Alle Beiträge von Alexander Glintschert

An Kanälen entlang

Dieser Beitrag ist Teil 4 von 4 der Beitragsserie "Grüner Hauptweg Nr. 19"

Wieder stehe ich am Wassertorplatz, doch diesmal auf der anderen Seite des Hochbahnviadukts. Vor mir liegt die vierte Etappe meiner Wanderung auf dem Grünen Hauptweg Nr. 19. Vom Engelbecken hatte mich der Weg auf dem ehemaligen Luisenstädtischen Kanal entlang bis hierher geführt. Und auf eben dem Grünstreifen, den der zugeschüttete Kanal hinterlassen hat, geht es nun weiter.

Am Wassertorplatz
Der Wassertorplatz wird von der Hochbahn durchschnitten. Rechts führt sie weiter die Skalitzer Straße entlang, links die Gitschiner Straße.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Waren die Parkwege kurz vor dem Wassertorplatz zuletzt etwas ungepflegter, so sind sie nun um so eleganter. An einem Spielplatz vorbei führen sie mich an sorgsam gestutztem, saftig grünem Rasen vorbei, der sanft gewellte Hügel bedeckt. Ein winziges Tal zwischen ihnen, das eigentlich nur als Tälchen bezeichnet werden kann, wird von einer filigranen, metallischen Brücke überspannt, die reiner Dekoration dient. Denn weder strömt Wasser unter ihr entlang noch ist der Talboden weiter als einen Meter von ihrem Steg entfernt. Hübsch sieht sie aber aus.

Elisabeth-Hof
Am Erkelenzdamm befindet sich mit dem Elisabeth-Hof einer der größten Industrie- und Gewerbehöfe in Kreuzberg. Hier ein Blick auf die gesamte Fassade des Vorderhauses.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Auf der linken Seite begleitet der Erkelenzdamm den Parkstreifen. Die Hausnummern 59 und 61 gehören zu einem schönen Gebäude, an dem in goldfarbenen Lettern „Elisabeth-Hof“ steht. Zwei Toreinfahrten direkt nebeneinander führen hinein. Weil sie offenstehen, trete ich neugierig hindurch und gelange in einen kleinen sauberen Hof. Ein Brunnen erfüllt ihn mit seinem fröhlichen Plätschern und ist umgeben von üppigem Grün. An seinem Rande sitzt ein kleiner Froschkönig mit seiner goldenen Kugel. Zu den Seitenflügeln führen dunkelbraune Türen, die mit heraldischen Lilien verziert sind und von Supraporten gekrönt werden, die hier als halbkreisförmige Reliefs über dem Türsturz gestaltet sind. Das Quergebäude wird wiederum von zwei nebeneinanderliegenden Durchfahrten durchbrochen. An ihrem Ende liegt ein weiterer Hof, den ich aber nicht erreichen kann, weil die Durchfahrten mit Gittertoren verschlossen sind. Durch sie kann ich nur in ihn hineinblicken. Vor mir liegt der erste von drei Gewerbehöfen, die neben dem Wohnhof, den ich bereits durchschritten habe, zum Ensemble dieses Gebäudekomplexes gehören, der eine der größten Industrie- und Gewerbehofanlagen in Kreuzberg ist.  Die Aufgänge in die Seiten- und Quergebäude sind hier als Portale bezeichnet und durchnumeriert. Über Portal I, das mir genau gegenüberliegt, befindet sich im ersten Stock eine Tafel in der Fassade, die an den Architekten dieser Anlage erinnert: Kurt Berndt. In der zweiten Etage ist eine Uhr in die Hauswand eingelassen, die links und rechts von den Worten „Die Stunde ruft – nütze die Zeit!“ begleitet wird. Da weiß man doch gleich, worum es geht. Hier wird gearbeitet! Müßiggang hat hier keinen Platz! Nun, das sehe ich zumindest für den heutigen Tag völlig anders. Und bevor noch jemand kommt und mich zur Arbeit ruft, verlasse ich lieber den Elisabeth-Hof und gehe zurück in die Parkanlage am Erkelenzdamm.

Am Urbanhafen
Diese Parkanlage ist die Mündung des ehemaligen Luisenstädtischen Kanals in den Landwehrkanal.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Es sind nur noch wenige Schritte auf dem ehemaligen Luisenstädtischen Kanal, da verbreitert sich der Park nach links und rechts, und vor mir schimmert Wasser zwischen den Bäumen und Büschen hindurch. Es ist der vom Landwehrkanal durchflossene Urbanhafen, wo einst der Luisenstädtische Kanal abzweigte. Am gegenüberliegenden Ufer befindet sich ebenfalls eine Grünanlage, die jedoch von einem dunkelgrauen und – man verzeihe mir die abwertende Beurteilung – häßlichen Betonklotz dominiert wird. Das Urbankrankenhaus ist wirklich kein schöner Bau, weswegen ich auch keine weiteren Worte darüber verlieren will und meine Aufmerksamkeit lieber dem Wasserbecken zuwende, an dessen Ufer sich Schwäne tummeln. Auf meiner Seite wird es von einer schönen Uferpromenade mit angeschlossenem Park gesäumt. Mein Weg biegt nun nach rechts ab und folgt ihr am Kanal entlang. Ich passiere malerische Trauerweiden, die ihre Zweige weit über die Wasserfläche hängen lassen. Ich liebe diese Bäume, die immer von einem Hauch Melancholie umgeben zu sein scheinen.

Am Landwehrkanal
Ein Blick von der Baerwaldbrücke auf den Landwehrkanal. Im Hintergrund ist über den Bäumen die Heilig-Kreuz-Kirche zu sehen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Der Park, der hier das Ufer begleitet, ist übrigens der Böcklerpark, der nach Hans Böckler, einem Politiker und Gewerkschaftsfunktionär benannt ist. Ich muß auch nicht lange warten, da begegne ich ihm höchstselbst – allerdings nur in Form einer Büste. Da habe ich schon fast die Prinzenstraße erreicht und damit auch das Ende des Urbanhafens. Der Grüne Hauptweg Nr. 19 wechselt hier das Ufer und überquert den Landwehrkanal über die Baerwaldbrücke. Schnell noch ein letzter Blick zurück auf den Urbanhafen und dann noch einer voraus, der mir den von grünen Ufern gesäumten Kanal präsentiert. Im Hintergrund erhebt sich der Turm der Kreuzberger Heilig-Kreuz-Kirche über den Baumwipfeln.

Hausfassade am Carl-Herz-Ufer
Ein teilzerstörter und modern ergänzter Stuckfries am Haus Carl-Herz-Ufer 25.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Am Carl-Herz-Ufer führt der Weg nun weiter den Kanal entlang. Das Kreuzberg, das ich hier durchwandere, wirkt ruhig und beschaulich. Die Häuser sind ebenso wie die Straßen sehr sauber und gepflegt. Mit dem oft assoziierten alternativen Kreuzberg um Oranienstraße und Kottbusser Tor hat dieses hier gar nichts gemein. Es wirkt vielmehr fast schon bürgerlich. Das unterstreicht auch das Haus, das ich an der Straßenecke Carl-Herz-Ufer / Tempelherrenstraße erreiche. Seine Fassade ist vollkommen instandgesetzt und renoviert und wirkt wie neu. Erst auf den zweiten Blick fällt mir auf, daß die einst reichlich vorhandenen Stuck- und Fassadenelemente nicht mehr alle vorhanden sind. Hier fehlt eine Fensterbekrönung, dort ein Stück der Rahmendekoration, und da ist nur noch ein halbes Stuckrelief vorhanden. Diese fragmentierte Fassade übt einen ganz eigenen Reiz aus, so wie antike Reste, gefunden bei einer Ausgrabung. Direkt unter dem Dach befindet sich die einzige Ausnahme. Den nur noch teilweise vorhandenen Stuckfries hat man mit Malereien ergänzt. Nun tummeln sich hier merkwürdig eckige Figuren, die ihren ganz eigenen Tanz aufzuführen scheinen.

Altes Zollhaus
Das alte Zollhaus am Landwehrkanal.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Nur wenige Meter weiter meine ich dann plötzlich, mich irgendwo auf dem Lande zu befinden. Direkt am Ufer des Landwehrkanals steht inmitten hoher Bäume ein Fachwerkhaus. Auch wenn es sich älter macht als es ist – das Alte Zollhaus wurde erst 1901 als Depot für die Berliner Stadtreinigung erbaut und später als Kontrollstelle der Berliner Dampfschiffahrt genutzt -, so ist es doch ein sehr schöner und idyllischer Ort, was das darin heute beheimatete Restaurant nach Kräften unterstützt.

Immer weiter am Kanalufer entlang führt der Weg durch das Grün, bis die nebenherlaufende Brachvogelstraße – benannt nach dem Schriftsteller Albert Emil Brachvogel, dessen bekanntestes Werk der biografische Roman über Friedemann Bach ist – unvermittelt in einem Wendekreis endet. Der Weg führt ein paar Stufen hinauf durch ein Hecke – und ich stehe plötzlich am Rand einer vom Verkehr durchtosten Straße. Diese überquert über eine Brücke den Kanal, auf dessen anderer Seite sich ihm die Hochbahntrasse nähert, auf der quietschend eine U-Bahn vorbeirumpelt. Es hupt, es dröhnt, es brummt allerorten. Nach dem grünen Idyll am Kanalufer ist die Kreuzung aus Zossener und Lindenstraße mit der Gitschiner Straße ein kleiner Kulturschock.

An der naheliegenden Ampel geht es zuerst über die Zossener Straße und dann über die Waterloo-Ufer genannte Verkehrsader, so daß ich schnell wieder am Kanal stehe. Von hier aus offenbart ein Blick zurück wieder den Turm der Heilig-Kreuz-Kirche, die nun ganz nahe ist.

Hallesches-Tor-Brücke
Die Allegorie „Fischfang“ an der Hallesches-Tor-Brücke.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Zwischen Kanal und Straße wandere ich weiter bis zur nächsten Brücke. Diese trägt heute den Namen Hallesches-Tor-Brücke, war früher jedoch unter dem Namen Belle-Alliance-Brücke bekannt. Während eines kurzen Intermezzos von 1953 und 1974 führte sie auch den Namen Mehringbrücke. Zwei Skulpturen zieren das Ende des Kanalübergangs am Waterloo-Ufer, auf jeder Seite eine. Sie gehörten einst zu einem Figurenensemble von insgesamt vier Allegorien: der Flußschiffahrt, dem Fischfang, dem Gewerbefleiß und dem Fruchthandel. Nachdem zwei der Skulpturen dem Hochbahnbau weichen mußten und in der Folgezeit nach mehreren Umzügen verlorengingen, sind heute nur noch der Fischfang und die Flußschiffahrt hier zu betrachten.

Ein kurzer Abstecher zum nahegelegenen Mehringplatz, der einst der Belle-Alliance-Platz war, führt mich zu einer weiteren steinernen Figur. Sie wurde vom Bildhauer Albert Wolff geschaffen und trägt den Namen „Der Friede“, was der Palmzweig, den sie in der Hand hält, deutlich werden läßt. Die ihr zur Seite gestellte „Geschichtsschreibung“ ist gerade nicht zu sehen, denn sie umgibt ein blickdicht verplantes Baugerüst. Da sie auf diese Weise selbst auch nichts sehen kann, wird ihr Geschichtsbuch wohl einige Lücken aufweisen.

Am Mehringplatz
Die Friedenssäule von Christian Gottlieb Cantian auf dem Mehringplatz.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Dominiert wird der runde Platz jedoch von einer anderen Skulptur: der Viktoria, die in seinem Zentrum auf einer hohen Säule den Siegerkranz in die Höhe hält. Diese Friedenssäule wurde von Christian Gottlieb Cantian entworfen. Ganze 19 Meter ist sie hoch, was der obenstehenden, von Christian Daniel Rauch geschaffenen Viktoria einen schönen Rundblick über die Stadt verschaffen dürfte.

Auf dem Rückweg zum Landwehrkanal fällt der Eingang zum U-Bahnhof ins Auge, an dem in großen Lettern „BAHNHOF HALLESCHES TOR“ steht. Man muß jedoch nicht unter ihnen durch-, sondern den längeren Weg an ihnen vorbei gehen, um den Bahnhof zu erreichen. Weil es vermutlich deshalb immer einige Leute ziemlich eilig haben, die Straße zu überqueren – notfalls auch bei Rot anzeigender Ampel -, muß man als müßiger Stadtwanderer aufpassen, von ihnen nicht umgerannt zu werden.

Altes Postamt SW 61
Das Altes Postamt SW 61 am Tempelhofer Ufer 1. Es wurde vom Architekten und Postbaurat Hermann Struve entworfen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Über die Hallesches-Tor-Brücke geht es zurück auf die andere Kanalseite und dann an diesem weiter in die vorherige Richtung. Die Straße trägt jetzt den Namen Tempelhofer Ufer. Ich bin nur wenige Meter gegangen, da fällt mir auf der anderen Straßenseite ein roter Ziegelbau ins Auge. Das alte Postamt SW 61 erinnert an den gotischen Baustil, ist aber viel jünger, denn es stammt vom Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Heute trägt es den Namen „Hallesches Haus“.

Ich überquere den Mehringdamm, der auf der anderen Kanalseite in die Wilhelmstraße übergeht, und wandere weiter – rechts von mir der Kanal, links die Straße. Dieser Abschnitt des Grünen Hauptwegs Nr. 19 ist wegen des vorbeibrausenden Verkehrs nicht mehr so idyllisch. Die Wegmarkierungen sind sich hier nicht so recht einig, wo der Weg nun eigentlich entlangführt, denn es gibt sie auf beiden Seiten des Landwehrkanals. Ich habe also die Wahl zwischen dem Tempelhofer oder dem Halleschen Ufer. Letzteres lockt mit einem von Büschen gesäumten Weg am Kanal, der direkt unter dem Hochbahnviadukt entlangführt, doch ich entscheide mich dennoch für das Tempelhofer Ufer. Als Berliner Stadtkind schreckt mich die Straße nicht, und diese Seite hat einiges mehr zu bieten, was sich anzusehen lohnt, auch wenn man es nur auf den zweiten oder gar dritten Blick entdeckt.

Hof Tempelhofer Ufer 10
Dieses kleine Relief befindet sich an Eingang eines Gebäudes im zweiten Hinterhof Tempelhofer Ufer 10.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Um diesen zweiten oder dritten Blick riskieren zu können, muß man allerdings hin und wieder die Straße überqueren und einen Abstecher in manch offenstehende Toreinfahrt wagen. So entdecke ich in Hausnummer 10 einen eigentlich recht unspektakulären zweiten Hinterhof. Ein hoher Ziegelschornstein und ein Flachbau zwischen den umgebenden Häusern, wie er einer Werkstatt oder einer kleinen Manufaktur als Domizil dienen könnte – mehr scheint hier nicht zu sehen zu sein. Doch selbst hier hat man früher nicht auf schmückendes Beiwerk verzichtet. Der Eingang zu einem der Hinterhofhäuser ist über seiner Tür mit einem kleinen Relief verziert, das altes Handwerk darstellt.

Hector-Peterson-Schule
Blick in den Hof der Hector-Peterson-Schule am Tempelhofer Ufer 15.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Ein paar Hausnummern weiter – diesmal ist es Tempelhofer Ufer 15 – führt ein unscheinbarer Toreingang auf den großen Hof der Hector-Peterson-Schule. Der Namensgeber – eigentlich Hector Pieterson – war ein südafrikanischer Schüler, der im Alter von 12 Jahren während des Soweto-Aufstandes 1976 erschossen wurde. Als ich aus der Toreinfahrt heraustrete, erblicke ich vor und rechts von mir einen großen Bau, der irgendwie auf den ersten Blick als Schulbau erkennbar ist. Der Hof ist auf der linken Seite von hohen Bäumen bestanden, und auch in seiner Mitte grünt und blüht es. Dazwischen sind beim Bummel hindurch zahlreiche kleine und große Kunstwerke zu entdecken. Über den Eingangstüren zum Schulgebäude hat man kleine, runde, steinerne, an Medaillons erinnernde Plaketten angebracht, die Kinderfiguren zeigen. Alles in allem ein sehr verträumt wirkender Ort, der an Schultagen sicher einen anderen, weitaus lebhafteren Eindruck vermittelt.

Als ich ein Stück weiter den U-Bahnhof Möckernbrücke erreiche, fällt mir das Haus Tempelhofer Ufer 20 – wieder ein Bau mit schöner Ziegelfassade – auf. Die Fenster in der mir zugewandten Seitenwand des Hauses erkenne ich erst auf den zweiten Blick als aufgemalt. Sie scheinen sich auf einem Vorhang zu befinden, der die halbe Hauswand bedeckt und gerade herübergezogen wird. Die andere Hälfte gibt einen vom Vorhang teilweise noch verdeckten, ebenfalls gemalten Baum zur Ansicht frei. Dieses 1981 von Irene Niepel geschaffene Wandbild ist ein schönes Kunstwerk mitten im städtischen Raum. Leider ist es am unteren Ende von den Händen geistloser Narren mit stumpfsinnigen Graffiti beschmiert worden.

