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Wie man Budapest kennenlernt

Dieser Beitrag ist Teil 2 von 2 der Beitragsserie "Eine Reise nach Budapest 2025"

Am Morgen meines ersten vollständigen Tages in Budapest mußte ich glücklicherweise keinen Zug erreichen. Ich war ja bereits da. Nach dem langen Vortag, den ich im wesentlichen sitzend und über Schwellen ratternd verbracht hatte, schien mir das ein durchaus erfreulicher Gedanke zu sein. Jetzt war ich wirklich im Urlaub angekommen und konnte mich auf den Weg machen, ohne daß ein Fahrplan oder sonst etwas darüber bestimmte, wann ich wo zu sein hatte.

Viel hatte ich mir zunächst gar nicht vorgenommen. Das Gefühl, angekommen zu sein, ein erster Eindruck, ein Überblick – das sollte für heute alles sein, was ich erstrebte. Und so wollte ich vom Hotel zur Donau hinuntergehen, mich unterwegs ein wenig umschauen und mich wieder mit der Stadt vertraut machen, die mir in meiner Kindheit für einige Zeit liebe Heimat gewesen war. Für einen Spaziergang klang das nach einem überschaubaren Programm. Allerdings hatte ich dabei weder berücksichtigt, wie sich Pläne durch unverhoffte Umstände ändern konnten, noch daran gedacht, wie viele Dinge zwischen meinem Hotel und der Donau standen, die sich keineswegs damit zufriedengeben würden, daß ich einfach so an ihnen vorüberging.

Schon das erste befand sich praktisch vor meiner Haustür.

Ungarische Staatsoper in Budapest
Die Staatsoper am Morgen. Ein Anfang, bei dem es sich durchaus lohnt, stehenzubleiben.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Das „K+K Hotel Opera Budapest“ trug, wie ich bereits wußte, seinen Namen nicht ohne Grund. Von seinem am nordöstlichen Ende der Révay utca gelegenen Eingang waren es nur wenige Schritte bis zur Ungarischen Staatsoper an der Andrássy út. Dieses 1884 eröffnete Haus war ein Werk Miklós Ybls, eines jener Architekten, deren Namen einem bei der Beschäftigung mit Budapest immer wieder begegnen. Heute würde das nicht das letzte Mal sein.

Ich nahm mir einen Augenblick Zeit, mir das Opernhaus in Ruhe anzusehen. Rundbögen, Säulen, Balustraden, Figuren – die Fassade hatte einiges aufzubieten. Das Gebäude schien sich seiner Bedeutung durchaus bewußt zu sein. Wobei es damit an dieser Straße keineswegs allein stand, wie ich noch sehen würde. Ein in der Baustilkunde einigermaßen Bewanderter dürfte die Renaissance-Elemente in der Gestaltung des Musentempels sofort erkennen. Und ihm würde auch sofort klar sein, daß die Entstehungszeit des Baus eine wirkliche Zugehörigkeit zu dieser Kunstepoche ausschloß, so daß man hier von Neorenaissance zu sprechen hatte – einem der Stile, die im Zuge des Rückgriffs auf historische Baustile in der Zeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts populär waren.

Ich muß gestehen, daß mir das in dem Moment, als ich andächtig das Gebäude studierte, natürlich nicht so klar und präsent vor Augen stand und ich dazu erst einmal einiges nachlesen mußte. Was mir aber sofort auffiel, war der deutliche Unterschied zur mir bestens bekannten Berliner Staatsoper, die, obwohl etwa einhundertfünfzig Jahre früher im Stil des Palladianismus errichtet, beim Betrachter einen deutlich strengeren und ernsteren Eindruck hinterläßt als das Opernhaus, dem ich mich hier gegenübersah. Man könnte sagen, die Berliner Oper verkörpert preußische Nüchternheit, während die hiesige künstlerische Verspieltheit an den Tag legt. Ihr überaus reichhaltiger Fassadenschmuck stellt sie unmittelbar in die Tradition der europäischen Musikgeschichte. So stehen auf der oberen Balustrade die Figuren bedeutender Komponisten verschiedener Zeiten, darunter Berühmtheiten wie Wolfgang Amadeus Mozart, Ludwig van Beethoven, Michail Iwanowitsch Glinka, Richard Wagner und Giuseppe Verdi, Pjotr Iljitsch Tschaikowski und Bedřich Smetana. Diese Statuen sind allerdings nicht mehr die, welche zu seiner Eröffnung das Gebäude zierten. Aus weichem Kalkstein bestehend, verwitterten jene über die Zeit so stark, daß im Jahre 1939 schließlich eine der Statuen herabstürzte, woraufhin man konsequent alle Figuren entfernte. Fast dreißig Jahre mußte das Opernhaus anschließend ohne sie auskommen. Erst im Dezember 1966 stellte man neue Figuren auf. Allerdings änderte man dabei die Auswahl der dargestellten Komponisten. Nach wie vor original sind jedoch die beiden sitzenden Figuren in den jeweiligen Nischen neben dem Haupteingang. Geschaffen von Alajos Strobl – ein weiterer Künstler, dessen Werken ich heute noch des öfteren begegnen sollte -, verkörpern sie die Komponisten Franz Liszt und Franz Erkel, die auf ungarisch Ferenc Liszt und Ferenc Erkel heißen. Beide Komponisten saßen dem Bildhauer persönlich Modell.

