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Keine Angst

Vorbei. Aus. Vorüber.

An jedem Jahresende, am Silvesterabend, ist es mir mittlerweile eine liebe Tradition geworden, mich entgegen dem allgemeinen Treiben meiner Mitmenschen zurückzuziehen und ein wenig innere Einkehr zu halten, zu reflektieren, was war, darüber nachzudenken, was ist, und die eine oder andere Vorstellung zu entwickeln, wie es im neuen Jahr weitergehen soll, mir zu überlegen, was ich ändern möchte, aber auch, was ich beibehalten oder weiterentwickeln will. Und so sitze ich auch jetzt wieder bei einem guten Glas Wein im Schein einer kleinen Lampe und denke über dieses vergangene Jahr nach.

Der erste Gedanke, der mir in den Sinn kam, als ich diesen Text begann, steht gleich an seinem Anfang.

Vorbei. Aus. Vorüber.

Und auch, wenn ich versucht bin, noch ein „Endlich!“ hinterherzudenken, tue ich es nicht. Denn das Jahr mag zu Ende gegangen sein. Die aktuelle Situation ist es nicht.

Dieses Jahr 2020, es hat mich in mehrfacher Weise sprachlos gemacht. Unmittelbar ablesen kann ich das schon allein daran, daß dieser kleine Jahresendtext unmittelbar auf den des vorigen Jahres folgt.

Doch was soll ich zu diesem Jahr denn auch sagen. Daß ich zu seinem Beginn nie und nimmer damit gerechnet hätte, daß es so verlaufen würde, wie es verlaufen ist? Eine Binsenweisheit. Wer hätte das denn? Hätte ich jedes Mal auch nur einen Cent erhalten, wenn in diesem Jahr jemand einen Satz mit den Worten „Hätte mir vor einem Jahr jemand gesagt, daß heute…“ in meiner Gegenwart begonnen hat oder ich einen solchen gelesen habe, ich wäre mittlerweile steinreich.

Was gäbe es denn sonst über 2020 und die aktuelle, weiter andauernde Situation zu sagen, was nicht irgendwer im Laufe des Jahres irgendwann einmal schon geäußert hat? Mir fällt nichts ein. Nach meinem Eindruck ist es so, wie Karl Valentin es einst formulierte:

Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen.

Da muß ich nicht auch noch mittun. Und ich will es auch nicht, denn es brächte nur sinnlose Aufregung. Und so denke ich lieber darüber nach, was mir dieses Jahr ganz persönlich an Erkenntnissen beschert hat.

Angst ist kein guter Ratgeber.

So sagt es ein Sprichwort. Momentan haben alle Angst. Aber jeder vor etwas anderem. Vor einem Virus. Vor dem Tod. Vor den Maßnahmen dagegen. Vor dem Zerfall der Gesellschaft. Vor was weiß ich. Auch mir ist Angst in diesem Jahr nicht fremd geblieben. Nun ist Angst an sich ja ein gutes und wichtiges Gefühl in einer konkreten Gefahrensituation, denn es hält uns davon ab, leichtsinnig zu agieren, und bringt uns dazu, auf unsere Sicherheit bedacht zu sein. Es ist jedoch ein völlig kontraproduktives Gefühl, wenn es zum Dauerzustand wird. Wenn es sich zur Panik steigert. Aus welchem Grund auch immer.

Und so bemühe ich mich nun aktiv, die Angst loszulassen. Das schreibt sich einfacher, als es ist.

