitod János Marschalkós ist nichts als eine Budapester Stadtlegende.  Er nahm sich keineswegs das Leben. Vielmehr starb er im Jahre 1877 nach einer langen und erfolgreichen Bildhauerkarriere im Alter von neunundfünfzig Jahren eines natürlichen Todes. Und es heißt, er sei sich des scherzhaften Vorwurfs, seine Löwen seien zungenlos, selbst bewußt gewesen und habe seinen diesbezüglichen Kritikern stets mit der geistreichen Bemerkung geantwortet:

Möge Gott Deiner Frau eine Zunge verleihen, wie sie meine Löwen haben!

Aber das ist vielleicht auch wieder nur eine Legende…

Aus meiner damaligen Budapester Zeit konnte ich mich auch noch daran erinnern, wie wir mit unserem Auto, wenn wir in der Stadt unterwegs waren, hin und wieder auch über diese Brücke fuhren. Wie ich nun aber hier so stand und das Panorama rund um die Brücke auf mich wirken ließ, fiel mir auf, daß ich nur gelegentlich von einem vorüberfahrenden Fahrzeug dabei gestört wurde. Ich schaute dem spärlichen Verkehr eine Weile zu und stellte schnell fest, daß dieser hier ausschließlich aus Taxen, Linien- und Stadtrundfahrtbussen sowie Radfahrern bestand. Private Autos schien es auf der Brücke praktisch gar keine zu geben. Und dieser Eindruck täuschte mich durchaus nicht, denn nachdem man im Jahre 2023 die Arbeiten zur letzten großen Sanierung der Brücke abgeschlossen hatte, blieb die Fahrbahn für private Autos gesperrt. Ich konnte nicht sagen, daß ich das schade fand, auch wenn dadurch der Autoverkehr an dieser Stelle größere Umwege nehmen muß, wenn er die Donau überqueren will, da aufgrund der großen Breite, die der Fluß in Budapest bereits besitzt, Brücken aufwendig zu bauen und daher nicht eben dicht gesät sind. Der hiesigen Innenstadt tut dies aber durchaus gut.

Für meinen heutigen Spaziergang hatte ich nicht vor, auf die andere Seite des Flusses zu wechseln. Ich wollte zunächst auf der Pester Seite bleiben. Was mich jetzt interessierte, war, ob es hier am Széchenyi István tér nicht auch ein Denkmal für den „größten Ungarn“ selbst gab. Es schien mir kaum vorstellbar, daß man den Platz an zweien der größten mit seinem Wirken auf das Engste verbundenen Werken nach ihm benannte und dort Denkmale für andere Akademiemitglieder aufstellte, ihm selbst aber keinen Denkstein gesetzt haben sollte. Und tatsächlich war das auch nicht der Fall. Ich mußte noch nicht einmal lange danach suchen, sondern mich, an der Brücke stehend, nur einmal umdrehen, um das Denkmal zu finden. Es stand inmitten der großen Grünanlage, die das Zentrum des Platzes ausmachte, und war – der Bedeutung des Geehrten entsprechend – überlebensgroß. Die 1880 aufgestellte Bronzearbeit von József Engel zeigt Széchenyi als große Standfigur auf hohem Sockel, der von vier mythologischen Figuren gesäumt wird, die gewissermaßen eine Zusammenfassung seines Lebenswerks in mythologischer Form darstellen. Minerva, die römische Göttin der Weisheit und der Künste, verkörpert dabei die Wissenschaft und Kultur, um die er sich mit der Gründung der Akademie der Wissenschaften verdient gemacht hat. Neptun als Gott des Meeres und der Gewässer steht für Széchenyis Einsatz für die Dampfschiffahrt und die Regulierung von Flüssen wie der Theiß. Vulcanus wiederum erinnert als Gott des Feuers und der Schmiedekunst an Széchenyis Förderung der ungarischen Industrie, etwa von Schiffbau und modernen Mühlenbetrieben. Und Ceres, die Göttin des Ackerbaus und der Ernte, verkörpert seine Bemühungen um eine leistungsfähigere Landwirtschaft, sowohl hinsichtlich besserer Bewirtschaftungsmethoden als auch der Schaffung der notwendigen wirtschaftlichen Voraussetzungen.

István-Széchenyi-Denkmal am Széchenyi István tér
Großes Denkmal für den „größten Ungarn“: István Széchenyi.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Während ich dieses Denkmal studierte, überlegte ich, welchem Politiker der heutigen Zeit ich wohl solch ein Erinnerungszeichen widmen würde. Leider fiel mir keiner ein. Sich persönlich für sein Land und die Menschen seines Volkes einzusetzen, scheint bei den politisch Verantwortlichen heute völlig aus der Mode gekommen zu sein.

Bevor ich den Széchenyi István tér nun verließ, warf ich noch einen Blick auf den Gresham-Palast, einen prächtigen Jugendstilbau, der einst für die britische Lebensversicherungsgesellschaft Gresham als Büro- und Wohngebäude errichtet und 1906 fertiggestellt wurde. An seiner Gestaltung wirkten Zsigmond Quittner sowie die Brüder József und László Vágó mit. Das Gebäude gehört zu den bedeutenden Jugendstilbauten Budapests. Nach einer umfassenden Restaurierung eröffnete hier 2004 das Four Seasons Hotel.

Ich wollte nun ein wenig die Uferpromenade an der Donau entlangspazieren und wandte mich dafür nach Süden, in Richtung Elisabethbrücke. Zunächst wechselte ich vom großen Széchenyi István tér auf den benachbarten kleinen Eötvös tér hinüber. Beide sind nur durch eine Straße voneinander getrennt. József Eötvös, nach dem der Platz benannt ist, war 1848 ebenfalls Mitglied im Kabinett Lajos Batthyánys gewesen. Sein Amt als Minister für Religion und Unterricht, das er dabei innegehabt hatte, übernahm er nach dem österreichisch-ungarischen Ausgleich erneut und übte es von 1867 bis zu seinem Tod im Jahre 1871 aus. Sein Volksschulgesetz von 1868 führte die allgemeine Schulpflicht ein und schuf die Grundlage für ein modernes ungarisches Schulwesen. Als Schriftsteller nutzte er seine Romane, um gesellschaftliche Mißstände anzuprangern, und als Präsident der ungarischen Akademie der Wissenschaften förderte er eben jene. Zuvor hatte er bereits maßgeblich an der Verwirklichung ihres Gebäudes mitgewirkt. Sein Denkmal, das auf dem Platz steht, konnte ich mir allerdings nicht ansehen. Es war leider wegen umfangreicher Baumaßnahmen an einem nahegelegenen Gebäude hinter einem Bauzaun verborgen.

Hier am Fluß gab es nun nicht nur die großen Ansichten zu betrachten. Vielmehr lohnte es sich, auch auf die kleinen Dinge am Weg zu achten, denn dabei konnte ich echte künstlerische Perlen entdecken. Am Ausgang des Eötvös tér stand Ignác Roskovics an seiner Staffelei und malte die Kettenbrücke. Daß sowohl der Maler als auch seine Ausrüstung aus Bronze bestanden, machte die Szene nicht weniger realistisch und passend. Schließlich hatte ich mich gerade ebenfalls damit beschäftigt, diese Aussicht festzuhalten – nur mit einem anderen Werkzeug.

Ignác Roskovics an der Staffelei
Ein Maler bei der Arbeit: Ignác Roskovics malt die Kettenbrücke.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Ignác Roskovics, der von 1854 bis 1915 lebte, war ein ungarischer Kirchen- und Genremaler. Die lebensgroße Figur schuf Mihály Kolodko. Sie wurde 2014 aufgestellt. Eine frühere Fassung steht seit 2012 in der heute ukrainischen Stadt Uschhorod, dem historischen ungarischen Ungvár, wo Roskovics einen Teil seines Lebens verbrachte. Während der Maler dort eine Ansicht der Ung festhält, zeigt die Leinwand der Budapester Fassung die Donau mit der Kettenbrücke.

Ein Stück weiter saß eine kleine Prinzessin auf dem Geländer, das die Promenade von den Gleisen der hier verkehrenden Straßenbahn trennte. Mit ihrer großen Krone, die aus Krepp geschnitten schien, und ihrem weiten Mantel, der ihr irgendwie viel zu groß war und wie ein Bademantel aussah, konnte sie jedoch unmöglich einem Märchen entsprungen sein. Und tatsächlich, der Bildhauer László Marton, der der Schöpfer dieser allerliebsten Plastik war, die da so lebensecht auf dem Geländer hockte und deren ungarischer Name „Kiskirálylány“ lautete, hatte dafür seine Tochter zum Vorbild genommen, die beim Spielen mit einer Papierkrone und einem Bademantel als königlichem Umhang eine edle Prinzessin mimte. Es schien, als säße da wirklich ein Kind, das in seinem Spiel ganz ernsthaft die vorübereilenden Passanten betrachtete.

Kleine Prinzessin an der Donaupromenade
Für ein Königreich genügen manchmal eine Papierkrone und ein Bademantel.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Wieder ein Stück weiter spielte am Vigadó tér ein Mädchen mit seinem Hund. Das Mädchen saß auf der Sitzfläche einer der vielen runden Blumenrabatten, die hier die Laternen umgaben, und streckte die Hand aus, um den Ball entgegenzunehmen, den sein Hund ihm stolz entgegenbrachte. Ich brauchte noch einen zweiten Blick, um zu bemerken, daß sich beide überhaupt nicht bewegten. Die so überaus lebensechte, bronzene Figurengruppe namens „Kutyás lány“ („Mädchen mit Hund“) wurde von Dávid Raffay geschaffen und 2007 hier aufgestellt. Sie fügt sich nahtlos in den Aufenthaltsbereich der Promenade ein. Wer nicht genau hinschaut, glaubt tatsächlich, er habe ein Mädchen mit seinem Hund spielen sehen.

Mädchen mit Hund auf dem Vigadó tér
Gleich nimmt sie den Ball und wirft ihn dem davonpreschenden Hund voraus.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Ich liebe es, wenn sich Kunst auf diese Weise nahtlos in das Alltagsleben einfügt. Kunstwerke, die wie beiläufig mit ihrer Umgebung verschmelzen, nicht auf hohe Sockel gestellt, nicht gekonnt beleuchtet und nicht hochtrabend etikettiert. Einfach nur da. Als nähmen sie am Leben der Menschen teil. Das ist für mich wahre, lebensechte Kunst. Auf meinem heutigen, noch gar nicht so langen Weg durch die Stadt war ich bereits mehreren eindrucksvollen Beispielen dafür begegnet. Offenbar hatten die Budapester eine kleine Vorliebe dafür, die ich durchaus teilte. Sie machen eine Stadt lebendiger, verspielter. Und damit nahbarer, lebens- und liebenswerter. Etwas, das Berlin ganz offensichtlich fehlt. Oh, wir haben auch jede Menge Kunstwerke im öffentlichen Raum. Wir heben sie allerdings viel zu oft auf hohe Podeste, wo sie dann von den Vorübergehenden ignoriert werden. Oder wir stellen sie in Rasenflächen, die dann niemand betreten darf. Es hat schon seinen Grund, warum die drei Mädchen und der Knabe am Ufer der Spree gegenüber dem Dom so ein beliebtes Fotomotiv sind. Sie sind eines der wenigen Beispiele für ein Kunstwerk in Berlin, das den Menschen in der Stadt nicht nur auf Augenhöhe begegnet, sondern sie auch sich selbst darin wiederfinden läßt – etwas, das moderne Kunst heutzutage viel zu wenig vermag. Hier war ich mit dem Polizisten, dem Maler, der kleinen Prinzessin und dem Mädchen mit dem Hund auf kürzestem Wege bereits vier solchen Kunstwerken begegnet, und jedes hatte mich nicht nur dazu gebracht stehenzubleiben, um es mir anzusehen, sondern hatte mich – jedes auf seine ganz eigene Art – angesprochen und mir ein Lächeln auf’s Gesicht gezaubert.

Und kaum hatte ich mich umgedreht, war das schon wieder der Fall, als mein Blick auf den sogenannten Kinderbrunnen fiel, der das Zentrum der kleinen ovalen Grünanlage bildete, die den Vigadó tér verschönerte. Geschaffen im Jahre 1896 nach einem Entwurf von Károly Senyei, zeigt die Figurengruppe zwei Kinder, deren eines Wasser aus einer Muschelschale auf einen Frosch gießt. Ursprünglich schmückte der Brunnen die Terrasse des dortigen Hangli-Kiosks, einst ein beliebtes Gartenkaffeehaus und Sommerrestaurant, das an dieser Stelle bis zum Zweiten Weltkrieg existierte. Danach mußte der Brunnen weichen, um einem sowjetischen Denkmal Platz zu machen, weshalb man ihn zum Dagály-Strandbad versetzte. Anfang der 2000er Jahre kehrte er dann auf den Platz zurück.

Wassergießende Kinder am Brunnen auf dem Vigadó tér
Kinder, Wasser und ein Frosch: der Kinderbrunnen am Vigadó tér.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Doch nicht nur die bildende Kunst war hier am Vigadó tér zu Hause. Die der Donau gegenüberliegende Seite des Platzes wird vom Pesti Vigadó gebildet, einem monumentalen und doch ausgesprochen schönen Gebäude, das nach Plänen von Frigyes Feszl errichtet und 1865 eröffnet wurde. Es ersetzte die 1849 durch österreichischen Artilleriebeschuß zerstörte Redoute. Mit dem Bau im Stil der Romantik wollte Feszl eine eigenständige ungarische Architektursprache entwickeln. Die Fassadendekoration greift diesen Anspruch mit dem ungarischen Staatswappen und Porträts bedeutender Persönlichkeiten der Landesgeschichte auf. Das Konzerthaus wurde zu einem wichtigen Schauplatz des Budapester Musiklebens, das mit einigen berühmten Namen in Verbindung steht. Hier traten unter anderem Franz Liszt und Richard Wagner auf.

Die Elisabethbrücke erreichte ich auf meinem heutigen Spaziergang schließlich nicht. Denn nun verlangte nach all der Kunst, Geschichte und Architektur ganz profan mein Magen, zu seinem Recht zu kommen, und so bog ich auf der Suche nach einem Mittagessen in Richtung Deák Ferenc tér ab. Das war alsbald gefunden und verzehrt, und ich stand nun vor der Frage, wie ich den Nachmittag verbringen sollte. Und da ich zum einen nicht gleich am ersten Tag meine Füße überfordern wollte und zum anderen noch immer das Ziel hatte, mir einen ersten Überblick zu verschaffen, war ich, als ich den Bus einer Stadtrundfahrt vorüberfahren sah, durchaus nicht abgeneigt, eine solche zu unternehmen. Wie könnte man schneller als so die wesentlichen Sehenswürdigkeiten einer Stadt kennenlernen?

Das Verkaufsbüro war schnell gefunden, der Ticketkauf unkompliziert, und als ich nach dem Abfahrtsort fragte, stellte sich heraus, daß ich einfach nur wieder zum Szent István tér bei der Basilika gehen mußte. Auf dem Weg dorthin kam ich am sogenannten Anker-Palast vorüber, einem pompösen Gebäude direkt am Deák Ferenc tér, dem man allerdings deutlich ansah, daß es schon etwas in die Jahre gekommen war. Es war zwischen 1908 und 1910 nach Plänen von Ignác Alpár für die Anker-Lebens- und Rentenversicherung errichtet worden und vereinte die Geschäftsräume der Versicherung mit Wohnungen und Läden. Die auffällige Fassade sollte ausdrücklich auch als Werbung für das Unternehmen dienen. Die monumentale Säulenordnung und die ungewöhnliche Dachgestaltung machen den eklektischen Bau zu einem markanten Orientierungspunkt am Deák Ferenc tér.

Anker-Palast am Deák Ferenc tér
Der Anker-Palast am Deák Ferenc tér. Von hier ging es auf andere Weise weiter.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Ich verweilte allerdings nicht lange, denn ich wollte ja zur Bushaltestelle. Dort angekommen, fand ich bereits einen auf Fahrgäste wartenden Bus vor, doch da dieser ein halboffenes Fahrzeug war, mir die Temperaturen an diesem Tag aber dafür nicht einladend hoch genug waren, ließ ich ihn ziehen und wartete auf den nächsten. Es dauerte keine zwanzig Minuten, da stand er vor mir. Leider war es wieder ein halboffenes Fahrzeug. Zwar wußte ich, daß auch geschlossene Fahrzeuge auf der Tour unterwegs waren – ich hatte am Vormittag bereits eines gesehen -, doch hatte ich leider keine Ahnung, wann das nächste zu erwarten war. Da ich nicht noch länger untätig hier herumstehen wollte, stieg ich nun ein und meine Stadtrundfahrt begann.

Nach der Runde um die Basilika-Kuppel und dem gemächlichen Gang durch die Innenstadt übernahm von nun an der Bus die Fortbewegung. Das veränderte auch das Fotografieren. Zu Fuß konnte ich stehenbleiben und mir einen Ausschnitt suchen. Aus dem Bus mußte ich mit dem arbeiten, was gerade am Fenster erschien.

Ironischerweise schien die Tour zunächst meinem Spaziergang vom Vormittag zu folgen. Von der Basilika ging es zum Széchenyi István tér und der Kettenbrücke und von dort zurück zum Deák Ferenc tér. Dann führte der Weg zur 1859 nach Plänen Ludwig Försters errichteten Synagoge in der Dohánystraße, die die größte Europas ist und Platz für annähernd 3.000 Menschen bietet. Mit ihren beiden markanten Türmen und ihrer reichen Gestaltung im maurischen Stil zählt sie zu den eindrucksvollsten Zeugnissen jüdischer Kultur in Budapest. Leider wurde sie offenbar gerade restauriert, denn ein Teil des Gebäudes war eingerüstet. In einer Schleife fuhren wir erst zu der nach dem traditionsreichen Hotel benannten Astoria-Kreuzung und dann wieder zum Deák Ferenc tér zurück. Natürlich war das aber nicht die ganze Stadtrundfahrt. Im Gegenteil, jetzt fing sie für mich eigentlich erst richtig an. Zunächst fuhr der Bus die Andrássy út entlang, passierte die mir bereits bestens bekannte Oper und erreichte schließlich den berühmten Heldenplatz, dessen monumentale Denkmalanlage an die Anführer der ungarischen Landnahme und bedeutende Persönlichkeiten der Landesgeschichte erinnert. Ihn würde ich mir in den kommenden Tagen auf jeden Fall noch einmal genauer ansehen müssen.

Hier hatte ich Glück. Wie erwartet, war die Fahrt in dem halboffenen Bus bis hierher etwas zugig und dadurch recht kühl gewesen. Als der Bus jedoch die Haltestelle erreichte, wurde uns Fahrgästen mitgeteilt, daß es Gründe gab, die ich zwar nicht verstand, von denen ich aber immerhin mitbekam, daß sie seine Weiterfahrt wirksam verhinderten. War er defekt? Hatte der Fahrer seine vorgeschriebene Pause zu nehmen? Ich wußte es nicht. Eigentlich war es mir aber auch egal, denn wir wurden gebeten, in ein anderes Fahrzeug umzusteigen, das bereits auf uns wartete. Zu meiner großen Freude handelte es sich diesmal um einen geschlossenen Bus. Diese meine Freude steigerte sich noch, als ich nach dem Einsteigen feststellte, daß der Fahrer auch noch die Heizung angeworfen hatte. Nun stand einer gemütlichen Weiterfahrt nichts mehr im Wege.

Wir fuhren nun durch die Straßen des VII. Bezirks, der den Namen Erzsébetváros beziehungsweise Elisabethstadt trägt, bis wir den Budapester Ostbahnhof erreichten, der auf Ungarisch Keleti pályaudvar heißt. Fotografieren konnte ich ihn hier allerdings nicht, da ich dafür auf der falschen Seite des Busses saß. Von hier aus machte dieser einen Abstecher das ausgedehnte Bahngelände entlang, bis die Straße die zum Bahnhof führende Hauptstrecke überquerte. Die hohe Brücke bot einen wunderbaren Blick auf die Puskás Aréna. Das 2019 eröffnete Stadion entstand nach Plänen von György Skardelli und dem Architekturbüro KÖZTI am Standort des früheren Népstadions. Es dient als Heimstätte der ungarischen Fußballnationalmannschaft und trägt den Namen des Fußballers Ferenc Puskás. Die Sonne beleuchtete seine Fassade, während darüber dunkle Wolken standen.

Puskás Aréna unter dunklen Wolken
Ein Wolkengenerator? Nein, nur die runde Schüssel der Puskás Aréna.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Kurz darauf erreichte der Bus das Stadion, wo es einen kurzen Stop gab, bevor die Fahrt zurück zum Ostbahnhof ging. Das war für mich insofern erfreulich, weil ich diesmal auf der richtigen Seite des Busses saß und so doch noch eine Chance für ein Foto bekam. Glücklicherweise wiederholte sich das Zusammenspiel von Licht und Himmel, so daß das aus dem Jahr 1884 stammende repräsentative Empfangsgebäude des Bahnhofs förmlich zu leuchten schien.

Budapester Ostbahnhof unter dunklen Wolken
Der Ostbahnhof im Sonnenlicht. Dahinter sah der Himmel deutlich weniger freundlich aus.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Von hier aus ging es die große Rákóczi út hinunter, die nach Franz II. Rákóczi – auf Ungarisch II. Rákóczi Ferenc -, dem Fürsten von Siebenbürgen und Anführer des ungarischen Aufstands gegen die Habsburger von 1703 bis 1711 benannt ist und uns, ihren Namen dabei nochmal ändernd, geradewegs hinunter zur Donau und auf die Elisabethbrücke führte, über die der Bus dann den großen Fluß überquerte.

Donau und Budaer Burgpalast von der Elisabethbrücke
Dramatisches Panorama von der Elisabethbrücke: Wolken über dem Fluß, links der Burgberg, gerade voraus die Kettenbrücke.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Drüben folgte ein kleiner Abstecher am Ufer unter dem Gellért-Berg entlang zum Gellért-Bad, bevor der Bus wendete und nun das Budaer Donauufer entlangfuhr, was mir ein paar schöne Blicke auf die Freiheitsbrücke mit ihrer grünen Stahlkonstruktion und die weiße Elisabethbrücke bescherte. Hinter dieser verließen wir die Uferstraße für einen kleinen Schwenk zum Döbrentei tér, so daß ich schon dachte, wir würden auch noch zur Burg hinauffahren, was sich jedoch als Irrtum erwies. Die Strecke sollte lediglich direkt unterhalb des Burgberges entlangführen. Dies verschaffte uns nicht nur einen schöneren Blick von erhöhter Stelle über die Donau nach Pest hinüber, sondern war gleichzeitig auch die einzige Möglichkeit, den Platz und Haltepunkt vor der Kettenbrücke zu erreichen, da die Uferstraße direkt unter ihr hindurchgeführt hätte.

Bevor wir dort jedoch ankamen, hielt der Bus am Burg- beziehungsweise Schloßgarten, was mir Gelegenheit gab, vor dem ehemaligen Várkert-Kiosk den springenden Löwen aus Holz zu bewundern. Der Kiosk, ein kleiner Bau im Stil der Neorenaissance mit vorgelagerten Arkaden und einem dekorativen Turm, war erneut ein Werk Miklós Ybls. Es hatte ursprünglich eine ausgesprochen praktische Aufgabe erfüllt: Pumpen versorgten von hier aus den oben auf dem Burgberg gelegenen königlichen Palast mit Wasser. Ybl hatte den dafür erforderlichen Schornstein gekonnt im Turm des Gebäudes verborgen. Daß man einem Pumpenhaus eine solche Gestalt geben konnte, zeigte einmal mehr, wie wenig technische Notwendigkeit und architektonischer Anspruch einander ausschließen mußten – ein Umstand, den heutige Architekten nicht mehr zu wissen scheinen. Passend zu dem Gebäude hatte man den Straßenzug, auf dem wir unterwegs waren, nach dem Architekten benannt. Warum man ihm allerdings die Bezeichnung Ybl Miklós tér, also Miklós-Ybl-Platz, gegeben hatte, erschloß sich mir nicht so recht.

Ein Stück hinter der Kettenbrücke erreichten wir dann wieder die Uferstraße, und vom Haltepunkt am Batthyány tér bot sich mir vom Budaer Ufer eine weitgehend unverstellte Ansicht des Parlaments. Am Vormittag hatte ich seine Kuppel über den Dächern gesehen. Nun stand mir die ganze langgestreckte Donaufassade gegenüber.

Ungarisches Parlament am Donauufer
Das Parlament. Diesmal ohne die Pester Dächer davor.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Von der Margaretenbrücke aus kamen die großen Teile der Stadt noch einmal zusammen: das Parlament links, der Burgpalast rechts und die Donau dazwischen. Was ich zuvor einzeln betrachtet hatte, lag nun als Stadtlandschaft vor mir.

Donau und Parlament von der Margaretenbrücke
Noch einmal Drama. Die faszinierende Budapester Stadtlandschaft unter schweren Wolken, von der Margaretenbrücke aus betrachtet.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Wieder auf der Pester Seite angekommen, führte die Fahrt zunächst zum Westbahnhof – dem Nyugati pályaudvar -, der mir bereits bestens bekannt war. Von dort ging es dann in die Bajcsy-Zsilinszky út. Wenn ich nun erwartet hatte, daß der noch ausstehende letzte Haltepunkt der Tour, das Parlament, vom Bus noch angefahren würde, sah ich mich getäuscht. Der Bus verließ den Boulevard nicht mehr, der Haltepunkt lag lediglich auf der Höhe des Parlaments, wer dorthin wollte, mußte den Rest des Weges laufen. Nun, das hatte ich heute nicht vor, und so fuhr ich noch eine Station mit und erreichte wohlbehalten die Basilika. Ich war eine ganze Runde mitgefahren.

Am Abend war ich wieder zu Fuß unterwegs. Auf dem Weg zum Essen und zurück blieb noch Gelegenheit für ein paar Aufnahmen in der Umgebung meines Hotels. Da ich meiner Ansicht nach für den ersten Tag bereits genug gelaufen war, suchte ich mir ein kleines, nettes Restaurant in der Nähe meines Hotels und landete im Belvárosi Lugas Étterem in der Bajcsy-Zsilinszky út, gleich gegenüber der Basilika. Nicht nur lernte ich ein neues ungarisches Wort – étterem heißt Restaurant -, sondern genoß auch ein leckeres und gar nicht mal so teures Essen, serviert von einer freundlichen und sehr zuvorkommenden Bedienung – ein schöner Ausklang für diesen Tag, wie ich fand. Hier würde ich wohl nicht zum letzten Mal einkehren.

Als ich das Restaurant verließ, war die Sonne schon längst untergegangen und die Dämmerung schon weit fortgeschritten. Die Basilika zeigte sich nun beleuchtet vor dem tiefblauen Himmel. Ich hatte nach dem Essen doch noch ein wenig Lust auf einen kleinen Bummel. Am Madách Imre tér begegnete ich Sisi, dargestellt in einer Bronzestatue von Mária Törley. Und schließlich stand ich wieder vor der Staatsoper.

Ungarische Staatsoper in Abendbeleuchtung
Dasselbe Haus wie am Morgen – und doch ein anderer Anblick.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Die beleuchteten Bogenöffnungen verliehen ihrer Fassade eine andere Wirkung als das morgendliche Sonnenlicht. Gegenüber stand der Drechsler-Palast, ebenfalls angestrahlt. Das einst für die Pensionsanstalt der Ungarischen Staatsbahnen errichtete und später als Ballettinstitut genutzte Gebäude beherbergt mittlerweile das Hotel W Budapest.

Drechsler-Palast in Abendbeleuchtung
Der Drechsler-Palast gegenüber der Oper: der letzte fotografische Halt dieses Tages.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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So endete mein erster ganzer Tag in Budapest dort, wo er begonnen hatte. Dazwischen lagen drei verschiedene Arten und Weisen, sich einen Überblick über die Stadt zu verschaffen: ein Spaziergang zur Donau mit dem Blick vom Flußufer auf die Stadtlandschaft am Fluß, ein Rundgang hoch über den Dächern und eine Fahrt, die mir weitere Teile der Stadt gezeigt hatte.

Für einen Tag, an dem ich zunächst nur ein wenig hatte spazierengehen wollen, war das nicht gerade wenig. Und doch blieb noch reichlich übrig.

Glücklicherweise hatte ich noch Zeit.

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Es fährt ein Zug nach Budapest

Dieser Beitrag ist Teil 1 von 2 der Beitragsserie "Eine Reise nach Budapest 2025"

Budapest – Großstadt. Hauptstadt. Weltstadt. Stadt meiner Kindheit.

Die an der – gar nicht so blauen – Donau inmitten des schönen Ungarlandes gelegene Stadt war und ist für viele stets ein beliebtes Ziel, sei es für einen Tagesausflug, wenn man irgendwo in der Nähe ist, oder auch für einen längeren Besuch. Und so mancher hat sie sich auch als Wohnort auserkoren. Nicht wenige sind dorthin ausgewandert.

Auch auf mich übt diese Stadt seit jeher einen Reiz, eine Anziehung aus, die ich verspüre, seit ich in den fernen Tagen meiner Kindheit für einige Jahre dort gelebt habe. Fünf, um genau zu sein. Und weil diese Zeit nicht nur der früheste Abschnitt meines Lebens ist, an den ich zusammenhängende Erinnerungen habe, sondern mich auch in vielerlei Hinsicht geprägt hat, liegt mir diese Stadt natürlich auf eine Weise am Herzen, wie es sonst nur meine Heimatstadt Berlin tut. So nimmt es auch nicht Wunder, daß ich, seit ich sie verlassen habe, stets ein Gefühl des Verlustes mit ihr verbinde und sie bis auf den heutigen Tag vermisse.

Und so ist eine Reise dorthin immer etwas Besonderes für mich – weniger ein Besuch, vielmehr eine Wiederkehr. Seit ich die Stadt damals verlassen habe, war ich bereits zweimal wieder dorthin gereist, um sie zu besuchen. Allerdings hatte mein letzter Aufenthalt dort mittlerweile mehr als zwanzig Jahre zurückgelegen, als ich im vergangenen Jahr während einer Reise die Donau entlang, die mich von Passau in Deutschland bis zum an der Grenze zwischen Serbien und Rumänien gelegenen Eisernen Tor den großen Fluß hinabgeführt hatte, die Stadt für einen Tag erneut besucht hatte.  Natürlich war ein solch kurzer Zeitraum dieser wunderbaren Stadt in keiner Weise angemessen, doch hatte er ausgereicht, die Sehnsucht, die ich eigentlich immer in mir verspürte, wieder aufleben zu lassen. Eine Sehnsucht, von der ich, wieder zu Hause, nicht genau zu sagen wußte, ob es sich bei ihr um Fernweh handelte, oder ob ich sie doch eher als Heimweh bezeichnen sollte. Letztlich spielte das aber auch keine große Rolle, denn mir wurde schnell klar, daß ich diesem stärker und stärker werdenden Gefühl eher früher als später würde nachgeben wollen.

Und weil es bei genauerem Besehen überhaupt keinen Grund gab, damit lange zu warten, beschloß ich kurzerhand, daß es schon in diesem Jahr soweit sein würde. Ich würde mich ein weiteres Mal aufmachen in die große Stadt an der Donau im Herzen des Ungarlandes.

Zwölf Tage hatte ich mir dafür Zeit genommen – die Hin- und die Rückreise eingeschlossen. Großer Vorbereitungen bedurfte es nicht – eine Übernachtungsmöglichkeit und eine Reisegelegenheit waren das Einzige, was ich vorab zu organisieren hatte. Der Rest würde sich vor Ort mehr oder weniger spontan ergeben. So war es mir am liebsten, blieb dadurch doch genug Raum für unerwartete und überraschende Erlebnisse. Natürlich hatte ich vorab ein paar Überlegungen darüber angestellt, was ich mir anschauen wollte, doch dafür mußte ich nichts planen oder buchen.

Und so begab ich mich am 1. Oktober dieses Jahres auf die Reise. Auf nach Budapest.

Doch wie kommt man am besten dorthin? Das Auto verbot sich von selbst. Sah ich einmal davon ab, daß ich den dafür erforderlichen Führerschein gar nicht besaß, konnte ich den Streß des Selberfahrens nun wirklich nicht brauchen. Das Flugzeug kam natürlich in Frage und hätte mich in Nullkommanichts dorthin gebracht. Doch war genau das der Grund, warum es ebenfalls ausschied. Ich will nicht einfach nur irgendwohin kommen. Ich möchte soweit wie möglich beim Reisen die zurückgelegte Entfernung hautnah erleben können. Denn was ist eine Reise denn bitte ohne den Weg?

Aus diesem Grund ist für mich die Eisenbahn stets das Verkehrsmittel der Wahl, wenn nicht Hindernisse wie Meere oder übergroße Entfernungen seine Nutzung unmöglich machen. Und da das bei einer Reise von Berlin nach Budapest nun einmal nicht der Fall ist, sondern man diese sogar ganz bequem, also in direkter Fahrt ganz ohne Umsteigen bewerkstelligen kann, war die Entscheidung schnell getroffen. Ich würde also den Hungaria nehmen. Dieser seit dem Jahre 1960 zwischen den beiden Städten einmal täglich – in beide Richtungen – verkehrende Zug hatte mich bisher immer in die Stadt an der Donau gebracht, und so würde er es wohl auch diesmal tun.

Und was ist das für eine ausgesprochen schöne Fahrt! Durch den Osten Deutschlands geht es südwärts nach Tschechien, wo man zunächst Böhmen und anschließend Mähren durchquert, bis man die Slowakei erreicht, an deren östlichem Rand es dann direkt nach Ungarn geht. Und das alles an nur einem Tag.

Die Reise begann im Herzen Berlins am neuen Hauptbahnhof. Von diesem im Zentrum der Stadt gelegenen Verkehrsknotenpunkt – zumindest, was die Eisenbahn betrifft – gelangt man an viele Ziele. So auch nach Budapest. Der Blick hinaus durch das Hauptportal des Bahnhofs offenbart dessen Umgebung, die auch nach all den Jahren, die er nun schon existiert, immer noch eine Ödnis ausstrahlt, als wolle sie es den potentiellen Reisenden besonders einfach machen, ein Reiseziel auszuwählen, zu dem sie schnellstmöglich verschwinden können. Auch der Bahnhof selbst bietet nicht wirklich etwas Anheimelndes oder gar Schönes, das dem wartenden Reisenden den Aufenthalt hier angenehmer macht. Genau genommen wirkt er eher wie ein zu groß geratenes Einkaufszentrum mit Gleisanschluß und viel innerer Leere. Und weil wegen eben dieser Gleise das Bauwerk auch nicht zur Gänze geschlossen sein kann, ist es hier überdies meist recht – zugig. Man sehe mir dieses Wortspiel nach, doch muß man ja froh sein, daß wenigstens die deutsche Sprache den Aufenthalt mit etwas Doppeldeutigkeitsglanz kurzzeitig angenehmer gestalten kann, wenn es schon der Bahnhof nicht tut. In der Tat ist außer Glas und Stahl und großen Hohlräumen im Inneren nicht wirklich viel zu entdecken. Das war beim Vorgänger des heutigen Hauptbahnhofs, dem einstigen Lehrter Bahnhof, noch anders. Der hinterließ historischen Quellen zufolge in seiner ansprechenden und ästhetisch schönen architektonischen Gestaltung so viel Eindruck, daß sich Architekten anderer Bahnhofsbauten davon inspirieren ließen. Und das nicht nur in Deutschland. Doch diese Zeiten sind lange vorbei.

Am Berliner Hauptbahnhof
Glas und Stahl und viel innere Leere. Der Berliner Hauptbahnhof der Moderne.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Am Morgen der Abreise mußte ich mich nicht allzu sehr beeilen, da der Hungaria seine Fahrt nach Budapest zu einer sehr moderaten Zeit startet. 8:56 Uhr stand als Abfahrtszeit auf meinem Ticket, das mir die freundliche Mitarbeiterin des im Hauptbahnhof befindlichen Reisezentrums der Deutschen Bahn einige Wochen zuvor verkauft hatte. Ich hatte es diesmal nicht, wie ich es sonst tue, online kaufen können, da mir das Buchungssystem jedesmal, wenn ich es versucht hatte, nur hatte mitteilen können, daß dies nicht möglich sei. Aus Gründen. Da es mir offenbar nicht zustand, diese zu erfahren, behielt es sie für sich. Natürlich erfuhr ich von der Unmöglichkeit des Online-Erwerbs auch erst, nachdem sämtliche für den Kauf erforderlichen Daten penibel und verteilt über mehrere Eingabemasken abgefragt und von mir sorgfältig eingegeben worden waren. Ordnung muß schließlich sein. Immerhin hatte ich im Reisezentrum feststellen können, daß das Scheitern der Transaktion nicht an mir und meinem eventuellen Unvermögen gelegen hatte. Denn auch der Servicemitarbeiterin, zu der ich nach dem Ziehen einer Wartenummer – die Deutsche Bahn sieht sich offenbar mittlerweile als Behörde – und einiger dementsprechend mit Warten verbrachter Zeit schließlich gebeten wurde, gelang es nicht, mir die gewünschte Reiseverbindung zu buchen. Und auch wenn es mir natürlich leid tat, daß ich ihr nun solch Kopfzerbrechen bereitete, konnte ich doch nicht umhin zu bemerken, wie sich mein leicht angeschlagenes Selbstwertgefühl wieder auf Normalniveau einpendelte. Wie sich schließlich nach Konsultation erst einer Kollegin und dann ihres Vorgesetzten herausstellte, lag die Ursache für die Schwierigkeiten darin begründet, daß der von mir für die Rückreise gewünschte Zug nicht buchbar war. Da mich die Bahnangestellte offenbar für qualifiziert genug hielt, dies wissen zu dürfen, teilte sie mir das auch mit. Über das dahinterliegende Warum war dann aber wieder nichts mehr zu erfahren, denn auch sie war dafür auf das Computersystem angewiesen. Und das verweigerte nicht nur mir, sondern auch den drei mittlerweile mit der Sache beschäftigten Bahnangestellten jegliche Auskunft darüber. Zwar versuchten sie noch, mehr herauszufinden, und ließen mich dafür eine ganze Weile warten, doch letztlich blieben auch sie erfolglos.

Das war natürlich insofern unerfreulich, weil ich – selbstverständlich aus Kostengründen – auf einem Sparticket bestanden hatte, das nur in Verbindung mit einer feststehenden Zugverbindung zu buchen war. Glücklicherweise hatte sich die Bahnangestellte aber durchaus zu helfen gewußt. Und so hatte ich nun ein Ticket in meiner Tasche, das hinsichtlich der Rückreise zwar für einen anderen Zug gebucht war als den, mit dem ich fahren wollte, doch hatte die freundliche Mitarbeiterin darauf einen längeren Hinweis notiert, daß dieses Ticket wegen eines technischen Systemfehlers nicht den korrekten Zug ausweise, aber dennoch gültig sei. Dies hatte sie mit Datum, Stempel und persönlicher Unterschrift versehen, ganz wie es sich für eine Behörde gehört.

Nun, für meine jetzige Fahrt war das alles unerheblich. Das Problem betraf ja nur die Rückreise, und an die dachte ich jetzt natürlich noch überhaupt nicht. Erst einmal wollte ich meine große Fahrt antreten. Überpünktlich fand ich mich auf dem Bahnsteig ein, doch wenn ich tatsächlich gedacht haben sollte, die Deutsche Bahn würde das honorieren, so hatte ich mich geirrt. Vielmehr wurde sie ihrem schlechten Ruf wieder einmal mehr als gerecht und brachte meinen Zug nicht nur erst nach der plangemäßen Abfahrtszeit zum Bahnsteig, sondern auch noch auf einem anderen Gleis. Immerhin befand es wenigstens am gleichen Bahnsteig, so daß ich nicht auch noch durch den ganzen Bahnhof hetzen mußte. Und die Wagenreihung stimmte sogar mit der an der Anzeigetafel angegebenen überein. Man muß sich ja auch über kleine Dinge freuen können…

Als der Zug einfuhr, bemerkte ich das Logo der Bahngesellschaft an den Waggons des Zuges: zwei waagerechte Linien, die einen Kreis durchqueren. Ich vermute, es soll ein stilisiertes Gleis darstellen, das eine Brücke passiert. Oder einen sehr kurzen Tunnel. Wie dem auch sei, ich erkannte es sofort aus meinen Kindertagen wieder, und noch ehe ich den (abgekürzten) Namenszug der Bahngesellschaft überhaupt gesehen hatte, wußte ich anhand des Logos, daß es sich um Waggons der Magyar Államvasutak, der Ungarischen Staatsbahnen handelte, kurz MÁV. Ist es nicht interessant, was der menschliche Geist alles über Jahrzehnte hinweg behalten und, auch wenn er in dieser Zeit nie wieder auch nur ein einziges Mal daran gedacht hat, bei passender Gelegenheit sofort wieder hervorholen kann?

Ich stieg ein, nahm meinen durchaus bequemen Platz ein und hatte es mir kaum einigermaßen bequem gemacht, als sich der Zug auch schon in Bewegung setzte. Es wurde aber auch höchste Eisenbahn – ja, es war Wortspieltag! -, denn noch bevor er den Bahnhof überhaupt verlassen hatte, betrug seine – und damit auch meine – Verspätung bereits gute zehn Minuten. Selbst bei internationalen Zügen schaffte es die Deutsche Bahn also nicht, für Pünktlichkeit zu sorgen. Kurz ging mir der Gedanke durch den Kopf, ob es die tschechische, slowakische und ungarische Bahngesellschaft wohl machen würden wie die schweizerische, die unpünktliche deutsche Züge einfach nicht mehr in ihr Land einfahren ließ, damit sie mit ihrer Verspätung nicht den ganzen Schweizer Eisenbahnverkehr durcheinanderbrachten. Dann würde ich heute nicht mehr in Budapest ankommen. Doch ich schob den Gedanken sofort beiseite und machte mir mit der Überlegung Mut, daß ich ja nicht in einem deutschen, sondern in einem ungarischen Zug saß.

Im Waggon war es einigermaßen kalt, da man die Klimaanlage auf Hochtouren laufen ließ, so daß sie beständig kalte Luft in das Großraumabteil blies. Offenbar hatten jedoch bereits einige Fahrgäste dagegen interveniert, denn als die Schaffnerin das erste Mal bei mir auftauchte, um die Fahrkarten zu kontrollieren, erklärte sie, noch ehe ich etwas diesbezüglich gesagt hatte, daß es in Kürze wärmer werden würde, sie hätte bereits die Heizung eingeschaltet. Und in der Tat dauerte es nicht lange, da konnte ich bemerken, daß die Klimaanlage nun warme statt kalte Luft in das Abteil pustete. Schon bald wurde es erst erträglicher, dann wärmer und schließlich regelrecht mollig, so daß ich bald schon meinen Pullover ausziehen mußte. Offenbar gab es nur zwei mögliche Einstellungen: zu kalt und zu warm. Letzteres war mir in diesem Fall allerdings lieber, da zu niedrige Temperaturen schnell sehr unangenehm werden können, wenn man sich wie ich hier im Zug nicht sonderlich viel bewegen kann.

Nun, da ich einmal unterwegs war, konnte ich entspannt dem entgegensehen, was vor mir lag. Der Zug rollte durch die Landschaft, die vor dem Fenster vorüberzog. Der Himmel war von Wolken bedeckt, durch die hier und da immer wieder einmal die Sonne brach. Als er schließlich Dresden-Neustadt erreichte, hatte der Zug seine Verspätung nicht nur nicht aufgeholt, sondern auf gute zwanzig Minuten ausgebaut. Der Aufenthalt war nur kurz, dann ging es auch schon weiter. Wenige Minuten später überquerten wir die Elbe, was mir einen schönen Panoramablick auf die Dresdner Innenstadt bescherte, deren Anblick als Dresdner Elbpanorama weltberühmt ist. Die Waldschlößchenbrücke, deretwegen die Stadt den Titel des UNESCO-Weltkulturerbes für ihr Elbtal 2009 verspielt hatte, bekam ich allerdings nicht zu sehen. Sie liegt zu weit weg auf der anderen Seite des großen Bogens, den die Elbe vor dem Stadtzentrum beschreibt.

Aus dem fahrenden Zug: Auf der Marienbrücke
Gerade noch geschafft: eine Aufnahme des malerischen Dresdner Stadtzentrums von der Marienbrücke, das allerdings ein bißchen weit weg ist.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Kurz darauf erreichte der Zug den Dresdner Hauptbahnhof. Dieser bietet einen gänzlich anderen Anblick als sein Berliner Pendant. Seine repräsentative Bahnhofsarchitektur des 19. Jahrhunderts dominiert auch heute noch sein Erscheinungsbild, woran auch verschiedene Modernisierungen der Neuzeit nicht wesentlich etwas zu ändern vermochten, sieht man einmal von den riesigen Glasfaser-Membranen ab, die heute das vormals mit Glas gedeckte Dach ersetzen. Einst hatte auch Berlin solch repräsentative Bahnhofsbauten, von denen heute jedoch keine mehr übrig sind – mit einer Ausnahme: dem Hamburger Bahnhof, der als einziger der Berliner Kopfbahnhöfe Krieg und Abrißwahn überstand. Doch auch er hat seine Funktion als Verkehrseinrichtung längst verloren und dient heute einer Kunstgalerie als Domizil.

Weiter ging die Fahrt auf einer Strecke, die sich zunächst immer mehr der Elbe annäherte, bis sie sie kurz vor Pirna erreichte, wo einer der schönsten Abschnitte der gesamten Strecke begann: das Elbtal im Elbsandsteingebirge. Die Eisenbahngleise verlaufen unmittelbar am linken Ufer des Flusses, dessen Lauf sie Windung für Windung, Kurve für Kurve stoisch folgen. Der Zug fuhr flußauf, und da ich das Glück hatte, auf seiner linken Seite zu sitzen, hatte ich vom Fenster einen wundervollen Blick auf den Fluß und die gegenüberliegende Uferseite. Als es kurz vor dem kleinen Ort Rathen in die große s-förmige Doppelschleife der Elbe hineinging, zog alsbald die vielberühmte Bastei an mir vorüber.

Im Elbtal: Bei Rathen
Achtung! Achtung! Eine Zugdurchfahrt.
Ein Halt im kleinen Kurort Rathen ist für einen EuroCity-Zug wie den Hungaria natürlich nicht vorgesehen. So läßt sich die am gegenüberliegenden Elbeufer aufragende Bastei nur in schneller Fahrt betrachten.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Wenig später konnte ich dann den mindestens ebenso bekannten Königstein mit seiner großen Festung sehen. Zwar befindet sich dieser auf derselben Flußseite wie die Eisenbahnstrecke, die unmittelbar an seinem Fuß vorüberführt, doch aufgrund der weitläufigen Schleife, die das Flußtal vor ihm beschreibt, war er für mich dennoch gut sichtbar. Erst recht keine Schwierigkeiten hatte ich, auch den markanten Lilienstein, der dem Königstein direkt gegenüber am rechten Flußufer aufragt, zu betrachten. Er ist insofern etwas Besonderes, als er der einzige Tafelberg des Elbsandsteingebirges ist, der sich auf dieser Seite des Flusses befindet. Aufgrund der weiten Schleife, die der Zug immer noch durchfuhr, konnte ich mir drei seiner Seiten in aller Ruhe ansehen. Unwillkürlich kam mir dabei die alte Geschichte in den Sinn, der zufolge einst der sächsische Kurfürst Friedrich August II. bei einem zur Feier der Beendigung des zweiten Schlesischen Krieges 1745 auf dem Königstein ausgerichteten Bankett dem preußischen Monarchen Friedrich II. den Lilienstein geschenkt haben soll. Als er diesen Akt der Großzügigkeit wenig später bereute, wußte nur der Festungskommandant Friedrich Wilhelm von Kyau Rat. Er ließ dem Preußenkönig mitteilen, Sachsen bitte ihn darum, sein neues Besitztum innerhalb von vier Wochen abzutransportieren, denn – um es im besten Sächsisch zu formulieren – „Mir brauchn de Platz“. Friedrich II., sowohl erstaunt als auch belustigt über diese Dreistigkeit, soll daraufhin auf den Lilienstein verzichtet haben. Ob diese Geschichte nun wahr ist oder in das Reich der Sagen gehört – lustig ist sie allemal.

Im Elbtal: Lilienstein
Auch heute noch ist der Lilienstein, dessen Gipfel aus dem Zugfenster am Grund des Elbtals gut zu sehen ist, fest in sächsischer Hand.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Hinter dem Lilienstein verließen die Elbe und mit ihr mein Zug die große Doppelschleife des Flusses und erreichten nur wenig später das etwa fünf Kilometer davon entfernt gelegene Bad Schandau. Auch dieser berühmte Ort des Elbsandsteingebirges befindet sich – jedenfalls zu großen Teilen – auf dem jenseitigen Elbufer, was mir Gelegenheit gab, ihn in aller Ruhe an mir vorüberziehen zu sehen. Anstelle steiler Felswände ragten hinter ihm die sanft geschwungenen Gipfel bewaldeter Berge auf, und hinter der Ortsmitte war der Eingang in das Tal der Kirnitzsch, die hier in Bad Schandau in die Elbe mündet, gut zu erkennen. Bevor ich diesen Anblick jedoch genießen konnte, mußte ich die Haltezeit abwarten, die der Zug am Bahnhof des Ortes einlegte – doch nicht, weil jener so bedeutend und groß ist, sondern weil es sich um den letzten Halt auf deutschem Staatsgebiet handelt.

Im Elbtal: Bad Schandau
Wenn man den auf der gegenüberliegenden Seite der Elbe gelegenen Ortskern von Bad Schandau vom Zugfenster aus sieht, hat man den Bahnhof des Ortes längst verlassen, denn dieser befindet sich ein Stück flußab an der großen Brücke, auf der die das Elbtal entlangführende Bundesstraße den Fluß überquert.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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So passierte ich wenige Minuten später erst die Schrammsteine und dann Schmilka, den Grenzort zu Tschechien, der am gegenüberliegenden Ufer den wirklich letzten Ort auf deutschem Gebiet darstellt. Ein Stück hinter ihm konnte ich die Grenze deutlich ausmachen, denn noch immer steht dort das einstige, die Uferstraße überspannende Grenzübergangsgebäude. Lange Zeit war es praktisch funktionslos, da mit dem EU-Beitritt Tschechiens die Kontrollen eingestellt wurden. Seit diesem Jahr gibt es wieder welche, doch scheinen die, soweit ich das vom Fenster meines schnell fahrenden Zuges erkennen konnte, nicht an diesem Gebäude stattzufinden. Jedenfalls sah  es nach wie vor recht verlassen aus.