Anhalter Brücke
Blick auf die Anhalter Brücke über den Landwehrkanal mit dem sie überspannenden Hochbahnviadukt.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Weiter führt der Grüne Hauptweg Nr. 19 am Landwehrkanal entlang und erreicht schließlich die Anhalter Brücke. Einst befand sich an dieser Stelle eine Brücke der Berlin-Anhaltinischen Eisenbahn, über die die Zufahrtstrecke zum alten Anhalter Bahnhof führte. Die heutige Fußgängerbrücke, an der die Schriftzüge „BERLIN“ und „ANHALT“ an die alte Eisenbahnstrecke erinnern, wurde 2001 fertiggestellt. Das Viadukt der Hochbahn, das hier den Landwehrkanal verläßt, überquert an dieser Stelle Kanal und Anhalter Brücke gleichzeitig, was einen imposanten Anblick bietet.

BVG-Haus am Tempelhofer Ufer
Das BVG-Haus am Tempelhofer Ufer. Es ist so gestaltet, daß es so aussieht, als würde die Hochbahn direkt in das Haus hineinführen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Mein Weg führt nun am Deutschen Technikmuseum vorbei, was mir Gelegenheit gibt, den über dem Gebäude schwebenden Rosinenbomber zu bestaunen. Ich mache mir im Geiste eine Notiz, diesem Museum auch bald mal wieder einen Besuch abzustatten. Mit dem Kanal unterquere ich das Hochbahnviadukt, das hier direkt auf das BVG-Haus am Tempelhofer Ufer zuführt. Bis zum Zweiten Weltkrieg ist die U-Bahn hier wirklich durch ein Haus hindurchgefahren. Dann wurde es jedoch zerstört. Der heutige Neubau erinnert mit dem über der Strecke schwebenden BVG-Logo nur noch vage daran.

Nachdem die Hochbahn vom Kanal verschwunden ist, wird er nun beidseitig von Bäumen gesäumt, was ihm gleich ein viel grüneres Antlitz verleiht, obwohl ihn immer noch Straßen begleiten. Die auf meiner Seite wechselt alsbald ihren Namen in Schöneberger Ufer. Auf der anderen Seite ist ein alter Ziegelbau mit einem langen Schornstein zu sehen. Dieses alte Pumpwerk am Halleschen Ufer steht unter Denkmalschutz. Es diente von 1978 an als Lapidarium, in dem alte steinerne Denk- und Standmale bewahrt wurden, ist aber seit 2010 geschlossen und öffentlich nicht mehr zugänglich.

Dienstgebäude der Königlichen Eisenbahndirektion Berlin
Der Mittelbau der Hauptfassade des ehemaligen Dienstgebäudes der Königlichen Eisenbahndirektion Berlin am Schöneberger Ufer 1.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Auf meiner Seite des Kanals passiere ich derweil einen prachtvollen Klinkerbau mit zwei runden Ecktürmen. Dieses ehemalige Dienstgebäude der Königlichen Eisenbahndirektion Berlin, das Ende des 19. Jahrhunderts errichtet wurde, beherbergt heute die Bundespolizei. An seine Eisenbahnzeit erinnert noch das Flügelrad über dem Haupteingang im Mittelbau.

Nur wenige Schritte weiter unterquere ich schon wieder ein Hochbahnviadukt. Hier überquert die U-Bahnlinie U2 den Kanal und strebt linker Hand dem Gleisdreieck entgegen. Den Eingang zum Park am Gleisdreieck passiere ich hinter dem architektonisch wenig ansprechenden Parkhaus, dessen Einfahrt überdimensionierte steinerne Rosen zieren, die beweisen, daß übermäßige Vergrößerung auch wunderschöne Dinge in Monstrositäten verwandeln kann.

Park am Karlsbad
Im Park am Karlsbad zwischen den Straßen Am Karlsbad und Schöneberger Ufer.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Gegenüber ragen hinter dem Landwehrkanal die Bauten der ehemaligen Daimler-City auf, die bis zum Potsdamer Platz reichen. Der Grüne Hauptweg Nr. 19 wendet sich jedoch von ihnen ab und führt in den kleinen Park am Karlsbad hinein, eine mir sehr willkommene grüne Oase nach dem langen Marsch direkt an der Straße. Im 19. Jahrhundert befand sich hier ein Kurbad, das den Namen „Auf dem Karlsbade“ trug. Später errichtete man hier Wohnhäuser, die jedoch im Zweiten Weltkrieg ihr Ende fanden. 1950 entstand dann der Park, den ich, nachdem ich die als „Schreitender“ bezeichnete Skulptur von Hans Haffenrichter passiert habe, wieder verlasse.

Hier kreuzt der Landwehrkanal die Potsdamer Straße, die ich nun überquere. Auf dem Mittelstreifen nehme ich mir kurz die Zeit, das von Gerhard Rommel geschaffene Denkmal für den „Eisernen Gustav“ zu betrachten. Ein Blick in die andere Richtung präsentiert mir die Staatsbibliothek zu Berlin und das Kulturforum. Das markante Dach des Sony-Centers grüßt herüber. Am Kanal steigt der Weg eine steile Treppe hinab, an deren Fuß er dann eher an einen Trampelpfad erinnert. Das ist jedoch nur kurz der Fall, denn schon nähert sich von links wieder die Straße und der Pfad wird breiter. Unter Bäumen geht es nun am Ufer weiter.

Reichsversicherungsamt
Das von August Busse entworfene Gebäude am Reichpietschufer am Landwehrkanal war einst der Sitz des Reichsversicherungsamtes.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Auf der anderen Seite trägt die Straße mittlerweile den Namen Reichpietschufer, und dort kommt jetzt das von August Busse entworfene Gebäude in Sicht, das einst der Sitz des Reichsversicherungsamtes war. Ende des 19. Jahrhunderts wurde es errichtet und hat die Zeiten und zwei Weltkriege überstanden. Der sogenannten modernen Überformung durch den britischen Architekten James Stirling, die lediglich die kanalseitige Fassade übrigließ, hatte es dann jedoch nichts mehr entgegenzusetzen. Heute ist hier das Wissenschaftszentrum Berlin untergebracht.

Am Schöneberger Ufer, an dem ich immer noch entlangwandere, passiere ich einen Hauseingang, an dem eine Berliner Gedenktafel an den Kunsthändler Ferdinand Möller erinnert, der hier einst seine Galerie hatte und, obwohl von den Faschisten mit der Verwertung der im Rahmen der Verfolgungsaktion „Entartete Kunst“ beschlagnahmten Kunstwerke beauftragt, viele von ihnen vor der Vernichtung bewahrte.

Hinter der Bendlerbrücke rückt nun auf der gegenüberliegenden Kanalseite das gleichnamige Gebäude ins Blickfeld – der Bendlerblock. Er diente einst dem Reichsmarineamt als Sitz und beherbergt heute das Bundesministerium für Verteidigung. Bekannt ist er auch, weil sich hier die Gedenkstätte Deutscher Widerstand befindet.

Hiroshimasteg
Der Hiroshimasteg führt über den Landwehrkanal.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Die nächste Brücke ist ein kleiner Steg, der Fußgängern vorbehalten ist und den Namen Hiroshimasteg trägt. Der Grüne Hauptweg Nr. 19 überquert auf ihm den Landwehrkanal und führt dann auf dem Herkulesweg durch einen kleinen Parkstreifen. Hier in der Galandrellianlage bemerke ich auf einer Wiese einen etwa mittelgroßen Hund, der jedoch schon von weitem etwas merkwürdig anmutet. Als ich näherkomme, erkenne ich den Grund – ich habe etwas vor mir, was man in Berlin nicht alle Tage sieht: ein Schwein. Sein Besitzer führt es aus wie einen der bellenden Vierbeiner, die man sonst in Berlins Grünanlagen anzutreffen gewohnt ist. Man könnte also sagen, es handelt sich um einen echten Schweinehund.

Am Ende des Parkstreifens trifft der Weg auf eine Mauer, an der er nun entlangführt. Hinter ihr steht ein weißer villenartiger Bau, den ich genauer betrachten kann, als ich ihn passiert habe. Die Villa von der Heydt ist eine der ältesten und heute die einzige erhaltene freistehende Villa, die von der einstigen Villenbebauung des großen Tiergartenviertels aus dem 19. Jahrhundert noch erhalten ist. Direkt an sie an schließt sich das Bauhaus-Archiv, ein Museum, das Arbeiten, Dokumente und Literatur, die in Zusammenhang mit dem Bauhaus stehen, sammelt und präsentiert.

Am Landwehrkanal
Blick von der Corneliusbrücke auf den Landwehrkanal in Richtung des Tiergartens.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Die Corneliusstraße, auf der es nun weitergeht, gibt mir mit ihrem Namen schon einen Hinweis. Und richtig, an der nächsten Brücke habe ich ihn erreicht – den Endpunkt meiner Wanderung. Ich bin dort angekommen, wo ich vor vier Etappen begonnen habe: an der Corneliusbrücke. Der Rundkurs des Grünen Hauptwegs Nr. 19 ist vollendet – ein Rundkurs um Berlins Zentrum, auf grünen Wegen und doch mitten in der Stadt. Schön war’s.

Durch grüne Oasen der Innenstadt

Dieser Beitrag ist Teil 3 von 4 der Beitragsserie "Grüner Hauptweg Nr. 19"

Seit der letzten Etappe ist eine kleine Weile ins Land gegangen, und so ist es nun endlich an der Zeit, meine Wanderung auf dem Grünen Hauptweg Nr. 19 fortsetzen. Und auch wenn das Wetter heute etwas durchwachsen ist und immer wieder kleine Regenschauer niedergehen, soll mich das nicht an meinem Vorhaben hindern.

Die Kulturbrauerei an der Knaackstraße
Die heutige Kulturbrauerei war einst die alte Schultheißbrauerei an der Schönhauser Allee. Heute ist sie ein Kultur- und Veranstaltungsort mit Kino, Theater, Diskotheken und vielem mehr.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Startpunkt ist wiederum der Endpunkt der letzten Stadtwanderung. Von der Kulturbrauerei, dort, wo die U-Bahn in der Schönhauser Allee ans Tageslicht tritt und auf ihr Viadukt hinauffährt, geht es nun ein Stück die Sredzki-Straße entlang, begleitet von den Ziegelmauern der Bauten der ehemaligen Schultheiß-Brauerei. Schon an der nächsten Straßenecke wechselt der Weg die Richtung und folgt nun der Knaackstraße. Beide Straßen erinnern an deutsche Kommunisten – Siegmund Sredzki und Ernst Knaack -, die aktiv gegen den deutschen Faschismus gekämpft hatten und ihm im Jahre 1944 zum Opfer fielen. Mein Weg führt mich an der Grundschule am Kollwitzplatz vorbei, auf deren Gelände eine von Heinz Worner geschaffene Stele mit dem Titel „Traditionen der deutschen Arbeiterklasse“ auch an diese beiden Widerstandskämpfer erinnert.

Kollwitz-Denkmal
Das Denkmal für Käthe Kollwitz auf dem Kollwitzplatz im Berliner Prenzlauer Berg wurde von Gustav Seitz geschaffen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Wenige Schritte weiter erreiche ich mit dem Kollwitzplatz die erste grüne Oase, die die heutige Etappe des Grünen Hauptwegs Nr. 19 heute für mich bereithält. Ich mache einen kurzen Abstecher in den kleinen Park und zum Denkmal für Käthe Kollwitz, das vom Bildhauer Gustav Seitz geschaffen wurde. Auf der von der Knaackstraße gebildeten Platzseite passiere ich ein kleines unscheinbares Metalltor, in dem unter den zahlreichen, es verunstaltenden Graffitis die darin eingelassenen beiden Davidsterne kaum noch auffallen. Sie bilden Gucklöcher in den geschlossenen Torflügeln, und ein Blick hindurch lohnt durchaus. Er fällt auf einen grasbewachsenen Weg, der zunächst zwischen den Hauswänden hindurchführt und dann auf der rechten Seite von einer Mauer begleitet wird. Ich blicke auf den sogenannten Judengang, der hinter dem jüdischen Friedhof in der Schönhauser Allee verläuft, einst eine rituelle Funktion besaß und heute eines der wenigen erhaltenen Beispiele eines jüdischen Begräbnisganges ist.

An der Ecke Knaackstraße und Kollwitzstraße steht ein unscheinbarer Neubau, der nicht weiter auffällt. Eine Tafel daran belehrt mich, daß hier in der ehemaligen Weißenburger Straße einst das Haus stand, in dem Käthe Kollwitz nach der Heirat mit ihrem Mann Karl Kollwitz wohnte.

Der Wasserturm im Prenzlauer Berg
Der Wasserturm im Prenzlauer Berg ist der älteste Berliner Wasserturm.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Der Weg Nr. 19 verläßt hier den Kollwitzplatz, folgt noch ein Stück der Knaackstraße und erreicht am Wasserturm die nächste grüne Oase. Er biegt in die Diedenhofer Straße ein, wo er um den kleinen Park herumführt. Ein kleiner Abstecher in die Grünanlage lohnt sich auf jeden Fall. Steigt man auf den kleinen Hügel, unter dem sich die Gewölbe der Wasserspeicher befinden, hat man einen schönen Blick über die Stadt und kann sich den behäbigen Wasserturm und den schmalen Steigturm aus der Nähe besehen.

Von hier aus geht es weiter durch die Belforter Straße. Nummer 24 gehört zum Hotel Ackselhaus. Weil die Toreinfahrt gerade offensteht, trete ich hinein und finde mich in einem schön gestalteten Hauseingang wieder. Ein Sofa lädt zum Verweilen ein, an den Wänden hängen kleine Kunstwerke, die Decke ist mit Stuck versehen und gibt vor, der auf sie aufgetragenen Farbe Lebewohl zu sagen. Ein Kronleuchter spendet Licht. Eine Tür öffnet sich zu einem schön gestalteten Innenhof mit einem Wasserbecken, in dem sich Fische tummeln. Ein Hort der Ruhe und Entspannung. Lediglich die an zwischen den Hauswänden gespannten Schnüren aufgehängten riesigen rosafarbenen aufgeblasenen Kraniche wirken fehl am Platze und übermäßig kitschig.

Prenzlauer Allee mit Immanuelkirche
Blick die Prenzlauer Allee hinauf in Richtung Norden. Rechts ist der Turm der Immanuelkirche zu sehen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Wenige Meter weiter quert der Grüne Hauptweg die Prenzlauer Allee. Links die Straße hinauf grüßt der Turm der Immanuelkirche herüber, blickt man nach rechts, tun Fernsehturm und das Park-Inn-Hotel am Alexanderplatz es ihm nach. Weiter geht es nun durch die Heinrich-Roller-Straße. Rechter Hand wird sie alsbald von einer Ziegelmauer begleitet. Ein Toreingang steht offen und gibt den Weg hindurch frei. Ich stehe in einer kleinen Parkanlage, die den Namen Leise-Park trägt. Einst gehörte das Areal zum Friedhof St. Marien und St. Nicolai, wurde jedoch schon seit 1970 nicht mehr für Bestattungen genutzt. Den Namen hat man dem Park tatsächlich verliehen, um Besucher darauf hinzuweisen, leise zu sein. Das ist auch mehr als angemessen, nicht nur, weil die kleine Grünanlage, auf die ich hier unverhofft getroffen bin, ein Ort der Erholung sein soll, sondern auch, weil sich einige der Grabanlagen hier noch erhalten haben. Vom breiten Hauptweg zweigen links und rechts kleine Pfade ab, die von ihm weg in den Park hinein und verschlungen durch’s Gezweig wieder zu ihm zurückführen. Bänke mitten im Grün laden zum Verweilen ein und über allem liegt eine Ruhe, wie man sie hier inmitten der Stadt gar nicht vermuten würde. Ein wirklich schönes Erholungsareal, das hinter der alten Friedhofsmauer darauf wartet, entdeckt zu werden.

Gedenktafel für Hans Rosenthal
Diese Berliner Gedenktafel für Hans Rosenthal hängt am Haus Winsstraße Nr. 63.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Ich passiere die Winsstraße. Weicht man hier vom Grünen Hauptweg Nr. 19 für einen kurzen Ausflug ab und folgt ihr ein Stück, gelangt man zum Haus Nummer 63. Hier erinnert eine Berliner Gedenktafel an den Rundfunk- und Fernsehmoderator Hans Rosenthal, der einst hier wohnte. Von den Faschisten verfolgt und zur Zwangsarbeit verurteilt, überlebte er mit Glück und Hilfe den Holocaust. In der Nachkriegszeit wurde er einer der beliebtesten Showmaster im Fernsehen. Seine Sendung „Dalli Dalli“ und sein Ausruf „Das war Spitze!“ gehören heute gewissermaßen zum Allgemeingut.