Was dabei auf jeden Fall hilft, ist die Einschränkung des Medienkonsums. Nicht mehr jeden Tag auf irgendwelche Zahlen, R- und sonstige Werte und Diagramme mit auf- und absteigenden Kurven (je nachdem, wer sie gerade wieder zu welchem Zweck veröffentlicht) starren, nicht mehr jeden Tag irgendwelche Meinungsartikel studieren, die entweder wilde Szenarios totalitärer Zukunftsaussichten entwerfen oder die neuesten Maßnahmen anpreisen, nicht mehr jeden Tag die neuesten Horrorschlagzeilen lesen, nicht mehr jeden Tag nachsehen, was gerade bei Twitter oder sonstwo trendet oder wer wieder wen wegen irgendwas beschuldigt oder beleidigt – all das mal für eine gewisse Zeit einfach wegzulassen, ist ungemein befriedend. Und so verzichte ich zeitweise ganz auf Medien und nehme eine komplette Auszeit.  Das sorgt schon mal für eine angenehme Stille. Eine Stille, in der ich die eigenen Gedanken und das eigene Befinden überhaupt erst einmal wieder wahrnehmen kann, in der ich wieder zu mir selbst komme. Im eigenen Kopf ist schon genug Geplapper der Gedanken vorhanden, das muß die mediale Dauerbeschallung nicht noch verstärken.

Dazu beschäftige ich mich mit Dingen, die dazu einen direkten Gegenpol bilden – lebensbejahend sind. Rauszugehen in die Natur – wie erholsam, belebend, anregend das ist, das habe ich in diesem Jahr regelrecht neu entdeckt. Verwunderlich? Nun, ich bin Softwareentwickler. Da ist man nicht soviel unterwegs. Tatsächlich habe ich mich nun aber wohl noch nie soviel bewegt wie in den letzten Monaten. Unterwegs zu sein, mit dem Rad oder zu Fuß, das macht mir richtig Spaß. Und wenn ich mittlerweile nicht mindestens eine Wanderung oder wenigstens einen ausgedehnten Spaziergang – besser zwei – in der Woche unternommen habe, dann fehlt mir was. Daß das Immunsystem und damit die Gesundheit dadurch gestärkt beziehungsweise gefördert werden, ist ein mehr als angenehmer Seiteneffekt. Und wenn der Weg vor die Stadt und in den Wald doch mal zu weit ist, dann geht das auch in der Stadt. Und so fühle ich mich, auch wenn ich in diesem Jahr praktisch nicht mehr im Fitneßstudio war, körperlich beweglicher und wohler denn je. Den Vertrag hab ich gekündigt.

Überhaupt sind aktive Hobbies, bei denen man in irgendeiner Form, ob körperlich wie beim Wandern oder geistig wie beim Schreiben, tätig ist, auch ein hilfreiches Mittel, wie ich selbst feststellen konnte. Für meine Website Anderes.Berlin sind auf diese Weise in diesem Jahr soviele Beiträge entstanden wie noch nie zuvor. Dafür ist mein Konsum über Streamingdienste – das Fernsehen hab ich ja schon vor Jahren für mich abgeschafft – an Filmen und Serien praktisch auf knapp über Null gesunken. Mir fehlte plötzlich völlig das Interesse dafür. Das Netflix-Abo hab ich auch gekündigt.

Was dieses Jahr mir auch eindrücklich gezeigt hat, ist die Tatsache, daß man Menschen in einer Krise erst so richtig kennenlernt. Das kann zu sehr guten Erfahrungen führen, aber leider auch zu mitunter schmerzhaften Enttäuschungen. Doch wie ich schon einmal 2016 nach einer ähnlichen Erfahrung feststellen konnte, kann beim Umgang damit eine Sichtweise helfen, die sich aus dem Wort Enttäuschung selbst ergibt:

In ihm steckt nämlich durchaus auch etwas Positives, denn wörtlich genommen bedeutet eine Ent-Täuschung, daß man einer Täuschung, einer Illusion entledigt wurde.

Wichtig ist dann allerdings auch, die guten Erfahrungen besonders zu schätzen und sich für die Menschen, denen man sie verdankt, weiter zu öffnen. Denn nichts ist wichtiger bei der Überwindung von Angst als Gemeinschaft mit Menschen, die einem lieb und teuer sind.

In diesem Sinne hoffe ich darauf, daß das neue Jahr 2021 ein besseres und für uns alle angstfreieres Jahr wird als das alte, mittlerweile vergangene 2020. Ich wünsche es Euch und nicht zuletzt auch mir selbst.