Im Elbtal: Am Grenzübergang Schmilka
Zweckbau am Ufer – der Grenzübergang Schmilka.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Das jenseitige Ufer der Elbe war nun also bereits tschechisches Gebiet. Mein Zug setzte seine Fahrt jedoch noch ein Stück in deutschen Landen fort, bis er schließlich am Gelobtbachtal ebenfalls ins Nachbarland überwechselte, was ich allerdings bei der schnellen Fahrt nicht mitbekam. Das gleiche widerfuhr dem kleinen Dorf Dolní Žleb, das am hiesigen Ufer der erste tschechische Ort nach der Grenze ist und heute zu Děčín gehört. Einst hieß es Dolní Grunt nad Labem, was auf deutsch Niedergrund an der Elbe bedeutet. Von ihm war für mich überhaupt nichts zu sehen, da die Eisenbahntrasse direkt am Ufer der Elbe verläuft und der Ort sich dahinter befindet.

Děčín – oder Tetschen, wie es früher hieß – erreichte der Zug wenig später. Sollten Grenzer im Zug gewesen sein, stiegen sie sicher hier aus. Bei mir waren allerdings keine vorübergekommen. Da hatte mein Zug – und mit ihm also ich – nun Deutschland verlassen und dabei mittlerweile eine gute halbe Stunde Verspätung angesammelt. Vor mir lagen noch reichlich fünfhundert Kilometer, reichlich zweihundert hatte ich hinter mich gebracht. Ich war gespannt, wann ich unter diesen Umständen wohl in Budapest eintreffen würde. Planmäßig wäre es gegen 20:30 Uhr gewesen. Doch das hielt ich nun schon für nicht mehr machbar.

Im weiteren Verlauf der Fahrt wich die Strecke der Elbe, die nun das Böhmische Mittelgebirge durchfloß, nicht von der Seite. Es ging also wie zuvor durch eine schöne Berglandschaft, die allerdings deutlich anders gestaltet war als das Elbsandsteingebirge. Anstelle markanter Sandsteinfelsen blickte ich nun auf schön geschwungene Bergketten, aus denen immer wieder markante Gipfel herausragten. Da diese vulkanischen Ursprungs sind und demzufolge aus Basalt bestehen, waren jetzt keine so markanten und verwitterten Felsen mehr zu sehen, wie sie in der Sächsischen und Böhmischen Schweiz so zahlreich an mir vorübergezogen waren. Felsen gab es allerdings hier und da trotzdem, wie ich in dem wenig später erreichten Ústí nad Labem unmittelbar am Elbufer sehen konnte, als wir erst am Fuße einer senkrechten Felswand entlangfuhren, die gerade noch genug Platz ließ, damit unsere Eisenbahnstrecke und eine Straße daran vorüberführen konnten, und bei der Ausfahrt aus der Stadt die Burg Střekov passierten, die eines ihrer Wahrzeichen ist. Sie ragt auf einem hohen Felsen unmittelbar über dem Fluß auf und ist weithin sichtbar. Ihr deutscher Name lautet übrigens Schreckenstein und sie besitzt für die deutsche Musikgeschichte einige Bedeutung, denn sie inspirierte den Komponisten Richard Wagner, nachdem er sie 1842 besucht hatte, für seine Oper Tannhäuser.  Und wenn ich schon bei deutschen Namen bin: Ústí nad Labem hat natürlich auch einen solchen: Außig. Doch eigentlich übersetzt das nur den Namensteil Ústí. Der Zusatz „nad Labem“ bedeutet allerdings nur „an der Elbe“, denn die tschechische Bezeichnung des Flusses ist „Labe“.

Burg Střekov in Ústí nad Labem
So schrecklich sieht sie eigentlich gar nicht aus, die Burg Schreckenstein am Ufer der Elbe, auf tschechisch Hrad Střekov.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Nachdem der Zug schließlich Ústí verlassen hatte, folgte er zunächst weiter dem Fluß. Da es nun in Richtung Prag ging, glaubte – und hoffte – ich zunächst, die Fahrt führe direkt zur Mündung der Moldau – dem Fluß, an dem Prag liegt – in die Elbe. Doch da hatte ich die Rechnung ohne die Erbauer der Strecke gemacht. Da das Land, durch das der Zug nun fuhr, zunehmend ebener und offener wurde, hatte es keine Notwendigkeit mehr gegeben, jeder weitläufigen Windung des Flusses zu folgen, um ans Ziel zu kommen. Und so verließ die Strecke, als sie endgültig in der nordböhmischen Ebene angekommen war, die Elbe und führte mitten ins Land abseits des Flusses hinein, um eine der besonders großen Flußschleifen abzukürzen. Zwar kehrten wir immer wieder einmal an den Fluß zurück, doch als dieser die schließlich von Westen heranströmende Moldau in sich aufnahm, waren wir gerade wieder inmitten weiter Felder unterwegs und bekamen davon nichts mit. So mußte mich erst ein Blick auf die Karte davon in Kenntnis setzen, daß ich bei der nächsten Sichtung eines Flusses nicht mehr die Elbe, sondern nunmehr die Moldau vor mir hatte. Nun dauerte es nicht mehr lange, da fuhr der Zug in den Hauptbahnhof von Prag ein.

Die berühmte Prager Burg – den Hradschin – hatte ich nur kurz und sehr von weitem zu sehen bekommen. Der Bahnhof lag ganz offensichtlich ein Stück von der Prager Innenstadt entfernt. So gestaltete sich mein Aufenthalt in der Stadt, auch wenn er etwas länger war als bei den bisherigen Stops – nur kurz. Als es nach einiger Zeit weiterging, fuhr ich plötzlich rückwärts. Bis Prag war mein Sitzplatz in Fahrtrichtung ausgerichtet gewesen. Das hatte sich jetzt geändert. Die Landschaft vor den Fenstern war nun Ostböhmen – großenteils hügelig, stellenweise auch eben. Weite Felder wechselten sich mit Wäldern ab, hier und da waren mal kleinere, mal größere Ortschaften eingestreut. Kolín und Pardubice blieben mir als Haltepunkte in Erinnerung.

Tschechische Landschaft bei Hradec nad Svitavou
Nach der bergigen Landschaft Böhmens geht es nahe Hradec nad Svitavou durch sanft geschwungene Hügel. Der Ort hieß einst Grándorf und gelangte als Greifendorf nach dem Münchener Abkommen an das Deutsche Reich, wo er zum Landkreis Zwittau gehörte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er wieder tschechisch und erhielt seinen heutigen Namen, der soviel wie Kleine Burg an der Zwitta bedeutet.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Kurz bevor der Zug Brno, das alte Brünn, erreichte, durchfuhr er ein wieder bergigeres Gebiet, das mir ein Blick auf die Karte als Böhmisch-Mährische Höhe identifizierte. Das kleine Flüßchen, an dem die Strecke zu diesem Zeitpunkt schon eine ganze lange Weile entlangführte und das sich nun kurvenreich durch diesen Höhenzug hindurchwand, trägt den Namen Svitava und wird im Deutschen Zwitta oder Zwittawa genannt. Die Strecke war ein wahrer Leckerbissen für Eisenbahnfans. Tunnel folgte auf Brücke folgte auf Tunnel, es ging mal nach links, mal nach rechts und immer ein Tal entlang, in dem es zu beiden Seiten der Strecke reichlich malerische Ortschaften und bunte Herbstwälder zu sehen gab.

Es war nach vier Uhr am Nachmittag, als der Zug den Bahnhof von Brno schließlich erreichte. Die Oktobersonne, die um diese Zeit bereits recht tief stand, tauchte die Stadt und insbesondere die sich auf einem Hügel über dieser erhebende Kathedrale St. Peter und Paul in leuchtende Farben, die einen starken Kontrast zu den teils düsteren, doch glücklicherweise lockeren Wolken am Firmament bildeten.

Die Kathedrale St. Peter und Paul in Brno
Die Kathedrale St. Peter und Paul steht nicht weit vom Hauptbahnhof in Brno entfernt. Da sie sich auf einem Hügel über die Stadt erhebt, hat man direkt aus dem Zug einen phantastischen Blick auf den Sitz des Bischofs des mährischen Bistums Brünn.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Von Brno, der großen Stadt in Mähren, begab sich der Zug dann auf eine wahrhaft historische Strecke, denn er befuhr nun die alte Kaiser-Ferdinands-Nordbahn, die bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gebaut wurde. Auf ihr erreichte er nach nicht ganz einer Stunde Břeclav, dessen deutschen Namen Lundenburg ich zuvor noch nie gehört hatte. Dahinter wartete die Grenze zur Slowakei darauf, überquert zu werden. Ein Blick auf die Uhr und ein Abgleich mit dem Fahrplan offenbarte mir, daß die tschechische Bahn offenbar recht tüchtig war und einiges besser machte als die deutsche, denn sie hatte die halbstündige Verspätung, mit der sie meinen Zug übernommen hatte, vollständig aufgeholt. Hier in Břeclav war er pünktlich auf die Minute unterwegs.

Leider sollte es ihm nicht vergönnt sein, dies beizubehalten. Denn die Fahrt auf slowakischem Staatsgebiet, immer nahe dem Ostrand des Landes entlang, wurde von einigen Baustellen verzögert, auf denen die Strecke offenbar nur noch eingleisig war. Zwar kam es nur ein- oder zweimal zu Halten auf freier Strecke, doch insgesamt hatte ich den Eindruck, nun in einem Bummelzug zu sitzen und nicht in einem EuroCity. So kam es, wie es kommen mußte. Hatte mein Zug Kúty, den ersten Ort auf dem Gebiet der Slowakei, noch pünktlich erreicht, konnte ihm das in Bratislava – einst Preßburg – nicht mehr gelingen. Als er in den Hauptbahnhof der Stadt einfuhr, hatte er die halbe Stunde Verspätung nicht nur bereits wieder erlangt, sondern sogar leicht übertroffen. Vor den Fenstern ging derweil die Sonne unter, so daß sich, als der Zug sich wieder in Bewegung setzte, bereits die Nacht herniedersenkte und die Welt vor den Fenstern in absolute Schwärze hüllte. Nun war, wenn ich von der vielfachen Spiegelung des Großraumabteils absah, wirklich gar nichts mehr zu sehen.

Sonnenuntergang über tschechischen Feldern
Die Fahrt am Ostrand der Slowakei ging durch weite, ebene Felder – die optimale Landschaft für ein herrlich-herbstliches Sonnenuntergangsschauspiel – hier in der Nähe von Podivín (deutsch: Kostel).
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Vom weiteren Verlauf der Fahrt kann ich daher nichts Nennenswertes mehr berichten. Die Donau, die ich in Bratislava bereits erreicht hatte, war mir dort noch nicht vor die Augen gekommen, und wenn das jetzt der Fall sein sollte, konnte ich sie in der Dunkelheit nicht mehr sehen.

So schön ich das Reisen in der Eisenbahn auch finde, so muß ich doch feststellen, daß es kaum etwas Langweiligeres gibt als eine nächtliche Zugfahrt. Die Welt tauchte nur an den Bahnhöfen für kurze Zeit aus der den Zug umgebenden Schwärze auf. Nové Zámky und Štúrovo waren noch zwei Ortschaften auf slowakischem Gebiet, an denen dieser hielt. Als er schließlich Szob erreichte, befand ich mich schon in Ungarn. Diese Stadt und die, die nun folgten – Nagymaros-Visegrád und Vác -, kannte ich schon von meiner Donau-Kreuzfahrt, die ich im vorangegangenen Jahr unternommen hatte. So wußte ich, daß ich jetzt im wesentlichen dem Lauf dieses großen europäischen Flusses folgte, auch wenn ich ihn nicht sehen konnte. Und ich wußte auch, daß die Landschaft, wenn auch unsichtbar, so doch hügelig bis bergig war und später, vor Budapest in eine weite Ebene überging. Vom Flachland um Berlin war die Fahrt erst durch das Elbtal und dann durch das böhmische Bergland mit seinen Wäldern und Tälern gegangen, hatte das ebene Tiefland, die Felder und  Weinbaugebiete Mährens, die von viel Grün und prächtigen Flußlandschaften geprägten slowakischen Marchauen, das westungarische Tiefland und das sanfte Hügelland des Vértes-Gebirges passiert, bis sie schließlich die weite pannonische Tiefebene um Budapest erreicht hatte. Ich hatte sozusagen einen Querschnitt durch Mitteleuropas ganze Geologie in nur einem Tag live am Zugfenster miterleben können. Kann man da noch ernsthaft bestreiten, daß zu einer Reise auch der Weg gehört? Selbst der Umstand, daß dessen letzter Teil heute quasi in Dunkelheit versunken war, konnte nicht den Reiz, den diese Fahrt auf mich ausgeübt hatte, schmälern. Außerdem würde ich das Verpaßte sicherlich auf der Rückfahrt nachholen können. Doch soweit war es noch lange nicht.

Die Uhr zeigte etwa 21 Uhr an, als der Hungaria sein Ziel schließlich erreichte. „Budapest – Nyugati“ war auf einem der großen Schilder zu lesen, die auf dem Bahnsteig den Namen des Bahnhofs verkündeten. Nyugati – das stand für Nyugati pályaudvar und bedeutete Westbahnhof. Als Kind – noch ohne jedes Verständnis für Sprachen – hatte ich mich manchmal gefragt, was denn der Bahnhof wohl mit Nougat zu tun haben mochte. Und so hatte sich mir diese Assoziation ins Gedächtnis gegraben, das sie nun, da ich das Schild las, brav wieder hervorkramte und mich so zum Lächeln brachte.

Hatte ich, da mein Waggon nach der Umkehrung der Fahrtrichtung in Prag nun der letzte des Zuges war, bei einem letzten Blick aus dem Fenster noch auf einen Neubau geblickt, der derart auf nackten Betonpfeilern ruhte, daß ich durch sein Erdgeschoß glatt zur gegenüberliegenden Seite hindurchsehen konnte, so änderte sich der Eindruck gänzlich, als ich kurz darauf unter dem freien Nachthimmel auf dem Bahnsteig stand. Kaum hatte ich mich, der Ausschilderung folgend, in Richtung Ausgang in Bewegung gesetzt, fiel mein Blick auf die sich einige Meter voraus erhebende Bahnhofshalle, zu der mich der Bahnsteig zielstrebig hinführte. Ihr zu beiden Längsseiten auf rötlichen Ziegelwänden ruhendes Stahlgerüst, ihre mir zugewandte, aus vielen kleinen, rechteckigen Glasscheiben bestehende, wie das Dach nach oben hin spitz zulaufende Schmalseite sowie die zwei schlanken, ebenfalls aus Ziegeln gemauerten und oben von kleinen vierseitigen Kuppeln abgeschlossenen Türmchen, die sie flankierten, verrieten unmittelbar das stattliche Alter des Bahnhofs, der bereits aus dem Jahr 1877 stammt. Als ich genügend weit auf dem langen Bahnsteig vorangekommen war, um von diesem direkt in diese Bahnhofshalle hineingeleitet zu werden, fiel mir nicht nur auf, daß hier auch deren Dach – im Gegensatz zum Dresdener Hauptbahnhof – noch im originalen, glasgedeckten Zustand war, sondern auch, daß es in der Halle tatsächlich nur um eines ging: die Eisenbahn. Abgesehen von kleinen Imbiß- und Informationsständen und dem einen oder anderen Fahrkartenschalter gab es nichts, was auch nur entfernt an einen Laden erinnert hätte. Welch ein Kontrast zu dem riesigen Berliner Hauptbahnhof, von dem ich am Morgen abgefahren war. Dieser Bahnhof hielt sich nicht für ein Einkaufszentrum. Er gab sich  als das, was er war: eine Einrichtung für den Schienenverkehr. Und das hatte unmittelbare Auswirkungen auf die gesamte Atmosphäre. Hier stand niemand, der eigentlich nur Einkäufe erledigen oder Dienstleistungen in Anspruch nehmen wollte, die nichts mit Personenverkehr zu tun hatten, den Reisenden im Weg oder blockierte Zugänge zu Bahnsteigen. Wer hier unterwegs war, wollte in den allermeisten Fällen entweder mit dem Zug irgendwohin fahren oder war, so wie ich, gerade mit einem angekommen. Dementsprechend herrschte hier praktisch keine Hektik und kein Gedränge. Zwar mochte das auch damit zu tun haben, daß die zehnte Stunde der zweiten Tageshälfte bereits angebrochen war, doch hatte ich irgendwie den Verdacht, daß sich daran auch tagsüber kaum etwas änderte. Vielleicht ergab sich in den nächsten Tagen ja eine Gelegenheit, das einmal zu überprüfen. Auf jeden Fall machte dieser im besten Sinne etwas altertümliche Bahnhof auf mich einen viel angenehmeren und heimeligeren Eindruck als der immer ein wenig seelenlos wirkende Zentralbahnhof meiner Heimatstadt. Hier waren die bald einhundertfünfzig Jahre Eisenbahngeschichte, die mit diesem Ort verbunden war, förmlich spürbar. Fast erwartete ich, irgendwo eine Dampflok fauchen zu hören…

Da der Tag bereits recht weit fortgeschritten war und ich nach der langen Reise dann doch endlich einmal ankommen wollte, nahm ich mir jetzt nicht die Zeit, den Bahnhof noch eingehender zu betrachten, sondern verschob das auf einen möglichen anderen Tag. Stattdessen machte ich mich auf den Weg ins Hotel. Da ich bei der Buchung nicht nur darauf geachtet hatte, daß es möglichst zentral und verkehrsgünstig gelegen, sondern auch vom Bahnhof meiner Ankunft leicht erreichbar war, hatte ich keinen allzu weiten Weg zurückzulegen. Und da ich den ganzen Tag über gesessen hatte, entschloß ich mich kurzerhand, diesen zu Fuß zurückzulegen.

Den Koffer hinter mir herziehend, trat ich durch das Portal des Bahnhofsgebäudes auf die Straße und fand mich unmittelbar im Trubel der Großstadt wieder. Vor mir kreuzten sich zwei breite Boulevards auf einem großen, Nyugati tér genannten Platz. Das ungarische Wort „tér“ war auch eines der Dinge, die mein Gedächtnis, obwohl sie lange Zeit ungenutzt darin verborgen gewesen waren, unmittelbar wieder hervorkramte. Und so wußte ich in dem Augenblick, als ich das Straßenschild, auf dem es stand, las, daß es „Platz“ bedeutete. Direkt vor dem Bahnhofsgebäude verlief der Teréz körút, der am Nyugati tér von einer Hochstraße überquert wurde, die man sicherlich zur Entlastung des Verkehrs über die große Kreuzung gespannt hatte. Genau wie sie kreuzte ich den großen Boulevard und machte mich auf den Weg in die Bajcsy-Zsilinszky út, zu der mein Gedächtnis die Feststellung beizutragen hatte, daß das Wörtchen „út“ dem deutschen Wort „Straße“ entsprach, wobei diese eine gewisse Größe erreichen mußte, um als „út“ bezeichnet zu werden. Ein „körút“ ist hingegen nicht nur eine noch größere Straße, sondern entweder eine, die einen – wenigstens halben – Ring beschreibt oder aber die Größe eines Boulevards erreicht. Auf den Teréz körút traf definitiv beides zu.

Bevor ich mich nun aber zu weit in diesen laienhaften sprachlichen Betrachtungen verlor, schritt ich, sobald ich in die Bajcsy-Zsilinszky út eingebogen war, kräftig aus. Nach etwa fünf Minuten wies mich mein Smartphone, dem ich die Wegführung anvertraut hatte, an, in eine Nebenstraße einzubiegen, um den Weg etwas abzukürzen. Ich war nämlich im Grunde unterwegs in Richtung der Budapester Staatsoper, in deren unmittelbarer Nähe sich mein Hotel befand. Das Opernhaus stand jedoch an einem weiteren der großen Budapester Boulevards, der den Namen Andrássy út trug – uneingeschränkt konsequent war man mit der Namensgebung dann auch wieder nicht – und die Bajcsy-Zsilinszky út zwar kreuzte, dies jedoch in einem derart spitzen Winkel tat, daß der Gang durch die Nebenstraßen meinen Weg bedeutend abkürzen würde.

So hatte ich zu guter Letzt nur knappe fünfzehn Minuten zu gehen, bis ich wohlbehalten an meinem links neben der Oper gelegenen Hotel ankam, das sich in der Révay utca befand. Ich konnte nicht umhin, ein weiteres Mal in die ungarische Straßennamenkunde einzutauchen und festzustellen, daß diese Straße in der Tat so klein und schmal war, wie es das Wort „utca“ vermuten ließ. Das Hotel, das den schönen Namen „K+K Hotel Opera Budapest“ trug und immerhin vier Sterne besaß, sah von außen wie ein ehrwürdiger bürgerlicher Altbau aus, der sich mit seinen sechs Stockwerken, über denen noch ein Dachgeschoß lag, in den Straßenzug einfügte, ohne daraus besonders hervorzustechen. Die Eingangsfront war mit fünf aufeinanderfolgenden, bogenförmigen Baldachinen versehen, von denen gleich der erste den Eingang überwölbte, zu dem sieben Stufen hinaufführten.

Die Lobby war etwas moderner gestaltet, als es der äußere Eindruck des Gebäudes vermuten ließ, ohne daß man dabei jedoch in langweiligen Modernismus verfallen wäre. Ganz im Gegenteil, man schien hier einen zwar schlichten, dennoch aber auf eine gewisse Gemütlichkeit bedachten Stil zu pflegen. Im Eingangsbereich standen einige Sessel und niedrige Tische, dahinter lag, der Tür genau gegenüber, die Rezeption, wo ich mich nun anmeldete. Die Rezeptionistin war überaus professionell, so daß alles schnell und problemlos vonstattenging. Lediglich die Bitte, meine Rechnung doch gleich jetzt zu bezahlen, erschien mir ein wenig merkwürdig, und auch die auf meine Nachfrage gegebene Begründung, das würde die Dinge bedeutend vereinfachen, leuchtete mir nicht ganz ein. Da ich jedoch wohlbehalten hier angekommen war und somit auch mein Zimmer beziehen würde, hatte ich nicht wirklich etwas dagegen einzuwenden, zumal mir der Gedanke durch den Kopf ging, daß ich auf diese Weise bei der Abreise alles schon erledigt haben würde. Wenn das mit der Vereinfachung der Dinge gemeint gewesen war, sollte es mir recht sein. Bei der Bezahlung konnte ich dann zum ersten Mal in meinem Leben die Erfahrung machen, wie es sich anfühlt, wenn man mal eben so eine Million für etwas bezahlt. Das hatte seine Ursache darin, daß der Kurs des ungarischen Forints zum Euro bei nicht ganz 1 : 390 lag.

Nachdem alle Formalitäten erledigt waren, erhielt ich meine Schlüsselkarte und eine Beschreibung, wie ich zu meinem Zimmer käme, die sich als so genau erwies, daß ich trotz des langen Weges durch die Flure des Erdgeschosses keine Schwierigkeiten hatte, erst den Aufzug und dann mein Zimmer zu finden. Wie sich herausstellte, zog sich der Hotelkomplex durch den gesamten Gebäudeblock, von einer kleinen Straße zur anderen. Denn als ich schließlich in meinem Zimmer angekommen war und aus dem Fenster blickte, schaute ich nicht auf die Révay utca hinaus, sondern in ihre benachbarte Parallelstraße, die Lázár utca.

Das Zimmer war überaus komfortabel und ließ, was die Ausstattung anging, keine Wünsche offen. Ganz offensichtlich handelte es sich, obwohl ich ein Einzelzimmer gebucht hatte, um ein Doppelzimmer, so daß mir nun ausreichend Platz zur Verfügung stand – ein Umstand, der mir angesichts meines geplanten zehntägigen Aufenthaltes nur recht sein konnte.

Da es mittlerweile zehn Uhr abends geworden war und ich überdies auch keinen großen Hunger verspürte – für ein ausgiebiges Abendessen war es sowieso zu spät -, beschloß ich, sämtliche ersten Erkundungen des näheren Umfeldes des Hotels auf den morgigen Tag zu verschieben, mich stattdessen erst einmal häuslich einzurichten und anschließend von der langen Fahrt auszuruhen. Für heute würde es genügen, mich darüber zu freuen, daß ich wohlbehalten in dieser meiner zweiten Heimatstadt Budapest angekommen war.

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Deutsche Bahn – mehr von allem

Dieser Beitrag ist Teil 6 von 6 der Beitragsserie "Aus den Notizen eines Bahnfahrers"

Die Deutsche Bahn ist mittlerweile leider eher dafür bekannt, ihren Kunden eine Menge Unannehmlichkeiten zu bereiten und damit Ärger und Streß zu verursachen. Um so mehr ist es mir eine Freude, mitteilen zu können, daß es ihr nach all dem Chaos, das sie bereits im Vorfeld meiner Fahrt nach Bonn veranstaltet hatte, dann doch gelungen ist, mich ohne größere Pannen an mein Ziel zu bringen. Das heißt natürlich nicht, daß ich dort pünktlich angekommen bin, doch betrug die Verspätung nur reichlich zehn Minuten, was für deutsche Verhältnisse heutzutage als pünktlich gelten muß. So kam ich dann doch recht entspannt in Bonn an.

Wie bereits berichtet, hatten sich die Planer für meine Rückfahrt, nachdem sie meine direkte Verbindung Anfang April bereits gestrichen hatten, am Ende des Monats jedoch offenbar gedacht, daß selbst die semi-direkte Verbindung mit einem Umstieg am Kölner Hauptbahnhof doch noch viel zu langweilig sei, und mir mitgeteilt, daß ich stattdessen von Bonn nach Siegburg und von dort dann nach Köln fahren solle, wobei sie mir für den ersten Abschnitt dieser Strecke ihre eigenen Dienste nicht mehr würden anbieten können, so daß ich auf die der Straßenbahn des Köln-Bonner Verkehrsverbunds würde zurückgreifen müssen. Immerhin war mir bereits im Vorfeld eine Empfehlung für die entsprechende Verbindung übermittelt worden.

Doch gestählt durch eine große Menge an Erfahrung im Reisen mit der Deutschen Bahn, traute ich dieser Empfehlung nicht so ohne weiteres und entschloß mich, etwas früher loszufahren. Etwas zeitlichen Puffer zu haben, ist ja immer gut, und bei der Bahn weiß man ja nie…

Den ersten „Ich hab’s ja gewußt“-Moment hatte ich bereits am Bonner Hauptbahnhof. Und ausnahmsweise konnte die Deutsche Bahn gar nichts dafür. Am Anzeiger der Straßenbahnhaltestelle entdeckte ich eine Laufschrift, die mir verkündete, daß am Bonner Bertha-von-Suttner-Platz ein Polizeieinsatz im Gange sei, aufgrund dessen die Linie 66 erhebliche Verspätungen erleide. Während ich schon überlegte, ob es nicht besser wäre, sofort auf ein Taxi umzusteigen, da die Linie 66 eben jene war, die mich nach Siegburg bringen sollte, lief die Meldung weiter und verriet mir, daß die Verspätungen nur in der Fahrtrichtung Bad Honnef zu erwarten wären. Puh, Glück gehabt.

Tatsächlich fuhr meine Bahn erst pünktlich ein und ich dann mit ihr los. Gute vierzig Minuten war ich nun früher unterwegs als von der Deutschen Bahn empfohlen. Das sollte wohl genügen, um pünktlich nach Köln zu kommen und meinen Zug nach Berlin zu erreichen.

Einige Minuten später verkündete die vor jeder Station erklingende Durchsage die in Kürze bevorstehende Ankunft am Bertha-von-Suttner-Platz. Herrje! Stimmte denn hier gar nichts? Wenn der Platz auf meiner Strecke lag, mußte der Polizeieinsatz doch wohl auch mich betreffen. Würde ich nun etwa doch aufgehalten?

Ich wurde nicht. Die Bahn hielt, Leute stiegen aus, andere Leute stiegen ein, die Türen schlossen sich und weiter ging’s. Ob ich einfach Glück gehabt und der Einsatz kurz zuvor geendet hatte oder ob die Meldung veraltet gewesen war – ich weiß es nicht. Ohne jegliche Verzögerung setzte die Bahn die Fahrt fort, überquerte den Rhein und langte nach reichlich zwanzig Minuten Fahrt glücklich am Siegburger Bahnhof an.

Wie ich nach einer kurzen Prüfung möglicher Verbindungen am Abend zuvor erfahren hatte, standen mir nun wenigstens vier Züge zur Auswahl. Genug Optionen, um von hier aus nach Köln Messe/Deutz zu kommen, wo ich meinen Zug nach Berlin heute erreichen würde, der aus mir nach wie vor unbekannten Gründen nicht am Kölner Hauptbahnhof halten konnte.

Da ich aus dem mir von der Bahn empfohlenen Plan noch wußte, daß mein Anschlußzug hier vom Gleis 1 verkehren sollte, lenkte ich meine Schritte dorthin. Es war ja durchaus anzunehmen, daß auch andere Züge in Richtung Köln dort verkehren würden. Ein Fahrstuhl brachte mich zum Bahnsteig hinauf. Als sich dessen Türen oben öffneten, fand ich mich unmittelbar vor einem Anzeiger wieder. Das erste, was ich dort zu lesen bekam, war die Information über die nächsten beiden Züge. Und die war alles andere als erfreulich, denn für beide wurde der komplette Ausfall der Fahrt verkündet.

Großartig! Das lief ja super!

Da ich keine Lust verspürte, jetzt den Informationsschalter oder einen Fahrplanaushang zu suchen, holte ich mein Handy hervor und rief die App der Deutschen Bahn auf. Eine kurze Suche über die nächsten zur Verfügung stehenden Verbindungen brachte mir nicht nur umgehend die Information, daß ich in einer Minute einen ICE nach Köln nehmen könnte, sondern auch die Erkenntnis, daß ich dafür auf dem falschen Bahnsteig stand. Ich befand mich am Gleis 1, der ICE, den ich nur wenige Meter von mir entfernt stehen sah, am Gleis 3. Eine Minute! Ob ich das schaffen würde?

Die Antwort auf diese Frage war: Nein.

Als ich mich dem Strom der den Zug verlassenden Menschen entgegen die Treppe zum Bahnsteig hinaufgekämpft hatte, konnte ich nicht mehr tun, als dem bereits abfahrenden Zug hinterherzuwinken.

Nun gut, der war weg. Die beiden nächsten, das wußte ich vom Anzeiger am Gleis 1, fielen aus. Da jedoch alle drei nicht auf meinem mir von der Bahn empfohlenen Plan gestanden hatten, machte ich mir keine Sorgen. Denn ein kurzer Blick auf eben diesen Plan, den ich in der App einsehen konnte, zeigte mir, daß der dort angekündigte Zug nicht ausfallen sollte. Allerdings wurde bereits eine Verspätung angezeigt, die jedoch nur eine Minute betrug. Und solange sie kleiner blieb als jene meines Zuges nach Berlin, für den bereits eine aktuelle Verzögerung um zehn Minuten angegeben wurde, war alles gut. Lediglich meine frühere Abfahrt in Bonn wäre dann nutzlos gewesen.

Doch ich hatte noch eine andere Option. Knapp zehn Minuten vor meinem geplanten Zug sollte hier am Gleis 3 noch ein weiterer ICE halten. Eigentlich waren es zwanzig, doch auch dieser ICE sollte gute zehn Minuten verspätet sein. Ich beschloß, es mit ihm zu versuchen. Sollte sich seine Verspätung noch vergrößern, könnte ich immer noch zurück zum Gleis 1 wandern, wo mein eigentlich geplanter Zug abgehen sollte.

Es war jetzt kurz nach halb zehn Uhr morgens. Eine gute halbe Stunde hatte ich nun Zeit. Ich setzte mich auf eine Bank und harrte der Dinge, die da kommen sollten.

Zunächst waren das jede Menge Durchsagen. Offenbar war der heutige Tag für die Bahn wieder einmal voller Probleme. Es vergingen kaum einmal fünf Minuten, ohne daß es in den Lautsprechern knackte und irgendeine Meldung durchgegeben wurde. Hier fiel ein Zug aus, weil es einen Notarzteinsatz gab, dort fuhr ein anderer gar nicht, weil am Zug technische Defekte aufgetreten waren. Hier am Bahnhof in Siegburg konnte man der Deutschen Bahn jedenfalls nicht vorwerfen, ihre Fahrgäste über das Geschehen im Dunkeln zu lassen. Dachte ich zunächst, daß es angesichts all dieser Durchsagen offenbar ganz schön viele Probleme gäbe, stellte ich bald fest, daß die hier betriebene Informationspolitik einigermaßen merkwürdig war. Nicht nur, daß man alle fünf Minuten den Ausfall derselben Züge verkündete – das könnte man ja durchaus als beflissenen Informationsdienst am Kunden betrachten. Nein, man gab auch Meldungen durch, über deren Sinnlosigkeit sich kaum streiten lassen dürfte. So hörte ich um 9:53 Uhr bereits zum zweiten Mal die Durchsage, die mich davon in Kenntnis setzte, daß der Zug nach Au am Sieg heute nicht wie geplant um 7:32 Uhr fahren, sondern stattdessen wegen eines Notarzteinsatzes ausfallen würde. Selbiges verkündete man für den Zug um 8:32 Uhr. Wozu? Die Abfahrtszeiten waren doch lange vorbei! Und so brachten mich diese Durchsagen lediglich zu der Frage, was das wohl für ein Einsatz sein mußte, der wenigstens drei Stunden lang reihenweise Züge ausfallen ließ, denn auch für das Ausbleiben eines eigentlich um kurz nach halb zehn Uhr verkehrenden Zuges gab er den Grund ab.

Da ich keine Antwort auf diese Frage finden würde, freute ich mich stattdessen wenig später über das Eintreffen des ICEs, der seine zehnminütige Verspätung immerhin nicht vergrößert hatte. Als Grund für die Verzögerung verriet mir eine weitere Durchsage am Bahnsteig die Verspätung eines vorausfahrenden Zuges. Der mußte aber irgendwo abgebogen sein, denn solange ich mich an dem Bahnsteig aufhielt, kam nur einer hier vorbei, und der fuhr gute fünfzehn Minuten vorher durch.

Dieselbe Zeitspanne später langte ich glücklich in Köln an. Noch viel glücklicher war ich, als ich feststellte, daß sich die zehnminütige Verspätung meines Zuges nach Berlin bisher nicht nur nicht vergrößert hatte, sondern daß er auch noch von eben dem Gleis abfahren würde, an dem ich gerade angekommen war.

Die zehn Minuten blieben auch die ganze halbe Stunde lang erhalten, die ich wartend auf dem Bahnhof Köln Messe/Deutz verbrachte. Als der Zug dann kurz vor elf Uhr den Bahnhof verließ, schien die Welt also noch in Ordnung. Mehr oder weniger jedenfalls. Für Bahnverhältnisse. Wenn ich aber gedacht hatte, daß das so bliebe, sollte ich bald eines Besseren belehrt werden.

Keine Stunde später – es war 11:44 Uhr und der Zug hatte Wuppertal passiert – knackte es im Lautsprecher des Waggons, in dem ich saß, und eine weitere der an diesem Tag so reichlichen Durchsagen brachte uns Fahrgästen die frohe Kunde, daß wir Bielefeld heute nicht sehen würden. Ein Halt sei dort nicht möglich. Kurz dachte ich an die Sperrung des Bahnhofs, doch erfuhr ich gleich darauf, daß es nicht der Bahnhof war, den man gesperrt hatte. Es war die Strecke.

Ich muß gestehen, ich konnte ein kurzes Auflachen nicht unterdrücken. Hatte ich etwas anderes erwartet?

Immerhin, so teilte man mit, würden wir nicht irgendwo herumstehen müssen, sondern stattdessen über eine andere Strecke umgeleitet werden. Leider würde das bedeuten, daß wir von Hagen aus ohne weiteren Halt bis Hannover durchfahren müßten. Alles in allem brächte uns das leider eine Verlängerung der Fahrt um hundert bis hundertzwanzig Minuten ein. Doch das, so beeilte man sich hinzuzufügen, sei nur eine Prognose.

Man ist offenbar vorsichtig geworden bei der Deutschen Bahn. Feste Zusagen macht niemand mehr, seit die Fahrpläne auch keine mehr darstellen. So war es auch nicht sonderlich verwunderlich, daß das Geschehen nicht nur von mir mit einem gewissen Galgenhumor quittiert wurde. Und das betraf nicht nur die Fahrgäste! Als ein Kellner durch den Waggon ging, um die zuvor bestellten Getränke auszuliefern, entspann sich zwischen ihm und dem hinter mir sitzenden Fahrgast folgender Dialog:

Kellner: „Wie möchten sie zahlen? Bar, mit Karte oder mit Gutschein?“
Fahrgast: „Ach, Gutschein geht auch? Stellen Sie mir einen aus?“
Kellner: „Haben sie keinen? Na, kriegen sie wahrscheinlich heute, wir werden ja zwei Stunden Verspätung haben…“

Inzwischen war es 11:55 Uhr geworden und wir hatten Hagen erreicht.

Da man sich über den Grund der Streckensperrung zunächst nicht weiter geäußert hatte, schaute ich ein weiteres Mal in die Handy-App der Deutschen Bahn, ob es irgendwelche diesbezüglichen Mitteilungen gäbe. Und tatsächlich wurde ich nicht nur fündig, sondern erhielt mehr Informationen, als mir lieb waren.

Die erste Meldung verkündete lapidar einen „Notarzteinsatz auf der Strecke“ und wurde unmittelbar gefolgt von einer zweiten, die die „Verspätung eines vorausfahrenden Zuges“ zum Besten gab. Na, Mensch, da war ja heute ganz schön was los bei der Bahn.

Doch damit nicht genug. Eine dritte Meldung griff den Notarzteinsatz der ersten auf und konkretisierte den Ort: es sei die Strecke zwischen Hamm und Bielefeld betroffen, irgendwo zwischen Rheda-Wiedenbrück und Oelde[1]Hier der etwas konfuse Originaltext der Meldung: „Notarzteinsatz auf der Strecke: Auf der Strecke Hamm (Westf) Hbf – Bielefeld Hbf zwischen Rheda-Wiedenbrück und Oelde. Es kommt zu … [Weiterlesen].

Für alle diese Meldungen war kein Zeitpunkt angegeben. Das änderte sich bei der vierten. Sie behauptete, von „Jetzt“ zu sein und lieferte einen dritten Grund:

Zwischen Hamm (Westf) Hbf und Bielefeld Hbf befinden sich Gegenstände in der Oberleitung. Die Züge halten am nächsten Bahnhof und warten dort die Dauer der Streckensperrung ab oder werden nach Möglichkeit umgeleitet.

Eine fünfte Meldung schließlich kam wieder auf den Notarzteinsatz zurück, verlegte aber dessen Ort:

Aufgrund eines Notarzteinsatzes zwischen Gütersloh Hbf und Hamm (Westf) Hbf ist die Strecke in beide Richtungen gesperrt. Die Streckensperrung dauert voraussichtlich bis 13:15 Uhr. Weitere Informationen folgen.

Tja. Da konnte ich mir jetzt wohl etwas aussuchen. Verwirrt studierte ich die fünf Meldungen und entdeckte dabei noch eine sechste, die als einzige einen konkreten Zeitpunkt nannte: 1. März 2024, 1:28 Uhr. Sie lautete: „Bauarbeiten. Der Zug hält ersatzweise in Köln Messe/Deutz Gl. 11-12. Bitte prüfen Sie Ihre Reiseverbindung kurz vor der Abfahrt des Zuges.“

Mal davon abgesehen, daß ich die Empfehlung im letzten Satz wenig hilfreich fand – das muß man meiner Erfahrung nach mittlerweile bei jeder Fahrt mit der Deutschen Bahn tun, egal, ob sie etwas meldet oder nicht -, wußte ich nun immerhin, warum ich so umständlich von Bonn nach Köln hatte fahren müssen.

Einer kurz nach dem Verlassen des Bahnhofs in Hagen durchgegebenen Meldung zufolge war unsere Verspätung nun bereits auf einundzwanzig Minuten angewachsen. Dabei hatten wir die Umleitung noch gar nicht erreicht. Immerhin wurde nun auch der Grund für die Streckensperrung durchgegeben. Es sei ein Personenunfall zwischen Rheda-Wiedenbrück und Oelde gewesen, der einen Notarzteinsatz erforderlich gemacht habe. Offenbar war Meldung Nummer Drei aus der Handy-App die richtige.

Reichlich zwanzig Minuten später – es war nun 12:20 Uhr – hielt der Zug überraschend in einem Bahnhof an. Sollten wir nicht bis Hannover durchfahren? Ich schaute aus dem Fenster und entdeckte ein Bahnhofsschild: Hamm. Das lag immer noch auf unserer Stammstrecke. Und eigentlich sollten wir laut den Informationen über die Fahrt des Zuges, die ich in der Handy-App gefunden hatte, heute hier gar nicht halten! Was war denn nun schon wieder los?

Wenn ich mich auf dieser heutigen Reise auch über vieles beschweren konnte – die Durchsagen in diesem Zug nach Berlin gehörten erfreulicherweise nicht dazu. Die Erklärung folgte prompt. Der Zugführer habe noch keinen Fahrplan für die Umleitungsstrecke erhalten. Da der aber erforderlich sei, müßten wir darauf jetzt warten. Nur auf die Frage, wie lange das dauern würde, schien auch der Schaffner keine Antwort zu haben. Jedenfalls äußerte er sich nicht dazu.

Sieben Minuten später folgte bereits die nächste Durchsage. Der Fahrplan sei jetzt eingetroffen, in Kürze gehe es weiter. Offenbar legte man sich mächtig ins Zeug.

Und tatsächlich: drei Minuten später waren wir wieder unterwegs und begaben uns auf die angekündigte Umleitung. Hatte ich angesichts der gegebenen Prognose eine Bummeltour durch die Lande erwartet, ging die Fahrt zu meiner Überraschung flott voran.

Als nach einer Weile – es war inzwischen 13:49 Uhr  – wieder eine Durchsage durch den Waggon schallte, gab es – zumindest unter den gegebenen Umständen – endlich einmal gute Nachrichten. Wir kämen, hieß es, sehr gut durch die Umleitung und bräuchten wohl noch etwa fünfundvierzig Minuten bis Hannover.

Als ich eine knappe Viertelstunde später aus dem Fenster blickte, bemerkte ich überrascht, daß hinter uns die Porta Westfalica dem Horizont entgegenrückte. Ganz offensichtlich befanden wir uns bereits wieder auf der Stammstrecke unseres Zuges. Na, das ging ja fix.

Auch das Zugpersonal hatte ganz offensichtlich diesen Eindruck und wollte nicht versäumen, die Fahrgäste daran teilhaben zu lassen. Die Prognose sei angepaßt worden, hieß es in einer entsprechenden Durchsage, wir würden Hannover bereits um 14:34 Uhr erreichen. Gegen 16 Uhr seien wir dann Berlin. Nun, wenn sich das tatsächlich bestätigte, wäre das eine knappe Stunde früher als ursprünglich vorhergesagt.

Als wir um 14:38 Uhr Hannover verließen, betrug unsere Verspätung gute siebzig Minuten. Wahrlich kein Grund zur Freude, doch angesichts der ursprünglich prognostizierten Ankunft war, wie mir schien, trotzdem niemand ernsthaft verärgert. Auch meine Verstimmung hielt sich in Grenzen. Zum einen lag die Ursache heute tatsächlich nicht in der Verantwortung der Bahn, zum anderen hatte man alles in allem die Situation gut gehandhabt. Die nötigen Informationen waren prompt durchgegeben worden und hatten stets über die Lage informiert. Und ganz offensichtlich hatte man auch alles Menschenmögliche dafür getan, die Auswirkungen so gut wie möglich zu minimieren. Lediglich die Handy-App hatte mit ihrem Verwirrspiel hinsichtlich der einander widersprechenden Meldungen das Bild etwas getrübt.

So kam ich trotz des holprigen ersten Teils der heutigen Fahrt zu guter Letzt doch noch gut und einigermaßen streßfrei in Berlin an. Dennoch muß ich, wenn ich rückblickend alle Umstände dieser Reise nach Bonn und zurück, von der Buchung bis zu den Fahrten, zusammen betrachte, wieder einmal feststellen, daß bei der Deutschen Bahn derzeit einiges im Argen liegt. Entspanntes Reisen sieht anders aus. Doch anstatt mich aufzuregen, nehme ich es lieber mit Humor. Schließlich habe ich heute von allem ein wenig mehr bekommen, als zu erwarten gewesen wäre: mehr Umstiege, mehr – teils verwirrende – Meldungen in der App, mehr – teils ebenso verwirrende – Durchsagen, mehr Strecke und schließlich mehr Zeit im Zug. Und das am Ende sogar noch für weniger Geld. Denn wegen der Verspätung darf ich mich auf eine teilweise Rückerstattung freuen. Und dann habe ich vielleicht auch einen Gutschein…

Referenzen

Referenzen
↑1 Hier der etwas konfuse Originaltext der Meldung: „Notarzteinsatz auf der Strecke: Auf der Strecke Hamm (Westf) Hbf – Bielefeld Hbf zwischen Rheda-Wiedenbrück und Oelde. Es kommt zu Verspätungen in beide Richtungen im Fernverkehr der Deutschen Bahn.“

Vorfreude à la Deutsche Bahn

Dieser Beitrag ist Teil 5 von 6 der Beitragsserie "Aus den Notizen eines Bahnfahrers"

Wer nicht nur gelegentlich mit der Deutschen Bahn durch die Lande fährt, ist Kummer gewöhnt. Doch immer wenn man denkt, nun habe man wirklich alles erlebt, schlimmer könne es nun wirklich nicht mehr werden, sorgt die Bahn umgehend dafür, daß man seinen Irrtum erkennt. Denn schlimmer geht immer!

Wieder einmal ist es Mai. Wieder einmal ist es Zeit für die jährliche FedCon – das große Treffen der Fans und Stars der Science-Fiction-Szene in Deutschland, an dem ich nun schon das zweiundzwanzigste Mal teilnehme. Und wie jedes Mal fahre ich mit der Bahn zum Ort der Veranstaltung, der, wie in den letzten Jahren auch, das Maritim-Hotel in Bonn ist. Jedes Jahr bin ich auf’s neue gespannt, was die Freunde des Schienenstrangs diesmal für mich bereithalten. Denn eines ist sicher: Langweilig wird es garantiert nie. Doch was sie sich dieses Mal ausgedacht hatten, hatte ich wirklich noch nie erlebt. Denn dieses Mal begann das Chaos bereits weit vor der Fahrt…

Doch der Reihe nach.

In diesem Jahr hatte ich mich entschlossen, mit dem Kauf meines Tickets für die Convention auch gleich Hotel und Fahrkarte zu buchen. Das gestaltete sich via Internet recht unkompliziert und ermöglichte mir den Erwerb eines Spartickets, dessen Preisnachlaß so groß war, daß das Budget sogar eine Fahrt in der ersten Klasse hergab. Dafür mußte ich lediglich eine Einschränkung meiner Flexibilität in Form einer Zugbindung in Kauf nehmen, doch das war alles in allem akzeptabel. Und wenn es, wie sie behauptet, der Bahn half, besser zu planen, sollte es mir recht sein, auch wenn ich das Modell der Preisgestaltung, das die Bahn ihren Ticketverkäufen zugrundelegt, ja nie so recht verstanden habe. Insbesondere leuchtete mir nie richtig ein, inwiefern es bei der Planung hilft, wenn ich einen Zug früher buche, dessen Fahrt im Fahrplan doch bereits festgelegt ist, fährt er doch damit so oder so. Was sich allerdings in der Folge ereignete, zeigte mir, daß ich diese meine Grundannahme vielleicht doch noch einmal überdenken sollte.

So hatte ich also bereits am 22. Januar sämtliche Buchungen abgeschlossen – Veranstaltung, Hotel und Bahn – und blickte dem Termin der Convention entspannt und mit Vorfreude entgegen. Zumindest mit der Entspannung war es jedoch am Morgen des 2. April erst einmal vorbei. Um 9:02 Uhr nämlich schickte mir die Bahn eine Email mit dem Titel:

Fahrplanänderung auf Ihrer Reise nach Bonn Hbf am […]: Fahrt nicht wie geplant möglich

Als Grund wurde recht lapidar „eine Fahrplanänderung“ angegeben. Dachte ich zunächst an einen Fahrplanwechsel vom Winter- zum Sommerfahrplan, so wurde ich durch eine kurze Suche eines Besseren belehrt: der aktuelle Fahrplan der Bahn war noch bis zum 8. Juni 2024 gültig. War er etwa doch nicht so in Stein gemeißelt, wie ich bisher immer angenommen hatte? Wurden Züge, für die bis zu einem Stichtag ungenügend viele Buchungen eingegangen waren, etwa einfach aus dem Programm genommen? Oder gab es vielleicht einen anderen Grund? Ich konnte nur rätseln, denn weitere Auskünfte über die Hintergründe besagter Fahrplanänderung waren nirgendwo zu finden – weder in der Email noch auf der Website, auf der ich dem in ihr enthaltenen Link zufolge aktuelle Informationen abrufen können sollte.

Nun, es war kurz nach neun Uhr morgens, ich hatte zu arbeiten und zunächst keine Zeit, mich um das Problem zu kümmern. So hatte ich noch nichts unternommen, als mir die Bahn am Abend desselben Tages, genauer um 22:28 Uhr eine weitere Mail schickte, um mir folgendes mitzuteilen:

Fahrplanänderung auf Ihrer Reise nach Berlin Hbf am […]: Fahrt nicht wie geplant möglich

Das nenne ich mal konsequent! Nicht nur meine Hinfahrt, nein, auch meine Rückfahrt sollte es nun also nicht mehr geben. Der Grund für die zweite Absage, war derselbe wie für die erste: Fahrplanänderung. Welchen Grund allerdings diese hatte, mußte mich nach Meinung der Bahn offenbar nicht interessieren.

Immerhin teilte man mir erfreulicherweise mit, daß ich kein neues Ticket erwerben mußte. Man habe die Zugbindung, der ich bisher unterlegen hatte, aufgehoben. Ich könne also nun auch andere Fernverkehrszüge der Deutschen Bahn sowie Nahverkehrszüge und S-Bahnen nutzen. Lediglich eine neue Sitzplatzreservierung müsse ich vornehmen, da die alte natürlich nicht mehr aufrechtzuerhalten sei. Und auch zu der Frage, wie mit dieser zu verfahren sei, hielt man einige Hinweise bereit:

Sie können sich – soweit verfügbar – einen Sitzplatz für Ihre neue Verbindung buchen. Die Kosten für die nicht in Anspruch genommene, ursprüngliche Reservierung können Sie zur Erstattung einreichen. Dazu können Sie den digitalen Fahrgastrechte-Antrag Digitale Fahrgastrechte nutzen.

Auf die Idee, die Kosten für eine per Internet gebuchte und per Paypal oder Kreditkarte bezahlte, aber nun hinfällige Reservierung von allein und automatisch zu erstatten, kommt man bei der Bahn ganz offensichtlich nicht. Böswillige würden jetzt wohl unterstellen, man spekuliere dort darauf, daß die Leute das vergessen. Ich würde das natürlich nie denken!