Zurück in der Heinrich-Roller-Straße folge ich ihr, bis sie die Greifswalder Straße erreicht. Hier biegt der Weg nach rechts ab und führt kurz darauf an eine große Kreuzung. Hier stand einst das zweite Königstor, das Eingang durch die Akzisemauer gewährte. Als es schon nicht mehr stand, gab man dem Platz den Namen „Platz am Königstor“, den er heute allerdings nicht mehr trägt.

Am Märchenbrunnen
Der Berliner Märchenbrunnen im Volkspark Friedrichshain.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Den Prenzlauer Berg nun verlassend, überquert der Grüne Hauptweg Nr. 19 die hier beginnende Greifswalder Straße, und ich tue es ihm gleich. Eine weitere Straßenüberquerung später stehe ich auf der anderen Seite der Straße „Am Friedrichshain“ und am Eingang des Volksparks, der einem ganzen Stadtbezirk seinen Namen gibt. Durch ein Eingangstor, das von zwei kleinen Putten flankiert wird, führt der Weg in den Park hinein und direkt auf Berlins möglicherweise bekanntesten Brunnen zu: den Märchenbrunnen. Eine terrassenartig angelegte Wasserkaskade mit kleinen Fontänen, wasserspeienden Fröschen und einer Arkade am hinteren Ende bilden das schöne Ensemble, das von zahlreichen, Figuren aus den Grimmschen Märchen darstellenden Statuen eingerahmt wird. Aschenputtel, Dornröschen, Hans im Glück, Hänsel und Gretel – alle sind sie da. Ein Ort, der zum Verweilen einlädt – und diese Einladung nehme ich gerne an.

Als ich weiterwandere, führt der Weg durch die Arkade und an einer weiteren Fontäne im Park dahinter vorbei. Das gesamte Areal ist von einem Zaun eingefaßt, der es vom eigentlichen Volkspark trennt. Durch ein weiteres Tor führt der Weg zunächst in diesen hinein, biegt jedoch gleich nach rechts ab und wendet sich der Friedenstraße zu, die er kurz darauf erreicht. Hier passiert er das Denkmal für die Interbrigadisten, die den spanischen Freiheitskampf gegen General Franco zwischen 1936 und 1939 unterstützten.

Am Platz der Vereinten Nationen
Das Hochhaus am Platz der Vereinten Nationen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Am Platz der Vereinten Nationen verläßt der Weg den Park und überquert den Platz. Ein einsetzender Nieselregen erzwingt eine kurze Unterbrechung der Wanderung, geht aber glücklicherweise schnell vorüber. Ein Springbrunnen, der jedoch gerade pausiert und sich daher lediglich als etwas willkürliche Ansammlung großer Steine präsentiert, befindet sich dort, wo sich einst das große Lenindenkmal von Nikolai Tomski erhob, das man 1991 gegen den Widerstand der Anwohner abriß.

Strausberger Platz
Der Strausberger Platz mit dem Brunnen und dem Haus des Kindes (links) und dem Haus Berlin (rechts).
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Durch die grüne Lichtenberger Straße führt der Weg nun zum Strausberger Platz. Der in seiner Mitte stehende Brunnen, den der Kunstschmied Fritz Kühn und der Architekt Heinz Graffunder gestalteten, ist in Betrieb und seine Fontäne verleiht dem Platz ein würdiges Zentrum. Die Biermeile, die an diesem Wochenende gerade stattfindet und allerlei am Gerstensaft interessiertes, lautstarkes Volk anzieht, ignoriere ich nach Kräften und überquere schnell die Karl-Marx-Allee. Ihr Namensgeber hatte mehr Glück als Lenin, denn seine vom Bildhauer Will Lammert geschaffene Büste steht noch und ist mir natürlich einen eingehenderen Blick wert.

Anschließend führt der Weg weiter die Lichtenberger Straße entlang. Sie ist eine sehr grüne Verkehrsader, verfügt sie doch über einen breiten, rasenbewachsenen und baumbestandenen Mittelstreifen, den an ihren Rändern weitere Grünstreifen mit teils recht hohen Bäumen ergänzen. Überhaupt ist das Stadtviertel, das sie durchquert und das von zahlreichen Plattenbauten gebildet wird, durch seine mit vielem Grün gefüllte Weitläufigkeit ein schöner Ort zum Wohnen. Es ist lohnend, sich die Zeit zu nehmen und einmal links oder rechts des Weges durch die Wohnanlagen zu pilgern.

Stolpersteine in der Michaelkirchstraße
Stolpersteine in der Michaelkirchstraße.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Hinter der Holzmarktstraße unterquert der Grüne Hauptweg Nr. 19 das Viadukt der Stadtbahn und erreicht wieder die Spree, die er über die Michaelbrücke überwindet. Auf der anderen Seite folgt ein kurzer Abschnitt, der nur wenig für’s Auge bietet. Rechter Hand erstreckt sich der Zaun, hinter dem das Heizkraftwerk Mitte seine Anlagen sortiert hat, linker Hand stehen vergleichsweise langweilige Geschäftshäuser. Wenn man jedoch auf seinen Weg und seine Umgebung achtet, kann man selbst hier etwas entdecken. Etwa in der Mitte der Strecke bis zur nächsten Querstraße sind direkt vor dem Zaun des Kraftwerks drei Stolpersteine in den Gehweg eingelassen. Sie erinnern an von den Faschisten verschleppte und ermordete jüdische Bürger der Stadt, die in den zu jener Zeit hier noch stehenden Wohnhäusern lebten. Die Inschriften sind jedoch kaum noch zu erkennen. Straßendreck deckt sie nahezu völlig zu. Mit einem kleinen Feuchttuch ist der jedoch leicht zu beseitigen, so daß die Steine kurze Zeit später ihre Botschaft der Mahnung wieder weitergeben können.

Die Sankt-Michael-Kirche
Die Ruine der Sankt-Michael-Kirche auf dem Michaelkirchplatz.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Der Weg führt die Michaelstraße weiter, quert die Köpenicker Straße und läuft nun direkt auf einen großen Kirchenbau zu. Als er den Michaelkirchplatz erreicht, gabelt sich die Straße um einen grünen, baumbestandenen Platz, in dessen Mitte sich besagte Kirche erhebt. Sie trägt – die Bezeichnung des Platzes läßt es bereits ahnen – den Namen Sankt-Michael-Kirche. Als ich um sie herumgehe, wird deutlich, daß sie eine Ruine ist, die nur teilweise wieder aufgebaut wurde. Der Zweite Weltkrieg hat sie ebensowenig verschont wie den Rest der alten Luisenstadt, wie dieses Stadtviertel einst hieß. Der von den Bomben der Alliierten entfachte Feuersturm – der einzige, den es in Berlin gab – hat hier nahezu keinen Stein auf dem anderen gelassen.

Rings um die Kirche zieht sich eine kleine Parkanlage. Das Kirchenschiff selbst ist nicht mehr vorhanden. Nur noch Teile der Außenmauern markieren, wo es sich befand, das Dach ist verschwunden. Ganz oben auf der Frontseite der Kirche steht allerdings noch die Statue des Heiligen Michael, die von August Kiß geschaffen wurde.

Am Engelbecken
Ein Blick über das Engelbecken. Einst war es Teil des längst zugeschütteten Luisenstädtischen Kanals.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Vor der Kirche erstreckt sich eine Wasserfläche. Das Engelbecken ist das letzte Überbleibsel des ehemaligen Luisenstädtischen Kanals, der einst Landwehrkanal und Spree verband. Hier am Engelbecken knickte der Kanal, von Süden vom Landwehrkanal her kommend in einem Winkel von neunzig Grad nach Osten ab. Sein Verlauf ist auch heute noch gut zu erkennen, denn als man den Kanal 1926 zuschüttete, legte man an seiner Statt eine Grünanlage an. Dieser folgt der Weg nun nach Süden – so wie ich auch nach einer kurzen Rast im Café am Engelbecken.

Unter dicht bewachsenen Laubengängen, in die kaum ein Sonnenstrahl einzudringen vermag, geht es in einen kleinen Rosengarten hinein und dann weiter im tieferliegenden ehemaligen Bett des Kanals zwischen Ufermauern entlang. In der Mitte steht ein kleiner indischer Brunnen, ein von kleinen Frauenfiguren und Löwenköpfen gebildetes kegelförmiges Gebilde, auf dessen Spitze eine größere Frauenfigur sitzt.

Parkanlage im ehemaligen Luisenstädtischen Kanal
Ein Blick durch die Parkanlage im ehemaligen Luisenstädtischen Kanal. Im Hintergrund erhebt sich die Sankt-Michael-Kirche.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Der Weg führt unter einer Brücke hindurch, über die die Waldemarstraße den alten Kanal überquert. Am Legiendamm rechts ist ein kleiner Ziegelbau zu erkennen. Das darin untergebrachte Restaurant trägt den Namen „Zur kleinen Markthalle“. Es ist ein Überbleibsel der alten Markthalle VII, die sich einst hier befand und bis zur nahegelegenen Dresdner Straße erstreckte, an der man noch heute den alten Haupteingang der Markthalle findet.

Hinter der Brücke steigt der Weg langsam an und die alten Ufermauern verschwinden. Hier ist der alte Kanal vollständig zugeschüttet worden, so daß ich nun auf einer Art Mittelstreifen zwischen zwei Straßen, dem Legien- und dem Leuschnerdamm weiterwandere. Zwei Büsten links und rechts erinnern an die Namensgeber der beiden Straßen, die Gewerkschaftsführer Karl Legien und Wilhelm Leuschner.

Oranienplatz
Der Oranienplatz. Einst wurde er vom Luisenstädtischen Kanal gekreuzt.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Kurz darauf erreicht der Weg den Oranienplatz, das einstige Zentrum der Luisenstadt. Ein etwas merkwürdig anmutender Brunnen will zunächst passiert werden, bevor die Oranienstraße in der Platzmitte überquert werden kann. Auf der anderen Seite setzt sich die aus dem ehemaligen Kanal hervorgegangene Parkanlage fort. Auf der linken Platzseite steht an der Ecke zur Oranienstraße ein Bau, der auf den ersten Blick als ehemaliges Warenhaus zu erkennen ist. Hier war einst das Kaufhaus Brenninkmeyer untergebracht. Auch wenn in diesem Haus heute keine Waren mehr feilgeboten werden – die Kaufhauskette gibt es noch. Sie heißt heute C & A. Links auf der gegenüberliegenden Platzseite prangt an einem Gebäude der Schriftzug „Oranien-Apotheke“. Nun, die Apotheke ist auch nicht mehr existent. 1860 wurde sie eröffnet. Das alte Apothekenmobiliar kann man heute noch betrachten – das nun hier befindliche Café hat sie weitestgehend erhalten.

Als ich in die hinter dem Platz sich fortsetzende Parkanlage eintrete, fällt mir an dem Gebäude rechts der daran angebrachte Name „Max-Taut-Haus“ auf. Das Gebäude wurde vom namensgebenden Architekten als Warenhaus der Konsumgenossenschaften entworfen.

Der Weg führt jetzt weiter durch den Park auf dem ehemaligen Luisenstädtischen Kanal. Er wirkt nun etwas ungepflegter, ist oft sandig und wegen des Regens der vergangenen Tage auch matschig. Ein Zaun umschließt eine Baustelle, an der niemand arbeitet – ein Umstand, der auf viele Baustellen in Berlin zutrifft. Dann läuft der Weg direkt auf einen Zaun zu, in dem sich ein Tor befindet. Dieses steht zwar offen, doch erstreckt sich dahinter nur ein Verkehrsgarten. Es ist wenig wahrscheinlich, daß der Wanderweg da hineinführt. Und richtig, an einem der zahlreichen Bäume findet sich ein Wanderzeichen, das mich anweist, um die Anlage herumzulaufen.

Skalitzer Straße am Wassertorplatz
Die Skalitzer Straße am Wassertorplatz mit dem Viadukt der Hochbahn.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Noch bevor ich das tun kann, höre ich lautes Rumpeln und Quietschen. Irgendwo fährt langsam ein Zug vorüber. Als ich unter den Bäumen hervortrete, sehe ich die Quelle: das Hochbahn-Viadukt in der Skalitzer Straße. Ich stehe am Wassertorplatz. An einem Hochbahnviadukt habe ich die heutige Etappe begonnen. Und an einem Hochbahnviadukt beende ich sie auch. Dazwischen lag ein Weg voller grüner Oasen im Herzen der Stadt.

An Aucklands Waterfront

Dieser Beitrag ist Teil 2 von 2 der Beitragsserie "Reise nach Neuseeland & Singapur"

Als wir auf dem Flugplatz in Auckland landen, ist es Mittag. Vom Flugzeug zum Terminal zu gelangen und die Einreiseformalitäten zu erledigen – all das dauert nicht sehr lange. Der Flugplatz ist eher übersichtlich und alles geht seinen geordneten Gang. Im Nu stehen wir am Gepäckband und warten auf unsere Rucksäcke, die auch schon nach kurzer Zeit auf uns zufahren. Puh. Alles gut gegangen. Seit meinem Trip nach Kanada bin ich an Gepäckbändern auf Zielflughäfen immer etwas nervös und erwarte irgendwie, daß mein Rucksack so wie damals den Weg nicht gefunden hat und ich vergeblich nach ihm Ausschau halte.

Auf dem Flughafen in Auckland
Unser Flugzeug auf dem Flughafen in Auckland. Dieser selbst ist doch eher überschaubar.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Diesmal kann ich ihn jedoch erleichtert vom Band heben und mir auf den Rücken hieven. Los geht’s. Draußen wartet ein ganzes Land darauf, von mir entdeckt zu werden. Die Einreiseformalitäten sind schnell erledigt, und es gibt auch kein so großes Bohei wie bei unserer Einreise in Australien vor etwas mehr als zwei Jahren. Da war jeglicher Form von Nahrungsmitteln der Zutritt zum fünften Kontinent verwehrt. Und weil ich den Fehler begangen hatte anzugeben, daß meine Schuhe nicht neu waren, hatten sie sogar meine Schuhsohlen aufs genaueste untersucht, damit ich bloß nichts ins Land schleppe, was da nicht hingehört.

Hier in Auckland verzichtet man auf all das und so stehen wir schon bald vor dem Flughafengebäude und schauen uns in der Mittagssonne um. Na gut – in der Stadt sind wir schon mal nicht. Das war aber auch nicht zu erwarten. Weil direkt vor uns eine Bushaltestelle ist, schauen wir zuerst da mal nach. Glück gehabt – hier fährt ein Bus in die Stadt. Tickets gibt’s an einem kleinen Kiosk nebenan.

Wenig später sitzen wir entspannt im Bus und rollen gen Auckland. Gefahren wird hier wie in England – auf der falschen Seite. Ich werde mich also für den Rest des Urlaubs wieder daran gewöhnen müssen, beim Überqueren der Straße zuerst nach rechts zu sehen. Das wird die ganzen vier Wochen dauern – und wenn ich’s dann endlich drauf habe, geht’s zurück nach Deutschland, wo ich’s mir dann wieder abgewöhnen muß. Immer vorausgesetzt, ich überlebe die Momente, wo ich in die gewohnte Richtung schaue und dann die Straße betrete, weil offensichtlich nichts kommt…

Der Bus ist recht flott unterwegs, und so sind wir nach nicht allzulanger Fahrt am Ziel. Während sie andauerte, haben wir herausgefunden, daß der Bus uns fast bis an unser Hotel bringt. So viel Glück auf einen Haufen…

Als wir an einer belebten Straßenkreuzung mitten im Zentrum Aucklands aussteigen, müssen wir nur noch wenige Meter laufen, um zu unserem Hotel zu gelangen. Es ist das einzige, das wir vorab schon von Deutschland aus gebucht haben. Es macht einfach keinen Spaß, nach so langen Flügen noch mit dem schweren 18-Kilogramm-Rucksack auf dem Rücken auf der Suche nach einem freien Hotelzimmer durch die Stadt zu tigern. Da ist es doch viel angenehmer, genau zu wissen, wo man die ersten Nächte schlafen wird. Alles andere findet sich dann, wenn sich der weitere Reiseverlauf sukzessive ergibt.

Kurz darauf stehen wir am Eingang zum EconoLodge City Central Hotel. Es befindet sich an der Ecke der Wellesley Street West und der Albert Street, in unmittelbarer Nähe vom Sky Tower. Von außen wirkt es mit seiner Quaderform und der Ziegelfassade mit den langen Fensterstrecken eher nüchtern, hinterläßt aber einen ordentlichen ersten Eindruck.

