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Unterwegs auf dem Zingst

Dieser Beitrag ist Teil 5 von 6 der Beitragsserie "Urlaub in Prerow 2023"

War ich in den vorausgegangenen Tagen zumindest in Teilen auf den mal mehr, mal weniger ausgetretenen Pfaden meiner Erinnerungen an vergangene Zeiten auf dem Darß unterwegs gewesen, so gedenke ich an diesem fünften Tag meines Urlaubs, mich einmal auf neue Wege zu begeben und mir den sich durchaus einiger Bekanntheit erfreuenden Nachbarort von Prerow anzusehen: Zingst. Wie neu diese Wege allerdings wirklich sind, kann ich dabei eigentlich gar nicht genau sagen, denn ich muß immerhin die Möglichkeit einräumen, daß wir diesem Ort in einem unserer damaligen Urlaube doch einmal einen Besuch abgestattet hatten, dies aber – aus welchen Gründen auch immer – nur keinen Eingang in meine Erinnerungen gefunden hat. Doch wie dem auch sei, im Ergebnis läuft es auf dasselbe hinaus: mein heutiger Ausflug nach Zingst wird für mich eine kleine Reise in unbekannte Gefilde sein.

Der Beschluß ist also gefaßt, nun heißt es, ihn in die Tat umsetzen. Und das gestaltet sich ausgesprochen einfach, selbst für mich, der beständig ohne eigenen fahrbaren Untersatz hier unterwegs ist. Denn wie ich bereits von meiner Ankunft in Prerow weiß, verkehrt auf der Fischland-Darß-Zingst genannten Halbinsel ein Bus, der Barth mit Ribnitz-Damgarten verbindet und dabei so ziemlich alle auf ihr existierenden Orte anfährt. Und so war ich auf meiner Fahrt hierher in der Tat bereits mit dem Bus durch Zingst hindurchgefahren. Daß nun dieser mich auch in der entgegengesetzten Richtung von Prerow aus dorthin würde bringen können, daran habe ich nicht den kleinsten Zweifel – und behalte Recht damit.

Die Fahrt dauert nicht lange. Gerade einmal zwanzig Minuten braucht der Bus von Haltestelle zu Haltestelle – Prerow Mitte bis Zingst Zentrum. Zum Prerower Hafen geht die Fahrt, dann über den Prerower Strom, am Alten Bahnhof und kurz darauf an der Hohen Düne vorüber, und schon haben wir, also der Bus und ich, die schmale Landenge zwischen Strom und Ostsee passiert. Die Haltestelle Prerow Hertesburg wird angekündigt und ist auch schon vorüber. Hier hält der Bus offenbar so gut wie nie. Nun, viel gibt es hier ja auch nicht zu sehen, wie ich seit dem Vortage weiß. Auf der linken Seite begleitet uns seit der Hohen Düne ein Deich, rechts stehen entlang der Straße Bäume, zwischen denen hin und wieder, mit viel Phantasie und auch nur, wenn man von seiner Existenz weiß, der alte Bahndamm der einstigen Darßbahn zu erahnen ist. Als die Straße schließlich einen weiten Bogen nach rechts vollzieht, um den Ort Zingst zu umgehen, nimmt der Bus einen Abzweig nach links und folgt weiter dem Deich. Kurze Zeit später passieren wir die ersten Häuser und die Straße, auf der wir unterwegs sind, trägt nun einen Namen, mit dem sie an die ehemalige – und vielleicht auch wieder zukünftige – Eisenbahnlinie erinnert: Am Bahndamm. Auch sie führt alsbald vom Deich weg und in das Innere des Ortes hinein. Der Bus fährt am alten Bahnhof von Zingst vorüber, was mir allerdings völlig entgeht, weil ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß, daß er noch existiert. Tatsächlich ist das aber der Fall, und das Bahnhofsgebäude beherbergt heute das Wirtshaus Zingst. Von hier aus fahren wir weiter auf der Bahnhofstraße – noch eine aus früheren Zeiten verbliebene Reverenz an die Darßbahn -, die uns mitten hinein ins Zentrum des Seebades bringt. Ein paar Kurven und Abzweige später hat der Bus die Haltestelle Zingst Zentrum erreicht und ich steige aus.

Als der Bus sich wieder entfernt hat, stehe ich zunächst etwas verloren herum. Wie ein Zentrum sieht das hier eigentlich nicht aus. Ganz im Gegenteil. Die Haltestelle bildet das Ende der Straße, die in einem großen Wendekreis ausläuft, mittels dessen der Bus gerade wieder dorthin verschwunden ist, wo er hergekommen war. Rings um den Wendekreis stehen ein paar moderne Gebäude in der Gegend herum, die auf einen ortsfremden Besucher wie mich nicht sehr einladend wirken. Eines trägt über seinem Eingang den Schriftzug Max Hünten Haus Zingst und stellt sich mir damit namentlich vor. Zumindest nehme ich das an. Angesichts der völligen Abwesenheit jeglicher Bindestriche könnte es sich auch einfach nur um die Aneinanderreihung einiger Wörter handeln und damit vielleicht ebenso eine Art Kunstwerk sein wie die vor dem Eingang auf dem Rasen liegende riesige schwarze Brille, die offenbar auf irgendetwas hinweisen soll, das sich mir aber nicht erschließt. Auch als ich später herausfinde, daß sich in dem Gebäude das Zingster Zentrum der Fotografie befindet, wird mir der Sinn dieser Brille nicht viel klarer. Allerdings geht mir das mit moderner Kunst des öfteren so, und so mache ich mir nichts daraus[1]Auf der Suche nach einer Erklärung finde ich auf verschiedenen Seiten im Internet und auch in den sozialen Netzwerken Fotos, die die von Marc Moser geschaffene Brille mal am Strand und mal am … [Weiterlesen].

Ich laufe ein Stück dem Bus hinterher und gelange nach wenigen Schritten über die Jordan- in die Hafenstraße, die mich auf einem kurzen Stück Wegs zu genau dem Ort bringt, nach dem sie benannt ist: dem Zingster Hafen. Genau wie der in Prerow befindet er sich nicht an der Ostsee, sondern an den Boddengewässern. Und genau wie in Prerow liegt er an einem Wasserlauf, der hier allerdings Zingster Strom heißt. Im Gegensatz zum Prerower Strom ist dieser hier allerdings kein Seegatt, sondern lediglich ein Wasserarm des Barther Boddens. Er trennt Zingst von der Insel Kirr, die dem Seebad im Bodden vorgelagert ist. Genau wie sein Prerower Pendant hatte der Strom einstmals auch eine direkte Verbindung zur Ostsee, die sich auf der Ostseite des Ortes befand. Sie war als Folge des großen Sturmhochwassers entstanden, das sich im Februar des Jahres 1625 ereignet hatte. Mit der Zeit versandete sie jedoch wieder und schloß sich schließlich ganz.

So ist der am Ende der Hafenstraße gelegene Hafen von Zingst eben kein Ostsee-, sondern ein Boddenhafen. Besonders groß ist er nicht, doch das ist auch gar nicht notwendig, denn er dient heute vorwiegend nur als Anlegestelle für Ausflugsschiffe. Das war jedoch nicht immer so. Die Anfänge des Hafens reichen ein ganzes Stück in die Geschichte zurück, denn wie man heute vermutet, legten bereits in der Zeit vor der Mitte des 19. Jahrhunderts hier regelmäßig Segelschiffe an. Als dann im Jahre 1858 die erste regelmäßige Dampferverbindung eingerichtet wurde, die Zingst verkehrstechnisch mit Barth und Stralsund verknüpfte und täglich bedient wurde, brach die große Zeit des Zingster Hafens an. Gemeinsam mit diesem neuen Verkehrsweg gewann er insbesondere für Urlauber schnell an Bedeutung, bildeten die Dampfer doch lange Zeit die einzige Möglichkeit zur Anreise in einigermaßen vertretbarer Zeit. Die Inbetriebnahme der Darßbahn im Jahre 1910 machte der Dampfschiffahrt jedoch schnell den Garaus. Die Verbindungen wurden innerhalb kürzester Zeit vollständig eingestellt. Zwar verlor der Hafen, sieht man einmal von den hier an- und ablegenden Ausflugsschiffen ab, nun seine Bedeutung für die Personenschiffahrt nahezu vollständig, für den Güterverkehr blieb er jedoch weiterhin wichtig. Und auch Fischer- und Sportboote frequentierten ihn nach wie vor.

Der Zingster Hafen
Panorama-Ansicht des Zingster Hafens. Beim ersten Blick darauf kann man das Hafenbecken leicht übersehen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
Creative Commons Lizenzvertrag

Als der Zweite Weltkrieg dann zum Ende der Darßbahn führte, kam es dennoch nicht zu einer Wiederbelebung der Personenschiffahrt. Zunächst hatten die Menschen anderes im Kopf, als an der Ostsee Urlaub zu machen. Und als später der Tourismus schließlich doch wieder zunahm, hatte das Auto als Verkehrsmittel längst die Oberhand gewonnen. Und dennoch gibt es heute wieder ein paar Fahrgastschiffe, die im Zingster Hafen anlegen. Sie bedienen die Fährverbindungen nach Barth, Stralsund und Hiddensee. Und natürlich gibt es auch die Ausflugsschiffe noch, die die Urlauber auf die beliebten Boddenrundfahrten mitnehmen. Diesem eher überschaubaren Schiffsverkehr gemäß ist der Zingster Hafen, ebenso wie sein Prerower Bruder, nicht allzu groß.

Als ich den Hafen erreiche, liegt gerade ein Schiff darin vor Anker, das mir einigermaßen bekannt vorkommt. Schon glaube ich, die Baltic Star vor mir zu sehen, und beginne mich zu wundern, warum sie sich wohl nach meiner gestrigen Fahrt mit ihr auf den Weg hierher nach Zingst gemacht hat, da entdecke ich an ihrer Seite den großen Schriftzug mit dem Schiffsnamen darauf. River Star steht dort in großen blauen Buchstaben auf knallrotem Grund. Es ist das Schwesterschiff der Baltic Star und wie diese ein Schaufelraddampfer im Stil der  nordamerikanischen Flußschiffe, der die Urlauber auf Ausflugsfahrten durch die hiesige Boddenlandschaft mitnimmt. Hier von Zingst aus gehen die Fahrten allerdings nicht in den Bodstedter, sondern in den Barther Bodden.

Nun, mein Bedarf an Boddenrundfahrten ist vorerst hinreichend gedeckt, und so wende ich mich, nachdem ich mich noch ein wenig am Ufer rings um das einzige Hafenbecken umgeschaut habe, wobei es, sieht man einmal von ein paar Läden, drei Restaurants, einigen Fahrradständern, einer Informationstafel zur Historie des Hafens und einer terrassenartigen Kombination aus Treppe und Sitzgelegenheit ab, nicht sonderlich viel Erwähnenswertes zu entdecken gibt, wieder dem Zentrum des Ortes zu, dem mich die Hafenstraße hilfreich entgegenbringt.

Zurück an der Jordanstraße, finde ich mich an einem kleinen, namenlosen, dreieckigen Platz wieder, der von einer Grünanlage eingenommen wird, die ein einzelner riesiger Baum dominiert, um den herum sich ein paar von Rasen umgebene Büsche gruppieren. Welcher Art dieser Baum ist, kann ich nicht mit völliger Sicherheit ausmachen, da sich an seinen Ästen noch kein einziges Blatt sehen läßt. Anhand der Beschaffenheit seiner Rinde tippe ich allerdings auf eine Eiche. Ich überquere die Jordanstraße und schicke mich gerade an, auf ihrer gegenüberliegenden Seite der Hafenstraße weiter zu folgen, da bemerke ich inmitten der Grünanlage ein metallenes Etwas, dessen blankpolierte Oberfläche die grünen Büsche spiegelt, die allerdings gar keine sind, wie ich feststelle, als ich nähertrete, denn sie geben sich als niedrigwachsende Nadelgehölze zu erkennen. Offenbar habe ich das metallische Konstrukt zuerst von seiner rückwärtigen Seite bemerkt, an der ich nicht erkennen kann, um was es sich handelt. Von der Straßenecke aus gesehen kann ich lediglich eine Wand identifizieren.

Ich laufe also um die kleine Grünfläche herum, um auf die andere Seite dieses Was-auch-immer-es-ist zu gelangen. Dort angekommen, werde ich jedoch zunächst auch nicht schlauer. Ich sehe tatsächlich eine glatte, hohe Wand aus Metall vor mir, die auf der Rasenfläche unter dem hohen Baum steht und deren Oberfläche derart stark poliert ist, daß sie wie ein Spiegel wirkt. Auf’s kleinste Detail genau kann ich darin die Szenerie hinter mir und natürlich mich selbst erkennen, einschließlich des strahlend blauen Himmels mit den schneeweißen Wolken, der sich über mir wölbt.  Vor der Wand ist der Boden bis fast an den Weg, auf dem ich stehe, ebenfalls mit einer Metallplatte ausgelegt, die allerdings mit kleinen, langgezogenen metallischen Noppen versehen ist, die in parallelen, diagonal verlaufenden Reihen angeordnet sind. Und weil es Reihen in beiden Diagonalrichtungen gibt, kreuzen sie einander und bilden so ein interessantes Muster. Auf dieser Bodenplatte befinden sich zwei niedrige, parallel zur Wand ausgerichtete Sockel, die die ganze Breite der Platte einnehmen und von denen der eine sie vorn, wo ich stehe, abschließt. Diese etwa sitzhohen Sockel sind, genau wie die Wand, an allen Seiten spiegelglatt poliert, so daß auch sie Spiegelbilder ihrer näheren Umgebung zeigen. Offenbar handelt es sich um irgendeine Art Kunstwerk, doch kann ich mir zunächst keinen Reim darauf machen. Das ändert sich jedoch, als ich die an der Spiegelwand angebrachte und auf deren Oberfläche fast schwarz wirkende Bronzetafel entdecke, auf der sich offenbar eine Aufschrift befindet. Neugierig gehe ich darauf zu, um zu lesen, was dort steht.

DEN OPFERN
VON
KRIEG
UND
GEWALT-
HERRSCHAFT

Daneben sind zwei als Relief gestaltete ernste Gesichter zu sehen, deren Augen geschlossen sind und sich leicht nach vorn neigen, der Schrift entgegen. Ein Denkmal also. Mit seinen sitzhohen Sockeln lädt es ein, hier einen Moment zu verweilen. Doch unabhängig davon, ob man dieser Einladung nun folgt oder nicht, wird man als Betrachter mit seinem Abbild, das die Spiegelflächen erzeugen, gewissermaßen in das Denkmal integriert. Während man über die Opfer vergangener Kriege und Gewaltherrschaften nachdenkt, sieht man sich selbst und wird so daran erinnert, wie schnell man selbst zu einem dieser Opfer werden könnte, sollte die Gesellschaft es noch einmal zulassen, daß sie sich in diese Richtung fehlentwickelt.

Gedenkstätte für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft in Zingst
Gedenken mit Spiegel – das Denkmal für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft in Zingst.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
Creative Commons Lizenzvertrag

Dieses Denkmal steht an dieser Stelle seit dem 19. November 2006. An diesem Tage eingeweiht, ersetzt es eine vorher an dieser Stelle an einer kleinen Mauer angebrachte Gedenktafel, die zu Zeiten der DDR hier plaziert worden war und an die Opfer des Faschismus erinnerte, was sich insbesondere auf die faschistische Herrschaft in Deutschland in der Zeit von 1933 bis 1945 bezog. Weil sowohl Mauer als auch hölzerne Tafel mit den Jahren recht marode geworden waren, so daß eine Restaurierung nicht mehr möglich war, entschloß sich die Gemeinde dazu, das Denkmal zu schaffen, das ich nun hier vor mir sehe. Damit einher ging dann auch die Umwidmung von einer Erinnerungsstätte, die konkret den Opfern des Faschismus gewidmet war, zu einem verallgemeinerten Gedenkort für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Es war nicht die erste Umwidmung dieser Art. Die vielleicht bekannteste hatte es bereits mit der Neuen Wache in Berlin gegeben. Diese war in der DDR zu einem Mahnmal für die Opfer des Faschismus und des Militarismus gestaltet worden. Nachdem das kleine Land in der BRD aufgegangen war, hatte man sie 1993 neu gestaltet und zu deren zentraler Gedenkstätte für die Opfer der Kriege und der Gewaltherrschaft umgewidmet. Doch wie positiv man den Einbezug aller Opfer jeglicher Kriege und Gewalt in das Gedenken immer sehen mag – und damit wird diese Verallgemeinerung schließlich oft genug begründet -, so ist er doch auch problematisch. Denn damit geht auch stets etwas verloren. Es ist der Bezug auf die ganz konkrete Schuld, die das deutsche Volk in der Zeit des deutschen Faschismus in den Jahren 1933 bis 1945 auf sich geladen hat, auf Verbrechen wie den Holocaust, die in der Menschheitsgeschichte aufgrund ihres außerordentlichen und kaum vorstellbaren Umfangs eine traurige Ausnahmestellung besitzen. Und daher wäre es auch heute noch notwendig, die daran erinnernden Gedenkstätten zu erhalten und nicht mit anderen Kriegen und Gewaltherrschaften in einen Topf zu werfen und so zu verallgemeinern. Das Gedenken an die in jener faschistischen Zeit von Deutschen verübten Verbrechen und an deren Opfer mag in die neue Widmung eingeschlossen sein, doch weil es in dieser Verallgemeinerung einfach aufgeht, geht es darin auch unter. Es wird unsichtbar, eines von vielen. Und weil es das eben nicht war, empfinde ich das als hochproblematisch, gerade in Deutschland und gerade in einer Zeit, in der wieder vermehrt Stimmen laut werden, die meinen, es wäre doch nach all der Zeit nun endlich einmal genug mit der Erinnerung an die Schuld. Doch das ist es nicht. Sonst kommt dereinst wieder der Tag, wo all das wiederkehrt, weil niemand die Gefahr mehr kennt und rechtzeitig zu erkennen in der Lage ist.

Von dem Denkmal und der kleinen Grünanlage, in der es steht, gehe ich weiter die Hafenstraße entlang, auf der ich mich nun gemächlich dem Zentrum des Ortes nähere. Wie bereits auch schon am Hafen entdecke ich vereinzelt Informationstafeln, die mich über die Geschichte des Ortes, an dem sie stehen, aufklären. Wie in Prerow markieren sie einen historischen Rundgang durch den Ort. Zwar sind sie weniger zahlreich als jene des Nachbarortes, doch dafür meist etwas ausführlicher in ihrer Beschreibung. Als ich an einem Supermarkt vorüberkomme, stoße ich auf eine dieser Tafeln. Sie erinnert an die einstige HO-Kaufhalle[2]HO stand in der DDR für Handelsorganisation. Das war ein staatliches Unternehmen des Einzelhandels, das mit der Bandbreite der von ihm angebotenen Waren und der ihm unterstehenden Läden alle … [Weiterlesen], die sich zu Zeiten der DDR an seiner Stelle befunden hat und im Jahre 1969 eröffnet worden war. Hier gab es sowohl für die Zingster als auch für die Urlauber die Möglichkeit, die benötigten Waren des täglichen Bedarfs käuflich zu erwerben. Diese Erinnerung an einen Ort des alltäglichen Lebens hat durchaus ihren Charme, und ich registriere interessiert die Unterschiede in der Bewertung, was dem der Geschichte zugeneigten Besucher auf dem jeweiligen Historischen Rundgang in Prerow und Zingst präsentiert wird. Auch in Prerow hatte es, wie ich aus eigener Erinnerung weiß, eine solche Kaufhalle gegeben. Eine diesbezügliche Rundgangstafel suchte ich dort allerdings vergebens. Sicher hätte es auch da irgendetwas Interessantes darüber zu berichten gegeben. Für mich hatte diese Kaufhalle in einem oder zwei unserer Urlaube jedenfalls einige Bedeutung besessen, versuchte ich doch jedes Mal, wenn wir dort einkauften, meine Eltern zu nötigen, verschiedene der regionalen Getränke zu erwerben. Dabei waren weniger die Inhalte der Flaschen für mich wichtig, von denen ich einige, insbesondere die alkoholischen, gar nicht selbst trinken konnte oder wollte. Ich war vielmehr an den Etiketten der Flaschen interessiert, die ich meiner Sammlung einverleiben wollte, die ich damals anzulegen gedachte. Sorgfältig weichte ich sie von den Flaschen ab, trocknete und glättete sie und klebte sie in ein Notizbuch ein. So frönte ich schon als Kind und Jugendlicher leidenschaftlich meinem Sammeltrieb. Irgendetwas habe ich eigentlich immer gerade gesammelt. Mal waren es kleine Eislöffel aus Plastik, auf deren Stiel aus irgendwelchen Gründen Vornamen aufgeprägt waren, dann wieder Kronkorken. Ein anderes Mal sammelte ich die bereits erwähnten Flaschenetiketten, dann, als ich älter wurde, die Programmhefte und Eintrittskarten von mir besuchter Konzert- und Theatervorstellungen. All diese Sammlungen gingen alsbald jedoch wieder den Weg alles Irdischen, denn zum einen fehlte mir der Platz, zum anderen aber auch die zündende Idee, wie ich denn Systematik in die jeweilige Sammlung bringen könnte. So gab ich sie schließlich bald alle wieder auf, nicht jedoch das Sammeln an sich. Hatten die erwähnten Sammelobjekte den Nachteil, daß ihnen kein rechter Unterhaltungs- oder ideeller Wert innewohnte – was sollte man mit Flaschenetiketten, Kronkorken oder Eislöffeln letztlich schon groß anfangen? -, so sah das bei Büchern, Romanheften, Schallplatten oder Briefmarken schon anders aus. Irgendwas habe ich über viele Jahre hinweg eigentlich immer gesammelt. Bis ich irgendwann, schon längst erwachsen, dann doch einmal einsah, daß es besser ist, sich zu beschränken, und zwar auf das, was einem wirklich wichtig ist. Und so sammle ich heute nicht mehr im eigentlichen Sinne, sondern beschränke mich auf einige wenige Dinge, die mir auch wirklich am Herzen liegen; bei Büchern beispielsweise auf einige sehr ausgewählte Autoren, die ich auch tatsächlich lesen will.

Ist es nicht interessant, wie die Gedanken auf Wanderschaft gehen können, wenn man, nichtsahnend durch einen fremden Ort streifend, plötzlich auf eine Informationstafel stößt, die in ihrem kurzen Text über etwas so Alltägliches wie eine einstige HO-Kaufhalle berichtet? Etwas daran hatte eine Erinnerung aus meinem Gedächtnis hervorgeholt und mich in der Zeit zurückversetzt…

Ich reiße mich los und spaziere weiter die Hafenstraße entlang, die sich jetzt zunächst scharf nach links, alsbald aber wieder sanft nach rechts wendet. Kurz darauf finde ich mich erneut auf einem dreieckigen Platz wieder, der ebenfalls eine Grünanlage besitzt. Deutlich größer als der letzte, hat er auch einen eigenen Namen: Postplatz. Und auch die Grünanlage ist erheblich umfangreicher und mit einer stattlichen Anzahl Bäume versehen, die aber ebenfalls alle noch völlig kahl sind. In ihrer Mitte finde ich einen großen Stein, der Ähnlichkeit mit jenem hat, der sich in Prerow auf dem Gemeindeplatz befindet. Nur ruht dieser hier im Gegensatz zu jenem auf einem deutlich weiträumigeren Sockel aus vermauerten Feldsteinen, der zudem auch noch nach beiden Seiten in die Grünanlage ausgreift. Die Aufschrift an der Vorderseite des großen Findlings ist nicht ganz leicht zu entziffern. Mühsam lese ich:

Zum Gedächtnis
der Helden
1914 – 1918

Darüber prangt das Symbol des eisernen Kreuzes. Noch ein Kriegerdenkmal also. Doch anders als in Prerow, wo man offenbar ein mahnendes Gedenken bevorzugt, wie die dortige Inschrift „Die Toten mahnen“ auf dem Stein nahelegt, werden die bei den Eroberungsfeldzügen des Ersten Weltkriegs zu Tode gekommenen Soldaten, wenn ich die Aufschrift richtig entziffert habe, hier als Helden verehrt, eine Auffassung, der ich mich allerdings weder anschließen kann noch will.