Ich brauchte nun einige Tage, bis ich die Zeit fand, mich um die Buchung einer neuen Reservierung und die Erstattung der alten zu kümmern. Daß sich das nämlich nicht ganz so einfach gestalten würde, hatte ich recht schnell herausgefunden. Zwar versprach die Mail, daß mir der Klick auf den Link zu den aktuellen Informationen dabei helfen würde, eine alternative Zugverbindung zu finden, und tatsächlich war eine entsprechende Suchmöglichkeit auf der Website, zu der ich dann geleitet wurde, auch vorhanden, doch diese lieferte bei jedem meiner Versuche immer wieder nur ein und dasselbe Ergebnis: eine alternative Verbindung konnte nicht gefunden werden. Ich würde wohl oder übel das reguläre Buchungssystem mit seinem langwierigen Buchungsprozeß nutzen müssen.

So machte ich mich also am Abend des 17. April daran, neue Sitzplatzreservierungen vorzunehmen. Da sich die Bahn nach wie vor nicht in der Lage sah, mir die angekündigten alternativen Verbindungen zu meinen abgesagten Zügen herauszusuchen, mußte ich das wohl selbst tun. Also rief ich das Buchungssystem auf und nahm meine Einstellungen vor: Ausgangsbahnhof Berlin, Zielbahnhof Bonn, Datum, gewünschte Ankunftszeit, 1. Klasse, mit Rückfahrt, noch einmal Datum und gewünschte Ankunftszeit und zu guter Letzt noch auswählen, daß bitte nur Sitzplätze reserviert werden sollen. Klick auf „Suchen“. Los ging’s. Als nächstes mußte ich meinen Zug auswählen und erfuhr endlich, worin eigentlich die ominöse Fahrplanänderung bestand: zu dem von mir gewünschten Fahrtzeitpunkt gab es nun keine durchgehende Verbindung von Berlin nach Bonn mehr. Ich würde also in Köln umsteigen müssen.

Nun gut, ich wählte eine Verbindung und anschließend einen Sitzplatz aus. Seit ich von der automatischen Platzauswahl einmal einen Fensterplatz zugewiesen bekommen hatte, der gar keiner war, weil sich lediglich die Lehne des Sitzes am Fenster befand, mache ich das immer selbst. Ein Klick auf „Weiter“ und – nanu? Müßte jetzt nicht eigentlich die Auswahl der Rückreiseverbindung folgen? Stattdessen trat ich bereits in den Zahlungsprozeß ein. Da stimmte doch was nicht!

Also wieder zurück auf Anfang. Ich stellte alles nochmal ein, Hinreise, Rückreise, 1. Klasse und zu guter Letzt noch „Nur Sitzplatzreservierung“ auswählen. Und diesmal fiel es mir auf! Kaum aktivierte ich die Option, daß ich nur Sitzplätze reservieren möchte, wurden die für die Rückreise ausgewählten Daten kommentarlos gelöscht. Die Bahn ermöglichte es mir also, ein Ticket für Hin- und Rückreise zusammen zu buchen und dafür auch Plätze zu reservieren, wollte ich aber ausschließlich Platzkarten kaufen, dann ging das nur einzeln. Inklusive Kaufprozeß. Service vom Feinsten!

Nun gut. Es war ja nicht anders möglich. Ich klickte mich also zweimal durch den gesamten Buchungsvorgang, der nicht gerade kurz war, veranlaßte damit zwei getrennte Abbuchungen von meinem Konto und hatte am Ende glücklich zwei neue Platzkartenreservierungen erstanden. Uff! Es ist schon fast müßig zu erwähnen, daß natürlich auch für die Rückfahrt keine durchgehende Verbindung zum von mir gewünschten Zeitpunkt mehr existierte.

Nun noch die Rückerstattung. In den beiden Emails hatte man mir versprochen, daß ich das digital erledigen könne. Ich war gespannt und klickte erwartungsvoll den Link an, der mit „digitale Fahrgastrechte“ benannt war. Ich landete auf einer Seite, die mir detailliert die zur Verfügung stehenden Möglichkeiten beschrieb, meine digitalen Fahrgastrechte – wie können Rechte eigentlich digital sein? – geltend zu machen. Neben dem Einsenden eines entsprechend ausgefüllten Formulars per Post standen mir zwei Wege offen, das online zu erledigen: auf der Website über mein Kundenkonto oder in der Handy-App der deutschen Bahn. Da ich nun schon mal am Computer saß und die Website vor mir hatte, wählte ich diese Option.

Als erstes sollte ich mich erstmal einloggen. Man wollte ja schließlich wissen, mit wem man es zu tun hatte. Nachdem ich mich der Bahn zu erkennen gegeben hatte, versuchte ich, der zuvor erhaltenen Anweisung zu folgen:

Wählen Sie in Ihrer Buchungsübersicht die entsprechende Reise oder Streckenzeitkarte aus, für die Sie Entschädigung beantragen wollen. Klicken Sie innerhalb des Reiters „Fahrgastrechte“ den Button „Entschädigung beantragen“ an.

Ich war absolut bereit, das zu tun, nur konnte ich nach der Auswahl der entsprechenden Reise den angesprochenen Reiter „Fahrgastrechte“ leider nirgendwo entdecken. Eigentlich gab es auf der Seite überhaupt keine Reiter. Das wäre ja auch zu einfach gewesen.

Ich fing nochmal von vorne an. Das Ergebnis blieb dasselbe. Wenn der Button da irgendwo war, schien er nicht so einfach zu finden zu sein[1]Hier muß ich fairerweise anmerken, daß ich heute, als ich den Artikel schreibe, die Seite noch einmal aufgerufen habe. Zwar sind dort immer noch keine Reiter zu finden, doch ganz unten, fast am … [Weiterlesen]. Aber es gab ja noch eine andere Option.

Ich griff zu meinem Handy, rief die als „DB Navigator“ bezeichnete App der Deutschen Bahn auf und wählte meine Reise aus. Unter „Weitere Aktionen“ wurde ich sofort fündig: Entschädigung beantragen. Klick! Und schon war ich wieder raus aus der App. Mein Webbrowser startete. Da hatte jemand Entwicklungskosten gespart. Wozu die Funktion in der App noch einmal realisieren, wenn man sie schon auf der Website hat? Aber wenn es funktionierte, sollte es mir egal sein.

Tat es natürlich nicht. Stattdessen wurde mir eine Seite angezeigt, auf der lediglich stand, daß ich die Erstattung erst beantragen könne, wenn der Zeitraum meiner Reise in der Vergangenheit läge. Bitte was? Es war bereits jetzt klar, daß ich die Reservierung nicht würde wahrnehmen können, weil es die Fahrt, für die der Platz reserviert wurde, nicht mehr geben würde. Ich mußte jetzt aber trotzdem warten, bis der Termin der abgesagten Fahrt verstrichen war, bevor ich die Erstattung beantragen konnte? Warum genau? Weil der Fahrplan bis dahin vielleicht nochmal geändert werden und es die Fahrt dann plötzlich doch wieder geben könnte, oder was? Kann ich die böswillige Unterstellung von vorhin bitte nochmal sehen?

Da ich der Bahn das Geld für die obsoleten Reservierungen keinesfalls zu schenken gedachte, ich die Rückerstattung aber derzeit auch nicht beantragen konnte, blieb mir nichts anderes übrig als in meinem Kalender eine entsprechende Erinnerung zu hinterlegen.

Wenn ich nun allerdings dachte, daß die Bahn sich mit diesem Chaos zufriedengeben würde, so hatte ich mich geirrt. Obwohl ich jetzt neue Reservierungen vorgenommen hatte, schickte sie mir von nun an in unregelmäßigen Abständen immer wieder einmal eine Information, daß meine Zugverbindung nicht wie geplant fahrbar sei und ich mich doch bitte um alternative Reisemöglichkeiten bemühen solle. Diese Informationen trudelten mal per Email und mal über die Handy-App ein, manchmal auch in beiden Medien gleichzeitig, und jedesmal mußte ich genauestens prüfen, was genau nicht mehr funktionieren würde. Es war ja schließlich möglich, daß auch meine neu gebuchten Verbindungen plötzlich nicht mehr fahrbar waren. Bei der Bahn weiß man ja nie…

Wie recht ich mit dieser Befürchtung hatte, erwies sich einige Tage später. Der Monat April sollte wohl nicht vorübergehen, ohne daß die Bahn noch etwas mehr Chaos produzierte. Am 30. April trudelte nach 22 Uhr wieder eine Email ein, die ich fast schon geneigt war zu ignorieren, dann aber glücklicherweise doch noch einmal genauer in Augenschein nahm. Diesmal teilte man mir mit, daß es weitere Fahrplanänderungen gäbe, die eine meiner neuen Reiseverbindungen beträfen. Der Link zu den aktuellen Informationen half genauso wenig weiter wie beim letzten Mal und einen Grund für die Änderung suchte ich erneut vergeblich. Diesmal hatte man mir aber immerhin bereits in der Email einen alternativen Reiseplan mitgeliefert. Diesem konnte ich entnehmen, daß nun die Zugverbindung von Bonn nach Köln gestrichen worden war, und zwar offenbar so gründlich, daß die Alternative darin bestand, von Bonn nach Siegburg die Straßen- beziehungsweise U-Bahn[2]Im Verkehrsverbund von Köln und Bonn sind Straßen- und U-Bahn gewissermaßen dasselbe. Insbesondere an den unterirdischen Streckenabschnitten als U-Bahn bezeichnet, fahren die Züge aber an anderen … [Weiterlesen] zu nehmen, um von dort dann mit der Regionalbahn nach Köln zu gelangen. Davon waren nun immerhin meine Sitzplatzreservierungen nicht betroffen, so daß keine weiteren Aktivitäten meinerseits mehr erforderlich waren. Immerhin. Bei der Bahn muß man sich ja mittlerweile auch über die kleinen Dinge freuen…

Noch immer steht die Reise erst bevor. Ich darf also weiterhin gespannt darauf sein, was die Deutsche Bahn bis dahin noch für mich bereit hält.

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↑1 Hier muß ich fairerweise anmerken, daß ich heute, als ich den Artikel schreibe, die Seite noch einmal aufgerufen habe. Zwar sind dort immer noch keine Reiter zu finden, doch ganz unten, fast am Ende der Seite, entdecke ich dann doch noch den mit „Entschädigung beantragen“ beschrifteten Button. Ob er bei meinem ersten Versuch noch nicht da war oder ob ich ihn aufgrund der irreführenden Beschreibung des Vorgehens schlicht übersehen hatte – was ich durchaus bereit bin einzuräumen -, kann ich heute nicht mehr sagen.
↑2 Im Verkehrsverbund von Köln und Bonn sind Straßen- und U-Bahn gewissermaßen dasselbe. Insbesondere an den unterirdischen Streckenabschnitten als U-Bahn bezeichnet, fahren die Züge aber an anderen Stellen wie anderswo Straßenbahnen.

Und der Wind weht allzeit über’s Meer…

Dieser Beitrag ist Teil 7 von 7 der Beitragsserie "Urlaub in Prerow 2023"

Um so schneller eilt die Zeit, je mehr wir wünschen, daß sie sollt‘ verweilen.

Dieser Erfahrung, die sich zwar physikalisch nicht belegen läßt, doch trotzdem von kaum jemand bestritten werden dürfte, der auch nur über ein Mindestmaß an Lebenserfahrung verfügt, muß auch ich mich an diesem siebten Tag meines Urlaubs in Prerow stellen, denn er ist bereits der letzte meines kleinen Ausflugs, der mich nicht nur hierher auf den Darß geführt hat, sondern auch zu einer Reise zurück in die Erinnerungen an die Zeit meiner Kindheit und Jugend geworden ist, als ich gemeinsam mit meinen Eltern jedes Jahr hier im Urlaub gewesen bin.

Nachdem ich meine gestrige Fahrt nach Barth des ausgesprochen hartnäckigen Regens wegen schließlich hatte abbrechen müssen, ist das Wetter heute wieder zur Ruhe gekommen. Zwar ziehen nach wie vor dicke, mal mehr, mal weniger graue Wolken über den Himmel, wobei sie nach meinem Eindruck eine recht beachtliche Geschwindigkeit an den Tag legen, doch behalten sie die Wasser, die sie in ihrem Inneren tragen mögen, für sich, so daß es heute weidlich trocken bleibt. Allerdings hatte ich mir nach der Erfahrung vom Vortage für heute noch keinen rechten Plan für eine Unternehmung zurechtgelegt, hatten sich doch die einschlägigen Wettervorhersagen samt und sonders geweigert, einen regenfreien Tag zu garantieren. Daher wird sich mein heutiges Programm mehr oder minder spontan gestalten müssen. Doch das muß ja nichts Schlechtes sein…

Meine gestrige ausgiebige Besichtigung der großen Barther Sankt-Marien-Kirche hatte mir etwas wieder in Erinnerung gerufen, das noch auf meiner Wunschliste steht, für das ich aber im Zuge der Ausflüge der letzten Tage noch keine Zeit gefunden hatte: ein Besuch in der alten Seemannskirche von Prerow. Und mangels anderweitiger konkreter Planungen habe ich heute definitiv genug Zeit, diesen Besuch abzustatten.

Gleich nach dem Frühstück mache ich mich auf den Weg. Da ich keinesfalls Gefahr laufen möchte, wieder vor verschlossener Tür zu stehen, wie es nach meinem Prerower Rundgang am späten Nachmittag einige Tage zuvor der Fall gewesen war, ziehe ich es diesmal vor, bereits am Vormittag an der Kirche zu erscheinen. Auf dem vor dem Prerower Strom gelegenen Deich wandere ich zum östlichen Ende des Ortes. An der kleinen Märchenhütte vorbei erreiche ich den Abzweig des Weges, der mich in den Kirchenort hineinführt, wo sich der alte Friedhof befindet, in dessen Mitte sich die Seemannskirche erhebt. Wieder öffne ich das schmiedeeiserne Tor, wieder quietscht es leicht, und wieder gewährt es mir ohne weiteres den Zugang zum Friedhof. Und doch ist, wie ich fasziniert bemerke, die Atmosphäre, die mich dahinter umfängt, heute anders als einige Tage zuvor. Zwar verspüre ich auch heute das Empfinden, eine Welt der Ruhe, der Andacht und der Erinnerung zu betreten, doch wirkt sie jetzt irgendwie zurückgezogener, melancholischer. Ob das an den grauen Wolken liegt, die noch immer über den Himmel jagen? Vielleicht. War bei meinem letzten Besuch der Himmel strahlend blau gewesen und von der abendlichen, dem Horizont entgegenstrebenden Sonne hell erleuchtet worden, die die Kirche und den Friedhof mit seinen Bäumen, Büschen und Hecken in bunte Farben hüllte, so wirken diese heute gleichförmig düster. Von bunten Farben keine Spur. Eher dominieren Grau- und Brauntöne. Melancholie und Traurigkeit scheinen die Atmosphäre zu bestimmen.

Auch die Kirche ist davon nicht ausgenommen. Auch sie scheint heute eher gedrückter Stimmung zu sein. Der hölzerne Turm wirkt dunkel, von dem freundlichen Rot, mit dem das Dach einige Tage zuvor im Licht der untergehenden Sonne so hell leuchtete, ist heute keine Spur zu sehen. Einzig die gelben Ziegel des Hauptweges bringen etwas Farbe in die Szenerie. Schnurgerade führen sie auf die kleine Tür zu, die sich in der Seite des Kirchenschiffes befindet und, wie ich erfreut bemerke, einen Spaltbreit offensteht. Dort angekommen, schiebe ich sie zur Gänze auf und trete ein.

Ich finde mich in einem kleinen Vorraum wieder, nicht viel größer als eine Kammer. Ein Aufsteller präsentiert eine Reihe von Faltblättern mit Informationen zur Kirche, zu stattfindenden Veranstaltungen und vielem mehr, das mich angesichts meiner bevorstehenden baldigen Abreise allerdings nicht sonderlich interessiert, so daß ich meine Aufmerksamkeit alsbald der zweiten Tür zuwende, die auf der gegenüberliegenden Seite des Vorraums weiter in das Kircheninnere hineinführt. Sie gibt meinem Druck nach und gestattet mir einzutreten[1]Leider kann ich auch hier aus dem Inneren der Kirche keine Fotos präsentieren. Auch wenn ich in der Prerower Seemannskirche kein solches Verbotsschild wie tags zuvor in der Barther … [Weiterlesen].

Nach dem etwas düsteren Eindruck, den die Kirche mit ihrem dunkelbraunen, hölzernen Turm und den rötlich-braunen Backsteinmauern von außen hinterlassen hatte, bin ich ein wenig von der strahlenden Helligkeit überrascht, die mich in ihrem Inneren empfängt. Große Fenster, die ich von außen in den Mauern gar nicht recht wahrgenommen hatte, lassen reichlich Licht einfallen, das eine zusätzliche Beleuchtung des Kirchenschiffes weitestgehend unnötig macht. Lediglich an dessen westlichem Ende, wo sich aufgrund des sich anschließenden Turms keine Fenster befinden, verbreiten ein paar Lampen freundliches gelbes Licht.

Meine Aufmerksamkeit gilt jedoch zunächst dem Ostende des Schiffes und dem dort aufragenden Altar. Auch er sorgt bei mir für einige Überraschung, ist er doch weit von der Schlichtheit entfernt, die man sonst für gewöhnlich in evangelischen Gotteshäusern antrifft. Gut, auch der Altar der Barther Sankt-Marien-Kirche war mit seinem einen Sternenhimmel imitierenden Baldachin nicht gerade ein Ausbund an Schlichtheit gewesen, doch jene Kirche war immerhin im Auftrag eines preußischen Königs gestaltet worden. Bei der Prerower Seemannskirche handelt es sich jedoch um eine reine Dorfkirche, wenn auch eine mit ausgeprägter Tradition, wie ich bei meinem Rundgang feststellen werde. Dies drückt sich auch in dem Altar aus, der nicht nur ausgesprochen schön ist, sondern überdies eine kleine Besonderheit darstellt. Er ist nämlich Altar und Kanzel in einem. Der Altartisch, den eine vor ihm aufgestellte niedrige hölzerne Barriere zum Kirchenraum hin abschließt, befindet sich vor einer hohen Rückwand, die in die Ostwand des Kirchenschiffs integriert ist, an die sich die als Sakristei genutzte Apsis des Gotteshauses anschließt. Diese Rückwand wird nach oben hin von einem Rundbogenaufsatz und zu beiden Seiten von runden Säulen abgeschlossen, zwischen denen sich in etwa eineinhalb Metern Höhe die Kanzel befindet. Auf dem sie bekrönenden Baldachin ist eine kleine Statue zu sehen, deren Kopf ein Strahlenkranz umgibt. Da die Kanzel über keinen sichtbaren Zugang verfügt, muß dieser sich in der Apsis befinden, die durch zwei Türen zugänglich ist, die sich je eine zu beiden Seiten des Altars befinden. Dieser sogenannte Kanzelaltar wurde im Jahre 1728 von dem Stralsunder Meister Elias Keßler geschaffen. Es ist sehr wahrscheinlich, daß von dieser Kanzel auch der hier von 1813 bis zu seinem Tode im Jahre 1825 tätige Pastor Joachim Gottfried Danckwardt seine Predigten unter das Volk brachte, der ein Lehrer des berühmten Lyrikers und Historikers Ernst Moritz Arndt gewesen ist.

Auf der rechten Seite des Kirchenschiffs, ebenfalls direkt an seinem östlichen Ende, befindet sich der Taufstein der Kirche. Und ebenso wie der Altar ist auch dieser eine Besonderheit, die ich so noch nirgendwo zu sehen bekommen habe. Das liegt allerdings weniger daran, daß es sich gar nicht um einen Stein, sondern vielmehr um ein Taufbecken handelt, das sich auf einem kunstvoll geschnitzten Ständer befindet. Nein, das allein wäre noch nichts sonderlich Außergewöhnliches. Diesen Status erlangt das Taufbecken jedoch durch sein sogenanntes Taufgehäuse. Ich würde es am ehesten als kleinen Pavillon beschreiben, der am Boden von einer umlaufenden Brüstung umgeben ist, die in vier große und acht kleine ornamental durchbrochene Felder unterteilt ist. Vier Pfeiler, an denen sich ebenso viele Figuren befinden, die Engelhermen darstellen, tragen das Dach des Gehäuses, auf dem kleine, allerliebst anzusehende Engelputten sitzen, die Inschriftkartuschen halten und in deren Mitte eine Jesus-Figur steht. Die üppige Vergoldung der Figuren und Brüstungsfelder kontrastiert sehr hübsch mit dem tiefen Blau der Pfeiler, des Daches und des Rahmens der Brüstung. Im Zentrum des Gehäuses befindet sich der geschnitzte Taufständer. Geschaffen wurde dieses beeindruckende Kunstwerk, dessen Positionierung vor zwei großen Eckfenstern es im hellen Tageslicht erstrahlen läßt, im Jahre 1740 von dem Stralsunder Meister Michel Müller.

Nachdem ich mir diese beiden außergewöhnlichen Kunstwerke eingehend angesehen habe, wobei ich über die Kunstfertigkeit ihrer Schöpfer und die Schönheit der Gestaltung angemessen beeindruckt bin, wende ich mich nun dem Kirchenschiff zu, das rund dreißig Meter lang und etwa halb so breit ist. Und hier finde ich nun auch die Schlichtheit vor, die ich in einer evangelischen Kirche erwartet habe. Obwohl die Seemannskirche ein eher kleines Gotteshaus ist, schließen sich links und rechts an das von einem Tonnengewölbe nach oben hin abgeschlossene Mittelschiff zwei kleine Seitenschiffe an. Sie besitzen jeweils eine flache Decke und werden vom Hauptschiff durch schlanke, mit breiten Rundbögen verbundene Holzpfeiler getrennt. Eine auf schlichten Pfosten aus demselben Material ruhende Empore umläuft das Kirchenschiff an den Längs- und der Westseite. Sie nimmt der Länge nach etwa das halbe Schiff ein. Daß sich auf ihr an den Seiten weitere Sitzplätze befinden, kann ich nur vermuten, denn von hier unten ist von dem, was sich auf der Empore befindet, lediglich die am westlichen Ende des Kirchenschiffs aufgestellte kleine Orgel des Gotteshauses zu sehen.

Der gesamte untere Raum der drei Schiffe wird dort, wo sich an den Seiten die Empore befindet, vom Kirchengestühl eingenommen. Während sich dieses im hinteren Teil auf einfache Kirchenbänke beschränkt, ist es im vorderen, dem Altar zugewandten Bereich als Kastengestühl ausgeführt. Hier befinden sich offenbar die besseren Plätze, die in der Vergangenheit wohl den höhergestellten Mitgliedern der Prerower Einwohnerschaft vorbehalten gewesen sein mögen. Sowohl Gestühl als auch Empore sind in einem hellen Grau gestrichen, wobei in die Begrenzungswände des Kastengestühls ebenso wie in die Brüstung der Empore verzierende Felder eingelassen wurden, deren Innenfläche jeweils in einem hellen Blau gehalten ist und von einem dunkelblauen Rahmen eingefaßt wird. Diese doch recht einfache Farbgestaltung verleiht dem Innenraum eine helle, freundliche Atmosphäre von ausgeprägter Schlichtheit, in der ich mich jedoch ausgesprochen wohlfühle. Abgerundet wird dieser Eindruck durch die dazu passenden Sitzauflagen auf den Kirchenbänken, die das Blau der Felder in Empore und Gestühleinfassungen aufnehmen.

Als ich meinen Blick nach oben hebe und ihn von der Orgel die Empore entlang in Richtung Altar gleiten lasse, entdecke ich in der Mitte des Kirchenschiffs, direkt über den vorderen Reihen der Bänke, ein großes Schiffsmodell, das von der Gewölbedecke herabhängt. Es stellt ein Dreimast-Segelschiff mit Bug- und Hecksegel dar. Votivschiffe wie dieses gibt es in der Kirche mehrere. Und nicht nur hier. Sie repräsentierten in evangelischen Kirchen des Ostseeraumes den Berufsstand des Schiffers beziehungsweise Seemanns und wurden der jeweiligen Kirche gewöhnlich aus Dankbarkeit für die Rettung aus Seenot gestiftet. Das gilt auch für das Schiff, das ich hier im Mittelschiff vor mir sehe und das das größte der drei ist, die die Kirche heute besitzt. Dem Segler Napoleon nachempfunden, wurde es um das Jahr 1850 von einem Kapitän an die Kirche übergeben.

Zu erwähnen sind noch die beiden Kronleuchter, die ebenfalls im Mittelschiff der Seemannskirche aufgehängt sind. Im westlichen Teil des Innenraums entdecke ich einen sechsarmigen, aus Messing bestehenden Leuchter, während vor dem Altar ein – wenn ich mich nicht verzählt habe – zehnarmiger Leuchter aus Kristallglas zu sehen ist. Beide fanden als Stiftungen ihren Weg in die Kirche. Der Messingleuchter wurde 1733 von Prerower Bauern und Fischern übergeben, während um 1800 eine Mannschaft, deren Schiff vor der Küste Prerows strandete und gerettet wurde, den Kristallglasleuchter in die Kirche brachte.

An all diese Kunstwerke und Gegenstände habe ich ebenso wie an den gesamten Innenraum der Kirche keinerlei Erinnerungen aus der Zeit meiner Kindheit und Jugend, als wir uns des öfteren hier in Prerow aufhielten. Wenn wir dabei auch einmal der Seemannskirche einen Besuch abgestattet haben sollten – was ich für durchaus wahrscheinlich halte -, so habe ich mich damals allerdings nicht sonderlich dafür interessiert, weshalb kein bleibender Eindruck entstehen konnte, an den ich mich heute noch erinnern würde. Um so froher und zufriedener bin ich, daß es mir heute möglich war, den Besuch nachzuholen, denn ich bin durchaus der Meinung, daß mir andernfalls etwas Wertvolles und Interessantes entgangen wäre.

Mit diesem Gedanken wende ich mich wieder der Tür zu, durch die ich die Kirche zuvor betreten hatte, und verlasse Gotteshaus und Friedhof auf demselben Wege, auf dem ich gekommen bin.

Und nun? Einen Moment stehe ich unschlüssig auf dem Platz vor dem Friedhof und überlege, was ich als nächstes unternehmen soll. Da die Sonne es mittlerweile schafft, immer wieder einmal durch die nach wie vor recht schnell über den Himmel ziehenden Wolken zu lugen, lenke ich meine Schritte zum nahegelegenen Prerower Hafen. Vielleicht, kommt es mir in den Sinn, könnte ich ja zum Abschluß des Urlaubs noch eine kleine Wanderung durch die von Prielen und Fließen durchzogenen Wiesen und Felder unternehmen, durch die der Prerower Strom seine vielfach gewundene Bahn zieht, die ihn hinüber zum Bodstedter Bodden führt. Das könnte doch eigentlich ganz schön sein, und vielleicht schaffe ich es ja tatsächlich bis hinüber zum Bodden und in das an diesem gelegene Örtchen Wieck. Von dort ließe es sich dann am Nachmittag ganz bequem mit dem Bus nach Prerow zurückkehren.

Je länger ich auf meinem Weg hin zum Hafen über diese Idee nachdenke, desto verlockender erscheint sie mir. So schenke ich dem heftigen Wind, der mich plötzlich von der Seite her umweht, als ich gerade den Prerower Strom überquere, keine große Beachtung. Doch das soll sich kurze Zeit später ändern. Kaum habe ich den Hafen hinter mir gelassen und den kleinen, parallel zum Strom verlaufenden Deich erreicht, auf dem ich die ersten Meter meiner Wanderung zurückzulegen gedenke, muß ich feststellen, daß der Wind durchaus kein Ereignis eines einzelnen Moments zu bleiben gedenkt, sondern hier, wo er durch den Strom und die nahen Wiesen über ausreichend freie Fläche verfügt, nicht nur ausgesprochen beständig weht, sondern sich auch als recht steife Brise entpuppt, die dem Wanderer einen gewissen Widerstand entgegenzusetzen in der Lage ist. Doch noch will ich mich nicht geschlagen geben. Als ich das Ende des Prerower Ortsteils Krabbenort erreicht habe, wo mich ein Schild recht bestimmt darauf hinweist, daß das Weitergehen auf dem Deich von hier an untersagt ist, folge ich einer kleinen Straße, die zwischen die Häuser hineinführt und mich hoffen läßt, über sie auf deren anderer Seite die Wiesen und einen über jene hinwegführenden Weg zu erreichen. Kaum befinde ich mich zwischen den Häusern, ist der Wind verschwunden. Als die Straße sich nach wenigen Schritten – der Krabbenort ist hier an seinem nahen Ende nur noch zwei bis drei Grundstücke breit – schließlich als Sackgasse erweist, von deren Ende kein Weg in die Wiesen weiterführt, muß ich wohl oder übel umkehren, um mir eine andere Möglichkeit des Weiterkommens zu suchen. Irgendwo wird hier schon ein Weg in die Wiesen zu finden sein.

Kaum habe ich den Deich wieder erreicht, ist auch der Wind wieder da. So langsam wird mir klar, daß der Grund dafür, daß ich ihn bisher nur gelegentlich zu spüren bekommen hatte, wohl darin zu suchen ist, daß mich mein Weg durch Prerow hierher praktisch nie über größere Freiflächen, sondern immer zwischen Häusern und kleinen oder größeren Waldstücken hindurchgeführt hatte. Dabei waren doch die geschwind über den Himmel ziehenden Wolken die ganze Zeit ein recht deutlicher Hinweis auf die Wetterlage und die mit ihr verbundenen Luftbewegungen gewesen. So komme ich zu guter Letzt zu dem Schluß, daß ich wohl, sollte ich bei meinem Vorhaben einer Wanderung über die Wiesen bleiben, mit dem Wind als ständigem Begleiter, wenn nicht gar Gegner würde rechnen müssen. Angesichts der am heutigen Tag nicht allzu hohen Temperaturen, die ich auf höchstens acht Grad Celsius schätze, kommt mir die Aussicht darauf auf einmal gar nicht mehr so verlockend vor wie noch vor etwa einer halben Stunde. Bereits bei dem Gedanken an eine Wanderung in unablässig wehendem steifen Wind vermeine ich ein leichtes Frösteln zu spüren. Dem wäre mit einem dickeren Pullover sicher abzuhelfen, nur liegt dieser im Schrank meines Zimmers. Ihn jetzt von dort zu holen, bedeutete, den ganzen Weg hierher erst zurück- und dann wieder herlaufen zu müssen. Und dazu verspüre ich dann doch eher weniger Lust.

Nachdem ich mich ein wenig für meine unzureichende Tagesplanung gescholten und mich über mich selbst geärgert habe, was mir für eine kleine Weile eine gewisse Mißstimmung beschert, stelle ich schließlich fest, daß das am Ende auch nichts bringt außer schlechte Laune. Und weil ich die nicht haben will, beschließe ich, mit dem zufrieden sein, was ich habe. Und das ist nicht nur der Besuch, den ich der kleinen hübschen Seemannskirche am Vormittag abgestattet hatte, sondern auch die Tatsache, daß mir immer noch ein ganzer Nachmittag zur Verfügung steht. Und da ich mich nun von der Idee freigemacht habe, an diesem letzten Tag noch irgendeine größere Unternehmung in Angriff nehmen zu müssen, ist mir auf einmal völlig klar, was ich mit der verbleibenden Zeit wirklich tun möchte.

Genau wie mir das Begrüßen des Meeres noch am Tage meiner Ankunft eine liebe Tradition geworden ist, die ich aus der Zeit meiner Kindheit und unseren damaligen Urlauben hier in Prerow übernommen habe, so ist auch der Abschied am letzten Tag zu einer solchen geworden. Egal, welches Programm für diesen letzten Tag auch immer vorgesehen war, am Ende gingen wir stets noch einmal an den Strand, um der Ostsee Lebewohl zu sagen – bis zum nächsten Mal. So will ich es auch diesmal halten.

Und so mache ich mich langsamen Schrittes auf den Weg zurück in den Ort, um mich zu verabschieden. Langsam spaziere ich durch die mir inzwischen wieder vertrauten Straßen, komme vorüber an den vielen neuen Häusern und an jenen, die ich noch von damals kenne, wandere ein Stück den Deich und den dahinterliegenden Prerower Strom entlang, den ich auf einer der schmalen Brücken überquere, die hinüber in den Dünenwald führen, in dem sich der altvertraute Ziegelweg unter meine Füße legt. Schließlich gelange ich noch einmal zum Hauptübergang mit seinen zahlreichen Buden, an denen alles verkauft wird, was der geneigte Tourist und Strandbesucher vielleicht brauchen oder zumindest haben wollen könnte, von Souvenirs über Kleidung und Schmuck bis hin zu Bratwurst und Crêpes. Dann stehe ich wieder auf der Düne, wo ich überrascht feststelle, daß man inzwischen die Aussichtsplattform, von der ich vier Tage zuvor noch auf die Pfeiler der Seebrücke und bis hinüber nach Hiddensee geblickt hatte, abgerissen hat. Von ihr ist keine Spur mehr zu sehen.

Hier oben ist natürlich auch der Wind wieder da, von dem während meines Spaziergangs durch den Ort und den Dünenwald so gut wie nichts mehr zu spüren gewesen war, so daß ich ihn inzwischen völlig vergessen hatte. Doch hier, wo die weite Wasserfläche des Meeres ihm keinerlei Hindernis in den Weg stellt, geht er nun voller Inbrunst zu Werke. Das bleibt natürlich nicht ohne Folgen für die in den letzten Tagen so überaus friedliche See. Bereits von hier oben ist deutlich zu erkennen, daß von der spiegelglatten, wellenlosen Meeresoberfläche, die sie mir stets präsentiert hatte, wann immer ich in den vergangenen Tagen zu ihr gekommen war, heute keine Rede sein kann. Zwar wäre es auch völlig übertrieben, davon zu sprechen, daß sich das Meer in Aufruhr befände – so stürmisch ist der Wind dann auch wieder nicht -, doch lassen sich heute immerhin die Wellen sehen, die ich bisher stets hatte vermissen müssen.

Ich stapfe durch den Sand den Strand hinunter zum Wasser, das in heftiger Bewegung ist. Mutwillig dringt es auf den Strand vor und versucht, möglichst große Areale des weißen Sandes zu bedecken, bis ihm die Puste ausgeht und es sich widerwillig wieder zurückziehen muß, nur um sofort einen neuen Anlauf zu wagen. Weiter draußen, wo die Oberfläche des Wassers stark gekräuselt ist und wabernd hin- und herwogt, rollen Wellen auf das Ufer zu, die sich urplötzlich überschlagen und weiße Schaumkronen bilden, wo sie auf Sandbänke treffen, die sich im Meeresboden angehäuft haben und sie in ihrem Vorwärtsdrängen aufhalten. Wirken sie hier noch vergleichsweise harmlos, zeigen sie kurz darauf, wieviel Energie sie tatsächlich in sich tragen. Da sich die Bauschiffe am heutigen Sonnabend wieder in den Nothafen am Darßer Ort zurückgezogen haben, ist der Weg entlang der Pfeilerreihe der im Entstehen begriffenen neuen Seebrücke für die Wellen frei, bis sie auf die aus irgendeinem Grund in den Meeresboden gerammten metallenen und parallel zum Ufer verlaufenden Spundwände treffen. Als wären sie über das unverhoffte Hindernis unvermittelt in Wut geraten, setzen die Wellen von einem Moment auf den anderen die ihnen innewohnende Energie frei, als wollten sie versuchen, es aus dem Weg zu räumen. Doch die metallene Front ist hartnäckig und weicht keinen Zentimeter, so daß den Wellen keine andere Wahl bleibt, als sich in hoch aufspritzenden Gischtfontänen über sie hinwegzusetzen. Das ist jedesmal ein phantastischer Anblick. Keine dieser Fontänen ist wie die andere und eine jede scheint die Höhe ihrer Vorgänger noch überbieten zu wollen. Nicht jeder gelingt es, doch alle versprühen sie Myriaden großer und kleiner Tröpfchen, die über die Spundwände spritzen und auf die dahinterliegende Wasseroberfläche aufschlagen. Doch die Macht der Welle ist gebrochen. Hinter der Spundwand findet sie sich nicht wieder und das Wasser ist ungleich ruhiger. Dieses sich ewig wiederholende Spiel der Wellen entfaltet, je länger ich ihm zusehe, eine schon fast hypnotische Wirkung, die durch das es begleitende rhythmische Rauschen des Wassers noch verstärkt wird.

An der Seebrücke in Prerow
Hoch schäumt die Gischt, wenn sich die Welle bricht.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Am Ende weiß ich gar nicht, wie lange ich hier gestanden und dem Meer in seiner endlosen Bewegung, mit der es, getrieben vom Wind, unverdrossen gegen das Land anbrandet, zugesehen habe. Mir ist, als erblickte ich darin ein Stück der Ewigkeit. Wir kommen in diese Welt und müssen sie irgendwann wieder verlassen, doch das Meer wird auch dann noch dem Spiel seiner Wellen frönen und sie unverdrossen in Richtung Land schicken, wenn wir und Generationen nach uns schon längst nicht mehr sind. Und aus irgendeinem Grund hat dieser Gedanke, obwohl er mich an meine eigene Endlichkeit erinnert, nichts Bedrohliches, sondern etwas sehr Beruhigendes.

Im Geiste verabschiede ich mich von der See und verspreche ihr – und auch mir selbst -, bald einmal wiederzukommen. Vielleicht schon im nächsten Jahr. Vielleicht wird es nicht in Prerow sein, sondern irgendwo anders. Usedom vielleicht. Oder Rügen. Und vielleicht – sicher bin ich mir im nachhinein darüber nicht – spreche ich diese Abschiedsworte auch laut aus und lasse sie vom Wind davontragen.

Mach’s gut, Ostsee. Es war schön. Bis bald mal wieder…

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↑1 Leider kann ich auch hier aus dem Inneren der Kirche keine Fotos präsentieren. Auch wenn ich in der Prerower Seemannskirche kein solches Verbotsschild wie tags zuvor in der Barther Sankt-Marien-Kirche vorfinde, bin ich mir nicht sicher, ob ich dies rechtlich als Freifahrtschein für die Veröffentlichung meiner Fotos ihres Innenraums ansehen darf. So muß auch in diesem Falle das Wort genügen, um einen Eindruck des Kircheninneren zu vermitteln.

Barther Kirchentag

Dieser Beitrag ist Teil 6 von 7 der Beitragsserie "Urlaub in Prerow 2023"

Bomm!
Bomm!
Bo-bomm!
Bo-bomm!
Bomm!

Von irgendwo läßt sich ein sanftes Trommeln vernehmen. Zuerst nur ganz leise, doch dringt es, sich in seiner Vehemenz beharrlich durchsetzend, lauter und lauter durch die Schleier hindurch, die der Schlaf um mich gewoben hat, bis sich diese endlich verflüchtigen und mich aus meinen Träumen in die reale Welt zurückführen. Noch wehre ich mich dagegen, doch schließlich kann ich nicht mehr umhin, die Traumwelt endgültig zu verlassen und meine Aufmerksamkeit diesem unablässigen Trommeln zuzuwenden.

Bomm!
Bomm!
Bo-bomm!

Ein Weile lausche ich dem Geräusch, das mich aus dem Schlaf geholt hat. Was könnte das sein? Ein tropfender Wasserhahn vielleicht? Nein, dazu ist es zu vielfältig. Das müßten schon mehrere Wasserhähne zugleich sein, die da so stetig vor sich hin tropfen. Und es kommt ja auch gar nicht aus dem Badezimmer. Nein, das Geräusch kommt definitiv von draußen. Es dringt durch das geöffnete Fenster und zwischen den schweren Vorhängen hindurch, die das Zimmer in einem beständigen Halbdunkel halten. Nur durch den schmalen Spalt zwischen ihnen fällt ein wenig Licht des bereits angebrochenen Tages. Von dort kommt auch das ewige Trommeln.

Mein Gehirn kommt nur langsam in die Gänge. Doch schließlich findet es den Gedanken, nach dem es gesucht hat, seit ich von dem Geräusch geweckt worden bin: Regen! Das muß Regen sein.

Auf einmal erscheint mir das Bett als ein ausgesprochen sympathischer Aufenthaltsort für den Tag. Ich könnte mich ja nochmal auf die andere Seite drehen und eine weitere Runde schlafen…

Andererseits ist das Verschlafen des hellichten Tages keine Option, die sehr unterhaltsam und interessant klingt. Und so wirklich müde bin ich eigentlich auch nicht mehr…

Ach, was soll’s! So ein bißchen Regen wird mir nicht den Tag verderben. Und wer weiß, vielleicht hört er ja auch bald auf. Entschlossen schlage ich die Decke zurück und stehe auf. Zunächst will ich mir doch einmal ansehen, was denn das eigentlich für ein Regen ist, der da vor meinem Fenster herumtrommelt. Ich tappe durch das Halbdunkel des Raumes um das Bett herum und ziehe die Vorhänge zurück. Licht strömt ins Zimmer, doch ist es nicht gerade blendend. Dafür ist der Tag, der vor dem Fenster herumlungert, viel zu grau. Und naß.

Das Trommeln, das mich geweckt hat, kommt von irgendwo dort draußen, ohne daß ich genau ausmachen kann, woher eigentlich. Es hört sich so an, als befände sich an irgendeiner Stelle des Hauses in der Nähe meines Fensters ein Blech, auf das Wasser tropft. Daß es der feine Regen ist, der unaufhörlich herniederströmt, kann ich mir eigentlich nicht vorstellen. Offenbar sammelt er sich jedoch irgendwo und verursacht stetig fallende Tropfen. Den Klängen nach an gleich mehreren Stellen.

Egal. Ich bin wach. Laß es tropfen.

Ich suche nicht weiter. Stattdessen starte ich frohen Mutes in den Tag. Von dem bißchen Regen lasse ich mir nicht die Laune verderben. Zunächst stehen Waschen, Zähneputzen und Frühstücken auf dem Programm. Und wer weiß, wenn ich damit fertig bin, hat der Regen ja vielleicht auch schon aufgehört.

Tatsächlich ist das der Fall. Als ich den Frühstücksraum meiner Pension verlasse, auf mein Zimmer zurückkehre und einen Blick aus dem Fenster werfe, sind die Regenschleier verschwunden. Der Himmel sieht zwar immer noch so aus, als habe er sich heute in Asche gewandet, doch das stört mich nicht weiter. Solange es einigermaßen trocken ist, wird mich nichts davon abhalten, vor die Tür zu gehen. Allerdings erscheint es mir klug, dem regenschwangeren Wetter doch Rechnung zu tragen und keine Ausflüge in Gegenden zu unternehmen, in denen es vor vom Himmel herniederstürzendem Wasser keinerlei Schutz gibt. Da kommt es mir sehr zupaß, daß sich auf der Liste meiner Ausflugsziele für diesen Urlaub noch eines findet, das sich ganz wunderbar für solch einen Tag eignen könnte: Barth. Die auf dem Festland am südlichen Ufer des nach ihr benannten Boddens gelegene Kleinstadt ist, orientiert man sich an ihrer ersten urkundlichen Erwähnung, fast so alt wie Berlin. Tatsächlich ist sie älter, denn in eben jener Urkunde aus dem Jahr 1255 ist bereits von einer Stadt die Rede. Das könnte also ein für mich als an Geschichte Interessiertem ein lohnendes Ziel sein.

Auch sagen mir meine Erinnerungen, daß wir in unseren Urlauben zu den Zeiten meiner Kindheit und Jugend mehrfach in Barth gewesen sind. Ein Besuch dort gehörte in jedem Jahr einfach dazu. Vieles habe ich zwar mittlerweile vergessen, doch an die bereits geschilderte Fahrt über die Meiningenbrücke erinnere ich mich noch gut. Auch die Passage einer engen Durchfahrt durch eine Art Stadttor taucht aus den Tiefen meines Gedächtnisses auf, wenn ich an Barth denke; und aus irgendeinem Grund weiß ich noch, daß wir pro Besuch stets nur ein einziges Mal hindurchfuhren. In die Gegenrichtung führte der Weg immer an dem Stadttor vorbei, wohl weil es so eng war. Zwar erinnere ich mich noch gut, daß ich das jedesmal irgendwie enttäuschend fand, doch könnte ich heute nicht mehr sagen, ob das auf der Fahrt in die Stadt hinein gewesen ist oder beim Verlassen derselben. Nun, das werde ich ja vielleicht ergründen können, wenn ich mich jetzt auf den Weg dorthin mache.

Ein kurzer Blick auf den Busfahrplan, den ich über mein Smartphone abrufen kann, belehrt mich, daß ich mehr als ausreichend Zeit habe. Und weil ich weder große Lust verspüre, diese auf meinem Zimmer zu verbringen, noch ein langes Herumstehen an der nahegelegenen Bushaltestelle im Zentrum des Ortes sonderlich verlockend finde, entschließe ich mich zu einem Spaziergang zur Hafenstraße, wo sich, wie ich von meinem Prerow-Rundgang ein paar Tage zuvor weiß, eine weitere Busstation befindet. Bis ich dort bin, dürfte die Zeit bis zur Abfahrt des Busses schon fast heran sein.

Wegweiser in Prerow
Jede Menge Ziele. Mitten im Zentrum, an der Ecke Wald- und Bergstraße, steht dieser bunte, typische Prerower Wegweiser.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
Creative Commons Lizenzvertrag

Vorüber an den bunten Prerower Wegweisern, die ich dieses Mal allerdings lediglich zu fotografischen Zwecken beachte, da ich sie zum Auffinden des mir bereits bekannten Weges nicht benötige, spaziere ich durch Berg- und Lange Straße der Hafenstraße entgegen.

An selbiger angekommen, habe ich wider Erwarten doch noch mehr Zeit übrig als erwartet. Eine reichliche Viertelstunde muß ich noch auf den Bus warten. Angesichts des nach wie vor tiefgrauen Himmels und der sich beharrlich hinter der Wolkendecke verbergenden Sonne erscheint es mir nicht sehr sinnvoll, diese Zeit mit Herumstehen an der Haltestelle zu verbringen, denn ohne die wärmenden Strahlen der Sonne wird mir an diesem Apriltag doch recht schnell recht kühl. So spaziere ich ein wenig in der Gegend herum und nehme sie in Augenschein. Zunächst fällt mir erneut das Wartehäuschen auf. Mit mir warten einige Personen, die trotz dieses sauertöpfischen Tages recht fröhlich gestimmt scheinen. Ein junges Mädchen in rotem T-Shirt und knielanger blauer Sommerhose, ausgestattet mit Sonnenbrille und Strohhut sitzt auf seinem blauen Koffer direkt neben drei Sitzen, die sämtlich frei sind. Auf deren anderer Seite steht eine junge Familie mit zwei Kindern. Die Eltern tragen beide lange blaue Hosen und schulterfreie Tops, die Kinder, ein Mädchen und ein Junge, stehen brav vor ihren Eltern und sind ebenfalls recht sommerlich angezogen. Etwas abseits wartet noch ein junger Mann mit Vollbart, der einen Rucksack über die Schulter geworfen hat und einen Koffer in der Hand trägt. Auch er ist lediglich mit knielangen Hosen bekleidet. Daß diese Gesellschaft Wartender bei diesem kühlen Wetter nicht friert und auch die freien Sitze beharrlich meidet, hat seinen Grund. Denn genau wie die Fenster des Häuschens sind alle diese Personen lediglich auf dessen Wand aufgemalt. Eine hübsche und durchaus passende Gestaltung für eine Bushaltestelle.

Die Bushaltestelle "Hafenstraße" in Prerow
Gemeinschaft im Wartestand – Das Wartehäuschen der Bushaltestelle an der Prerower Hafenstraße.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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In Berlin versucht man dergleichen auch immer wieder einmal, doch leider erweist sich ein solches Unterfangen stets als verlorene Liebesmüh, die Perlen vor die Säue streut, denn innerhalb kürzester Zeit sind tumbe Graffiti-Schmierfinken zur Stelle, um die mit viel Liebe gestalteten Wandbilder mutwillig zu beschmieren und so zu zerstören. Und das ist nicht nur in Berlin so. Auch andere der größeren deutschen Städte haben mit diesem Problem zu kämpfen. Es ist mir unbegreiflich, warum es nicht möglich ist, das in den Griff zu bekommen. Andere Städte dieser Welt schaffen das doch schließlich auch. Weder in Singapur noch in Auckland, Sydney, Melbourne, Adelaide oder auch Vancouver und Quebec habe ich derartiges in dem Ausmaß zu Gesicht bekommen, wie es in den Städten unserer heimischen Gefilde gang und gäbe zu sein scheint. Wenn es sich dabei wenigstens um Bilder mit zumindest etwas gestalterischem Anspruch handeln würde, ließe sich noch trefflich darüber streiten, ob das nun Ausdruck einer Art Subkultur oder einfach nur Geschmiere und Sachbeschädigung fremden Eigentums ist. Doch schaut man sich an, was da beispielsweise in Berlin an Hauswänden, Brückenpfeilern, Mauern, auf Fahrzeugen des öffentlichen Nahverkehrs und an sonstigen Flächen aufgesprüht wird, handelt es sich meist um irgendwelches unentzifferbares Gekrakel, mit dem seine Verursacher vermutlich lediglich eine Marke setzen wollen, die ihr Revier kennzeichnen oder auch nur ein profanes „Ich bin hier gewesen“ mitteilen soll. Am Ende ist es auch wieder nur eine neue Form des heute so allgegenwärtigen Hangs zur Selbstdarstellung. Solche Graffitis offenbaren lediglich die Geist- und Ideenlosigkeit ihrer Urheber. Vermutlich von ihnen ungewollt, doch dafür um so entlarvender. Besonders dreist und unverschämt wird es natürlich, wenn sie dabei die ästhetisch schönen und wertvollen Werke wirklicher Könner auf diesem Gebiet zerstören. Der Stadt und ihren Verantwortlichen scheint es egal zu sein. Ihnen fehlen ganz offenbar nicht nur die Fähigkeiten, sondern auch der Wille, dies wirksam zu unterbinden. Doch wahrscheinlich ist dies nicht nur ein administratives, sondern auch ein gesellschaftliches Problem. Man kann wohl mit einigem Fug und Recht davon sprechen, daß eine Gesellschaft, die Derartiges widerspruchslos geschehen läßt, sich selbst längst aufgegeben hat – eine Feststellung, die ich einmal irgendwo gelesen habe, wobei mir leider entfallen ist, wo das gewesen ist und von wem sie stammt. Trotzdem erscheint sie mir wahr.