Doch die Fassade des Opernhauses hat dem interessierten Betrachter nicht nur Komponisten als Kunstbezug zu bieten. Die Arkaden im Obergeschoß werden durch Darstellungen der vier Musen geschmückt, die die im Opernhaus zusammenkommenden Kunstformen Dichtung, Gesang, Tanz und Schauspiel verkörpern. So blicken an der Vorderseite des vorspringenden Mittelteils Erato, die für Liebeslyrik und Gesang zuständig ist, und Terpsichore, die den Tanz und Chorgesang repräsentiert, auf den Betrachter herab. An den seitlichen Flächen werfen ihm Thalia, die Komödie, und Melpomene, die Tragödie, ihre Blicke zu.

Nachdem ich auch die Damen ausreichend gewürdigt hatte, machte ich mich auf den Weg die Andrássy út entlang. Hier boten sich auch die anliegenden Häuser zur Betrachtung an. Schräg gegenüber der Oper trugen am Wahrmann-Palast zwei steinerne Frauen einen Balkon mit steinerner Balustrade. Karyatiden nennt man solche Figuren, die von der Architektur zur dauerhaften Mitarbeit herangezogen werden, der sie nie entrinnen dürfen. Sie waren bereits meine zweite Begegnung mit dem Werk von Alajos Strobl. Ein reich verziertes zweiflügeliges Portal flankierend, halten sie Kränze in ihren Händen, die sie trotz ihrer tragenden Rolle frei haben, obwohl sie diese bereits seit fast hundertfünfzig Jahren spielen. Das Gebäude wurde nämlich in den Jahren 1882 bis 1884 nach den Plänen des Architekten Vilmos Freund errichtet.

Karyatidenportal am Wahrmann-Palast
Frauen in tragender Rolle. Zwei Karyatiden am Wahrmann-Palast in der Andrássy út.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Ein paar Meter weiter ging es auf der anderen Straßenseite weiter oben ähnlich reich verziert zu. Die obere Fassadenpartie des zwischen 1883 und 1884 ebenfalls nach Plänen von Vilmos Freund im Stil der Neorenaissance errichteten Ullmann-Palasts an der Ecke Andrássy út und Káldy Gyula utca wird von Figurengruppen, ornamentalen Reliefs und Säulen mit korinthischen Kapitellen geschmückt. Eine steinerne Balustrade bildet den oberen Abschluß. Der stahlblaue, wolkenlose Himmel bot den sonnenbeschienenen Gebäuden einen herrlichen Kontrast.

Zurück auf der linken Straßenseite, erwarteten mich am Saxlehner-Palast schließlich zwei geflügelte Fackelträger.

Portal des Saxlehner-Palasts
Wenn schon eine Haustür, dann bitte mit angemessener Begleitung – das Portal des Saxlehner-Palasts.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Sie flankieren eine reich verzierte zweiflügelige Holztür, in der ornamentale Metallgitter die Türfelder und das halbkreisförmige Oberlicht schmücken. Jede der beiden figürlich gestalteten Wandleuchten stellt einen bärtigen, geflügelten Mann dar, der mit beiden Händen eine reich verzierte Fackel hält, deren Leuchtkörper einer Flamme nachgebildet ist. Der Unterkörper geht in einen geschwungenen, ornamental verzierten Wandhalter über.