Kriegerdenkmal in Zingst
„Helden“-Verehrung in Zingst – das Kriegerdenkmal auf dem Postplatz.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
Creative Commons Lizenzvertrag

Ich lasse das Denkmal hinter mir und setze meinen Weg fort. Dort, wo der Postplatz – man hat hier gleich noch ein Stück der von ihm fortführenden Straße mit diesem Namen versehen – auf die Friedenstraße trifft, laufe ich an vier einander außerordentlich ähnlich sehenden Häusern vorüber, von denen drei direkt an der Straße stehen, während sich das vierte, etwas größere diskret in den Hintergrund zurückgezogen hat. Jedes sieht aus wie eine zweistöckige Stadtvilla mit Balkons im oberen Stockwerk, die um die vorderen Ecken gehen und von gelben Ziegelpfeilern getragen werden. Die an der Straße gelegenen Häuser beherbergen in ihren Erdgeschossen kleine Läden. An der Frontseite präsentiert ein jedes dem Betrachter seinen Namen. Nacheinander laufe ich erst an der Villa Nadine vorüber, dann an der Villa Beatrice und zuletzt an der Villa Verena. Den Namen des Hauses im Hintergrund kann ich nicht erkennen und muß ihn daher dem Stadtplan entnehmen: Villa Sophie.  Wie vermutlich in fast jedem Haus hier im Ort – ebenso wie in Prerow – werden in den oberen Stockwerken Ferienwohnungen vermietet.

Die Friedenstraße bringt mich schließlich zur Strandstraße, wo ich das Herz des Seebades erreicht zu haben scheine, denn von hier an befinde ich mich in einer ausgedehnten Fußgängerzone. Diese umfaßt allerdings nicht die gesamte in Nord-Süd-Richtung verlaufene Strandstraße, sondern endet etwa einhundert Meter südlich von meinem jetzigen Standort. Daß ich dort heute bereits gewesen bin, wird mir klar, als ich diese kurze Entfernung zurückgelegt und das Ende – oder den Beginn, je nach Perspektive – der Fußgängerzone erreicht habe. Genau an dieser Stelle mündet die hier endende Bahnhofstraße in die Strandstraße und ich erkenne die Kurve, die die aus ihr kommende Fahrbahn beschreibt, sofort wieder. Hier war ich vorhin, im Bus sitzend, entlanggefahren. Da es an dieser Stelle jedoch für mich nichts weiter von Interesse zu sehen gibt, kehre ich wieder um und gehe die Strandstraße in Richtung Norden weiter. Da sie nicht nur in großen Teilen eine Fußgängerzone ist, sondern auch noch genau auf die Seebrücke des Ortes und damit auf den zentralen Strandabschnitt zuführt, ist sie ohne Zweifel eine der bedeutendsten Straßen in Zingst. Zahlreiche Geschäfte, Cafés und Restaurants säumen den Weg, die sich besonders am Fischmarkt konzentrieren. Dieser ist nur wenige Schritte von der Friedenstraße entfernt und genau wie der Postplatz nicht einfach nur ein großer Platz. Tatsächlich ist der Name auch noch einer kleinen Seitenstraße zugeordnet, die östlich der Strandstraße ein Stück parallel zu ihr verläuft, bevor sie ihren Namen in Klosterstraße ändert. Da ich für diese Eigenart keine Erklärung finden kann, überlege ich mir selbst eine. Ohne es also genau zu wissen, vermute ich, daß der Platz möglicherweise einst viel größer gewesen sein und das gesamte Areal zwischen den beiden Straßen umfaßt haben mochte. Später wurde es vielleicht in Teilen bebaut, so daß die heutige Situation nach und nach entstanden ist. Eine alternative Erklärung, die mir einfällt, bezieht den Namen auf einen realen Markt, auf dem vorwiegend Fische verkauft wurden. Dieser mochte von dem Platz, auf dem er ursprünglich stattfand, immer mehr in die Seitenstraße übergegriffen haben, so daß man irgendwann diese in den Namen einbezog. Doch egal, wie es wirklich gewesen war, der Fischmarkt ist nun meine nächste Station.

Die Strandstraße in Zingst
Der Fischmarkt an der Strandstraße. Doch weder ist ein Strand, noch sind Fische irgendwo zu sehen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Doch bevor ich die wenigen Meter auf der Strandstraße zu ihm zurücklege, fällt mir an der Ecke zur Friedenstraße ein Gebäude auf, das ich zwar auch vorher schon bemerkt, jedoch nicht weiter beachtet hatte, weil es auf den ersten Blick wie ein gewöhnliches Wohngebäude aussieht. Es ist ein langgestreckter Bau mit vergleichsweise flachem Spitzdach, der längs entlang der Friedenstraße ausgerichtet ist. In der Mitte wird er von einem etwas erhöhten Gebäudeteil unterbrochen, dessen Dach die gleiche Form aufweist, jedoch quer verläuft. Diesem Mittelteil ist ein vom Boden bis zum Dach reichender Erker vorgesetzt. War ich vorhin etwas achtlos an dem Gebäude vorübergegangen, so fällt mir jetzt, da ich, vom südlichen Ende der Strandstraße zurückkommend, genau darauf zulaufe, auf, daß die beiden Seitenflügel recht unterschiedlich gestaltet sind. Während sich im rechten, östlichen Flügel normale rechteckige Fenster befinden, besitzt der linke, westliche Flügel hohe, schmale Bogenfenster, die von außen aussehen, als seien sie aus vielen kleinen, bunten Glasstücken zusammengesetzt worden. Und auch der Erker des Mittelteils besitzt im Erdgeschoß derartige Bogenfenster, die allerdings bedeutend kleiner ausfallen. Als ich das Gebäude schließlich erreicht habe, bemerke ich an der fensterlosen, der Strandstraße zugewandten Schmalseite eine flache, darin eingelassene Nische, die ebenfalls die Form eines Bogenfensters besitzt. Darin ist ein riesiges, aus Ziegeln geformtes Kreuz eingelassen. Ganz offensichtlich habe ich hier kein gewöhnliches Wohnhaus vor mir. Tatsächlich stehe ich vor der katholischen Kapelle Sankt Michael, in der die Katholische Kirchengemeinde Sankt Bernhard aus Stralsund in Zingst ihre Gottesdienste abhält.

Daß man die Kapelle auf den ersten Blick für ein Wohnhaus halten kann, ist kein Zufall, denn einst war das Gebäude tatsächlich ein altes Seemannshaus. Katholische Gottesdienste gab es in Zingst erst vergleichsweise spät. 1921 sollen die ersten hier gefeiert worden sein. Vier Jahre später begann man mit den sogenannten Kurgottesdiensten, die auch den Urlaubern offenstanden. Doch noch gab es keine eigene Kirche. Diese wurde erst notwendig, als nach dem Zweiten Weltkrieg etwa zweitausend Flüchtlinge in Zingst eintrafen, die katholischen Glaubens waren. Der Pfarrer der Gemeinde erwarb daraufhin das Gebäude an der Friedenstraße, ließ es zum Pfarrhaus umbauen und mit einer Kapelle versehen, die unter das Patronat des Erzengels Michael gestellt wurde. Bis zum heutigen Tage werden in der Kapelle katholische Gottesdienste abgehalten.

Langsam spaziere ich die Strandstraße entlang auf den Fischmarkt und über diesen hinweg. Der Boden ist ein buntes Sammelsurium von Belägen. Hier zieht sich eine geteerte Bahn entlang, dort bilden große, unregelmäßige Steine eine Art hoppeliges Kopfsteinpflaster und wieder woanders liegen ebenmäßig gefertigte, in ihrer Form an Ziegel erinnernde Steine so streng in Reih und Glied, daß die Fugen zwischen ihnen sich in ihrer Breite kaum einmal um einen Millimeter voneinander unterscheiden. Auf dem Platz gibt es kleine mit Rasen ausgelegte und von Hecken eingefaßte Inseln, auf denen vereinzelte Büsche stehen. Und während diese am einen Ende in eine strenge Kugelform gezwungen wurden, läßt man ihnen am anderen in ihrem Wachstum freien Lauf. Rings um den Fischmarkt haben sich einzeln stehende Häuser versammelt, deren einige, die direkt an den Platz grenzen, in ihrem Erdgeschoß einen Laden oder ein Café beherbergen, während andere noch einen Vorgarten zwischen sich und den Platz gesetzt haben, um von diesem etwas Abstand zu gewinnen. Hier wird offenbar einfach nur gewohnt. Allzu viel ist gerade nicht los, und so wandere ich weiter die Strandstraße entlang nach Norden.

Das Bild ändert sich nicht wesentlich. Hier ein Wohnhaus mit Vorgarten, dort ein Laden, dann eine Seitenstraße, ein Restaurant und wieder ein Wohnhaus. Mal nehmen die Läden an Häufigkeit zu, dann ist plötzlich abrupt wieder Schluß mit den Einkaufsmöglichkeiten und ich wandere an einer ein Grundstück begrenzenden Hecke entlang. Es ist nicht gerade eine Einkaufsmeile, auf der ich unterwegs bin, sondern einfach nur die Hauptstraße eines Ortes, in dem es zu dieser Jahreszeit, in der Vorsaison, vergleichsweise ruhig und gemütlich zugeht.

Schließlich erreiche ich einen auf der rechten Straßenseite befindlichen kleinen Ziegelbau, der mir ausgesprochen bekannt vorkommt. Da sich die rechter Hand hinter den Häusern parallel zur Strandstraße verlaufende Klosterstraße nun soweit angenähert hat, daß sie einige Meter voraus mit dieser zusammentrifft, befindet sich das kleine Gebäude genau in der Mitte zwischen den beiden Verkehrswegen. Mit seinem spitz zulaufenden Dach und den an den beiden Schmalseiten jeweils nebeneinanderliegenden zwei großen, doppelflügeligen Toren sieht es der alten Seenotstation von Prerow, die ich bereits an meinem ersten Abend dort entdeckt hatte, ausgesprochen ähnlich. Zwar ist eine entsprechende Aufschrift, wie es sie dort gegeben hatte, hier nicht vorhanden, doch das ovale Emblem mit dem roten Kreuz der Seenotretter ist auch hier zu sehen. Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger Bremen ist in einem Kreis rings um das Symbol zu lesen.

Alter Rettungsschuppen in Zingst
Der alte Rettungsschuppen in Zingst – Biergarten und Traditionskabinett in einem.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Dieser sogenannte Alte Rettungsschuppen wurde im Jahre 1873 durch die Zingster Bürger errichtet. Er sollte den fünf Jahre zuvor bei einem Sturmhochwasser zerstörten Rettungsschuppen ersetzen und diente zur Aufbewahrung der Ruder-Rettungsboote. Lange Jahre erfüllte er seinen Zweck, bis er schließlich außer Dienst gestellt wurde. Doch nach wie vor, und darauf weist das Zeichen über den Toren unmißverständlich hin, wird er von der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) genutzt. Sie hat darin ein Traditionskabinett untergebracht, das eine Sammlung historischer Rettungsgeräte aus der Geschichte der hiesigen Rettungsstation beherbergt. Doch im Gegensatz zu seinem Pendant in Prerow kommt hier auch die Öffentlichkeit in den Genuß, von diesem kleinen Bauwerk etwas zu haben, denn zusätzlich ist darin ein kleines Lokal untergebracht, an das sich ein Biergarten anschließt, der genau zwischen den beiden Straßen gelegen ist.

An dem Rettungsschuppen vorbei gelange ich nun auf einen großen, halbkreisförmigen Platz, an dem die Strandstraße endet. Direkt vor mir, gewissermaßen auf dem Durchmesser des Halbkreises, verläuft der schnurgerade Deich, hinter dem ich wohl mit einiger Berechtigung die Ostsee vermuten darf. An seiner halbkreisförmigen Seite wird der Platz, der offenbar keinen Namen hat, von einigen großen Gebäuden gesäumt, die ausnahmslos alle so aussehen, als seien sie noch gar nicht so alt. Auf das große Hotel links von mir trifft das auf jeden Fall zu. Es stellt sich mir an seinem Portikus als Strandhotel vor und gibt sich alle Mühe – durchaus nicht völlig erfolglos, möchte ich anfügen – , den Anschein zu erwecken, als stamme es aus der Zeit der Wende zum 19. Jahrhundert, der großen Ära der Seebäder. Tatsächlich wurde das Hotel erst im Jahre 2006 errichtet und erbringt so den Beweis, daß es auch heutigen Architekten möglich ist, Bauten zu entwerfen, die sich nicht wie Fremdkörper in ihrer Umgebung ausnehmen, sondern gut in den Ort, in dem sie stehen, integrieren.

Das Strandhotel in Zingst
Das Strandhotel in Zingst – ein schöner Bau wie aus einer anderen Zeit.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Auch die andere Seite des Platzes wird von einem großen Hotelbau dominiert. Dieser versucht zwar nicht, sich irgendeiner historischen Architektur anzugleichen, paßt sich aber dennoch gut in seine Umgebung ein, auch wenn er um ein Vielfaches größer ist als das Strandhotel. Der Größenzuwachs geht dabei aber nicht in die Höhe, sondern eher in die Breite, nimmt das Aparthotel, wie dieser Bau heißt, doch den gesamten Rand des Platzes von der Strandstraße bis zum Deich hinüber ein. Ich bin immer wieder überrascht, was Architekten der heutigen Zeit für gefällige Bauten zustandebringen, wenn sie nicht versuchen, originell zu sein und einander möglichst großartig zu übertreffen. In einem vergleichsweise kleinen Ort wie Zingst kann man wohl kaum erwarten, mit dem Ergebnis seines Tuns die Aufmerksamkeit der großen weiten Welt zu erringen, wie das in Metropolen wie Berlin, Köln, Hamburg, Frankfurt oder München der Fall ist oder zumindest erhofft wird. So kommt es wohl, daß sich in jenen Städten heutzutage oft Bauten finden, deren Gestaltung so extraordinär, gewaltig und Eindruck schindend wie nur irgend möglich ist, daß man unwillkürlich zu bezweifeln geneigt ist, es könnte dahinter noch irgendeinen anderen Zweck geben als den, herauszustechen, aufzufallen und für genial gehalten zu werden. Dabei ist das Ergebnis oft ein Gebäude, das seine Umgebung völlig ignoriert, so daß es überhaupt nicht dorthin paßt, wo es steht, und dies oftmals nicht nur optisch und ästhetisch, sondern auch bezogen auf das menschliche Umfeld. Oft genug haben die Normalbürger der jeweiligen Stadt überhaupt keinen Bezug zu dieser Art von Gebäude. Weder brauchen sie sie noch nutzen sie sie selbst. Und so ist es mit Sicherheit auch nicht nur die Geltungssucht der Architekten, die zur Errichtung dieser sinnlosen und wenig ästhetischen Protzbauten führt, sondern ganz sicher auch die Manie der jeweiligen Bauherren (oder -damen – ich will ja niemanden ausschließen!), zu repräsentieren, etwas darzustellen und den Nachbarbau möglichst auszustechen. Und das läßt man sich dann eine Menge kosten. Je mehr Geld, desto mehr Geltungsdrang. Zumindest kommt es mir so vor, wenn ich mir die neuen Bauten ansehe, die heute so entstehen, besonders in meiner Heimatstadt Berlin. Man schaue sich nur das Ensemble am Potsdamer Platz an. Was dort entstanden ist, ist lediglich eine Insel inmitten der Stadt, die weder wirklich in diese integriert ist, noch irgendeinen Bezug zu ihr herstellt. Von einem lebendigen Viertel mit Lebens- oder wenigstens Aufenthaltsqualität kann dort keine Rede sein, was man allein schon an den nach wie vor hilflosen Versuchen ablesen kann, aus den Potsdamer-Platz-Arkaden, wie sie früher hießen, irgendetwas Lebendiges, sich selbst Erhaltendes zu machen, das die Menschen anzieht. Nicht einmal ein McDonald’s hat dort überlebt… Ein ähnliches Erscheinungsbild bieten die Neubauten am Bahnhof Zoo, die mit ihrer gewaltigen Höhe vielleicht in Städte wie New York passen mögen, aber nicht nach Berlin und schon gar nicht in das dortige Charlottenburger Umfeld mit seinen Bürgerhäusern. Und was nun am Alexanderplatz geplant und bereits in Bau ist, davon will ich gar nicht erst anfangen…

Doch zurück auf den großen Platz am Ende der Strandstraße in Zingst. Ich überquere die vor dem Deich parallel zu diesem verlaufende Seestraße und anschließend ihn selbst auf dem breiten, die Strandstraße fortsetzenden Weg und finde mich alsbald auf der anderen Seite wieder, wo sich ein weiterer Platz befindet, der ebenfalls keinen Namen hat. Ganz offensichtlich gibt es hier in Zingst noch einiges Potential für Namensgebungen. Direkt voraus gewahre ich eine Schar kleiner Kiefern. Wenn es sich nicht um eine Art handelt, die einfach von selbst nicht größer wird, hat man sie wohl so zurechtgeschnitten, daß die Bäume die Form kleiner Linden oder Obstbäume haben. Das sieht ganz hübsch aus, ich bezweifle aber, daß man sie gefragt hat, ob sie das wollen. Doch sie können sich ja nicht wehren…

An der Seebrücke in Zingst
Hinter dem Deich… geht’s weiter. Mit Wasserwacht, Bistro, Kiosk, Kurhaus und Zugang zum Strand.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Auf der linken Seite des Platzes stehen zwei vergleichsweise schmucklose, miteinander verbundene Ziegelbauten. Vor dem ersten hat man einige Tische und Bänke auf den Platz gestellt; ein einzelner blauer Sonnenschirm, der jedoch momentan gerade zusammengefaltet ist, leistet ihnen Gesellschaft. Wenn mir das nicht ausreichen sollte, um in dem Gebäude ein gastronomisches Etablissement zu vermuten, so weist mich die Aufschrift Bistro Zentral über den großen Schaufenstern im Erdgeschoß unmißverständlich darauf hin. Am zweiten Gebäude befindet sich ebenfalls ein Schild, auf dem Deutsches Rotes Kreuz zu lesen ist. Hier ist die Wasserwacht des Zingster Strandes untergebracht.

Gegenüber, also auf des Platzes rechter Seite, steht ebenfalls ein Gebäude. Es ist etwa dreimal so groß wie die beiden Bauten linker Hand zusammen und besitzt das Erscheinungsbild eines Fachwerkhauses. Ein genauerer Blick verrät mir jedoch, daß es noch recht neu ist. Keinesfalls ist das, was ich hier vor mir sehe, historisches Fachwerk. Tatsächlich wurde dieses Zingster Kurhaus erst im Jahre 2000 eingeweiht. Obwohl Zingst bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein beliebter Badeort gewesen ist, besaß der Ort lange Zeit kein Kurhaus. Das erste wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg, im Jahre 1948 errichtet. Es stand ziemlich genau fünfzig Jahre, denn 1998 riß man es wegen Baufälligkeit ab und errichtete umgehend ein neues Gebäude, das ich nun vor mir sehe.

Hinter dem Platz führt der Weg weiter unter den Kiefern hindurch, über die Düne zum Strand. Hier beginnt der Sand. Doch anders als an anderen Strandzugängen muß man hier nicht zwingend hindurchstapfen, um an’s Meer zu kommen. Oder in diesem Fall besser über’s Meer. Denn am hiesigen Hauptzugang zum Zingster Strand hat man im Jahre 1993 eine Seebrücke errichtet. Mit ihren zweihundertsiebzig Metern Länge und zweieinhalb Metern Breite ist sie ein vergleichsweise einfacher Vertreter ihrer Zunft. Wer also einen über den Wellen sich erhebenden Brückenkiosk oder ähnliches erwartet, dürfte enttäuscht werden. Die Seebrücke erinnert eher an einen übergroßen, mit Geländern versehenen Steg, über den man Zugang zu anlegenden Schiffen erlangt, die wegen der benötigten größeren Wassertiefe nur weiter draußen ankern können. Bereits vor Errichtung der heutigen Seebrücke gab es hier ein entsprechendes Bauwerk, das Ende des 19. Jahrhunderts entstand und auch als Seebrücke bezeichnet wurde. Allerdings war das ein wenig hochtrabend, denn eigentlich handelte es sich um nicht viel mehr als einen etwas größeren Steg. Er diente kleineren Zubringerbooten zum Anlegen, die die Aufgabe hatten, die Passagiere zu den voraus liegenden Dampfern zu bringen. Diesem Steg hatten Meerwasser, Eis und Schnee über die Jahre so zugesetzt, daß er im Jahre 1947, mittlerweile völlig marode, nur noch abgerissen werden konnte. Der ihm so viele Jahre später nachfolgende Neubau wurde dann ungleich größer.

Der Strand selbst unterscheidet sich eigentlich kaum vom Nordstrand in Prerow, sieht man einmal davon ab, daß hier in regelmäßigen Abständen lange Reihen von Holzpflöcken ins Wasser hineinragen. Diese sogenannten Buhnen dienen, ebenso wie Deich, Dünenwald und die Düne selbst, dem Küstenschutz. Bei heftigen auflandigen Winden betätigen sie sich als Wellenbrecher. Sowohl in westlicher als auch in östlicher Richtung reihen sie sich bis zum Horizont endlos aneinander. Doch ansonsten bietet sich mir dasselbe Bild. Auf die Bäume des hier recht schmalen Waldstreifens folgt die grasbewachsene Düne, an die sich der breite Sandstrand anschließt, an den die von den Buhnen gezähmten Wellen branden – oder branden würden, wenn es denn wenigstens ein kleines bißchen Wind gäbe. Doch der legt heute offenbar einen Ruhetag ein, so daß sich das Meer, wenn auch nicht spiegelglatt, so doch zumindest vollständig wellenlos präsentiert.

Buhnen am Strand von Zingst
Alles voller Pfosten hier – Buhnen am Zingster Ostseestrand.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Die Pfeiler der Seebrücke, auf die ich mich nun begebe, sind allerdings nicht aus Holz. Sie bestehen aus solidem Stahl und sind tief in den sandigen Meeresboden hineingerammt worden. Wie das gemacht wird, habe ich zwei Tage zuvor in Prerow bereits beobachten können. So fühle ich mich denn auf den Planken der über den Wassern der Ostsee hinführenden Seebrücke ausgesprochen sicher, zumal zu ihren beiden Seiten aus dicken Holzbalken bestehende Geländer jegliches unvermitteltes Hinabfallen wirksam verhindern.