Der bestätigt sich auch, als wir das Innere betreten. Die Anmeldung ist unkompliziert, denn die Reservierung ist schnell aufgefunden, und so sind wir wenig später auf dem Weg nach oben in unser Zimmer. Der Fahrstuhl ist eher klein, und als wir aussteigen, stehen wir auf einem ziemlich engen Flur. Hier können wir nur hintereinander gehen. Unser Zimmer ist dafür recht geräumig und hell. Auch ist es auffallend ruhig, obwohl es direkt über der Straßenkreuzung liegt. Als ich testen will, wie groß der Lärm bei offenem Fenster ist, muß ich feststellen, daß sich die Fenster nicht öffnen lassen. Belüftet wird hier per Klimaanlage. Nun ja, ich ziehe zwar ein offenes Fenster vor, aber es gibt Schlimmeres. Solange die Klimaanlage jetzt im Sommer nicht heizt, ist alles in Ordnung. Und wer jetzt denkt, das gäbe es nicht – auch das habe ich auf Reisen schon erlebt, damals in Montreal…

Zwei Betten, recht bequem, ein Schrank, ein Tisch, zwei Stühle und ein kleines Badezimmer mit Badewanne – das ist die Ausstattung unserer Bleibe für die nächsten fünf Nächte. Nichts Luxuriöses, aber es erfüllt seinen Zweck und ist sauber. Hier läßt sich’s bequem aushalten. Und was will man mehr.

Wir richten uns ein und strecken uns gleich mal auf den Betten aus. Doch lange hält es uns da nicht. Draußen ist schließlich noch heller Nachmittag. Und den wollen wir nutzen und schon mal ein wenig die Stadt erkunden. Also stehen wir kurz darauf wieder auf der Wellesley Street West und schauen uns um. Für den Anfang vielleicht erst einmal etwas Bekanntes. Gut, davon gibt’s für uns in Auckland nicht wirklich viel, denn wir waren hier noch nie. Aber eines immerhin doch: die Bushaltestelle, an der wir ausgestiegen sind. Die Kreuzung dort war doch recht lebendig. Also gehen wir die paar Schritte dorthin zurück und finden uns an der Kreuzung der Wellesley Street West mit der Queen Street wieder.

Hier wenden wir uns nach Norden und spazieren die Queen Street entlang. Diese Straße kann man mit Fug und Recht als die Hauptgeschäftsstraße von Auckland bezeichnen. Und genauso sieht sie auch aus. Geschäft reiht sich hier an Geschäft, Laden folgt auf Laden. Größere, mittlere, kleine – alles bunt gemischt. Nur Kaufhäuser in der Größenordnung, wie wir sie aus der Heimat kennen, scheint es hier nicht zu geben. Nicht, daß ich sie vermissen würde…

Die Gehsteige sind sämtlich von Vordächern überschattet, so daß hier niemand Gefahr läuft, sich beim Einkaufsbummel einen Sonnenbrand zu holen. Diese Vordächer sind jedoch bei vielen der die Straße säumenden Häuser nicht wirklich einer ihrer Bestandteile, sondern sehen eher wie an sie angehangen aus. Tatsächlich ist wohl auch genau das der Fall.

Die Häuser sind eine bunte Mischung aus allen möglichen Baustilen und vermutlich auch Jahrzehnten. Hier ein Bau, der gut und gerne hundert Jahre alt sein könnte, daneben einer, der höchstens die Hälfte auf dem Buckel hat, gefolgt von einem Niegelnagelneubau. Hochhäuser gibt es natürlich auch, aber die stattliche Höhe, wie man sie aus amerikanischen Großstädten oder auch aus Sydney oder Melbourne kennt, erreichen sie nicht. Auch wenn sie ihre Nachbarn weit überragen, scheinen sie sie doch nicht niederdrücken zu wollen. Ich finde das sehr rücksichtsvoll von ihnen.

Heiß ist es nicht, aber doch sommerlich warm, und so kommt uns ein Starbucks gerade recht, um uns einen Eiscafé zu gönnen. Diese Kette gibt’s wirklich überall auf der Welt. Und darin läuft alles auch genau so ab wie bei uns zu Hause. Deshalb können wir uns trotz fremdem Land sofort zurechtfinden. Systemgastronomie eben. Genial, wenn man sich erstmal nicht gar so fremd vorkommen will, aber nichts, um in die fremden Welten auch einzutauchen. Die einschlägigen Verwandten vom Burgerladen mit dem großen gelben M bis zum Fettkringelgeschäft gibt’s hier natürlich auch alle. Wir werden sie weitestgehend meiden, doch der Eiscafé geht in Ordnung.

Jetzt wird die Straße von kleinen Palmen gesäumt. Wir bummeln weiter an Geschäften vorüber, die sich mir jedoch nicht einprägen. Ich hab’s nicht so mit Einkaufsbummeln und besehe mir lieber die Hausfassaden links und rechts. In der Ferne vor uns ragt ein Hochhaus auf, an dessen oberer Kante der Schriftzug Deloitte prangt. Ein solches Haus gibt’s offenbar in jeder größeren Stadt der westlichen Welt. Berlin hat auch eins. Beratungshäuser sind eine boomende Branche. Komischerweise muß ich immer, wenn ich eines dieser Häuser sehe und den Schriftzug lese, an ein WC denken.

Die rechte und die linke Straßenseite haben sich die Häuser jetzt aufgeteilt – die hohen, neuen hat die linke übernommen, die alten, kleinen stehen auf der rechten. Als wir das Hochhaus passiert haben, daß sich die Berater hier haben errichten lassen – sie haben natürlich die falsche Straßenseite dafür genommen, so daß ihr hoch aufragendes, Bedeutung einforderndes Bauwerk rechts von uns steht -, stehen wir kurz darauf an einer großen Straßenkreuzung. Dahinter beginnt auf der linken Seite ein langgezogenes Glasdach über dem Bürgersteig, an dem viele Busse hintereinander stehen. Das ist der Busbahnhof der Stadt. Ihm gegenüber steht ein altes, ehrwürdiges, irgendwie amtlich aussehendes Gebäude. Im Augenblick habe ich keine Ahnung, um was es sich dabei handelt, doch ich merke es mir vor.

Queen Street mit Busbahnhof
Ein Blick in die Queen Street, Aucklands Hauptgeschäftsstraße. Im Vordergrund ist der Busbahnhof des Britomart Transport Centres zu sehen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Für mehr ist gerade keine Zeit, denn schon zieht ein anderes Gebäude meine Aufmerksamkeit auf sich. Es steht schräg links vor uns hinter dem Busbahnhof. Mit ihm haben wir auch das Ende der Queen Street erreicht. Sie trifft hier auf die Quay Street; und deren Name ist nicht zufällig gewählt, denn sie verläuft parallel zu den Hafenanlagen bzw. zu Aucklands Waterfront. Zu dieser gehört auch das Gebäude, das mir ins Auge sticht.

Gelbbraun ist seine Fassade, in die Gesimse, angedeutete Säulen mit Kapitellen, Bögen und Fenster mit dreieckigen und runden Bekrönungen integriert sind. In der Mitte ragt ein Turm auf, der an allen Seiten Uhren besitzt und dessen Dach spitz zuläuft. Die Architektur deutet auf ein Alter von wenigstens einhundert Jahren hin, nur die oberste Etage hinterläßt einen etwas moderneren Eindruck. Offenbar wurde sie später aufgesetzt. Weil sie jedoch recht flach ist, stört sie nicht weiter.

Das Ferry Building
Das Ferry Building, 1912 errichtet, ist das Fährterminal der Stadt.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Wir stehen vor dem 1912 errichteten Ferry Building, dem Fährterminal der Stadt. Von hier starten die Fährschiffe in die Vorstädte Aucklands und zu den vorgelagerten Inseln. Als wir das Gebäude einer näheren Betrachtung unterziehen, fällt mir an der Quay Street der Eingang zu einem Restaurant ins Auge. Ein über ihm angebrachtes, über dem Bürgersteig hängendes Schild verrät seinen Namen: Botswana Butchery. Hm, ich gehe wohl nicht fehl in der Annahme, daß es hier Fleisch zu essen  gibt. Das bestätigen mir auch die Griffe der Glastür des Eingangs. Sie sind als Fleischerbeile gestaltet und wirken sehr martialisch. Hier mag jemand Fleisch. Definitiv.

Da wir gerade keinen Hunger haben, erkunden wir das Restaurant nicht weiter, sondern schlendern lieber rechts am Ferry Building vorbei. Dabei passieren wir einen auffällig roten Eisenzaun mit einem großen Tor. Die Torpfosten sind ebenfalls aus Metall und mit großen Laternen bekrönt, an deren Sockeln an allen vier Ecken kleine bärtige Männerköpfe etwas grimmig in die Umgegend blicken. In der Mitte des Tores ist ein großes, wappenartiges und ebenfalls metallisches Siegel angebracht, an dessen Seiten sich zwei ebenfalls bärtige, fischschwänzige Männer entlangwinden, die auf ihren Schultern und Armen ein Segelschiff tragen. In der Mitte des Wappens prangen in schöner Schreibschrift die Initialen AHB.

Red Fence
Am Queens Wharf begann man 1913 mit der Errichtung des heute berühmten Roten Zauns.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Ein an diesem Zaun angebrachtes Schild weist uns darauf hin, daß wir – wer hätte es gedacht – vor dem sogenannten Red Fence, dem roten Zaun, stehen. Er wurde in den Jahren 1913 bis 1923 errichtet und trennt den Hafenbereich von der Quay Street. Seinen Anfang nahm er genau an der Stelle, an der wir gerade stehen – als Zaun zur Abgrenzung des Queens Wharfs, einem Kai des Hafens. In den 1920er Jahren ließ das Auckland Harbour Board (daher die Initialen AHB) dann den Zaun verlängern, um auch andere Hafenbereiche zu sichern. Große Teile dieser Anlage haben sich bis heute erhalten. Der Zaun gilt mittlerweile als eine der Sehenswürdigkeiten Aucklands und wird als solche auch erhalten und gepflegt.

Die Kais am Zentrum der Stadt sind heute öffentlich zugänglich, so daß der Zaun hier Lücken läßt und seine Tore, so sie noch vorhanden sind, offenstehen. Das nutzen auch wir und spazieren auf den Queens Wharf. Ihn gibt es, wenn auch nicht in der heutigen Form, seit 1852. War er früher aus Holz, so besteht er nun aus Beton. Er ist gewissermaßen die direkte Fortsetzung der Queen Street auf’s Wasser hinaus. Von ihm haben wir einen schönen Blick auf die benachbarten Kais – im Osten beispielsweise den Captain Cook Wharf. Als wir weiter auf den Queens Wharf hinauskommen, können wir auch die Auckland Harbour Bridge sehen. Sie erinnert in ihrer Form ein wenig an die gleichnamige Brücke in Sydney. Mit ihrer Länge von mehr als einem Kilometer verbindet sie den zentralen Teil von Auckland mit einer durch eine große Bucht abgetrennte Landzunge und kürzt so eine andernfalls erforderliche, etwa fünfzig Kilometer lange Fahrt um die Bucht herum ab.

Captain Cook Wharf
Ein Blick vom Queens Wharf auf den Captain Cook Wharf im Hafen von Auckland.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Vom Ende des Queens Wharfs ist diese Bucht sehr schön zu überblicken, und so stehen wir eine Weile lang andächtig hier herum und lassen beeindruckt unsere Blicke über’s Wasser schweifen. Als wir uns schließlich umdrehen, um zurückzulaufen, sind wir gleich ein zweites Mal beeindruckt – diesmal von der nahen Skyline des Zentrums Aucklands, vor der sich das Ferry Building unseren Blicken präsentiert. Auch wenn die Wolkenkratzer hier nicht so hoch sind wie anderswo – eine machtvolle Skyline geben sie allemal ab. Und natürlich finden sich hier auch all die anderen Firmennamen an den Gebäudeoberkanten, die man in allen großen Städten der westlichen Welt so findet. Ein wenig drängt sich einem dadurch schon der Eindruck auf, die Welt befände sich in der Hand einiger weniger den Globus umspannender Firmen und Konzerne…

Wir gehen weiter an der Uferwand des Kais entlang, die uns schließlich wieder zum Ferry Building und der Quay Street zurückführt. Noch haben wir nicht genug vom Spazieren in der fremden Stadt am anderen Ende der Welt, weshalb wir noch ein wenig die Quay Street in Richtung Westen weiterwandern. Der rote Zaun begleitet uns weiter. Und auch wenn hier nun die eigentlichen Zaunfelder fehlen, die alten Zaunpfeiler mit den sie bekrönenden Laternen gibt es noch. Daß auf dem alten Hafengelände dahinter mittlerweile keine technischen Anlagen und Container mehr zu finden sind, sondern stattdessen Hotel- und Gewerbebauten mit Restaurants und Unterhaltungseinrichtungen darin, läßt die Überbleibsel des alten Hafenzauns manchmal ein wenig aus der Zeit gefallen erscheinen, doch verleiht das der Gegend, die wir hier durchstreifen, auch einen ganz eigenen Charme.

Als wir das Ende der Quay Street erreichen, führt ein Weg weiter geradeaus auf einen molenartig in ein Hafenbecken hineinreichenden Kai. Links und rechts schaukeln Segelboote in großer Zahl im Wasser, was uns einen recht guten Eindruck vermittelt, warum Auckland auch den Beinamen „Stadt der Segel“ bzw. „City of Sails“ trägt. Am Ende des kleinen Kais schließt sich eine schmale Fußgängerbrücke an. Sie schließt das Viaduct Bassin genannte Hafenbecken gegen die große Bucht ab, ist jedoch als Klappbrücke gestaltet, damit die Segelboote herein- und hinausfahren können. Wir spazieren hinüber und erreichen ein kleines Viertel namens Wynyard Quarter, das der Brücke auch zu ihrem Namen verholfen hat: Wynyard Crossing. Wir sind hier am westlichen Ende von Aucklands Waterfront angekommen.

Skyline Aucklands
Dieser Blick auf die schöne Skyline Aucklands bietet sich vom Ufer des Viaduct Bassins im Wynyard Quarter.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Der Blick über das Viaduct Bassin zurück auf die Innenstadt Aucklands ist ein weiteres Mal atemberaubend. Dominiert wird die Skyline der Stadt auf dieser Seite vom Sky Tower. Die vielen schlanken Masten der Segelboote scheinen bestrebt, ihm hinsichtlich der Höhe Konkurrenz zu machen, können mit ihm aber nur perspektivisch mithalten. Die weißen Wolkenberge, die sich im tiefblauen Himmel über der Stadt auftürmen, verleihen der Szenerie eine ruhige Schönheit.

Als wir überlegen, ob wir das Wynyard Quarter noch ein bißchen erkunden sollen, melden unsere Mägen erste sanfte Proteste an. Der Drang zum Abendessen obsiegt folglich über den zur Erkundung der fremden Welt. Wir wenden unsere Schritte daher zurück ins Zentrum und weiter die Queen Street hinauf. Nach einem kurzen Abstecher ins Hotel begeben wir uns auf die Suche nach einem gemütlichen Restaurant, das wir auch alsbald gefunden haben, denn davon gibt es in dieser Stadt reichlich. Da Auckland wie überhaupt Neuseeland in der Vergangenheit Einwanderer aus allen Teilen der Welt angezogen hat, ist natürlich für jeden Geschmack etwas zu finden. So auch für unseren.

Auckland Town Hall
Die 1911 fertiggestellte Auckland Town Hall in der Dämmerung.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Als wir schließlich gesättigt noch ein wenig in der hereinbrechenden Dämmerung durch die Straßen spazieren, gelangen wir auch zum nahegelegenen Aotea Square, dessen eine Seite von Aucklands Town Hall gesäumt wird, einem schönen Gebäude aus dem Jahre 1911 mit einer dreieckigen Grundform. Sein spitz zulaufendes Ende wird von einem kleinen Turm gebildet, dessen Sockel mit einer sanften, balustradenbekrönten Rundung versehen ist, deren Fassade mit als Säulen gestalteten Pilastern verziert ist. Mit seiner sanften Beleuchtung in bunten Farben wirkt das Rathaus fast ein wenig geheimnisvoll.

Für uns geht der erste Tag im fremden Land zu Ende. Müde von der langen Reise und dem Stadtbummel, der am Ende ein wenig ausgedehnter ausgefallen ist als ursprünglich beabsichtigt, fallen wir schließlich in unsere Betten und träumen weiteren Abenteuern entgegen.

Aucklands Waterfront in Bildern

Zwischen Star Trek und Baywatch – Mein Besuch der FedCon XXVI

“Eine Durchsage für die Fahrgäste an Gleis 2! Der ICE nach Berlin Ostbahnhof hat heute 15 Minuten Verspätung! Grund ist…”

Ich höre gar nicht so genau hin. Entspannt sitze ich auf einer Bank auf dem Bahnsteig und warte auf meinen Zug. Draußen vor der Bahnhofshalle ragt der Kölner Dom in den grauen Himmel, aus dem gerade ein sommerlicher Regen herniederfällt. Auch er kann mich nicht aus der Ruhe bringen, denn das Dach der weit geschwungenen Bahnhofshalle hält ihn von mir fern. 15 Minuten. Was ist das schon. Ich hab’s nicht eilig.

Ich bin auf der Rückfahrt von Bonn nach Berlin, von der ich den kleineren Teil, die Fahrt von Bonn nach Köln, schon absolviert habe. Hinter mir liegen vier phantastisch schöne Tage. Vier Tage, die ich in anderen Welten verbracht habe. Vier Tage, die ich jetzt schon vermisse, während ich auf dieser Bank auf dem Bahnsteig am Gleis 2 sitze. Vorbei ist sie, die 26. FedCon, und der Con-Blues hat mich voll im Griff.