Auf meinem kleinen Streifzug durch die Umgebung der Bushaltestelle bin ich mittlerweile an der Straßenkreuzung angekommen, an der Hafen- und Strandstraße einander begegnen. Als ich ein paar Tage zuvor auf meinem Rundgang durch Prerow hier vorübergekommen war, hatte ich mich nicht allzu lange aufgehalten, denn viel gibt es wirklich nicht zu sehen. Der große Parkplatz, der nur eine zerfahrene Wiese ist, gegenüber die Darss-Passage mit dem Supermarkt und die Straßenkreuzung, an der sich ein kleiner Imbißstand befindet, der sich De lütt Eck nennt und als Prerows Snackbar bezeichnet. Viel mehr ist da nicht. Und doch, nun, da ich hier gewissermaßen die Zeit totschlagend herumlungere, bemerke ich zu meinen Füßen am Straßenrand, zwischen Fahrbahn und Gehsteig, eine Reihe von Blumenrabatten, die ganz offensichtlich liebevoll gepflegt werden und den Frühling in den Ort einladen. Und der hat das Anerbieten dankend angenommen und ist mit einer Reihe von Narzissen als Frühlingsboten in Prerow eingezogen, die mit ihren üppigen gelben Blüten dem heutigen Grautag einen willkommenen Farbtupfer bescheren.

Narzisse in Prerow
Bote des nahenden Frühlings – Narzisse am Prerower Straßenrand.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Und als ich gerade noch sinnend auf die hübschen Blumen herunterschaue, entdecke ich ein Stück voraus in Richtung Ortsausgang den Bus. Die Tatsache, daß ich mich ein Stück von der Bushaltestelle entfernt befinde, muß mich allerdings nicht in Hektik versetzen, denn mittlerweile bin ich nach mehreren bereits absolvierten Busfahrten gut darüber informiert, wie sich die Sache mit den Fahrten des öffentlichen Personennahverkehrs in Prerow verhält. Zunächst wird der Bus die Haltestelle an der Hafenstraße ignorieren und direkt ins Zentrum fahren. Nachdem er alle dort wartenden Fahrgäste aufgenommen hat, wird er wenden und schließlich hierher zurückkommen, einen kleinen Abstecher zur Haltestelle an der Hafenstraße einlegen und mir so die Möglichkeit geben, ebenfalls zuzusteigen und die Fahrt nach Barth anzutreten. Bis dahin bin ich ganz gemütlich und in Ruhe zu der Haltestelle zurückgelaufen. Und genauso geschieht es dann auch.

Die Fahrt ist mir bereits hinlänglich bekannt. Wieder einmal passiere ich den Prerower Hafen, den Alten Bahnhof, die Hohe Düne, die Engstelle zwischen Ostsee und Prerower Strom und die Haltestelle Prerow Hertesburg, an der es auch heute keinen Halt gibt. Dann bin ich auch schon wieder in Zingst. Von hier aus geht die Fahrt weiter zur Meiningenbrücke, die wir überqueren, um über Bresewitz und Pruchten schließlich nach Barth zu gelangen. Nun, da ich nach meiner zwischenzeitlichen Beschäftigung mit der Darßbahn und ihrer früheren Route weiß, worauf ich zu achten habe, gelingt es mir, ihre einstige Trasse während der Fahrt nahezu die gesamte Wegstrecke über in der Landschaft auszumachen, folgt die Straße in ihrem Verlauf doch im wesentlichen dem der einstigen Darßbahn. Ab Bresewitz ist das sogar bedeutend leichter, da hier zu großen Teilen noch die alten Gleise liegen. Von Barth bis Bresewitz war die Bahn noch einige Jahre länger in Betrieb gewesen, bis dieser 1947 auch hier eingestellt wurde und man die Gleise entfernte. Allerdings hatte, wie ich bereits weiß, die Nationale Volksarmee der DDR genau zwanzig Jahre später diesen Abschnitt wiederaufgebaut, um ihn für Truppen- und Materialtransporte zu nutzen. Dafür errichtete sie nahe Bresewitz eine Laderampe, über die ihr Übungsplatz in den Sundischen Wiesen und ihr Stützpunkt in Zingst versorgt werden konnten. Bis zur sogenannten Wende im Jahre 1989 blieb die Strecke in Betrieb und ist daher heute noch samt Gleisen vorhanden. Als mein Bus Bresewitz im Süden des Ortes verläßt, kann ich auf der rechten Seite den einstigen Darßbahn-Haltepunkt des Ortes erkennen, an dem es zwar kein Bahnhofsgebäude gibt, wohl aber drei alte Güterwaggons, die dort noch herumstehen und langsam vor sich hinrotten. Und auch das alte Bahnhofsschild und ein Formsignal sind noch vorhanden.

Rund fünfundvierzig Minuten dauert die Fahrt. Als wir die Barthe, einen in den Barther Bodden mündenden, knapp fünfunddreißig Kilometer langen Fluß, überqueren und kurz darauf die ersten Häuser Barths erreicht haben, beginne ich zu überlegen, wo genau ich aussteigen will. Ich beschließe, nicht bis zum Bahnhof mitzufahren, sondern möglichst nah am Zentrum der kleinen Stadt auszusteigen. Gespannt warte ich darauf, irgendwo voraus das alte Stadttor zu entdecken, das heute morgen bereits aus meinen Erinnerungen aufgetaucht war. Werden wir hindurchfahren? Oder drumherum?

Kurz darauf habe ich die Antwort. Gerade als ich durch das Frontfenster des Busses weit voraus ein hohes turmartiges Gebäude mit einer Toröffnung am Boden ausmachen kann, schwenkt der Bus nach links, verläßt die darauf zuführende Straße und umfährt das Zentrum der Stadt weiträumig in Richtung Bodden. Wenige Minuten später kommt er an der am Hafen der Stadt gelegenen Haltestelle zum Stehen. Die Türen öffnen sich und ich steige aus.

Just diesen Moment sucht sich der Himmel aus, um den Regen wieder einsetzen zu lassen. Zwar nieselt es nur leicht, doch ich verspüre dennoch nur wenig Lust, draußen herumzulaufen, während unablässig Wasser von oben auf mich herunterfällt. Wollte ich lediglich ein paar Besorgungen machen, wäre das nicht weiter schlimm, doch für einen Stadtbummel eignet sich Regenwetter eher weniger. So beschließe ich, den Hafen später einer eingehenderen Betrachtung zu unterziehen, und mache mich auf den Weg zum nahegelegenen Marktplatz, wo, wie ich weiß, die Sankt-Marien-Kirche zu finden ist. Eine eingehende Besichtigung des Gotteshauses sollte dem Himmel ausreichend Gelegenheit geben, den Regen wieder einzustellen. Stadt und Hafen würde ich danach noch ausgiebig besichtigen können.

Von der am Hafen vorüberführenden Straße, in der der Bus gehalten hatte und die passenderweise den Namen Hafenstraße trägt, biege ich in die Fischerstraße ein. Bereits nach wenigen Metern passiere ich die einstige mittelalterliche Stadtmauer, was allerdings kaum zu bemerken ist, da sie nicht mehr steht. Lediglich die hier die Fischerstraße kreuzende Mauerstraße erinnert mit ihrem Namen an das historische Bauwerk, das die Stadt einst vollständig umgeben hat. Genau hier hat sich auch eines der vier Tore befunden, die damals Zugang zur Stadt gewährten. Im Pflaster der Straße hat man dessen Standort markiert, indem man links und rechts der mit Kopfsteinpflaster ausgelegten Fahrbahn die diese begrenzenden Mauern des Turms angedeutet hat. Warum man dafür auf der rechten Straßenseite allerdings erhöhte, in die Fahrbahn hineinragende und sie so verengende Bordsteinkanten verwendet hat, während sich die Markierung auf der linken Seite eben in das Straßenpflaster einfügt, erschließt sich mir nicht so ganz. Aber wie heißt es doch: Die Genossen werden sich schon was dabei gedacht haben. Ich muß unwillkürlich schmunzeln, als mir diese Redewendung aus vergangenen DDR-Tagen durch den Kopf geht.

Die meisten Häuser in der Fischerstraße haben drei Stockwerke, deren oberes durch ein Spitzdach nach oben hin abgeschlossen wird. Bis auf wenige wenden sie ihre Giebelseite der Straße zu. Die Fassaden sehen nahezu alle wie aus dem Ei gepellt aus. Hier hat man in den letzten Jahren und Jahrzehnten ganz offensichtlich viel gemacht. Die Häuserfronten sind sauber verputzt, allerdings meist in nur einer Farbe, was sie ein wenig langweilig macht. Einige wenige Häuser durchbrechen dieses Einerlei jedoch. Eines präsentiert stolz seine Ziegelfassade, ein anderes zeigt sich in schlichtem Fachwerk. Und eines ist dabei, das wohl als das schwarze Schaf der Straße bezeichnet werden muß, denn es scheint ihm nicht gelungen zu sein, es zu etwas zu bringen. Der Putz ist fleckig braun und bröckelt hier und da bereits ab, wodurch er die darunter liegenden Ziegel freilegt. Die Fenster im Erdgeschoß hat man mit Brettern und Sperrholzplatten verrammelt, in den oberen Stockwerken ersetzen, wie es scheint, blinde Plastiktafeln die Scheiben der ansonsten leeren Fenster. Und an der Giebelspitze bröckelt bereits die Dachkante nach und nach weg. Hier wohnt ganz offensichtlich niemand mehr.

Als ich das Ende der Fischerstraße erreicht habe, stehe ich an der nordöstlichen Ecke des Marktplatzes. Sein großes Areal wird an allen vier Seiten von ebensolchen Häusern umstanden, wie ich sie bereits in der Fischerstraße angetroffen habe, allerdings mit dem Unterschied, daß den hiesigen ein viertes Stockwerk gestattet wurde. Doch auch hier sehen allesamt so aus, als seien sie nagelneu. Der Markt besitzt eine rechteckige Grundform, wobei die Ost-West-Ausdehnung die größere Länge aufweist. Nord- und Südseite werden jeweils von einer Baumreihe gesäumt, wobei man die Bäume so zurechtgestutzt hat, daß sie nicht nur einheitlich hoch sind, sondern daß ihre Kronen auch an der Unterseite eine gerade Linie bilden. Zwar sind die Äste um diese Jahreszeit noch kahl, doch wird trotzdem sehr deutlich, daß die Baumreihen wie zwei große, auf mehreren Baumstammstelzen ruhende Balken aussehen. Es ist mir ein ewiges Rätsel, warum sich Menschen die Mühe machen, Pflanzen in ihrem Wachstum so zu dressieren, daß sie strenge Formen und Linien, einheitliche Höhen und strikte Symmetrie einhalten. Das ist in meinen Augen nicht nur gemein, sondern auch ausgesprochen langweilig anzusehen. Mehr Glück hatte da der Baum, der auf der Ostseite des Marktes allein stehen darf. Ihm ist es gestattet, so zu wachsen, wie er will. Der Verzicht auf jegliche Symmetrie, jede Beschränkung in Breite und Höhe und die Wahrung irgendeiner vorgegebenen Form läßt ihn trotz seiner momentanen Laublosigkeit ungleich viel interessanter aussehen als seine bedauernswerten in Reih und Glied gezwungenen Artgenossen an den Seiten des Platzes.

Aufgrund des regnerischen Wetters wirkt der Platz heute etwas trist. Weil er, sieht man einmal von dem einzelnen Baum, dem achteckigen Brunnen mit den drei auf einer Ziegelsäule aufragenden Fischen in der Mitte und ein paar vereinzelt parkenden Autos ab, weitgehend leer ist, dominiert sein rotes Ziegelpflaster das Erscheinungsbild des Platzes. Es glänzt in der Nässe, die der Regen ausgiebig darauf verteilt. Kaum eine Menschenseele ist zu sehen. Wie es scheint, haben es die meisten Bewohner der Stadt vorgezogen, sich im Inneren der Häuser aufzuhalten, wo es warm und trocken ist. Nur wer unbedingt muß, ist jetzt draußen unterwegs. Und ich.

Über den Dächern der Häuser an der Westseite des Marktes, meinem Standort genau gegenüber, kann ich das Dach und den Turm der Sankt-Marien-Kirche aufragen sehen, die sich dahinter befindet. Und weil ich angesichts des Regens keine Veranlassung sehe, mich länger als unbedingt nötig draußen aufzuhalten, lenke ich meine Schritte zielstrebig dorthin. An der Nordwestecke des Marktes angekommen, gehe ich an den Häusern vorbei in die Papenstraße hinein und bin nach wenigen weiteren Schritten an der nördlichen Längsseite der Kirche angekommen.

Eine kleine Grünanlage trennt die Kirche von der ebenfalls mit Kopfsteinen ausgelegten Fahrbahn der Straße. Direkt an der Wand des Gotteshauses führt ein Weg entlang, den ich einschlage. Links neben mir ragen die Backsteinmauern des Kirchengebäudes in die Höhe, die in regelmäßigen Abständen von riesigen, dreigeteilten und nach oben hin in einem spitzen Bogen auslaufenden Kirchenfenstern unterbrochen werden – unmißverständliche Hinweise auf den Baustil der norddeutschen Backsteingotik, der dem Bau zugrundeliegt.

Wann der Grundstein für die Sankt-Marien-Kirche, die das bedeutendste Gotteshaus Barths ist, gelegt wurde, weiß man nicht genau. Vermutet wird, daß es um das Jahr 1250 herum geschah. Aus dieser Zeit stammt der Chor der Kirche, an dem ich als erstes vorübergekommen bin, denn er ist dem Marktplatz zugewandt. Den Namen Sankt-Marien-Kirche trug das in Bau befindliche Gotteshaus damals noch nicht. Dessen erste urkundliche Erwähnung findet sich erst 1340. Gebaut hat man gute zweihundert Jahre. Mit der Vollendung des Turms waren die Bauarbeiten im 15. Jahrhundert schließlich abgeschlossen. Zu dieser Zeit war die Kirche natürlich noch katholisch, schlug doch Martin Luther seine 95 Thesen erst im Jahre 1517 an die Tür der Wittenberger Schloßkirche, womit die Reformation offiziell begann. Und da die Bürger der Stadt damals recht wohlhabend waren und die katholische Kirche gegen Prunk nichts einzuwenden hatte, war die Innenausstattung des Gotteshauses zu jener Zeit noch recht prachtvoll. Das änderte sich jedoch, als die Reformation schließlich auch nach Vorpommern kam und Fuß zu fassen begann. Offiziell eingeführt wurde sie hier um 1535. Das hatte eine erste und gleichzeitig radikale Umgestaltung des Kircheninneren zur Folge. Entsprechend den neuen Ansichten hatte die Ausstattung einer Kirche schlicht zu sein. So entfernte man die prächtige Innenausstattung, die die Bürger der damals reichen Hafenstadt über die Jahre  der Kirche hatten angedeihen lassen, und ersetzte sie durch eine bedeutend einfachere Ausgestaltung.

Als sich Anfang des 19. Jahrhunderts die Aufklärung auch in den deutschen Landen durchzusetzen begann, erfuhr das Gotteshaus eine weitere Umgestaltung. 1820 wurde sie im Stil der Aufklärung renoviert und erhielt eine neue Orgel, die der Berliner Orgelbauer Johann Simon Buchholz gemeinsam mit seinem Sohn Carl August Buchholz schuf. Fast vierzig Jahre später kam es dann zu einer erneuten gravierenden Veränderung. Seit dem Jahre 1815 gehörte Pommern zum Königreich Preußen, dessen König Friedrich Wilhelm IV. der Provinz immer wieder einmal einen Besuch abstattete. Als er bei einer dieser Reisen auch einmal nach Barth kam und die Sankt-Marien-Kirche aufsuchte, mißfielen ihm deren in schlichtem Weiß gehaltene Innenbemalung und die nüchterne Ausstattung offenbar derart, daß er im Jahre 1857 eine umfassende Neugestaltung des Gotteshauses veranlaßte. Den Auftrag dazu vergab er an keinen Geringeren als den Architekten Friedrich August Stüler, einen Schüler Karl Friedrich Schinkels. Berliner sollten ihn als den Schöpfer des Neuen Museums, der Kirche St. Peter und Paul auf Nikolskoje, der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße, der Alten Nationalgalerie auf der Museumsinsel sowie der Kuppel des Berliner Stadtschlosses kennen. Passend zum gotischen Baustil des Kirchengebäudes verhalf Stüler dessen Innenraum zu seinem heutigen Erscheinungsbild, das er im Stile der Neugotik entwarf. Dieses selbst in Augenschein zu nehmen, bin ich mehr als gespannt.

Mittlerweile habe ich eine genau in der Mitte der Nordseite des Kirchenschiffes gelegene zweiflügelige Eingangspforte erreicht, deren Tür sich bei einem Druck auf die Klinke als offen erweist. Somit steht einem Besuch des Inneren der Sankt-Marien-Kirche nichts mehr im Wege und ich trete ein[1]Leider kann ich aus dem Inneren der Kirche keine Fotos präsentieren. Gleich neben der Eingangstür stoße ich auf ein kleines Hinweisschild, das mir in strengem Ton das Folgende … [Weiterlesen].

Hatte ich erwartet, in einen von Dämmerlicht erfüllten Kirchenraum zu gelangen, so bin ich einigermaßen überrascht, als ich mich stattdessen in einem Kirchenschiff wiederfinde, das zwar von Licht nicht gerade überflutet wird, doch einen ausgesprochen hellen und freundlichen Eindruck macht. Verantwortlich dafür sind nicht nur die hohen, dreiteiligen und nach oben spitz zulaufenden Bogenfenster in den beiden Seitenschiffen, sondern auch die farbenprächtige Gestaltung des Raumes. Die Wände und die mächtigen, die drei Schiffe voneinander trennenden und das Gewölbe der Decke tragenden Pfeiler sind in einem hellen, sandsteinfarbenen Ton gehalten. Die einander kreuzenden Rippen dieses Gewölbes sind ebenso wie die spitz zulaufenden Bögen zwischen den Pfeilern rot und blau bemalt und teilweise mit Ornamenten verziert.

Auf dem Boden des Hauptschiffes stehen die Kirchenbänke, die zwischen den Pfeilern bis in die Seitenschiffe hineinragen. Dabei handelt es sich jedoch nicht um einfache, hintereinander aufgereihte lange Bänke, wie man sie aus vielen Kirchen kennt. Zwar sind die hiesigen, in hellem Grau gehaltenen Sitzgelegenheiten ebenfalls aus Holz und sehen mit ihren senkrechten Lehnen, die in strengen rechten Winkeln zur Sitzfläche stehen, auch genauso unbequem aus wie anderswo, doch hat man hier jeweils mehrere dieser Bänke zu Blöcken zusammengefügt, eingefaßt von hölzernen Wänden, die die gleiche Höhe wie die Banklehnen aufweisen und in denen Türen den Zugang zu den einzelnen Bänken gewähren. Es handelt sich um ein sogenanntes Kastengestühl.

Über dem Mittelgang, der zwischen den Kirchenbänken durch das gesamte Hauptschiff verläuft, hängen drei große Kronleuchter aus einem Metall, das ich für Messing halte. Der mittlere, heißt es, sei eine Stiftung Kaspar Kümmelbergs gewesen, der von 1577 bis 1655 lebte und in Barth Bürgermeister war. Die anderen beiden Leuchter hat der Stralsunder Gelbgießer Dominicus Slodt in den Jahren 1589 und 1590 geschaffen. Das Material dafür gewann man aus dem Deckel des Tauffasses, der dafür eingeschmolzen wurde.

Dieses Tauffaß ist ebenfalls noch in der Kirche vorhanden. Ich entdecke es direkt vor der Kanzel, die sich an der nördlichen Längsseite des Hauptschiffes am vom östlichen Ende aus zweiten Pfeiler befindet. Taufbecken habe ich in Kirchen schon viele gesehen, doch ein Tauffaß wie dieses noch nie. Auch als Tauffünte bezeichnet, gehört es zu den ältesten Stücken des Kircheninventars. Vollständig aus sogenanntem Rotmessing beziehungsweise Bronze bestehend, wurde es in der Zeit nach 1360 geschaffen. Daß mir ein so altes Taufbecken aus Metall ungewöhnlich erscheint, kommt nicht von ungefähr. Der ansonsten gebräuchliche Begriff Taufstein hat schließlich durchaus seinen Grund. Und tatsächlich ist das hiesige Exemplar die einzige erhaltene Bronzetaufe in ganz Vorpommern. Im Grundriß achteckig, zeigt das Faß, dessen Höhe ich auf etwa einen Meter und zwanzig Zentimeter schätze, an seinen acht Seiten jeweils zwei übereinanderliegende Reliefbilder. In jedem von ihnen stehen immer zwei Personen, die dem Kreis der Apostel, der christlichen Heiligen und der Figuren biblischer Geschichten entstammen. Am oberen Rand ragt an jeder der acht Kanten ein kleiner Kopf hervor. Menschen und Tiere sind dabei bunt gemischt. Unten ruht das Faß auf einem großen Fuß, dessen Standfläche den achteckigen Grundriß wiederholt. An vier der acht Seiten stehen darauf Figuren, die so gestaltet sind, daß sie das Faß auf ihren Schultern zu tragen scheinen.

An dem Pfeiler, vor dem das Tauffaß steht, windet sich eine steinerne Treppe zum Korb der Kanzel hinauf. Dieser zeigt an seinen Außenseiten in Feldern mit gotischen Formen als Relief gestaltetes steinernes Blattwerk. Die Felder wurden mit einem tiefblauen Hintergrund versehen, über dem sich die Ranken zu winden scheinen. Während an der unmittelbaren Vorderseite des Kanzelkorbes ein aufgeschlagenes Buch mit den beiden griechischen Buchstaben Alpha und Omega in das Blattwerk eingearbeitet wurde, sind es an den Seiten links und rechts davon Spruchbänder, ein Engel und ein Kelch. Am unteren Rand des Kanzelkorbes, der auf einem mächtigen Sockel ruht, blicken kleine Engelsköpfchen dem Betrachter entgegen. Nach oben hin wird die Kanzel durch eine Abdeckung abgeschlossen, die die Form eines gotischen Turmes besitzt und reich gegliedert ist. Im Gegensatz zum steinernen Kanzelkorb besteht diese Abdeckung aus tiefdunklem Holz.

Ausmalung und ornamentale Gestaltung wurden ebenso wie die Kanzel und die Emporen im Zuge der von Stüler vorgenommenen Umgestaltung entweder erneuert oder gänzlich neu geschaffen. Die Emporen befinden sich an den Seitenwänden der äußeren Kirchenschiffe sowie am westlichen Ende des Hauptschiffs. Während erstere aus Holz bestehen und nur eine Etage besitzen, ist die Westempore aus Stein gemauert und weist zwei Ebenen auf, von denen die obere die Orgel trägt. Das bereits vorhandene gewaltige Instrument hatte Stüler mit einem neuen Prospekt versehen lassen, der seinem Gesamtkonzept entsprechend im Stile der Neugotik geschaffen wurde. So bilden insbesondere Kanzel und Orgel eine gestalterische Einheit.

An einem der Pfeiler, deren Grundriß im übrigen ebenfalls achteckig ist – das scheint ein wiederkehrendes Motiv zu sein -, hat man an fünf seiner Seiten lange Tafeln angebracht, deren Form ebenfalls Elemente der Neugotik aufweist. Die darauf zu lesenden langen Namenslisten weisen sie ebenso wie die am oberen Ende sichtbaren Darstellungen von Kränzen und Eisernem Kreuz als Erinnerungsstätte für im Krieg gefallene Soldaten aus. Die Daten aus den Jahren 1914 bis 1918 zeigen, daß es sich um Soldaten handelt, die ihr Leben im Ersten Weltkrieg verloren und sicherlich alle aus Barth stammten. Insgesamt sind es 286 Namen, die für jedes Jahr nach den Ländern gruppiert sind, aus denen ihre Träger nicht zurückkehrten. Frankreich, Flandern, Rußland, Rumänien, Mazedonien – der Orte sind viele. Und wo man kein Land zuordnen konnte, hat man Gruppen wie „Lazarett“ oder „Auf See“ verwendet. Fast dreihundert Männer, an die der damalige Kriegerverein der Stadt mit diesen Tafeln erinnern wollte. Liest man anderswo, daß der Weltkrieg Millionen tote Soldaten zeitigte, ist das stets eine Größenordnung, die nur schwer Eingang in die eigene Vorstellungskraft findet. Doch die Zahl Dreihundert in Bezug zu einer Kleinstadt wie Barth läßt mit einem Mal deutlich werden, wie groß die Verluste an Menschenleben in diesem Krieg wirklich waren und wie sehr sie die Bevölkerung des Landes betrafen. Männer, die in fremde Lande auszogen, um dort irgendeinen Kampf zu kämpfen, der sie und ihr Leben eigentlich nicht betraf, und aus denen sie niemals zurückkehrten – zu ihren Familien, ihren Frauen und Kindern, ihren Müttern und Vätern, ihren Geschwistern, die von nun an ohne sie weiterleben mußten, betroffen von dem Verlust und dem vielleicht nie ganz zu verwindenden Schmerz darüber. Und dennoch wird die Menschheit nicht klüger. Dennoch werden bis zum heutigen Tage immer wieder Kriege geführt, in denen sich Soldaten gegenüberstehen und gegenseitig töten, die sich nicht einmal kennen und einander vorher nie etwas zuleide getan haben, die jedoch durch Kriegspropaganda so aufgehetzt wurden, daß sie ernsthaft glauben, sie kämpften für irgendeine gerechte Sache oder gegen einen bösartigen Feind und helfen, den Frieden zu sichern, indem sie Gewalt ausüben und töten. Und die Bevölkerung zu Hause wähnt sich derweil an der Heimatfront und übt sich in Haß auf den Gegner, in dem sie das personifizierte Böse zu erkennen glaubt, weil es in den Medien der Mächtigen tagtäglich so steht oder gesagt wird. Und keiner erinnert sich daran, was die älteren Generationen über vergangene Kriege erzählten, wieviel Leid sie brachten, wieviel sie unwiederbringlich zerstörten und welche Lehren man doch einst daraus gezogen zu haben glaubte, als man aus voller Überzeugung „Niemals wieder!“ gelobte. Hassen ist ja so einfach, besonders, wenn man über den vermeintlichen Gegner so gut wie nichts weiß, doch alles glaubt, was einem über ihn gesagt wird. Und so kommen zu den vergessenen Denkmälern vergangener Kriege nach und nach neue hinzu, wenn es denn nach den nächsten Kriegen noch Orte gibt, an denen man sie aufstellen kann, und wenn dann noch jemand da ist, der es tut. Nach dem zweiten der großen Weltkriege war das wohl schon nicht mehr der Fall, denn ein ähnliches Denkmal für die darin zu Tode gekommenen Männer Barths findet sich in der Kirche nicht. Vielleicht gab es einfach nur keinen Kriegerverein mehr, der das hätte tun können. Vielleicht waren es auch einfach zu viele Namen, die man hätte auflisten müssen, als daß sie an einen Pfeiler gepaßt hätten. Und wer weiß – wenn es demnächst erneut zu einem großen Krieg kommt, weil die Deutschen wieder einmal glauben, gegen den Russen in den Kampf ziehen zu müssen, weil die Medien ihnen das gesagt haben, dann wird es in dieser Kirche vielleicht nicht einmal mehr einen Pfeiler geben, an dem man ein weiteres Denkmal für die Gefallenen anbringen könnte…

Ich wende mich von den Tafeln mit den Namenslisten ab und gehe den Mittelgang des Kirchenschiffs entlang in Richtung des Chores, der sich am Ostende des Gotteshauses befindet. Ganz traditionell steht hier der Altar. Handelt es sich dabei zumeist um einen großen, mit einem Tuch verhängten Tisch, auf dem ein Kruzifix und vielleicht ein paar Kerzen stehen, so ist dieser hier etwas ganz Besonderes. Zwar gibt es auch hier einen großen Altartisch, doch ist dieser nicht komplett verhängt. Das große weiße Tuch, das ihn bedeckt, hängt nur an den Schmalseiten wenige Zentimeter herunter, doch insbesondere die Vorderseite läßt es frei. Hier hängt lediglich ein etwa ein Meter breites, hellgraues Leinentuch herab, auf dem ein goldfarbenes Kreuz und darüber eine ebensolche Krone eingestickt sind. Links und rechts davon kann man an den beiden seitlichen Enden des Tisches die beiden steinernen Säulen sehen, die ihn tragen, während die hintere Seite von einer massiven Rückwand abgeschlossen wird. Da diese lediglich unter der Tischplatte zu sehen ist und somit in tiefem Schatten liegt, kann ich leider nicht erkennen, ob sie aus Holz oder Stein besteht. Dafür ist die Kante der Altarplatte um so besser zu erkennen. Sie ist mit dicht aneinandergereihten goldenen Sternen verziert. Auf dem Altar stehen zwei große Kerzen auf schwarzen Leuchtern, zwischen denen man eine Vase aufgestellt hat, in der einige dicht mit weißen Blüten besetzte Zweige stecken. Hinter der Vase ragt ein übermannshohes Kruzifix mit einer marmornen Jesusfigur auf. Das beeindruckendste Accessoire des Altars ist jedoch der hohe Sandsteinbaldachin, der ihn überwölbt. Auf vier in einem Quadrat angeordneten starken Pfeilern ruhend, ist er ebenso wie Kanzelhaube und Orgelprospekt im neugotischen Stil gestaltet und sieht aus wie eine kleine Kirche in der großen. An jedem der vier Pfeiler befindet sich am Ansatz des Baldachin-Daches eine steinerne Statue. Die vier Seiten sind mit großen, spitz zulaufenden Bögen versehen, über denen sich jeweils ein dreieckiger Giebel befindet, auf dessen Spitze eine Engelsfigur steht. Im Inneren des Baldachins ist das Dach als Gewölbe gestaltet, dessen in der Mitte befindlicher Schlußstein die Figur einer weißen Taube trägt. Die Felder des Gewölbes sind mit tiefem Blau ausgemalt, auf dem sich eine Vielzahl goldfarbener Sterne befindet, was den schönen Eindruck erweckt, der Tisch des Altars befände sich unter einem prächtigen Sternenhimmel.

Einen solchen sogenannten Ziborium-Altar hatte Stüler ein paar Jahre zuvor bereits in der alten Berliner Garnisonkirche gestaltet[2]Ich habe darüber ausführlich in meiner Serie zur Geschichte der Berliner Garnisonkirche berichtet, die auf meiner Website Anderes.Berlin zu finden ist. Die Beschreibung des dortigen von Stüler … [Weiterlesen]. Dort war es ihm allerdings nicht möglich gewesen, ihn freistehend in der Mitte des Raumes zu plazieren, wie er das hier getan hatte, so daß der Altar gewissermaßen das Zentrum des Chorraumes bildet. In der Garnisonkirche hatte er ihn stattdessen mit der Rückseite an eine Wand anschließen müssen, was ihm andererseits jedoch die Möglichkeit geboten hatte, den Altar mit einem großen Altarbild über dem Tisch zu versehen. Heute wäre es sicher interessant, diese beiden Werke Stülers miteinander zu vergleichen, doch leider ist die Berliner Garnisonkirche im Zweiten Weltkrieg untergegangen – ein Schicksal, das ihr Ziborium-Altar teilte, auch wenn er sich zu dieser Zeit bereits nicht mehr im Kirchenraum befunden hatte, da er bei einem Umbau im Jahre 1899 von dort entfernt worden war.

Die Wände des Chorraums sind mit Scheinemporen versehen. Im unteren Bereich reihen sich als Spitzbögen ausgeführte Felder aneinander, die von als runde Säulen gestalteten Pilastern voneinander getrennt werden. Darüber ist eine Balustrade zu sehen, die den Anschein erweckt, als befände sich darüber eine Empore. Tatsächlich setzen sich jedoch, sieht man einmal vom ersten Drittel des Chorraumes ab, wo das tatsächlich der Fall ist, die Wände unmittelbar fort. Sie zeigen lebensgroße Darstellungen der zwölf Apostel, die der Maler Karl Gottfried Pfannschmidt, der in hiesigen Gefilden auch als Barths Michelangelo bezeichnet wird, im Rahmen der von Stüler konzipierten und geleiteten Neugestaltung der Kirche geschaffen hat. Die Freskenmalereien sind von beeindruckender Natürlichkeit und wirken regelrecht lebensecht. Die Apostel sind dabei jeweils paarweise angeordnet und scheinen in von gotischen Baldachinen überdachten Nischen zu stehen, die jedoch ebenfalls aufgemalt sind. Jeder von ihnen ist an charakteristischen Gegenständen zu erkennen, mit denen er in der biblischen Geschichte verbunden ist und die er in der hiesigen Darstellung bei sich trägt. Jacobus der Ältere beispielsweise trägt die Jakobsmuschel sowie Pilgerhut und -stab, während Petrus an dem Schlüssel zu erkennen ist. Paulus hält das Schwert und Johannes der Evangelist den Kelch mit der Schlange. Bei einigen von ihnen bedarf es allerdings der Kenntnis ihrer Attribute nicht, denn ihre Namen sind in die steinernen Sockel zu ihren Füßen eingemeißelt.

Die östliche Rückwand des Chores wird in der Mitte von einem riesigen Fenster eingenommen. Es ist wohl das einzige Buntglasfenster der Kirche und vorwiegend mit roten und blauen Ornamenten gestaltet. Nur in seiner Mitte ist eine große Mandorla[3]Eine Mandorla ist eine Glorie oder Aura beziehungsweise Aureole, die eine ganze Figur umgibt. zu sehen, in deren Innerem sich das Bildnis Der auferstandene Christus befindet. Es wurde im Jahre 1889 nach Entwürfen von Professor Andreas Müller geschaffen.

Als ich den Chorraum wieder verlassen will, komme ich an einem kleinen Ständer vorüber, der ein einfaches Textblatt trägt. Es weist mich auf zwei weitere von Karl Gottfried Pfannschmidt geschaffene Bildnisse hin, die sich im sogenannten Gurtbogen des Chores befinden. Der Gurtbogen ist der große steinerne Bogen, der gewissermaßen den Eingang in den Chor bildet und diesen vom Kirchenschiff abtrennt. Da ich meinen Blick beim Betreten des Chores auf den in dessen Zentrum befindlichen Altar gerichtet hatte, waren mir die beiden Gemälde völlig entgangen, obwohl sie sich doch in Augenhöhe und damit bedeutend tiefer als die Apostelfresken befanden. Aus dem Text erfahre ich, daß die Nordseite des Bogens Die Menschwerdung Christi zeigt, während auf der Südseite Die Auferstehung Christi zu sehen ist. Folgerichtig ist auf ersterem Gemälde die von den Hirten umgebene Maria zu sehen, die den neugeborenen Jesus auf ihrem Schoß hält, während das letztere den auferstandenen Heiland zeigt. Die Wahl der Themen für die beiden Gemälde, so heißt es in dem Text, geht auf Pfannschmidt selbst zurück, der sie vorschlug, nachdem Stüler im Anschluß an die Besichtigung der gerade fertiggestellten Apostelfresken angeregt hatte, daß man doch auch den unteren Teil des Gurtbogens noch mit weiteren Malereien Pfannschmidts versehen solle, um zu ermöglichen, daß die großartige Malkunst des Künstlers auch aus der Nähe gesehen werden könne. Und tatsächlich, so beeindruckend und schön die Darstellungen der Apostel im Chor der Sankt-Marien-Kirche auch sind, erst die Betrachtung dieser beiden Gemälde, die ich gewissermaßen direkt vor Augen nehmen kann, läßt mich die großartige Malkunst des Barther Michelangelo so richtig würdigen. Derart lebensechte Darstellungen habe ich in einer Kirche auf den dort üblichen Bildwerken selten zu sehen bekommen. Meist scheinen mir die Malereien religiös stark überhöht, die Figuren entrückt und weit jenseits gewöhnlicher Menschen zu sein. Ein Eindruck, der wahrscheinlich durchaus gewollt ist. Hier jedoch kann ich nicht umhin zu meinen, ganz gewöhnliche Menschen – im besten Sinne – vor mir zu sehen, wie man sie in jenen Zeiten allerorten hätte treffen können. Und doch strahlen die Gemälde gleichzeitig etwas Erhabenes aus, jedoch auf eine Weise, daß man sich als Betrachter nicht klein und weit davon entfernt fühlt.

Über ihren Schöpfer, den Maler Karl Gottfried Pfannschmidt, erfahre ich später noch, daß er, der ursprünglich aus Mühlhausen in Thüringen stammte, sein Leben in meiner Heimatstadt Berlin beendet hat und auf dem Alten Sankt-Matthäus-Kirchhof bestattet wurde, wo sein Grab seit 1984 ein Ehrengrab der Stadt Berlin ist. Zu seinen Lebzeiten hatte er gemeinsam mit Peter von Cornelius an der Ausschmückung der Vorhalle des Alten Museums gearbeitet und mit Wilhelm von Kaulbach die Ausmalung des Treppenhauses des Neuen Museums vorgenommen. Manchmal muß man erst ein Stück in die Ferne reisen, um etwas über die eigene Heimat zu erfahren.

Ich bewundere die Bildnisse, den Altarraum und die gesamte Kirche noch eine Weile, doch schließlich habe ich alles eingehend in Augenschein genommen, so daß es Zeit ist, das Gotteshaus wieder zu verlassen. Langsam begebe ich mich zum Ausgang, wo ich durch ein Hinweisschild noch auf die Bibliothek der Kirche aufmerksam werde, die sich in der nördlichen Seitenhalle des Turmes befindet. Sie wurde bereits im Jahr 1398 erstmals erwähnt und umfaßt etwa viertausend vorwiegend kirchengeschichtliche Werke – Handschriften, Bücher und Drucke. Darunter sind nicht nur die umfangreiche Sammlung des Barther Reformators Johannes Block, sondern auch die Erstausgaben sämtlicher Schriften Martin Luthers sowie einige Schriften Philipp Melanchthons. Zwei Weltkriege hatten ihr glücklicherweise nichts anhaben können, so daß sie heute weitgehend vollständig erhalten ist. Leider ist sie nicht öffentlich zugänglich, so daß ich sie nicht selbst in Augenschein nehmen kann.

Als ich schließlich durch die seitliche Kirchentür, durch die ich hereingekommen war, wieder ins Freie trete, muß ich feststellen, daß der Wettergott die Zeit weidlich genutzt hat, um den Regen noch zu verstärken. Nun nieselt es nicht mehr nur, sondern pladdert regelrecht. Zwar kann ich auf dem Straßenbelag noch keine Blasen sich  bilden sehen, doch kann das auch daran liegen, daß dieser hier konsequent aus Kopfsteinpflaster besteht, von dem ich nicht weiß, ob Regen darauf üblicherweise Blasen bildet.

Nun, das ist weniger schön. Doch will ich mich davon nicht abschrecken lassen. Das wäre ja noch schöner, denke ich. Wie heißt es doch so treffend? Es gibt kein schlechtes Wetter, nur unangepaßte Kleidung. Genau! Das bißchen Regen wird mich nicht davon abhalten, mir die Stadt anzusehen.

Mutig laufe ich los. Zunächst geht es zur Westseite der Kirche, denn in dieser Richtung muß, wie ich weiß, das alte Stadttor liegen. Schließlich war mein Bus vorhin von Westen aus in die Stadt hineingefahren. Dort angekommen, finde ich mich vor einem großen Eingangsportal wieder, dessen Spitzbogen von einer dreifach abgestuften Ziegeleinfassung gebildet wird und das damit dem Seitenportal, durch das ich die Kirche zuvor betreten hatte, recht ähnlich ist. Dort waren es allerdings vier Abstufungen gewesen. Die große, zweiflügelige Holztür ist fest verschlossen. Hier kommt niemand hinein oder hinaus. Glücklicherweise hatte ich den an der Nordseite gelegenen offenen Eingang zur Kirche bereits vorher gefunden.

Das westliche Eingangsportal der Barther Sankt-Marien-Kirche
Tag der geschlossenen Tür – Das Westportal der Sankt-Marien-Kirche in Barth läßt an diesem Tag niemanden in die Kirche.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Das Kopfsteinpflaster der Papenstraße, auf der ich unterwegs bin, glänzt vor Nässe, die vom niederprasselnden Regen beständig erneuert wird. Nur wenige Schritte weiter stoße ich auf eine Kreuzung, an der die Papenstraße auf die Dammstraße trifft. An der Ecke steht ein Wohnhaus, dessen prächtige rote Fassade aus einfachen Ziegeln besteht. Über und unter den Fenstern hat man mittels gelber Steine Verzierungen eingemauert. Und zwischen der oberen Etage und dem Erdgeschoß verläuft ein breiter Streifen aus ebensolchen gelben Ziegeln, als habe man das Gebäude mit einer Art zick-zack-gemusterten Bordüre versehen wollen. Das Haus ist der Länge nach entlang der Papenstraße ausgerichtet und wendet der Dammstraße seine schmale Giebelfront zu. Es wirkt mit seinen Verzierungen sehr hübsch, strahlt aber gleichzeitig mit seiner rohen Ziegelfassade eine gewisse Rustikalität aus. Obwohl seine sich in der Dammstraße anschließenden Nachbarhäuser alle eine ähnliche Form aufweisen, ist es leider nur noch eines von zweien unter ihnen, die über eine Backsteinfassade verfügen. Alle anderen Häuser wurden von ihren Besitzern verputzt. Zum Teil hat man dabei auch die klassische Aufteilung in Fensterachsen aufgegeben und stattdessen großformatige Fensteröffnungen geschaffen, die derart riesige Ausmaße haben, daß an den schmalen Giebelfronten nur je eine pro Etage Platz gefunden hat. Dafür ist jedes der Häuser in einer anderen Farbe gehalten, was dem Anblick eine angenehme Buntheit verleiht. Jedes der Gebäude wird nach oben hin durch einen dreieckigen Giebel abgeschlossen. Während sich einige dabei an die klassische geometrische Form halten, bevorzugen andere abgestufte Treppengiebel.

Die Dammstraße in Barth
Kleinstädtische Häuserfront in der Barther Dammstraße.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Der Blick in die Straße hinein offenbart mir nicht nur, daß ich weit und breit der einzige Mensch zu sein scheine, der bei diesem Wetter in der Stadt unterwegs ist, sondern auch die Richtigkeit meiner Annahme, daß sich in dieser Richtung das alte Stadttor befinden müsse, kann ich es doch weiter hinten aufragen sehen. Es nimmt die ganze Breite der schmalen Straße ein.

Es sind nur wenige Schritte zu gehen, dann habe ich das Tor auch schon erreicht. Steht man unmittelbar davor, wirkt es in seiner Wuchtigkeit unglaublich beeindruckend. Trotzig ragt der fünfunddreißig Meter hohe Torturm in den grauen, wolkenverhangenen Himmel auf. Die Straße führt direkt auf ihn zu. Nur widerwillig scheint er ihr Durchlaß gewähren zu wollen, denn die spitzbogige Toröffnung ist, obwohl schon die kopfsteingepflasterte Fahrbahn nicht eben breit genannt werden kann, noch einmal schmaler als diese. Darüber ragt die glatte, aus Ziegeln festgefügte Turmwand auf, bis sich im dritten Stock endlich zwei kleine Bogenfenster zeigen. Ob sie über Fensterscheiben verfügen oder einfach die schwarzen Löcher sind, als die sie von hier unten erscheinen, kann ich nicht erkennen. Der vierte Stock tut es dem dritten gleich, allerdings scheinen hier die Fenster schmaler zu sein. Die fünfte Etage besitzt anstelle von Fensteröffnungen nur mehr ein kleines Guckloch, das sich in einem Erker befindet, dessen unteres Ende ebenfalls eine Öffnung zu haben scheint. Und in der Tat – diese sogenannten Trauferker, von denen es an jeder Seite des Turmes einen gibt, waren als sogenannte Pechnasen gestaltet, durch die man auf etwaige Angreifer hätte siedendes Pech hinabgießen können. Darüber erhebt sich das Spitzdach des Turmes, das von einer Wetterfahne bekrönt wird und an jeder Ecke ebenfalls einen Erker aufweist. Diese vier weiteren Vorsprünge sind diagonal ausgerichtet, besitzen ihr eigenes kleines Spitzdach sowie Gucklöcher.

Das Dammtor in Barth
Trutzturm ohne Funktion – der Turm des Dammtores ist der letzte verbliebene Rest der einstigen mittelalterlichen Wehranlagen der Stadt Barth.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Natürlich war dieser Turm einst nicht als Einzelstück errichtet worden. Vielmehr war er Bestandteil der mittelalterlichen Stadtmauer, in der er gemeinsam mit seinen vier Kameraden, dem Langen Tor im Süden, dem Wiecktor im Osten und dem Fischertor am Hafen im Norden, einen gesicherten Durchgang in die Stadt bot. Er selbst trägt den Namen Dammtor, der auf den Hochwasserschutzdamm Bezug nimmt, der unmittelbar vor ihm begann. Errichtet wurde das Dammtor um das Jahr 1425 herum. Was man von außen natürlich nicht sehen kann, ist der Umstand, daß es im Inneren des Stadttores keine Treppen gab. Von Etage zu Etage gelangte man nur über Leitern, die man jeweils hochziehen mußte, wollte man die nächste Ebene erreichen.

Heute ist nur noch der trutzige Torturm erhalten. Zu Zeiten der Stadtmauer hatte das Dammtor jedoch noch ein vorgelagertes Vortor besessen, von dem der Weg bis zum eigentlichen Haupttor durch Mauern eingefaßt wurde. Auch einen doppelten Wassergraben hatte es gegeben, der vor der Stadtmauer lag und auf dem Weg vom Vor- zum Haupttor überquert werden mußte. Davon ist heute leider nichts mehr zu sehen. Vielmehr wirkt es so, als hätte jemand einst einen großen Turm errichten wollen, sich aber nicht sonderlich darum geschert, ob er mit ihm jemanden behindern oder stören würde, und ihn so mitten auf der Straße plaziert. Weder Stadtmauer noch Vortor noch Wassergraben sind heute noch vorhanden. Lediglich ein paar Reste schmiedeeiserner Torangeln in den Mauern der Durchfahrt zeugen davon, daß diese nicht immer so offengestanden hatte wie heute, sondern mit schweren Holzbohlentoren verschlossen werden konnte.

Warum das Dammtor nicht wie seine anderen drei Pendants und die Stadtmauer insgesamt im 19. Jahrhundert abgerissen wurde, scheint heute nicht ganz klar zu sein. Die an seinen Mauern angebrachten Texttafeln, die ein wenig aus der Geschichte der Barther Wehranlagen plaudern, wissen dazu leider nichts Genaueres zu berichten. Noch im 20. Jahrhundert hatte man Pläne dafür gemacht, doch letztlich lediglich ein paar angrenzende Häuser abgerissen. So blieb das Dammtor als einziges der einstigen vier Stadttore Barths bis zum heutigen Tag erhalten. Daß hier allerdings der Bus, der mich in die Stadt gebracht hatte, nicht versuchte, durch die Toröffnung zu fahren, leuchtet mir angesichts ihrer Enge unmittelbar ein. Er wäre, hätte er es getan, wohl geradewegs steckengeblieben. Mit unserem kleinen Trabant 601 S war das hingegen damals kein Problem gewesen, und so ist mir die Durchfahrt durch das Tor nach wie vor in Erinnerung. Heute kann ich immerhin hindurchlaufen. Und das tue ich auch. Schon, um wenigstens für ein paar Sekunden einmal nicht im Regen zu stehen.

Da es in der Barthestraße, die die Dammstraße auf der anderen Seite des Torturms fortsetzt, nichts weiter zu sehen gibt, was für mich von Interesse wäre, wende ich mich wieder um und gehe in die Stadt zurück. An der Ecke Dammstraße und Papenstraße würdige ich noch einmal den prachtvollen Anblick der Sankt-Marien-Kirche, von dem ich vorher, als ich in der Gegenrichtung unterwegs gewesen war, keine Notiz genommen hatte.

Die Sankt-Marien-Kirche in Barth
Norddeutsche Backsteinromantik – die Barther Sankt-Marien-Kirche.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Ich gehe nun auf dieser, der Südseite der Kirche entlang, die ebenfalls durch eine kleine Grünanlage von der Straße getrennt ist. Auch hier gibt es ein in der Mitte der Kirchenwand gelegenes zweiflügeliges Portal, das den anderen beiden stark ähnelt, sich andererseits jedoch von ihnen dadurch unterscheidet, daß auf den Türflügeln zwei große preußische Kreuze zu sehen sind. Auch ist der Spitzbogen hier wieder mit vier Abstufungen versehen. Die Prüfung, ob die Tür offen oder verschlossen ist, spare ich mir diesmal allerdings und gehe weiter an der Grünanlage entlang. An ihrem östlichen Ende stoße ich auf einen großen metallenen Gegenstand, der hier auf der Rasenfläche abgelegt worden ist. Es handelt sich um eine große Glocke, die bei mir mit ihren beeindruckenden Ausmaßen einigen Eindruck schindet.

Eine Grünanlage scheint mir allerdings ein eher ungewöhnlicher Aufbewahrungsort für eine Kirchenglocke – denn um eine solche handelt es sich bei dem guten Stück unzweifelhaft – zu sein. Ganz sicher wird sie hier an diesem Ort keinen Ton mehr produzieren. Doch das muß sie auch nicht, denn sie ist eine der beiden Eisenglocken, mit denen man im Jahre 1925 die zwei kleineren der insgesamt drei Glocken der Kirche ersetzte. Weil Eisen jedoch als Glockenmaterial nicht sonderlich gut geeignet ist, da es nach nicht allzu langer Zeit ermüdet, mußte man die beiden Glocken bereits runde siebzig Jahre später stillegen. Das war 1997. Während die eine von ihnen im Stockwerk unterhalb der Glockenstube in der Kirche verblieb, legte man die andere an dieser Stelle vor der Kirche ab. Die dritte im Bunde, die große Glocke, wurde im Jahre 1911 gegossen, wobei man sich allerdings – wie bereits zweimal zuvor – an der 1585 gegossenen ersten Glocke orientierte. Vielleicht wollte man neben der Rücksicht auf Traditionen auch den mit ihr verbundenen Superlativ nicht verlieren, ist sie doch die zweitgrößte Bronzeglocke Vorpommerns.

Die Sankt-Marien-Kirche in Barth
Was macht eine Glocke auf dem Rasen? – Die ausrangierte Kirchenglocke von Sankt Marien in Barth.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Nach wie vor prasselt der Regen ununterbrochen hernieder. Und wie ich mir nun eingestehen muß, ist es ihm mit seiner unverminderten Stärke mittlerweile gelungen, meinen Trotz, den ich ihm zuvor beim Verlassen der Kirche entgegengebracht hatte, Stück für Stück aufzuweichen. Zwar hält ihn meine Regenjacke nach wie vor wirksam von mir ab, doch erweist sich ein Stadtbummel bei Dauerregen dann doch als wenig erbauliche Angelegenheit, zumal inzwischen auch die Kälte beginnt, vom Boden aufzusteigen, meine Schuhe und Strümpfe zu überwinden und meine Beine hinaufzuklettern. So erkenne ich denn zähneknirschend den Sieg des Wetters über meine Pläne und meinen Willen, ihm zu trotzen, an und beschließe schweren Herzens, meinen Ausflug abzubrechen und zurückzufahren.