Es ist jetzt Mittag. Das behauptet jedenfalls meine Uhr. Doch da wir in Europa nach wie vor alljährlich den Unsinn der sommerzeitlichen Uhrenumstellung vollführen, hat die Sonne ihren höchsten Stand trotzdem noch nicht erreicht. Auf der Seebrücke sind zahlreiche Menschen unterwegs, die in beide Richtungen flanieren, die einen auf’s Meer hinaus, die anderen zurück gen Strand. Und doch sind es glücklicherweise nicht genug, um von einem Massenandrang sprechen zu müssen. Ganz im Gegenteil. Ganz gelassen und in Ruhe kann ich, ohne jemanden zu stören oder meinerseits von anderen gestört zu werden, langsam den langen Steg entlangwandern, immer wieder einmal stehen bleiben und den Ausblick zurück auf den Strand, die Düne, die Bäume und das Kurhaus genießen oder hinaus auf’s Meer schauen, wo sich die weitestgehend glatte Fläche des Wassers bis zum Horizont dehnt, dessen schnurgerade Linie in dem weiten Halbkreis von West über Nord nach Ost durch nichts unterbrochen wird, wenn man einmal von den weißen Windrädern des Offshore-Windparks Baltic 1, die natürlich auch hier zu sehen sind, und dem sich im Nordosten erhebenden Hiddenseer Schluckswiek absieht, der hier, wo die Entfernung zu ihm bereits etwas geringer ist, noch deutlicher zu erkennen ist als drüben in Prerow. Es ist ein gemütliches Bummeln auf diesem langen Steg, bei schönstem Wetter und in der Gelassenheit der Vorsaison, die es ermöglicht, die Seele baumeln zu lassen und das Hiersein einfach zu genießen.

Die gesamte Seebrücke entlang hat man in gleichmäßigen Abständen Lampen aufgestellt, die sie auch bei Dunkelheit begehbar machen. Jetzt, bei Tageslicht, benötige ich sie dafür allerdings nicht. Ich bin den langen Steg bereits ein Stück entlanggegangen, da fällt mir in einiger Entfernung voraus ein Gegenstand auf, beim es sich um ein einfaches, aufrecht stehendes Brett zu handeln scheint. Es hält sich, zusammen mit zwei Bänken, auf einer Plattform auf, zu der sich der Steg der Seebrücke für ein paar Meter erweitert. Frage ich mich zunächst, was es damit wohl auf sich haben mag, bemerke ich beim Näherkommen, daß sich etwa auf halber Höhe in der Oberfläche dieses Brettes eine Spirale befindet, die sorgfältig und ausgesprochen akkurat in sie hineingeschnitzt worden ist. Ihre Enden laufen in eleganten, weit geschwungenen Linien zu den beiden vertikalen Enden des Brettes hin aus, während sich in ihrer Mitte ein kreisrundes Loch befindet. Als ich schließlich direkt davorstehe, bemerke ich fasziniert, daß es keineswegs willkürlich in dem Brett positioniert worden ist. Seine Höhe ist exakt so gewählt, daß es, wenn man gerade hindurchblickt, von der Linie des Horizontes in zwei gleich große Halbkreise geteilt wird. In den Bögen der Spirale sind Buchstaben eingraviert. Von außen nach innen lese ich die Worte Zurück zur Quelle allen Seins.

Holzkunstwerk auf der Seebrücke in Zingst
Im Auge des Kunstwerks – diese geschnitzte Skulptur besticht durch ihre Einfachheit. Schnörkellos und doch effektvoll.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Dies ist auch der Name des Kunstwerkes, wie ich einem kleinen metallenen, am Geländer der Seebrücke angebrachten Schildchen entnehmen kann, das mir auch den Namen des Künstlers verrät: Roland Lindner. Kunstwerke dieser Art entdecke ich auf meinem Weg die Seebrücke entlang mehrere. Eines befindet sich ebenfalls auf der Plattform und hat die Form einer Kugel. Diese ist jedoch nicht geschlossen, sondern besitzt eine von oben nach unten verlaufende, geschwungene Öffnung, deren Kanten nach außen gewölbt sind, so daß sie ein wenig an geöffnete Lippen erinnern. Das zwischen ihnen sichtbare Innere ist mit übereinandergelegten Steinen verschiedener Größe angefüllt. Da auch einige dieser Steine auf dem Boden vor der Skulptur liegen, sieht es so aus, als habe sich die Kugel geöffnet und ihren Inhalt ins Freie purzeln lassen. Frucht des Lebens lautet der Name dieses Kunstwerks.

Ein anderes, das sich einige Meter vor der Plattform befindet, wirkt wie ein der Länge nach gespaltener Pfosten, dessen beide Teile auseinanderklaffen. Der so entstandene Spalt ist mit übereinandergelegten großen Steinen gefüllt. Und wieder taucht das Motiv des in Augenhöhe befindlichen Loches auf, durch das man durch das Kunstwerk hindurchsehen kann, diesmal in Form eines durchbohrten Steines. Sofort muß ich an einen Hühnergott denken, liege damit aber nicht ganz richtig, denn das auch hier vorhandene erklärende kleine Schild verkündet mir, daß ich den Abendgruß vom Sonnengott vor mir sehe, der ebenfalls dem Künstler Roland Lindner zu verdanken ist – wie im übrigen alle anderen Kunstwerke auf der Seebrücke auch.

Sie alle wurden sämtlich aus Treibholz geschnitzt. Steine wie die, die in einigen dieser Skulpturen das Schnitzwerk ergänzen, können hier an der Ostsee gefunden werden. Ganz ohne Zweifel verleihen diese Kunstwerke der ansonsten eher nüchtern wirkenden Seebrücke ein gewisses Flair. Ohne sie würde der lange Schiffsanleger lediglich wie der reine Zweckbau wirken, der er doch eigentlich ist.

Und dann habe ich es schließlich erreicht: das Ende der Seebrücke. Es wird von einer weiteren Plattform gebildet, die ebenso breit ist wie die vorige, etwa auf halber Länge gelegene. Und damit etwaige hier ankommende Schiffsreisende auch sofort wissen, wo sie sich befinden, ragen links und rechts des Zugangs zu der Plattform zwei hohen Metallstangen in die Höhe, zwischen denen in luftiger Höhe ein weißes Schild den Steg überspannt, auf dem in großen Lettern ZINGST zu lesen ist. Über dem Ortsnamen kann ich zwei einander zugewandte spitze Winkel erkennen, die zweifellos als stilisierte Darstellung zweier fliegender Seevögel zu interpretieren sind. Ich tippe auf Möwen. Aus der Nähe kann ich dann erkennen, daß sich auch unterhalb des Ortsnamens etwas befindet. Es ist ein in sehr viel kleineren Buchstaben gehaltener Marketing-Slogan, mit dem Zingst für sich wirbt: Halb Insel, halb Paradies. Zunächst bin ich versucht, darüber zu sinnieren, warum hier Insel und Paradies einander gegenübergestellt werden und warum wohl das eine das andere irgendwie auszuschließen scheint. Doch dann erinnere ich mich daran, daß es schließlich nur ein Werbespruch ist, und denke nicht mehr weiter darüber nach.

Auf der Seebrücke in Zingst
Das Ortseingangsschild von Zingst auf der Seebrücke.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Denn schließlich gibt es hier etwas zu sehen, daß ungleich interessanter ist als das Ortsschild. Links neben der Plattform, auf der einige Bänke zum Ausruhen müde gewordener Beine einladen, ragt ein dicker, stählerner Pfahl aus dem Wasser, dessen oberes Ende von einem helmartigen Aufsatz bekrönt wird, der entfernt an einen Tropenhelm erinnert. Oder an eine leicht flachgeklopfte Glocke. Der Pfahl selbst weist keine glatte Oberfläche auf und ist auch nicht rund, sondern besitzt einen Querschnitt in Form eines Polygons mit zehn oder zwölf Ecken, genau kann ich das von hier aus nicht erkennen. An der der Plattform direkt zugewandten Seite dieses Pfahls ist ein Aufsatz angebracht, der von oben nach unten verläuft und mit dem Pfahl im Wasser verschwindet. Flüchtig betrachtet sieht er aus wie eine Miniaturleiter, mit zahllosen dicht beieinanderliegenden Querstreben, die sich zwischen zwei vertikalen äußeren Leisten befinden. Es fällt nicht schwer, in diesem Aufsatz die Laufschiene für ein Zahnrad zu erkennen. Ich vermute, daß es auch auf der der Seebrücke abgewandten Seite des Pfahls eine solche Vorrichtung gibt. Offenbar kann mit ihrer Hilfe etwas diesen Pfahl hinauf- und hinunterfahren. Und richtig, als ich einen Blick über das Geländer hinunter zur Wasseroberfläche werfe, sehe ich, wie ein großes, glockenförmiges, stählernes Ungetüm gerade aus dem Wasser auftaucht und in quälender Langsamkeit den Pfahl nach oben strebt.

Ich habe die Zingster Tauchgondel vor mir. Zusammen mit der Seebrücke im Jahr 1993 eingeweiht, nimmt sie bis zu dreißig Besucher pro Tauchgang mit auf eine Reise in Tiefe. Vier Meter unter der Wasseroberfläche soll man so die Pflanzen- und Tierwelt der Ostsee aus der Nähe betrachten können. Klingt doch eigentlich ganz spannend, denke ich mir, und überlege, ob ich nicht eine Fahrt mitmachen soll, die, so heißt es, nur dreißig Minuten dauert. Als ich jedoch sehe, wie langsam die Tauchgondel unterwegs ist und wie lange sie braucht, bis sie schließlich oben angekommen ist und ihre Insassen hinaus ins Freie treten können, als ich ferner bemerke, wie lang die Schlange der Wartenden für die nächste Tour schon ist, und mir ausrechnen kann, daß ich vermutlich kaum bereits den nächsten Tauchgang mitmachen können werde, und als ich dann auch noch feststelle, daß dieser laut Ankündigung des „Fahrplans“ der letzte vor einer längeren Mittagspause sein würde, nehme ich von diesem Vorhaben Abstand. Lieber will ich, sobald sich der Trubel gelegt hat, den der Aus- und Einstieg der Besucher aus der beziehungsweise in die Gondel auf der Plattform verursachen, noch ein wenig die Ruhe hier auf der Seebrücke, über dem windstillen Meer und unter dem strahlend blauen Himmel mit der freundlich herablächelnden Sonne genießen.

Auf der Seebrücke in Zingst
Abstieg in die Unterwasserwelt – die Zingster Tauchgondel.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Ich lehne entspannt am Geländer auf der rechten Seite der Plattform und schaue den ungeduldig Wartenden und den nacheinander der Gondel Entsteigenden zu, die sämtlich aufgeregt durcheinanderschwatzen – die einen über das, was sie wohl gleich erwartet, die anderen darüber, was sie gerade erlebt haben. Zwei Frauen, die die Tauchgondel eben verlassen haben, bleiben in meiner Nähe stehen und beugen sich interessiert über das Geländer. Die eine streckt ihren Arm aus und zeigt aufgeregt nach unten.

„Da ist er!“, ruft sie aufgeregt aus.
„Wo?“, fragt die andere und blickt suchend nach unten.
„Na, da! Auf der Leiter! Dort hab‘ ich ihn unten vom Fenster aus gesehen!“

Offenbar haben sie auf ihrer Fahrt in die Unterwasserwelt irgendein Tier beobachtet, das sie nun, wo sie wieder auf der Seebrücke angekommen sind, noch einmal betrachten wollen. Meine Neugier ist geweckt, und so schaue auch ich interessiert über das Geländer nach unten. Direkt neben der Plattform, auf der ich stehe, befindet sich auf stählernen Pfosten eine zweite, niedrigere, zu der eine durch ein zweiflügeliges Gittertor versperrte Treppe hinabführt. Da diese zweite Plattform jedoch nicht über einen durchgängigen Boden verfügt, sondern lediglich aus großen Balken besteht, zwischen denen große Lücken klaffen, durch die ich das Meerwasser darunter sehen kann, erschließt sich mir ihr Zweck nicht so recht. Ich vermute allerdings, daß sie in irgendeiner Form den hier anlegenden Schiffen dient, auch wenn ich mir nicht genau vorstellen kann, wozu. Ich brauche eine kleine Weile, um die Leiter zu finden, die die eine der beiden Frauen erwähnt hat. Als ich sie schließlich entdeckt habe und erkennen kann, daß es sich um eine metallische Ab- und Aufstiegshilfe handelt, die an einem der Pfosten zur Wasseroberfläche hinabführt und vermutlich Wartungszwecken dient, ist es bereits zu spät. Gerade noch kann ich undeutlich einen fellbedeckten Körper im Wasser verschwinden sehen.

„Ach, schade! Jetzt ist er weg!“

Die Frau klingt merkbar enttäuscht. Ob sie wohl auf den Gedanken kommt, daß das Tier – welches auch immer es war – sich wegen ihres lauten Geschreis aus dem Staub gemacht haben könnte?

Die beiden starren noch eine Weile über das Geländer hinab in die Tiefe, doch das Tier läßt sich nicht mehr blicken. Nach einer Weile verlieren sie die Lust und machen sich auf den Weg zurück in Richtung Strand.

Mittlerweile hat sich die Plattform wieder etwas geleert, denn die Besucher, die auf den nächsten Tauchgang gewartet hatten, sind inzwischen alle eingestiegen. Der Mann, der an dem schmalen Zugangssteg die Tickets kontrolliert hatte, folgt ihnen hinein und verschließt die Tür der Tauchglocke von innen. Es dauert noch ein paar Minuten, dann setzt sich das Gefährt in Bewegung. Ebenso langsam, wie es zuvor aufgestiegen war, fährt es nun auch wieder hinab. So dauert es eine ganze lange Weile, bis es schließlich unter der Wasseroberfläche verschwunden ist.

Ich verzichte allerdings darauf, diesen doch vergleichsweise langweiligen Vorgang in seiner vollen Länge zu beobachten, denn ich habe vor der Seebrücke etwas ungleich Interessanteres entdeckt. Bereits bei meinem Eintreffen am Strand hatte ich in westlicher Richtung ein kleines Schiff bemerkt, daß dort in nicht allzu großer Entfernung vom Ufer entweder kreuzte oder vor Anker lag. Einzelheiten hatte ich allerdings nicht erkennen können. Auf meinem Weg die Seebrücke entlang war meine Aufmerksamkeit dann von anderen Dingen in Anspruch genommen worden, so daß ich nicht mehr weiter darauf geachtet hatte, zumal es sich ja sowieso nicht zu bewegen schien. Nun aber bemerke ich es auf einmal in unmittelbarer Nähe zur Seebrücke, auf die es jetzt zuzusteuern scheint. Es handelt sich um ein Schiff in der Größe einer kleinen Yacht, auf dem es allerdings kaum Platz zu geben scheint, um sich darauf aufzuhalten. Während sich im vorderen Drittel das Steuerhaus beziehungsweise die Brücke befindet, ist im hinteren Bereich ein kleineres Beiboot zu sehen, das dort auf dem Deck verankert ist. Darüberhinaus sind allerlei technische Aufbauten vorhanden. Ganz ohne Zweifel handelt es sich nicht um eine Yacht, sondern um einen kleinen Kreuzer. Sein Zweck wird mir sofort klar, als ich an der Seite das mir bereits hinlänglich bekannte Symbol der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger entdecke. Dies ist ein Seenotrettungskreuzer.

Als es in allernächster Nähe vor der Seebrücke vorüberfährt, kann ich den Namen des Schiffes lesen, der in schwarzen Buchstaben an der seiner Seite steht: Nis Randers. Ein merkwürdiger Name, denke ich. Was der wohl bedeutet? Und auch an dem kleinen Tochterboot[3]In der Umgangssprache bekannter ist die Bezeichnung „Beiboot“ für ein einem größeren Schiff beigegebenes Boot. Dieses kann allerdings normalerweise nicht selbständig operieren. Weil … [Weiterlesen], das ganz ohne Zweifel über einen eigenen Antrieb verfügt, ist ein solches Schild zu sehen. Der Name, der dort steht, ist nicht minder merkwürdig, auch wenn ich ihn im Gegensatz zu dem anderen durchaus kenne, denn dort ist einfach nur Uwe zu lesen. Im Augenblick kann ich mir keinen Reim darauf machen, doch interessieren mich die Hintergründe für diese Namensgebung hinreichend genug, um später ein wenig darüber in Erfahrung zu bringen.

Seenotrettungskreuzer vor der Seebrücke von Zingst
Nis Randers und Uwe – gemeinsam unterwegs zum Schutze der Menschen auf See.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Nis Randers, so erfahre ich, ist die Titelfigur einer von Otto Ernst verfaßten Ballade über einen Seenotretter[4]Auf der Website Deutschland-Lese ist die Ballade Nis Randers von Otto Ernst zu finden. Weitergehende Informationen zum Schiff der Seenotretter sind auf deren Website seenotretter.de zu finden.. Es geht darin um eine Rettungsaktion, die der Titelheld gemeinsam mit einigen Gefährten unternimmt, um inmitten eines heftigen Sturms einen Schiffbrüchigen von einem vor der Küste gestrandeten Schiff zu holen und so vor dem sicheren Tod zu bewahren. Trotz des Flehens und Bittens seiner ihn zurückhalten wollenden Mutter, die ihren Mann ebenso wie einen Sohn bereits an das Meer verloren hat und sich um einen weiteren Jungen namens Uwe, der auf See verschollen ist, sorgt, macht er sich auf den Weg und riskiert sein Leben, weil er nicht anders kann. Es ist für ihn unvorstellbar, den Schiffbrüchigen um seiner eigenen Sicherheit willen sich selbst zu überlassen. So riskieren er und seine Mannen ihr Leben, wagen sich hinaus auf die aufgepeitschten Wogen, wo es ihnen, obwohl sie mehrmals dem eigenen Untergang nahe sind, gelingt, den Schiffbrüchigen zu retten. Und wie durch ein Wunder entdecken sie in ihm den verlorenen Sohn: „Sagt Mutter, ’s ist Uwe!“

Nun wird mir die Namensgebung beider Schiffe, des Kreuzers und seines Tochterbootes, unmittelbar klar. Seit dem Herbst 2021 sind sie zusammen auf dem Darß stationiert. Ihr Bau wurde ausschließlich durch Spenden, die aus dem ganzen Land eingingen, finanziert. Langsam zieht die Nis Randers an der Seebrücke vorüber und nimmt, wieder ein Stück entfernt, Fahrt auf, um ihre Patrouille fortzusetzen.

Da ich noch immer neugierig darauf bin, welches Tier sich wohl hier an der Zingster Seebrücke aufhalten mag, nehme ich meine frühere Position am Geländer auf der rechten Seite der Plattform wieder ein und schaue gespannt nach unten zu der Leiter. Die Minuten vergehen, doch nichts regt sich. Selbst das Wasser plätschert nur sacht gegen die stählernen Pfeiler. Ich übe mich in Geduld, genieße den durch nichts gehinderten Blick auf die Weite des Meeres, beobachte die Wolken, wie sie langsam ihre Bahn über den Himmel ziehen, schaue hinüber nach Nordosten, wo sich die Hügel des nördlichen Hiddensees über den Horizont erheben, und beobachte die Menschen, die langsam die Seebrücke entlang hierher geschlendert kommen, sich umsehen, ein paar Fotos von sich machen und wieder gehen. Die Zeit verstreicht, erst fünf Minuten, dann zehn, schließlich fünfzehn. Und gerade, als ich beginne, mir zu überlegen, ob ich das Warten nicht doch aufgeben und mich auf den Weg zurück zum Strand machen solle, da ich doch schließlich gar nicht weiß, ob das, worauf ich warte, überhaupt eintreten wird, vernehme ich ein Geräusch, das von unten zu mir heraufdringt. Ein Plätschern, das jedoch lauter als das der kaum vorhandenen Wellchen ist, die gegen die Pfeiler der Seebrücke schlagen. Gespannt schaue ich über das Geländer hinunter zum Fuß der Leiter. Zwei schwarze Knopfaugen schauen zurück.

Von dort, aus dem schattigen Zwischenraum zwischen Leiter und Pfeiler, schaut ein kleiner Geselle zu mir herauf – wie mir scheint, mindestens ebenso neugierig wie ich. Oder ist es Vorsicht? Einer von diesen Menschen könnte ja plötzlich herabgestiegen kommen. Und wer weiß, was die im Schilde führen… Unverwandt ist der Blick aus diesen schwarzen Augen auf mich gerichtet. Nur mit Mühe kann ich im Schatten das Gesicht des Tieres erkennen. Braunes Fell, eine schwarze Nase, die mich ein bißchen an die eines Hundes erinnert, dazu lange, seitlich abstehende Barthaare, wie sie auch Katzen haben, und sehr kleine Ohren. Zwei Pfoten ruhen auf der untersten Sprosse der Leiter, die sich über dem Wasser befindet. Fünf Zehen kann ich erkennen, jede ausgestattet mit einer kleinen Kralle. Der Rest des Körpers befindet sich noch unter der Wasseroberfläche und ist somit nicht zu sehen.

Nach einigen Minuten gespannten gegenseitigen Musterns beschließt das kleine Tier, daß ich wohl keine Gefahr bin, und wagt sich weiter vor. Behende klettert es, seinen Körper geschickt zwischen Leiter und Pfeiler klemmend, die Sprossen hinauf, bis es schließlich auf einer angekommen ist, an der Streben die Leiter mit dem Pfeiler verbinden und sie so an diesem befestigen. Dadurch entsteht eine etwas größere Fläche, die überdies bereits hoch genug über dem Wasser liegt, um von der Sonne erreicht werden zu können. Das kleine Tier, bei dem es sich nach meinem Dafürhalten um einen Fischotter handelt, dreht sich ein paar Mal um sich selbst, bis es eine gemütliche Position gefunden hat, in der es sich gut liegen und das Fell trocknen läßt, dann plaziert es seine Schnauze auf der seitlichen, der Sonne zugewandten Strebe und schließt beseelt die Augen. Endlich Ruhe!

Otter an der Seebrücke in Zingst
Ein Platz an der Sonne – Fischotter beim Sonnenbaden an der Seebrücke in Zingst.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Da ich bemerke, daß mein unentwegtes Hinabschauen über das Geländer Aufmerksamkeit zu erregen beginnt, so daß einige der Umstehenden neugierig zu werden scheinen, was es da unten denn wohl zu sehen gibt, wende ich mich von dem kleinen Kerl ab, da ich nicht möchte, daß seine wohlverdiente Ruhe gestört wird. Die Tauchglocke ist mittlerweile unter Wasser und somit nicht mehr zu sehen, das Seenotrettungsschiff ist nurmehr ein kleiner weißer Punkt, der sich weiter draußen auf dem Meer dahinbewegt, und die Menschen, die nach wie vor hier auf der Plattform am Ende der Seebrücke eintreffen, sich umschauen und wieder gehen, habe ich bereits hinlänglich beobachtet. So mache nun auch ich mich wieder auf den Weg und schlendere langsam den langen Steg zurück zum Strand.