Doch viel Zeit bleibt mir glücklicherweise nicht, um ihm nachzugeben. Die angekündigten 15 Minuten Verspätung sind noch nicht vorbei, da fährt er ein – mein Zug. Ich steige ein, suche und finde meinen Platz, wuchte meinen Koffer hoch in die Gepäckablage und richte mich ein. Es dauert nicht lang und der Zug rollt an. Langsam gleitet vor dem Fenster der Bahnhof vorbei, der Dom, dann die große Brücke über den Rhein. Wieder beginnt es zu regnen, draußen ist alles grau. Passendes Wetter für einen Abschied. Und ich denke zurück…

Tag 1

(1. Juni 2017)

Es ist der Tag vor der Con. Anreisetag. Ich steige am Berliner Hauptbahnhof in den Zug, der mich auf die Minute pünktlich in Köln abliefert. Sieben Minuten habe ich zum Umsteigen. Fast zu wenig, denn ich stehe am Anfang eines Bahnsteigs, der voller Menschen ist. Und der nächste Abgang ist irgendwo in der Bahnsteigmitte. Dann mal los. Links, rechts, links, rechts – ich schlängle mich durch die Menschen, die alle viel mehr Zeit zu haben scheinen als ich. Hoffentlich bleibe ich mit meinem Koffer nicht irgendwo hängen. Da, endlich, die Treppe. Runter, links rum und die nächste Treppe wieder hoch. Der nächste Zug geht glücklicherweise gleich vom Nachbarbahnsteig. Auch hier ist die Treppe voller Leute. Als ich endlich oben ankomme, kommt der einfahrende Zug gerade zum Stehen. Ich steige erstmal irgendwo ein, und kurz darauf rollen wir auch schon los. Puh, das war knapp.

FedCon XXVI - Maritim-Hotel
Im Maritim-Hotel in Bonn findet die FedCon XXVI statt.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

17 Minuten später bin ich schon in Bonn. Ich steige aus und mache mich auf den Weg zur U-Bahn. Oder Straßenbahn. Das ist hier alles eins. Als ich da ankomme, steht sie schon da. Na, das klappt ja heute alles wie am Schnürchen. Ein gutes Omen, denke ich. Kurz darauf bin ich dann am Ziel: im Bonner Maritim-Hotel. Hier findet sie statt, die Con. Und hier wohne ich auch.

Als ich an der Rezeption einchecke, betritt eine Frau mit einem kecken Hütchen auf dem Kopf die Hotellobby. Sie wird lautstark von einer Gruppe Leute, die in ein paar Sesseln sitzen, begrüßt. Ich schaue zu ihr hin und erkenne sie sofort: Chase Masterson ist da! Jeder Star-Trek-Fan kennt sie als Leeta aus der Fernsehserie “Star Trek: Deep Space Nine”. Sie ist in diesem – genauso wie im vergangenen – Jahr die Mistress of Ceremonies der FedCon. Sie hier zu sehen, versetzt mich gleich in Con-Stimmung. Fast hätte ich die Aufforderung des Rezeptionisten überhört, der noch etwas Geld von mir will – für irgendeine Gebühr, die die Stadt Bonn Hotelgästen abverlangt. Echt jetzt? Hm. Ach was soll’s. Ich laß mir die Laune nicht verderben. Er kriegt seinen Obulus, ich meine Schlüsselkarte – und wenig später bin ich in meinem Zimmer im ersten Stock.

Bonn - Beethovenhaus
Das Beethoven-Haus in Bonn.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Einen ausgepackten Koffer später bin ich wieder unterwegs nach unten. Den verbleibenden Spätnachmittag und Abend will ich noch für einen kurzen Abstecher in die Bonner Innenstadt nutzen. Ein kleiner Bummel durch die ausgedehnte Fußgängerzone des Zentrums, vorbei am Beethovenhaus, ein Spaziergang über den Rhein und schließlich ein gemütliches Abendessen in einem Restaurant, das “Im Stiefel” heißt, beschließen diesen Tag. Auf dem Rückweg ins Hotel grüble ich darüber nach, ob ein solcher Name für ein Restaurant, das auch Steaks serviert, wirklich so glücklich gewählt ist… Obwohl das Steak in Ordnung war.

Tag 2

(2. Juni 2017)

Weil die Con erst mittags losgeht, schlafe ich aus. Urlaub ist doch was Schönes. Frühstücken und ein kleiner Einkauf bestreiten den Vormittag. Getränke gibt’s zwar auch im Hotel, aber die Preise sind reine Phantasie, also astronomisch hoch. Da hole ich mir doch lieber Wasser im Supermarkt. Den finde ich im Ortszentrum von Bad Godesberg, das nicht sehr weit entfernt ist.

Am Mittag bin ich dann wieder zurück im Hotel. Zuerst muß das Wichtigste erledigt werden: die Anmeldung. Anstehen muß ich dafür glücklicherweise nicht – für Goldtickets gibt es einen Extratisch. In diesem Jahr scheinen allerdings nicht soviele verkauft worden zu sein wie sonst, denn ein handgemaltes Plakat verkündet in großen Buchstaben, daß noch welche verfügbar seien. Das ist neu – zumindest habe ich Vergleichbares in den Jahren zuvor nie bemerkt. Vielleicht ist die Schmerz- bzw. obere Preisgrenze für diese Tickets, die in den letzten zehn Jahren immer wieder einmal teurer geworden sind und mittlerweile bei 700 Euro liegen, wenn man sie gleich auf der Con für das nächste Jahr kauft, nun erreicht. Für den Preis gibt es zwar einen Platz in den ersten Reihen vor der Bühne – zumindest im Hauptsaal – und von jedem anwesenden Star ein Autogramm, aber trotzdem will das Geld dafür erst einmal aufgebracht werden.

Wie dem auch sei – ich zeige mein Ticket vor, bekomme meinen Con-Ausweis und mein obligatorisches Armbändchen, das ich die nächsten Tag nicht mehr ablegen darf, sowie eine Tasche mit allerlei Zeug darin. Das meiste ist nur Werbematerial. Ich behalte nur das Con-Programmheft und den Doctor-Who-Comic. Als Goldticket-Inhaber darf ich mir am Merchandise-Stand noch eine Tasse und ein T-Shirt aussuchen und ohne weitere Kosten mitnehmen. So kommt ein Star-Trek-T-Shirt in meinen Besitz, auch wenn mir eines der diesjährigen FedCon lieber gewesen wäre. Aber das scheint es nicht zu geben – jedenfalls finde ich keines. Ist wohl der Star-Trek-Merchandise-Lizenz zum Opfer gefallen, die die FedCon seit vergangenem Jahr hat. Irgendwie schade.

Dann schaue ich mich auf dem Con-Gelände um. Im Händler-Raum gibt’s wohl alles, was das Fanherz begehrt. Und noch mehr. Bücher, Comics, Filme. Stapelweise Autogrammfotos, mit und ohne Autogramme. Hunderte von T-Shirts, dazu Action-Figuren, Sammelkarten, Poster, Modelle von Raumschiffen, Hüte, Brillen, Kostüme – und natürlich auch jede Menge Klimbim. Sich hier zu fragen, wer das denn alles kauft und warum, ist müßig. Hier laufen jede Menge Fans herum, hier findet alles dankbare und vor allem glückliche Abnehmer. Auch einschlägige Verlage, Fernsehsender, Filmstudios und -vertreiber präsentieren sich und ihr Programm. Ein Paradies für Science-Fiction-Fans aller Art.

FedCon XXVI - Bühne mit Leinwand
Die Hauptbühne der FedCon. Hier finden die meisten Panels der Schauspieler statt.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Was mich jedoch noch mehr interessiert, sind die Panels der anwesenden Schauspieler. Die Gründe, eine Convention wie die FedCon zu besuchen, sind vielfältig. Vielfach wird gesagt, den meisten Spaß an der Con mache es, andere Fans zu treffen, sein Fan-Sein auszuleben, Cosplay zu praktizieren, andere Leute kennenzulernen. Und natürlich Party zu machen. Nun, das mag für viele zutreffen. Meine Motivation ist eine andere. Für mich ist das Interessanteste an einer Con tatsächlich die Möglichkeit, die Stars zu treffen, sie live auf der Bühne zu sehen, ihnen zuzuhören, wenn sie von den Dreharbeiten, ihren Projekten erzählen, und so vieles rund um meine Lieblingsfilme, -serien und -stars zu erfahren – aus erster Hand sozusagen. Und natürlich werde ich dabei oft auch bestens unterhalten, denn unter den Schauspielern sind stets einige, an denen Komiker verloren gegangen sind. Das leben sie dann auf Conventions wie dieser aus.

Für all das nehme ich gerne die Reise in Kauf, dafür zahle ich gerne auch die nicht ganz kleinen Ticketkosten. Wo komme ich schon dazu, soviele Stars an einem Ort auf einmal zu treffen? Und meiner Autogramm-Sammelleidenschaft kann ich dabei auch noch nachgehen. Wenn es sich dann nebenbei ergibt, daß ich noch interessante Leute treffe – um so besser. Party und feuchtfröhliche Feiern bis tief in die Nacht – ach, die waren meine Sache noch nie. Und sind es auch hier eher nicht.

Und so finde ich mich alsbald im Hauptsaal ein, in dem die Panels der Stars stattfinden. An diesem ersten Tag höre ich zunächst Sasha Roiz zu, den ich aus der Serie “Grimm” kenne, dem anschließend Marina Sirtis aus “Star Trek: The Next Generation” folgt. Wer sie noch nicht auf einer Con erlebt hat, dem ist bisher definitiv etwas entgangen. Wie sie selbst sagt, ist sie das blanke Gegenteil ihrer Rolle der Counselor Troi. Ihre Panels sind legendär, in erster Linie deshalb, weil man hinterher Muskelkater vom Lachen hat, aber auch, weil sie definitiv kein Blatt vor den Mund nimmt. Wer ihr bei Twitter folgt, weiß das. Doch auf der Bühne ist sie gewissermaßen eine Naturgewalt. Hier auch nur ansatzweise etwas davon wiedergeben zu wollen, wäre von vornherein zum Scheitern verurteilt, weshalb ich es gar nicht erst versuche.

Ihr folgt dann Hubert Zitt, der jedes Jahr auf der Con zwei seiner Vorträge hält, in denen er Science-Fiction-Serien und -Filme wissenschaftlich betrachtet. Das ist stets so unterhaltsam, daß mittlerweile stets der mehrere tausend Plätze umfassende Hauptsaal dafür notwendig ist, um alle Interessierten aufzunehmen.

Und dann ist es Zeit für meinen persönlichen Favoriten der diesjährigen Con: Matt Smith, der elfte Doctor Who, kommt auf die Bühne. Und was soll ich sagen – ich bin sofort begeistert. Absolut natürlich und fan-nah – sein Panel hat richtig viel Spaß gemacht. Und manches Mal meinte ich fast, der Doctor selbst stünde auf der Bühne, so nah aneinander sind Schauspieler und Rolle bei ihm.

Die Eröffnungszeremonie steht dann am Abend auf dem Programm. Klingt komisch, ist aber so. Die findet immer erst am Abend des ersten Tages statt, auch wenn vorher schon einige Panels gelaufen sind. Bis dahin sind die meisten Fans dann auch wirklich angekommen. Bei dieser Zeremonie kommen immer alle anwesenden Stars und natürlich auch die Vortragenden auf die Bühne. Viel Worte brauche ich darüber nicht zu verlieren, denn viel mehr passiert diesmal eigentlich auch nicht. Besondere Showeinlagen, wie es sie in den Vorjahren immer wieder einmal gab, sind dieses Mal offenbar nicht vorgesehen, und so gibt es auch keine. Trotzdem befeuert die “Opening Ceremony” die Vorfreude auf die nächsten drei Con-Tage.

Und damit ist mein erster Tag auch schon vorbei. Das sich anschließende Comedy-Panel mit Casper van Dien und Mark Dacascos lasse ich wegen meines mangelnden Interesses einerseits und einem starken Hungergefühl andererseits aus und widme mich lieber dem Abendessen.

Tag 3

(3. Juni 2017)

Der zweite Con-Tag ist der stressigste – zwar im positiven Sinne, aber dennoch. Zunächst einmal heißt es für mich: Aufstehen um sechs Uhr morgens. – Was? Wieso das denn? – Na, die Anmeldung für die Con im nächsten Jahr beginnt um 8 Uhr. Und weil die Plätze im Hauptsaal in der Reihenfolge der Anmeldung vergeben werden, muß sich, wer einen Platz möglichst nah an der Bühne haben will, so früh wie irgend möglich anmelden. Und das gilt mittlerweile auch für die Goldtickets. Außerdem möchte ich gerne um 10 Uhr mit der Anmeldung durch sein, denn dann findet das zweite Matt-Smith-Panel statt. Das will ich nicht verpassen. – Na und? Das sind doch zwei Stunden Zeit. Das reicht doch ganz sicher. – Könnte man meinen, ja. Aber ich kenne mich mittlerweile aus und bin daher auch nicht überrascht zu sehen, daß die Schlange, als ich mich um kurz nach sieben Uhr anstelle, gut und gerne schon 150 bis 200 Leute umfaßt. Die ersten stellen sich wohl immer schon mitten in der Nacht da an…

Glücklicherweise werden, als es um 8 Uhr dann losgeht, die Gold- und Platinticket-Anmeldungen in eine eigene Schlange gelotst. Das gibt es meines Wissens auch zum ersten Mal, ist aber eine hervorragende Idee. So stehen plötzlich nicht mehr eine dreistellige Anzahl Leute vor mir, sondern nur noch etwa dreißig. Und da beide Schlangen völlig unterschiedliche Ticket-Interessen haben und sich so gegenseitig auch nichts wegnehmen, gibt’s ja auch für niemanden einen Grund, sich dadurch benachteiligt zu fühlen. Dank dieser Maßnahme bin ich um 8.20 Uhr bereits angemeldet und habe plötzlich noch viel Zeit bis zu Matt Smiths Panel.

FedCon XXVI - Tardis
Die Tardis des Doktors auf der Hauptbühne der FedCon. Und der Doktor selbst war auch da.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Als es dann soweit ist, ist es großartig. Ein Fan stellt eine Frage, die Matt bereits gestern einmal gestellt wurde. Er weist darauf hin. Als der Fragesteller sich entschuldigt, weil gestern noch nicht dagewesen sei, berichtigt ihn Matt. Nicht der Fan, sondern er habe sich zu entschuldigen, weil er gestern bereits dagewesen sei, so daß der Fragesteller ihn nicht erleben konnte. Und er beantwortet die Frage noch mal. Sehr charmant.

Vom nachfolgenden zweiten Vortrag Hubert Zitts entgeht mir der Anfang. Ich muß erst mal ein Autogramm von David Hasselhoff holen, dessen außerordentliche Autogrammstunde gerade eben angekündigt wurde. Glücklicherweise bin ich gleich unter den ersten, die anstehen und so schon nach zehn Minuten im Besitz meines Autogramms. Also schnell zurück zum Vortrag. Und der ist auch wieder toll. Es geht um Star Wars und die darin vorkommende Technik. Ist zwar nicht gerade mein Lieblingsfranchise, aber der Vortrag ist trotzdem unterhaltsam für mich. Danach muß ich leider aus dem Hauptsaal raus und mich in die nächste Autogrammschlange einreihen – diesmal für Matt Smith. Die wird in einen langen Hotelflur der ersten Wohnetage geleitet. Die Hotelgäste, die ihr Zimmer verlassen wollen, stehen also plötzlich in einer riesigen Menschenmenge, die vor ihren Zimmern herumlungert und den Flur entlang ansteht. Und Lärm macht. Natürlich. Da vermutlich aber sowieso fast nur Congäste im Hotel wohnen, gibt es damit wohl keine Probleme. Als aber mehr und mehr Fans eintrudeln und das Fassungsvermögen des Flurs nicht mehr ausreicht, beginnt eine kleine Umzugsaktion zumindest für den ersten Teil der Schlange. Hier merkt man allerdings, daß sich ziemlich viele Con-Veteranen unter den Fans befinden, denn alles geht geordnet vor sich und die in der Schlange Stehenden helfen sogar noch dem Conpersonal bei der Einweisung von Neuankömmlingen. Alle sind ziemlich entspannt, sogar dann, als sich der Beginn der Autogrammstunde auch noch um eine gute halbe Stunde verzögert.