Ich war erst wenige Meter weit gekommen, und hatte doch bereits das Gefühl, viel Sehenswertes entdeckt und vermutlich ebensoviel bereits verpaßt zu haben. Es gibt Städte, in denen man nach Sehenswürdigkeiten förmlich suchen muß. Hier in Budapest schien eher die Frage zu sein, wann ich mit dem Schauen aufhören sollte, um auch einmal weiterzukommen.

Am Saxlehner-Palast hatte ich das südwestliche Ende der Andrássy út erreicht und stand nun an der großen Kreuzung, an der dieser bedeutende Boulevard auf die mir bereits bekannte Bajcsy-Zsilinszky út trifft. Von hier aus konnte ich mein nächstes Ziel bereits sehen. Groß und mächtig überragte die Kuppel der St.-Stephans-Basilika zu meiner Rechten die Dächer der umliegenden Häuser.

Diese große Kirche, die nach dem ersten ungarischen König benannt ist, gehört zu den Bauwerken, die man in Budapest kaum übersehen kann. Ihre Kuppel erhebt sich sechsundneunzig Meter über die Stadt, womit sie nur knapp von der des Berliner Doms geschlagen wird – die ist achtundneunzig Meter hoch. Interessant ist schon die Baugeschichte dieser Kirche. Die Bauarbeiten begannen im Jahre 1851 nach Plänen von József Hild. Aufgrund der Nähe der Donau gestaltete sich der Bau schwieriger als zunächst gedacht, denn man stellte schnell fest, daß für eine Kirche von der geplanten Größe die Fundamente wegen des Untergrunds wesentlich größer dimensioniert werden mußten, als man sich das vorher vorgestellt hatte. Man plante neu und grub schließlich einen Keller, der ganze drei Stockwerke tief war, was nahezu der Größe der darüberliegenden Kirche entspricht. Nachdem Hild im Jahre 1867 verstorben war, übernahm Miklós Ybl die Leitung. Seinem Werk war ich bereits am Anfang meines heutigen Spaziergangs an der Staatsoper begegnet. Er hatte noch kaum mit seiner Arbeit begonnen, da stellte er fest, daß sich die bereits errichtete Kuppel in ernster Gefahr befand. Unterschiedlich belastbares Steinmaterial und eine ungünstige Lastverteilung hatten die Konstruktion geschwächt, so daß der Einsturz drohte. Ybl veranlaßte umgehend Sicherheitsmaßnahmen, konnte jedoch die Katastrophe nicht verhindern. Die Kuppel und ihr Unterbau brachen am 22. Januar 1868 zusammen. Das Unglück machte umfangreiche Abbrucharbeiten und eine weitere Überarbeitung der Pläne notwendig. Die heutige Kuppel ist also das Ergebnis dieses zweiten Anlaufs. Ybl nutzte diese Gelegenheit, der Kirche ihre prägende Gestaltung im Stile der Neorenaissance zu geben. Unter seiner Leitung gedieh der Bau, doch als er 1891 starb, war dieser noch immer nicht fertig. So kam die Kirche zu ihrem dritten Architekten. József Kauser leitete die abschließende Innenausstattung und die künstlerischen Arbeiten. Schließlich konnte im Jahre 1905 die Kirche geweiht werden – nach vierundfünfzig Jahren Bauzeit.

Angesichts dieser interessanten Historie hatte ich heute natürlich nicht vor, die Basilika ausschließlich von außen zu betrachten. Doch wenn ich geglaubt hatte, ich könnte einfach zur Kirche hinüber und um sie herum zum nach Westen gewandten Haupteingang am Szent István tér gehen und sie durch diesen dann betreten, so sah ich mich getäuscht. Die ersten beiden Schritte waren natürlich noch ohne Probleme möglich. Am dritten scheiterte ich jedoch, denn das Hineinkommen war gar nicht so einfach.