Dort angekommen, entdecke ich auf dem Vorplatz, der sich vor der Seebrücke auf der Düne befindet, ein weiteres der hölzernen Kunstwerke Roland Lindners, das mir zuvor entgangen war. Es ist ebenfalls kugelförmig und weist auf der der Seebrücke zugewandten Seite auch eine völlig glatte Oberfläche auf. Als ich jedoch darum herumgehe, stelle ich fest, daß die andere, dem Land zugewandte Seite sehr zerklüftet ist. Ganz offensichtlich handelt es sich um eine knorrige Wurzel, die der Künstler mit viel Geschick in eine Kugelform gebracht hat. Das Leben ist Veränderung hat er es getauft. Leider ist es der Unsitte zum Opfer gefallen, der so viele frisch zusammengekommene Paare frönen, indem sie an allem, was auch nur entfernt mit einer Brücke zu tun hat und Möglichkeiten bietet, etwas zu befestigen, kleine Vorhängeschlösser anbringen, um aller Welt ihre unverbrüchliche Liebe und deren ewige Dauer zu verkünden. Wie bei so vielem, das in unserer heutigen Zeit plötzlich Mode wird, frage ich mich auch hier, worin dabei eigentlich der Sinn liegt. Zunächst wäre einmal festzuhalten, daß ein irgendwo angehängtes Vorhängeschloß aller Welt gar nichts bringt, da die darauf meist namentlich Verewigten ihr völlig unbekannt sind und sie diese somit auch nicht zu würdigen in der Lage ist. Doch davon einmal abgesehen, finde ich auch das mit einem solchen Schloß verknüpfte Symbol recht eigenartig. Was will es mir sagen? Natürlich, daß es nicht einfach nur Liebe ist – nein, die ewige Liebe soll es sein. Doch damit man sie auch ja nicht verliere, schließt man sie weg? Interessantes Konzept. Und noch dazu eines, daß offenbar nicht durchgängig funktioniert. Schaut man sich nämlich die einschlägigen Statistiken an, kann von ewiger Liebe in vielen Fällen kaum die Rede sein. Denn auch wenn die Zahl der Ehescheidungen in Deutschland seit Beginn der 2000er Jahre durchaus zurückgegangen ist, liegt sie dennoch immer noch recht hoch. Reichlich 137.000 waren es allein im Jahre 2022. Kommen die dann wenigstens zurück und montieren ihr Schloß wieder ab?

Aber darum ginge es doch gar nicht, mag man mir nun entgegenhalten. Das Motiv wäre doch vielmehr, daß das ganz wunderbar romantisch sei. Und dafür fehle mir wohl ganz offenbar der Sinn. Nun, vielleicht ist das so. Vielleicht ist aber auch mein Sinn für Romantik einfach nur nicht in erster Linie darauf ausgerichtet, mich in die Öffentlichkeit zu drängen und mich dieser selbst darzustellen, ob es sie nun interessiert oder nicht. Für mich ist Romantik eher mit Zweisamkeit, der Konzentration auf den Partner und dem Füreinander-da-sein verbunden, mit Stille und Zurückgezogenheit. Die Öffentlichkeit hat da eher wenig verloren. Doch da ist noch ein anderer Aspekt, der mich an dieser Schlössermode stört und vermutlich mit dem Drang zur Selbstdarstellung eng verknüpft ist. Denn wo werden diese Schlösser denn angebracht? Nicht etwa am eigenen Gartentor, der eigenen Haustür oder in sonst einem privaten Raum. Es werden stattdessen historische Bauwerke damit behängt, die oft ihren eigenen ästhetischen Reiz sowie architektonischen wie künstlerischen Wert haben. Oder man verunziert – wie in diesem Fall – Kunstwerke damit. In jedem Fall mißachtet man dabei das Werk des jeweiligen Architekten beziehungsweise Künstlers, indem man es für seine eigenen unmaßgeblichen Zwecke – nun ja – zweckentfremdet. Und dem kann ich dann so gar nichts abgewinnen und empfinde es als störend und ignorant, keineswegs aber romantisch. Und dabei ist von der möglichen Beschädigung des jeweiligen Bau- oder Kunstwerks noch nicht einmal die Rede.

Es mag sein, daß dieser spezielle Fall anders liegt, und der Künstler, der diese Wurzel gestaltet hat, die Praxis, daran Liebesschlösser anzubringen, ausdrücklich begrüßt. Ich weiß es nicht, man müßte ihn fragen. Der Titel der Skulptur scheint mir darauf jedoch keinen Hinweis zu geben, es sei denn, man läßt das Behängen des Kunstwerks mit Schlössern als dessen Veränderung durch das Leben gelten. Nun ja. Doch selbst, wenn dem so sein sollte – soweit wie eine Beschreibung der Seebrücke und der darauf aufgestellten Skulpturen, die mir untergekommen ist und davon spricht, daß Liebende mit diesen Schlössern dieses Kunstwerk mitgestalten, würde ich dennoch nicht gehen[5]Zu finden ist diese Beschreibung auf der Website Fischland-Darß-Zingst., ist doch dieses bunte Sammelsurium Metallschrott, das man an die Wurzeläste gekettet hat, weder besonders schön noch sehenswert.

Wieder an Land angelangt, überlege ich, was ich als nächstes tun soll. Da es mittlerweile früher Nachmittag ist und ich ein leichtes Leeregefühl in der Magengegend verspüre, erscheint mir die Aussicht auf eine Tasse Kaffee und ein Stück Kuchen nicht nur angemessen, sondern auch verlockend. An dem großen, halbrunden Platz am Ende der Strandstraße kann ich kein Café entdecken, das mir auf den ersten Blick zusagt, doch erinnere ich mich, ein solches am Fischmarkt zuvor gesehen zu haben. So mache ich mich auf den Weg dorthin, wobei ich allerdings nicht die Strandstraße, sondern die im weitesten Sinne parallel zu ihr verlaufende Klosterstraße wähle, die gemeinsam mit ersterer den alten Rettungsschuppen einrahmt. Sie führt ebenfalls auf den Fischmarkt und trägt, wie ich bereits weiß, an ihrem hinteren Ende sogar ein Stück seinen Namen. Nachdem ich ein paar Geschäfte und ein großes, gut besuchtes Eiscafé, in dem es keinen freien Platz mehr gibt, hinter mir gelassen habe, führt die Straße zwischen sich zu beiden Seiten aneinanderreihenden Grundstücken hindurch, auf denen von Gärten umgebene Einfamilienhäuser stehen. Als ich allerdings den als Fischmarkt bezeichneten Teil der Straße erreicht habe, säumen Restaurants ihre Seiten. Schließlich öffnet sich zur Rechten hin ein Platz, hinter dem ich die mir bereits hinlänglich bekannte Strandstraße wiederfinde. Ich bin am eigentlichen Fischmarkt angekommen.

Das Café, das ich zuvor bereits bemerkt hatte, erweist sich bei näherer Betrachtung als Restaurant, das den malerischen Namen Zum Klabautermann trägt. Da ich durch die Fenster im Inneren bereits Gäste an den Tischen sitzen sehen kann, trete ich ein, ohne weiter auf die Öffnungszeiten zu achten, und suche mir einen freien Tisch am Fenster. Ich lege ab, setze mich und werfe einen eher oberflächlichen Blick in die Karte. Meiner Erfahrung nach sind die verfügbaren Kuchensorten in Cafés und Restaurants sowieso ein sich täglich änderndes Angebot, für das man in der Speisekarte lediglich den Hinweis vorfindet, man möge sich in der einschlägigen Vitrine selbst ein Bild machen oder sich beim Kellner erkundigen. Es dauert nicht lange, da steht eine Kellnerin neben mir und fragt nach meinem Begehr. Auf meine Bitte um eine Tasse Kaffee und meine Frage, welche Kuchensorten denn zu haben seien, teilt sie mir lakonisch mit, daß es dafür noch zu früh sei. Kaffee und Kuchen könne ich erst in einer knappen halben Stunde bestellen, wenn im Restaurant Kaffeezeit sei.

Natürlich sehe ich meinen Fehler unverzüglich ein. Einfach so eine halbe Stunde vor der Kaffeezeit zu erscheinen und nach Kaffee und Kuchen zu fragen – das geht nun wirklich nicht. Wo kämen wir denn da hin, wenn ein jeder einfach so bestellte, wonach ihm gerade ist? Das wären ja ganz neue Moden. Das absolute Chaos bräche aus. Wie sollte man denn da noch erfolgreich ein Restaurant betreiben? Am Ende müßte man gar noch Kundenservice einführen! Das geht nun wirklich nicht. Zerknirscht bedanke ich mich für die Auskunft und teile reuig mit, daß ich als Gast natürlich gedächte, auf diese Regel unbedingt Rücksicht zu nehmen. Ich würde dann nichts bestellen und wieder gehen. Und das tue ich dann auch.

Kaffee und Kuchen in durchaus guter Qualität bekomme ich dann nur wenige Minuten später bei der auf der anderen Seite des Platzes ansässigen Bäckerei Junge, in der man von einer speziellen Kaffeezeit ganz offensichtlich noch nichts gehört hat und einfach den ganzen Tag über Kaffee ausschenkt und dazu Kuchen verkauft. Zwar muß ich mir beides selbst an der Theke abholen, dafür ist das Stück Kuchen von überdurchschnittlicher Größe und ausgesprochen lecker. Und auch der Kaffee kann sich durchaus sehen beziehungsweise trinken lassen. Zu guter Letzt ist es dann vermutlich auch noch kostengünstiger als im Klabautermann.

Als ich dann frisch gestärkt wieder auf dem Fischmarkt ins Freie trete, lenke ich meine Schritte noch einmal die Strandstraße entlang in Richtung Norden, zurück zur Seebrücke. Mittlerweile ist es halb drei Uhr am Nachmittag und ich habe beschlossen, den Weg zurück nach Prerow zu Fuß zurückzulegen. Direkt am Übergang zur Seebrücke war mir zuvor auf dem Deich ein Wegweiser aufgefallen, dem ich entnehmen konnte, daß die Entfernung bis zu der mir bereits bekannten Hohen Düne nur 5,9 Kilometer betragen würde, wenn ich nur immer geradeaus den Deich entlangwanderte. Da das Wetter unverändert schön ist und ich auf meiner Besuchsliste für Zingst keinen offenen Punkt mehr verzeichnet habe, will ich mich nun also auf den Weg machen.

Der Deich in Zingst
Bis zur Unendlichkeit – und noch viel weiter. Auf dem Deich verliert sich der Weg nach Prerow in der Ferne.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Einige Minuten später stehe ich neben dem Wegweiser auf dem Deich. Links verläuft vor einer Zeile knallgelber Häuser die Seestraße, rechts stehen die Bäume des Dünenwaldes, der hier lediglich einen schmalen Streifens bildet. Dazwischen führt der breite, asphaltierte Weg die Deichkrone entlang in die Unendlichkeit, zu beiden Seiten von den sanft abfallenden Hängen des dem Küstenschutz dienenden Bauwerks gesäumt.

Ich gehe los. Der Deich verläuft über weite Strecken schnurgerade. Es liegt in der Natur der Sache, daß der Weg es ihm gleichtut und somit selbst nicht allzu viel Abwechslung bietet. Auch der Dünenwald rechts ändert sein Aussehen praktisch nie. Nur auf der linken Seite gibt es immer wieder etwas anderes zu sehen, da sich dort die die Seestraße säumenden Häuser abwechseln. Auf dem Weg selbst sind, solange ich mich noch in Zingst befinde, jede Menge Leute unterwegs, viele mit dem Rad, zahlreiche aber auch zu Fuß. Als ich das Ende der Seestraße und ihre Einmündung in die sich von links nähernde Straße Am Bahndamm erreiche – hier war ich am Vormittag mit dem Bus nach Zingst hineingefahren -, fällt mir links ein Etablissement auf, das sich in einem Flachbau direkt am Deich befindet und ein Restaurant mit Biergarten zu sein scheint, in dem sich angesichts der kühlen Temperaturen allerdings keine Leute aufhalten. Ein an dem Gebäude angebrachtes Schild tut mir kund, das hier der Schnitzel-Kaiser höchstpersönlich zu Tisch bittet. Allerdings sieht es ein wenig so aus, als habe es jemand etwas ungelenk mit der Hand beschrieben. Die Buchstaben weigern sich strikt, sich in der Mitte des Schildes aufzuhalten, und drängen stattdessen an dessen linken Rand, als wollten sie dort zur Hauswand überlaufen. Auch werden sie zum Ende des Namens hin immer kleiner. Ein Ausdruck irgendwie sympathischer Unvollkommenheit.

Mit der Straße Am Bahndamm folgt nun auch die einstige Trasse der Darßbahn dem Deich. Zumindest nehme ich das an, denn zu sehen ist sie nirgends. Das allerdings verwundert auch nicht, denn seit der Stillegung der Bahnlinie sind ja bereits mehrere Jahrzehnte vergangen und das Gelände wurde überbaut. So ist auf der jenseitigen Straßenseite zunächst ein großer Parkplatz zu sehen, hinter dem sich die Häuser des Ortes fortsetzen. Diese enden jedoch gemeinsam mit ersterem, als ein gelbes Schild neben der Straße das Ortsende verkündet. Dahinter schließt sich am Straßenrand dichtes Gebüsch an. Als es sich einige Meter weiter ein wenig lichtet, tritt nun auch der alte Bahndamm unter den Bäumen deutlicher zutage.

Die Zahl der Menschen, die auf dem Deich unterwegs sind, hat hier bereits rapide abgenommen. Fußgänger sehe ich, abgesehen von mir selbst, keine mehr. Hin und wieder überholt mich ein Radfahrer oder es kommt mir einer entgegen. Den kann ich dann bereits schon mehrere Minuten im voraus auf mich zufahren sehen, da der Deich nach wie vor schnurgerade verläuft. Mein Weg wird nur hin und wieder durch einen Übergang unterbrochen, der sich im Dünenwald rechts von mir zu verlieren scheint, von wo er jedoch weiter zum Strand führt. Links Bäume, Büsche und eine Straße, rechts Bäume, dazwischen der sich in der Unendlichkeit verlierende Deich – alles in allem ist das eine recht eintönige Angelegenheit, die das Wandern langweilig macht. So könnte man meinen. Ich empfinde das allerdings nicht so. Bereits seit dem Ende des Ortes bin ich über weite Strecken allein auf dem Deich unterwegs und habe mich in eine gewisse Gleichmäßigkeit der Schritte hineingelaufen. Ohne noch groß darüber nachzudenken, setze ich unentwegt einen Fuß vor den anderen und halte ein schnelles, doch gleichmäßiges Tempo. Fast scheint es mir, als befände ich mich in einem leichten Laufrausch. Meine Gedanken gehen auf Wanderschaft, ich denke über dies und das nach und zähle nebenbei die Überwege, die ich passiere, während ich auf dem Deich unterwegs bin. Jede dieser Passagen hat man nämlich fein säuberlich mit einer Nummer versehen, die jeweils auf einem großen Schild angegeben ist. Was Kennzeichnung, Numerierung und Katalogisierung angeht, da sind wir in Deutschland immer noch einsame Weltspitze. Allerdings war es vermutlich nicht nur übertriebener Hang zur Bürokratie, der hier am Werk gewesen ist. Diese Nummern haben ganz sicher auch einen Zweck. Davon dürfte der, bei einem Notruf im Falle eines Unfalls am Strand oder im Wasser der Ostsee die eigene Position möglichst genau angeben zu können, nicht der unwichtigste sein.

Nach einer Weile erreiche ich den Abzweig, an dem die aus Zingst kommende Straße Am Bahndamm die Umgehungsstraße erreicht. Mein Weg führt weiter den Deich entlang, der immer noch vordergründig geradeaus führt und nur hin und wieder einmal eine leichte Biegung nach rechts oder links macht. Irgendwann passiere ich die mitten im Nirgendwo am Straßenrand gelegene Bushaltestelle Prerow Hertesburg, wenig später werden die Bäume auf der linken Seite lichter, so daß ich zwischen den Stämmen das Wasser des sich nähernden Prerower Stroms blinken sehen kann. Ich habe die schmale Landenge zwischen diesem und der Ostsee erreicht. Nun sind es nur noch einige Meter, bis mir dort, wo der Deich endet, ein weiterer Wegweiser, der an dem Strandübergang kurz vor der Hohen Düne steht, den Weg zurück nach Zingst zeigt. 6,2 Kilometer sollen es ihm zufolge bis ins Ostseeheilbad sein. Interessant. Dreihundert Meter mehr als von Zingst zur Hohen Düne. Wie das wohl kommt? Ob man von hier aus bis zur Zingster Ortsmitte gemessen hat? Ich weiß es nicht.

Wegweiser an der Prerower Hohen Düne
Ein Mysterium: von der Hohen Düne nach Zingst sind es dreihundert Meter mehr als umgekehrt.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Da ich den Weg nach Prerow hinein bereits am Tag zuvor über den Strand genommen habe, wähle ich heute die Strecke durch den Dünenwald. Zunächst muß ich zur Hohen Düne und an dieser vorbei, bis ich den charakteristischen Prerower Wegweiser erreiche, den ich ebenfalls schon am Vortag bemerkt hatte. Hier biege ich nun in den Weg ein, der an dieser Stelle auf die Landstraße einmündet. Er bringt mich hinter dem großen Gelände der Ostseeklinik Prerow entlang durch den Dünenwald und endet an einem weiteren Strandübergang. Hier beginnt ein neuer Deich, der interessanterweise jedoch nicht parallel zur Küste verläuft, sondern eine Richtung landeinwärts einschlägt. Was zunächst ungewöhnlich erscheint, erklärt sich jedoch bald, als mir klar wird, daß es sich um eben jenen Deich handelt, der zunächst den Prerower Strom überquert, um diesen anschließend, einen weiten Bogen schlagend, bis an dessen Ende zu begleiten, um so den Ort vor den Wassern des Meeres zu schützen. Und richtig – nach wenigen hundert Metern passiere ich die Märchenhütte und überquere kurz darauf den Strom. Nun dauert es nicht mehr lange, bis ich im Ort und wenig später in meiner Pension angekommen bin.

Doch noch ist der Tag nicht vorüber. Ein, zwei Stunden Ruhe und ein Abendessen später bin ich dann wieder fit genug für einen kleinen Abendspaziergang zum Strand. Ist mein Plan zunächst, dort den Sonnenuntergang zu bewundern, erfährt dieser eine kleine Änderung, als ich auf dem Prerower Hauptübergang am Strom ankomme. Der tagsüber meist gut mit Menschen angefüllte Weg ist um diese Zeit – die Uhr zeigt kurz nach sieben – nur noch spärlich besucht. Die Bänke zu beiden Seiten des Weges, von denen man einen wunderbaren Blick auf die friedliche Wasserfläche des Seegatts und dessen schilfbewachsene Ufer hat, sind nahezu alle unbesetzt. So beschließe ich, hier ein wenig zu verweilen und die abendliche Ruhe, die sich bereits über den Strom gesenkt hat, zu genießen. Meine Wahl fällt auf die Westseite, wo hinter den Bäumen am jenseitigen Ende die Sonne langsam zum Horizont hinuntersinkt.

Der langsam heraufziehende Abend hat den Himmel bunt eingefärbt. Dieser präsentiert eine reichhaltige Farbpalette, die von einem zarten Himmelblau im Zenit über ein kräftigeres Blau bis zu einem feurigen Orange-Rot in der Nähe des westlichen Horizonts reicht, wo es aussieht, als stünde irgendwo ganz weit hinten der Wald in Flammen. Über diese Farbenpracht sind kleine und große Wolken verstreut, die sich hier und da auch einmal zu größeren Wolkenfeldern zusammengetan haben. Diese sind offenbar so stark verdichtet, daß sie es dem Licht nicht mehr erlauben, sie zu durchdringen. Wie in tiefe Schatten getaucht schweben sie über dem Strom auf mich zu, dessen Wasserfläche, von keinem Lüftchen gekräuselt, wie ein ebenerdiger Spiegel wirkt, in dem sich kopfunter eine zweite Welt zu befinden scheint. Wenn ich nur lange genug in diesen Spiegel hineinschaue, gewinne ich den Eindruck, ich müßte mich nur kopfüber hineinstürzen, um direkt in diese andere Welt zu gelangen.

Abenddämmerung am Prerower Strom
Abendliche Welt im Spiegel – Dämmerung am Prerower Strom.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Die Zweige der Bäume um mich herum sind immer noch kahl, so als wollten sie abwarten, ob der aufkommende Frühling die Rückzugsgefechte, die der Winter noch gegen ihn führt, auch wirklich nachhaltig gewinnt. So fällt es schwer, die jeweilige Baumart zu identifizieren, sieht man einmal von den Erlen ab, die sich mit ihren kleinen, tiefschwarzen, vom Vorjahr übriggebliebenen Zapfen deutlich zu erkennen geben. Doch halt, da ist doch ein Baum, der seine kahle Zurückgezogenheit bereits aufzugeben beginnt. An einem Zweig entdecke ich vier kleine Kätzchen – Blütenstände, die von zartem, hellgrauem Flaum umgeben sind, aus dem kleine Spitzen wie Nadeln herausstechen, an deren Enden winzige gelbe Punkte zu sehen sind. Diese kleinen Weidenkätzchen kündigen wie freundliche Boten den nahenden Frühling an, noch bevor die Weide, an deren Zweigen sie sacht in der Abendluft schaukeln, auch nur ein einziges Blatt hervorgebracht hat.

Weidenkätzchen am Prerower Strom
Vorboten des nahenden Frühlings – Weidenkätzchen an einem Zweig.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Ich bleibe eine ganze lange Weile auf der Bank am Rand des Stroms sitzen und genieße den Frieden und die Stille um mich herum. Weiter und weiter sinkt die Sonne, bis sie so tief steht, daß ihre Strahlen unterhalb eines großen Wolkenfeldes hervorbrechen. Von einem Moment zum anderen scheint der Himmel in Flammen zu stehen, und das nicht nur einmal, sondern dank des großen Spiegels vor mir gleich zweimal. Feuer von oben und Feuer von unten und dazwischen der tiefschwarze Streifen des Waldes, ebenfalls zweigeteilt in Bäume, die aufwärts wachsen, und andere, die nach unten zu streben scheinen. Es ist ein faszinierendes Panorama, das die Natur vor meinen Augen entrollt, wie ein Schauspiel aus einer wunderbaren Welt der Fantasie.

Sonnenuntergang am Prerower Strom
Entflammter Himmel am Prerower Strom.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Plötzlich höre ich hinter mir aufgeregtes Schnattern. Doch noch bevor ich mich nach dem mir nur allzu bekannten Geräusch umdrehen kann, schwebt ein dunkler Schatten über mich hinweg und vor mir auf den Strom hinaus. Eine einzelne, verspätete Graugans fliegt in die heimatlichen Gefilde ein und kündigt den im Schilf vermutlich verborgenen Artgenossen ihr Kommen an. Von irgendwo weiter entfernt ist tatsächlich eine Antwort zu hören. Die Gans lenkt ihren Flug unverzüglich in die entsprechende Richtung und ist, da sich die abendlichen Schatten inzwischen schon recht weit aus dem Wald heraus- und auf die Wasserfläche hinausgewagt haben, bald meinen Blicken wieder entschwunden.

Diese Störung der abendlichen Ruhe hat jedoch auch mich aus meinem Sinnen gerissen, so daß ich beschließe, meinen Weg in Richtung Strand fortzusetzen. Angesichts der zahlreichen Wolken bezweifle ich zwar, daß es möglich sein wird, die Sonne hinter den Horizont sinken zu sehen, doch auf einen schönen Abendhimmel über dem Meer darf ich wohl nach dem, was sich hier bereits meinen Augen geboten hat, allemal hoffen.