Schließlich geht’s aber los, und weil ich’s erneut glücklich geschafft habe, ziemlich weit vorne zu stehen, bin ich auch alsbald dran. Als ich mein Autogramm hab, muß ich mich ziemlich beeilen, denn schon ist die Zeit ran für den Treffpunkt der Goldticket-Inhaber zur offiziellen Autogrammstunde mit allen anderen Stars. Als ich dort eintreffe und meine Unterlagen ordne, stelle ich mit Schrecken fest, daß ich den Zettel mit den Autogrammgutscheinen offenbar verloren habe. Weil jedes Goldticket ein Autogramm jedes anwesenden Stars einschließt, erhält man bei der Anmeldung einen solchen Zettel, auf dem der Name jedes Stars steht. Darauf werden dann die Namen der Schauspieler, deren Autogramm man sich holt, abgestrichen. Bei Matt Smiths Autogrammstunde hatte ich den Zettel eben noch vorgelegt, jetzt ist er aber weg. In Anbetracht der Tatsache, daß dieser kleine Zettel mehrere Hundert Euro wert ist und ich ohne ihn die Autogramme nicht bekommen werde, ist mir nun doch etwas flau im Magen.

Ich hetze zurück. Nein, bei Matt Smith ist der Zettel nicht liegengeblieben. Also weiter ins Con-Büro. Dort trage ich mein Mißgeschick vor und man reagiert sehr hilfsbereit. Ich soll zunächst zum Infostand gehen und nachfragen, ob jemand den Zettel dort vielleicht abgegeben hat. Falls nicht, soll ich wiederkommen. Dann würde sich schon eine Lösung finden, verspricht man mir. Ich laufe, so schnell es geht, zu besagtem Infostand und frage ohne viel Hoffnung nach. Hm, meint die Dame, sie schaue mal nach. Sie kramt in diversen Kästen, und als sie sich wieder umdreht, fragt sie mich, ob ich von dem Zettel schon Autogramme geholt hätte. Ich bejahe und sage ihr, welche. Daraufhin streckt sie mir – ich traue meinen Augen kaum – den Zettel entgegen. Wir vergleichen noch die darauf stehende Ticketnummer mit meinem Con-Ausweis und dann habe ich das gute Stück doch tatsächlich wieder in meinen Händen. Gibt’s sowas? Hätte ich den Glauben an die Menschheit endgültig verloren, jetzt würde ich wohl ein Stück davon wiederfinden. Ich danke hiermit ausdrücklich dem unbekannten ehrlichen Finder – oder der ebensolchen Finderin! Er oder sie hat mir sowohl die Autogramme als auch den Tag als auch die ganze Con gerettet.

Als ich ziemlich abgehetzt wieder am Treffpunkt für die Autogrammstunde ankomme, bin ich immer noch zugleich fassungslos und dankbar über soviel Glück. Die Umstehenden, die mein Mißgeschick mitbekommen hatten, beglückwünschen mich herzlich, und dann geht es auch schon los. Ich hole mir alle Autogramme, was bedeutet, sich bei jedem Star einmal anstellen zu müssen. Darüber vergeht der Nachmittag. Glücklich und zufrieden verlasse ich den Saal. Nun ist alles erledigt und ich kann das Folgende einfach nur noch auf mich zukommen lassen.

FedCon XXVI - Enterprise
Die Enterprise der Next-Generation-Crew war natürlich auch da.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Da die Con ganz im Zeichen des 30. Geburtstags der Serie “Star Trek: The Next Generation” steht, folgen drei weitere Panels von Schauspielern, die in dieser Serie mitspielten: John de Lancie, Michael Dorn und Colm Meaney. Wobei letzterer in dieser Serie eigentlich nur eine Nebenrolle hatte, die erst in der nachfolgenden Serie “Star Trek: Deep Space Nine” zur Hauptrolle wurde. Auf Colm Meaney hatte ich schon seit meiner ersten FedCon gewartet, die, nebenbei bemerkt, die zehnte war. Jetzt, bei der 26., ist es endlich soweit. Er war mittlerweile der einzige Hauptdarsteller einer Star-Trek-Serie, den ich noch nie gesehen hatte (sieht man einmal von jenen ab, die leider nicht mehr unter uns weilen). Ich bin also dementsprechend glücklich und zufrieden.

Den Abschluß des Tages bildet dann für mich das Panel von David Hasselhoff. Warum er auf dieser Con ist und dann quasi auch noch als Stargast, hat sich mir im Vorfeld nicht so ganz erschlossen. Seine Rolle in “Guardians of the Galaxy 2” ging über einen Cameo-Auftritt nicht hinaus und “Knight Rider” ist eigentlich nur im allerweitesten Sinne eine Science-Fiction-Serie. Es gibt darin halt ein sprechendes Auto – in den Achtzigern. Aber reicht das, um als Science Fiction durchzugehen? Egal. Wie ich nun erfahre, hat er früher mal in einem Science-Fiction-Film mitgespielt, dessen Titel ich vergessen habe. Auf ihn angesprochen, bezeichnet er ihn als sehr schlechten Film und will von dem Fragesteller wissen, warum er sich den denn angesehen habe. Damit beweist Hasselhoff eine Selbstironie, die ich ihm gar nicht zugetraut hatte. Insgesamt bin ich von ihm angenehm überrascht. Ich weiß nicht, was ich genau erwartet hatte, aber einen derart aufgeräumten und sich selbst nicht zu ernst nehmenden The Hoff bestimmt nicht, auch wenn hin und wieder eine Spur übertriebenes Selbstbewußtsein durchschimmert und sein immerzu wiederholter Hinweis auf seine Comedy-Show “Hoff the Record” irgendwann etwas nervt. Trotzdem ist er insgesamt sehr unterhaltsam.

Tag 4

(4. Juni 2017)

An diesem Tag schlafe ich wieder aus. Er beginnt mit dem zweiten Teil der Autogrammstunde, wo ich ja nicht mehr hinmuß. Die vormittags laufenden Vorträge und Lesungen liegen nicht so auf meiner Linie – die, die es im Laufe der Con getan hätten, fanden leider immer gerade statt, wenn Schaupieler-Panels liefen, die ich unbedingt sehen wollte. Nun, alles kann man eben nicht haben.

So beginne ich den Tag erst mittags mit dem Panel von Chase Masterson. Als Mistress of Ceremonies finde ich sie wirklich zauberhaft. Überhaupt nicht marktschreierisch, moderiert sie sehr liebenswürdig. Pannen scheinen ihr wirklich nahezugehen, auch wenn die niemand übelnimmt. Sie ist sicher keine Moderatorin, die die Massen im Saal animiert und dadurch anheizt, aber mir gefällt gerade das sehr gut. Wenn jeder Gast und jedes Bühnenereignis angekündigt wird, als bekäme ich jetzt das Jahrhundertereignis schlechthin zu sehen, ist das nicht nur nach kurzer Zeit ermüdend, sondern auch dämlich. Schön also, daß Chase genau das nicht zur Grundlage ihrer Anmoderationen macht. Statt dessen liefert sie darin immer ein paar interessante Informationen über den angekündigten Gast, was mir schon allein deshalb besonders gefällt, weil sich die Convention-Macher diese im aktuellen Programmheft einfach mal gespart haben. Bis zum vergangenen Jahr gab es die dort immer auch zum Nachlesen.

In ihrem Panel erzählt Chase von ihrer Rolle und der Zeit bei der Serie “Star Trek: Deep Space Nine”, stellt die von ihr begründete Pop Culture Hero Coalition vor, mit der sie gegen Mobbing an Schulen vorgehen möchte und die ihr sehr am Herzen liegt, und singt auch ein paar sehr schöne Songs.

Jenna Coleman, die die Begleiterin des elften Doctor Who spielte, ist nach der Autogrammstunde im Hauptsaal auf der Bühne und mir ebenfalls sehr sympathisch. Leider mußte Matt Smith schon vorzeitig abreisen, so daß es nicht zu einem gemeinsamen Panel der beiden kommt. Das hätte ich sehr schön gefunden. Jenna wirkt ein wenig abgehetzt und müde – auch sie ist, wohl wegen anderer Verpflichtungen, nur zwei Tage auf der Con -, doch das tut ihrem Panel keinen Abbruch, in dem sie auf mich einen sehr netten und sehr freundlichen Eindruck macht.

Dann ist wieder Next-Generation-Zeit. Gates McFadden, Colm Meaney und Marina Sirtis kommen nacheinander auf die Bühne. Letztere erzählt, daß sie vor der letzten US-Wahl zu ihrem Mann gesagt habe, wenn Trump gewählt würde, müßten sie nach Großbritannien, wo sie geboren ist, umziehen. Als er gefragt habe, warum, habe sie gesagt, sie wolle nicht in einem Land voller Dummköpfe leben. Dann sei Trump gewählt worden, und sie habe schon überlegt, ihre Aussage wahrzumachen. Doch dann sei der Brexit gekommen…

Im anschließenden zweiten Panel David Hasselhoffs wird dieser von einem Fan gebeten, “I’ve been looking for freedom” einmal vollständig zu singen. Bisher war es bei jedem seiner Auftritte immer nur kurz als Auftrittsmusik eingespielt und dann ausgeblendet worden. Er macht das ganz offensichtlich gerne – und der Saal kocht. Laut mitklatschend singen die meisten lauthals mit.

Aber dann ist es Zeit für den wahren Höhepunkt des Tages: Das gemeinsame Panel aller sechs anwesenden Next-Generation-Darsteller: Gates McFadden, Michael Dorn, Marina Sirtis, LeVar Burton, Denise Crosby und John de Lancie. Es ist ein Fest! Am Ende können sich weder die Schauspieler auf der Bühne noch das Publikum im Saal vor Lachen halten, insbesondere als sie nach ihren Tricks, bestimmte Gefühle darzustellen, gefragt werden und John de Lancie eine Story vom Stapel läßt, wie er einst vom Drehbuch aufgefordert wurde, beim Blick auf eine Schauspielkollegin “smitten with love” zu sein, aber nicht gewußt habe, wie er das darstellen solle. Er habe dann eine Hand in die Hosentasche gesteckt, mit den Fingern ein Loch hineingerissen und dann… der Rest ist nicht so ganz jugendfrei, aber danach sei er auf jeden Fall “smitten with love” gewesen. Wäre Platz gewesen, hätten jetzt alle im Saal vor Lachen auf dem Boden gelegen. So krümmen wir uns nur lachend auf unseren Stühlen.

Der anschließende Kostümwettbewerb ist schon wieder der letzte Teil des Tages. Es sind einige sehr sehr schöne Kostüme dabei, die von ihren Trägern zu recht mit Stolz vorgeführt werden, haben sie sie doch zum größten Teil auch selbst gefertigt. Die vielen Stunden Handarbeit haben sich jedenfalls ausgezahlt – man sieht sie den oftmals perfekten Kostümen an.

Die Preisvergabe durch die Jury empfinde ich jedoch als Enttäuschung, denn den ersten Preis gewinnt mit einer Mischung aus Star-Wars-Stormtrouper und Karnevalsclown ein reines Spaßkostüm, das mit einigen der anderen hinsichtlich Perfektion, Detailliebe und Ästhetik für mein Empfinden wirklich nicht mal ansatzweise mithalten kann. Und wie aus dem Gespräch mit dem Kostümträger hervorgeht, hat er große Teile seines Kostüms auch nicht selbst hergestellt. Zugegeben, der Auftritt mit Buddies im Borat-Stil war der bei weitem witzigste, aber das allein reicht mir nicht. Nun, die Jury sieht das anders und so trägt heute Trash über Qualität den Sieg davon.

Tag 5

(5. Juni 2017)

Gates McFadden und Michael Dorn eröffnen in einem Doppelpanel den Tag. Ihnen folgt Denise Crosby in ihrem leider einzigen Solo-Panel. Es ist dafür um so interessanter, erzählt sie doch die Geschichte ihres frühen Ausstiegs aus der Serie “Star Trek: The Next Generation” und wie es kam, daß sie später ihre Rolle doch noch einmal aufnahm und sich daraus weitere Gastauftritte entwickelten.

LeVar Burton ist danach sichtlich schockiert, als er von einem Fan erfährt, daß es im Internet von Fans geschriebene Geschichten gebe, die seinen Charakter Geordie LaForge mit Data in eine romantische Beziehung bringen. Als er gefragt wird, wie er das finde und ob er solche Stories gerne verhindern würde, meint er, daß er es schön fände, wenn die Figuren aus der Serie bei den Fans weiterleben würden und diese ihre Phantasie spielen ließen. Er sei nicht zum Richter darüber bestellt, ob das, was daraus entstünde, nun gut oder schlecht sei. Das sollen mal die Leser entscheiden.

Das Ende der Con wird dann mit der Abschlußveranstaltung eingeläutet. Die Closing Ceremony beginnt mit einem sehr schönen Lied von Chase Masterson, gefolgt von einem Versuch eines Fans, mit einer auf die FedCon umgedichteten Version von “I’ve been looking for freedom” für Stimmung zu sorgen. Leider ist der Vortrag nicht gelungen genug, um diese aufkommen zu lassen. Nun, manchmal gehen Dinge auf Cons eben auch schief. Was aber dennoch zählt, ist der Mut, es versucht zu haben. Und Mut gehört für einen Auftritt vor wenigstens zweitausend Fans auf jeden Fall dazu.

Als am Ende alle Vortragenden und Darsteller noch einmal gemeinsam auf der Bühne stehen und sich verabschieden, wird endgültig klar, daß die vier Tage Con nun unweigerlich zu Ende gehen. Und bei der abschließenden kleinen Fotoshow mit Eindrücken dieser vier Tage kommt dann schon erste Wehmut auf. Nun dauert es wieder ein ganzes Jahr bis zur nächsten FedCon.

Ich verbringe den sonnigen Abend mit einem ruhigen Spaziergang und einem gemütlichen Abendessen in der Bonner Innenstadt. Nach den vielen bunten Eindrücken und dem ganzen Trubel der Con erscheint mir das als passendes Ende.

Epilog

Mein Zug ist nun kurz vor Berlin. Das Wetter hat sich die gesamte Fahrt über nicht wirklich geändert. Der Himmel blieb meist grau und manchmal war der immer mal wieder einsetzende Regen so stark, daß ich vor den Fenstern nicht mehr viel erkennen konnte. Doch nun, während ich dies schreibe, stiehlt sich ein Sonnenstrahl verschämt durch die Wolken und durch mein Zugfenster herein. Vielleicht will er mich daran erinnern, daß nach der Con auch immer vor der Con ist. Wenn ich es mir recht überlege, hat er damit wirklich recht, und so sage ich dem Con-Blues Lebewohl und widme mich der ersten Vorfreude… auf die kommende 27. FedCon 2018. Sind ja nur noch reichlich 340 Tage oder so.

LLAP.

An der Mauer entlang

Dieser Beitrag ist Teil 2 von 4 der Beitragsserie "Grüner Hauptweg Nr. 19"

Nach der ersten Etappe auf dem Grünen Hauptweg Nummer 19 neugierig geworden, wie es denn weitergeht, entschloß ich mich, den heutigen Feiertag zu nutzen, um – keine Himmelfahrt und auch keine Bollerwagentour zu unternehmen, sondern die Wanderung fortzusetzen. Am Spreebogen geht es heute los – genau dort, wo der vorangegangene Abschnitt geendet hatte.

Auf dem Marie-Elisabeth-Lüders-Steg
Ein Blick zum Hauptbahnhof vom Marie-Elisabeth-Lüders-Steg über der Spree.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Und so steige ich hinauf auf den Marie-Elisabeth-Lüders-Steg, wo die ersten Fotos mitten über der Spree entstehen. Sonne war versprochen worden, doch die läßt sich nicht blicken, versteckt sich hinter dicken, recht grauen Wolken. Dazu weht mir ein doch recht kühler Wind um die Nase. Für eine Stadtwanderung ist das aber durchaus angenehmes Wetter. Solange es nicht regnet. Doch das steht heute glücklicherweise nicht auf dem Programm.

Weiter geht es an der Spree entlang bis kurz vor den Hauptbahnhof, wo der Weg auf das Alexanderufer abbiegt – eine Straße, die mir irgendwie sympatisch ist. Humboldthafen, Charité, Hamburger Bahnhof, Hauptbahnhof – bereits hier gibt es eine Menge zu sehen.

Das Grabmal von Julius von Verdy du Vernois
Auf dem Invalidenfriedhof steht dieses Grabmal von Julius von Verdy du Vernois, der einst preußischer Staats- und Kriegsminister war.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Hinter der Invalidenstraße führt mich der Weg dann ein Stück am Berlin-Spandauer Schiffahrtskanal entlang. Er folgt dem ehemaligen Verlauf der Berliner Mauer und quert den Invalidenfriedhof. Es ist der erste von vier Friedhöfen, an denen ich heute vorbeikomme – und sie alle haben eines gemeinsam: ihnen wurde ein nicht geringer Teil ihrer Fläche durch den Mauerstreifen entrissen, die darin liegenden Gräber wurden damals einfach planiert. Die Wunden in den stillen Arealen sind heute noch überdeutlich zu erkennen.

Weiter nördlich erreiche ich die Mündung der Panke. Der Weg biegt hier vom Kanal nach rechts ab und folgt weiter dem Mauerstreifen. Über die Chausseestraße geht es in die Liesenstraße, wo ich mir einen Abstecher auf den Friedhof II der Französisch-Reformierten Gemeinde erlaube, um die Grabstätte Theodor Fontanes aufzusuchen. Gleich in der Nähe entdecke ich auch das Grab des Dichters Peter Hacks. Einige seiner Kinderbücher haben mir meine Kindheit verschönert.