Ist eine Entscheidung, so ungeliebt sie auch sein mag, einmal gefallen, setzt sie doch neue Energie frei. Und auch das Denken und die eigene Stimmung passen sich unmittelbar daran an, wie ich interessiert an mir selbst beobachten kann. War ich zuvor noch voller Enthusiasmus gewesen, mir alles in der Stadt anzusehen, Neues zu entdecken oder auch auf alte Erinnerungen zu stoßen, so bin ich nun, da ich beschlossen habe, den Regen Regen sein zu lassen und nach Prerow zurückzukehren, nur noch daran interessiert, zu einer Bushaltestelle zu gelangen, wo ich mich in einen Bus setzen und Kälte und Regen für eine Weile entkommen kann. Nun, vielleicht ist es aber auch das Mißempfinden, das mich angesichts fortdauernder Nässe und aufsteigender Kälte befallen hat, das es mir jetzt verleidet, irgendwo noch einmal anzuhalten und eine schöne Hausfassade oder einen anderen interessanten Ort zu bewundern. Nicht gerade mißmutig, doch konsequent verfolge ich mein neues Vorhaben und gehe raschen Schrittes zurück zum Marktplatz und von dort durch die Lange Straße direkt zum Bahnhof. Ich hätte auch zurück zum Hafen gehen können, was vielleicht geringfügig näher gewesen wäre, doch erscheint mir das Warten auf den Bus am Ufer des Boddens, wo der Wind ungehindert wehen und mir den Regen um die Ohren schlagen kann, als die weniger attraktive Alternative.

Von der Langen Straße registriere ich auf meinem Weg eigentlich nur noch, daß sie wohl die Hauptgeschäftsstraße der Stadt ist, denn ich komme an einer Vielzahl von Geschäften aller Art vorüber. Auch daß es hier einige sehenswerte Gebäude gibt, deren eingehendere Betrachtung sich lohnen würde, bemerke ich zwar durchaus wohlwollend, doch weil der Regen seine Intensität nun sogar noch einmal verstärkt hat, weiche ich von meinem gefaßten Entschluß dennoch nicht ab. Ihre Besichtigung wird einem zukünftigen weiteren Besuch in Barth ebenso vorbehalten bleiben müssen wie die des Hafens, den ich eigentlich nach meiner Besichtigung der Kirche noch einmal hatte aufsuchen wollen. Ich setze daher gedanklich einen weiteren Barth-Besuch auf die Liste meiner zukünftigen Vorhaben.

Am Ende der Langen Straße angekommen, befinde ich mich direkt am Bahnhof. Ich setze mich in eines der Wartehäuschen, die sich an dem angeschlossenen großen Parkplatz befinden. Als einige Zeit später der Bus vor mir hält, steige ich ein und fahre den Weg zurück, den ich gekommen bin. Der Regen hört während der gesamten Fahrt nicht auf und prasselt auch auf mich herunter, als ich in Prerow von der Bushaltestelle im Zentrum des Ortes zu meiner Pension gehe. Wie es scheint, umfaßt das Regengebiet mittlerweile nicht nur Barth, sondern die gesamte Region der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst.

Es ist früher Nachmittag, als ich schließlich mit leidlich nasser Regenjacke, doch nicht durchnäßt durch die Tür meines Zimmers trete. Ich werde wohl den Rest des Tages hier verbringen müssen. Nun gut, dann soll es eben so sein.

Ich verfolge einige Zeit das Fernsehprogramm, das mir eindrücklich vermittelt, warum es vor einigen Jahren eine ausgesprochen gute Idee war, den Fernseher aus meiner Wohnung zu verbannen. Was man dort an einem Nachmittag wie diesem geboten bekommt, ist kaum anders zu bezeichnen als mit Volksverblödung.

Da gibt es Quizsendungen, in denen die Fragen entweder so trivial sind, daß man sie auch noch beantworten kann, wenn man sein Gehirn im Tanzbein aufbewahrt, oder so abgehoben, daß selbst ein Hochschulstudium einem keine Chance einräumt, über derartiges Nischenwissen zu verfügen.

Auf einem anderen Kanal läuft eine Sendung, in der sich die Protagonisten redlich mühen, eine Gerichtsverhandlung zu simulieren. Weil das aber so billig wie nur irgend möglich produziert wird, sind die Darbietungen der Darsteller, bei denen es sich ganz offensichtlich um Laienschauspieler handelt, derart schlecht, daß jede Schulaufführung dagegen als hohe Schauspielkunst durchgeht. Von der hanebüchenen Story gar nicht zu reden. Wäre diese wirklich wahr, wie man offenbar den Anschein erwecken möchte, müßte man sich als Zuschauer ernsthaft fragen, ob es bei der Polizei eigentlich noch Ermittler gibt, die ihren Beruf verstehen. Offenbar nicht, denn in jeder dieser simulierten Gerichtsverhandlungen müssen die Anwälte und Richter es übernehmen, die Wahrheit ans Licht zu bringen, was ihnen natürlich stets durch ihre überragenden Fragen gelingt. Und wo die doch einmal nicht weiterhelfen, tritt garantiert irgendein unglaublicher Zufall auf den Plan, der sich natürlich immer genau zum Zeitpunkt dieser Gerichtsverhandlung ereignet. Der Stuß könnte größer nicht sein und beleidigt die Intelligenz des Zuschauers.

Der Rest des Angebots fällt allerdings auch in diese Kategorie oder, was noch schlimmer ist, in die der regelrechten Menschenverachtung. Wer will, kann dabei zusehen, wie Leute aus den untersten Schichten der Gesellschaft, die dafür wahrscheinlich ein paar dürftige Euro kriegen, vor die Kamera gezerrt und bloßgestellt werden. Hier versuchen schwer Übergewichtige abzunehmen und scheitern dabei, dort probieren notorisch Abgebrannte dies und das, um ihre Schulden zu vermindern, was ihnen jedoch nicht gelingt. Und stets sind scheinbar selbstlose Helfer zur Stelle, die letztlich jedoch nichts anderes tun, als diese Menschen vorzuführen und der allgemeinen Lächerlichkeit preiszugeben.

Und dann sind da noch die ganzen anderen Formate, die als Realitätsfernsehen beziehungsweise Reality TV angepriesen werden und doch nur aus einer Aneinanderreihung genauso gestellter Szenen bestehen, wie es bei den Gerichtsshows bereits der Fall ist. Da kann man als Zuschauer Polizisten auf Streife begleiten oder Anwälten bei ihren Ermittlungen über die Schulter sehen, die sie mit der Hilfe von Privatdetektiven offenbar selbst anstellen müssen, weil die Polizei dafür keine Zeit mehr hat, da sie doch das Fernsehen auf Streife mitnehmen muß.

Das Nachmittagsprogramm des deutschen Fernsehens ist nach meinem Empfinden mittlerweile durch die Bank so dämlich, daß es definitiv besser ist, man schaltet den Fernseher umgehend wieder aus. Und weil es mit dem Programm zu anderen Tageszeiten nicht viel besser aussieht, habe ich den Fernseher bereits vor einigen Jahren komplett aus meinem Leben verbannt.

Nachdem ich mich nun also davon überzeugt habe, daß es in der Zeit seitdem mit dem Fernsehen nicht besser, sondern eher noch schlimmer geworden ist, schalte ich den Kasten, der heute ja keiner mehr ist, sondern genauso flach wie das Programm, das er zeigt, aus. Mir gefällt der Gedanke, daß sich das Empfangsgerät gewissermaßen dem Inhalt angepaßt hat.

Ich greife zu einem guten Buch und verbringe den Rest dieses regnerischen Tages zufrieden und ohne Gram über die widrigen Umstände in dem Zimmer meiner Pension. So ein Nachmittag der Ruhe ist ja eigentlich auch mal ganz schön…

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Referenzen

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↑1 Leider kann ich aus dem Inneren der Kirche keine Fotos präsentieren. Gleich neben der Eingangstür stoße ich auf ein kleines Hinweisschild, das mir in strengem Ton das Folgende verkündet:
„Ton-, Film-, Foto- und Videoaufnahmen sind nur zu privaten Zwecken erlaubt. Die Veröffentlichung von Aufnahmen, auch im Internet, ohne Genehmigung ist verboten!“
So muß in diesem Falle das Wort genügen, um einen Eindruck des Kircheninneren zu vermitteln.
↑2 Ich habe darüber ausführlich in meiner Serie zur Geschichte der Berliner Garnisonkirche berichtet, die auf meiner Website Anderes.Berlin zu finden ist. Die Beschreibung des dortigen von Stüler geschaffenen Ziborium-Altars nebst einem Bild findet sich im fünften Teil der Serie, der den Titel Die zweite Garnisonkirche: Neuanfang und Wiederaufstieg trägt.
↑3 Eine Mandorla ist eine Glorie oder Aura beziehungsweise Aureole, die eine ganze Figur umgibt.

Unterwegs auf dem Zingst

Dieser Beitrag ist Teil 5 von 7 der Beitragsserie "Urlaub in Prerow 2023"

War ich in den vorausgegangenen Tagen zumindest in Teilen auf den mal mehr, mal weniger ausgetretenen Pfaden meiner Erinnerungen an vergangene Zeiten auf dem Darß unterwegs gewesen, so gedenke ich an diesem fünften Tag meines Urlaubs, mich einmal auf neue Wege zu begeben und mir den sich durchaus einiger Bekanntheit erfreuenden Nachbarort von Prerow anzusehen: Zingst. Wie neu diese Wege allerdings wirklich sind, kann ich dabei eigentlich gar nicht genau sagen, denn ich muß immerhin die Möglichkeit einräumen, daß wir diesem Ort in einem unserer damaligen Urlaube doch einmal einen Besuch abgestattet hatten, dies aber – aus welchen Gründen auch immer – nur keinen Eingang in meine Erinnerungen gefunden hat. Doch wie dem auch sei, im Ergebnis läuft es auf dasselbe hinaus: mein heutiger Ausflug nach Zingst wird für mich eine kleine Reise in unbekannte Gefilde sein.

Der Beschluß ist also gefaßt, nun heißt es, ihn in die Tat umsetzen. Und das gestaltet sich ausgesprochen einfach, selbst für mich, der beständig ohne eigenen fahrbaren Untersatz hier unterwegs ist. Denn wie ich bereits von meiner Ankunft in Prerow weiß, verkehrt auf der Fischland-Darß-Zingst genannten Halbinsel ein Bus, der Barth mit Ribnitz-Damgarten verbindet und dabei so ziemlich alle auf ihr existierenden Orte anfährt. Und so war ich auf meiner Fahrt hierher in der Tat bereits mit dem Bus durch Zingst hindurchgefahren. Daß nun dieser mich auch in der entgegengesetzten Richtung von Prerow aus dorthin würde bringen können, daran habe ich nicht den kleinsten Zweifel – und behalte Recht damit.

Die Fahrt dauert nicht lange. Gerade einmal zwanzig Minuten braucht der Bus von Haltestelle zu Haltestelle – Prerow Mitte bis Zingst Zentrum. Zum Prerower Hafen geht die Fahrt, dann über den Prerower Strom, am Alten Bahnhof und kurz darauf an der Hohen Düne vorüber, und schon haben wir, also der Bus und ich, die schmale Landenge zwischen Strom und Ostsee passiert. Die Haltestelle Prerow Hertesburg wird angekündigt und ist auch schon vorüber. Hier hält der Bus offenbar so gut wie nie. Nun, viel gibt es hier ja auch nicht zu sehen, wie ich seit dem Vortage weiß. Auf der linken Seite begleitet uns seit der Hohen Düne ein Deich, rechts stehen entlang der Straße Bäume, zwischen denen hin und wieder, mit viel Phantasie und auch nur, wenn man von seiner Existenz weiß, der alte Bahndamm der einstigen Darßbahn zu erahnen ist. Als die Straße schließlich einen weiten Bogen nach rechts vollzieht, um den Ort Zingst zu umgehen, nimmt der Bus einen Abzweig nach links und folgt weiter dem Deich. Kurze Zeit später passieren wir die ersten Häuser und die Straße, auf der wir unterwegs sind, trägt nun einen Namen, mit dem sie an die ehemalige – und vielleicht auch wieder zukünftige – Eisenbahnlinie erinnert: Am Bahndamm. Auch sie führt alsbald vom Deich weg und in das Innere des Ortes hinein. Der Bus fährt am alten Bahnhof von Zingst vorüber, was mir allerdings völlig entgeht, weil ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß, daß er noch existiert. Tatsächlich ist das aber der Fall, und das Bahnhofsgebäude beherbergt heute das Wirtshaus Zingst. Von hier aus fahren wir weiter auf der Bahnhofstraße – noch eine aus früheren Zeiten verbliebene Reverenz an die Darßbahn -, die uns mitten hinein ins Zentrum des Seebades bringt. Ein paar Kurven und Abzweige später hat der Bus die Haltestelle Zingst Zentrum erreicht und ich steige aus.

Als der Bus sich wieder entfernt hat, stehe ich zunächst etwas verloren herum. Wie ein Zentrum sieht das hier eigentlich nicht aus. Ganz im Gegenteil. Die Haltestelle bildet das Ende der Straße, die in einem großen Wendekreis ausläuft, mittels dessen der Bus gerade wieder dorthin verschwunden ist, wo er hergekommen war. Rings um den Wendekreis stehen ein paar moderne Gebäude in der Gegend herum, die auf einen ortsfremden Besucher wie mich nicht sehr einladend wirken. Eines trägt über seinem Eingang den Schriftzug Max Hünten Haus Zingst und stellt sich mir damit namentlich vor. Zumindest nehme ich das an. Angesichts der völligen Abwesenheit jeglicher Bindestriche könnte es sich auch einfach nur um die Aneinanderreihung einiger Wörter handeln und damit vielleicht ebenso eine Art Kunstwerk sein wie die vor dem Eingang auf dem Rasen liegende riesige schwarze Brille, die offenbar auf irgendetwas hinweisen soll, das sich mir aber nicht erschließt. Auch als ich später herausfinde, daß sich in dem Gebäude das Zingster Zentrum der Fotografie befindet, wird mir der Sinn dieser Brille nicht viel klarer. Allerdings geht mir das mit moderner Kunst des öfteren so, und so mache ich mir nichts daraus[1]Auf der Suche nach einer Erklärung finde ich auf verschiedenen Seiten im Internet und auch in den sozialen Netzwerken Fotos, die die von Marc Moser geschaffene Brille mal am Strand und mal am … [Weiterlesen].

Ich laufe ein Stück dem Bus hinterher und gelange nach wenigen Schritten über die Jordan- in die Hafenstraße, die mich auf einem kurzen Stück Wegs zu genau dem Ort bringt, nach dem sie benannt ist: dem Zingster Hafen. Genau wie der in Prerow befindet er sich nicht an der Ostsee, sondern an den Boddengewässern. Und genau wie in Prerow liegt er an einem Wasserlauf, der hier allerdings Zingster Strom heißt. Im Gegensatz zum Prerower Strom ist dieser hier allerdings kein Seegatt, sondern lediglich ein Wasserarm des Barther Boddens. Er trennt Zingst von der Insel Kirr, die dem Seebad im Bodden vorgelagert ist. Genau wie sein Prerower Pendant hatte der Strom einstmals auch eine direkte Verbindung zur Ostsee, die sich auf der Ostseite des Ortes befand. Sie war als Folge des großen Sturmhochwassers entstanden, das sich im Februar des Jahres 1625 ereignet hatte. Mit der Zeit versandete sie jedoch wieder und schloß sich schließlich ganz.

So ist der am Ende der Hafenstraße gelegene Hafen von Zingst eben kein Ostsee-, sondern ein Boddenhafen. Besonders groß ist er nicht, doch das ist auch gar nicht notwendig, denn er dient heute vorwiegend nur als Anlegestelle für Ausflugsschiffe. Das war jedoch nicht immer so. Die Anfänge des Hafens reichen ein ganzes Stück in die Geschichte zurück, denn wie man heute vermutet, legten bereits in der Zeit vor der Mitte des 19. Jahrhunderts hier regelmäßig Segelschiffe an. Als dann im Jahre 1858 die erste regelmäßige Dampferverbindung eingerichtet wurde, die Zingst verkehrstechnisch mit Barth und Stralsund verknüpfte und täglich bedient wurde, brach die große Zeit des Zingster Hafens an. Gemeinsam mit diesem neuen Verkehrsweg gewann er insbesondere für Urlauber schnell an Bedeutung, bildeten die Dampfer doch lange Zeit die einzige Möglichkeit zur Anreise in einigermaßen vertretbarer Zeit. Die Inbetriebnahme der Darßbahn im Jahre 1910 machte der Dampfschiffahrt jedoch schnell den Garaus. Die Verbindungen wurden innerhalb kürzester Zeit vollständig eingestellt. Zwar verlor der Hafen, sieht man einmal von den hier an- und ablegenden Ausflugsschiffen ab, nun seine Bedeutung für die Personenschiffahrt nahezu vollständig, für den Güterverkehr blieb er jedoch weiterhin wichtig. Und auch Fischer- und Sportboote frequentierten ihn nach wie vor.

Der Zingster Hafen
Panorama-Ansicht des Zingster Hafens. Beim ersten Blick darauf kann man das Hafenbecken leicht übersehen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
Creative Commons Lizenzvertrag

Als der Zweite Weltkrieg dann zum Ende der Darßbahn führte, kam es dennoch nicht zu einer Wiederbelebung der Personenschiffahrt. Zunächst hatten die Menschen anderes im Kopf, als an der Ostsee Urlaub zu machen. Und als später der Tourismus schließlich doch wieder zunahm, hatte das Auto als Verkehrsmittel längst die Oberhand gewonnen. Und dennoch gibt es heute wieder ein paar Fahrgastschiffe, die im Zingster Hafen anlegen. Sie bedienen die Fährverbindungen nach Barth, Stralsund und Hiddensee. Und natürlich gibt es auch die Ausflugsschiffe noch, die die Urlauber auf die beliebten Boddenrundfahrten mitnehmen. Diesem eher überschaubaren Schiffsverkehr gemäß ist der Zingster Hafen, ebenso wie sein Prerower Bruder, nicht allzu groß.

Als ich den Hafen erreiche, liegt gerade ein Schiff darin vor Anker, das mir einigermaßen bekannt vorkommt. Schon glaube ich, die Baltic Star vor mir zu sehen, und beginne mich zu wundern, warum sie sich wohl nach meiner gestrigen Fahrt mit ihr auf den Weg hierher nach Zingst gemacht hat, da entdecke ich an ihrer Seite den großen Schriftzug mit dem Schiffsnamen darauf. River Star steht dort in großen blauen Buchstaben auf knallrotem Grund. Es ist das Schwesterschiff der Baltic Star und wie diese ein Schaufelraddampfer im Stil der  nordamerikanischen Flußschiffe, der die Urlauber auf Ausflugsfahrten durch die hiesige Boddenlandschaft mitnimmt. Hier von Zingst aus gehen die Fahrten allerdings nicht in den Bodstedter, sondern in den Barther Bodden.

Nun, mein Bedarf an Boddenrundfahrten ist vorerst hinreichend gedeckt, und so wende ich mich, nachdem ich mich noch ein wenig am Ufer rings um das einzige Hafenbecken umgeschaut habe, wobei es, sieht man einmal von ein paar Läden, drei Restaurants, einigen Fahrradständern, einer Informationstafel zur Historie des Hafens und einer terrassenartigen Kombination aus Treppe und Sitzgelegenheit ab, nicht sonderlich viel Erwähnenswertes zu entdecken gibt, wieder dem Zentrum des Ortes zu, dem mich die Hafenstraße hilfreich entgegenbringt.

Zurück an der Jordanstraße, finde ich mich an einem kleinen, namenlosen, dreieckigen Platz wieder, der von einer Grünanlage eingenommen wird, die ein einzelner riesiger Baum dominiert, um den herum sich ein paar von Rasen umgebene Büsche gruppieren. Welcher Art dieser Baum ist, kann ich nicht mit völliger Sicherheit ausmachen, da sich an seinen Ästen noch kein einziges Blatt sehen läßt. Anhand der Beschaffenheit seiner Rinde tippe ich allerdings auf eine Eiche. Ich überquere die Jordanstraße und schicke mich gerade an, auf ihrer gegenüberliegenden Seite der Hafenstraße weiter zu folgen, da bemerke ich inmitten der Grünanlage ein metallenes Etwas, dessen blankpolierte Oberfläche die grünen Büsche spiegelt, die allerdings gar keine sind, wie ich feststelle, als ich nähertrete, denn sie geben sich als niedrigwachsende Nadelgehölze zu erkennen. Offenbar habe ich das metallische Konstrukt zuerst von seiner rückwärtigen Seite bemerkt, an der ich nicht erkennen kann, um was es sich handelt. Von der Straßenecke aus gesehen kann ich lediglich eine Wand identifizieren.

Ich laufe also um die kleine Grünfläche herum, um auf die andere Seite dieses Was-auch-immer-es-ist zu gelangen. Dort angekommen, werde ich jedoch zunächst auch nicht schlauer. Ich sehe tatsächlich eine glatte, hohe Wand aus Metall vor mir, die auf der Rasenfläche unter dem hohen Baum steht und deren Oberfläche derart stark poliert ist, daß sie wie ein Spiegel wirkt. Auf’s kleinste Detail genau kann ich darin die Szenerie hinter mir und natürlich mich selbst erkennen, einschließlich des strahlend blauen Himmels mit den schneeweißen Wolken, der sich über mir wölbt.  Vor der Wand ist der Boden bis fast an den Weg, auf dem ich stehe, ebenfalls mit einer Metallplatte ausgelegt, die allerdings mit kleinen, langgezogenen metallischen Noppen versehen ist, die in parallelen, diagonal verlaufenden Reihen angeordnet sind. Und weil es Reihen in beiden Diagonalrichtungen gibt, kreuzen sie einander und bilden so ein interessantes Muster. Auf dieser Bodenplatte befinden sich zwei niedrige, parallel zur Wand ausgerichtete Sockel, die die ganze Breite der Platte einnehmen und von denen der eine sie vorn, wo ich stehe, abschließt. Diese etwa sitzhohen Sockel sind, genau wie die Wand, an allen Seiten spiegelglatt poliert, so daß auch sie Spiegelbilder ihrer näheren Umgebung zeigen. Offenbar handelt es sich um irgendeine Art Kunstwerk, doch kann ich mir zunächst keinen Reim darauf machen. Das ändert sich jedoch, als ich die an der Spiegelwand angebrachte und auf deren Oberfläche fast schwarz wirkende Bronzetafel entdecke, auf der sich offenbar eine Aufschrift befindet. Neugierig gehe ich darauf zu, um zu lesen, was dort steht.

DEN OPFERN
VON
KRIEG
UND
GEWALT-
HERRSCHAFT

Daneben sind zwei als Relief gestaltete ernste Gesichter zu sehen, deren Augen geschlossen sind und sich leicht nach vorn neigen, der Schrift entgegen. Ein Denkmal also. Mit seinen sitzhohen Sockeln lädt es ein, hier einen Moment zu verweilen. Doch unabhängig davon, ob man dieser Einladung nun folgt oder nicht, wird man als Betrachter mit seinem Abbild, das die Spiegelflächen erzeugen, gewissermaßen in das Denkmal integriert. Während man über die Opfer vergangener Kriege und Gewaltherrschaften nachdenkt, sieht man sich selbst und wird so daran erinnert, wie schnell man selbst zu einem dieser Opfer werden könnte, sollte die Gesellschaft es noch einmal zulassen, daß sie sich in diese Richtung fehlentwickelt.

Gedenkstätte für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft in Zingst
Gedenken mit Spiegel – das Denkmal für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft in Zingst.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
Creative Commons Lizenzvertrag

Dieses Denkmal steht an dieser Stelle seit dem 19. November 2006. An diesem Tage eingeweiht, ersetzt es eine vorher an dieser Stelle an einer kleinen Mauer angebrachte Gedenktafel, die zu Zeiten der DDR hier plaziert worden war und an die Opfer des Faschismus erinnerte, was sich insbesondere auf die faschistische Herrschaft in Deutschland in der Zeit von 1933 bis 1945 bezog. Weil sowohl Mauer als auch hölzerne Tafel mit den Jahren recht marode geworden waren, so daß eine Restaurierung nicht mehr möglich war, entschloß sich die Gemeinde dazu, das Denkmal zu schaffen, das ich nun hier vor mir sehe. Damit einher ging dann auch die Umwidmung von einer Erinnerungsstätte, die konkret den Opfern des Faschismus gewidmet war, zu einem verallgemeinerten Gedenkort für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Es war nicht die erste Umwidmung dieser Art. Die vielleicht bekannteste hatte es bereits mit der Neuen Wache in Berlin gegeben. Diese war in der DDR zu einem Mahnmal für die Opfer des Faschismus und des Militarismus gestaltet worden. Nachdem das kleine Land in der BRD aufgegangen war, hatte man sie 1993 neu gestaltet und zu deren zentraler Gedenkstätte für die Opfer der Kriege und der Gewaltherrschaft umgewidmet. Doch wie positiv man den Einbezug aller Opfer jeglicher Kriege und Gewalt in das Gedenken immer sehen mag – und damit wird diese Verallgemeinerung schließlich oft genug begründet -, so ist er doch auch problematisch. Denn damit geht auch stets etwas verloren. Es ist der Bezug auf die ganz konkrete Schuld, die das deutsche Volk in der Zeit des deutschen Faschismus in den Jahren 1933 bis 1945 auf sich geladen hat, auf Verbrechen wie den Holocaust, die in der Menschheitsgeschichte aufgrund ihres außerordentlichen und kaum vorstellbaren Umfangs eine traurige Ausnahmestellung besitzen. Und daher wäre es auch heute noch notwendig, die daran erinnernden Gedenkstätten zu erhalten und nicht mit anderen Kriegen und Gewaltherrschaften in einen Topf zu werfen und so zu verallgemeinern. Das Gedenken an die in jener faschistischen Zeit von Deutschen verübten Verbrechen und an deren Opfer mag in die neue Widmung eingeschlossen sein, doch weil es in dieser Verallgemeinerung einfach aufgeht, geht es darin auch unter. Es wird unsichtbar, eines von vielen. Und weil es das eben nicht war, empfinde ich das als hochproblematisch, gerade in Deutschland und gerade in einer Zeit, in der wieder vermehrt Stimmen laut werden, die meinen, es wäre doch nach all der Zeit nun endlich einmal genug mit der Erinnerung an die Schuld. Doch das ist es nicht. Sonst kommt dereinst wieder der Tag, wo all das wiederkehrt, weil niemand die Gefahr mehr kennt und rechtzeitig zu erkennen in der Lage ist.

Von dem Denkmal und der kleinen Grünanlage, in der es steht, gehe ich weiter die Hafenstraße entlang, auf der ich mich nun gemächlich dem Zentrum des Ortes nähere. Wie bereits auch schon am Hafen entdecke ich vereinzelt Informationstafeln, die mich über die Geschichte des Ortes, an dem sie stehen, aufklären. Wie in Prerow markieren sie einen historischen Rundgang durch den Ort. Zwar sind sie weniger zahlreich als jene des Nachbarortes, doch dafür meist etwas ausführlicher in ihrer Beschreibung. Als ich an einem Supermarkt vorüberkomme, stoße ich auf eine dieser Tafeln. Sie erinnert an die einstige HO-Kaufhalle[2]HO stand in der DDR für Handelsorganisation. Das war ein staatliches Unternehmen des Einzelhandels, das mit der Bandbreite der von ihm angebotenen Waren und der ihm unterstehenden Läden alle … [Weiterlesen], die sich zu Zeiten der DDR an seiner Stelle befunden hat und im Jahre 1969 eröffnet worden war. Hier gab es sowohl für die Zingster als auch für die Urlauber die Möglichkeit, die benötigten Waren des täglichen Bedarfs käuflich zu erwerben. Diese Erinnerung an einen Ort des alltäglichen Lebens hat durchaus ihren Charme, und ich registriere interessiert die Unterschiede in der Bewertung, was dem der Geschichte zugeneigten Besucher auf dem jeweiligen Historischen Rundgang in Prerow und Zingst präsentiert wird. Auch in Prerow hatte es, wie ich aus eigener Erinnerung weiß, eine solche Kaufhalle gegeben. Eine diesbezügliche Rundgangstafel suchte ich dort allerdings vergebens. Sicher hätte es auch da irgendetwas Interessantes darüber zu berichten gegeben. Für mich hatte diese Kaufhalle in einem oder zwei unserer Urlaube jedenfalls einige Bedeutung besessen, versuchte ich doch jedes Mal, wenn wir dort einkauften, meine Eltern zu nötigen, verschiedene der regionalen Getränke zu erwerben. Dabei waren weniger die Inhalte der Flaschen für mich wichtig, von denen ich einige, insbesondere die alkoholischen, gar nicht selbst trinken konnte oder wollte. Ich war vielmehr an den Etiketten der Flaschen interessiert, die ich meiner Sammlung einverleiben wollte, die ich damals anzulegen gedachte. Sorgfältig weichte ich sie von den Flaschen ab, trocknete und glättete sie und klebte sie in ein Notizbuch ein. So frönte ich schon als Kind und Jugendlicher leidenschaftlich meinem Sammeltrieb. Irgendetwas habe ich eigentlich immer gerade gesammelt. Mal waren es kleine Eislöffel aus Plastik, auf deren Stiel aus irgendwelchen Gründen Vornamen aufgeprägt waren, dann wieder Kronkorken. Ein anderes Mal sammelte ich die bereits erwähnten Flaschenetiketten, dann, als ich älter wurde, die Programmhefte und Eintrittskarten von mir besuchter Konzert- und Theatervorstellungen. All diese Sammlungen gingen alsbald jedoch wieder den Weg alles Irdischen, denn zum einen fehlte mir der Platz, zum anderen aber auch die zündende Idee, wie ich denn Systematik in die jeweilige Sammlung bringen könnte. So gab ich sie schließlich bald alle wieder auf, nicht jedoch das Sammeln an sich. Hatten die erwähnten Sammelobjekte den Nachteil, daß ihnen kein rechter Unterhaltungs- oder ideeller Wert innewohnte – was sollte man mit Flaschenetiketten, Kronkorken oder Eislöffeln letztlich schon groß anfangen? -, so sah das bei Büchern, Romanheften, Schallplatten oder Briefmarken schon anders aus. Irgendwas habe ich über viele Jahre hinweg eigentlich immer gesammelt. Bis ich irgendwann, schon längst erwachsen, dann doch einmal einsah, daß es besser ist, sich zu beschränken, und zwar auf das, was einem wirklich wichtig ist. Und so sammle ich heute nicht mehr im eigentlichen Sinne, sondern beschränke mich auf einige wenige Dinge, die mir auch wirklich am Herzen liegen; bei Büchern beispielsweise auf einige sehr ausgewählte Autoren, die ich auch tatsächlich lesen will.

Ist es nicht interessant, wie die Gedanken auf Wanderschaft gehen können, wenn man, nichtsahnend durch einen fremden Ort streifend, plötzlich auf eine Informationstafel stößt, die in ihrem kurzen Text über etwas so Alltägliches wie eine einstige HO-Kaufhalle berichtet? Etwas daran hatte eine Erinnerung aus meinem Gedächtnis hervorgeholt und mich in der Zeit zurückversetzt…

Ich reiße mich los und spaziere weiter die Hafenstraße entlang, die sich jetzt zunächst scharf nach links, alsbald aber wieder sanft nach rechts wendet. Kurz darauf finde ich mich erneut auf einem dreieckigen Platz wieder, der ebenfalls eine Grünanlage besitzt. Deutlich größer als der letzte, hat er auch einen eigenen Namen: Postplatz. Und auch die Grünanlage ist erheblich umfangreicher und mit einer stattlichen Anzahl Bäume versehen, die aber ebenfalls alle noch völlig kahl sind. In ihrer Mitte finde ich einen großen Stein, der Ähnlichkeit mit jenem hat, der sich in Prerow auf dem Gemeindeplatz befindet. Nur ruht dieser hier im Gegensatz zu jenem auf einem deutlich weiträumigeren Sockel aus vermauerten Feldsteinen, der zudem auch noch nach beiden Seiten in die Grünanlage ausgreift. Die Aufschrift an der Vorderseite des großen Findlings ist nicht ganz leicht zu entziffern. Mühsam lese ich:

Zum Gedächtnis
der Helden
1914 – 1918

Darüber prangt das Symbol des eisernen Kreuzes. Noch ein Kriegerdenkmal also. Doch anders als in Prerow, wo man offenbar ein mahnendes Gedenken bevorzugt, wie die dortige Inschrift „Die Toten mahnen“ auf dem Stein nahelegt, werden die bei den Eroberungsfeldzügen des Ersten Weltkriegs zu Tode gekommenen Soldaten, wenn ich die Aufschrift richtig entziffert habe, hier als Helden verehrt, eine Auffassung, der ich mich allerdings weder anschließen kann noch will.

Kriegerdenkmal in Zingst
„Helden“-Verehrung in Zingst – das Kriegerdenkmal auf dem Postplatz.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
Creative Commons Lizenzvertrag

Ich lasse das Denkmal hinter mir und setze meinen Weg fort. Dort, wo der Postplatz – man hat hier gleich noch ein Stück der von ihm fortführenden Straße mit diesem Namen versehen – auf die Friedenstraße trifft, laufe ich an vier einander außerordentlich ähnlich sehenden Häusern vorüber, von denen drei direkt an der Straße stehen, während sich das vierte, etwas größere diskret in den Hintergrund zurückgezogen hat. Jedes sieht aus wie eine zweistöckige Stadtvilla mit Balkons im oberen Stockwerk, die um die vorderen Ecken gehen und von gelben Ziegelpfeilern getragen werden. Die an der Straße gelegenen Häuser beherbergen in ihren Erdgeschossen kleine Läden. An der Frontseite präsentiert ein jedes dem Betrachter seinen Namen. Nacheinander laufe ich erst an der Villa Nadine vorüber, dann an der Villa Beatrice und zuletzt an der Villa Verena. Den Namen des Hauses im Hintergrund kann ich nicht erkennen und muß ihn daher dem Stadtplan entnehmen: Villa Sophie.  Wie vermutlich in fast jedem Haus hier im Ort – ebenso wie in Prerow – werden in den oberen Stockwerken Ferienwohnungen vermietet.

Die Friedenstraße bringt mich schließlich zur Strandstraße, wo ich das Herz des Seebades erreicht zu haben scheine, denn von hier an befinde ich mich in einer ausgedehnten Fußgängerzone. Diese umfaßt allerdings nicht die gesamte in Nord-Süd-Richtung verlaufene Strandstraße, sondern endet etwa einhundert Meter südlich von meinem jetzigen Standort. Daß ich dort heute bereits gewesen bin, wird mir klar, als ich diese kurze Entfernung zurückgelegt und das Ende – oder den Beginn, je nach Perspektive – der Fußgängerzone erreicht habe. Genau an dieser Stelle mündet die hier endende Bahnhofstraße in die Strandstraße und ich erkenne die Kurve, die die aus ihr kommende Fahrbahn beschreibt, sofort wieder. Hier war ich vorhin, im Bus sitzend, entlanggefahren. Da es an dieser Stelle jedoch für mich nichts weiter von Interesse zu sehen gibt, kehre ich wieder um und gehe die Strandstraße in Richtung Norden weiter. Da sie nicht nur in großen Teilen eine Fußgängerzone ist, sondern auch noch genau auf die Seebrücke des Ortes und damit auf den zentralen Strandabschnitt zuführt, ist sie ohne Zweifel eine der bedeutendsten Straßen in Zingst. Zahlreiche Geschäfte, Cafés und Restaurants säumen den Weg, die sich besonders am Fischmarkt konzentrieren. Dieser ist nur wenige Schritte von der Friedenstraße entfernt und genau wie der Postplatz nicht einfach nur ein großer Platz. Tatsächlich ist der Name auch noch einer kleinen Seitenstraße zugeordnet, die östlich der Strandstraße ein Stück parallel zu ihr verläuft, bevor sie ihren Namen in Klosterstraße ändert. Da ich für diese Eigenart keine Erklärung finden kann, überlege ich mir selbst eine. Ohne es also genau zu wissen, vermute ich, daß der Platz möglicherweise einst viel größer gewesen sein und das gesamte Areal zwischen den beiden Straßen umfaßt haben mochte. Später wurde es vielleicht in Teilen bebaut, so daß die heutige Situation nach und nach entstanden ist. Eine alternative Erklärung, die mir einfällt, bezieht den Namen auf einen realen Markt, auf dem vorwiegend Fische verkauft wurden. Dieser mochte von dem Platz, auf dem er ursprünglich stattfand, immer mehr in die Seitenstraße übergegriffen haben, so daß man irgendwann diese in den Namen einbezog. Doch egal, wie es wirklich gewesen war, der Fischmarkt ist nun meine nächste Station.

Die Strandstraße in Zingst
Der Fischmarkt an der Strandstraße. Doch weder ist ein Strand, noch sind Fische irgendwo zu sehen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Doch bevor ich die wenigen Meter auf der Strandstraße zu ihm zurücklege, fällt mir an der Ecke zur Friedenstraße ein Gebäude auf, das ich zwar auch vorher schon bemerkt, jedoch nicht weiter beachtet hatte, weil es auf den ersten Blick wie ein gewöhnliches Wohngebäude aussieht. Es ist ein langgestreckter Bau mit vergleichsweise flachem Spitzdach, der längs entlang der Friedenstraße ausgerichtet ist. In der Mitte wird er von einem etwas erhöhten Gebäudeteil unterbrochen, dessen Dach die gleiche Form aufweist, jedoch quer verläuft. Diesem Mittelteil ist ein vom Boden bis zum Dach reichender Erker vorgesetzt. War ich vorhin etwas achtlos an dem Gebäude vorübergegangen, so fällt mir jetzt, da ich, vom südlichen Ende der Strandstraße zurückkommend, genau darauf zulaufe, auf, daß die beiden Seitenflügel recht unterschiedlich gestaltet sind. Während sich im rechten, östlichen Flügel normale rechteckige Fenster befinden, besitzt der linke, westliche Flügel hohe, schmale Bogenfenster, die von außen aussehen, als seien sie aus vielen kleinen, bunten Glasstücken zusammengesetzt worden. Und auch der Erker des Mittelteils besitzt im Erdgeschoß derartige Bogenfenster, die allerdings bedeutend kleiner ausfallen. Als ich das Gebäude schließlich erreicht habe, bemerke ich an der fensterlosen, der Strandstraße zugewandten Schmalseite eine flache, darin eingelassene Nische, die ebenfalls die Form eines Bogenfensters besitzt. Darin ist ein riesiges, aus Ziegeln geformtes Kreuz eingelassen. Ganz offensichtlich habe ich hier kein gewöhnliches Wohnhaus vor mir. Tatsächlich stehe ich vor der katholischen Kapelle Sankt Michael, in der die Katholische Kirchengemeinde Sankt Bernhard aus Stralsund in Zingst ihre Gottesdienste abhält.

Daß man die Kapelle auf den ersten Blick für ein Wohnhaus halten kann, ist kein Zufall, denn einst war das Gebäude tatsächlich ein altes Seemannshaus. Katholische Gottesdienste gab es in Zingst erst vergleichsweise spät. 1921 sollen die ersten hier gefeiert worden sein. Vier Jahre später begann man mit den sogenannten Kurgottesdiensten, die auch den Urlaubern offenstanden. Doch noch gab es keine eigene Kirche. Diese wurde erst notwendig, als nach dem Zweiten Weltkrieg etwa zweitausend Flüchtlinge in Zingst eintrafen, die katholischen Glaubens waren. Der Pfarrer der Gemeinde erwarb daraufhin das Gebäude an der Friedenstraße, ließ es zum Pfarrhaus umbauen und mit einer Kapelle versehen, die unter das Patronat des Erzengels Michael gestellt wurde. Bis zum heutigen Tage werden in der Kapelle katholische Gottesdienste abgehalten.

Langsam spaziere ich die Strandstraße entlang auf den Fischmarkt und über diesen hinweg. Der Boden ist ein buntes Sammelsurium von Belägen. Hier zieht sich eine geteerte Bahn entlang, dort bilden große, unregelmäßige Steine eine Art hoppeliges Kopfsteinpflaster und wieder woanders liegen ebenmäßig gefertigte, in ihrer Form an Ziegel erinnernde Steine so streng in Reih und Glied, daß die Fugen zwischen ihnen sich in ihrer Breite kaum einmal um einen Millimeter voneinander unterscheiden. Auf dem Platz gibt es kleine mit Rasen ausgelegte und von Hecken eingefaßte Inseln, auf denen vereinzelte Büsche stehen. Und während diese am einen Ende in eine strenge Kugelform gezwungen wurden, läßt man ihnen am anderen in ihrem Wachstum freien Lauf. Rings um den Fischmarkt haben sich einzeln stehende Häuser versammelt, deren einige, die direkt an den Platz grenzen, in ihrem Erdgeschoß einen Laden oder ein Café beherbergen, während andere noch einen Vorgarten zwischen sich und den Platz gesetzt haben, um von diesem etwas Abstand zu gewinnen. Hier wird offenbar einfach nur gewohnt. Allzu viel ist gerade nicht los, und so wandere ich weiter die Strandstraße entlang nach Norden.

Das Bild ändert sich nicht wesentlich. Hier ein Wohnhaus mit Vorgarten, dort ein Laden, dann eine Seitenstraße, ein Restaurant und wieder ein Wohnhaus. Mal nehmen die Läden an Häufigkeit zu, dann ist plötzlich abrupt wieder Schluß mit den Einkaufsmöglichkeiten und ich wandere an einer ein Grundstück begrenzenden Hecke entlang. Es ist nicht gerade eine Einkaufsmeile, auf der ich unterwegs bin, sondern einfach nur die Hauptstraße eines Ortes, in dem es zu dieser Jahreszeit, in der Vorsaison, vergleichsweise ruhig und gemütlich zugeht.

Schließlich erreiche ich einen auf der rechten Straßenseite befindlichen kleinen Ziegelbau, der mir ausgesprochen bekannt vorkommt. Da sich die rechter Hand hinter den Häusern parallel zur Strandstraße verlaufende Klosterstraße nun soweit angenähert hat, daß sie einige Meter voraus mit dieser zusammentrifft, befindet sich das kleine Gebäude genau in der Mitte zwischen den beiden Verkehrswegen. Mit seinem spitz zulaufenden Dach und den an den beiden Schmalseiten jeweils nebeneinanderliegenden zwei großen, doppelflügeligen Toren sieht es der alten Seenotstation von Prerow, die ich bereits an meinem ersten Abend dort entdeckt hatte, ausgesprochen ähnlich. Zwar ist eine entsprechende Aufschrift, wie es sie dort gegeben hatte, hier nicht vorhanden, doch das ovale Emblem mit dem roten Kreuz der Seenotretter ist auch hier zu sehen. Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger Bremen ist in einem Kreis rings um das Symbol zu lesen.

Alter Rettungsschuppen in Zingst
Der alte Rettungsschuppen in Zingst – Biergarten und Traditionskabinett in einem.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Dieser sogenannte Alte Rettungsschuppen wurde im Jahre 1873 durch die Zingster Bürger errichtet. Er sollte den fünf Jahre zuvor bei einem Sturmhochwasser zerstörten Rettungsschuppen ersetzen und diente zur Aufbewahrung der Ruder-Rettungsboote. Lange Jahre erfüllte er seinen Zweck, bis er schließlich außer Dienst gestellt wurde. Doch nach wie vor, und darauf weist das Zeichen über den Toren unmißverständlich hin, wird er von der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) genutzt. Sie hat darin ein Traditionskabinett untergebracht, das eine Sammlung historischer Rettungsgeräte aus der Geschichte der hiesigen Rettungsstation beherbergt. Doch im Gegensatz zu seinem Pendant in Prerow kommt hier auch die Öffentlichkeit in den Genuß, von diesem kleinen Bauwerk etwas zu haben, denn zusätzlich ist darin ein kleines Lokal untergebracht, an das sich ein Biergarten anschließt, der genau zwischen den beiden Straßen gelegen ist.

An dem Rettungsschuppen vorbei gelange ich nun auf einen großen, halbkreisförmigen Platz, an dem die Strandstraße endet. Direkt vor mir, gewissermaßen auf dem Durchmesser des Halbkreises, verläuft der schnurgerade Deich, hinter dem ich wohl mit einiger Berechtigung die Ostsee vermuten darf. An seiner halbkreisförmigen Seite wird der Platz, der offenbar keinen Namen hat, von einigen großen Gebäuden gesäumt, die ausnahmslos alle so aussehen, als seien sie noch gar nicht so alt. Auf das große Hotel links von mir trifft das auf jeden Fall zu. Es stellt sich mir an seinem Portikus als Strandhotel vor und gibt sich alle Mühe – durchaus nicht völlig erfolglos, möchte ich anfügen – , den Anschein zu erwecken, als stamme es aus der Zeit der Wende zum 19. Jahrhundert, der großen Ära der Seebäder. Tatsächlich wurde das Hotel erst im Jahre 2006 errichtet und erbringt so den Beweis, daß es auch heutigen Architekten möglich ist, Bauten zu entwerfen, die sich nicht wie Fremdkörper in ihrer Umgebung ausnehmen, sondern gut in den Ort, in dem sie stehen, integrieren.

Das Strandhotel in Zingst
Das Strandhotel in Zingst – ein schöner Bau wie aus einer anderen Zeit.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Auch die andere Seite des Platzes wird von einem großen Hotelbau dominiert. Dieser versucht zwar nicht, sich irgendeiner historischen Architektur anzugleichen, paßt sich aber dennoch gut in seine Umgebung ein, auch wenn er um ein Vielfaches größer ist als das Strandhotel. Der Größenzuwachs geht dabei aber nicht in die Höhe, sondern eher in die Breite, nimmt das Aparthotel, wie dieser Bau heißt, doch den gesamten Rand des Platzes von der Strandstraße bis zum Deich hinüber ein. Ich bin immer wieder überrascht, was Architekten der heutigen Zeit für gefällige Bauten zustandebringen, wenn sie nicht versuchen, originell zu sein und einander möglichst großartig zu übertreffen. In einem vergleichsweise kleinen Ort wie Zingst kann man wohl kaum erwarten, mit dem Ergebnis seines Tuns die Aufmerksamkeit der großen weiten Welt zu erringen, wie das in Metropolen wie Berlin, Köln, Hamburg, Frankfurt oder München der Fall ist oder zumindest erhofft wird. So kommt es wohl, daß sich in jenen Städten heutzutage oft Bauten finden, deren Gestaltung so extraordinär, gewaltig und Eindruck schindend wie nur irgend möglich ist, daß man unwillkürlich zu bezweifeln geneigt ist, es könnte dahinter noch irgendeinen anderen Zweck geben als den, herauszustechen, aufzufallen und für genial gehalten zu werden. Dabei ist das Ergebnis oft ein Gebäude, das seine Umgebung völlig ignoriert, so daß es überhaupt nicht dorthin paßt, wo es steht, und dies oftmals nicht nur optisch und ästhetisch, sondern auch bezogen auf das menschliche Umfeld. Oft genug haben die Normalbürger der jeweiligen Stadt überhaupt keinen Bezug zu dieser Art von Gebäude. Weder brauchen sie sie noch nutzen sie sie selbst. Und so ist es mit Sicherheit auch nicht nur die Geltungssucht der Architekten, die zur Errichtung dieser sinnlosen und wenig ästhetischen Protzbauten führt, sondern ganz sicher auch die Manie der jeweiligen Bauherren (oder -damen – ich will ja niemanden ausschließen!), zu repräsentieren, etwas darzustellen und den Nachbarbau möglichst auszustechen. Und das läßt man sich dann eine Menge kosten. Je mehr Geld, desto mehr Geltungsdrang. Zumindest kommt es mir so vor, wenn ich mir die neuen Bauten ansehe, die heute so entstehen, besonders in meiner Heimatstadt Berlin. Man schaue sich nur das Ensemble am Potsdamer Platz an. Was dort entstanden ist, ist lediglich eine Insel inmitten der Stadt, die weder wirklich in diese integriert ist, noch irgendeinen Bezug zu ihr herstellt. Von einem lebendigen Viertel mit Lebens- oder wenigstens Aufenthaltsqualität kann dort keine Rede sein, was man allein schon an den nach wie vor hilflosen Versuchen ablesen kann, aus den Potsdamer-Platz-Arkaden, wie sie früher hießen, irgendetwas Lebendiges, sich selbst Erhaltendes zu machen, das die Menschen anzieht. Nicht einmal ein McDonald’s hat dort überlebt… Ein ähnliches Erscheinungsbild bieten die Neubauten am Bahnhof Zoo, die mit ihrer gewaltigen Höhe vielleicht in Städte wie New York passen mögen, aber nicht nach Berlin und schon gar nicht in das dortige Charlottenburger Umfeld mit seinen Bürgerhäusern. Und was nun am Alexanderplatz geplant und bereits in Bau ist, davon will ich gar nicht erst anfangen…

Doch zurück auf den großen Platz am Ende der Strandstraße in Zingst. Ich überquere die vor dem Deich parallel zu diesem verlaufende Seestraße und anschließend ihn selbst auf dem breiten, die Strandstraße fortsetzenden Weg und finde mich alsbald auf der anderen Seite wieder, wo sich ein weiterer Platz befindet, der ebenfalls keinen Namen hat. Ganz offensichtlich gibt es hier in Zingst noch einiges Potential für Namensgebungen. Direkt voraus gewahre ich eine Schar kleiner Kiefern. Wenn es sich nicht um eine Art handelt, die einfach von selbst nicht größer wird, hat man sie wohl so zurechtgeschnitten, daß die Bäume die Form kleiner Linden oder Obstbäume haben. Das sieht ganz hübsch aus, ich bezweifle aber, daß man sie gefragt hat, ob sie das wollen. Doch sie können sich ja nicht wehren…

An der Seebrücke in Zingst
Hinter dem Deich… geht’s weiter. Mit Wasserwacht, Bistro, Kiosk, Kurhaus und Zugang zum Strand.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
Creative Commons Lizenzvertrag

Auf der linken Seite des Platzes stehen zwei vergleichsweise schmucklose, miteinander verbundene Ziegelbauten. Vor dem ersten hat man einige Tische und Bänke auf den Platz gestellt; ein einzelner blauer Sonnenschirm, der jedoch momentan gerade zusammengefaltet ist, leistet ihnen Gesellschaft. Wenn mir das nicht ausreichen sollte, um in dem Gebäude ein gastronomisches Etablissement zu vermuten, so weist mich die Aufschrift Bistro Zentral über den großen Schaufenstern im Erdgeschoß unmißverständlich darauf hin. Am zweiten Gebäude befindet sich ebenfalls ein Schild, auf dem Deutsches Rotes Kreuz zu lesen ist. Hier ist die Wasserwacht des Zingster Strandes untergebracht.