Diese meine Hoffnung wird tatsächlich nicht enttäuscht. Bereits oben auf der Düne ist der entflammte Himmel in all seiner Pracht zu bewundern. Die Sonne wird von den Wolken vollständig verborgen, doch haben diese ein großes Stück des sich über mir wölbenden Firmaments freigelassen, das in allen leuchtenden Farben zwischen knalligem Gelb und feurigem Rot erstrahlt und die es einrahmenden Wolken dafür um so dunkler erscheinen läßt. Das Meer ist noch immer völlig ruhig und eben. Nicht eine Welle läßt sich blicken.

Sonnenuntergang am Prerower Nordstrand
Entflammter Himmel an der Ostsee.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Weiter unten am Strand stehen die Strandkörbe verträumt im Sand. Tagsüber von Menschen gut besucht, sind sie nun allesamt leer und verlassen. Im abnehmenden Licht des Tages werden sie nach und nach von den um sich greifenden Schatten verschluckt. Es dauert eine Weile, bis mir bewußt wird, daß das Verlöschen des Lichtes nicht allein dem anhaltenden Sinken der Sonne hinter dem Horizont geschuldet ist, sondern daß auch die Wolken mehr und mehr den Himmel erobern und seine freien Stellen weiter und weiter zurückdrängen. Stumm stehe ich am Ufer des Meeres und schaue zu, wie die Nacht den müden Tag zur Ruhe bringt, bis es schließlich nahezu dunkel ist.

In vollkommener Gelassenheit und innerem Frieden mache ich mich auf den Rückweg, zurück durch den Dünenwald, wandle über den Strom und durch die Straßen des Ortes, in denen mittlerweile kleine Straßenlampen entzündet worden sind, die winzige Inseln des Lichts in die Nacht legen, um abendlichen Spaziergängern wie mir den Weg zu weisen. In mir ist nur noch Ruhe, die Hektik des Alltagslebens in der Großstadt scheint mir in weitester Ferne und ich genieße das Gefühl völliger Entspannung. Ich sollte mir mehr Zeit für Abende wie diesen nehmen…

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Referenzen

Referenzen
1 Auf der Suche nach einer Erklärung finde ich auf verschiedenen Seiten im Internet und auch in den sozialen Netzwerken Fotos, die die von Marc Moser geschaffene Brille mal am Strand und mal am Zingster Hafen zeigen. Offenbar hat sie unmittelbar gar nichts mit dem Fotografie-Zentrum zu tun, sondern wechselt einfach immer mal wieder ihren Standort. Und sie hat sogar einen Namen: Sea Pink II. Sie soll, so heißt es in einer Beschreibung, dazu einladen, die Welt durch einen rosaroten Filter zu betrachten, denn ihre Brillengläser sind von eben dieser Farbe. Nun ja. Für mich ist das etwas zu gewollt.
2 HO stand in der DDR für Handelsorganisation. Das war ein staatliches Unternehmen des Einzelhandels, das mit der Bandbreite der von ihm angebotenen Waren und der ihm unterstehenden Läden alle Bereiche des privaten Lebens umfaßte, von Lebensmitteln bis zu Haushaltswaren.
3 In der Umgangssprache bekannter ist die Bezeichnung „Beiboot“ für ein einem größeren Schiff beigegebenes Boot. Dieses kann allerdings normalerweise nicht selbständig operieren. Weil die von den deutschen Seenotrettern verwendeten „Beiboote“ dazu allerdings in der Lage sind und auch ganz allein unterwegs sein können, werden sie von ihnen eher als Tochterboote bezeichnet (auch wenn sie einen männlichen Namen erhalten haben). Mittlerweile hat sich dieser Begriff für diese Art „Beiboote“ sogar international durchgesetzt. Für diese Erklärung danke ich erneut Christian Stipeldey, dem Pressesprecher der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS).
4 Auf der Website Deutschland-Lese ist die Ballade Nis Randers von Otto Ernst zu finden. Weitergehende Informationen zum Schiff der Seenotretter sind auf deren Website seenotretter.de zu finden.
5 Zu finden ist diese Beschreibung auf der Website Fischland-Darß-Zingst.

Ein Ort auf dem Darß

Dieser Beitrag ist Teil 2 von 6 der Beitragsserie "Urlaub in Prerow 2023"

Rauh weht der Wind, von Westen über das Meer kommend, über die Dünen, auf denen die Halme des Strandhafers seinem Druck nachzugeben gezwungen sind und sich tief hinunterbeugen, so tief, daß sie mit ihren Spitzen fast den Sand berühren, auf dem sie stehen. Dicke graue Wolken jagen, vom Wind getrieben, über den Himmel und auf das Land zu, wo sie dem Wald, der hinter den Dünen starrsinnig dem Druck der Lüfte trotzt, eine düstere Aura verleihen. Doch auch den Kiefern mit ihren harten Stämmen bleibt angesichts der auf sie wirkenden Kräfte nichts anderes übrig, als diesen nachzugeben. Gemeinschaftlich wenden sie sich vom Meere ab, so als wollten sie sich tiefer ins Innere des windgepeitschten Landes zurückziehen, wo es vielleicht ein wenig ruhiger zugehen mag als hier an der rauhen Küste. Doch vergebens, sie kommen ja nicht vom Fleck. Einige ihrer ganz mutigen Vertreter haben sich ein wenig vor den Rand des Waldes gewagt und den dem Meer abgewandten Hang der Dünen erobert – ein Unterfangen, für dessen Verwegenheit sie nun bitter zu bezahlen haben, sind sie doch recht einsam und allein dem Ansturm des Windes ausgesetzt, der sie mit allen ihm zur Verfügung stehenden Kräften schüttelt und zaust. Ihre Äste in Richtung des nahen Meeres auszustrecken, ist ihnen nicht gelungen, und so stehen sie nun da, mit stark landeinwärts gebogenen Stämmen, die Äste ausschließlich in die gleiche Richtung gestreckt, und wirken so, als wollten sie von dem Platz, den sie sich so mühsam erobert, doch lieber wieder flüchten, um dem Winde endlich zu entkommen. Doch sie müssen verharren und für ihren kecken Vorstoß auf die Dünen Zeit ihres weiteren Lebens Widerstand leisten, wollen sie es nicht vorzeitig beendet wissen.

Und das Meer? Es ist in Aufruhr. Ob seine Wut, mit der es an den Strand brandet, sich gegen den Wind richtet, der seine Wasser so unerbittlich dem Ufer entgegenpeitscht, oder ob es mit diesem gemeinsame Sache macht, um auf das unbeweglich-gleichmütige, düstere Land einzuschlagen, ist schwer zu entscheiden. Unermüdlich rollen seine hohen, schaumbekrönten Wellen dem Strand entgegen, wo sie sich, sobald sie ihm zu nahe kommen, überschlagen und brechen, ein wütendes Rauschen ausstoßend, das, sich mit dem Stöhnen des Windes verbindend, die Luft erfüllt. Der so heftig heimgesuchte sandige Strand ist über und über mit rundgeschliffenen Steinen bedeckt, viele klein wie Kiesel, andere so groß wie eine Faust und einige wenige von größerem Umfang. Doch alle rollen sie, von der unbändigen Kraft des Wassers getrieben, unablässig hin und her, sobald eine Welle sie trifft und überspült. Diejenigen, die erst in jüngerer Vergangenheit die Oberfläche des Strandes erreicht haben, ob vom Meere angeschwemmt oder aus dem Sand herausgespült, sind meist noch unregelmäßig geformt, mit eigenwilligen Ecken und Dellen, mittels derer sie der Kraft des Wassers zu widerstehen scheinen. Doch wie die Windflüchter auf den Dünen, die dem Winde trotzen wollten, müssen auch sie für ihre Widerborstigkeit bezahlen. Jede Welle prügelt auf sie ein, immer wieder werden sie aneinandergeschlagen, bis Teile von ihnen abplatzen oder sie zerbrechen. Andere Steine aber, die es schon vor langer Zeit hierher verschlagen hat, sind im Laufe der Jahre auf diese Weise rundgeschliffen worden, haben ihre Ecken und Kanten nahezu vollständig verloren und lassen sich bereitwillig hierhin und dorthin tragen, wohin auch immer das anbrandende Wasser sie schubst. Ihr Widerstand ist ihnen längst ausgetrieben worden.

Ein solches Bild habe ich in etwa vor Augen, als ich mich am Morgen meines zweiten Urlaubstages in Prerow – des ersten nach meiner gestrigen Ankunft – auf den Weg mache, um, wieder auf den Spuren meiner Erinnerung wandelnd, dem Weststrand entgegenzuwandern. Daß meine damit entsprechend verknüpften Erwartungen sich eventuell nicht gänzlich erfüllen werden, dafür gibt es angesichts des strahlend blauen Himmels und der freundlich vom Himmel lachenden Sonne bereits gewisse Anzeichen, doch denke ich zu diesem Zeitpunkt nicht darüber nach. Und so kann ich jetzt auch noch nicht wissen, daß mir dieser Tag gänzlich andere Erlebnisse bescheren wird, als ich mir, ausgehend von meinen Erinnerungen an unsere einstigen Besuche am Darßer Weststrand in den 1980er Jahren, momentan noch vorstelle.

Da ich mir denke, daß Weststrand wohl Weststrand, sprich es gleichgültig ist, an welcher Stelle ich ihn erreiche, habe ich beschlossen, eine Wanderung zum Darßer Ort zu unternehmen, wo es einen Leuchtturm geben soll. Der Darßer Ort ist der nördlichste Ausläufer der Darß genannten Halbinsel. Zu Zeiten meiner Kindheit war es schlichtweg unmöglich, dorthin zu gelangen, denn man hatte das gesamte Areal zum Sperrgebiet erklärt. Ohne es jemals weiter hinterfragt zu haben, hatte ich stets angenommen, das sei des Grenzschutzes wegen geschehen und daß sich dort wohl eine Basis der Grenztruppen der DDR befunden hätte. So bin ich doch einigermaßen überrascht zu erfahren, daß es die NVA, die Nationale Volksarmee des kleinen sozialistischen Landes, gewesen war, die hier einen Manöverhafen für die Volksmarine betrieben und daher das diesen umgebende Gelände weiträumig abgesperrt hatte. Mit dem Ende der DDR war der dann überflüssig und das Gelände somit freigegeben worden, so daß es heute zum Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft gehört. Doch wie dem auch sei – für uns waren damals die Auswirkungen dieselben. Wir hatten nicht dorthin gekonnt. Für mich ist das Grund genug, die Reise in meine Erinnerungen mit der Entdeckung des für mich Unbekannten zu verbinden und als Ziel meiner Wanderung eben diesen Darßer Ort mit seinem Leuchtturm auszuwählen.

Der Weg, das weiß ich noch von früher her, würde mich hinter dem Ort in den Darßwald und auf der gesamten Strecke durch diesen hindurch führen. Ich freue mich also auf eine schöne Wanderung im Schatten des Waldes und mache mich auf den Weg. Nun ist, wenn man sich in Prerow befindet, der Darßwald nicht sonderlich schwer zu finden. Man geht einfach eine der nach Westen führenden Straßen des Ortes entlang, und zwar solange, bis man die letzten Häuser erreicht hat. Genau dort beginnt der Wald. Also ganz einfach.

Für mich ist es sogar noch bedeutend einfacher, denn man hat in Prerow jede Menge Wegweiser aufgestellt, die alle ganz einheitlich gestaltet und nicht zu übersehen sind. Und auf nahezu jedem ist der Leuchtturm am Darßer Ort verzeichnet. Ich bin mir ziemlich sicher, daß es diese Wegweiser damals in den Achtzigern noch nicht gegeben hat, würde mich darauf aber auch nicht festlegen wollen. Man hat sie meist an Weg- oder Straßenkreuzungen aufgestellt, wo ihre Arme die in den jeweiligen Richtungen liegenden Ziele anzeigen. Liegen diese an einem Gewässer oder haben mittelbar mit einem zu tun, leuchten die Richtungsanzeiger in tiefem Blau, andernfalls sind sie in Gelb gehalten. Für weiter entfernt liegende Orte hat man in der Regel eine Entfernungsangabe hinzugefügt. Ein jeder dieser Wegweiser ist mit einer Holzschnitzerei gekrönt, deren jeweilige Darstellung entweder auf seinen Standort Bezug nimmt oder aber etwas zeigt, das man im allgemeinen mit dem Meer oder im besonderen der Ostsee assoziiert. Der Wegweiser, den ich an der durch den Ort führenden Waldstraße dort antreffe, wo der Darßwald beginnt, zeigt in seiner Schnitzerei zwei sich vom Meer abwendende Windflüchter auf sandigem Untergrund. Ich bin untrüglich auf dem Weg zum Weststrand!

Wegweiser in Prerow
Zum Leuchtturm? Bitte rechts!
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Ich muß, so bedeutet mir der freundliche Richtungsanzeiger, dem Bernsteinweg folgend noch ein wenig am Waldrand entlanggehen, bis ich ein Stück weiter auf seinen Gesellen treffe, der mich unmißverständlich in den Wald hineinbeordert. Ich folge bereitwillig dem gewiesenen Weg.

Bereits nach wenigen Schritten bin ich auf allen Seiten von Bäumen umgeben. Der Waldweg führt schnurgerade zwischen ihnen hindurch, was mich jedoch nicht verwundert, denn an diese Eigenart der hiesigen Waldwege erinnere ich mich noch gut von früher her. Es ist früher Vormittag und ich bin praktisch allein im Wald. Zumindest, was die Menschen betrifft. Von den Rothirschen und Rehen, die es hier geben soll, ist zwar auch weit und breit nichts zu sehen, dafür veranstalten die Vögel dieses Waldes ein lautstarkes Konzert. Eine Weile finde ich Gefallen an dem Gedanken, daß sie das allein für mich tun. Hier und da erhasche ich auch einen Blick auf einen der flinken Gesellen, die um mich herum zwischen den Ästen umherflattern, doch verharren sie kaum einmal lang genug irgendwo, daß es sich lohnte zu versuchen, sie auf ein Foto zu bannen. Das stört mich jedoch nicht, denn noch bin ich sowieso damit beschäftigt, die wunderbare Ruhe des Waldes zu genießen, in die sich das Konzert der Vogelstimmen ganz wundersam einfügt, ohne sie auch nur im mindesten zu stören. Rings um mich herum malt die Sonne bunte Lichtflecken auf das satte Grün des Waldbodens, der über und über mit niedrigen Sträuchern bestanden ist. In vollkommener botanischer Ahnungslosigkeit und nur auf meine Erinnerungen aus der Kindheit bezugnehmend, identifiziere ich sie kurzerhand als Blau- und Preiselbeersträucher, ohne genau zu wissen, ob das auch stimmt. Dort, wo keine von ihnen stehen, ist der Boden über und über mit Nadeln bedeckt, die die Kiefern, die hier im Wald recht reichlich vertreten sind, fallengelassen haben. An einigen der Bäume entdecke ich die markanten Einschnitte, mit denen man ihnen das Harz abgezapft hat. Dem Verwitterungs- und Alterungsgrad dieser Einschnitte nach zu urteilen, muß das aber schon eine ganze Reihe von Jahren her sein.

Nach einigen Minuten nähert sich von links ein anderer Weg, der sich kurz darauf mit dem meinen vereint, um dann weiter in direkt westlicher Richtung durch den Wald zu führen. Ich bin nun auf einer Art Waldstraße unterwegs, unbefestigt zwar, aber ungleich breiter als der Weg vorher. Wieder dauert es nicht lange, da gelange ich an eine Wegkreuzung. Zwei hölzerne Tafeln stehen auf je einer Seite des Weges. Die linke ruft mir ein freundliches „Willkommen“ zu, um mich gleichzeitig darauf hinzuweisen, daß ich mich hier im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft befinde. Außerdem erklärt sie mir mittels einer Reihe von Piktogrammen, was ich hier im Wald so alles doch bitte zu unterlassen habe. Ihr Gegenstück auf der rechten Wegseite informiert mich darüber, daß ich nun auf dem Leuchtturmweg unterwegs bin, und zeigt mir zwecks Orientierung eine Karte des Gebiets.

Auf der anderen Seite des hier kreuzenden Querwegs, über den von den beiden Tafeln nichts weiter verraten wird, führen zwei Wege weiter. Der eine bildet hinsichtlich Richtung und Beschaffenheit die direkte Fortsetzung meiner Waldstraße, der andere schlägt sich nach halbrechts zwischen die Bäume und ist ganz offensichtlich ein Waldweg wie der, auf dem ich anfangs unterwegs gewesen war. Finde ich allein das schon recht verlockend, hat er mich definitiv für sich gewonnen, als ich das Schild lese, daß man direkt an seinem Anfang aufgestellt hat. „Für Radfahrer nicht geeignet!“ lese ich darauf.

Kurz überlege ich, ob das auch wirklich der Leuchtturmweg ist oder ob ich es nicht doch lieber mit der Waldstraße versuchen soll, doch dann beschließe ich, mir darüber keine großen Gedanken zu machen und gehe los. Die Richtung stimmt in etwa und irgendwo am Weststrand werde ich schon rauskommen. Und wenn es nicht am Leuchtturm ist, kann ich ja immer noch am Strand entlang dorthin gelangen.

Der Weg führt mal auf, mal ab über den hügeligen Waldboden und windet sich mal links, mal rechts herum zwischen den Bäumen hindurch. Die Waldstraße links von mir ist schon bald nicht mehr zu sehen, da sich mein Weg immer weiter von ihr entfernt. Wieder umfängt mich die Ruhe des Waldes, in der mittlerweile die gefiederten Freunde ihr Konzert eingestellt haben, um nur noch vereinzelt hier und da vor sich hin zu zwitschern. Der Weg ist recht bequem zu gehen und, so denke ich bei mir, eigentlich auch mit dem Rad durchaus befahrbar. Wenn er nicht irgendwann später unwegsamer werden sollte, müßte man auf ihm doch eigentlich recht gut radeln können. Gerade will ich mich über das an seinem Anfang aufgestellte Schild freuen, weil es mir dennoch die Radfahrer vom Halse hält, da klingelt es auch schon herausfordernd hinter mir. Kaum daß ich einen Schritt zur Seite gemacht habe, kommt auch schon ein Radfahrer an mir vorbeigekeucht. Für ein „Danke“ fehlt ihm wohl die Luft. Meinen Fuß erhebend, um weiterzugehen, werde ich gleich wieder gestoppt, als eine Radfahrerin an mir vorüberfährt. Sie bleibt ebenso stumm. Mich vergewissernd, daß nun niemand mehr kommt, setze ich meinen Weg fort und vermeide nun jegliche voreiligen Danksagungen in Gedanken.

Auf dem Leuchtturmweg im Darßwald
Waldesruh.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Nach einer Weile bemerke ich, daß der Weg langsam, doch kontinuierlich nach rechts strebt. Wenn das so weiter geht, denke ich, bin ich irgendwann in nördlicher Richtung unterwegs. Das wird mich dann aber nicht zum Weststrand bringen! Schon überlege ich, ob es nicht doch besser wäre, wieder zurückzugehen und den anderen Weg zu nehmen, da tritt der meine zwischen den Bäumen hervor und trifft auf eine weitere Waldstraße, die zwar tatsächlich zunächst direkt nach Norden führt, doch bereits wenige Meter voraus eine scharfe Linkskurve einschlägt. Weil das offenbar ganz in seinem Sinne ist, beschließt mein Weg, diese Waldstraße von nun an zu begleiten, was er zunächst rechterhand tut, bis er schließlich, sie kreuzend, die Seiten wechselt. Mir ist das ausgesprochen recht, denn die Waldstraße wird, ihrem Zustande nach zu urteilen, wohl recht häufig benutzt, so daß sie einen ziemlich zerfahrenen Eindruck macht. Auf ihr zu wandeln wäre in etwa so lustig wie das Stapfen in tiefem, lockerem Sand.

Während ich so dahinwandere, ändert der Darßwald immer wieder einmal sein Erscheinungsbild. Auf den Kiefernwald mit von Beerensträuchern bestandenem Boden folgt ein Mischwald, in dem sich Buchen und auch Eichen ausmachen lassen und wo es keinerlei Bewuchs auf dem Waldboden gibt. Der ist dafür dicht mit dem verwelkten Laub des Vorjahres bedeckt. Hier und da liegt auch der Stamm eines gefallenen Baumes quer oder ragt, wenn der Fall aus irgendeinem Grund nicht ganz abgeschlossen werden konnte, schräg in die Luft. Dann wieder passiere ich eine kurze Totholzstrecke, auf die ein Waldstück mit dichtem Unterholz folgt, durch dessen Gestrüpp ich mich nur ungern würde zwängen müssen, so daß ich froh über meinen doch recht gemütlich begehbaren Weg bin. Hin und wieder bemerke ich wieder einige Vertreter der fliegenden Zunft, die mich entweder neugierig beäugen oder aber ihren Tagesgeschäften nachgehen. Irgendwo hämmert ein Specht hingebungsvoll auf einen Ast ein. Er hört auch nicht damit auf, als ich direkt unter seinem Baum, auf dem ich ihn schließlich entdeckt habe, angekommen bin. Er weiß wohl sehr genau, daß er von mir nichts zu befürchten hat, weil ich es niemals in diesem Leben schaffen würde, zu ihm auf den Baum hinaufzukommen. Ich gönne ihm diese Gewißheit, bedinge mir dafür aber ein Foto von ihm aus, das er mir bereitwillig gewährt.

Bild 006.jpg
Waldarbeiter.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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So vergeht die Zeit, in der ich weiter und weiter in Richtung Westen wandere. Schnurgerade führt mich die Waldstraße und mit ihr mein sie begleitender Weg durch den Darßwald. Ich bin mittlerweile eine gute Stunde darin unterwegs, als ich schließlich an einen weiteren Querweg komme. Als ich ihn erreiche, passiere ich eine weitere Tafel wie die, die am Anfang meines Weges gestanden hatte, nur daß diese hier ihre Botschaft in die entgegengesetzte Richtung verkündet: „Für Radfahrer nicht geeignet!“ Nun gut. Jetzt weiß ich, daß dies nur der Abschreckung dient. Aber behalten wir das lieber für uns. Den Wanderern zuliebe…

Hinter dem Querweg führen Weg und Waldstraße direkt weiter. Letztere ist nun allerdings nicht mehr so sandig und zerfahren wie zuvor, sondern das glatte Gegenteil. Zwar weiterhin ungeteert und auch nicht betoniert, kann aber dennoch ein Auto bequem auf ihr fahren, wie ich kurz darauf auch unmittelbar feststellen kann, als eines an mir vorbeibraust. Die Uhr geht mittlerweile auf Elf zu, und ganz offensichtlich ist das die Zeit, zu der die Urlauber auf dem Darß endlich aufgestanden sind, denn auf der Straße ziehen nun in kurzen Abständen immer wieder Radfahrer an mir vorüber. Fußgänger sind hingegen weiterhin selten. Die sind wahrscheinlich erst kurz hinter dem Waldrand angekommen…

Als Straße und Weg eine Biegung machen, sehe ich plötzlich vor mir, worauf sie unmittelbar zulaufen und was mein erstes Ziel an diesem Tage ist: den Leuchtturm. Recht trutzig steht er da, wie er, so ganz aus roten Ziegeln erbaut, in die Höhe ragt. Verstärkt wird dieser Eindruck noch durch die aus demselben Material errichteten Häuser, die sich, aus meiner Perspektive, vor ihm aufbauen, als seien sie seine kleine Burg. Eine den Raum zwischen den Häusern verschließende Ziegelmauer mit einem hölzernen, zweiflügeligen Tor rundet dieses Bild ab, das sich jedoch gleich wieder auflöst, als mir die ebenerdige Lage des Ganzen ins Bewußtsein dringt. Schön anzusehen sind die Bauten aber allemal. Um Schönheit allein geht es dabei allerdings gar nicht, denn den Leuchtturm hat man in den Jahren 1847 und 1848 einst errichtet, um die Schiffe auf der Ostsee vor den Untiefen der sogenannten Darßer Schwelle zu warnen. Gedanklich stolpere ich jedesmal ein wenig, wenn ich das Wort Untiefe lese, höre oder denke, gehört es doch mit seinen zwei Bedeutungen, von denen die eine das glatte Gegenteil der anderen ist, zu den Merkwürdigkeiten der deutschen Sprache. Es kann sowohl eine besonders seichte Stelle in einem Gewässer bezeichnen als auch eine besonders tiefe. Wenn man jedoch extra einen Leuchtturm errichtet, um Schiffe vor einer Untiefe zu warnen, dann kann man mit großer Sicherheit davon ausgehen, daß es sich hier um eine besonders seichte Stelle wie beispielsweise eine Sandbank handelt. Die Darßer Schwelle ist nun allerdings nicht einfach nur eine Sandbank vor der Küste der Halbinsel, sondern eine Bodenerhebung in der Ostsee, die sich vom Darß bis zu den dänischen Inseln Falster und Mon hinüberzieht. Um die Mannschaften passierender Schiffe auf sie aufmerksam zu machen, nahm man im Jahre 1849 den Leuchtturm am Darßer Ort in Betrieb, was ihn zu einem der ältesten Leuchttürme an der deutschen Ostseeküste macht.