Der Park auf dem ehemaligen Bahngelände des Nordbahnhofs ist eine stille Oase inmitten der Stadt. Der Frühling zaubert bunte Blüten an Bäume und Sträucher. Hin und wieder tauchen aus der Erde alte Gleise auf. Eine ferne Erinnerung an die Hochzeit der Eisenbahn in Berlin.

Am Ende des Parks, dort, wo einst das Bahnhofsgebäude stand und heute nur noch die S-Bahn hält – was man aber nicht sieht, weil sie es vorzieht, sich unter der Erde aufzuhalten -, biegt der Weg in die Bernauer Straße. Hier, an der Gedenkstätte Berliner Mauer stürzt er mich in den Menschentrubel, denn zum einen ist diese ein Touristenmagnet, zum anderen ist gerade evangelischer Kirchentag in Berlin. Seit ich das letzte Mal hier war, ist die Gedenkstätte ganz schön ausgebaut worden. Sie zieht sich jetzt die ganze Bernauer Straße entlang. Ich mache mir im Geiste eine Notiz, ihrer Besichtigung bei Gelegenheit mal einen Tag zu widmen.

In der Oderberger Straße
Bunte Fassaden säumen die Oderberger Straße mit ihren zahlreichen Cafés und Restaurants.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Heute wandere ich nur die Bernauer Straße entlang, bis sie den Mauerpark erreicht. Der ehemalige Mauerstreifen und mit ihm der Mauerweg biegen hier links nach Norden ab, während mein Grüner Hauptweg Nummer 19 rechts der Oderberger Straße folgt, die, gesäumt von bunten Fassaden sanierter Altbauten, voller Cafés und Restaurants ist, die sich auf beiden Seiten aneinanderreihen. Und hier läßt sich endlich auch die Sonne blicken und sorgt so für ein beinahe sommerliches Ambiente.

Hinter der Kastanienallee komme ich am alten Stadtbad vorbei und bin kurz danach auch schon auf der Schönhauser Allee, wo die U-Bahn den dunklen Schlund ihres Tunnels verläßt und der Höhe ihres Viaduktes entgegenstrebt. An der Straßenecke erhebt sich der Turm der alten Schultheiß-Brauerei, die es längst nicht mehr gibt. Heute wird hier Kultur zusammengebraut.

An dieser Stelle ist meine Wanderung für heute zu Ende. Runde 10 Kilometer reichen. Die nächste Etappe will mir ja sicher auch noch was zeigen.

Rund um den Berliner Tiergarten

Dieser Beitrag ist Teil 1 von 4 der Beitragsserie "Grüner Hauptweg Nr. 19"

Frühling in Berlin im schönen Monat Mai. Was gibt es da Besseres, als die Wohnung zu verlassen und rauszugehen ins Freie, wo die Sonne scheint und der Wind einem um die Nase weht…

Blick über die Spree auf die Lutherbrücke.
Blick über die Spree auf die Lutherbrücke.
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Gesagt, getan. Doch wohin soll’s gehen? Gute Frage. Glücklicherweise stellt die Beantwortung dieser Frage in Berlin überhaupt kein Problem dar. Grüne, blühende Natur und eine Vielzahl an Gewässern bis tief in die Stadtmitte hinein – davon hat Berlin reichlich. Man muß gar nicht weit hinaus fahren, um das zu genießen. Bereits eine Stadtwanderung bietet diesbezüglich alles, was man sich nur wünschen kann. Und man muß nicht mal selbst danach suchen, denn hier gibt es eine wunderbare Erfindung: Die zwanzig Grünen Hauptwege mitten in der Stadt, die den neugierigen Berliner ebenso wie den interessierten Berlin-Besucher mitten in die zahlreichen grünen Oasen der Stadt führen.

Das probiere ich immer wieder gerne aus und lasse mich entführen in die wunderbarsten Ecken meiner Stadt, von denen ich viele selbst noch gar nicht kenne. Heute habe ich mich für den Grünen Hauptweg Nummer 19 entschieden – ein Rundweg, der die Berliner Innenstadt erkundet. Meine erste Etappe beginnt an der Corneliusbrücke am Berliner Tiergarten und führt an diesem entlang und um ihn herum bis zum Spreebogen am Berliner Hauptbahnhof. Nicht sehr lang, nur runde acht Kilometer, für die man sich so alle Zeit der Welt lassen kann. Denn zu sehen gibt es allemal genug…

Vorgezogener Osterspaziergang

Ostern 2017. Wollte man das diesjährige Osterfest mit einem Wort zusammenfassen, gäbe es dafür nur ein Wort: April. Denn das Wetter war an diesen vier Ostertagen ganz genauso, wie es besagtem Monat stets zugeschrieben wird: wechselhaft  und unentschieden. Praktisch war für jeden was dabei – Sonnenschein, Regen, Wind, Sturm, Hagel. Dazu war es mit Temperaturen unter 10 Grad Celsius doch entschieden zu kühl.

Auf der Luiseninsel im Berliner Tiergarten
Auf der Luiseninsel im Berliner Tiergarten
Fotograf: Alexander Glintschert (2017), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

So richtige Frühlingslaune wollte da nicht aufkommen.  Glücklicherweise war mir diese ein Wochenende zuvor vergönnt. Bei Temperaturen nahe 20 Grad  und einem strahlend blauen Himmel, den nicht ein einziges auch noch so kleines Wölkchen trübte, lud der Sonntag geradewegs dazu ein, den Osterspaziergang vorzuziehen und den Frühling zu begrüßen. Und als hätte ich gewußt, was das eine Woche darauf folgende Osterfest für Wetterkapriolen in petto haben würde, bin ich dieser Einladung gefolgt und habe mich auf den Weg in den Berliner Tiergarten gemacht.

Hier  ein paar Eindrücke…

Geschichte im Verein

Nun ist doch geschehen, von dem ich glaubte, daß es mir aber ganz bestimmt nicht widerfahren würde: ich bin  Vereinsmitglied.

Vereine gibt es ja bekanntlich viele. Ich assoziierte dabei immer  so etwas wie Sportvereine, Schachclubs oder politische Gemeinschaften. Und auch, ich gebe es zu, das Klischee des Kaninchenzüchtervereins.

Sonderlich sportlich bin ich eigentlich nicht, auch wenn ich Sport natürlich nicht gänzlich aus dem Wege gehe. Man will ja nicht völlig unbeweglich werden. Doch mein Fahrrad oder das Fitneßstudio reichen mir dafür völlig aus. Gruppensport mag ich hingegen bestenfalls als Zuschauer, für Wettkämpfe fehlt mir der Ehrgeiz. Sportvereine und Schachclubs schieden also schon mal aus.

Weil ich mir meine Meinung, insbesondere die politische, gerne selbst bilde  und sie dementsprechend auch  selbst vertreten möchte, kann ich den  Rahmen oder gar Zwang einer Gruppe dabei überhaupt nicht brauchen.  Oder, um es mit Reinhard Mey zu sagen:

Es paßt, was ich mir denke,
Auch wenn ich mich sehr beschränke,
Nicht auf einen Knopf an meiner Brust!

Eine politische Vereinigung  ist also meine Sache auch nicht.

Darüberhinaus habe ich mir bisher eigentlich keine weiteren Gedanken über Vereine gemacht.  Was sollte da schon noch sein…

Daß da noch mehr sein kann, entdeckte ich durch einen Flyer, der mir in der Berliner Stadtbibliothek in die Finger kam und mit dem ein Verein für sich warb, der so derart auf der Linie meines  Interesses lag, daß  es  gar keiner langen Überlegung bedurfte, um mir klarzumachen, daß ich  dabeisein wollte.

Und so ist es nun nach dem Ausfüllen des Antrags auf Mitgliedschaft, der in überragend kurzer Zeit erfolgten Aufnahme, dem Erhalt der Mitgliedsurkunde und  der ersten Zahlung des jährlichen Mitgliedsbeitrags offiziell: ich bin Mitglied im  Verein für die Geschichte Berlins e.V., gegründet im Jahre 1865.

Daß meiner Heimatstadt Berlin eines meiner Hauptinteressen  gilt, dürfte niemanden überraschen, der bereits einmal bei  Anderes.Berlin  vorbeigeschaut hat.  Die Beschäftigung mit der Geschichte und den Geschichten meiner Stadt, ihrer Bauten und Sehenswürdigkeiten, aber auch ihrer Persönlichkeiten, ob sie gegenwärtig oder fast vergessen sind, ist eine meiner größeren Leidenschaften. Und weil ich diese im Zweck und in den Zielen des Vereins wiederfinde, bin ich gern dabei – bei den vielfältigen Veranstaltungen des Vereins   und,  wenn  sich die Möglichkeit bietet,  auf unterstützende Weise.

Schauen wir mal, was daraus wird. Ich bin gespannt!

Von Berlin nach Auckland

Dieser Beitrag ist Teil 1 von 2 der Beitragsserie "Reise nach Neuseeland & Singapur"

Zwei Jahre ist sie nun bald her, meine zusammen mit einem Freund unternommene Reise ans andere Ende der Welt – nach Aotearoa, auch bekannt als Neuseeland. Da ist es mehr als an der Zeit, daß ich die Eindrücke dieser Reise mal ein wenig Revue passieren lasse.

Neuseeland & Singapur 2015 - Das Gepäck
Zwei Rucksäcke – ein großer und ein kleiner – kommen mit auf die Reise. Immerhin dauert die mehr als vier Wochen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Alles beginnt, wie sollte es auch anders sein, mit zahllosen Reisevorbereitungen, von denen das Packen der auf die Reise mitzunehmenden Sachen die allerletzte war. Das Buchen der Flüge war schon Monate vorher vonstattengegangen. Später folgte unter anderem das Besorgen ärztlicher Atteste für mitzuführende Medikamente – bei Reisen über Singapur weiß man ja nie. Dort steht auf Drogenhandel die Todestrafe. Zwar sind benötigte Medikamente nun keine Drogen, doch wer will sich am Flughafen schon auf entsprechende Diskussionen einlassen, wenn das Gepäck doch einmal kontrolliert wird und die Medikamente dort nicht bekannt sind? Daher ging ich lieber auf Nummer sicher und ließ mir für alles, was ich mitführen wollte, eine ärztliche Bescheinigung ausstellen.

Reiseführer kaufen, sich mit geeignetem, robustem Schuhwerk für alle Wetter- und Bodenlagen ausstatten, einen Steckdosenadapter besorgen – das sind nur einige der weiteren Vorbereitungen, die ich im Laufe der Monate vor der Reise treffe, die aber auch die Vorfreude Stück für Stück steigern, bis ich es schließlich kaum noch erwarten kann, daß es endlich losgeht. Punkt für Punkt arbeite ich meine Vorbereitungsliste ab.

Und dann ist er da – der Abend vor der Abreise. Alles ist bereit, was das Foto vom gepackten und startbereiten Rucksack dokumentiert. Mit Mühe schlafe ich noch ein paar Stunden, denn erfahrungsgemäß wird mir das im Flugzeug nicht gelingen.

Am Morgen des 15. Februar 2015 geht es dann mit dem TXL-Bus zum Flughafen Tegel. Dort angekommen, verpacken wir die Rucksäcke in eine eigens dafür erworbene Hülle, damit sie beim Transport keinen Schaden nehmen. Die vielen Schnüre und Riemen sollen sich schließlich nirgendwo verfangen… Dann heißt es, sich in die Schlange am Check-In-Schalter stellen und – warten. Langsam vorrücken. Wieder warten. Den Rucksack ein Stück vorschieben. Und weiter warten. Dann sind wir endlich an der Reihe. Rucksack auf’s Band, Reisepaß vorzeigen, in Augenschein genommen werden, ja, alles ok. Bitteschön, hier ist Ihr Ticket, guten Flug. Danke. Wiedersehen.

Weiter geht’s. Nächste Station: Personenkontrolle. Alles Metallische ablegen, in eine Schale packen, Handgepäck dazulegen und zum Durchleuchten geben. Ich selbst trete durch den Personenscanner. Natürlich jault der auf. Tja, die Metallösen kann ich nicht von meinen Schuhen entfernen. Der Handscanner gleitet an mir auf und ab. Ok, sind wohl wirklich nur die Schuhe. Ausziehen, bitte! Oh Mann, die nehmen es aber genau. Also aufschnüren, ausziehen, nochmal scannen lassen. Ja, es sind wirklich die Schuhe, die den Scanner so erregen. Danke, das war’s. Sie können sich wieder anziehen.

Dann hab ich’s hinter mir. Ich lege alles Abgelegte wieder an, packe meine Siebensachen zusammen und gehe auf die Suche nach einem Sitzplatz im Warteraum am Gate. Halt, Ticket nicht vergessen. Das liegt noch in der Schale.

So, endlich sitzen. Aber nicht lange, denn der Flug geht erfreulicherweise pünktlich. Noch einmal wird das Ticket kontrolliert, wir gehen durch den Korridor zum Flugzeug und suchen unsere Plätze. Ein Fensterplatz ist dabei, wie schön.

Neuseeland & Singapur 2015 - Über den Wolken zwischen Berlin und Frankfurt/Main
Manchmal ist es schwer zu unterscheiden, ob das Wolken oder aber Schnee und Eis sind.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Unser Flugzeug setzt sich pünktlich in Bewegung, rollt zur Startbahn, beschleunigt und hebt ab. Jetzt sind wir wirklich unterwegs. So langsam wird’s wirklich real. Als wir kurz darauf in die dichte Wolkendecke eintauchen, ist draußen erstmal gar nichts mehr zu sehen. Ein paar Augenblicke später ist die Nebelwand, die wir vor dem Fenster zu haben schienen, verschwunden und die Sonne strahlt aus einem blauen Morgenhimmel zum Fenster herein. Unter uns sinkt die Wolkendecke immer tiefer. Bis zum Horizont ist sie völlig blickdicht, so daß von der Erde gar nichts zu sehen ist. Doch auch so ist der Ausblick interessant genug. Mal scheinen wir eine Daunendecke unter uns zu haben, dann bilden die Wolken eine völlig plane Ebene. Wenig später meint man, eine Eislandschaft unter sich zu sehen. Ein faszinierender Anblick. Schließlich reißt die Wolkendecke doch noch ein wenig auf und wir blicken auf die Erde hinab.

Als wir nach etwa 50 Minuten Flugzeit in Frankfurt am Main landen, ist es heller Tag. Wir haben zwei Stunden Aufenthalt und damit genug Zeit, zum Gate unseres Anschlußfluges zu gelangen. Dort angekommen, besichtigen wir schon mal unser Flugzeug. Ein ganz schönes Geschoß ist so ein A 380. Wenn man ihn sich so ansieht, so schwer und massiv, möchte man kaum glauben, daß dieses Flugzeug in der Lage sein soll, sich auch nur einen halben Meter vom Boden zu erheben.

Wie wir kurz darauf erfahren, müssen wir auf den Beweis, daß es das ganz ohne Probleme schafft, etwa zwei Stunden länger warten als geplant. Unsere Maschine ist aus New York mit Verspätung eingetroffen, was uns einen verlängerten Aufenthalt im Warteraum am Gate verschafft. Damit uns der nicht langweilig wird, hat sich das Personal etwas Besonderes für uns einfallen lassen. Eine Lautsprecherdurchsage bittet mich namentlich an einen der Schalter zwecks Klärung einer Formalität. Als wir dort eintreffen, müssen wir noch ein bißchen Schlangestehen, denn ich bin nicht der Einzige, den sie hier näher kennenlernen möchten. Also warten wir, bis uns einer der Beamten am Schalter zu sich winkt. Wir sind gespannt, was er will. Er läßt uns darüber auch nicht lange im Unklaren.

Nach Prüfung unserer Unterlagen ist ihm unsere Reiseplanung nicht geheuer. Ob es richtig sei, daß wir nach Auckland fliegen?
Wir bejahen.
Wir hätten aber keinen Rückflug gebucht.
Doch, aber von Christchurch.
Glücklicherweise habe ich unsere gesamte Flugplanung ausgedruckt und im Handgepäck dabei. Ich zeige sie ihm.
Er scheint weiterhin beunruhigt. Wir hätten doch aber gar keinen Flug von Auckland nach Christchurch gebucht.
Wir schauen uns an, nun unsererseits verwirrt. Warum ist das ein Problem?
Wie wir denn dann von Auckland nach Christchurch gelangen wollen, will er von uns wissen.
Meint er das ernst?
Offenbar ja. Also setzen wir ihm auseinander, daß wir auf einer Urlaubsreise sind, während der wir Neuseeland durchstreifen wollen. Ganze vier Wochen lang. Von Christchurch würden wir dann zurückfliegen.
Soso. Er ist noch nicht zufrieden. Es sei aber doch kein Flug in unserer Buchung vermerkt, der von Auckland nach Christchurch führe.
Richtig. Weil wir Neuseeland auch auf dem Land- und Seeweg durchstreifen wollen.
Es ist kompliziert.
Ob wir da was gebucht hätten.
Nein, eine genaue Planung oder Buchung haben wir dafür nicht. Wir sind quasi Rucksacktouristen. Ist das wirklich so schwer vorstellbar?
Es scheint so, denn er will es noch genauer wissen.
Wie wir denn den Weg genau zurücklegen wollen?
So langsam verliere ich die Geduld.
Per Bus, Bahn und Schiff! Vielleicht auch oder.