Gegenüber, also auf des Platzes rechter Seite, steht ebenfalls ein Gebäude. Es ist etwa dreimal so groß wie die beiden Bauten linker Hand zusammen und besitzt das Erscheinungsbild eines Fachwerkhauses. Ein genauerer Blick verrät mir jedoch, daß es noch recht neu ist. Keinesfalls ist das, was ich hier vor mir sehe, historisches Fachwerk. Tatsächlich wurde dieses Zingster Kurhaus erst im Jahre 2000 eingeweiht. Obwohl Zingst bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein beliebter Badeort gewesen ist, besaß der Ort lange Zeit kein Kurhaus. Das erste wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg, im Jahre 1948 errichtet. Es stand ziemlich genau fünfzig Jahre, denn 1998 riß man es wegen Baufälligkeit ab und errichtete umgehend ein neues Gebäude, das ich nun vor mir sehe.

Hinter dem Platz führt der Weg weiter unter den Kiefern hindurch, über die Düne zum Strand. Hier beginnt der Sand. Doch anders als an anderen Strandzugängen muß man hier nicht zwingend hindurchstapfen, um an’s Meer zu kommen. Oder in diesem Fall besser über’s Meer. Denn am hiesigen Hauptzugang zum Zingster Strand hat man im Jahre 1993 eine Seebrücke errichtet. Mit ihren zweihundertsiebzig Metern Länge und zweieinhalb Metern Breite ist sie ein vergleichsweise einfacher Vertreter ihrer Zunft. Wer also einen über den Wellen sich erhebenden Brückenkiosk oder ähnliches erwartet, dürfte enttäuscht werden. Die Seebrücke erinnert eher an einen übergroßen, mit Geländern versehenen Steg, über den man Zugang zu anlegenden Schiffen erlangt, die wegen der benötigten größeren Wassertiefe nur weiter draußen ankern können. Bereits vor Errichtung der heutigen Seebrücke gab es hier ein entsprechendes Bauwerk, das Ende des 19. Jahrhunderts entstand und auch als Seebrücke bezeichnet wurde. Allerdings war das ein wenig hochtrabend, denn eigentlich handelte es sich um nicht viel mehr als einen etwas größeren Steg. Er diente kleineren Zubringerbooten zum Anlegen, die die Aufgabe hatten, die Passagiere zu den voraus liegenden Dampfern zu bringen. Diesem Steg hatten Meerwasser, Eis und Schnee über die Jahre so zugesetzt, daß er im Jahre 1947, mittlerweile völlig marode, nur noch abgerissen werden konnte. Der ihm so viele Jahre später nachfolgende Neubau wurde dann ungleich größer.

Der Strand selbst unterscheidet sich eigentlich kaum vom Nordstrand in Prerow, sieht man einmal davon ab, daß hier in regelmäßigen Abständen lange Reihen von Holzpflöcken ins Wasser hineinragen. Diese sogenannten Buhnen dienen, ebenso wie Deich, Dünenwald und die Düne selbst, dem Küstenschutz. Bei heftigen auflandigen Winden betätigen sie sich als Wellenbrecher. Sowohl in westlicher als auch in östlicher Richtung reihen sie sich bis zum Horizont endlos aneinander. Doch ansonsten bietet sich mir dasselbe Bild. Auf die Bäume des hier recht schmalen Waldstreifens folgt die grasbewachsene Düne, an die sich der breite Sandstrand anschließt, an den die von den Buhnen gezähmten Wellen branden – oder branden würden, wenn es denn wenigstens ein kleines bißchen Wind gäbe. Doch der legt heute offenbar einen Ruhetag ein, so daß sich das Meer, wenn auch nicht spiegelglatt, so doch zumindest vollständig wellenlos präsentiert.

Buhnen am Strand von Zingst
Alles voller Pfosten hier – Buhnen am Zingster Ostseestrand.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Die Pfeiler der Seebrücke, auf die ich mich nun begebe, sind allerdings nicht aus Holz. Sie bestehen aus solidem Stahl und sind tief in den sandigen Meeresboden hineingerammt worden. Wie das gemacht wird, habe ich zwei Tage zuvor in Prerow bereits beobachten können. So fühle ich mich denn auf den Planken der über den Wassern der Ostsee hinführenden Seebrücke ausgesprochen sicher, zumal zu ihren beiden Seiten aus dicken Holzbalken bestehende Geländer jegliches unvermitteltes Hinabfallen wirksam verhindern.

Es ist jetzt Mittag. Das behauptet jedenfalls meine Uhr. Doch da wir in Europa nach wie vor alljährlich den Unsinn der sommerzeitlichen Uhrenumstellung vollführen, hat die Sonne ihren höchsten Stand trotzdem noch nicht erreicht. Auf der Seebrücke sind zahlreiche Menschen unterwegs, die in beide Richtungen flanieren, die einen auf’s Meer hinaus, die anderen zurück gen Strand. Und doch sind es glücklicherweise nicht genug, um von einem Massenandrang sprechen zu müssen. Ganz im Gegenteil. Ganz gelassen und in Ruhe kann ich, ohne jemanden zu stören oder meinerseits von anderen gestört zu werden, langsam den langen Steg entlangwandern, immer wieder einmal stehen bleiben und den Ausblick zurück auf den Strand, die Düne, die Bäume und das Kurhaus genießen oder hinaus auf’s Meer schauen, wo sich die weitestgehend glatte Fläche des Wassers bis zum Horizont dehnt, dessen schnurgerade Linie in dem weiten Halbkreis von West über Nord nach Ost durch nichts unterbrochen wird, wenn man einmal von den weißen Windrädern des Offshore-Windparks Baltic 1, die natürlich auch hier zu sehen sind, und dem sich im Nordosten erhebenden Hiddenseer Schluckswiek absieht, der hier, wo die Entfernung zu ihm bereits etwas geringer ist, noch deutlicher zu erkennen ist als drüben in Prerow. Es ist ein gemütliches Bummeln auf diesem langen Steg, bei schönstem Wetter und in der Gelassenheit der Vorsaison, die es ermöglicht, die Seele baumeln zu lassen und das Hiersein einfach zu genießen.

Die gesamte Seebrücke entlang hat man in gleichmäßigen Abständen Lampen aufgestellt, die sie auch bei Dunkelheit begehbar machen. Jetzt, bei Tageslicht, benötige ich sie dafür allerdings nicht. Ich bin den langen Steg bereits ein Stück entlanggegangen, da fällt mir in einiger Entfernung voraus ein Gegenstand auf, beim es sich um ein einfaches, aufrecht stehendes Brett zu handeln scheint. Es hält sich, zusammen mit zwei Bänken, auf einer Plattform auf, zu der sich der Steg der Seebrücke für ein paar Meter erweitert. Frage ich mich zunächst, was es damit wohl auf sich haben mag, bemerke ich beim Näherkommen, daß sich etwa auf halber Höhe in der Oberfläche dieses Brettes eine Spirale befindet, die sorgfältig und ausgesprochen akkurat in sie hineingeschnitzt worden ist. Ihre Enden laufen in eleganten, weit geschwungenen Linien zu den beiden vertikalen Enden des Brettes hin aus, während sich in ihrer Mitte ein kreisrundes Loch befindet. Als ich schließlich direkt davorstehe, bemerke ich fasziniert, daß es keineswegs willkürlich in dem Brett positioniert worden ist. Seine Höhe ist exakt so gewählt, daß es, wenn man gerade hindurchblickt, von der Linie des Horizontes in zwei gleich große Halbkreise geteilt wird. In den Bögen der Spirale sind Buchstaben eingraviert. Von außen nach innen lese ich die Worte Zurück zur Quelle allen Seins.

Holzkunstwerk auf der Seebrücke in Zingst
Im Auge des Kunstwerks – diese geschnitzte Skulptur besticht durch ihre Einfachheit. Schnörkellos und doch effektvoll.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Dies ist auch der Name des Kunstwerkes, wie ich einem kleinen metallenen, am Geländer der Seebrücke angebrachten Schildchen entnehmen kann, das mir auch den Namen des Künstlers verrät: Roland Lindner. Kunstwerke dieser Art entdecke ich auf meinem Weg die Seebrücke entlang mehrere. Eines befindet sich ebenfalls auf der Plattform und hat die Form einer Kugel. Diese ist jedoch nicht geschlossen, sondern besitzt eine von oben nach unten verlaufende, geschwungene Öffnung, deren Kanten nach außen gewölbt sind, so daß sie ein wenig an geöffnete Lippen erinnern. Das zwischen ihnen sichtbare Innere ist mit übereinandergelegten Steinen verschiedener Größe angefüllt. Da auch einige dieser Steine auf dem Boden vor der Skulptur liegen, sieht es so aus, als habe sich die Kugel geöffnet und ihren Inhalt ins Freie purzeln lassen. Frucht des Lebens lautet der Name dieses Kunstwerks.

Ein anderes, das sich einige Meter vor der Plattform befindet, wirkt wie ein der Länge nach gespaltener Pfosten, dessen beide Teile auseinanderklaffen. Der so entstandene Spalt ist mit übereinandergelegten großen Steinen gefüllt. Und wieder taucht das Motiv des in Augenhöhe befindlichen Loches auf, durch das man durch das Kunstwerk hindurchsehen kann, diesmal in Form eines durchbohrten Steines. Sofort muß ich an einen Hühnergott denken, liege damit aber nicht ganz richtig, denn das auch hier vorhandene erklärende kleine Schild verkündet mir, daß ich den Abendgruß vom Sonnengott vor mir sehe, der ebenfalls dem Künstler Roland Lindner zu verdanken ist – wie im übrigen alle anderen Kunstwerke auf der Seebrücke auch.

Sie alle wurden sämtlich aus Treibholz geschnitzt. Steine wie die, die in einigen dieser Skulpturen das Schnitzwerk ergänzen, können hier an der Ostsee gefunden werden. Ganz ohne Zweifel verleihen diese Kunstwerke der ansonsten eher nüchtern wirkenden Seebrücke ein gewisses Flair. Ohne sie würde der lange Schiffsanleger lediglich wie der reine Zweckbau wirken, der er doch eigentlich ist.

Und dann habe ich es schließlich erreicht: das Ende der Seebrücke. Es wird von einer weiteren Plattform gebildet, die ebenso breit ist wie die vorige, etwa auf halber Länge gelegene. Und damit etwaige hier ankommende Schiffsreisende auch sofort wissen, wo sie sich befinden, ragen links und rechts des Zugangs zu der Plattform zwei hohen Metallstangen in die Höhe, zwischen denen in luftiger Höhe ein weißes Schild den Steg überspannt, auf dem in großen Lettern ZINGST zu lesen ist. Über dem Ortsnamen kann ich zwei einander zugewandte spitze Winkel erkennen, die zweifellos als stilisierte Darstellung zweier fliegender Seevögel zu interpretieren sind. Ich tippe auf Möwen. Aus der Nähe kann ich dann erkennen, daß sich auch unterhalb des Ortsnamens etwas befindet. Es ist ein in sehr viel kleineren Buchstaben gehaltener Marketing-Slogan, mit dem Zingst für sich wirbt: Halb Insel, halb Paradies. Zunächst bin ich versucht, darüber zu sinnieren, warum hier Insel und Paradies einander gegenübergestellt werden und warum wohl das eine das andere irgendwie auszuschließen scheint. Doch dann erinnere ich mich daran, daß es schließlich nur ein Werbespruch ist, und denke nicht mehr weiter darüber nach.

Auf der Seebrücke in Zingst
Das Ortseingangsschild von Zingst auf der Seebrücke.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Denn schließlich gibt es hier etwas zu sehen, daß ungleich interessanter ist als das Ortsschild. Links neben der Plattform, auf der einige Bänke zum Ausruhen müde gewordener Beine einladen, ragt ein dicker, stählerner Pfahl aus dem Wasser, dessen oberes Ende von einem helmartigen Aufsatz bekrönt wird, der entfernt an einen Tropenhelm erinnert. Oder an eine leicht flachgeklopfte Glocke. Der Pfahl selbst weist keine glatte Oberfläche auf und ist auch nicht rund, sondern besitzt einen Querschnitt in Form eines Polygons mit zehn oder zwölf Ecken, genau kann ich das von hier aus nicht erkennen. An der der Plattform direkt zugewandten Seite dieses Pfahls ist ein Aufsatz angebracht, der von oben nach unten verläuft und mit dem Pfahl im Wasser verschwindet. Flüchtig betrachtet sieht er aus wie eine Miniaturleiter, mit zahllosen dicht beieinanderliegenden Querstreben, die sich zwischen zwei vertikalen äußeren Leisten befinden. Es fällt nicht schwer, in diesem Aufsatz die Laufschiene für ein Zahnrad zu erkennen. Ich vermute, daß es auch auf der der Seebrücke abgewandten Seite des Pfahls eine solche Vorrichtung gibt. Offenbar kann mit ihrer Hilfe etwas diesen Pfahl hinauf- und hinunterfahren. Und richtig, als ich einen Blick über das Geländer hinunter zur Wasseroberfläche werfe, sehe ich, wie ein großes, glockenförmiges, stählernes Ungetüm gerade aus dem Wasser auftaucht und in quälender Langsamkeit den Pfahl nach oben strebt.

Ich habe die Zingster Tauchgondel vor mir. Zusammen mit der Seebrücke im Jahr 1993 eingeweiht, nimmt sie bis zu dreißig Besucher pro Tauchgang mit auf eine Reise in Tiefe. Vier Meter unter der Wasseroberfläche soll man so die Pflanzen- und Tierwelt der Ostsee aus der Nähe betrachten können. Klingt doch eigentlich ganz spannend, denke ich mir, und überlege, ob ich nicht eine Fahrt mitmachen soll, die, so heißt es, nur dreißig Minuten dauert. Als ich jedoch sehe, wie langsam die Tauchgondel unterwegs ist und wie lange sie braucht, bis sie schließlich oben angekommen ist und ihre Insassen hinaus ins Freie treten können, als ich ferner bemerke, wie lang die Schlange der Wartenden für die nächste Tour schon ist, und mir ausrechnen kann, daß ich vermutlich kaum bereits den nächsten Tauchgang mitmachen können werde, und als ich dann auch noch feststelle, daß dieser laut Ankündigung des „Fahrplans“ der letzte vor einer längeren Mittagspause sein würde, nehme ich von diesem Vorhaben Abstand. Lieber will ich, sobald sich der Trubel gelegt hat, den der Aus- und Einstieg der Besucher aus der beziehungsweise in die Gondel auf der Plattform verursachen, noch ein wenig die Ruhe hier auf der Seebrücke, über dem windstillen Meer und unter dem strahlend blauen Himmel mit der freundlich herablächelnden Sonne genießen.

Auf der Seebrücke in Zingst
Abstieg in die Unterwasserwelt – die Zingster Tauchgondel.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Ich lehne entspannt am Geländer auf der rechten Seite der Plattform und schaue den ungeduldig Wartenden und den nacheinander der Gondel Entsteigenden zu, die sämtlich aufgeregt durcheinanderschwatzen – die einen über das, was sie wohl gleich erwartet, die anderen darüber, was sie gerade erlebt haben. Zwei Frauen, die die Tauchgondel eben verlassen haben, bleiben in meiner Nähe stehen und beugen sich interessiert über das Geländer. Die eine streckt ihren Arm aus und zeigt aufgeregt nach unten.

„Da ist er!“, ruft sie aufgeregt aus.
„Wo?“, fragt die andere und blickt suchend nach unten.
„Na, da! Auf der Leiter! Dort hab‘ ich ihn unten vom Fenster aus gesehen!“

Offenbar haben sie auf ihrer Fahrt in die Unterwasserwelt irgendein Tier beobachtet, das sie nun, wo sie wieder auf der Seebrücke angekommen sind, noch einmal betrachten wollen. Meine Neugier ist geweckt, und so schaue auch ich interessiert über das Geländer nach unten. Direkt neben der Plattform, auf der ich stehe, befindet sich auf stählernen Pfosten eine zweite, niedrigere, zu der eine durch ein zweiflügeliges Gittertor versperrte Treppe hinabführt. Da diese zweite Plattform jedoch nicht über einen durchgängigen Boden verfügt, sondern lediglich aus großen Balken besteht, zwischen denen große Lücken klaffen, durch die ich das Meerwasser darunter sehen kann, erschließt sich mir ihr Zweck nicht so recht. Ich vermute allerdings, daß sie in irgendeiner Form den hier anlegenden Schiffen dient, auch wenn ich mir nicht genau vorstellen kann, wozu. Ich brauche eine kleine Weile, um die Leiter zu finden, die die eine der beiden Frauen erwähnt hat. Als ich sie schließlich entdeckt habe und erkennen kann, daß es sich um eine metallische Ab- und Aufstiegshilfe handelt, die an einem der Pfosten zur Wasseroberfläche hinabführt und vermutlich Wartungszwecken dient, ist es bereits zu spät. Gerade noch kann ich undeutlich einen fellbedeckten Körper im Wasser verschwinden sehen.

„Ach, schade! Jetzt ist er weg!“

Die Frau klingt merkbar enttäuscht. Ob sie wohl auf den Gedanken kommt, daß das Tier – welches auch immer es war – sich wegen ihres lauten Geschreis aus dem Staub gemacht haben könnte?

Die beiden starren noch eine Weile über das Geländer hinab in die Tiefe, doch das Tier läßt sich nicht mehr blicken. Nach einer Weile verlieren sie die Lust und machen sich auf den Weg zurück in Richtung Strand.

Mittlerweile hat sich die Plattform wieder etwas geleert, denn die Besucher, die auf den nächsten Tauchgang gewartet hatten, sind inzwischen alle eingestiegen. Der Mann, der an dem schmalen Zugangssteg die Tickets kontrolliert hatte, folgt ihnen hinein und verschließt die Tür der Tauchglocke von innen. Es dauert noch ein paar Minuten, dann setzt sich das Gefährt in Bewegung. Ebenso langsam, wie es zuvor aufgestiegen war, fährt es nun auch wieder hinab. So dauert es eine ganze lange Weile, bis es schließlich unter der Wasseroberfläche verschwunden ist.

Ich verzichte allerdings darauf, diesen doch vergleichsweise langweiligen Vorgang in seiner vollen Länge zu beobachten, denn ich habe vor der Seebrücke etwas ungleich Interessanteres entdeckt. Bereits bei meinem Eintreffen am Strand hatte ich in westlicher Richtung ein kleines Schiff bemerkt, daß dort in nicht allzu großer Entfernung vom Ufer entweder kreuzte oder vor Anker lag. Einzelheiten hatte ich allerdings nicht erkennen können. Auf meinem Weg die Seebrücke entlang war meine Aufmerksamkeit dann von anderen Dingen in Anspruch genommen worden, so daß ich nicht mehr weiter darauf geachtet hatte, zumal es sich ja sowieso nicht zu bewegen schien. Nun aber bemerke ich es auf einmal in unmittelbarer Nähe zur Seebrücke, auf die es jetzt zuzusteuern scheint. Es handelt sich um ein Schiff in der Größe einer kleinen Yacht, auf dem es allerdings kaum Platz zu geben scheint, um sich darauf aufzuhalten. Während sich im vorderen Drittel das Steuerhaus beziehungsweise die Brücke befindet, ist im hinteren Bereich ein kleineres Beiboot zu sehen, das dort auf dem Deck verankert ist. Darüberhinaus sind allerlei technische Aufbauten vorhanden. Ganz ohne Zweifel handelt es sich nicht um eine Yacht, sondern um einen kleinen Kreuzer. Sein Zweck wird mir sofort klar, als ich an der Seite das mir bereits hinlänglich bekannte Symbol der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger entdecke. Dies ist ein Seenotrettungskreuzer.

Als es in allernächster Nähe vor der Seebrücke vorüberfährt, kann ich den Namen des Schiffes lesen, der in schwarzen Buchstaben an der seiner Seite steht: Nis Randers. Ein merkwürdiger Name, denke ich. Was der wohl bedeutet? Und auch an dem kleinen Tochterboot[3]In der Umgangssprache bekannter ist die Bezeichnung „Beiboot“ für ein einem größeren Schiff beigegebenes Boot. Dieses kann allerdings normalerweise nicht selbständig operieren. Weil … [Weiterlesen], das ganz ohne Zweifel über einen eigenen Antrieb verfügt, ist ein solches Schild zu sehen. Der Name, der dort steht, ist nicht minder merkwürdig, auch wenn ich ihn im Gegensatz zu dem anderen durchaus kenne, denn dort ist einfach nur Uwe zu lesen. Im Augenblick kann ich mir keinen Reim darauf machen, doch interessieren mich die Hintergründe für diese Namensgebung hinreichend genug, um später ein wenig darüber in Erfahrung zu bringen.

Seenotrettungskreuzer vor der Seebrücke von Zingst
Nis Randers und Uwe – gemeinsam unterwegs zum Schutze der Menschen auf See.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Nis Randers, so erfahre ich, ist die Titelfigur einer von Otto Ernst verfaßten Ballade über einen Seenotretter[4]Auf der Website Deutschland-Lese ist die Ballade Nis Randers von Otto Ernst zu finden. Weitergehende Informationen zum Schiff der Seenotretter sind auf deren Website seenotretter.de zu finden.. Es geht darin um eine Rettungsaktion, die der Titelheld gemeinsam mit einigen Gefährten unternimmt, um inmitten eines heftigen Sturms einen Schiffbrüchigen von einem vor der Küste gestrandeten Schiff zu holen und so vor dem sicheren Tod zu bewahren. Trotz des Flehens und Bittens seiner ihn zurückhalten wollenden Mutter, die ihren Mann ebenso wie einen Sohn bereits an das Meer verloren hat und sich um einen weiteren Jungen namens Uwe, der auf See verschollen ist, sorgt, macht er sich auf den Weg und riskiert sein Leben, weil er nicht anders kann. Es ist für ihn unvorstellbar, den Schiffbrüchigen um seiner eigenen Sicherheit willen sich selbst zu überlassen. So riskieren er und seine Mannen ihr Leben, wagen sich hinaus auf die aufgepeitschten Wogen, wo es ihnen, obwohl sie mehrmals dem eigenen Untergang nahe sind, gelingt, den Schiffbrüchigen zu retten. Und wie durch ein Wunder entdecken sie in ihm den verlorenen Sohn: „Sagt Mutter, ’s ist Uwe!“

Nun wird mir die Namensgebung beider Schiffe, des Kreuzers und seines Tochterbootes, unmittelbar klar. Seit dem Herbst 2021 sind sie zusammen auf dem Darß stationiert. Ihr Bau wurde ausschließlich durch Spenden, die aus dem ganzen Land eingingen, finanziert. Langsam zieht die Nis Randers an der Seebrücke vorüber und nimmt, wieder ein Stück entfernt, Fahrt auf, um ihre Patrouille fortzusetzen.

Da ich noch immer neugierig darauf bin, welches Tier sich wohl hier an der Zingster Seebrücke aufhalten mag, nehme ich meine frühere Position am Geländer auf der rechten Seite der Plattform wieder ein und schaue gespannt nach unten zu der Leiter. Die Minuten vergehen, doch nichts regt sich. Selbst das Wasser plätschert nur sacht gegen die stählernen Pfeiler. Ich übe mich in Geduld, genieße den durch nichts gehinderten Blick auf die Weite des Meeres, beobachte die Wolken, wie sie langsam ihre Bahn über den Himmel ziehen, schaue hinüber nach Nordosten, wo sich die Hügel des nördlichen Hiddensees über den Horizont erheben, und beobachte die Menschen, die langsam die Seebrücke entlang hierher geschlendert kommen, sich umsehen, ein paar Fotos von sich machen und wieder gehen. Die Zeit verstreicht, erst fünf Minuten, dann zehn, schließlich fünfzehn. Und gerade, als ich beginne, mir zu überlegen, ob ich das Warten nicht doch aufgeben und mich auf den Weg zurück zum Strand machen solle, da ich doch schließlich gar nicht weiß, ob das, worauf ich warte, überhaupt eintreten wird, vernehme ich ein Geräusch, das von unten zu mir heraufdringt. Ein Plätschern, das jedoch lauter als das der kaum vorhandenen Wellchen ist, die gegen die Pfeiler der Seebrücke schlagen. Gespannt schaue ich über das Geländer hinunter zum Fuß der Leiter. Zwei schwarze Knopfaugen schauen zurück.

Von dort, aus dem schattigen Zwischenraum zwischen Leiter und Pfeiler, schaut ein kleiner Geselle zu mir herauf – wie mir scheint, mindestens ebenso neugierig wie ich. Oder ist es Vorsicht? Einer von diesen Menschen könnte ja plötzlich herabgestiegen kommen. Und wer weiß, was die im Schilde führen… Unverwandt ist der Blick aus diesen schwarzen Augen auf mich gerichtet. Nur mit Mühe kann ich im Schatten das Gesicht des Tieres erkennen. Braunes Fell, eine schwarze Nase, die mich ein bißchen an die eines Hundes erinnert, dazu lange, seitlich abstehende Barthaare, wie sie auch Katzen haben, und sehr kleine Ohren. Zwei Pfoten ruhen auf der untersten Sprosse der Leiter, die sich über dem Wasser befindet. Fünf Zehen kann ich erkennen, jede ausgestattet mit einer kleinen Kralle. Der Rest des Körpers befindet sich noch unter der Wasseroberfläche und ist somit nicht zu sehen.

Nach einigen Minuten gespannten gegenseitigen Musterns beschließt das kleine Tier, daß ich wohl keine Gefahr bin, und wagt sich weiter vor. Behende klettert es, seinen Körper geschickt zwischen Leiter und Pfeiler klemmend, die Sprossen hinauf, bis es schließlich auf einer angekommen ist, an der Streben die Leiter mit dem Pfeiler verbinden und sie so an diesem befestigen. Dadurch entsteht eine etwas größere Fläche, die überdies bereits hoch genug über dem Wasser liegt, um von der Sonne erreicht werden zu können. Das kleine Tier, bei dem es sich nach meinem Dafürhalten um einen Fischotter handelt, dreht sich ein paar Mal um sich selbst, bis es eine gemütliche Position gefunden hat, in der es sich gut liegen und das Fell trocknen läßt, dann plaziert es seine Schnauze auf der seitlichen, der Sonne zugewandten Strebe und schließt beseelt die Augen. Endlich Ruhe!

Otter an der Seebrücke in Zingst
Ein Platz an der Sonne – Fischotter beim Sonnenbaden an der Seebrücke in Zingst.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Da ich bemerke, daß mein unentwegtes Hinabschauen über das Geländer Aufmerksamkeit zu erregen beginnt, so daß einige der Umstehenden neugierig zu werden scheinen, was es da unten denn wohl zu sehen gibt, wende ich mich von dem kleinen Kerl ab, da ich nicht möchte, daß seine wohlverdiente Ruhe gestört wird. Die Tauchglocke ist mittlerweile unter Wasser und somit nicht mehr zu sehen, das Seenotrettungsschiff ist nurmehr ein kleiner weißer Punkt, der sich weiter draußen auf dem Meer dahinbewegt, und die Menschen, die nach wie vor hier auf der Plattform am Ende der Seebrücke eintreffen, sich umschauen und wieder gehen, habe ich bereits hinlänglich beobachtet. So mache nun auch ich mich wieder auf den Weg und schlendere langsam den langen Steg zurück zum Strand.

Dort angekommen, entdecke ich auf dem Vorplatz, der sich vor der Seebrücke auf der Düne befindet, ein weiteres der hölzernen Kunstwerke Roland Lindners, das mir zuvor entgangen war. Es ist ebenfalls kugelförmig und weist auf der der Seebrücke zugewandten Seite auch eine völlig glatte Oberfläche auf. Als ich jedoch darum herumgehe, stelle ich fest, daß die andere, dem Land zugewandte Seite sehr zerklüftet ist. Ganz offensichtlich handelt es sich um eine knorrige Wurzel, die der Künstler mit viel Geschick in eine Kugelform gebracht hat. Das Leben ist Veränderung hat er es getauft. Leider ist es der Unsitte zum Opfer gefallen, der so viele frisch zusammengekommene Paare frönen, indem sie an allem, was auch nur entfernt mit einer Brücke zu tun hat und Möglichkeiten bietet, etwas zu befestigen, kleine Vorhängeschlösser anbringen, um aller Welt ihre unverbrüchliche Liebe und deren ewige Dauer zu verkünden. Wie bei so vielem, das in unserer heutigen Zeit plötzlich Mode wird, frage ich mich auch hier, worin dabei eigentlich der Sinn liegt. Zunächst wäre einmal festzuhalten, daß ein irgendwo angehängtes Vorhängeschloß aller Welt gar nichts bringt, da die darauf meist namentlich Verewigten ihr völlig unbekannt sind und sie diese somit auch nicht zu würdigen in der Lage ist. Doch davon einmal abgesehen, finde ich auch das mit einem solchen Schloß verknüpfte Symbol recht eigenartig. Was will es mir sagen? Natürlich, daß es nicht einfach nur Liebe ist – nein, die ewige Liebe soll es sein. Doch damit man sie auch ja nicht verliere, schließt man sie weg? Interessantes Konzept. Und noch dazu eines, daß offenbar nicht durchgängig funktioniert. Schaut man sich nämlich die einschlägigen Statistiken an, kann von ewiger Liebe in vielen Fällen kaum die Rede sein. Denn auch wenn die Zahl der Ehescheidungen in Deutschland seit Beginn der 2000er Jahre durchaus zurückgegangen ist, liegt sie dennoch immer noch recht hoch. Reichlich 137.000 waren es allein im Jahre 2022. Kommen die dann wenigstens zurück und montieren ihr Schloß wieder ab?

Aber darum ginge es doch gar nicht, mag man mir nun entgegenhalten. Das Motiv wäre doch vielmehr, daß das ganz wunderbar romantisch sei. Und dafür fehle mir wohl ganz offenbar der Sinn. Nun, vielleicht ist das so. Vielleicht ist aber auch mein Sinn für Romantik einfach nur nicht in erster Linie darauf ausgerichtet, mich in die Öffentlichkeit zu drängen und mich dieser selbst darzustellen, ob es sie nun interessiert oder nicht. Für mich ist Romantik eher mit Zweisamkeit, der Konzentration auf den Partner und dem Füreinander-da-sein verbunden, mit Stille und Zurückgezogenheit. Die Öffentlichkeit hat da eher wenig verloren. Doch da ist noch ein anderer Aspekt, der mich an dieser Schlössermode stört und vermutlich mit dem Drang zur Selbstdarstellung eng verknüpft ist. Denn wo werden diese Schlösser denn angebracht? Nicht etwa am eigenen Gartentor, der eigenen Haustür oder in sonst einem privaten Raum. Es werden stattdessen historische Bauwerke damit behängt, die oft ihren eigenen ästhetischen Reiz sowie architektonischen wie künstlerischen Wert haben. Oder man verunziert – wie in diesem Fall – Kunstwerke damit. In jedem Fall mißachtet man dabei das Werk des jeweiligen Architekten beziehungsweise Künstlers, indem man es für seine eigenen unmaßgeblichen Zwecke – nun ja – zweckentfremdet. Und dem kann ich dann so gar nichts abgewinnen und empfinde es als störend und ignorant, keineswegs aber romantisch. Und dabei ist von der möglichen Beschädigung des jeweiligen Bau- oder Kunstwerks noch nicht einmal die Rede.

Es mag sein, daß dieser spezielle Fall anders liegt, und der Künstler, der diese Wurzel gestaltet hat, die Praxis, daran Liebesschlösser anzubringen, ausdrücklich begrüßt. Ich weiß es nicht, man müßte ihn fragen. Der Titel der Skulptur scheint mir darauf jedoch keinen Hinweis zu geben, es sei denn, man läßt das Behängen des Kunstwerks mit Schlössern als dessen Veränderung durch das Leben gelten. Nun ja. Doch selbst, wenn dem so sein sollte – soweit wie eine Beschreibung der Seebrücke und der darauf aufgestellten Skulpturen, die mir untergekommen ist und davon spricht, daß Liebende mit diesen Schlössern dieses Kunstwerk mitgestalten, würde ich dennoch nicht gehen[5]Zu finden ist diese Beschreibung auf der Website Fischland-Darß-Zingst., ist doch dieses bunte Sammelsurium Metallschrott, das man an die Wurzeläste gekettet hat, weder besonders schön noch sehenswert.

Wieder an Land angelangt, überlege ich, was ich als nächstes tun soll. Da es mittlerweile früher Nachmittag ist und ich ein leichtes Leeregefühl in der Magengegend verspüre, erscheint mir die Aussicht auf eine Tasse Kaffee und ein Stück Kuchen nicht nur angemessen, sondern auch verlockend. An dem großen, halbrunden Platz am Ende der Strandstraße kann ich kein Café entdecken, das mir auf den ersten Blick zusagt, doch erinnere ich mich, ein solches am Fischmarkt zuvor gesehen zu haben. So mache ich mich auf den Weg dorthin, wobei ich allerdings nicht die Strandstraße, sondern die im weitesten Sinne parallel zu ihr verlaufende Klosterstraße wähle, die gemeinsam mit ersterer den alten Rettungsschuppen einrahmt. Sie führt ebenfalls auf den Fischmarkt und trägt, wie ich bereits weiß, an ihrem hinteren Ende sogar ein Stück seinen Namen. Nachdem ich ein paar Geschäfte und ein großes, gut besuchtes Eiscafé, in dem es keinen freien Platz mehr gibt, hinter mir gelassen habe, führt die Straße zwischen sich zu beiden Seiten aneinanderreihenden Grundstücken hindurch, auf denen von Gärten umgebene Einfamilienhäuser stehen. Als ich allerdings den als Fischmarkt bezeichneten Teil der Straße erreicht habe, säumen Restaurants ihre Seiten. Schließlich öffnet sich zur Rechten hin ein Platz, hinter dem ich die mir bereits hinlänglich bekannte Strandstraße wiederfinde. Ich bin am eigentlichen Fischmarkt angekommen.

Das Café, das ich zuvor bereits bemerkt hatte, erweist sich bei näherer Betrachtung als Restaurant, das den malerischen Namen Zum Klabautermann trägt. Da ich durch die Fenster im Inneren bereits Gäste an den Tischen sitzen sehen kann, trete ich ein, ohne weiter auf die Öffnungszeiten zu achten, und suche mir einen freien Tisch am Fenster. Ich lege ab, setze mich und werfe einen eher oberflächlichen Blick in die Karte. Meiner Erfahrung nach sind die verfügbaren Kuchensorten in Cafés und Restaurants sowieso ein sich täglich änderndes Angebot, für das man in der Speisekarte lediglich den Hinweis vorfindet, man möge sich in der einschlägigen Vitrine selbst ein Bild machen oder sich beim Kellner erkundigen. Es dauert nicht lange, da steht eine Kellnerin neben mir und fragt nach meinem Begehr. Auf meine Bitte um eine Tasse Kaffee und meine Frage, welche Kuchensorten denn zu haben seien, teilt sie mir lakonisch mit, daß es dafür noch zu früh sei. Kaffee und Kuchen könne ich erst in einer knappen halben Stunde bestellen, wenn im Restaurant Kaffeezeit sei.

Natürlich sehe ich meinen Fehler unverzüglich ein. Einfach so eine halbe Stunde vor der Kaffeezeit zu erscheinen und nach Kaffee und Kuchen zu fragen – das geht nun wirklich nicht. Wo kämen wir denn da hin, wenn ein jeder einfach so bestellte, wonach ihm gerade ist? Das wären ja ganz neue Moden. Das absolute Chaos bräche aus. Wie sollte man denn da noch erfolgreich ein Restaurant betreiben? Am Ende müßte man gar noch Kundenservice einführen! Das geht nun wirklich nicht. Zerknirscht bedanke ich mich für die Auskunft und teile reuig mit, daß ich als Gast natürlich gedächte, auf diese Regel unbedingt Rücksicht zu nehmen. Ich würde dann nichts bestellen und wieder gehen. Und das tue ich dann auch.

Kaffee und Kuchen in durchaus guter Qualität bekomme ich dann nur wenige Minuten später bei der auf der anderen Seite des Platzes ansässigen Bäckerei Junge, in der man von einer speziellen Kaffeezeit ganz offensichtlich noch nichts gehört hat und einfach den ganzen Tag über Kaffee ausschenkt und dazu Kuchen verkauft. Zwar muß ich mir beides selbst an der Theke abholen, dafür ist das Stück Kuchen von überdurchschnittlicher Größe und ausgesprochen lecker. Und auch der Kaffee kann sich durchaus sehen beziehungsweise trinken lassen. Zu guter Letzt ist es dann vermutlich auch noch kostengünstiger als im Klabautermann.

Als ich dann frisch gestärkt wieder auf dem Fischmarkt ins Freie trete, lenke ich meine Schritte noch einmal die Strandstraße entlang in Richtung Norden, zurück zur Seebrücke. Mittlerweile ist es halb drei Uhr am Nachmittag und ich habe beschlossen, den Weg zurück nach Prerow zu Fuß zurückzulegen. Direkt am Übergang zur Seebrücke war mir zuvor auf dem Deich ein Wegweiser aufgefallen, dem ich entnehmen konnte, daß die Entfernung bis zu der mir bereits bekannten Hohen Düne nur 5,9 Kilometer betragen würde, wenn ich nur immer geradeaus den Deich entlangwanderte. Da das Wetter unverändert schön ist und ich auf meiner Besuchsliste für Zingst keinen offenen Punkt mehr verzeichnet habe, will ich mich nun also auf den Weg machen.

Der Deich in Zingst
Bis zur Unendlichkeit – und noch viel weiter. Auf dem Deich verliert sich der Weg nach Prerow in der Ferne.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Einige Minuten später stehe ich neben dem Wegweiser auf dem Deich. Links verläuft vor einer Zeile knallgelber Häuser die Seestraße, rechts stehen die Bäume des Dünenwaldes, der hier lediglich einen schmalen Streifens bildet. Dazwischen führt der breite, asphaltierte Weg die Deichkrone entlang in die Unendlichkeit, zu beiden Seiten von den sanft abfallenden Hängen des dem Küstenschutz dienenden Bauwerks gesäumt.

Ich gehe los. Der Deich verläuft über weite Strecken schnurgerade. Es liegt in der Natur der Sache, daß der Weg es ihm gleichtut und somit selbst nicht allzu viel Abwechslung bietet. Auch der Dünenwald rechts ändert sein Aussehen praktisch nie. Nur auf der linken Seite gibt es immer wieder etwas anderes zu sehen, da sich dort die die Seestraße säumenden Häuser abwechseln. Auf dem Weg selbst sind, solange ich mich noch in Zingst befinde, jede Menge Leute unterwegs, viele mit dem Rad, zahlreiche aber auch zu Fuß. Als ich das Ende der Seestraße und ihre Einmündung in die sich von links nähernde Straße Am Bahndamm erreiche – hier war ich am Vormittag mit dem Bus nach Zingst hineingefahren -, fällt mir links ein Etablissement auf, das sich in einem Flachbau direkt am Deich befindet und ein Restaurant mit Biergarten zu sein scheint, in dem sich angesichts der kühlen Temperaturen allerdings keine Leute aufhalten. Ein an dem Gebäude angebrachtes Schild tut mir kund, das hier der Schnitzel-Kaiser höchstpersönlich zu Tisch bittet. Allerdings sieht es ein wenig so aus, als habe es jemand etwas ungelenk mit der Hand beschrieben. Die Buchstaben weigern sich strikt, sich in der Mitte des Schildes aufzuhalten, und drängen stattdessen an dessen linken Rand, als wollten sie dort zur Hauswand überlaufen. Auch werden sie zum Ende des Namens hin immer kleiner. Ein Ausdruck irgendwie sympathischer Unvollkommenheit.

Mit der Straße Am Bahndamm folgt nun auch die einstige Trasse der Darßbahn dem Deich. Zumindest nehme ich das an, denn zu sehen ist sie nirgends. Das allerdings verwundert auch nicht, denn seit der Stillegung der Bahnlinie sind ja bereits mehrere Jahrzehnte vergangen und das Gelände wurde überbaut. So ist auf der jenseitigen Straßenseite zunächst ein großer Parkplatz zu sehen, hinter dem sich die Häuser des Ortes fortsetzen. Diese enden jedoch gemeinsam mit ersterem, als ein gelbes Schild neben der Straße das Ortsende verkündet. Dahinter schließt sich am Straßenrand dichtes Gebüsch an. Als es sich einige Meter weiter ein wenig lichtet, tritt nun auch der alte Bahndamm unter den Bäumen deutlicher zutage.

Die Zahl der Menschen, die auf dem Deich unterwegs sind, hat hier bereits rapide abgenommen. Fußgänger sehe ich, abgesehen von mir selbst, keine mehr. Hin und wieder überholt mich ein Radfahrer oder es kommt mir einer entgegen. Den kann ich dann bereits schon mehrere Minuten im voraus auf mich zufahren sehen, da der Deich nach wie vor schnurgerade verläuft. Mein Weg wird nur hin und wieder durch einen Übergang unterbrochen, der sich im Dünenwald rechts von mir zu verlieren scheint, von wo er jedoch weiter zum Strand führt. Links Bäume, Büsche und eine Straße, rechts Bäume, dazwischen der sich in der Unendlichkeit verlierende Deich – alles in allem ist das eine recht eintönige Angelegenheit, die das Wandern langweilig macht. So könnte man meinen. Ich empfinde das allerdings nicht so. Bereits seit dem Ende des Ortes bin ich über weite Strecken allein auf dem Deich unterwegs und habe mich in eine gewisse Gleichmäßigkeit der Schritte hineingelaufen. Ohne noch groß darüber nachzudenken, setze ich unentwegt einen Fuß vor den anderen und halte ein schnelles, doch gleichmäßiges Tempo. Fast scheint es mir, als befände ich mich in einem leichten Laufrausch. Meine Gedanken gehen auf Wanderschaft, ich denke über dies und das nach und zähle nebenbei die Überwege, die ich passiere, während ich auf dem Deich unterwegs bin. Jede dieser Passagen hat man nämlich fein säuberlich mit einer Nummer versehen, die jeweils auf einem großen Schild angegeben ist. Was Kennzeichnung, Numerierung und Katalogisierung angeht, da sind wir in Deutschland immer noch einsame Weltspitze. Allerdings war es vermutlich nicht nur übertriebener Hang zur Bürokratie, der hier am Werk gewesen ist. Diese Nummern haben ganz sicher auch einen Zweck. Davon dürfte der, bei einem Notruf im Falle eines Unfalls am Strand oder im Wasser der Ostsee die eigene Position möglichst genau angeben zu können, nicht der unwichtigste sein.

Nach einer Weile erreiche ich den Abzweig, an dem die aus Zingst kommende Straße Am Bahndamm die Umgehungsstraße erreicht. Mein Weg führt weiter den Deich entlang, der immer noch vordergründig geradeaus führt und nur hin und wieder einmal eine leichte Biegung nach rechts oder links macht. Irgendwann passiere ich die mitten im Nirgendwo am Straßenrand gelegene Bushaltestelle Prerow Hertesburg, wenig später werden die Bäume auf der linken Seite lichter, so daß ich zwischen den Stämmen das Wasser des sich nähernden Prerower Stroms blinken sehen kann. Ich habe die schmale Landenge zwischen diesem und der Ostsee erreicht. Nun sind es nur noch einige Meter, bis mir dort, wo der Deich endet, ein weiterer Wegweiser, der an dem Strandübergang kurz vor der Hohen Düne steht, den Weg zurück nach Zingst zeigt. 6,2 Kilometer sollen es ihm zufolge bis ins Ostseeheilbad sein. Interessant. Dreihundert Meter mehr als von Zingst zur Hohen Düne. Wie das wohl kommt? Ob man von hier aus bis zur Zingster Ortsmitte gemessen hat? Ich weiß es nicht.

Wegweiser an der Prerower Hohen Düne
Ein Mysterium: von der Hohen Düne nach Zingst sind es dreihundert Meter mehr als umgekehrt.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Da ich den Weg nach Prerow hinein bereits am Tag zuvor über den Strand genommen habe, wähle ich heute die Strecke durch den Dünenwald. Zunächst muß ich zur Hohen Düne und an dieser vorbei, bis ich den charakteristischen Prerower Wegweiser erreiche, den ich ebenfalls schon am Vortag bemerkt hatte. Hier biege ich nun in den Weg ein, der an dieser Stelle auf die Landstraße einmündet. Er bringt mich hinter dem großen Gelände der Ostseeklinik Prerow entlang durch den Dünenwald und endet an einem weiteren Strandübergang. Hier beginnt ein neuer Deich, der interessanterweise jedoch nicht parallel zur Küste verläuft, sondern eine Richtung landeinwärts einschlägt. Was zunächst ungewöhnlich erscheint, erklärt sich jedoch bald, als mir klar wird, daß es sich um eben jenen Deich handelt, der zunächst den Prerower Strom überquert, um diesen anschließend, einen weiten Bogen schlagend, bis an dessen Ende zu begleiten, um so den Ort vor den Wassern des Meeres zu schützen. Und richtig – nach wenigen hundert Metern passiere ich die Märchenhütte und überquere kurz darauf den Strom. Nun dauert es nicht mehr lange, bis ich im Ort und wenig später in meiner Pension angekommen bin.

Doch noch ist der Tag nicht vorüber. Ein, zwei Stunden Ruhe und ein Abendessen später bin ich dann wieder fit genug für einen kleinen Abendspaziergang zum Strand. Ist mein Plan zunächst, dort den Sonnenuntergang zu bewundern, erfährt dieser eine kleine Änderung, als ich auf dem Prerower Hauptübergang am Strom ankomme. Der tagsüber meist gut mit Menschen angefüllte Weg ist um diese Zeit – die Uhr zeigt kurz nach sieben – nur noch spärlich besucht. Die Bänke zu beiden Seiten des Weges, von denen man einen wunderbaren Blick auf die friedliche Wasserfläche des Seegatts und dessen schilfbewachsene Ufer hat, sind nahezu alle unbesetzt. So beschließe ich, hier ein wenig zu verweilen und die abendliche Ruhe, die sich bereits über den Strom gesenkt hat, zu genießen. Meine Wahl fällt auf die Westseite, wo hinter den Bäumen am jenseitigen Ende die Sonne langsam zum Horizont hinuntersinkt.

Der langsam heraufziehende Abend hat den Himmel bunt eingefärbt. Dieser präsentiert eine reichhaltige Farbpalette, die von einem zarten Himmelblau im Zenit über ein kräftigeres Blau bis zu einem feurigen Orange-Rot in der Nähe des westlichen Horizonts reicht, wo es aussieht, als stünde irgendwo ganz weit hinten der Wald in Flammen. Über diese Farbenpracht sind kleine und große Wolken verstreut, die sich hier und da auch einmal zu größeren Wolkenfeldern zusammengetan haben. Diese sind offenbar so stark verdichtet, daß sie es dem Licht nicht mehr erlauben, sie zu durchdringen. Wie in tiefe Schatten getaucht schweben sie über dem Strom auf mich zu, dessen Wasserfläche, von keinem Lüftchen gekräuselt, wie ein ebenerdiger Spiegel wirkt, in dem sich kopfunter eine zweite Welt zu befinden scheint. Wenn ich nur lange genug in diesen Spiegel hineinschaue, gewinne ich den Eindruck, ich müßte mich nur kopfüber hineinstürzen, um direkt in diese andere Welt zu gelangen.

Abenddämmerung am Prerower Strom
Abendliche Welt im Spiegel – Dämmerung am Prerower Strom.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Die Zweige der Bäume um mich herum sind immer noch kahl, so als wollten sie abwarten, ob der aufkommende Frühling die Rückzugsgefechte, die der Winter noch gegen ihn führt, auch wirklich nachhaltig gewinnt. So fällt es schwer, die jeweilige Baumart zu identifizieren, sieht man einmal von den Erlen ab, die sich mit ihren kleinen, tiefschwarzen, vom Vorjahr übriggebliebenen Zapfen deutlich zu erkennen geben. Doch halt, da ist doch ein Baum, der seine kahle Zurückgezogenheit bereits aufzugeben beginnt. An einem Zweig entdecke ich vier kleine Kätzchen – Blütenstände, die von zartem, hellgrauem Flaum umgeben sind, aus dem kleine Spitzen wie Nadeln herausstechen, an deren Enden winzige gelbe Punkte zu sehen sind. Diese kleinen Weidenkätzchen kündigen wie freundliche Boten den nahenden Frühling an, noch bevor die Weide, an deren Zweigen sie sacht in der Abendluft schaukeln, auch nur ein einziges Blatt hervorgebracht hat.

Weidenkätzchen am Prerower Strom
Vorboten des nahenden Frühlings – Weidenkätzchen an einem Zweig.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Ich bleibe eine ganze lange Weile auf der Bank am Rand des Stroms sitzen und genieße den Frieden und die Stille um mich herum. Weiter und weiter sinkt die Sonne, bis sie so tief steht, daß ihre Strahlen unterhalb eines großen Wolkenfeldes hervorbrechen. Von einem Moment zum anderen scheint der Himmel in Flammen zu stehen, und das nicht nur einmal, sondern dank des großen Spiegels vor mir gleich zweimal. Feuer von oben und Feuer von unten und dazwischen der tiefschwarze Streifen des Waldes, ebenfalls zweigeteilt in Bäume, die aufwärts wachsen, und andere, die nach unten zu streben scheinen. Es ist ein faszinierendes Panorama, das die Natur vor meinen Augen entrollt, wie ein Schauspiel aus einer wunderbaren Welt der Fantasie.

Sonnenuntergang am Prerower Strom
Entflammter Himmel am Prerower Strom.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Plötzlich höre ich hinter mir aufgeregtes Schnattern. Doch noch bevor ich mich nach dem mir nur allzu bekannten Geräusch umdrehen kann, schwebt ein dunkler Schatten über mich hinweg und vor mir auf den Strom hinaus. Eine einzelne, verspätete Graugans fliegt in die heimatlichen Gefilde ein und kündigt den im Schilf vermutlich verborgenen Artgenossen ihr Kommen an. Von irgendwo weiter entfernt ist tatsächlich eine Antwort zu hören. Die Gans lenkt ihren Flug unverzüglich in die entsprechende Richtung und ist, da sich die abendlichen Schatten inzwischen schon recht weit aus dem Wald heraus- und auf die Wasserfläche hinausgewagt haben, bald meinen Blicken wieder entschwunden.

Diese Störung der abendlichen Ruhe hat jedoch auch mich aus meinem Sinnen gerissen, so daß ich beschließe, meinen Weg in Richtung Strand fortzusetzen. Angesichts der zahlreichen Wolken bezweifle ich zwar, daß es möglich sein wird, die Sonne hinter den Horizont sinken zu sehen, doch auf einen schönen Abendhimmel über dem Meer darf ich wohl nach dem, was sich hier bereits meinen Augen geboten hat, allemal hoffen.