Der Leuchtturm am Darßer Ort
Lichtgestalt.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Ganze 35,4 Meter ist er insgesamt hoch. Anfangs wurde er von einem Leuchtturmwärter betrieben, der stets die 134 Stufen hinaufsteigen mußte, die zum Umgang hinaufführen, der sich in einer Höhe von etwa dreißig Metern befindet. Zum Leuchtfeuer auf dreiunddreißig Metern waren es noch ein paar mehr. Heute wird das nur noch nötig, wenn an der seit 1978 ferngesteuerten Anlage etwas zu warten oder gar zu reparieren ist. Oder wenn Touristen zum Umgang hinaufsteigen möchten, um von dort oben die Aussicht zu genießen. Doch die tun das ja dann freiwillig. Die den Leuchtturm umgebenden Gebäude beherbergten einst ein Lotsenhaus sowie Wohnung und Dienstzimmer des Leuchtturmwärter­s, den es heute hier aber nicht mehr gibt. So dient eines mittlerweile als Café, während die anderen den Ausstellungen des Natureums ein Domizil geben, das eine Außenstelle des Deutschen Meeres­museums in Stralsund ist und seinen Besuchern den Naturraum Darßer Ort und die Ostseeküste näherbringt und sie über die hier heimischen Tierarten informiert.

Irgendwie ist mir angesichts des phantastisch schönen Wetters an diesem Ostermontag allerdings nicht so recht nach einem Ausstellungsbesuch. Und die Ostsee sowie die Natur am Darßer Ort schaue ich mir lieber aus nächster Nähe als von oben an, so daß ich sowohl auf den Besuch des Natureums als auch auf die Kraxelei auf den Turm verzichte, mir das dafür nötige Eintrittsgeld spare und mich gleich auf den Weg am Leuchtturm vorbei zum nahen Weststrand mache.

Der Weg führt mich links an dem Leuchtturmgehöft vorbei und wird unmittelbar dahinter sofort sandig, so daß ich schwer zu stapfen habe. Zu beiden Seiten wachsen zunächst noch niedrige Kiefern, die jedoch das markante Erscheinungsbild der Windflüchter vermissen lassen, was mich etwas wundert, entspricht dies doch so gar nicht meiner Erinnerung an den Weststrand. Doch kann ich zunächst nicht weiter darüber nachdenken, denn ich werde durch ein kleines metallenes Modell abgelenkt, daß man auf der rechten Wegseite aufgestellt hat und das das hiesige Gelände von der Ostsee bis zum Leuchtturm zeigt. Eine Tafel erklärt mir, daß entlang der Küste, die den Weststrand des Darß bildet, und auch am südlich gelegenen Fischland von der Ostsee bis zum heutigen Tag beständig Land abgetragen und zur Nordspitze des Darß transportiert werde, wo sich die Sedimente wieder ablagerten und neues Land bildeten. Dort allerdings, wo ich mich gerade befinde, gehe jedes Jahr Land verloren, so daß davon auszugehen sei, daß es den Leuchtturm in etwa fünfzig Jahren wohl nicht mehr geben werde. Ui!! Da ist es ja gut, daß ich heute hierher gekommen bin. Wer den Leuchtturm also noch einmal sehen möchte – viel Zeit ist nicht mehr.

Ich stapfe weiter und lasse die Kiefern hinter mir. Der Sandweg führt mich jetzt über eine ganz klassische, mit Strandhafer bewachsene Düne, fällt dahinter ab und entläßt mich auf einen breiten, sonnenbeschienenen und nahezu windstillen Sandstrand, an den die spiegelglatte Ostsee – ein wenig lustlos, wie mir scheint – heranplätschert.

Am Weststrand des Darß
Ich suche den windgepeitschten, steinigen Weststrand. Bin ich hier richtig?
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Nun, ich gebe es zu – das ist nicht so ganz das, was ich erwartet habe. Rauhe Winde, aufgewühltes Wasser mit hohen Wellen, einen von endlos vielen Steinen bedeckten und durchsetzten Sandstrand – das ist in meiner Erinnerung der Weststrand immer gewesen. Doch davon ist hier weit und breit nichts zu sehen. Stattdessen stehe ich hier an einem Stück Ufer, das sich kaum von dem unterscheidet, wie ich es vom Prerower Nordstrand kenne. Es fehlen eigentlich nur die Strandkörbe.

Links und rechts des hier endenden Weges haben sich Leute im Sand niedergelassen und genießen die Sonne. Andere wandern nahe am Wasser den Strand entlang, einige scheinen irgendetwas zu suchen, denn sie bücken sich immer wieder hinunter, nehmen etwas auf, prüfen es und lassen es wieder fallen. Muschelsucher vermutlich. Hinter den im Sand Lagernden – und das ist eigentlich der einzige Unterschied zum Strand vor Prerow – fällt die Düne in einer regelrechten Steilwand nahezu senkrecht ab. Allerdings ist diese nur etwa zwei Meter hoch und besteht vollkommen aus Sand. Vermutlich sieht sie nach jedem Tag mit rauherem Wind als heute etwas anders aus.

Als ich den Strand erst in nördlicher und dann in südlicher Richtung entlangblicke, muß ich endgültig einsehen, daß der Weststrand hier ganz anders geartet ist, als es meine Erinnerung mir sagt. Und das liegt nicht nur am Wetter. So vermisse ich ein wenig die wilde Urwüchsigkeit der zerzausten Dünen und der Windflüchter, von denen es hier wirklich keinen einzigen gibt. Auch von den so zahlreich vorhanden sein sollenden Steinen ist nur wenig zu sehen. Ich entdecke einen schmalen Streifen, als ich hinunter zum Wasser gehe, doch von dem Weststrand, in dessen breiten Steinfeldern ich als Kind so eifrig nach Hühnergöttern, versteinerten Meerestieren und Bernstein gesucht habe, ist das weit entfernt. Bernstein und Versteinerungen von Meeresbewohnern habe ich zwar nie gefunden, doch das Suchen hat mir immer Spaß gemacht. Und Hühnergötter – also Steine mit wenigstens einem Loch darin – gab es immerhin einige zu finden.

Ich bleibe ein wenig am Saum des Wassers stehen, das so leise an den Strand schwappt, daß ich mir kaum Sorgen machen muß, es könnte meine Füße überspülen. Draußen auf dem Meer, eine ganzes Stück vom Strand entfernt, ragt ein dickes, braunes Etwas aus dem Wasser, das sich leicht gen Süden neigt. Rund, vielleicht eineinhalb oder zwei Meter im Durchmesser, sieht es aus wie das Ende eines überaus mächtigen Pfahls, das etwa zwei Meter über die Wasseroberfläche reicht. Was das genau ist – ich weiß es nicht zu sagen. Auch nicht, aus welchem Material es wohl besteht. Von der Färbung her könnte es aus Holz sein. Aber dann hätte das Meer es sicher längst zerlegt. Ich grüble nicht weiter darüber nach, denn viel interessanter ist das, was sich auf diesem mysteriösen Ding befindet. Eine kleine Kolonie Kormorane hat es sich dort in der Sonne gemütlich gemacht und genießt den warmen Tag. Einige der Vögel, so scheint mir, blicken genauso interessiert zu mir herüber wie ich zu ihnen – mit dem Unterschied, daß sie jederzeit ohne weiteres den Abstand zwischen uns verringern könnten, wenn sie denn nachsehen wollten, wer sie hier vom Strand aus beäugt. Da sie jedoch bleiben, wo sie sind, ist ihr Interesse wohl doch nicht so groß.

Kormorane vor dem Darßer Weststrand
Wo Kormorane Urlaub machen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Auch ich genieße das schöne Wetter, über das ich mich wirklich nicht beklagen kann. Wie ich jedoch so auf das Meer hinausschaue, dessen spiegelglatte Oberfläche in der Sonne glitzert, vermisse ich doch ein wenig den rauhen Wind und die von ihm an Land getriebenen hohen Wellen, an die ich mich aus meiner Kindheit so gut erinnere. Schmunzelnd denke ich an eine Begebenheit zurück, die sich in einem unserer damaligen Urlaube zutrug, als wir wieder einmal zum Weststrand gewandert waren, den wir nun entlanggingen. Es war ein ganzes Stück weiter südlich gewesen und der Weststrand präsentierte sich an diesem Tag von seiner wilden Seite. Graue Wolken trieben über den Himmel und gaben der Sonne nur ab und zu Gelegenheit, einen ihrer Strahlen zwischen ihnen hindurch zur Erde zu schicken; ein rauher Wind vom Meer warf die hohen Wellen vor sich her auf den Strand; unter unseren Schuhen knirschten die Steine, die wir mit jedem Schritt aneinanderpreßten und umherwarfen und zwischen denen sich Stränge grünen Seetangs verfangen hatten, der immer wieder versuchte, unsere Füße zu umschlingen und uns am Vorwärtskommen zu hindern. Ein Stück vom Wasser entfernt, dort wo die Steine Platz für den Sand ließen, hatten sich vor der Düne, über der hier und da die Kronen vereinzelter Windflüchter aufragten, einige Leute vereinzelt kleine Refugien inmitten nahezu kreisrund aufgeschichteter Sandwälle geschaffen, die sie leidlich vor dem Wind schützten. In einer dieser kleinen Sandburgen lag ein Pärchen mittleren Alters, beide splitterfasernackt wie all die anderen Leute auch, die hier am Weststrand ihrer Leidenschaft für die Freikörperkultur frönten, wofür sie bereit waren, dem Wetter und dem Wind zu trotzen, der doch gehörig blies. Das tat er so hingebungsvoll, daß es ihm gelang, die Temperatur, die an diesem Tag sowieso schon nicht sonderlich hoch war, in unserem Empfinden noch einmal gewaltig nach unten zu drücken, so daß wir uns nicht nur wetterfeste Jacken angezogen, sondern deren Kragen auch noch hochgeschlagen hatten, als wir so den Strand entlangstapften auf dem Weg zu einem der weiter nördlich gelegenen Dünenübergänge, hinter dem wir dann einen Weg zurück nach Prerow zu finden hofften. Dabei kamen wir auch an dem nackten Paar vorüber, das trotz des unfreundlichen Wetters gelassen in seiner Sandburg lag, das Leben genoß und uns Wanderer neugierig beäugte. Als wir genau auf ihrer Höhe angelangt waren, stieß die Frau dem neben ihr liegenden Mann ihren Ellenbogen in die Seite und sagte, als er sich leicht aufrichtete, um zu sehen, was es gäbe, in laut vernehmlichem Ton, der keine Rücksicht darauf nahm, ob wir sie hören konnten, zu ihm: „Guck mal da! Für die einen ist Sommer, für die anderen Winter!“

In der Tat war die gewaltige Diskrepanz zwischen ihrem und unserem Erscheinungsbild überaus skurril – so sehr, daß wir noch lange danach über diese merkwürdige Situation lachen mußten und der so überaus treffende Kommentar dieser Frau in unserer Familie zu einem geflügelten Wort wurde, das immer dann zum Einsatz kam, wenn uns eine vergleichbare Situation über den Weg unseres Lebens lief.

Der Weststrand am Darßer Ort
Keine Steine, keine Windflüchter, keine Wellen. Und doch der Weststrand.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Nun, hier und heute lagern keine Anhänger der Freikörperkultur am Strand, obwohl das sonnige Wetter mit dem strahlend blauen Himmel sehr dazu einlädt. Vielleicht ist es ihnen noch nicht warm genug.

Nachdem ich eine Weile auf das Meer hinausgesehen und die am Horizont vorbeiziehenden Schiffe beobachtet habe – hier am Weststrand ist das Meer glücklicherweise völlig windradfrei -, schließe ich mich den Leuten, die den Strand entlangwandern, an und laufe die Wasserkante entlang in nördlicher Richtung. Einen wirklichen Plan, wie es von hier an weitergeht, habe ich nicht, lediglich die vage Idee, daß ich versuchen könnte, über die Spitze des Darß‘ zum Nordstrand zu gelangen, um auf diesem dann zurück nach Prerow zu wandern. Nun, da ich den schmalen Streifen Steine in der Nähe des Wassers gesehen habe, vermute ich, daß die von mir zuvor bemerkten Sucher wohl eher auf Bernstein und Hühnergötter aus sind als auf Muscheln. Ich glaube allerdings nicht, daß sie hier viel Erfolg mit ihrer Suche haben werden. Dafür ist dieser Strandabschnitt mit dem nahen Leuchtturm einfach ein viel zu stark frequentiertes Ziel.

Langsam wandere ich den Strand entlang, wobei ich stets nah am Wasser bleibe, um es beim Gehen leichter zu haben. Nach und nach nimmt die Anzahl der Menschen, denen ich begegne ab – die meisten bleiben ganz offensichtlich in der Nähe des Dünenübergangs am Leuchtturm. Ein Stück voraus kann ich jetzt eine Art hölzernen Zaun erkennen, der von der Düne aus quer über den Strand und ein Stück ins Wasser hinein führt. Geht es dort etwa nicht weiter? Ich überlege kurz, ob ich umkehren soll, verwerfe den Gedanken jedoch wieder. Wenigstens will ich wissen, was das da soll.

Es ist tatsächlich eine Sperre, die Besucher davon abhalten will, den Strand nördlich von hier zu betreten. Ein Schild erklärt mir den Grund. Die Nordspitze des Darß‘ liegt in der Kernzone des Nationalparks, den die Volkskammer der Deutschen Demokratischen Republik in einer ihrer letzten Amtshandlungen am 12. September 1990 als Bestandteil des National­park­programms für den Osten Deutschlands ins Leben rief. Hier, so hat man es beschlossen, soll sich die Natur ohne Einfluß des Menschen entfalten dürfen, weshalb der gesamte nördliche Bereich des Darßer Ortes gesperrt ist. Niemand darf den Strand ab hier betreten, und auch das sich anschließende Landesinnere ist tabu. Weitestgehend jedenfalls. Das hat nicht nur die nach wie vor aktive Landbildung als Grund, sondern auch die zahlreichen Tier- und Pflanzenarten, die sich hier unbeeinflußt von menschlicher Aktivität entwickeln können sollen. Einige davon werden auf einer weiteren Tafel in Wort und Bild vorgestellt. Damit nun aber interessierte Menschen nicht gänzlich ausgeschlossen bleiben, hat man einen Rundwanderweg angelegt, der von hier aus in das Innere des Landes führt und über den man zu guter Letzt wieder zum Leuchtturm gelangt. Da ich keine große Lust verspüre, den Weg, der mich hierher geführt hat, einfach wieder zurückzulaufen, und überdies neugierig bin, wie die Landschaft in dem einstigen Sperrgebiet, in das wir früher nie hineindurften, beschaffen ist, gehe ich den Zaun entlang bis zur Düne und stapfe durch den hier recht tiefen Sand den steilen Anstieg hinauf, nicht ohne zunächst noch den Hinweis gelesen zu haben, daß ich doch bitte den Weg keinesfalls verlassen soll. Nun, das versteht sich von selbst.

In den Dünen am Darßer Ort
Rauh weht der Wind über die Dünen. Meistens jedenfalls. Heute jedoch nicht.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Oben angekommen, sehe ich einen Sandweg vor mir, der jedoch bereits nach wenigen Metern wieder zu Ende ist. Damit niemand mit seinen Tritten die Dünen nachhaltig beschädigt, hat man sich die Mühe gemacht, den weiteren durch die Dünenlandschaft führenden Weg mit Bohlen auszulegen. Eine gewaltige Arbeit, wenn ich bedenke, daß ich die nächste halbe Stunde unausgesetzt auf diesem Bohlenweg unterwegs sein werde – was ich in diesem Augenblick allerdings noch nicht weiß.

Von der Anhöhe der Düne kann ich in südlicher Richtung noch einmal den Leuchtturm sehen, der allerdings von einem recht technisch aussehenden Metallungetüm weit überragt wird, das ich später als Marine-Funkturm identifiziere. Nun ja, der Fortschritt hat auch vor dem Darßer Ort nicht haltgemacht. Ich bin ja schon froh, daß hier keine Windräder die Landschaft verschandeln.

Es ist eine auf den ersten Blick karge Landschaft, in der ich nun unterwegs bin. Der Boden ist purer Sand, auf dem sich nur Gräser wie der allgegenwärtige Strandhafer halten können. Hier und da unterbrechen tief dunkelbraune Flecken die Grasfläche. Dort haben sich, wie mir scheint, bereits niedrige Pflanzen angesiedelt, die ich jedoch aus der Entfernung nicht genauer bestimmen kann. Später finde ich heraus, daß es sich um die kleinen Sträucher der Schwarzen Krähenbeere handeln könnte. Vereinzelt stehen auch einige Kiefern, die jedoch so klein sind, daß sie eher wie Büsche wirken. Erst weiter im Landesinneren werden sie nach und nach größer. Und dazwischen windet sich  – mal hierhin, mal dorthin – der Bohlenweg, auf dem ich nun unterwegs bin und dessen Verlauf ich ein weites Stück voraus bereits erkennen kann, weil kaum einmal ein Hindernis den Blick verstellt. Viel mehr ist eigentlich nicht zu sehen. Und doch ist diese Landschaft von einer wahrlich wilden Schönheit. Sanft steigt der grasbewachsene Boden an, um urplötzlich wie an einem Miniaturkliff abzubrechen und eine große Sandfläche freizulegen, die jedoch bereits wieder von vereinzelten Gräsern erobert wird. Praktisch aus nächster Nähe kann ich den Übergang von der direkt auf den Strand folgenden Weißdüne zur Grau- und dahinter zur Braundüne mitverfolgen. Mit jeder von ihnen nimmt die Artenvielfalt Stück für Stück zu. Sind auf der aus purem Sand bestehenden Weißdüne weitestgehend nur Gräser lebensfähig, die jedoch recht vereinzelt stehen, so daß der Sand noch deutlich hervortritt, so ist die Vegetationsdecke auf der Graudüne bereits recht geschlossen. Hier leben auch schon andere Pflanzen, die jedoch noch von recht niedrigem Wuchs sind. In der dahinterliegenden Braundüne, der ältesten der drei, gedeihen dann schon kleine Bäume wie die Waldkiefer. Wenn wie hier am Darßer Ort neues Land gebildet wird, schieben sich auch die Dünen mit der Zeit immer weiter in Richtung Meer und die Natur erobert die neuen Areale. Es dürfte interessant sein, in einigen Jahren wieder hierher zu kommen und zu sehen, wie sich das Land verändert haben wird[1]Mehr Informationen zu den verschiedenen Dünenarten finden sich in dem Blog marionsostsee.de..

In den Dünen am Darßer Ort
Unterwegs auf Bohlen durch Weißdüne, Graudüne und Braundüne. Und dahinter wieder Meer.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Als ich ein Stück auf dem Weg vorangekommen bin, kann ich in einer Lücke zwischen den niedrigen Bäumen, auf die mein Weg mit seinem Schlängelkurs zusteuert, wieder eine bis zum Horizont reichende Wasserfläche erkennen. Und weil das nur erneut die Ostsee sein kann, dürfte ich hier wohl direkt auf die andere Seite der Darßer Nordspitze blicken. Ich vermute daher, daß der Weg, dessen Ziel der in meinem Rücken gelegene Leuchtturm ist, hinter dieser Lücke einen Schwenk nach rechts machen wird – und behalte recht.

Als ich den Knick, den der Bohlenweg hier vollzieht, erreiche, schaue ich vor mir auf eine nahezu ebene Graslandschaft, die zunächst von einigen kleineren Wasserflächen durchbrochen wird, bevor sich dahinter die endlose See erstreckt. Diese Wasserflächen, deren Ufer von hohem Schilf eingerahmt werden, sind sogenannte Brackwasserseen. Die hier an der Nordspitze des Darß‘ immer noch stattfindende Landbildung führte durch die fortschreitende Sandablagerung zur Bildung von Nehrungen und – als diese sich schließlich schlossen – zur Abtrennung der umfaßten Wasserflächen von der Ostsee, den Brackwasserseen. Derzeit gibt es hier am Darßer Ort drei größere dieser Seen und einige kleinere.

Mich führt mein Weg als erstes zum Libbertsee, den es noch gar nicht so lange gibt. Er wurde erst in den 1950er Jahren von der Ostsee abgetrennt. Seitdem sinkt sein Salzgehalt stetig, und weil auch kein Frischwasser mehr in ihn einströmen kann, verlandet er zusehends. Irgendwann wird er möglicherweise sogar austrocknen. Doch noch ist es lange nicht soweit. Und so präsentiert sich mir der Libbertsee als ruhige, ausgedehnte Wasserfläche, eingerahmt von einem wogenden Meer von Schilf. Ein wahres Paradies für Wasservögel. Benannt hat man ihn übrigens nach Friedrich Libbert, einem Pflanzensoziologen und Darßforscher, der von 1892 bis 1945 lebte.

Am Darßer Ort
Ein See an der See. Der Libbertsee.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Damit mittelgroße Darßwanderer wie ich einen besseren Ausblick auf die Landschaft haben mögen, hat man freundlicherweise eine hölzerne Aussichtsplattform eben dort aufgestellt, wo mein Bohlenweg nun unvermittelt endet. Um den Paradiescharakter der Landschaft für Wasservögel zu unterstreichen, hat man ihr den Namen „Entenplattform“ gegeben. Neugierig steige ich hinauf, doch die Enten unternehmen wohl gerade einen Ausflug. Ich kann jedenfalls weit und breit keine entdecken. Lediglich ein einzelner Schwan zieht auf der Weite des Libbertsees einsam seine Bahn.