Die Diskussion zieht sich noch ein wenig, bis er und sein Kollege, den er zwischendurch noch hinzuzieht, überzeugt sind, daß wir nicht vorhaben, in Neuseeland zu bleiben. Am Ende sind wir für die Verspätung unseres Fluges fast dankbar, denn ohne sie hätten wir ihn nach dieser Debatte am Ende vielleicht noch verpaßt.

So aber können wir schließlich einsteigen und unsere Plätze einnehmen. Wir haben wohlweislich Gangplätze gebucht, denn bei einem 12 Stunden dauernden Flug ist Beinfreiheit um vieles mehr wert als ein Fensterplatz. Ich habe überdies das Glück, daß der Sitz neben mir freibleibt, so daß ich mehr als genug Platz habe und sogar meine Beine hochlegen kann. Beschäftigung gibt es genug, denn jeder Sitzplatz verfügt über einen eigenen Bildschirm, über den eine reichhaltige Film- und Musikbibliothek zugänglich sind. Auch Videospiele stehen zur Verfügung. Außerdem erhalten wir während des Fluges zwei Mahlzeiten, die jede auch einiges an Zeit beanspruchen. Dennoch sind zwölf Stunden nicht leicht herumzubringen, wenn man die ganze Zeit an seinem Platz sitzen muß und außer Medienkonsum nicht wirklich etwas zu tun hat.

Neuseeland & Singapur 2015 - A 380 auf dem Changi Airport Singapur
Nach der Ankunft in Singapur verabschieden wir uns von unserem Flugzeug mit einem letzten Blick.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Der Tag neigt sich dem Ende und vor den Fenstern wird es dunkel. Das Licht im Flugzeug wird gedimmt und die meisten Fluggäste richten sich zum Schlafen ein. Mir ist das allerdings nicht vergönnt, weil ich im Sitzen nicht wirklich schlafen kann. So vertreibe ich mir die Zeit mit Filmen, Musik und Lesen. Weil unser Flug in Richtung Osten geht, fliegen wir der Nacht oder der Sonne entgegen, wie man will. Aus diesem Grund fällt die Nacht mit reichlich sechs Stunden kürzer als gewöhnlich aus. Als vor den Fenstern der Tag anbricht, haben wir Singapur, unseren zweiten Zwischenstop, erreicht.

Nach so einem langen Flug erliegt man schnell der Illusion, man habe mit dem Erreichen von Singapur den größten Teil der Reise bereits hinter sich und von hier aus sei es ja nicht mehr so weit. Hält man sich jedoch vor Augen, daß man sich in Singapur immer noch auf der Nordhalbkugel befindet und die Flugzeit nach Auckland von hier aus weitere 10 Stunden beträgt, wird einem der Irrtum schnell bewußt. Glücklicherweise haben wir uns das bereits bei unserer Reiseplanung überlegt und wohlweislich beschlossen, nicht unverzüglich weiterzufliegen. Da wir jedoch auch nicht die ganzen Zoll- und Einreiseformalitäten auf uns nehmen wollen, nutzen wir ein Angebot des Changi Airport Singapur und haben uns ein Zimmer in einem Transithotel gebucht. So können wir die vierzehn Stunden bis zu unserem Anschlußflug mit einer Dusche, ein oder zwei Mützen Schlaf, einem reichhaltigen Mahl und einem Bummel über den Flughafen verbringen.

Letzteren beginnen wir im Terminal 2 im Enchanted Garden. Und verzaubert scheint er wirklich zu sein. In riesigen Glasskulpturen, die in ihrer Form an Blumenbouquets erinnern, wachsen Blumen und Farne. In flachen Teichen tummeln sich bunte Koi-Karpfen zuhauf. Und als wir auf den Pfaden und Stegen langsam durch den Garten wandeln, ertönen rings um uns die verschiedensten Laute, die man sonst nur in freier Natur zu hören bekommt. Wie uns eine Tafel verrät, werden die durch versteckte Lautsprecher zu Gehör gebracht und durch Bewegungssensoren ausgelöst.

Neuseeland & Singapur 2015 - Im Orchideengarten des Changi Airports Singapur
Der Orchideengarten im Terminal 2 des Changi Airports. Mehr als 700 Orchideen in 30 verschiedenen Arten erblühen hier.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Nicht weniger beeindruckend präsentiert sich ein Stück weiter der Orchideengarten. Mehr als 700 Orchideen in dreißig verschiedenen Arten blühen hier. Ein wahrhaft farbenprächtiger Anblick. Gruppiert sind sie nach Farben und Formen, so daß sie die vier Elemente der Natur repräsentieren: Erde, Wasser, Feuer und Luft. Dabei wird das Element Luft von weißen Orchideen repräsentiert. Seltene braune und grüne Orchideen, die auf baumartigen Skulpturen wachsen, stellen die Erde dar. Gigantische, kerzenförmige, mit Orchideen bewachsene Säulen symbolisieren das Feuer, während blaue und violette Orchideen das Wasser-Element bilden. Ich gebe zu, daß mir das beim Durchwandern des wunderschönen kleinen Areals nicht auffällt. Da bin ich nur von der Schönheit der exotischen Blüten gefangen. Ich lese es später auf der Website des Flughafens.

Unsere Wanderung durch das Terminal 2 des Changi Airport führt uns anschließend hinaus auf eine kleine Dachterrasse. Hier, im Sonnenblumengarten, erblühen eine Vielzahl kleine Sonnen. Für die tropische Wärme, die uns hier entgegenschlägt, sind sie jedoch nicht verantwortlich. Diese wird nur von einer Sonne erzeugt, und zwar von der großen über uns, die an diesem Tag ihr Bestes gibt.

Auf einer kleinen Bank halten wir eine kurze Rast und schauen den Flugzeugen auf dem Rollfeld zu. Als wir schließlich wieder ins Innere des Terminal-Gebäudes zurückkehren, wird mir erst richtig bewußt, das dieses in Gänze klimatisiert ist. Für ein paar Augenblicke kommt es mir richtig kühl vor, doch das vergeht, als ich mich an die deutlich niedrigere Innentemperatur gewöhnt habe.

Wir schlendern zur Station des sogenannten Sky Trains, einer automatischen Bahn, die die drei Terminals des Flughafens miteinander verbindet. Sie war einst das erste fahrerlose und vollständig automatisierte Personentransportsystem in Asien. Eine kurze Fahrt bringt uns hinüber zum Terminal 3, wo uns in der großen Halle ein Paar Ziegen begrüßt. Umgeben von bunten Blumen stehen sie auf einem Podest und schauen auf uns herab. Die beiden Tierskulpturen weisen unmißverständlich auf das am 19. Februar beginnende chinesische Jahr der Ziege hin.

Neuseeland & Singapur 2015 - Im Schmetterlingsgarten des Changi Airports Singapur
Im Schmetterlingsgarten im Terminal 3 des Changi Airports Singapur leben zwischen 30 und 40 Schmetterlingsarten.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Unser Ziel ist der Schmetterlingsgarten – der erste der Welt, der sich in einem Flughafen befindet. Es handelt sich dabei um ein kleines tropisches Habitat mit einem kleinen Wasserfall. Hier leben zwischen dreißig und vierzig Schmetterlingsarten, von denen zahlreiche Exemplare um uns herumflattern. Mit etwas Geduld können wir sie, als sie sich auf die Zweige der hier gedeihenden Pflanzen setzen, aus allernächster Nähe in Augenschein nehmen.

Gerne hätten wir uns noch mehr der zahlreichen Attraktionen des Changi Airports angesehen. Verschiedene weitere Gärten mit Kakteen, Wasserlilien und zu Skulpturen geformten Bäumen sind neben Spas, Kinos und natürlich zahlreichen Geschäften nur einige der vielen Möglichkeiten, mit deren Hilfe man sich im Transitbereich dieses riesigen Flughafens die Zeit vertreiben kann. Doch inzwischen ist der Abend unseres zweiten Reisetages nähergerückt, und mit ihm auch der Startzeitpunkt unseres nächsten Fluges. Glücklicherweise sind wir im Terminal 3 bereits am richtigen Ort, so daß wir nur noch unser Gate finden müssen. Das ist aufgrund der exquisiten Beschilderung überhaupt kein Problem, und so sitzen wir alsbald wieder in einem Warteraum, bis unser Flug aufgerufen wird und wir an Bord des nächsten A 380 gehen.

Kurz vor 21 Uhr und damit ganz pünktlich lösen wir uns vom Terminal, starten und fliegen in die Nacht hinein. Nun bin ich über die wenigen Stunden Schlaf, die ich im Transithotel genießen konnte, mehr als froh, denn mir steht ein weiterer Film- und Musikmarathon bevor. Auf dem kleinen Monitor an meinem Platz werfe ich zwischendurch immer wieder einen Blick auf die Flugroute. Als wir Australien überfliegen, graut nach etwa sieben Stunden Flug vor den Fenstern langsam der Morgen und wir steuern auf Brisbane zu. Ein wenig fühlt es sich wie ein Wiederkommen an, denn hier war auf unserer vorangegangenen Australienreise unser erstes Ziel. Diesmal geht es jedoch noch ein ganzes Stück weiter, und so fliegen wir auf’s Meer hinaus.

Dann sind wir erst einmal abgelenkt, denn es gibt Frühstück. Als wir unsere Aufmerksamkeit schließlich wieder dem Fluggeschehen zuwenden können, haben wir bereits mit dem Anflug auf Auckland begonnen. Vor den Fenstern präsentiert sich uns bestes Wetter. Zwar tummeln sich zahlreiche Wolken im Blau des Himmels, von denen viele noch unter uns schweben, doch bieten sich uns genügend Möglichkeiten, Blicke auf den unter uns liegenden Planeten zu werfen. Wir gehen tiefer und tiefer und sehen doch nur Wolken und Wasser unter uns.

Neuseeland & Singapur 2015 - A 380 auf dem Flughafen Auckland
Nachdem wir in Auckland gelandet sind, werfen wir einen letzten Blick auf unser Flugzeug. 23 Stunden reine Flugzeit liegen hinter uns.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015), Lizenz: Creative Commons BY-NC-CD 2.0.

Als ich schon anfange zu glauben, wir würden diesmal auf der Meeresoberfläche landen,  taucht endlich doch ein Küstenstreifen zwischen den Wolken auf. Vor uns liegt Aotearoa. In der Sprache der Maori, Neuseelands Ureinwohner, bedeutet dies Land der langen weißen Wolke. Eine mündlich überlieferte Legende der Maori erzählt, daß die Tochter des Entdeckers Kupe, als sie am Horizont etwas Weißes entdeckte, „He ao!“ ausgerufen haben soll – „Eine Wolke!“ Sie hatte die Great-Barrier-Insel entdeckt, die die Maori bis heute Aoteo – Weiße Wolke – nennen. Als sie hinter dieser Insel eine weitere, um vieles größere Landmasse vorfanden, gaben sie dieser den Namen Aotea Roa.

Als unser Flugzeug auf der Landebahn des Flughafens von Auckland aufsetzt, sind nun auch wir hier angekommen. Das Abenteuer beginnt.

Der Hinflug in Bildern

Gedanken zum Jahresende…

Silvesterabend. 2016. Wieder neigt sich ein Jahr dem Ende.

Im Glas, das auf meinem Schreibtisch steht, funkelt der Rotwein im Schein der Lampe neben mir. In Gedanken lasse ich die zurückliegenden zwölf Monate Revue passieren. Ein ruhiger Jahresausklang. Leise und besinnlich.

Die Party lasse ich dieses Mal aus. Keine Lust auf Lärm, Partyspiele und Alkohol. Draußen feuern sie schon ihre Böller ab. Es knallt und rumst, blitzt und prasselt immer wieder vor meinem Fenster.  Davon lasse ich mich jedoch nicht stören. Mein Fall war es sowieso nie. Ich erinnere mich noch, wie ich das als Kind unbedingt mal ausprobieren wollte. Wochenlang habe ich meinen Eltern in den Ohren gelegen, bis sie sich schließlich breitschlagen ließen und Geld in ein paar Raketen und Knaller investierten. Den ganzen Tag war ich aufgeregt, und als es endlich Abend war, gingen meine Eltern und ich hinunter auf die Straße. Die Knaller waren zuerst dran – ich durfte sie werfen. Es rumste, das war’s. Ich weiß noch, daß ich das nicht sonderlich beeindruckend fand. Da sie nun aber mal da waren, zündete ich unter Aufsicht meiner Eltern einen nach dem anderen an und warf sie davon. Bumm und aus. Dann kamen die Raketen an die Reihe. Mein Vater stellte eine in eine eigens dafür mitgebrachte Flasche, zündete sie an und trat zurück. Die Lunte brannte, dann zischte es laut und die Rakete sauste in den Nachthimmel. Ich folgte ihr mit den Augen, bis sie weit oben zerplatzte. Funken in bunten Farben stoben auseinander. Hübsch sah’s ja aus, doch schnell waren sie wieder verloschen. Kurze Zeit darauf war ein Knall zu hören. Fragend sah ich meinen Vater an. Das war’s? Er nickte. Hm. Als wir alle Raketen verschossen hatten, verspürte ich kein großes Bedauern, daß es vorbei war.

Das war das erste und auch das letzte Silvester, an dem ich mich mit Knallkörpern und Raketen abgab. Mag sein, daß die damaligen Raketen nicht so ausgefeilt waren wie heute. Es waren ganz sicher auch nicht die Teuersten. Und dennoch: wenn ich seitdem Silvester die Knallerei beobachtete, verspürte ich nie mehr den Wunsch, selbst dabei mitzutun. Also sollen sie auch in diesem Jahr ohne mich auskommen. Ich bin sicher, sie werden mich dabei nicht vermissen.

Da sitze ich nun also und denke über das vergangene Jahr nach. Es gab viel Schönes und nur wenig, auf das ich gerne verzichtet hätte. Zu letzterem gehören Enttäuschungen, die es im Leben immer wieder gibt, auch wenn man sich noch so sehr wünscht, sie vermeiden zu können. Ich spreche dabei nicht von solchen, die man durchlebt, weil etwas nicht so geschehen ist, wie man es sich erhoffte, oder weil man etwas nicht erhielt, nach dem es einen doch so sehr verlangte. Die sind harmlos und gewissermaßen materiell. Derartige Enttäuschungen tun nicht wirklich weh und gehen meist schnell vorüber.

Schwerer wiegen Enttäuschungen, die man von Menschen aus seinem Umfeld erfährt – weil sie sich nicht so verhalten haben, wie man es von ihnen erwartet hat, oder weil sie etwas getan haben, was man ihnen nicht zutraute. Das kann weh tun, vor den Kopf stoßen und auch verletzen. Das Einfachste wäre es dann, wenn man ihnen aus dem Weg ginge. Doch das ist nicht immer möglich. Wie aber geht man dann damit um?

Was mir dabei geholfen hat, war die Erkenntnis, daß eine Enttäuschung oft zwei Beteiligte hat, die für sie verantwortlich sind – und der eine ist man selbst. Man selbst hat zu ihrem Entstehen beigetragen, indem man sich einer falschen Vorstellung des Anderen hingegeben hat. Man hat sich gegebenenfalls eine Illusion gebaut und vom Anderen erwartet, daß er ihr entspricht. Wenn er das dann nicht tut, so ist man daran zu einem guten Teil auch selbst schuld. Zumindest sollte man sich die Frage stellen, ob das nicht der Fall sein könnte – und man sollte sie sich selbst gegenüber so ehrlich wie nur irgend möglich beantworten.

Ebenfalls hilfreich fand ich eine Sichtweise, die sich eigentlich aus dem Wort Enttäuschung selbst ergibt. In ihm steckt nämlich durchaus auch etwas Positives, denn wörtlich genommen bedeutet eine Ent-Täuschung, daß man einer Täuschung, einer Illusion entledigt wurde. Das mag sich im Einzelfall durchaus schmerzhaft anfühlen, denn wenn Illusionen platzen, tun sie das mit lauten Knall – das haben sie wohl mit Luftballons gemein… Und doch ist es etwas Gutes, wenn man der Illusion nicht mehr nachhängt, sondern stattdessen nun klar sieht. Und wenn man durch das Handeln des Anderen nicht zu sehr verletzt wurde, kann es einem ermöglichen, sich besser auf die andere Person einzustellen. Und es kann eine Chance sein –  für einen ehrlicheren Umgang miteinander.

Wenn mir 2016 nur diese eine Sichtweise bescherte, dann hat es sich schon gelohnt.