Diese meine Hoffnung wird tatsächlich nicht enttäuscht. Bereits oben auf der Düne ist der entflammte Himmel in all seiner Pracht zu bewundern. Die Sonne wird von den Wolken vollständig verborgen, doch haben diese ein großes Stück des sich über mir wölbenden Firmaments freigelassen, das in allen leuchtenden Farben zwischen knalligem Gelb und feurigem Rot erstrahlt und die es einrahmenden Wolken dafür um so dunkler erscheinen läßt. Das Meer ist noch immer völlig ruhig und eben. Nicht eine Welle läßt sich blicken.

Sonnenuntergang am Prerower Nordstrand
Entflammter Himmel an der Ostsee.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Weiter unten am Strand stehen die Strandkörbe verträumt im Sand. Tagsüber von Menschen gut besucht, sind sie nun allesamt leer und verlassen. Im abnehmenden Licht des Tages werden sie nach und nach von den um sich greifenden Schatten verschluckt. Es dauert eine Weile, bis mir bewußt wird, daß das Verlöschen des Lichtes nicht allein dem anhaltenden Sinken der Sonne hinter dem Horizont geschuldet ist, sondern daß auch die Wolken mehr und mehr den Himmel erobern und seine freien Stellen weiter und weiter zurückdrängen. Stumm stehe ich am Ufer des Meeres und schaue zu, wie die Nacht den müden Tag zur Ruhe bringt, bis es schließlich nahezu dunkel ist.

In vollkommener Gelassenheit und innerem Frieden mache ich mich auf den Rückweg, zurück durch den Dünenwald, wandle über den Strom und durch die Straßen des Ortes, in denen mittlerweile kleine Straßenlampen entzündet worden sind, die winzige Inseln des Lichts in die Nacht legen, um abendlichen Spaziergängern wie mir den Weg zu weisen. In mir ist nur noch Ruhe, die Hektik des Alltagslebens in der Großstadt scheint mir in weitester Ferne und ich genieße das Gefühl völliger Entspannung. Ich sollte mir mehr Zeit für Abende wie diesen nehmen…

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Referenzen

Referenzen
↑1 Auf der Suche nach einer Erklärung finde ich auf verschiedenen Seiten im Internet und auch in den sozialen Netzwerken Fotos, die die von Marc Moser geschaffene Brille mal am Strand und mal am Zingster Hafen zeigen. Offenbar hat sie unmittelbar gar nichts mit dem Fotografie-Zentrum zu tun, sondern wechselt einfach immer mal wieder ihren Standort. Und sie hat sogar einen Namen: Sea Pink II. Sie soll, so heißt es in einer Beschreibung, dazu einladen, die Welt durch einen rosaroten Filter zu betrachten, denn ihre Brillengläser sind von eben dieser Farbe. Nun ja. Für mich ist das etwas zu gewollt.
↑2 HO stand in der DDR für Handelsorganisation. Das war ein staatliches Unternehmen des Einzelhandels, das mit der Bandbreite der von ihm angebotenen Waren und der ihm unterstehenden Läden alle Bereiche des privaten Lebens umfaßte, von Lebensmitteln bis zu Haushaltswaren.
↑3 In der Umgangssprache bekannter ist die Bezeichnung „Beiboot“ für ein einem größeren Schiff beigegebenes Boot. Dieses kann allerdings normalerweise nicht selbständig operieren. Weil die von den deutschen Seenotrettern verwendeten „Beiboote“ dazu allerdings in der Lage sind und auch ganz allein unterwegs sein können, werden sie von ihnen eher als Tochterboote bezeichnet (auch wenn sie einen männlichen Namen erhalten haben). Mittlerweile hat sich dieser Begriff für diese Art „Beiboote“ sogar international durchgesetzt. Für diese Erklärung danke ich erneut Christian Stipeldey, dem Pressesprecher der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS).
↑4 Auf der Website Deutschland-Lese ist die Ballade Nis Randers von Otto Ernst zu finden. Weitergehende Informationen zum Schiff der Seenotretter sind auf deren Website seenotretter.de zu finden.
↑5 Zu finden ist diese Beschreibung auf der Website Fischland-Darß-Zingst.

Doch mal pünktlich! – Also fast…

Dieser Beitrag ist Teil 4 von 6 der Beitragsserie "Aus den Notizen eines Bahnfahrers"
Aus den Notizen eines Bahnfahrers (IV)

Wenn man die deutsche Bahn für ihre Probleme, die sie ihren Kunden derzeit so oft bereitet, kritisiert, dann muß man fairerweise auch erwähnen,  wenn etwas einmal besser läuft.

Und so will ich nicht versäumen zu vermelden,  daß ich meinen ICE heutigentags in Köln nicht nur trotz Verspätung des Zubringerzuges noch erreicht habe und er auch noch auf die Minute pünktlich abgefahren ist,  sondern daß er es überdies fast geschafft hat, pünktlich in Berlin anzukommen.  Fast. Ganze elf Minuten Verspätung nur auf dieser langen Strecke quer durch Deutschland – das passiert nicht oft. Bravo!

Auch wenn, was man so hört, die Schweizer Bahnen das absurd finden mögen – sie sollen ja sagenhaft pünktlich verkehren -, ich bin hinsichtlich der hiesigen Verhältnisse regelrecht begeistert. Auch wenn die Wagenreihung wieder mal umgedreht war. Aber man kann halt heutzutage nicht alles haben…

Wie die Bahn neuerdings verpaßte Anschlüsse vermeidet

Dieser Beitrag ist Teil 2 von 6 der Beitragsserie "Aus den Notizen eines Bahnfahrers"
Aus den Notizen eines Bahnfahrers (II)

Die Bahn wird ja oft kritisiert, weil sie mit ihren ständigen Verspätungen das Erreichen von Anschlußzügen unmöglich macht.

Das hat sie sich zu Herzen genommen und darauf jetzt reagiert.

Also keine Verspätungen mehr? Aber nicht doch! Wo kämen wir denn in diesem Land hin, wenn wir anfangen würden, die Probleme wirklich zu lösen… Am Ende würde noch alles funktionieren und wir bräuchten plötzlich keine teuren Berater mehr.

Nein. Die Bahn sorgt jetzt dafür, daß die Anschlußzüge auch mehr als eine Stunde Verspätung haben. Dann erreicht man sie auch wieder. Problem erfolgreich umgangen.

Zwischen Bodden und Meer

Dieser Beitrag ist Teil 4 von 7 der Beitragsserie "Urlaub in Prerow 2023"

Stille.

Ringsum ist kein Laut zu hören. Das ist zumindest mein erster Eindruck, als ich hier, mitten im Dünenwald, für ein paar Minuten innehalte und lausche. Gerade ist die zehnte Stunde des Tages abgelaufen, und auf dem namenlosen Waldweg inmitten der zahllosen Kiefern läßt sich keine Menschenseele entdecken.

Stille.

Wie bereits zwei Tage zuvor malt die Sonne wieder helle Lichtflecken auf den von niedrigen Sträuchern bestandenen Waldboden. Und der Himmel über den Wipfeln der Bäume erstrahlt in einem satten tiefen Blau.

Stille.

Das ist zumindest das, was meine die Großstadt gewöhnten Ohren, geeicht auf deren nahezu ununterbrochenen Lärm, der des Nachts lediglich ein wenig abflaut, doch nie ganz verschwindet, mir zunächst übermitteln. Es dauert seine Zeit, bis sie wahrzunehmen beginnen, daß da mehr ist. Zunächst dringt ein sachtes Rauschen in mein Bewußtsein, zwar nur leise, aber doch vorhanden; mal anschwellend, dann wieder abflauend; eben noch säuselnd und weit entfernt, so daß ich es für das Rauschen des hinter den Dünen gelegenen Meeres halten könnte, ist es plötzlich direkt über mir und um ein Vielfaches lauter, läßt mich unwillkürlich den Blick zu den Kronen der Kiefern heben, die sich sanft hin- und herwiegen. Und gleich entfernt es sich wieder, wird leiser und leiser, bis es schließlich kaum noch zu vernehmen ist. Doch da scheint es auch schon zurückzukehren, nimmt wieder zu und dringt erneut an mein Ohr. Nein, das sind nicht die Wellen des Meeres, das ist der Wind, der an diesem Morgen gemächlich über den Dünenwald streicht, mit den Baumwipfeln spielt und sie gewissermaßen zum Klingen bringt. Und auch die Stämme der Bäume stimmen ein, denn auf einmal nehme ich ein tiefes Knarren und Knarzen wahr, das, so scheint es mir, irgendwie zufrieden klingt, so als ob die Bäume glücklich darüber wären, sich hin- und herwiegen zu können, sich dabei zu strecken und zu dehnen. Und irgendwie verstärken diese Töne des Waldes in mir den Eindruck absoluter Ruhe, die sich für mich nun allerdings nicht mehr als Geräuschlosigkeit ausdrückt, sondern als die Abwesenheit jeglichen unkontrollierten Lärms und Stresses.

Im Prerower Dünenwald
Ein Morgen im Dünenwald.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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In dieser Stimmung angekommen, nehme ich plötzlich auch andere Geräusche wahr. Von irgendwo ertönt der fröhliche Ruf eines Vogels, der um so stärker in mein Bewußtsein dringt, als das Federvolk an diesem Morgen offenbar beschlossen hat, kein lautstarkes Konzert zu veranstalten, sondern ebenfalls die Ruhe des Waldes zu genießen; eine Ruhe, die der irgendwo auf einem Ast sitzende kleine Piepmatz mit seinem fröhlichen Zwitschern nur unterstreicht. Und was war das?! Hat da nicht eben etwas hinter mir geraschelt? Da! Schon wieder! Je länger ich hier innehalte und lausche, desto mehr Geräusche dringen an mein Ohr und überschreiten die Schwelle meiner Wahrnehmung. Geräusche, die ich sonst im Lärm der Großstadt nie zu hören in der Lage bin. Regungslos stehe ich noch eine ganze Weile mitten im Wald und höre zu…

Daß ich mich um diese Zeit bereits hier im Dünenwald aufhalte, hat seinen Grund. Ich bin unterwegs zu einer Verabredung, die ich allerdings nicht mit einer Person, sondern mit einer Unternehmung habe, die für den heutigen Vormittag geplant ist und für die das Wetter gar nicht besser sein kann. Mein Ziel ist der im Prerower Strom gelegene Hafen. Als ich am gestrigen Abend dort vorübergekommen war, hatte ich herausgefunden, daß man Schiffstouren durch den Strom anbot, die bis in den Bodstedter Bodden führen. Und nach all der Lauferei in den letzten drei Tagen hatte ich spontan beschlossen, daß mir für heute ein Ausflug ganz gut täte, bei dem ich es etwas ruhiger würde angehen können. Und so bin ich nun unterwegs zur Anlegestelle, wobei ich mir anstelle des Weges durch den Ort, die Hauptstraße entlang einen kleinen Umweg gönne, der mich den Hauptübergang entlang zum Strom und darüber hinweg hierher in den Dünenwald geführt hat.

Nach der morgendlichen Andacht im Wald innerlich zur Ruhe gekommen, setze ich schließlich meinen Morgenspaziergang fort. Der Weg, in den ich vom Hauptübergang eingebogen bin und dem ich nun folge, verläuft in östlicher Richtung durch den Dünenwald, bis er eine scharfe Biegung nach Südosten macht und kurz darauf den großen Deich erreicht. Ich treffe dort an genau der Stelle ein, wo ich tags zuvor zur Seemannskirche abgebogen war. Geradeaus über den Deich hinweggehend, folge ich auch heute dieser Route, lasse jedoch, als ich sie erreicht habe, die kleine Kirche und den sie umgebenden Friedhof hinter mir und gehe weiter zur Straße, die Prerow hier verläßt und hinüber nach Zingst führt. Dort angekommen, sind es nur noch ein paar Meter bis zum Hafen. Da ich jedoch trotz meines Verweilens im Wald bis zur Abfahrt meines Schiffes noch mehr als eine Stunde Zeit habe, wende ich mich anstatt nach rechts in die entgegengesetzte Richtung, wo, wie ich weiß, der alte Prerower Bahnhof zu finden ist. Wenn ich schon einmal in dieser Gegend bin, dann will ich doch auch einmal einen Blick darauf werfen.

Es sind nur wenige Meter bis dorthin. Die Straße macht einen kleinen Schwenk nach links und gibt so den Platz frei für ein Gelände, das von einem großen roten Ziegelbau dominiert wird, der seine Herkunft eines alten Bahnhofsgebäudes kaum verleugnen kann. Da er parallel zur Straße ausgerichtet ist, wendet er mir seine westliche Schmalseite zu, die von sechs großen Bogenfenstern dominiert wird, deren fünf unmittelbar nebeneinander liegen, während das sechste sich in einigem Abstand zu diesen an der abgeschrägten Hausecke befindet. Bei genauerem Hinsehen stelle ich fest, daß es sich bei einem der fünf Fenster eigentlich um eine Tür handelt. An dieser bemerke ich auch den ersten deutlichen Hinweis auf die Eisenbahnvergangenheit des Gebäudes, denn in dem über ihr befindlichen oberen Bogenfeld ist der Flügel eines einstigen Formsignals zu sehen. Der zweite untrügliche Hinweis besteht in der ebenfalls bogenförmigen Aufschrift, die an der Ziegelwand zwischen dem abgesetzten Fenster und den anderen fünf angebracht worden ist. Alter Bahnhof steht dort weithin sichtbar. Und darunter: Restaurant. Wahrscheinlich ist es hinter den aneinandergereihten Bogenfenstern zu finden, die den Eindruck vermitteln, zu einem größeren Saal zu gehören.

Der alte Bahnhof in Prerow
Wo einst das eiserne Roß schnaufte… – der alte Bahnhof von Prerow.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Über diesem Erdgeschoß türmt sich bereits das schwarze Dach des alten Gebäudes, das in mehreren Abstufungen schräg nach oben aufragt und wenigstens einer weiteren Etage unter sich Platz gewährt. Tatsächlich ist es höher als die Ziegelwand und die Fenster, die das zu ebener Erde gelegene Geschoß bilden. Als ich der Straße weiter folge, um neben das Gebäude zu gelangen, kann ich nach und nach seine gesamte, dieser zugewandte Längsseite in Augenschein nehmen und dabei weitere Hinweise auf die mit der Eisenbahn in Verbindung stehende Geschichte des Hauses entdecken – wie die aus der Hauswand ragende kreisrunde Bahnhofsuhr mit ihrem schwarzen Rahmen, die sich, wie es sich für eine gute Bahnhofsuhr gehört, beharrlich weigert, die korrekte Zeit anzuzeigen. Am davor verlaufenden Zufahrtsweg steht ein dreieckiges Verkehrsschild mit rotem Rand, auf dem eine schwarze Dampflokomotive zu sehen ist. Der unbeschrankte Bahnübergang, vor dem es warnt, ist allerdings nirgends zu finden.

Die Mitte des Gebäudes wird von einer nach oben hin spitz zulaufenden Giebelwand gebildet, in der sich unzweifelhaft der Haupteingang befindet, über dem sich der bogenförmige Schriftzug Alter Bahnhof wiederholt. Der Zusatz Restaurant fehlt hier zwar, doch gibt es eine andere Ergänzung. Denn mag man früher auch als Reisender durch diese Tür den Bahnhof betreten haben, so verkündet die Aufschrift auf dem der Tür vorgelagerten Baldachin in großen Lettern nun, wohin man heute gelangt, wenn man sie durchschreitet. HOTEL ist dort zu lesen. Die drei Sterne über dem Buchstaben in der Mitte des Wortes machen deutlich, daß es sich durchaus um ein Etablissement mit Anspruch handelt. Unmittelbar vor diesem Haupteingang sind auch die beiden deutlichsten Hinweise darauf zu finden, daß dies hier einst ein Bahnhof war: ein intaktes Formsignal mit einem schräg nach oben ragenden Flügel, der der darunter auf einem Gleisfragment aufgestellten kleinen Diesellokomotive vom Typ Kö II des Herstellers Krupp freie Fahrt anzeigt – ein Hinweis, der angesichts des direkt vor der Lok aufgestellten Prellbocks etwas ironisch wirkt.

Der alte Bahnhof in Prerow
Es fährt ein Zug nach nirgendwo… – die alte Diesellok Kö II vor dem alten Bahnhof in Prerow.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Ein Hotel also. Da ergeht es diesem alten Bahnhofsgebäude definitiv besser als manch anderem seiner Geschwister an den Bahnstrecken in ganz Deutschland, die man mittlerweile stillgelegt hat, um lieber die Kosten und Profite zu optimieren als die der Bevölkerung zur Verfügung gestellten Verkehrsverbindungen. Und selbst an Bahnstrecken, die noch in Betrieb sind, verfallen viele der einst stolzen Bahnhofsgebäude, weil ihre Erhaltung Geld kosten und so die genannten Profite schmälern würde. Dieser alte Bahnhof hingegen sieht ausgesprochen gepflegt und gut erhalten aus.

Daß hier ein Zug hielt, ist schon viele Jahre her. Die Geschichte der hiesigen Eisenbahn begann im Jahre 1888, als man zwischen Velgast und Barth eine neu geschaffene Zugverbindung in Betrieb nahm. Weil jedoch die Zahl der Badegäste, die des Sommers in die hiesigen Ostseebäder strömten, stetig zunahm, entschloß man sich zwanzig Jahre später, die Strecke über Zingst bis nach Prerow zu verlängern. Bereits nach nur zwei Jahren Bauzeit ging die sogenannte Darßbahn in Betrieb. Sie war ein überwältigender Erfolg. In kürzester Zeit mußten die Dampfschifflinien, die bis dahin das Monopol auf die Verkehrsverbindung zum Festland hatten, ihren Betrieb einstellen. Mit der Eisenbahn und deren unbestreitbarem Vorteil, ihren Betrieb auch im Winter uneingeschränkt aufrechterhalten zu können, waren sie nicht in der Lage zu konkurrieren. Jahr für Jahr erreichte die Darßbahn steigende Fahrgastzahlen.

Das Sturmhochwasser von 1913, das die Strecke beschädigte, und der kurz darauf Europa verheerende Erste Weltkrieg sorgten dann jedoch für einen großen Einbruch, von dem sich die Bahn auch in den 1920er Jahren nicht so recht erholen konnte, als Deutschland von verschiedenen ökonomischen Krisen heimgesucht wurde. Erst die dreißiger Jahre brachten wieder einen Aufschwung, mit dem die Darßbahn an ihre einstige Bedeutung, die sie vor dem Ersten Weltkrieg hatte, anknüpfen konnte.

Der Zweite Weltkrieg brachte mit seinen Folgen schließlich das Ende der Darßbahn. Zwar überstand die Strecke die Kriegshandlungen weitestgehend unbeschädigt, doch wurde der Abschnitt zwischen Prerow und Bresewitz kurz nach Kriegsende abgebaut. Die Gleise hatten als Reparationsleistung für die Sowjetunion zu dienen. Seitdem ist in Prerow kein Zug mehr gefahren. Nur wenige Jahre später kam dann auch der Zugverkehr zwischen Barth und Bresewitz endgültig zum Erliegen, als dieser Streckenabschnitt das Schicksal des ersten teilte. Seitdem können Fahrgäste mit der Eisenbahn nur noch bis Barth fahren, so wie auch ich es bei meiner Anreise vor einigen Tagen getan hatte. In den 1960er Jahren baute man zwar die Strecke bis Bresewitz wieder auf, doch blieb sie der Nationalen Volksarmee der DDR vorbehalten, die sie zur Versorgung ihres Stützpunktes auf der Halbinsel Zingst nutzte. Das Ende der DDR bedeutete dann allerdings das endgültige Aus jeglichen Eisenbahnverkehrs ab Barth.

Heute besteht die Trasse der einstigen Darßbahn noch immer, wenn auch auf den verschiedenen Abschnitten in stark unterschiedlichem Zustand. Teils liegen noch Gleise, teils wird sie als Radweg genutzt. Zwischen Zingst und Prerow ist sie hingegen kaum noch wahrnehmbar. Die Bahnhofsgebäude wurden in den 2000er Jahren saniert. Dies diente jedoch nicht etwa einer Wiederinbetriebnahme der Strecke, sondern lediglich der Vorbereitung des anschließenden Verkaufs an Privatleute. Aus diesem Grunde ist der alte Bahnhof Prerow heute ein Hotel.

Wie lange dieses noch Bestand haben wird, ist heute allerdings durchaus fraglich. Im Jahre 2002 hatte nämlich die Usedomer Bäderbahn den Personenverkehr zwischen Velgast und Barth übernommen. Seitdem haben Überlegungen zur Wiederherstellung der Darßbahn mehr und mehr an Gestalt gewonnen. Doch wie bei so ziemlich allem, was im heutigen Deutschland unter Beteiligung der öffentlichen Hand in Angriff genommen wird, mahlten die Mühlen der Bürokratie unendlich langsam. Es dauerte bis zum Jahr 2020, daß die Wiedererrichtung der Strecke von Barth über Zingst nach Prerow schließlich wenigstens beschlossen wurde. Man rechnet momentan mit einer Bauzeit bis 2028. Ich vermute jedoch, daß es wesentlich länger dauern wird, denn auf meiner Busfahrt von Barth nach Prerow im Zuge meiner Anreise, die ein großes Stück parallel zur einstigen Trasse der Darßbahn vonstattenging, konnte ich absolut nirgends auch nur den kleinsten Anschein von im Gange befindlichen Bauarbeiten erkennen. Wahrscheinlich hat man bisher noch nicht einmal damit begonnen. So wird wohl auch das Hotel im Alten Bahnhof von Prerow noch einige Jahre vor sich haben.

Zwar liegt die Abfahrt meines Schiffes noch immer in komfortabler zeitlicher Entfernung, doch gibt es hier nicht viel mehr Interessantes zu sehen. So mache ich mich auf den Weg zum Hafen. Vielleicht kann ich mich ja dort noch ein wenig umschauen. Im Weggehen werfe ich noch einen Blick hinter das alte Bahnhofsgebäude, wo sich einst der Bahnsteig mit den Gleisen befunden haben muß. Nach meinem Eindruck ist er noch vage zu erkennen, auch wenn das Gelände heute vollständig grasbewachsen und mit einem Spielplatz versehen ist. Sollte hier in Zukunft jemals wieder ein Zug verkehren, werde ich ganz sicher einmal an diesem Bahnhof aus einem aussteigen. Vorausgesetzt natürlich, das geschieht noch zu meinen Lebzeiten. In Deutschland weiß man ja nie…

Gute fünf Minuten später bin ich am Hafen angekommen. Gerade als ich von der Straße abbiege, um zu dem kleinen Kai zu gelangen, an dem zwei Schiffe angelegt haben, wird bei dem ersten der beiden der Zugangssteg eingezogen. Langsam setzt es sich in Bewegung, wobei sich zwischen Schiffsrumpf und Kai eine stetig größer werdende Lücke auftut. Um dort mitzufahren, bin ich definitiv zu spät dran. Glücklicherweise hatte ich das gar nicht vorgehabt. Genaugenommen hatte ich nicht einmal damit gerechnet, dieses Schiff hier noch anzutreffen, denn meinen am Abend vorher in Erfahrung gebrachten Informationen zufolge sollte es eigentlich bereits seit gut zehn Minuten unterwegs sein. Offenbar läßt man sich hier Zeit. Doch warum auch nicht? Schließlich geht es ja nur um eine Ausflugsfahrt und nicht um einen Fährbetrieb.

Das Schiff entfernt sich zusehends vom Ufer, wendet und nimmt, als es die Mitte des Stroms erreicht hat, Fahrt auf. MS Ostseebad Prerow kann ich an seiner Seite lesen. Dem Aufsteller neben seinem Liegeplatz am Kai entnehme ich, daß es von der Reederei Rasche betrieben wird. Von moderner Bauart, macht es einen durchaus schnittigen Eindruck. Als Passagier hat man, soweit ich es von hier aus sehen kann, die Wahl, ob man im unteren Fahrgastraum oder oben auf dem Sonnendeck sitzen möchte. Wie es scheint, haben sich die meisten der an Bord befindlichen Fahrgäste für die zweite Möglichkeit entschieden, was angesichts des momentan absolut wolkenlosen blauen Himmels und der strahlenden Sonne nicht verwundert. Eine Fahrt auf diesem Schiff wäre sicher angenehm gewesen, doch hatte ich mich bereits am Abend zuvor für die Tour mit der MS Baltic Star entschieden, die eine Stunde später abfahren soll. Der Grund ist ebenso einfach wie kitschig: bei der Baltic Star, die von der Konkurrenzreederei Poschke betrieben wird, handelt es sich um einen Schaufelraddampfer.

Die "Baltic Star" im Prerower Hafen
Ein Dampfschiff ohne Dampf – die Baltic Star im Prerower Hafen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Nun ist es nicht so, daß Schaufelraddampfer im Stil nordamerikanischer Flußschiffe hier in Prerow eine besonders ausgeprägte Tradition hätten. Genaugenommen ist der Prerower Strom, wie ich bereits weiß, nicht einmal ein Fluß. Auch findet man heute auf vielen Flüssen in Deutschland, die Schiffahrt ermöglichen und wo man sich mit Urlaubern ein gutes Geschäft versprechen darf, derartige Schaufelraddampfer mit ihren übereinanderliegenden, mit balustradenartigen Geländern versehenen charakteristischen Oberdecks und den beiden nach oben hin in gezackten Kronen auslaufenden Schornsteinen, aus denen man jedoch kaum einmal Rauch aufsteigen sieht, denn das Heizen mit Kohle wäre in heutigen Zeiten kaum noch wohlgelitten, erst recht nicht in einem Nationalpark wie dem hiesigen Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft. Und doch sind diese historisierenden Schiffe bei den Urlaubern stets außerordentlich beliebt, muß man doch auf diese Weise nicht bis nach Amerika und erst recht nicht in der Zeit zurückreisen, um sich einmal wie auf einem großen Flußdampfer auf dem Mississippi in den Südstaaten der USA des 19. Jahrhunderts zu fühlen. Ich bilde da keine Ausnahme. Unwillkürlich kommen mir die Digedags in den Sinn, jene von Hannes Hegen erdachten Helden der Mosaik genannten Comicreihe, die mich in meiner Kindheit und Jugend begleitet haben und in deren ersten Ausgaben der Amerika-Serie ich ein Wettrennen zwischen zweien dieser Mississippi-Dampfer hautnah miterleben konnte. Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich diese Geschichten schon gelesen habe. Auch heute noch nehme ich sie immer wieder einmal aus dem Schrank und vertiefe mich für einen Abend oder zwei in die Welt der Digedags, die in den verschiedensten Teilen der Erde zu den unterschiedlichsten Perioden der Weltgeschichte, ja sogar in der Zukunft im Weltraum ihre Abenteuer erleben – und damals wie heute meine Phantasie beflügeln. So ist es für mich kein Wunder, daß ich, als ich tags zuvor von diesem Dampfer erfuhr, ohne groß nachzudenken entschied, daß meine heutige Ausflugsfahrt in den Bodden mit ihm stattzufinden hätte.

Doch noch habe ich eine gute Dreiviertelstunde Zeit bis zur Abfahrt. Die nutze ich nun, um mich ein wenig im Umfeld des Hafens umzusehen. Über ihn selbst ist nicht allzu viel zu sagen. Betritt man so wie ich den Hafenbereich von der Straße aus, gelangt man unmittelbar an den Kai für die Fahrgastschiffe. Von hier aus brechen die Schiffe zu den Boddenfahrten auf, doch auch Fähren legen hier an, die Prerow zu Wasser mit Born und Bodstedt verbinden. Während man ersteres noch gut auch per Straße erreichen könnte, erforderte dies für letzteres schon eine recht weite Umfahrung des Bodstedter Boddens. Auf der dem Kai gegenüberliegenden Seite des Stroms ist dessen Ufer dicht mit Schilf bestanden. Dort stehen drei alte Holzhäuser mit charakteristischen Reetdächern, in deren Rücken die Straße vorüberführt. Den ihnen beigegebenen Stegen mit den daran vertäuten Ruderbooten nach zu urteilen, sind diese kleinen Fischerhütten heute noch in Benutzung.

Fischerhütte am Prerower Hafen
Eine der drei am Prerower Hafen gelegenen alten Fischerhütten.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Das Ende des Kais bedeutet jedoch nicht das Ende des Hafens, wie ich feststellen kann, als ich dort angekommen bin. Vor mir sehe ich nun die ausgedehnte Wasserfläche des Stroms, der, so liest man häufiger, hier am Hafen endet. Tatsächlich stimmt das, wie ich bereits weiß, nur zum Teil, war doch der Prerower Strom einst mit der Ostsee verbunden und wurde erst nach der großen Sturmflut des Jahres 1872 von dieser getrennt. Reste des Stroms sind allerdings auch heute noch jenseits der am Hafen vorüberführenden Straße vorhanden, wo sie wie kleine, aneinandergereihte Seen wirken. Die beiden Gewässer links und rechts des Hauptübergangs, die das Zentrum des Ortes vom Dünenwald trennen, gehören dazu.

Die vor mir liegende Wasserfläche wird zu beiden Seiten von schilfbewachsenen Ufern eingefaßt, von deren rechtem – dasjenige, an dem ich mich befinde – drei große Stege bis fast zur Mitte des Stroms hinausragen, die von jeder Menge Pfählen gesäumt werden. Sie markieren die fast sechzig Liegeplätze für jede erdenkliche Art von Booten. Jetzt in der Vorsaison ist jedoch noch kein einziger belegt, was mir einen ungehinderten Blick auf die Landschaft rings um den Strom gewährt. Nur ganz hinten, nahe dem Horizont, zieht ein Schiff einsam seine Bahn den Strom entlang. Es ist eben jenes, das seine Fahrt begonnen hatte, als ich am Hafen eintraf.

Am Prerower Hafen
Pfähle und Stege, doch keine Boote – der Prerower Hafen im April.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Ich wandere ein Stück den vom Kai wegführenden Uferweg entlang, der mich hinter dem Schilf zu den Stegen bringt. Dabei entdecke ich eine hier aufgestellte große Informationstafel, die sich vornehmlich an die Wassersportler und -wanderer richtet, denen sie Verhaltensregeln und Hinweise für die Befahrung der Boddengewässer vermittelt. Für mich ist sie jedoch trotzdem interessant, da sie auch eine Karte der gesamten Boddenlandschaft des hiesigen Nationalparks zeigt und die einzelnen Gewässer, die bis hinüber zur Insel Rügen reichen, näher beschreibt. So erfahre ich beispielsweise, daß die Fischland, Darß und Zingst vom Festland trennenden Wasser von insgesamt vier verschiedenen Bodden gebildet werden. Ganz am Ende der Kette liegt der Saaler Bodden, an dessen südlicher Spitze sich die Stadt Ribnitz-Damgarten befindet. Mit seinen ausgedehnten Sandbänken bietet er wichtige Nahrungsgründe für viele Arten von Entenvögeln. Brandgänse, Löffelenten und Krickenten sind nur einige der Artenbezeichnungen, die ich noch nie zuvor gehört habe.

Auf den Saaler Bodden folgt, mit ihm durch den sogenannten Koppelstrom verbunden, der Bodstedter Bodden, der das Ziel meiner heutigen Fahrt sein soll. Die Tafel verrät mir, was ich zu sehen bekommen werde: Bülten und Haken. Und bevor ich beginnen muß zu rätseln, was das wohl sein möge, wird es mir auch erklärt. Bülten sind Inseln, Haken Halbinseln. Beide sind sie flach, bestehen aus Torf und säumen die Randbereiche des Boddens. Hier haben sie Salzgras und Brackwasserröhricht die Möglichkeit geboten, sich im Übergangsbereich vom Land zum Wasser anzusiedeln, so daß sich Moore gebildet haben, die teilweise schon recht alt sind – ein einzigartiger Lebensraum, in dem eine Vielzahl verschiedener Arten Wasservögel seine Brutgebiete gefunden hat.

Der Bodstedter Bodden hatte einst eine direkte Verbindung zur Ostsee – den Prerower Strom. Über die Meerenge Meiningen gelangt man vom Bodstedter Bodden in den Zingster Strom und zum östlich gelegenen Barther Bodden. Dieser ist vergleichsweise flach und reich an Fischen, was sowohl Wasservögeln als auch Menschen eine gute Lebensgrundlage gewährt. So ist es kein Wunder, daß die beiden Boddeninseln Kirr und Barther Oie sich zu regelrechten Vogelbrutgebieten entwickelt haben. Über sechzig verschiedene Arten sollen es sein, die hier nisten. Darüberhinaus dient dieses Gebiet Kranichen auf ihren Zügen als Rastplatz. Besonders im Herbst, wenn sie mit ihren Nachkommen unterwegs sind, halten sich die Kraniche hier länger auf und können zu dieser Zeit sehr gut beobachtet werden.

Die Kavelnrinne führt vom Barther Bodden in den Grabow, der sich noch weiter im Osten befindet und das einzige dieser flachen Gewässer ist, das auf den Begriff Bodden in seinem Namen verzichtet. Vielleicht liegt der Grund darin, das er der Ostsee am nächsten gelegen ist und so den Übergang zu ihr bildet. Dieser wird von zwei größeren Inseln, dem Großen und dem Kleinen Werder, versperrt, die den Kranichen auf ihrem Herbstzug als Rastplatz dienen. Zehntausende dieser Vögel übernachten dann hier, die es zu würdigen wissen, daß sie auf diesen Inseln vor dem Zugriff von Füchsen sicher sind. Der Grabow ist mit vier Metern in seinem Zentrum recht tief, seine Randbereiche weisen allerdings ausgedehnte Areale auf, in denen das Wasser recht flach ist. Sie wurden von Salzwasserfischen wie dem Hering zu ihrem Laichgebiet erkoren. Wegen des geringen Salzgehalts der Boddengewässer haben jedoch auch Süßwasserfische wie Hechte und Zander hier Räume für ihre Fortpflanzung gefunden.

Zur Boddenlandschaft im Nationalpark gehören der Tafel zufolge auch der Wieker und der Kubitzer Bodden, die sich jedoch schon im Einzugsgebiet der Insel Rügen befinden und somit nicht mehr Teil der Fischland, Darß und Zingst vom Festland trennenden Wasserlandschaft sind.

Hafen und Alter Bahnhof Prerow
Ein Bahnhof und ein Hafen einträchtig nebeneinander.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Ich spaziere weiter am Ufer entlang, inspiziere die Stege des Hafens aus nächster Nähe und stoße auf ein kleines Häuschen, in dem die Besitzer der im Hafen anlandenden Schiffe solch wichtige Einrichtungen wie ein WC, eine Dusche oder eine Waschmaschine finden können. Zu dieser Zeit des Jahres scheint es allerdings geschlossen zu sein, was aber nicht weiter schlimm ist, denn es liegt ja auch kein Boot im Hafen vor Anker. Über das Schilf hinweg kann ich zur anderen Seite des Stroms blicken, wo ich nun das Gebäude des alten Prerower Bahnhofs mit seiner Bahnsteigseite direkt vor mir habe. Ich stelle mir die rauchende und fauchende Dampflok an der Spitze eines Zuges vor, wie sie dort mit den hinter ihr aufgereihten Waggons am Bahnsteig steht und ungeduldig darauf wartet, daß es endlich losgeht. Vielleicht ist es ja in nicht allzu ferner Zukunft wieder soweit. Nur eine Dampflokomotive wird es dann wohl nicht mehr sein, die die Waggons hinter sich herzieht…

Als der Weg an einem geschlossenen Bootsverleih schließlich endet, wende ich mich landeinwärts, wo hinter einer Wiese ein vergleichsweise niedriger Deich verläuft, hinter dem sich ein paar Häuser befinden. Es ist dies der einzige östlich der Landstraße, die die Orte von Fischland, Darß und Zingst verbindet, gelegene Ortsteil Prerows, der den schönen Namen Krabbenort trägt. Wie mir scheint, besteht er vornehmlich aus Einfamilien- und Ferienhäusern.

Ein Blick auf die Uhr belehrt mich, daß ich mich nun besser auf den Rückweg machen sollte, will ich die Abfahrt nicht verpassen. So wandere ich den schmalen Pfad auf der Deichkrone entlang zurück zum Kai. Dort angekommen, stelle ich fest, daß der Zugangssteg zum Dampfer bereits ausgelegt ist. So zögere ich nicht länger, gehe hinüber und betrete das Schiff.

Gleich am Eingang steht ein Mann neben einem Tisch, auf dem er eine kleine Kiste stehen hat, die sehr an das Aufbewahrungsbehältnis erinnert, das in Piratenfilmen gewöhnlich für Schätze verwendet wird. Sollte ich mich über dieses Utensil gewundert haben, wird mir sein Zweck sofort klargemacht, denn um weiter in das Schiffsinnere vordringen zu dürfen, muß ich erst einmal den Fahrpreis entrichten. Das von mir dafür übergebene Geld landet – wie sollte es auch anders sein – unverzüglich in der Schatzkiste. Dafür erhalte ich ein kleines Stück Papier, dessen Besitz es mir gestattet, mich frei auf dem Schiff zu bewegen. Das nutze ich auch gleich weidlich aus, um die nächstgelegene Treppe aufzusuchen und ins obere Deck hinaufzusteigen. Dort gibt es im Heckbereich einige Bänke, doch halte ich mich nicht weiter auf, denn mein Ziel liegt noch eine Etage höher. Eine weitere Treppe bringt mich hinauf. Auf dem obersten Deck angekommen, schaue ich mich um. Zwei Reihen Tische und Bänke, aufgereiht an den die Längsseiten des Decks begrenzenden Geländern, dazwischen ein langer schmaler Gang – das ist alles. Das hintere Ende bildet die Treppe, am vorderen ragen die beiden großen Schornsteine mit ihren Zackenkronen in die Höhe. Zwischen ihnen spannt sich ein bogenförmiges Schild, dessen roter Grund blaue, weiß umrandete, in Westernschrift gehaltene Buchstaben zeigt, die den Namen des Schiffes verkünden: Baltic Star. Darüber prangt in der Mitte das Logo der diesen Ostsee-Stern betreibenden Reederei Poschke, eine an einen schwarzen Stab geknüpfte blaue Flagge mit vier weißen Sternen in jeder Ecke und einem in der derselben Farbe gehaltenen Anker in der Mitte, über dem die ebenfalls weißen Buchstaben R und P zu sehen sind. Von den Schornsteinen bis zum hinteren Ende des Decks hat man entlang dessen Längsseiten jeweils eine Kette gespannt, die aus Glühlampen besteht, zwischen denen blaue und weiße Wimpel fröhlich im Winde flattern.

An Bord der "Baltic Star"
Ostsee-Stern würde nicht so gut zu einem Schaufelraddampfer im amerikanischen Stile passen. Viel zu profan. Baltic Star muß es heißen!
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Die Tische sind nahezu alle noch leer. Nur ganz vorn hat sich bereits ein Pärchen plaziert, das jedoch völlig mit sich selbst beschäftigt ist und mich gar nicht beachtet. Ich suche mir einen Tisch auf der linken Seite und zwänge mich auf eine der beiden Bänke, die man, um möglichst viele Plätze auf dem Deck unterbringen zu können, recht nah am Tisch positioniert hat. Glücklicherweise bin ich schlank genug, um ohne größere Probleme dorthin zu passen. Ich lege meinen Rucksack auf die Bank neben mich, lehne mich zurück und harre der Dinge, die da kommen mögen.

Das sind zunächst ein paar weitere Leute. Nach und nach treffen sie ein, suchen sich einen Platz und setzen sich. Trotz der Vorsaison sind es doch schon ansehnlich viele, auch wenn das Schiff noch weit entfernt davon ist, mit Fahrgästen gefüllt zu sein. Ich beachte sie jedoch nicht weiter, denn ich bin damit beschäftigt, mir von hier oben die Gegend anzusehen und die Sonne zu genießen, die ihre wärmenden Strahlen zu uns herunterschickt. Es ist so warm, daß ich die Jacke ablegen kann.

Minute um Minute vergeht, die Abfahrtszeit rückt näher und näher – und ist schließlich vorüber. Auch auf meinem Schiff hat man es offensichtlich nicht sonderlich eilig. Mich stört das allerdings wenig, denn mir geht es nicht anders. Gute zehn Minuten später ist es dann endlich soweit. Die Maschinen werden angeworfen, was eine Welle der Erschütterung durch den Schiffskörper schickt, die bis hier oben hin zu spüren ist und mir einen wohligen Schauer der Erwartung durch den Körper laufen läßt. Ich kann förmlich spüren, wie sich das am Heck befindliche Schaufelrad in Bewegung setzt und das Wasser aufwühlt. Langsam entsteht wieder eine Lücke zwischen Schiff und Kai, die größer und größer wird, und als unser Dampfer genug Abstand zwischen sich und das Ufer gebracht hat, nimmt er schließlich Fahrt auf und steuert den vom Hafen wegführenden Strom an. Wir sind unterwegs.

Zunächst geht es in einem Bogen ein Stück in Richtung Norden. Links ziehen Wiesen vorüber, auf denen sich einige Graugänse tummeln. Dahinter liegt der alte Bahnhof. Gerade als wir ihn passiert haben, gewahre ich neben uns eine weitere Wasserfläche, die sich ein Stück voraus mit dem Strom, auf dem wir unterwegs sind, vereinigt. Freundlicherweise erhalten wir Fahrgäste vom Schiffsführer über die Lautsprecheranlage Erklärungen zu dem, was wir an den beiden Ufern zu sehen bekommen. Aus diesen überaus unterhaltsam vorgetragenen Informationen erfahre ich, daß ich den alten Bootshafen vor mir sehe. Da dieser mit der Zeit zu klein geworden war, hat man vor einiger Zeit den neuen errichtet, an dessen Ufer ich vorhin entlangspaziert war.

Wir haben die erste große Kurve unserer Fahrt nahezu vollendet und sehen vor uns eine bewaldete Erhebung, einen Hügel, der angesichts des hiesigen sonst sehr flachen Landes ausgesprochen hoch wirkt. Es handelt sich um die Hohe Düne. Die auffällige Höhe wirkt, wenn man sie mit einer Zahl benennt, gar nicht mehr so beeindruckend, sind es doch gerade einmal dreizehn Meter, die sie mißt. Und doch, verglichen mit der Umgebung hat die Hohe Düne ihren Namen redlich verdient. Und tatsächlich handelt es sich um eine Ausformung der dem Ostseestrand vorgelagerten Sanddünen.

Wir sind jetzt wirklich genau in Richtung Norden unterwegs, und angesichts der sich nähernden Dünen könnte man tatsächlich meinen, wir wollten auf direktem Wege in die Ostsee fahren. Doch der Prerower Strom nähert sich ihr hier nur an und beschert so der einstigen Insel und heutigen Halbinsel Zingst ihre schmalste Stelle, an der das Land zwischen Strom und Ostsee gerade einmal einhundert Meter breit ist.

Der Prerower Strom beschreibt nun einen weiten Bogen, zuerst in Richtung Osten und dann zurück nach Süden, bis wir wieder auf der Höhe des Prerower Hafens angekommen sind. Nun geht es, sieht man einmal von gelegentlichen Schlenkern ab, ununterbrochen in südöstlicher Richtung gen Bodden.

Die Fahrt verläuft ruhig und lädt dazu ein, sich zurückzulehnen und einfach nur nach links und rechts über das weite Land zu schauen. Allerdings ist es, seit wir unterwegs sind, nun nicht mehr so warm wie noch im Hafen. Obwohl unser Schiff gewiß nicht mit rasender Geschwindigkeit unterwegs ist, macht sich der Wind deutlicher bemerkbar. Das mag auch daran liegen, daß wir nun nicht mehr Häuser neben uns haben, die ihn bremsen könnten, sondern sich zu beiden Seiten des Stroms unbebautes Land erstreckt, das ihm kaum einmal ein Hindernis entgegenstellt. Schnell wird es, da ich mich selbstredend kaum bewege, kühl, ein Umstand, dem ich jedoch mit dem Wiederanziehen meiner zuvor abgelegten Jacke abhelfen kann.

Die Landschaft um mich herum ist wunderschön. Links zieht das Ufer der Halbinsel Zingst an mir vorüber. Es wird nahezu ununterbrochen von einem breiten Schilfstreifen gesäumt, hinter dem uns ein kleiner Deich begleitet, der jede Biegung des Stroms nachvollzieht. Vereinzelt ragen einige Bäume auf, die jetzt im April noch keine Blätter hervorgebracht haben und daher schwarz und kahl in die Luft ragen; ein deutliches Zeichen der noch anhaltenden Winterruhe. Hinter dem Deich dehnen sich weite Wiesen und Felder, die von Waldstreifen begrenzt und immer wieder von Prielen und Fließen durchzogen werden. Einige davon mögen natürlichen Ursprungs sein, viele jedoch hat man im Laufe der Jahrhunderte künstlich angelegt. Dafür spricht allein schon ihr teils sehr regelmäßiger Verlauf. Soweit ich das erkennen kann, sind viele dieser Gräben beeindruckend parallel zueinander angelegt. Weil jetzt, im beginnenden April, der Frühling zwar schon angebrochen ist, aber sein wiederbelebendes Werk in der Natur noch nicht so recht begonnen hat, sind die vorherrschenden Farbtöne alle mehr oder minder Schattierungen von Braun, sieht man einmal von den Wasserflächen ab. Der Schönheit der Landschaft tut das jedoch keinen Abbruch.

Auf dem Prerower Strom
Ein wenig rauh, urwüchsig und doch wunderschön – das Land am Prerower Strom.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Auf der rechten Uferseite, die zum Darß gehört, sieht es ganz ähnlich aus. Da hier jedoch der begrenzende Wald fehlt, reicht der Blick beeindruckend weit in die Ferne. Dort ist hinter dem Land eine große Wasserfläche zu sehen – der Bodstedter Bodden, das Ziel unserer Fahrt. Auch hier sind immer wieder Gräben zu erkennen, die teils wie mit dem Lineal gezogen wirken. Und da ich mich hier auf dem zweiten Oberdeck doch beträchtlich weit über dem Bodenniveau befinde, kann ich bei einem Blick voraus bereits weitere Schleifen des Stroms, auf dem wir unterwegs sind, ausmachen. Über all dem wölbt sich ein strahlend blauer Himmel,  der hier und da mit weißen Wölkchen getupft ist und an dem die Sonne hell leuchtet. Ihre Strahlen spiegeln sich in der vom Wind gekräuselten Oberfläche des Stroms, die sie zum Glitzern bringen. Und die Wasserfläche des noch weit entfernten Boddens gleißt und blitzt, als bestünde sie aus flüssigem Silber. Die Luft ist ausgesprochen klar, was ein ausgesprochenes Glück ist, weil sich daraus eine überaus gute Fernsicht ergibt. Bis zum Horizont sind jegliche Konturen von Landschaft, Gewässern und auch Ortschaften gestochen scharf umrissen.

Gerade durchmessen wir eine weitere Schleife des Stroms, da teilt uns der Kapitän unseres Schiffes mit, daß wir auf der linken, der Zingster Seite nun an der Hertesburg vorüberfahren. Es war dies im Mittelalter eine burgähnliche Befestigungsanlage, die die Rügenfürsten hier hatten errichten lassen, um das Gebiet und insbesondere den Prerower Strom als Zugang von den Boddengewässern zur Ostsee militärisch kontrollieren zu können. Natürlich war Geld die maßgebliche Motivation, denn hier wurden Zölle erhoben. Die Hertesburg diente den Rügenfürsten auch als Jagdschloß und Vogteisitz. Später übernahmen sie die pommerschen Herzöge. Die Anfänge der Anlage reichen bis in das späte 13. Jahrhundert zurück. Auf einem Hügel gelegen, besaß sie einen Durchmesser von etwa dreißig Metern. Ihre Befestigungen sollen etwa zwei Meter hoch gewesen sein. Davor lag ein sechzehn Meter breiter Ringgraben, auf den ein Wall folgte. Weitere Schutzwälle schlossen sich an. Natürlich gab es auch einen Turm. Im sechzehnten Jahrhundert sollen seine Mauern sagenhafte drei Meter dick gewesen sein. Der Sage zufolge soll der Seeräuber Klaus Störtebeker hier mit seinen Gefährten einen Unterschlupf besessen haben. Das wird allerdings von vielen Orten an der Ostsee behauptet, so daß es fraglich ist, ob es wirklich stimmt. Daß hier allerdings Seeräuber ihr Unwesen trieben, gilt als sicher. Kriege haben der Anlage zugesetzt. Im sogenannten Rügenschen Erbfolgekrieg belagerten mecklenburgische Truppen sie gleich mehrfach, bis ihnen schließlich die Einnahme gelang. Der Dreißigjährige Krieg bedeutete schließlich das Ende der Burg. Danach waren ihre über der Erde gelegenen Bauten weitestgehend verschwunden. Nur der Wall und der Graben blieben übrig. Da der Hügel, auf dem sich die Burg einst befand, heute weitgehend mit Bäumen bewachsen ist, läßt sich außer diesen vom Schiff aus nichts erkennen. Lediglich eine hölzerne Kapelle mit Reetdach, errichtet im Jahre 1927, steht heute noch auf dem Gelände, ist aber von hier aus natürlich ebenfalls nicht zu sehen.

Wir lassen die Hertesburg links liegen und fahren weiter. Rechts von uns zieht etwas abseits vom Prerower Strom ein kleines Gewässer vorüber. Es wirkt auf mich ein wenig wie das Überbleibsel der letzten größeren Überschwemmung oder der Rest vom letzten Starkregen. Damit liege ich falsch, denn die übergroße Pfütze, wie ich sie in Gedanken etwas despektierlich nenne, hat sogar einen Namen: Lychensee. Viel mehr läßt sich über ihn allerdings nicht sagen. Die in dieser Gegend heimischen Wasservögel finden ihn und seine unmittelbare Umgebung jedoch durchaus ansprechend, wie mir scheint, denn zwischen ihm und dem Strom, auf dem wir unterwegs sind, tummelt sich eine erheblich Anzahl Graugänse.

Bereits eine Weile schon ist mir, wenn ich in Richtung des Bodstedter Boddens blicke, am Himmel ein dort kreisender Schwarm aufgefallen. Aus der großen Entfernung war allerdings bis dato nicht zu erkennen gewesen, um welche Tiere es sich dabei handeln könnte. Zwar spricht in dieser Gegend einiges dafür, daß wir es sicher mit Vögeln zu tun haben würden und nicht etwa mit Heuschrecken, doch welcher Art diese Vögel sind, hatte ich bisher nicht feststellen können. Nun allerdings, da wir uns dem Bodden immer weiter genähert hatten, beschließen die den Schwarm bildenden Tiere offenbar, sich einmal genauer anzusehen, was sich denn da auf dem Strom für ein merkwürdiges Etwas nähert, und kommen zu uns herübergeflogen.