Die Weite der Landschaft zieht mich jedoch in ihren Bann, und so bleibe ich eine ganze Weile hier oben stehen und schaue einfach nur über das Land. Ich spüre, wie sich eine angenehme innere Ruhe in mir ausbreitet. Hier gibt es keine Hast, keine Hektik, keine Eile, kein Sich-beeilen-müssen und kein Schnell-noch-irgendetwas-fertigbekommen. Hier gibt es nur die Beschaulichkeit im Winde sanft sich wiegenden Schilfs, das leichte Gekräusel der Wasseroberfläche und die langsam am Himmel entlangziehenden Wolken. Und natürlich den einsamen Schwan dort draußen auf dem See, der das Wort „Termine“ ganz sicher noch nie gehört hat. Ach, könnte ich doch einfach hier bleiben…

Ich weiß nicht, wieviel Zeit vergangen ist, als ich schließlich wieder am Fuße der Treppe, die zur Aussichtsplattform hinaufführt, ankomme und meinen Weg fortsetze. Noch immer besteht der Boden aus Sand, doch man hat ihn nun mit einer Art sehr grober Holzspäne bestreut, auf denen es sich recht bequem laufen läßt, so daß ich zumindest nicht wieder anfangen muß zu stapfen. Da es nun keine Bohlen mehr gibt, hat man vorsichtshalber in regelmäßigen Abständen links und rechts des Wegs kleine Pfosten eingeschlagen, an denen entlang man zu beiden Seiten je einen Draht gespannt hat, damit auch wirklich der Unachtsamste unter den Menschen begreifen kann, daß man den Weg nicht verlassen soll. Nun ist es keineswegs so, daß man nicht mühelos darüber hinwegsteigen könnte, doch das erforderte schon mutwillige Mißachtung dieses nicht gerade dezenten Hinweises, die Landschaft außerhalb des Weges doch bitte nicht zu betreten.

Es sind nur wenige Meter, die ich gehen muß, da führt mich der Weg in ein kleines Kiefernwäldchen. Hier ist der Belag auf dem Sand nicht mehr erforderlich, denn dieser ist nun bereits so festgetreten, daß ich auf einem gut begehbaren Waldweg unterwegs bin. Kurz darauf erreiche ich eine Stelle, an der dieser einen Neunzig-Grad-Knick nach Süden macht und sich somit endgültig zurück in Richtung Leuchtturm wendet. Bevor ich ihm jedoch folge, ersteige ich eine weitere Aussichtsplattform, die man an dieser Stelle errichtet hat. Auch ihr hat man einen Namen gegeben, der sich auf Tiere bezieht, die man von hier aus sehr gut beobachten können soll: „Adlerplattform“. Nun, mit den Seeadlern habe ich genauso viel Glück wie mit den Enten zuvor – es sind weit und breit keine zu sehen. Das macht aber nichts, denn erneut werde ich mit einem phantastischen Landschaftspanorama dafür entschädigt.

Libbertsee am Darßer Ort
Libbertsee. Schilf. Ostsee. Und ein weiter Himmel.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Hinter den Bäumen rechts von mir kann ich gerade noch erkennen, daß dort ein weiterer Brackwassersee zu finden ist, der, wie ich später nachschlage, den Namen Fukareksee trägt. Auch er ist nach einem Forscher benannt, der sich eingehend mit der Naturkunde des Darß‘ beschäftigt hat. In diesem Fall handelt es sich um Franz Fukarek, der von 1926 bis 1996 lebte. An diesem See kann man die Veränderlichkeit der hiesigen Landschaft besonders gut studieren, wenn man genügend Zeit mitbringt. Von der Ostsee durch Sandablagerungen abgetrennt, ist der See erst in den 1980er Jahren entstanden. Vor einiger Zeit wurde jedoch an seinem Nordende wieder etwas Land abgetragen, so daß sich erneut ein Durchlaß zur Ostsee öffnete, der sich seitdem stetig vergrößert hat, wodurch der Fukareksee heute eigentlich gar kein See mehr ist, sondern eher eine Meeresbucht. Doch wer weiß, wie sich das angesichts der Dynamik, mit der hier an der Nordspitze des Darß‘ immer noch Land entsteht, sich verändert und gegebenenfalls auch wieder abgetragen wird, in der Zukunft entwickeln wird. So lange, daß ich das aus erster Hand feststellen kann, will ich allerdings nicht verweilen. Aber ich kann ja in ein paar Jahren noch einmal hier vorbeischauen…

Von der Adlerplattform setze ich meine Wanderung schließlich fort. Bereits nach wenigen Metern schwenkt der Weg weiter nach Südwesten und führt nun am Rand des kleinen Wäldchens entlang. Da ich jetzt die unmittelbare Nachbarschaft des Wassers verlassen habe und sich rings um mich hohe Bäume befinden, ist alsbald der Wind verschwunden und es wird mir im Lichte der strahlenden Sonne schnell recht warm. Nach all den fast schon winterlich kühlen Tagen, die es in diesem Frühjahr bisher gegeben hat, ist mir das durchaus angenehm. Und auch die Tiere des kleinen Waldes locken Licht und Wärme hervor. Direkt vor mir auf dem Weg gewahre ich unvermittelt eine schwarze gewundene Linie, die sich, als ich genau hinschaue, auch noch bewegt. Ich halte inne und beobachte, wie sich eine schwarze Kreuzotter gewandt von einer Seite des Weges zur anderen schlängelt[2]Ich bin zwar kein Experte, doch von einer Eidechse scheint mir das Tier weit entfernt zu sein. Nach einigen Vergleichen mit einschlägigen Bildern habe ich mich schließlich entschieden, die Schlange … [Weiterlesen]. Drüben angekommen, verschwindet sie gemächlich im hohen Gras.

Schwarze Kreuzotter am Darßer Ort
Schlangenlinie.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Ein paar Meter weiter passiere ich einen großen Ameisenhaufen, auf dem die unzähligen kleinen Tierchen ein mächtiges Gewimmel veranstalten, das sie in der näheren Umgebung fortsetzen. Obwohl – verglichen mit den Ameisen, denen man gewöhnlich in Städten so begegnen kann, sind diese hier doch recht groß. Ich halte sie für Rote Waldameisen, die es hier in der Gegend geben soll.

Schließlich verläßt der Weg den kleinen Wald und führt hinaus auf eine große Freifläche, die auf mich zunächst den Eindruck einer Mischung aus Wiese und Feld macht, bis ich registriere, daß das, was sich da so anmutig im nun erneut etwas auffrischenden Winde wiegt, schon wieder Schilf ist. Ein Stück voraus bemerke ich eine dritte Aussichtsplattform, die allerdings bei weitem nicht so hoch ist wie die beiden, die ich bisher passiert habe. Sie ist eher ein erhöhtes Podest, zu dem drei, vier Stufen hinaufführen und auf dem man mehrere Holzbänke aneinandergereiht hat. Da diese voller Menschen sind, die sich hier häuslich niedergelassen zu haben scheinen – jedenfalls machen sie keinerlei Anstalten, sich alsbald wieder zu erheben -, halte ich mich hier nicht allzulang auf. Dennoch gestatte ich mir ein paar Minuten für einen Rundblick. Über die in der Nähe des Weges wachsenden Wacholderbüsche hinweg habe ich einen schönen Blick über die weite, riesige Lichtung, auf der wahrlich ein Meer von Schilfrohren im Winde wogt. Das Schilf ist schon so hoch gewachsen, daß ich trotz meiner erhöhten Stellung den See, der einen beträchtlichen Teil dieser Fläche einnehmen soll, gar nicht sehen kann. So habe ich das einigermaßen merkwürdige Bild vor Augen, das mir die Aufbauten einiger Schiffe zeigt, die direkt auf dem Schilf zu schwimmen scheinen.

Auch dieses als Ottosee bezeichnete Gewässer ist ein einst von der Ostsee abgetrennter Brackwassersee, der seinen Namen zu Ehren von  Theodor Otto trägt, der von 1880 bis 1945 lebte und Geograph an der Universität Greifswald war. Da der See den sogenannten Nothafen am Darßer Ort beherbergt, besitzt er noch heute eine Verbindung zur Ostsee, die es allerdings schon längst nicht mehr gäbe, würde man sie nicht stets und ständig freibaggern. Dieser Hafen ist aus dem einstigen Manöverhafen der Nationalen Volksarmee der DDR hervorgegangen. Trotz der Einrichtung des Nationalparks hat man ihn beibehalten, um ihn als Nothafen nutzen zu können, weil zwischen Warnemünde und Barhöft bei Stralsund kein anderer solcher Ankerplatz existiert.

Im Sumpfgebiet am Darßer Ort
Der unsichtbare Ottosee.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Die Aussichtsplattform, auf der ich nun stehe, ist mit ihrem Namen „Hirschplattform“ ebenfalls nach den Tieren benannt, die man von hier aus gelegentlich beobachten können soll. Es ist wohl müßig zu erwähnen, daß ich hier natürlich keine Hirsche zu sehen bekomme. Allerdings hätte mich das angesichts der vielen laut durcheinanderschwatzenden Leute um mich herum auch ehrlich gewundert. Und da ich es den Hirschen gut nachfühlen kann, verlasse ich die Plattform alsbald wieder und setze meinen Weg fort.

Der macht nach einigen Metern wieder einmal einen Knick nach rechts, hinter dem er unvermittelt als Bohlenweg mitten in das Schilf hineinführt. Und so soll die Holzkonstruktion diesmal auch keine sandigen Dünen schützen, sondern die Füße der Wanderer trockenhalten. Das Gelände ist hier nämlich plötzlich recht sumpfig. Stellenweise spaziere ich auf den Brettern über stehendes Wasser hinweg, das ich ohne sie hätte durchwaten müssen. Das wäre vermutlich kein so großes Vergnügen gewesen. So aber komme ich trockenen Fußes gut voran, bis ich mich nach einem weiteren Knick, den der Weg diesmal nach links vollzieht, recht unvermittelt vor einer hölzernen Brücke wiederfinde. Hier durchzieht ein kleines Fließ das Schilf, in dessen ruhigem Wasser sich der Himmel spiegelt.

Auf der anderen Seite der Brücke muß ich eine Entscheidung treffen, denn von hier führen zwei Wege weiter. Beide auf Holzbohlen. Nach rechts kann ich weiter dem Rundwanderweg folgen, der mich zurück zum Leuchtturm bringt, während es geradeaus, so verspricht es mir ein Wegweiser, zurück nach Prerow geht. Nun, beim Leuchtturm war ich schon. Und von dort denselben Weg zurück durch den Darßwald zu wandern, den ich am Vormittag gekommen war, dazu habe ich keine rechte Lust. Schon als Kind habe ich das einfache Hin und wieder Zurück gehaßt. Das war mir stets zu langweilig. Und so fällt mir die Entscheidung, welchen Weg ich nehmen soll, nicht schwer. Es geht geradeaus, mitten hinein in eine Allee aus dünnen Bäumchen, die dem Frühling noch nicht so recht trauen und daher bisher davon abgesehen haben, ihr Laub sprießen zu lassen. So stehen sie mir auf meinem weiteren Weg als kahle Baumgerippe Spalier.

Während ich weitergehe, kommen mir nun mehr und mehr Leute entgegen. Offenbar kommen jetzt die Fußgänger, die sich erst am späten Vormittag auf den Weg hierher gemacht haben, so langsam an. Nach einiger Zeit hört der Bohlenweg wieder auf. Das Spalier der dünnen Bäumchen tut es ihm gleich.

Weiter geht es immer am Rande des Sumpfes entlang, bis der Weg sich plötzlich scharf nach links wendet und wieder direkt in diesen hineinführt. Prompt sind auch die Bohlen wieder da. Zum Glück, möchte ich sagen, denn nun geht es wirklich ununterbrochen mitten durch im Wasser stehendes Schilf. Angesichts der mir beständig entgegenkommenden Leute heißt es nun gut aufpassen, denn wir müssen auf dem nur mäßig breiten, geländerlosen Steg aneinander vorbeikommen, ohne daß einer von uns ins Wasser fällt. Schließlich habe ich aber das Ende des hölzernen Pfades erreicht und wieder uneingeschränkt festen Boden unter den Füßen.

Der Weg hat mich bis hierher teils um, teils durch das Sumpf- und Seegebiet des Ottosees geführt, so daß ich nun auf dessen gegenüberliegender Seite angekommen bin und mich nicht allzu weit entfernt vom Nothafen befinde. Dennoch kann ich diesen immer noch nicht sonderlich gut sehen, da nun zahlreiche Bäume zwischen mir und der freien Wasserfläche des Sees aufragen. Diesen komme ich im folgenden näher und näher, bis ich das freie Gelände schließlich verlasse und mich wieder im Wald befinde. Kurz darauf trifft mein Weg auf einen anderen, der jedoch ungleich breiter ist und durchaus als Waldstraße bezeichnet werden darf. Dieser folge ich nun in südöstlicher Richtung, die die einzig mögliche ist, denn in der anderen hindert ein Zaun mit einem geschlossenen Tor jeden Wanderer am Weiterkommen. Das ist wohl die Zufahrt zum Nothafen.

Darüber nachsinnend, ob ich denn wohl doch noch irgendwie einen Blick auf diesen Ankerplatz erhaschen könnte, bin ich noch nicht weit gekommen, als sich auf der linken Seite plötzlich ein Weg ins Gebüsch schlägt, an dem ein Schild verkündet, daß es sich nicht lohne, ihm zu folgen, da er in einer Sackgasse enden würde. Für mich ist das allerdings Grund genug, ihn genau deswegen interessant zu finden. Den was sonst sollte diesem Weg ein abruptes Ende bereiten als das Wasserbecken des in dieser Richtung liegenden Nothafens? So bin ich wenige Augenblicke später bereits ein gutes Stück von meiner Waldstraße entfernt, als ich die Richtigkeit meiner Annahme auch schon bestätigt finde. Meine Schritte haben mich an’s Ufer eines Gewässers geführt, das anhand der darin ankernden Schiffe unzweifelhaft als Hafen identifiziert werden kann.

Am Nothafen Darßer Ort
Der sichtbare Ottosee.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Zwei dieser schwimmenden Gefährte machen auf mich einen überaus merkwürdigen Eindruck. Jedes von ihnen besitzt eine rechteckige Grundform, was für ein Schiff schon einmal recht ungewöhnlich ist. Auf beiden sind diverse Aufbauten zu sehen sowie jeweils ein großer Baukran. Daß es sich also um Bauschiffe handelt, ist nicht so schwer zu erraten. Doch wozu die jeweils vier hohen dunkelbraunen Stangen dienen könnten, die meterhoch an jeder Ecke der rechteckigen Schiffsbasis aufragen und deren obere Enden orangefarbenen angepinselt worden sind, so daß sie wie große aufgesetzte Hauben wirken, darauf kann ich mir keinen rechten Reim machen.

Viel mehr ist dann allerdings auch schon wieder nicht zu sehen. Die Ausfahrt aus dem Hafen befindet sich von mir aus gesehen offenbar hinter den Schiffen, so daß sie vor meinen Blicken verborgen bleibt. So wende ich mich wieder um und kehre zur Waldstraße zurück, der ich dann allerdings nur ein kleines weiteres Stück folge, denn schon nach wenigen Metern erreiche ich einen weiteren nach links führenden Abzweig. Diesmal gibt es hier anstelle eines von der Benutzung abratenden Schildes einen eben diese empfehlenden Wegweiser. Als Ziel gibt er eine am Nothafen befindliche Aussichtsplattform aus. Na, wenn das nichts ist…

Einen Fußmarsch von etwa einem halben Kilometer später bin ich am Ende der befestigten Straße angekommen, die mich unmittelbar am einzigen Kai des Hafens entlanggeführt hat und nun vor einem mit einem Tor abgesperrten Gelände ablädt, hinter dem die beiden Bauschiffe im Wasser liegen – das eine bereits in dem Verbindungskanal, der den Nothafen mit der Ostsee verbindet. Hier ist die Welt zu Ende. Oder sie wäre es, gäbe es da nicht den mit Geländern versehenen Holzsteg, der neben der Hafenzufahrt auf die Düne hinaufführt. Ob dort oben wohl die Aussichtsplattform zu finden ist?

Am Nothafen Darßer Ort
Wald, Düne, Strand und Meer – der Nordstrand des Darß.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Sie ist es. Der Ausblick, den ich von hier oben nun genießen kann, ist allerdings ein wenig nüchtern. Links verläuft die Hafenzufahrt, die, das liegt in der Natur der Sache, den Strand unterbricht. So ist es auch nicht verwunderlich, daß dieser hier mit einem ebensolchen Holzzaun abgesperrt ist, wie ich ihn zuvor am Weststrand bereits angetroffen hatte. Auf der anderen Seite des Zufahrtskanals ist nicht sonderlich viel zu sehen, da das Gelände dort ebenso hoch ist wie hier und Bäume den Blick in die Ferne behindern. So bleiben also nur die Aussicht nach Westen auf’s Meer hinaus und nach Südwesten über die Düne den Strand entlang. Dieser beschreibt eine weite Kurve vom nördlichen Ende des Darß, an dem ich mich derzeit befinde, hinüber nach Prerow, wo er dann genau von West nach Ost verläuft, wie es sich für einen Nordstrand gehört. Da der Ort vom Strand jedoch durch den Dünenwald getrennt ist, kann ich ihn von hier aus nicht sehen. Das vor mir liegende Bild beschränkt sich also im wesentlichen auf vier aufeinanderfolgende Streifen, die von mir weg in einem weiten Bogen zum Horizont führen: der Wald, die Düne, der Strand und das Meer. Unendliche Weite…

Wie ich das Meeresufer so entlangschaue, kommen mir doch leise Zweifel daran, ob die Idee, auf dem Nordstrand nach Prerow zurückzulaufen, wirklich so gut ist. Das könnte auf die Dauer dann vielleicht doch etwas eintönig werden. So entschließe ich mich, den Weg durch den Wald zu nehmen, und kehre um. Auf dem Rückweg bemerke ich am Hafenkai eine Rettungsstation, die die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger hier unterhält, und mache mir die gedankliche Notiz, daß der Hafen damit also noch einen weiteren Zweck erfüllt als nur den, in Bedrängnis geratenen Schiffen ein kurzzeitiges Refugium zu bieten.

Ich habe etwa die Hälfte der Strecke zurück zur Waldstraße zurückgelegt, als ich einen kleinen Weg bemerke, der in westlicher Richtung in den Wald hineinführt. Angesichts der vielen Urlauber, die mittlerweile hier unterwegs sind und die ich auch zuvor auf der Waldstraße ständig um mich hatte, erscheint es mir sehr verlockend, die Straßen gänzlich hinter mir zu lassen und auf einem ruhigen Waldweg zurück nach Prerow zu laufen. Gesagt, getan. Einen Schwenk und ein paar Schritte später bin ich unter den Bäumen verschwunden und von herrlicher Waldesruh umgeben.

Doch die Freude währt nicht allzulang. Denn wie ich schon nach relativ kurzer Zeit feststellen muß, führt mein stiller Waldweg direkt auf den riesigen Zelt- und Campingplatz zu, der sich von hier mehr als eineinhalb Kilometer bis zum Ortseingang von Prerow erstreckt. Und so laufe ich alsbald an einer endlosen Reihe von Campingwagen, Caravans und Zelten vorüber, die jedoch alle mehr oder weniger verlassen wirken, denn ich begegne lange Zeit keiner Menschenseele. Erst als ich mich in dieser provisorischen Stadt deren Zentrum nähere, zeigen sich dann doch ein paar ihrer Bewohner. Sie streben der einzigen Attraktion entgegen, die es heute hier zu geben scheint: ein mit lauter Musik die Gegend beschallendes Imbiß-Etablissement, das im Freien ein paar Tische und einen Grill aufgestellt hat. Daß der Lebensmittelladen und die anderen möglicherweise noch vorhandenen Geschäfte an diesem Montag hingegen alle geschlossen haben, finde ich merkwürdig, bis mir schließlich wieder einfällt, daß gerade Ostern und damit heute Feiertag ist.

Ich kann mich noch sehr gut erinnern, daß wir in einem unserer damaligen Urlaube einmal eine Wanderung den Nordstrand entlang unternommen hatten und dabei bis hierher zum Zeltplatz gekommen waren, wo wir den Strand schließlich verlassen hatten, um von hier aus irgendwie nach Prerow zurückzukommen. Auf dem Weg zwischen den Zelten und Wohnwagen hindurch hatte es uns auch zum Zentrum des Zeltplatzes verschlagen. Ob das damals schon an dieser Stelle oder irgendwo anders gewesen war, weiß ich heute nicht mehr zu sagen. Daß es dort allerdings ein sogenanntes Zeltplatzkino gegeben hat, das ist mir sehr deutlich in Erinnerung geblieben. Denn dieses Kino, das es heute nicht mehr zu geben scheint – ich kann jedenfalls keines entdecken -, hatte mich damals sofort in seinen Bann gezogen. Neugierig war ich an jenem frühen Nachmittag stehengeblieben und studierte die aufgehängten Filmplakate mit den Ankündigungen, wann welcher Film laufen würde. Eines fand ich besonders lustig. Auf ihm waren drei drollig aussehende Typen zu sehen, von denen der kleinste und älteste eine Melone auf dem Kopf und einen Zigarrenstummel im Mund hatte. Bekleidet mit einem Anzug, sah er so aus, als nähme er sich überaus wichtig. Der zweite, etwas größere Mann wirkte überaus freundlich, machte aber einen etwas einfältigen Eindruck. Er trug eine Schiebermütze mit einem kurzen Schirm sowie eine Brille und war mit einer weiten Hose und einer braunen Jacke bekleidet. Unter den Arm hatte er eine abgewetzte Ledertasche geklemmt, die wie die altmodische Tasche eines Landarztes aussah. Der Dritte im Bunde war der Größte. Mit seinem Hut und seinem karierten Jackett hätte er vielleicht elegant gewirkt, wären im nicht seine Hosen deutlich zu kurz gewesen. Der Titel des Films verriet, daß die drei Figuren, denen man irgendwie ansah, daß sie alles versuchen, aber nichts auf die Reihe kriegen würden, in dem Streifen damit beschäftigt sein würden, Weichen zu stellen. Das klang skurril.

Nun war ich damals als angehender Teenager noch nicht in einem Alter, in dem ich besonders häufig ins Kino gegangen wäre. So war ein Kinobesuch für mich schon etwas absolut Besonderes. Da stand ich nun also vor diesem Filmplakat, las den Filmtitel und die Angaben mit den Spielzeiten – und war auf einmal ziemlich aufgeregt. Ich hatte gerade entdeckt, daß eben dieser Film, der seinem Plakat zufolge ganz sicher wahnsinnig lustig sein mußte, in wenigen Augenblicken anlaufen würde. Und so bekniete ich meine Eltern umgehend, ob wir nicht bitte bitte gleich jetzt in diesen Film gehen könnten. Nun, ich mußte nicht lange bitten, denn dankenswerterweise waren sie sofort einverstanden, spontan einen Kinobesuch einzulegen – und so kam es hier in Prerow, in eben diesem Zeltplatzkino zu meiner allerersten Begegnung mit – der Olsenbande. Ich könnte heute nicht mehr sagen, wann, wo und unter welchen Umständen ich die anderen Filme dieses Trios Infernale gesehen habe, aber dieser eine, der für mich der erste war, ist mir in Erinnerung geblieben.

Daß es das Kino von damals heute nicht mehr gibt, ist eigentlich nicht verwunderlich, denn es war eine recht provisorische Anlage. Im Grunde bestand es vollständig aus Wellblech und wirkte in seinem äußeren Erscheinungsbild so, als hätte man eine riesige Tonne der Länge nach in der Mitte aufgeschnitten und eine Hälfte dann auf den Boden gelegt. Blechbüchsenkino nannten die Urlauber das damals, und genauso sah es auch aus. Daß das heute natürlich den Ansprüchen an ein Kino nicht mehr genügt, ist wohl klar. Schade ist aber, daß man es einfach wegrationalisiert hat, anstatt den Zeltplatzgästen ein besseres Filmhaus hinzustellen. Nun ja, es rechnet sich wohl nicht. So müssen filmverrückte Camper heute nach Prerow hineinfahren, um das dortige Kino zu besuchen.

Vom Zentrum des Zeltplatzes setze ich meinen Weg am landseitigen Rand des riesigen Areals fort, und als ich zu guter Letzt doch noch dessen östliches Ende erreiche, habe ich nur noch etwas mehr als einen und einen halben Kilometer zu laufen, bis ich wieder in meiner Pension angelangt bin und meine Wanderung endet.

Zwar bin ich, der in der zurückliegenden Winterzeit nicht sonderlich viele größere Strecken am Stück zurückgelegt hat, nun doch ganz anständig geschafft, doch wirkt eine kleine Erholungsphase von ein, zwei Stunden wahre Wunder. Und so bin ich am frühen Abend bereits wieder fit genug, um auf der Suche nach einem Restaurant, das mir ein anständiges Abendbrot serviert, noch einen kleinen Bummel durch den Ort zu machen.

Am Gemeindeplatz mitten im Zentrum des Ortes entdecke ich in einer kleinen Grünanlage ein Denkmal, das an Einwohner des Ortes erinnert, die im Ersten Weltkrieg gefallen sind. Eine kleine daran angebrachte Plakette verrät mir, daß es bereits am 16. Oktober 1921 durch den damals im Ort ansässigen Kriegerverein eingeweiht worden ist. Nun, von kriegerischen Traditionen hatte man wohl nach dem darauffolgenden Zweiten Weltkrieg erst einmal die Nase voll, so daß es diesen Verein dann vielleicht nicht mehr gegeben hat. Zur Stiftung eines weiteren Denkmals für die aus dieser Apokalypse nicht mehr heimgekehrten Einwohner scheint er jedenfalls nicht gekommen zu sein, denn ein solches gibt es in Prerow nicht.

Denkmal für den I. Weltkrieg in Prerow
Prerower Gedenken. Sie zogen begeistert in den Krieg und kamen nie zurück. Heute sind sie nurmehr Namen auf einem Stein.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Am nördlichen Ende des Gemeindeplatzes, auf dem sich Grünanlage und Denkmal befinden, finde ich die Touristeninformation des Ortes, die im alten Gemeindeamt untergebracht ist. Ich meine, mich zu erinnern, daß sich zu Zeiten unserer damaligen Urlaube hier die Kurverwaltung befand, die wir nach der Ankunft immer als erstes aufsuchen mußten, um dort unsere Kurtaxe zu entrichten. Dort erfuhren wir dann auch, in welchem der hiesigen FDGB-Heime wir uns täglich einfinden konnten, um unser Mittagessen einzunehmen. Denn auch für Urlauber, die privat ein Zimmer gemietet hatten, boten diese vom Freien Deutschen Gewerkschaftsbund der DDR betriebenen Heime mittägliche Urlaubsverpflegung zu moderaten Preisen an. Allerdings konnten wir dort nicht einfach erscheinen, wann wir dazu Lust hatten. Und schon gar nicht war vorgesehen, daß wir jeden Tag in einem anderen Heim zu Mittag aßen. Nein, für den Mittagstisch gab es klare Regeln. Wir meldeten uns in der Kurverwaltung an und bekamen dann vom Feriendienst eines der im Ort ansässigen Heime zugewiesen – oder wurden einem zugeteilt, je nachdem, wie man das sehen möchte. Und damit auch alles seinen geregelten Gang nähme, erhielten wir Essenmarken, die uns als im entsprechenden Ferienheim zum Essen Berechtigte auswiesen. Natürlich hätte wir uns dieser Prozedur nicht unbedingt unterziehen müssen. Es wäre auch möglich gewesen, sich selbst um den Erhalt eines Mittagessens zu kümmern, indem man beispielsweise ein Restaurant besuchte. Angesichts der großen Zahl an Urlaubern wäre das aber stets mit längeren Wartezeiten verbunden gewesen, die man am Eingang des jeweiligen Etablissements zu verbringen hatte, bis man plaziert wurde. Da war es keine Frage, was uns lieber war.

Ist es nicht interessant, welche Erinnerungen plötzlich aus den Tiefen des eigenen Geistes an die Oberfläche aufsteigen, an die man jahrzehntelang keinen einzigen Gedanken verschwendet hat, nur weil man sich nach all der Zeit wieder einmal an einem Ort befindet, an dem man einst gewesen? Bis zu diesem Augenblick habe ich nicht einmal geahnt, was ich aus der Zeit von damals alles noch weiß. Vielleicht sollte ich öfter solche Reisen in die eigenen Erinnerungen unternehmen…

Die Touristeninformation in Prerow
Das alte Gemeindeamt von Prerow – ein Haus wie für den Darß gemacht.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Das Gebäude, das heute die Touristeninformation beherbergt, stammt bereits aus dem Jahr 1931 und ist, so erzählt mir ein ebensolches orangefarbenes Schild, wie ich es tags zuvor bereits an der Bäckerei Koch studiert hatte, im sogenannten Darß-Stil errichtet worden. Für diesen charakteristisch sind das schilfgedeckte Dach und die bunt bemalte Eingangstür. Nun, das kann ich bestätigen. In Prerow und überhaupt auf dem Darß findet man viele solcher Häuser. Dafür fehlen Bauten der sogenannten Bäderarchitektur, wie man sie beispielsweise in Binz, Sellin und den anderen Seebädern auf Rügen so häufig antrifft, hier völlig. Prerow und die anderen Orte auf dem Darß waren eben immer Siedlungen, in denen die einfachen Leute wohnten, die ihren Lebensunterhalt mit harter Arbeit verdienen mußten. Und als solche waren sie, auch wenn sie Urlauber stets anzogen, nie das Ziel der Reichen und Mondänen. Die einfachen Leute aber, die hier lebten, drückten ihren Stolz auf ihre Heimat und ihre Arbeit dadurch aus, daß sie begannen, ihre Türen mit geschnitzten Motiven zu verzieren und diese zu bemalen. Diese Sitte entwickelte sich mit der Zeit zu einem wahren Charakteristikum für den Darß, so daß die „Darßer Tür“ heute als Markenzeichen der Halbinsel gilt. Besonders oft sind in den Verzierungen Sonnen, Tulpensträuße und Blüten zu finden, was keineswegs Zufall ist. Es handelt sich dabei um alte Darßer Motive.

Ich habe schnell herausgefunden, daß Prerow kein Ort ist, in dem es an jeder Ecke ein anderes Restaurant gibt. Insbesondere der in dieser Hinsicht verwöhnte Großstädter dürfte möglicherweise die Abwechslung vielfältiger internationaler Küchen hier vermissen. Lasse ich jegliche Form von Imbißstand außer Acht, habe ich im Zentrum des Ortes – den Hauptweg zum Strand eingeschlossen – bisher nur zwei Arten fremdländische Küche anbietender Restaurants gefunden: spanisch und italienisch. Letztere scheint hier allerdings überaus beliebt zu sein, denn es gibt gleich drei davon. Desweiteren bin ich an einem Brauhaus mit eher rustikaler und sehr fleischlastiger Küche, einem Fischrestaurant, einem Café sowie drei Etablissements vorübergekommen, die eine gewisse Vielfalt auf ihrer Karte bevorzugen, die von Fisch über Steaks bis zu vegetarischen Gerichten reicht. Wer erwartet, noch mehr Restaurants zu finden, dürfte wohl enttäuscht sein. Nicht so ich. Mir genügt das Angebot vollkommen, und für meine Zeit hier ist auch für genug Abwechslung gesorgt. Außerdem möchte ich, wenn ich irgendwohin reise, auch lieber die dortige lokale Küche probieren als die internationale. Von letzterer habe ich in meiner Heimatstadt Berlin bereits ausreichend zur Verfügung. Eine gewisse Schwierigkeit stellt allerdings die Tatsache dar, daß die hiesigen gastronomischen Einrichtungen ihre Öffnungszeiten in hohem Maße an den von ihnen erwarteten Gästezahlen ausrichten, das heißt danach, ob gerade Urlaubssaison ist oder nicht. Und da wir gerade April haben, uns also noch in der Vorsaison befinden, öffnen einige Restaurants erst um 17 Uhr, während andere an gewissen Werktagen ganz geschlossen bleiben. Das mag hinsichtlich des erwarteten Umsatzes angemessen sein, stellt mich aber vor das Problem, das ich nicht in jedem Restaurant zeitnah einen Platz bekommen kann, wenn ich das gerade möchte. Wie es aussieht, befinden sich bereits genügend Urlauber im Ort, um das zur Verfügung stehende Angebot auszureizen. Letztlich gelingt es mir heute aber doch, genau wie am Vortag, ein Abendessen zu ergattern.

Danach ist es immer noch hell genug, um noch einmal den Weg hinunter zum Strand einzuschlagen. Ich wähle diesmal nicht den Hauptweg, sondern den, der den Prerower Strom über die östlich benachbarte Holzbrücke überquert. Als ich sie hinter mir gelassen habe und den sich anschließenden Dünenwald durchwandere, stoße ich hier auf einige Reste des sumpfigen Geländes, das ich tags zuvor am Hauptweg vermißt hatte. Die dem Horizont bereits entgegenstrebende Sonne sorgt hier für einige schön anzusehende Lichteffekte und im Wasser für interessante Spiegelungen.

Tümpel im Prerower Dünenwald
Der Wald der Gegenwelt.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Am Strand hat jemand nah am Wasser eine Sandburg gebaut. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Kleckerburg. Sie besteht aus einer Ansammlung von Türmen und Türmchen, die sich aneinanderreihen und ein Rechteck bilden, dessen Inneres mit weiteren Türmen angefüllt ist. An den Außenseiten hat der Wind bereits sein Zerstörungswerk begonnen, denn dort sind die Kleckerfassaden schon recht brüchig geworden, so daß ihr Zerfall bereits eingesetzt hat. Doch wird dieser sicher bald beschleunigt werden, wenn auch das Wasser der Ostsee seinen Weg zu der nah an seinem Rand errichteten Burg gefunden haben wird. Noch ist es nicht so weit, doch die Ausläufer der Wellen kommen näher und näher…

Ich erinnere mich noch gut, wieviel Arbeit mit der Errichtung einer solchen Burg verbunden war, denn als Kind habe ich damals an so gut wie jedem Tag eine gebaut, den wir am Strand verbrachten. Dafür braucht man eigentlich nur einen Baustoff: Sand. Weil man aber unter normalen Umständen damit nichts errichten kann, da er einem in trockenem Zustand nur so durch die Finger rieselt, muß noch etwas anderes her: Wasser. Um das zu bekommen, gibt es drei Möglichkeiten. Die erste besteht in der Errichtung der Burg direkt am Wasser. Das hat den Vorteil, daß man kurze Wege hat. Mir machte das allerdings stets wenig Freude, denn zum einen ist die Wassergrenze an einem Strand voller Urlauber immer überlaufen, weil es sich dort bequemer auf dem Sand gehen läßt, zum anderen besteht stets die Gefahr, daß eine mächtigere Welle ein großes Stück den Strand hinaufschwappt und die gerade in Bau befindliche Burg gleich wieder niederreißt. Da war es mir immer lieber, die Burg dort zu bauen, wo wir am Strand gerade lagerten, also nahe an unserem Strandkorb. Da wir auch meist einen Windschutz um unseren Lagerplatz errichteten, hatte das an windigeren Tagen auch den Vorteil, daß die Burg nicht gleich wieder niedergeweht werden konnte. Möglichkeit zwei besteht also darin, weiter oben, gegebenenfalls sogar nah an der Düne mit dem Burgenbau zu beginnen und sich das dafür nötige Wasser mittels Eimern vom Meer zu holen. Weil man jedoch eine ganze Menge Wasser benötigt, bedeutet das ganz schön viel Lauferei. So griff ich stets zu Möglichkeit drei. Die besteht darin, an Ort und Stelle zunächst ein Loch zu graben, und zwar so tief, bis das Grundwasser erreicht ist. Dann hat man Wasser, soviel man benötigt. Je näher an der Düne wir uns befanden, um so tiefer mußte ich graben.

Hatte ich nun also Sand und Wasser, konnte es losgehen. Zunächst galt es, einen halbwegs glatten Untergrund zu bekommen. Also mußte erst einmal jede Menge lockerer Sand – ich nannte ihn immer Zuckersand, weil er im Sonnenlicht so schön glitzerte, wie es Zuckerkörner auch tun – beiseitegeschafft werden. War das getan, begann die Errichtung der Burgwälle und Mauern. Standen diese schließlich, konnte es an den Bau der Türme gehen. Diese wurden, wie es sich für eine Kleckerburg gehört, mittels Kleckertechnik Stück für Stück aufgeschichtet. Dazu mußte ich tief in mein gegrabenes Loch greifen, um aus der Grundwasserschicht mit Wasser durchtränkten Sand heraufzuholen, denn nur dieser ließ sich aus der geschlossenen Faust heraustropfen – also kleckern. Das war an der breiten Basis des Turms immer noch relativ leicht, weil man einfach so draufloskleckern konnte. Doch je höher er wurde, desto schmaler mußte er werden, bis er schließlich in einer schönen Spitze auslief. Das erforderte, da meine Ansprüche an die Ästhetik der Burggestaltung ausgesprochen hoch waren, viel Geschick und Geduld, besonders, wenn es zum Schluß um die Spitze ging, die ihrem Namen natürlich Ehre machen und möglich spitz zulaufen sollte. Aber ich hatte ja Zeit.

Doch was ist eine Burg, die nur aus Burgwällen und Türmen besteht? Da fehlte doch was. Also mußte ein Burgtor her, vor dem sich eine Zugbrücke befand. Und damit die auch über etwas hinüberführen konnte, brauchte die Burg natürlich einen Wassergraben. Um den zu füllen, war viel mehr Wasser nötig, als das gegrabene Loch hergab, so daß ich nun doch mehrmals hinunter zum Meer laufen mußte. Aber was tat ich nicht alles für eine schöne Sandburg. Natürlich ließ sich die Ziehbrücke nicht wirklich hochziehen. Um sie aber möglichst gut aussehen und stabil werden zu lassen, brauchte ich nun noch einen dritten Baustoff: Holz. In Form von Stöcken – oder Stöckern, wie der Berliner sagt. Die konnte ich im nahen Dünenwald sammeln. Aber auch am Strand lag meist genug herum. Ich war schließlich nicht das einzige Kind, das anspruchsvolle Sandburgen baute. Im Inneren der Burg errichtete ich meist weitere Mauern, damit es mehrere Höfe gab. Die konnte ich dann wieder mit Durchfahrten in den Mauern verbinden. Kleine Gebäude in den Höfen zu plazieren, war dann schon wieder eine vergleichsweise leichte Übung.

Und wenn ich mal keine Lust hatte, wieder eine Sandburg zu bauen, dann baute ich Straßenlandschaften. Mit Kreuzungen, Brücken, Bergen und Tunneln. Es gab immer was zu tun.

Sandburg am Prerower Ostseestrand
Kleckerburg am Meeresstrand.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Hatte man zwecks Wasserbeschaffung ein Loch gegraben, mußte man natürlich dafür sorgen, daß dieses später nicht zur Falle für ahnungslose Strandwanderer wurde. Wenn wir also abends unser Lager am Strand auflösten, bestand meine Aufgabe darin, daß am Tag gegrabene Loch wieder mit Sand aufzufüllen. So konnte nichts passieren. Leider wurde mir mein Wasserloch aber einmal selbst zum Verhängnis. Wieder einmal hatte ich eines gegraben und eine prächtige Sandburg gebaut. Mittlerweile war ich dafür schon ganz prächtig ausgestattet und hatte einen kleinen Kinderspaten dabei, der über ein Metallblatt verfügte, mit dem sich in Windeseile ein Wasserloch graben ließ. Als wir des Mittags unser Strandlager für eine Weile verließen, um zum Mittagessen in das uns zugewiesene FDGB-Heim zu gehen, stellte ich, besorgt um meinen Spaten, diesen in das Loch und legte unsere aufgepumpte Luftmatratze darüber. So konnte niemand das Loch und den Spaten darin sehen, geschweige denn entwenden. Eine Gefahr für andere stellte das nicht dar, denn da wir unser Strandlager für den Gang zum Mittagessen nicht extra auflösten, blieb es mittels der Windschutze abgesteckt und niemand konnte hindurchlaufen. Als wir, nach der Nahrungsaufnahme gestärkt, wieder zurückkehrten, hatte ich allerdings das Loch und den Spaten darin völlig vergessen. Da ich etwas lesen wollte, hob ich die Luftmatratze auf, um sie in den Schatten des Windschutzes zu legen. Dabei trat ich unversehens in das darunter zum Vorschein kommende Loch und versank bis zum Knie darin. Ach was, kein Problem. Zog ich den Fuß halt wieder heraus. Da ich nichts spürte, ahnte ich auch nichts Böses und ging weiter, legte die Luftmatratze ab, drehte mich um… und gewahrte plötzlich rote Flecken im Sand! Gerade wollte ich mich fragen, wo die wohl auf einmal herkamen, da spürte ich plötzlich einen stechenden Schmerz am Ballen meines linken Fußes. Weil der eine Weile hatte auf sich warten lassen, war mir völlig entgangen, daß ich beim Tritt in das Loch mit dem Ballen auf das Blatt meines kleinen Spatens geraten war und mir ein Stück Haut aus diesem herausschnitten hatte. Jedoch nicht ganz, denn es war noch dran. Aber der Schnitt war immerhin tief genug, um nun unausgesetzt zu bluten. Ach herrje…

Das Nächste, das ich noch weiß, ist, daß ich im Turm der Rettungsschwimmer am Dünenübergang war. Wie ich dort hingekommen war, hat sich in meiner Erinnerung nicht erhalten. Nun saß ich auf einer Liege – oder war es ein Stuhl? – und sah zu, wie einer der Sanitäter die Wunde an meinem Fuß säuberte und anschließend mit einer Spraydose etwas darauf sprühte. Dieses Etwas erwies sich, als es getrocknet war, als eine Art Pflaster, das nun die Blutung zum Stillstand brachte. Ich war beeindruckt. Flüssiges Pflaster. Sowas hatte ich noch nie gesehen. Für einen Moment vergaß ich sogar, daß mir der Fuß immer noch wehtat.

Doch was nun? Laufen ging einigermaßen, wenn ich nicht gerade direkt mit dem Fußballen auftrat. Doch an Spielen im Sand oder Badengehen, so schien es, war nun für den Rest des Urlaubs nicht mehr zu denken. Doch auch dafür gab es eine Lösung. Meine Mutter stülpte einfach eine große Plastiktüte über meinen verbundenen Fuß, den sie mit einem Bindfaden festband, und so konnte ich, wenn ich aufpaßte, nicht zu tief hineinzugehen, immerhin im Wasser der Ostsee herumpatschen, wenn auch nicht untertauchen. So wurde es, wenn auch mit gewissen Einschränkungen, doch noch ein schöner Urlaub.

Diese Kindheitserlebnisse kommen mir eines nach dem anderen in den Sinn, als ich hier am Meeresufer stehe und auf die Kleckerburg hinabblicke, die jemand – möglicherweise ein Kind – an diesem Tag mit Hingabe hier errichtet hat. Morgen wird sie wohl schon wieder im Sand des Strandes versunken sein. Doch heute bringt sie mir einige Erinnerungen an meine Kindheit zurück, und dafür bin ich den kleinen oder vielleicht auch großen Baumeistern dankbar.

Die Sonne ist dem Horizont in der Zwischenzeit wieder ein Stück nähergekommen, und so beschließe ich, den Rückweg anzutreten. Über die Düne, durch den Dünenwald und über den Prerower Strom, an dem ich noch ein wenig verweile, um einen Schwan zu beobachten, der allein auf der ruhigen Wasseroberfläche umherschwimmt, spaziere ich langsam wieder zurück zu meiner Pension. Ein Tag voller schöner Naturerlebnisse und Erinnerungen geht zu Ende…

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Referenzen

Referenzen
1 Mehr Informationen zu den verschiedenen Dünenarten finden sich in dem Blog marionsostsee.de.
2 Ich bin zwar kein Experte, doch von einer Eidechse scheint mir das Tier weit entfernt zu sein. Nach einigen Vergleichen mit einschlägigen Bildern habe ich mich schließlich entschieden, die Schlange für eine schwarze Kreuzotter zu halten. Wer mich sachkundig eines Besseren belehren kann und möchte, kann mich gerne kontaktieren.

Ein Tag am Meer

Ein Tag am Meer.
Entspannung.
Ruhe.
In-sich-gehen.

Weit reicht der Blick.
So weit.
Bis zum Horizont,
wo der Himmel das Meer berührt.

Rhythmisch rollen die Wellen ans Ufer,
das sie nur kurz erreichen.
Dann müssen sie schon wieder zurück.
Doch sie geben nicht auf.
Versuchen es wieder und wieder und wieder.
Was treibt sie an?
Nur der Wind?

Sacht ziehen Schatten über den Strand.
Große und auch kleine.
Wolken. Und Möwen.

Erstere stumm. Und doch mächtig.
Wenn sie sich vor die Sonne schieben,
geht leis‘ das Licht zurück.
Und gleich wird es merklich kühler.

Die Möwen jedoch sind laut.
Sie kreischen. Sie zanken.
Und ziehen mit dem Wind,
gegen den sie nichts ausrichten können.
Ebensowenig wie gegen die Wellen,
vor denen sie herlaufen.
Fast ein wenig ängstlich, wie mir scheint.
Ob sie sich deswegen ärgern?
Vielleicht sind sie deshalb so laut?

Ganz anders der Wind.
Heut‘ braust er nicht, nur sacht ist er zu hören.
Sanft streicht er über Sand und Dünen.
Das Dünengras folgt seinem Drängen.
Es wiegt sich sacht in seinen leisen Böen.
Und beugt gehorsam sich hernieder.
Doch kaum ist fort der Wind,
dem’s eben noch sich neigte,
steht keck es wieder auf.

Am Rand der Düne liegt ein Boot.
Ob’s wohl gestrandet ist allhier?
Oder ruht sich’s aus nur
vom heftigen Tanz mit den Wellen?

Im hellen Sand leuchten weiße Muschelschalen.
Und lange Stränge grünen Tangs schlängeln sich den Strand entlang.
Geschenke des Meeres an die achtlosen Menschen.
Doch wer sie zu ehren weiß,
findet mit etwas Glück einen Bernstein darin.

Die Wellen tragen Kronen aus weißem Schaum.
Die Sonne läßt sie fröhlich glitzern.
Tausende kleiner Sterne leuchten.
Am hellichten Tag.

Ein Tag am Meer.
Im späten Monat September.
Nur die See, die Möwen und ich
an einem menschenleeren Strand.

(Gedanken an einem Tag im September 2014 am Ostseestrand von Dierhagen, nahe dem Fischland.)

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