Vogelschwarm über dem Prerower Strom
Ausschwärmen!
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Leider behalten sie dabei ihre relativ große Flughöhe bei, so daß es mir trotzdem verwehrt bleibt, sie zu identifizieren. Einem Ornithologen mag es möglicherweise anhand der Silhouette der Flügel oder mittels des Flugbildes ohne weiteres gelingen, das zu bewerkstelligen, mir jedoch fehlt dazu dann doch das erforderliche Fachwissen. So begnüge ich mich damit, den Schwarm eine Weile zu beobachten. Es ist bewundernswert zu sehen, wie sich in dem anfangs recht chaotisch wirkenden Gebilde bei aller Bewegung doch eine gewisse Ordnung bemerkbar macht. Kein Vogel kreuzt unbeabsichtigt eines anderen Flugbahn, und alle orientieren sie sich aneinander und fliegen letztendlich trotz gelegentlicher Abweichungen und einer steten Veränderung der Gestalt des Schwarms in die gleiche Richtung.

Der Kapitän nimmt dies zum Anlaß, seinen Passagieren ein wenig über die hiesige Vogelwelt zu erzählen. Ich kann mir die vielen verschiedenen Arten, die er im Laufe seiner Ausführungen aufzählt, so schnell gar nicht alle merken. Allerdings bleibt mir zumindest eine im Gedächtnis, da wir das große Glück haben, einen ihrer Vertreter kurz darauf unmittelbar über unserem Schiff beobachten zu können: einen Seeadler. Und obwohl auch er in großer Höhe fliegt, bin ich von seinen mächtigen Flügeln, mit denen er mühelos eine Spannweite von mehr als zwei Metern erreicht, angemessen beeindruckt.

Seeadler über dem Prerower Strom
Himmel mit Seeadler.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Kaum habe ich schließlich meinen Blick wieder vom Himmel ab- und der Erde um mich herum zugewandt, werden wir von unserem wachsamen Kapitän, der nicht nur den Strom und die Fahrrinne, sondern auch die Umgebung stets im Auge behält, um uns auf Interessantes hinweisen zu können, darauf aufmerksam gemacht, daß es sich lohne, einmal nach links auf die sich dort dehnenden Wiesen zu schauen. Ich folge seiner Aufforderung und – entdecke zunächst nichts. Angestrengt suche ich das Ufer ab, kann jedoch weiterhin nichts ausmachen, was der eingehenderen Beobachtung lohnt. Erst als ich mich erinnere, daß ich ja nicht auf den Rand des Stroms, sondern auf die dahinterliegenden Wiesen schauen sollte, werde ich gewahr, was es dort zu sehen gibt: einen Kranich! Seelenruhig und völlig unbeeindruckt von uns und unserem stampfenden Schiff stolziert er mit seinen langen, staksigen Beinen auf dem Feld herum. Sein Gefieder, dessen Färbung von tiefem Schwarz am Schwanz über dunkleres und helleres Grau am Körper bis zu strahlendem Weiß am Hals reicht, hebt sich in scharfem Kontrast von dem Grün-Braun der noch nicht so recht wieder zu neuem Leben erwachten Felder ab. Ein kleines Weilchen bewegt er sich in die gleiche Richtung wie wir. Ob es ihm schließlich zu bunt wird, von so vielen Leuten angestarrt zu werden, oder ob er voraus irgendetwas ihn Interessierendes entdeckt hat, ist für mich nicht recht erkennbar, als er plötzlich beginnt, in schnellem Tempo loszurennen, um sich kurz darauf, mit den Flügeln schlagend, in die Luft zu erheben und in niedriger Höhe über dem Feld davonzufliegen. Es dauert nicht lange, da ist er meinen Blicken entschwunden.

Kranich am Prerower Strom
Feld mit Kranich.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Der Prerower Strom, der seit seiner letzten Schleife ein ganzes Stück mehr oder weniger stur geradeaus geführt hat, legt sich nun in eine große S-Schleife, deren beide Bögen fast perfekte 180-Grad-Wenden vollführen. Mit dem Ende des ersten Bogens haben wir dabei das Mündungsgebiet des Stroms in den Bodstedter Bodden erreicht, das die Form eines Deltas mit mehreren kleinen Inseln angenommen hat, die als Schmidtbülten bezeichnet werden. Als die Verbindung zur Ostsee noch bestand, strömte bei starken, vom Meer zum Land wehenden Winden Wasser durch den Strom, das viele Sedimente mit sich führte, die hier abgelagert wurden und im Laufe der Zeiten die Inseln aufschütteten. Mit der Trennung des Prerower Stroms von der Ostsee ist dieser Prozeß allerdings vollständig zum Erliegen gekommen.

Die kleinen Inseln mit ihren reichhaltig mit Schilf bewachsenen Ufern bilden für die zahlreichen hier ansässigen Wasservögel den idealen Lebensraum, was ich sozusagen mit eigenen Augen wahrnehmen kann, denn nirgends sonst habe ich zuvor derart viele Schwäne, Enten, Möwen, Bleßhühner und andere Arten des gefiederten Volkes versammelt gesehen. Sie schwimmen munter in den verschiedenen Seitenarmen, die der Strom hier ausgebildet hat, herum, haben aber offenbar gelernt, den Hauptarm, in dem Schiffe wie unseres verkehren, zu meiden.

Vielfach scheinen die kleinen Inselchen kaum einen Zentimeter über die Wasseroberfläche hinauszuragen, was dort, wo das Schilf einzelne Abschnitte ihrer Ufer einmal freigibt, dazu führt, daß es so aussieht, als würden sie nahtlos ins Wasser übergehen. Auf keinem dieser Eilande findet sich auch nur ein einziger Baum oder Busch. Lediglich Gräser haben sich hier angesiedelt.

Mündung des Prerower Stroms in den Bodstedter Bodden
Inseln unter der Sonne – die Schmidtbülten.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Als wir die Schmidtbülten schließlich passiert und den Prerower Strom damit hinter uns gelassen haben, setzen wir unsere Fahrt auf den Wassern des Bodstedter Boddens fort. Nun, da die Ufer weiter und weiter zurücktreten und wir uns auf der weiten Fläche des großen Gewässers befinden, zieht der Wind tüchtig an und zaust mich kräftig an den Haaren. Obwohl ich fest davon überzeugt bin, daß sich die Temperatur überhaupt nicht wesentlich verändert, fühlt es sich innerhalb weniger Augenblicke so an, als sei es plötzlich empfindlich kühler geworden. Zwar friere ich nicht, da meine Jacke warm genug ist, doch wird es mir angesichts des nun ununterbrochen um meine Ohren wehenden Windes hier auf dem Oberdeck zu ungemütlich, und so gebe ich den Platz an meinem Tisch auf, steige die Treppe zum tiefer liegenden Zwischendeck hinab und stelle mich dort an die Reling. So kann ich immer noch die Aussicht rings um das Schiff genießen und bewundern, bin den Luftströmungen aufgrund der Aufbauten des Schiffes aber nicht mehr so unmittelbar ausgesetzt wie zuvor.

Während ich versuche, dem Wind wenigstens etwas zu entgehen, sind die Möwen hier in ihrem Element. Begeistert schwingen sie sich in die Lüfte und stürzen sich in die Böen. Und da sie sehr daran interessiert sind, was wir wagemutigen Menschlein auf unserem kastenartigen Ungetüm hier in ihrem Revier wohl so treiben mögen, begleiten sie uns mit ausgebreiteten Schwingen ein Stück, was mir die Gelegenheit gibt, sie in ihrem Fluge zu beobachten. Hin und wieder stoßen sie ihre charakteristischen Schreie aus, als wollten sie sich gegenseitig auf irgendetwas Sehenswertes im Zusammenhang mit uns und unserem Schiff hinweisen. Oder sie haben im Wasser einen Fisch entdeckt, den zu verfolgen und zu fangen sich lohnen mag. Jedenfalls wenden sie sich, nachdem sie uns eine Weile gefolgt sind, wieder ab und anderen Dingen zu.

Ich schaue über die glitzernde Wasserfläche des Boddens, die mir etwas aufgewühlter als die des Stroms erscheint, auf der jedoch trotzdem keine wirklichen Wellen zu sehen sind. So stark ist der Wind dann doch nicht. So zieht auch das kleine Boot mit den roten Segeln, das in einiger Entfernung vorüberfährt, ruhig und gelassen seine Bahn.

Als sich mein Blick auf die im Süden gelegenen Ufer des Boddens richtet, bemerke ich etwas weiter östlich und ein ganzes Stück landeinwärts gelegen die Silhouette einer großen Kirche. Gerade, als ich mich frage, ob in dieser Richtung wohl Barth liegen mag, meldet sich unser Kapitän wieder über die Lautsprecheranlage zu Wort und gibt mir die Bestätigung. Ja, das was ich da vor mir sehe, ist der Umriß der Barther Sankt-Marien-Kirche. Etwa um 1250 herum hatte man mit ihrem Bau begonnen, der dann etwa zweihundert Jahre später mit der Fertigstellung des Turmes abgeschlossen war. Mit seiner beindruckenden Höhe von 86 Metern ist er, wie ich mich selbst überzeugen kann, derart weit in der Umgebung sichtbar, daß er einen idealen Orientierungspunkt sogar für die auf der Ostsee fahrenden Schiffe abgibt. So diente er denn lange Zeit auch als solcher. Und auch, wenn er heute angesichts moderner Navigationstechnik nicht mehr die Bedeutung von einst besitzt, gilt er doch bis zum heutigen Tag immer noch als Seezeichen.

Auf dem Bodstedter Bodden
Seezeichen oder Kirchturm? Beides! – Die Sankt-Marien-Kirche in Barth.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Während ich die entfernte Kirche beziehungsweise ihre Silhouette bewundere, bemerke ich nicht sofort, daß sich das Schiff in eine weite Kurve gelegt hat und nun auf das östliche Ufer des Boddens zuhält. Interessiert, was es denn dort wohl zu sehen gibt oder ob wir einfach nur eine Wende vollführen, gehe ich ein Stück die Reling entlang nach vorn. Als ich die voraus gelegene Aussicht vor Augen habe, stelle ich fest, daß wir auf eine Fahrrinne zuhalten, die sich dort auftut und in das Land hineinführt. Weit kann ich allerdings nicht in sie hineinsehen, da mein Blick von einem großen, sie überspannenden metallenen Ungetüm aufgehalten wird. Und wieder meldet sich der Kapitän des Schiffes gerade rechtzeitig mit weiteren Erklärungen zurück.

Was ich dort vor mir sehe, erfahre ich aus seinem Vortrag, ist die Meiningenbrücke, die über die gleichnamige Meerenge führt. Über jene, das weiß ich bereits von der Informationstafel, die ich am Prerower Hafen studiert hatte, gelangt man vom Bodstedter Bodden in den Zingster Strom und den Barther Bodden hinüber. Unsere Fahrt, so erklärt der Kapitän zu meinem Bedauern, wird dort allerdings nicht hinführen, sondern wir werden hier umkehren und die Heimfahrt antreten. Doch zuvor gibt es noch einiges Interessantes zu erzählen, was unser Schiffsführer auch ausgiebig tut. So weiß ich nun, daß die Brücke die Halbinsel Zingst mit dem Festland verbindet. 1908 hat man mit ihrem Bau begonnen, da man für die zu dieser Zeit errichtete Darßbahn an dieser Stelle einen Übergang schaffen mußte. Bereits zwei Jahre später konnte man die Brücke einweihen, auch wenn man für die endgültige Fertigstellung noch zwei weitere Jahre brauchte. Von solchen Bauzeiten können wir trotz bedeutend weiterentwickelter Bautechnik merkwürdigerweise im heutigen Deutschland nur träumen, das für den Bau einer Brücke gerne auch einmal zehn Jahre benötigt[1]Zehn Jahre für den Bau einer Brücke! Was unglaublich klingt, ist leider Realität, wie die in diesem Jahr (2023) fertiggestellte Schiersteiner Straßenbrücke beweist..  Aufgrund des die Meerenge umgebenden flachen Landes war es allerdings nicht möglich, eine Brücke zu errichten, die hoch genug wäre, um Schiffe unter ihr passieren zu lassen. Da die Passage zwischen den verschiedenen Boddengewässern jedoch nicht blockiert werden durfte, hatte man sich dafür entschieden, einen Teil als Drehbrücke zu gestalten.

Mit dem Ende der Darßbahn kam schließlich auch das Ende der Meiningenbrücke als Eisenbahnüberführung. Sie wurde daher zur Straßenbrücke umfunktioniert. Da sie jedoch sehr schmal ist und wegen ihrer massiven Metallkonstruktion auch nicht verbreitert werden konnte, war es lediglich möglich, den Verkehr über sie in eine einzige Richtung fließen zu lassen, so daß sich die verschiedenen Fahrtrichtungen abwechseln mußten. Weil das aber mit der wieder zunehmenden Beliebtheit von Darß und Zingst als Urlaubsziel und dem damit verbundenen Anstieg des Verkehrs mehr und mehr zum Problem wurde, entschloß man sich im Jahre 1980, neben der Meiningenbrücke eine Behelfsbrücke zu errichten, die der anderen Fahrtrichtung diente. Lange Jahre bestand diese lediglich aus einer Pontonbrücke, die man ausschließlich im Sommer benutzen konnte, weil sie in jedem Winter außer Betrieb gesetzt wurde. An diesen schwimmenden Übergang kann ich mich noch sehr gut erinnern. Wenn wir in jedem Jahr mit unserem Auto – einem kleinen Trabant 601 S – nach Prerow in den Urlaub fuhren, gehörte ein Besuch im nicht allzu weit entfernten Barth eigentlich immer dazu. Die Fahrt dorthin und wieder zurück ist mir bis heute unvergeßlich. Auf der Hinfahrt ging es immer über die Pontonbrücke, was mir stets ein gewisses Ruseln im Bauch bescherte. Was, wenn die schwimmende Fahrbahn unter unserem Gewicht und dem der anderen Autos plötzlich im Wasser versank? Das regelmäßige Rumpeln, wenn wir über die Fugen der einzelnen Brückensegmente fuhren, machte die Sache nicht angenehmer. Und wenn wir Pech hatten und gerade an der Brücke ankamen, wenn ein Schiff passieren wollte, dann mußten wir eine ganze Weile warten, bis wir hinüberfahren konnten, denn da die Pontonbrücke die Meerenge komplett blockierte, mußte sie erst ausgeschwommen werden, damit das Schiff hindurchfahren konnte. Bis das geschehen und die Brücke dann wieder an Ort und Stelle war, konnte schon einige Zeit vergehen. So war ich stets froh, wenn wir auf der Rückfahrt den Weg über die Meiningenbrücke nehmen konnten. Diese machte nicht nur einen bedeutend stabileren Eindruck, sondern mit ihren metallen Fachwerkträgern, die zu beiden Seiten den Blick auf die umgebende Landschaft in viele kleine Einzelbilder zerlegten, die wie ein Film am Autofenster vorbeizuziehen schienen, die Fahrt über die Meerenge zu einem überaus interessanten Ereignis.

Die Meiningenbrücke
Meiningen zwischen Festland und Zingst – keine Stadt, sondern eine Meerenge. Mit Brücke.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Dieser Zustand blieb bis 2011 erhalten. Ab 2012 konnte für den Straßenverkehr dann eine zweispurige Brücke genutzt werden, die die Meiningenbrücke endgültig vom Autoverkehr befreite. Die Schiffsdurchfahrt ermöglicht ein Klappmechanismus. Diese Brücke hatte ich auf meiner Fahrt von Barth nach Prerow am Tage meiner Ankunft passiert und dabei einen Moment der Enttäuschung erlebt, als ich feststellen mußte, daß mir das in meiner Jugend so spannende Erlebnis, die Landschaft als Film zu erleben, versagt bleiben würde. So ist auch die Drehbrücke heute nicht mehr in Betrieb. Aufgrund ihres Alters und weil die Meiningenbrücke nicht mehr für den Verkehr genutzt wird, läßt man sie heute ständig offen. Als wir mit unserem Schiff noch ein Stück in die Meerenge hinein- und auf die Brücke zu fahren, kann ich sie am linken Ufer sehen. In ihrer Mitte befindet sich an ihrem höchsten Punkt das aufgesetzte Häuschen für den einstigen Brückenwärter.

Heute will man, wie ich bereits weiß, die Darßbahn wiedererrichten, wodurch Prerow seinen Bahnanschluß zurückerhalten soll. Für die Meiningenbrücke hat man vorgesehen, sie als kombinierte Eisenbahn- und Straßenbrücke neu zu erbauen. Es bleibt allerdings zu hoffen, daß man die alte Brücke, die sich am rechten Ufer noch ein ganzes Stück ins Land hinein fortsetzt, um dort sich anschließende Sumpfgebiete zu überspannen, dennoch erhält. Zum einen dürfte sie durchaus einigen Wert als technisches Denkmal besitzen. Zum anderen, und das kann ich aus meinen eigenen Erinnerungen unmittelbar bestätigen, stellt sie für die hiesige Gegend durchaus ein Wahrzeichen dar, dessen Vernichtung sicher nicht nur ich als herben Verlust empfinden würde.

Der Kapitän hat mittlerweile nicht nur seine Ausführungen rund um die Meiningenbrücke beendet, sondern auch das Schiff gewendet, so daß wir nun zwischen den schilfbewachsenen Ufern wieder aus der Meerenge heraus- und zurück in den Bodden fahren. Wieder weht uns der Wind, der sich zuletzt eine kurze Pause gegönnt hatte, heftiger um die Ohren und ich ziehe mich wieder auf meinen Platz an der Reling in der Mitte des Schiffes zurück, wo die Aufbauten des Oberdecks ein wenig vor der Kraft des luftigen Gesellen schützen. Die Fahrt geht zurück zu der zwischen den Schmidtbülten gelegenen Mündung des Prerower Stroms. Als wir die ersten Ausläufer der kleinen Inselchen erreichen, erinnert uns der Kapitän freundlicherweise daran, den Blick auf den Schilfgürtel an Steuerbord, also zur rechten Seite unseres Schiffes, zu richten. Dort hatten wir, als wir zuvor in Richtung Bodden unterwegs gewesen waren, zwischen den dichten Halmen kurz eine Kegelrobbe gesichtet. Leider war sie erst recht spät zu entdecken gewesen, so daß wir schon fast an ihr vorbeigefahren waren, bevor wir sie richtig sehen konnten. Glücklicherweise ist unser Schiff groß und massiv genug, daß es nicht sofort kentert, als nun nahezu alle Passagiere zur Steuerbordseite stürzen, um zu schauen, ob die Robbe wohl noch im Schilf liegt. Da ich deren Vorhandensein im Schilf nicht vergessen und mich demzufolge bereits dort plaziert hatte, kann ich es nun ruhig angehen lassen und einfach nur nach dem Tier Ausschau halten, das dort entspannt am Ufer gelegen und es der Sonne erlaubt hatte, ihm den Pelz zu wärmen. Offenbar war dieser Platz derart gemütlich, daß es in der Zwischenzeit nicht in Erwägung gezogen hatte, ihn zu verlassen. So ist es uns vergönnt, es nun näher in Augenschein zu nehmen.

Kegelrobbe im Schilf am Prerower Strom
Auch Robben brauchen Entspannung… und finden sie an sonnigen Plätzchen im Schilf.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Still und ruhig liegt die Robbe im Schilf. Ob dort eine natürliche Lücke bestanden oder ob sie irgendwie die Halme niedergedrückt hatte, um sich den Liegeplatz zu schaffen, kann ich nicht so recht ausmachen. Ich bin aber sowieso mehr von ihrem niedlichen Gesicht fasziniert. Ruhig, doch interessiert blickt uns die Robbe mit ihren runden schwarzen Knopfaugen entgegen, regt jedoch keinen Muskel. Zu beiden Seiten ihrer Schnauze stehen ein paar Barthaare waagerecht ab und verleihen ihr irgendwie ein ehrwürdiges Aussehen. Der massive Körper ist von dichtem, braunem Pelz bedeckt. Ganz offensichtlich liegt das Tier auf der Seite, denn ich kann eine der Flossen erkennen, die es angewinkelt und am Körper angelegt hat. Das ausgewachsene Tier macht einen recht massiven Eindruck und ist so groß, daß sich das hintere Ende seines Leibs im Schilf verliert, so daß ich den Schwanz nicht sehen kann. Die ganze Zeit, die unsere Vorbeifahrt dauert, rührt es sich nicht und verzieht auch keine Miene. Wären nicht seine Augen, die uns unentwegt anschauen, ich fragte mich ernsthaft, ob es überhaupt noch am Leben sei. So aber habe ich keinerlei Veranlassung, daran zu zweifeln.

Kaum ist die Robbe aus unserem Blickfeld entschwunden, sind wir auch schon am Ende der kleinen Insel angekommen, deren Ufer ihr als Liegeplatz dient. Und hier an der Spitze des Eilands entdecke ich inmitten des Schilfs einen aus dessen Halmen aufgeschichteten kreisrunden Hügel, der allem Anschein nach auf dem Wasser zu schwimmen scheint. Vermutlich ruht er jedoch auf einem Fundament von abgeknickten Schilfhalmen, denn das schneeweiße Etwas, das auf ihm ruht und meine Aufmerksamkeit geweckt hatte, entpuppt sich beim Näherkommen als ausgewachsener Schwan, der es sich hier gemütlich gemacht, seinen Kopf zurückgelegt und auf das Gefieder seiner zusammengefalteten Flügel gebettet hat. Ich blicke direkt in das traute Heim eines Schwanenpaars, das sich hier, unzugänglich für jede Art von Landtier und damit insbesondere für räuberische Wesen, sein Nest gebaut hat, in dem es nun seine Jungen ausbrütet. Bald schon werden sie schlüpfen und von ihren Eltern liebevoll aufgezogen werden. Es wird eine ganze Zeit dauern, bis sie ihr anfänglich graues Gefieder gegen das strahlende Weiß erwachsener Schwäne werden tauschen können.

Schwanennest am Prerower Strom
Schwanensee.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Bei dem Gedanken daran fällt mir unweigerlich Hans Christian Andersens Märchen vom häßlichen jungen Entlein ein, das als Außenseiter bei einer Schar Enten aufwächst, die es wegen seiner vermeintlichen Häßlichkeit verachten und hänseln, bis es vor ihnen in die Einsamkeit flieht. Nach einigen Abenteuern und dem Beinahe-Tod im eisigen Winter, den es nur durch die Hilfe eines Bauern übersteht, erkennt es sich eines Tages im Spiegel des Wassers als strahlend schöner Schwan. Ich habe die Geschichte schon als Kind gelesen und gemocht. Doch erst in späteren Jahren habe ich sie – auch durch eigene Erlebnisse – als Sinnbild auf die menschliche Gesellschaft begriffen, in der Außenseiter so oft von der Gemeinschaft verachtet und ausgeschlossen werden, einfach nur, weil sie auf die eine oder andere Weise anders sind. Und oft gibt es nur sehr wenige Menschen, die ihnen offen und unvoreingenommen begegnen und ihnen auf ihrem Weg helfen. Daran hat sich seit der Zeit, in der Andersen dieses Märchen schrieb, wie es scheint, nur wenig geändert.

Während ich noch meinen diesbezüglichen Gedanken nachhänge, dringt plötzlich lautes Geschnatter an mein Ohr, das, wie ich unschwer erkennen kann, nicht vom Schiff, sondern eindeutig von oben kommt. Ich hebe meinen Blick und entdecke ein Paar Graugänse, das in diesem Augenblick, die Hälse lang vorgereckt und die Flügel weit ausgebreitet und heftig schlagend, über das Schiff hinwegfliegt. Dabei stoßen die beiden Vögel unablässig schnatternde Geräusche aus – ein Verhalten, das ich in den vergangenen Tagen stets beobachtet habe, wenn ich die Gelegenheit hatte, Vögel wie diese an mir vorüberfliegen zu sehen. Und immer habe ich mich dabei gefragt, was diese Tiere wohl dazu veranlassen mag, ihre Flüge mit diesem ständigen Geschnatter zu begleiten. Ob sie sich wohl über die Richtung verständigten? War es ein Streit oder eine Unterhaltung? Wollten sie ihr Kommen ankündigen? Oder schnatterten sie einfach nur gerne? Ich weiß es nicht. Doch irgendwie mag ich diese kleinen Gesellen und finde sie witzig.

Die Fahrt zurück ist alles andere als langweilig. Normalerweise schätze ich es nicht sonderlich, wenn eine Wanderung, ein Ausflug oder gar eine Reise denselben Weg zurückführt, den ich gekommen bin. Es kommt mir dabei oftmals so vor, als würde ich Zeit verschwenden. Schließlich bin ich doch auf dem Weg, den ich dabei wiederholt nehmen muß, schon einmal unterwegs gewesen. Was soll denn daran interessant sein? Viel lieber möchte ich während der gesamten Unternehmung etwas Neues entdecken, mir Unbekanntes sehen. Jetzt jedoch, da ich den Weg, den wir nehmen, nun einmal nicht beeinflussen kann, bleibt mir nichts anderes übrig, als mich dreinzufinden und das Beste daraus zu machen. Und das tue ich! Hatte ich auf der Hinfahrt meist den Erklärungen des Kapitäns gelauscht und war mit dem, worauf ich mein Augenmerk richtete, seinen Hinweisen gefolgt – warum auch hätte ich sie ignorieren sollen? -, so habe ich nun reichlich Gelegenheit, mir den jeweiligen Gegenstand meines Interesses selbst auszusuchen, denn da wir auf diesem Abschnitt des Prerower Stroms ja bereits unterwegs gewesen waren, beschränkt sich unser Schiffsführer nun im wesentlichen darauf, uns auf zu beobachtende Tiere hinzuweisen. Ich richte daher meine Aufmerksamkeit auf die zu beiden Seiten des Schiffes an uns vorüberziehende Landschaft. Und die erweist sich auf der Zingster, nun an Steuerbord gelegenen Seite oftmals als interessanter. Im Hintergrund der grüne, von Kiefern dominierte Wald, davor die noch nicht zu neuem Leben erwachten und daher vorwiegend braunen Felder, hier und da von kleinen und größeren Tümpeln durchzogen und im Vordergrund der mal mehr, mal weniger breite Schilfstreifen am Ufer – das ist gewissermaßen die Leinwand, auf der sich immer wieder wechselnde Bilder abzeichnen.

Am Prerower Strom
Toter Baum am Strom.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Das erste besteht in einem einzeln stehenden Baum, der sein Leben, wie es scheint, schon lange beendet hat. Übrig blieb davon nur das knorrige Gerippe toter Äste, die in alle Richtungen in die Gegend ragen. Anhand der sich bereits ablösenden weißen Rinde sind die Überreste unschwer als die einer Birke zu erkennen, deren Holz bereits Moos angesetzt hat. Einer der dickeren Hauptäste ist abgeknickt. Traurig hängt er zu Boden. Und obwohl klar ist, daß der Frühling noch nicht weit genug fortgeschritten ist, um die Birken bereits wieder ihr grünes Kleid überstreifen zu lassen, kann ich auf den ersten Blick erkennen, daß dieses Exemplar hier dieses nie wieder anziehen wird. Doch so ist der Kreislauf des Lebens. Und selbst im Tode noch erfüllt der alte Baum in der Natur seinen Zweck – als Lebensraum und Nahrung für die ihn zersetzenden Lebewesen, angefangen von dem auf ihm wachsenden Moos bis zu den sich meinen Blicken entziehenden Kleinstorganismen, die ganz sicher in seinem Holz Quartier bezogen haben.

Ein Stück weiter zeichnet die Natur, obwohl die Protagonisten dieselben sind, ein ganz anderes Bild. Wald, Feld, Schilf und Birken. Doch diesmal ist es nicht ein einzelner Baum, sondern es haben sich gleich mehrere am Ufer aufgereiht. Und obwohl auch sie keinerlei Blätter tragen, ist ihnen die innewohnende Lebenskraft schon von weitem anzusehen. Ihre weiße Rinde verleiht ihnen einen Schimmer, der aus der Ferne wirkt, als seien sie von Rauhreif überzogen. Es ist ein seltsamer Anblick, der mich mit seinem Kontrast beeindruckt. Das sich fröhliche wiegende Schilf mit dem sich sacht kräuselnden blauen Wasser davor, im Hintergrund das gelbbraune Feld mit dem sattgrünen Waldstreifen dahinter – und mittendrin diese wie vom Frost erstarrt wirkenden weißen Bäume, die aussehen, als hätte der Winter sie noch nicht freigeben wollen, wohl wissend, daß er es bald schon wird müssen. Die warmen Strahlen der Frühlingssonne lassen das mehr als deutlich spüren.

Am Prerower Strom
Winterbäume.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
Creative Commons Lizenzvertrag

Kaum sind wir an den Birken vorüber und haben die nächste Biegung des Stroms hinter uns gelassen, malt die Natur auch schon das nächste Bild. Diesmal ist es jedoch kein Stilleben, das sich meinem Auge bietet, denn im Zentrum der Darstellung stehen drei niedliche Gesellen, die urplötzlich hinter dem dichten Schilfstreifen auftauchen, als unser Schiff sich ihnen nähert, und erschreckt in das sich anschließende Feld hineinlaufen. Doch so ganz entschieden, die Gegend am Strom zu verlassen, sind die drei Rehe, von denen die Rede ist, nicht, wie es scheint, denn schon nach wenigen Metern bleiben sie stehen, als seien sie unentschlossen, was sie nun tun sollen. Als ich genauer hinsehe, stelle ich fest, daß eines ein kleines Geweih auf dem Kopf trägt. Offensichtlich handelt es sich um einen Rehbock. Ob die drei vielleicht eine Familie sind? Oder Geschwister? Ich weiß es nicht, finde den Gedanken aber irgendwie sympathisch, so daß ich mir die drei fortan in eine solchen Beziehung zueinander vorstellen möchte.

Inzwischen hat auch unser Kapitän die drei Tiere am Ufer entdeckt und weist die Passagiere mit einer Durchsage darauf hin. Wieder stürmen alle unverzüglich auf die Steuerbordseite. Da die Rehe jedoch schnell hinter uns zurückbleiben und schließlich aus unserem Blickfeld verschwinden, verlieren die meisten Teilnehmer schon bald das Interesse an der Aussicht und zerstreuen sich wieder über das Deck. Ein Umstand, der mir sehr willkommen ist.

Ich verbringe die Zeit unserer weiteren Fahrt an der Reling, wobei ich hin und wieder einmal die Seiten wechsle, um auch einen Blick auf das andere Ufer und die dortige Landschaft werfen zu können. Ich beobachte weitere Schwäne, betrachte den Lauf des Stroms, wie er sowohl voraus als auch hinter uns liegt, schaue erneut über uns hinweg ziehenden Graugänsen hinterher und genieße einfach die Ruhe und Schönheit des Landes um mich herum. Schließlich durchmißt unser Schaufelraddampfer noch einmal den großen Bogen des Prerower Stroms, der ihn auf einhundert Meter an die hinter den Dünen liegende Ostsee heranbringt, die sich allerdings meinen Blicken entzieht. Und dann haben wir auch schon wieder den alten Bootshafen erreicht. Wir ziehen daran vorbei, der alte Bahnhof grüßt zu mir herüber, und kurze Zeit später legen wir auch schon am Kai des Prerower Hafens an. Langsam steige ich die Stufen der Treppe zum Unterdeck hinunter und begebe mich zum Ausgang, wo ich beobachten kann, wie die Leinen festgemacht werden und man den Landungssteg auslegt, über den ich, als der Weg vom Schiffspersonal schließlich freigegeben wird, das Schiff verlasse. Ein letzter Blick vom Kai zurück zum Schiff – mach’s gut, Baltic Star! – und das Land hat mich wieder.

Was nun? Der Tag ist noch relativ jung, zwei Uhr nachmittags ist noch nicht einmal erreicht. Nach der langen Zeit der Untätigkeit an Deck des Schiffes, in der ich nichts anderes zu tun hatte, als zu sitzen oder zu stehen und mir die an uns vorüberziehende Landschaft anzusehen, habe ich jetzt doch noch etwas Lust, mir ein wenig die Beine zu vertreten. Und bereits nach kurzem Überlegen habe ich auch eine Idee. Wenn ich schon einmal in dieser Gegend bin, dann kann ich mir doch die Hohe Düne und den Zingster Isthmus, also die Engstelle zwischen Prerower Strom und Ostsee, einmal aus der Nähe ansehen.

Gedacht, getan. Ich schlage den Weg entlang der Landstraße, die Prerow mit Zingst verbindet, ein und habe nach wenigen Minuten wieder den Alten Bahnhof erreicht, der sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite befindet. Da ich ihn heute morgen bereits eingehend betrachtet habe und die Ankunft eines Zuges noch in weiter Ferne liegt, halte ich mich hier nicht weiter auf, sondern wandere weiter die Straße entlang. Gleich hinter dem Bahnhofsgebäude, an das sich ein kleiner Parkplatz anschließt, muß ich eine einmündende Straße überqueren, die die zweite Zufahrt zu dem mir bereits bekannten und als Kirchenort bezeichneten Teil Prerows bildet. Gleichzeitig läßt sich über sie aber auch die in Prerow ansässige Ostseeklinik erreichen, eine im Jahre 1998 hier eröffnete medizinische Rehabilitationseinrichtung, in der sowohl orthopädische als auch Atemwegs- und Hauterkrankungen behandelt werden. Ihr Haupteingang befindet sich unmittelbar am Beginn der abzweigenden Straße.

Mein Weg führt mich weiter die Landstraße entlang, verläuft hinter dem Abzweig jedoch erfreulicherweise ein Stück von dieser entfernt im Wald. Der Waldboden macht das Laufen angenehm. Auf der anderen Seite der Straße kann ich nun zwischen den Bäumen immer wieder das Glitzern einer Wasseroberfläche durchscheinen sehen. Dort hat sich der Prerower Strom bis auf wenige Meter der Straße angenähert. Der alte Bootshafen bleibt zurück, und kurz darauf mündet von links ein Weg, an dem einer der charakteristischen Prerower Wegweiser die Richtungen anzeigt. Da Prerow hier definitiv zu Ende ist, dürfte es der letzte seiner Art auf dieser Seite des Ortes sein. Bedauerlicherweise ist er nicht von einer bunten Schnitzerei gekrönt, wie sie andernorts in Prerow seine zahlreichen Geschwister zieren. Ob sie abhanden gekommen ist oder man ihm nie eine spendiert hat, entzieht sich allerdings meiner Kenntnis. Aufgrund seiner etwas abgeschiedenen Lage scheint mir seine Aufgabe vordergründig darin zu bestehen, auf die benachbarten Orte Prerows hinzuweisen. Sowohl Zingst und Wieck als auch das weiter entfernt liegende Born finden sich auf seinen Richtungsanzeigern. Doch auch der nahegelegene Hafen und die Seemannskirche sind natürlich verzeichnet.

Um die Hohe Düne zu finden, brauche ich allerdings die Hilfe eines Wegweisers nicht. Ich folge einfach weiter dem Weg entlang der Straße. Und da dieser nun bereits mit einem kleinen Anstieg aufwartet, weiß ich, daß ich nicht fehlgehe. Ich bin bereits auf der Hohen Düne unterwegs. Den Ausführungen des Kapitäns während der Fahrt hatte ich entnehmen können, daß es hier einen Aussichtspunkt geben mußte, den zu suchen ich mir nun zum Ziel gesetzt habe. Das erweist sich als leichtes Unterfangen, denn ich habe gerade einmal fünfzig weitere Meter zurückgelegt – der Anstieg liegt inzwischen hinter mir -, da erreiche ich einen weiteren Abzweig, der nach links in den Wald und weiter auf den Hügel, an dem ich unterwegs bin, hinaufführt. Und richtig – kaum bin ich diesem Weg, dessen sandigen Untergrund man mit einer Art grobmaschigem Seilnetz befestigt hat, um die Düne davor zu schützen, förmlich zertreten zu werden, ein paar Meter gefolgt, da sehe ich ihn nach einer Biegung auch schon vor mir: den Aussichtspunkt. Es handelt sich um eine einfache, erhöhte, hölzerne Plattform, wie ich sie auch schon auf meiner Wanderung am Darßer Ort zu sehen bekommen hatte. Es führt eine steile Treppe hinauf, die zu beiden Seiten mit Geländern versehen ist, die den Aufstieg für jene erleichtern, die nicht mehr ganz so sicher und gut zu Fuß unterwegs sind.

Auf der Prerower Hohen Düne
Auch Aussichtspunkte sind nun in Plattformen organisiert.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Oben angekommen, blicke ich in die Runde. Wenn ich eine phänomenale Aussicht erwartet hatte, so werde ich etwas enttäuscht. Das liegt allerdings nicht an der falschen Wahl des Aussichtspunktes, denn dieser ist durchaus auf dem höchsten Punkt der Hohen Düne errichtet worden. Die Bäume des umliegenden Kiefernwaldes, die zwar alle keine Riesen sind, haben es jedoch mit der Zeit zu einer Höhe gebracht, die es schwer macht, über sie hinwegzublicken. Eigentlich gelingt das nur noch in zwei Richtungen. In der einen, der südöstlichen, kann ich die Windungen des Prerower Stroms erkennen, die dieser nach seinem Vorbeifluß am Zingster Isthmus in Richtung des Bodstedter Boddens vollführt und auf denen gerade wieder ein Schiff seine Bahn zieht. Es ist das modernere der beiden Ausflugsschiffe, das ich am Morgen hatte abfahren lassen, ohne an Bord zu gehen. Es ist offensichtlich zu seiner zweiten Tour an diesem Tag aufgebrochen. In der Ferne kann ich über einem dunklen Streifen, der den Horizont bedeckt, bei genauem Hinschauen wieder die Silhouette der Barther Sankt-Marien-Kirche erkennen. Sie ist wahrlich von weither zu sehen. Der ganz in der Nähe, sozusagen zu meinen Füßen gelegene große Bogen des Prerower Stroms entzieht sich hingegen aufgrund der Bäume rings um mich herum meinen Blicken. Wie so oft im Leben ist das Naheliegende wieder einmal nicht ohne weiteres zu sehen.

Auf der Prerower Hohen Düne
Von Prerow nach Barth – der Blick von der Hohen Düne reicht weit.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Die andere Richtung, die mir etwas offenbart, ist die nördliche. Dort kann ich über den Baumwipfeln die gerade Linie des Horizonts verfolgen, vor der das tiefblaue Meer seine leicht gekräuselten Fluten ausbreitet. In wenigen Jahren wird aber wohl auch das nicht mehr möglich sein, denn bereits jetzt verschwindet der Horizont hier und da hinter einzelnen, hoch aufragenden Wipfeln.

Nachdem ich mich ausgiebig umgeschaut habe, steige ich die Treppe schließlich wieder hinab und gehe den Weg, der lediglich bis hierher führt und dann endet, zurück zur Straße. Ich folge ihr noch ein Stück in Richtung Zingst. Der Weg, der immer noch ein wenig abseits durch den Wald verläuft, senkt sich bereits langsam wieder ab. Hin und wieder verbreitert er sich ein Stück bis zum Rand der der Straße zuwandten Seite der Düne. An diesen Stellen hat man ein hölzernes Geländer angebracht und ein paar Bänke aufgestellt, von denen aus man wie von einem zwischen den Bäumen gelegenen Balkon über den Strom und das dahinterliegende Land schauen kann. Hier ist von der näheren Umgebung sogar etwas mehr zu sehen als von der höhergelegenen Aussichtsplattform auf der Hohen Düne, da sich vor mir nur noch die Straße und ein zwei bis drei Meter breiter Streifen bis zum Strom befinden. Ich setze mich kurz auf eine der Bänke, halte es jedoch angesichts des beständigen Verkehrs auf der Straße nicht allzu lange hier aus.

So folge ich dem Weg weiter, bis ich schließlich die Landenge erreicht habe. Leider bin ich hier bereits wieder so weit von der Düne herabgestiegen, daß ich Strom und See nicht gleichzeitig sehen kann. Genau an dieser Stelle befindet sich jedoch ein Dünenübergang, der zum Strand führt. Dahinter setzt sich der Weg direkt auf einem Deich fort, welcher von hier aus die Straße nach Zingst begleitet.

In der Hoffnung, vielleicht vom Kamm der Düne beide den Isthmus begrenzenden Gewässer noch einmal gleichzeitig sehen zu können, wende ich mich nach links und stapfe durch den Sand. Ich werde nicht enttäuscht. Oben angekommen erblicke ich vor mir die Weite des Meeres, während ich hinter mir auf den großen Bogen des Prerower Stroms hinunterschaue, von dem sich mir allerdings nur ein kleiner Ausschnitt zeigt. Dennoch bin ich zufrieden und begebe mich, da ich nicht denselben Weg zurücklaufen möchte, nun hinunter auf den Strand.

Auf den ersten Blick unterscheidet er sich nicht sehr von jenem, den ich angetroffen habe, als ich am Hauptübergang zur Ostsee hinuntergegangen bin. Hinter mir die Düne, unter meinen Füßen der breite Sandstreifen und vor mir das sacht ans Ufer plätschernde Meer. Noch immer ist nur wenig Wind zu spüren, so daß es wie in den Tagen zuvor keine hohen Wellen gibt. Menschen laufen nahe am Wasser den Strand entlang, andere sitzen weiter oben im Sand und genießen die Sonne, die aus dem strahlend blauen Himmel auf uns herablächelt und durchaus schon angenehme Wärme verbreitet. Was hier allerdings fehlt, sind die Strandkörbe. Und natürlich gibt es hier auch keine Baustelle.

Am Nordstrand der Halbinsel Zingst
Alles voller Pfosten – Buhnen am Strand zwischen Prerow und Zingst.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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In den Meeresboden hineingerammte Pfosten sind allerdings auch hier zu sehen. Im Gegensatz zu denen der gerade im Bau befindlichen Seebrücke bestehen diese hier jedoch aus Holz und ragen nur wenige Zentimeter über die Wasseroberfläche. Dafür stehen sie dicht an dicht und bilden eine lange Reihe, in der sie weit ins Meer hinausragen, wo sie dann allerdings abrupt enden. Als ich den Strand hinauf- und hinunterblicke, stelle ich fest, daß sich derartige Reihen hölzerner Pfosten in regelmäßigen Abständen wiederholen. Während es in westlicher Richtung vielleicht noch fünf dieser Reihen sind, hören sie gen Osten hingegen nicht auf, sondern verlieren sich in der Ferne, wo ein Ende nicht abzusehen ist. Ganz offensichtlich hielt man es für notwendig, den Strand zwischen Prerow und Zingst mit diesen Buhnen vor Erosion zu schützen. Als ich mich der direkt vor dem Strandzugang liegenden Buhne nähere, bemerke ich in einiger Entfernung vom Ufer eine Möwe, die sich dort auf einem der Holzpfähle niedergelassen hat. Sie rührt sich auch nicht, als ich mich nähere, sondern schaut mir nur interessiert entgegen. Vermutlich weiß sie aus Erfahrung, daß die meisten dieser Zweibeiner, die Tag für Tag den Strand aufsuchen, es nicht wagen, so wie sie auf den Pfosten entlang hinaus auf’s Meer zu laufen. Und wenn ich einer von denen sein sollte, die es wagemutig doch versuchen, dann bliebe ihr immer noch genug Zeit, um die Flügel auszubreiten und davonzufliegen. Das würde ich ihr auf keinen Fall nachmachen können.

Nun, das habe ich auch nicht vor. An der Wasserlinie angekommen, entledige ich mich kurzerhand meiner Schuhe und Strümpfe, um an diesem schönen warmen Frühlingstag wenigstens einmal mit den Füßen ins Wasser zu kommen. Zur Sicherheit kremple ich meine Hosenbeine ein Stück hoch. Die Socken stecke ich in die Schuhe, die ich in der Hand behalte. Tatsächlich ist das Wasser gar nicht mal so kalt, wie ich befürchtet hatte. Bereits nach wenigen Minuten ist es ganz angenehm, mit den nackten Füßen auf dem Sand zu laufen und sie hin und wieder von einer besonders kecken Welle umspülen zu lassen. Die Möwe schaut meinem Treiben eine Weile von weitem zu, verliert jedoch schließlich das Interesse und blickt in eine andere Richtung. Sie unterscheidet sich ein wenig von den Exemplaren, die mir bisher so begegnet waren. Besonders fällt mir ihr schwarzer Kopf auf, der sie stark von jenen anderen Möwenarten abhebt. Ich erweise ihr die Ehre, ein Foto von ihr zu machen, das ich ihr allerdings nicht zeigen kann, da sie nicht geruht, sich mir einmal zu nähern. Dafür gelingt es mir später anhand dieser Aufnahme, sie als Lachmöwe zu identifizieren.

Jede Buhne endet, wie ich bei genauerer Betrachtung sehen kann, mit einem letzten Holzpfosten, der ein wenig weiter aus dem Wasser ragt als die anderen. Als ich auf meinem Weg den Strand entlang zur nächsten Pfostenreihe gelange, bemerke ich eine schwarze Silhouette an deren Ende. Mit bloßem Auge kann ich lediglich erkennen, daß es sich um einen schwarz gefiederten Vogel handelt, der sich dort niedergelassen hat. Erst mit der Hilfe meines Teleobjektivs – es ersetzt mir bei solchen Gelegenheiten stets das Fernglas, das ich so nicht zusätzlich noch mit mir herumtragen muß – kann ich ihn schließlich als Kormoran identifizieren. Ich muß gestehen, daß mir diese Vogelart, bevor sie mir hier an der Ostsee nun bereits zum zweiten Male begegnete, gar nicht so bekannt war. Natürlich hatte ich den Namen bereits gelesen, nicht zuletzt in Geschichten und Romanen, in denen er erwähnt wurde, doch wo Kormorane eigentlich lebten, entzog sich bisher meinem Wissen. So finde ich durch eigenes Erleben wieder einmal die alte Erkenntnis bestätigt, daß Reisen, bei denen man sich aufmerksam und interessiert in der Welt umschaut, eben doch bildet – oftmals mehr und nachhaltiger, als es jede Schule könnte.

Kormoran an der Ostsee
Ein Rabe am Meer.
Was zunächst ein Irrtum zu sein scheint, ist so falsch gar nicht, denn der Name Kormoran stammt aus dem Altfranzösischen und bedeutet Meer- oder Wasserrabe.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Ein Stück weiter westwärts – ich habe mich entschlossen, am Strand zurück in Richtung Prerow zu laufen – steigen die Dünen hinter dem Strand zu bedeutender Höhe an. Ich befinde mich jetzt etwa gleichauf mit der Hohen Düne. Und dort, am hinteren Ende des Strandes, entdecke ich etwas, das mein Interesse weckt. Und so wende ich mich für einen kurzen Abstecher vom Wasser ab und stapfe den Strand hinauf. Normalerweise geht dieser hier am Nordstrand an seinem hinteren Ende mit sanftem Anstieg langsam in die Düne über. Dünengras nimmt die Gelegenheit wahr, sich anzusiedeln, erst vereinzelt, dann dichter, bis der Strand schließlich in der grasbewachsenen Düne aufgegangen ist. Wenn der Wind sacht über die Halme streicht, beugen sich diese bereitwillig, richten sich dann aber wieder auf. Sie machen so die Luftbewegungen sichtbar, was, wenn man Gelegenheit hat, einen längeren Dünenabschnitt im Blick zu behalten, den Eindruck vermitteln kann, die Wellen des Meeres setzten sich auf der Düne fort. War ich diesen Anblick vom Prerower Nordstrand bereits von verschiedenen Stellen, an denen ich ihn aufgesucht hatte, gewohnt, bin ich nun einigermaßen überrascht, daß sich mir bei meinem Blick zur Düne ein völlig anderes Bild bietet. Hier, am östlichen Ende Prerows, nahe der Hohen Düne, bildet der Sand eine regelrechte Wand. Doch ist diese keineswegs glatt und lotrecht. Vielmehr bricht sie in mehreren Stufen ab, tritt hier hervor und dort zurück, bildet Vorsprünge, auf denen sich Muschelschalen abgelagert haben – wie sind die wohl dahin gekommen? – und zeigt eine Gliederung in feine und feinste Schichten, als bestünde die Düne aus unzähligen riesigen, doch hauchdünnen, übereinandergelegten Platten.

Sandkunstwerk an der Düne am Nordstrand der Halbinsel Zingst
Die Natur als Baumeister – eine Sandwand an der Düne.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Man könnte sagen, diese Sandwand zeigt im Kleinen durch die Witterung hervorgerufene Gestaltungsformen, die denen ähneln, die man im Großen in Sandsteingebirgen beobachten kann. Doch während sie dort infolge der steinernen Verfestigung eine große Stabilität erreicht haben, sind diese hier äußerst fragil. Unwillkürlich bin ich versucht, mit dem Finger die Festigkeit der Wand zu prüfen, doch als ich gewahr werde, daß ich gewissermaßen dabei zusehen kann, wie sich die Wand stetig verändert, lasse ich es bleiben. Bereits ein sacht auffrischender Wind wirbelt nämlich an ihrer Oberfläche Sandkörner auf und bringt kleine Abschnitte erst in Unordnung und dann ins Rutschen. Eine Berührung auch nur mit meinem kleinen Finger würde dieses von der Natur geschaffene Sandkunstwerk augenblicklich schwer beschädigen.

Fasziniert von diesen Beobachtungen kehre ich schließlich wieder ans Wasser zurück, wo ich meinen Weg in Richtung Prerow fortsetze. Dabei genieße ich noch einmal die Berührung des Wassers sowie das angenehme Gefühl, wenn meine nackten Sohlen den feuchten Sand berühren. Sie hinterlassen darin Abdrücke, die von der nächsten Welle bereits wieder ausgelöscht werden, so als sei ich nie hier gewesen. Und ein bißchen ist das ja auch so, denn für die Natur spielt meine Anwesenheit schließlich keine Rolle. Doch auch wenn ich hier an diesem Strand heute keine immerwährenden Spuren hinterlasse, in meinem Geist, meiner Erinnerung bleibt dieser Nachmittag erhalten. Jedesmal, wenn ich an ihn denke, spüre ich wieder den Sand zwischen den Zehen, wie sie sich mit jedem Schritt ein Stück hineingraben, fühle ich das Naß, wie es sanft meine Füße umspült, und vermeine ich wieder die salzige Meeresluft zu atmen, die tief in meine Lungen strömt. Ich spüre wieder die warme Sonne und den sanften Wind auf meiner Haut und fühle mich allein durch diese Erinnerung angenehm berührt und erfrischt. Und irgendwie ist es, als sei ein Teil von mir an diesem Strand geblieben, denn ich sehe mich dort selbst, blicke mir versonnen nach, schaue zu, wie ich mich weiter und weiter entferne, bis ich schließlich nicht mehr zu erkennen bin. Dann richtet sich mein Blick auf’s Meer hinaus und ich schaue versonnen in die Ferne…

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↑1 Zehn Jahre für den Bau einer Brücke! Was unglaublich klingt, ist leider Realität, wie die in diesem Jahr (2023) fertiggestellte Schiersteiner Straßenbrücke beweist.