Meiner Erfahrung nach lassen sich heutige Kirchen in vier Gruppen einteilen. Die erste Gruppe ist die uninteressanteste. Es sind die Kirchen, die man nie besuchen kann, es sei denn, man ist Mitglied der Gemeinde. Außerhalb von Gottesdiensten und anderen kirchenbezogenen Veranstaltungen sind sie immer geschlossen. Die zweite Gruppe ist mir die liebste. Sie wird von jenen Gotteshäusern gebildet, die interessierten Besuchern stets offenstehen, so daß man einfach hineingehen und sie besichtigen kann. Oder Andacht halten, wenn man das möchte. Die dritte Gruppe wird von den sogenannten scheinoffenen Kirchen gebildet. Ihre Tür ist immer unverschlossen, man darf eintreten, gelangt aber maximal bis zu einem Gitter oder einer Glaswand, von der aus man in den Kirchenraum blicken kann, ohne ihn jedoch betreten zu dürfen. Besichtigung und Andacht sind trotz der einladend offenen Kirchentür nicht möglich. Die vierte und letzte Gruppe versammelt die Gotteshäuser, die einem Besucher den Zutritt zwar gewähren, ihm dafür jedoch einen nicht unerheblichen Geldbetrag abverlangen. Einfach hineingehen und Andacht halten – das ist hier offenbar nicht vorgesehen.

Wie ich, nun vor dem Eingang stehend, schnell feststellte, gehörte die St.-Stephans-Basilika eindeutig zur vierten Gruppe. An den Türen standen Kontrolleure, denen jeder Besucher ein gültiges Eintrittsticket vorweisen mußte, um von ihnen in das Gotteshaus eingelassen zu werden. Was ich jedoch nirgends entdeckte, war ein Verkaufsstand, an dem ich so ein Ticket erwerben konnte.

Da ich jedoch nicht vorhatte, so einfach aufzugeben, fragte ich kurzerhand einen der Kontrolleure, wo der Erwerb der von mir begehrten Eintrittskarte denn möglich sei. Ohne das stets wachsame Auge von den an uns weiter vorbeiströmenden Besuchern und den Tickets in ihren Händen abzuwenden, bedeutete er mir knapp, mich zur südlichen Seite des Szent István térs zu begeben, denn dort sei das Ticket-Verkaufsbüro zu finden.

Gesagt, getan. Ich bedankte mich freundlich für die Auskunft und begab mich unverzüglich zum genannten Ort. Es fiel mir nicht schwer, die Verkaufsstelle, die sich in einem der den Platz säumenden Häuser befand, zu finden. Sie war ohne Schwierigkeiten an der langen Schlange Wartender zu erkennen, in die auch ich mich nun einreihte. Glücklicherweise blieb die Wartezeit sehr moderat, was der Tatsache zu danken war, daß man sich offenbar auf die große Zahl interessierter Besucher eingestellt und mehrere Verkaufsschalter eingerichtet hatte, so daß der Ansturm einigermaßen schnell bewältigt werden konnte. Es dauerte nicht einmal zwanzig Minuten, da hielt ich meine Tickets in den Händen, die mich nun dazu berechtigten, sowohl das Kircheninnere als auch den Kuppelumgang zu besuchen. Geschäftstüchtig war man hier jedenfalls. Warum nur eine Attraktion verkaufen, wenn man den Besuchern stattdessen auch Geld für mehrere abnehmen kann.

So ging ich denn hinein.

Was mir sofort auffiel – man kann es auch von außen schon erkennen, aber da hatte ich noch nicht darauf geachtet -, war, daß die Kirche in ihrem Grundriß keineswegs dem klassischen Bautyp einer länglichen Basilika entspricht. In der Tat geht ihre Bezeichnung auf den päpstlichen Ehrentitel der „Basilica minor“ zurück, den sie im Jahre 1931 erhielt. Und wenn wir schon bei Titeln sind: seit 1993 ist die St.-Stephans-Basilika außerdem Mitkathedrale des Erzbistums Esztergom-Budapest, also Bischofssitz. Sie dürfte also mit Fug und Recht auch als St.-Stephan-Kathedrale bezeichnet werden.

Was ich uneingeschränkt zugestehen muß, ist die Tatsache, daß ich für die umgerechnet etwa 17,50 € Eintritt eine ganze Menge zu sehen bekam. Der Innenraum bot mit seinen Mosaiken, Altären, Skulpturen und der großen Orgel reichlich Anlaß, den Gang durch die Kirche langsam anzugehen. Ich blickte von unten in die reich geschmückte Hauptkuppel der Basilika hinauf, die vollständig mit herrlich farbenprächtigen Mosaiken ausgekleidet ist, die nach Entwürfen von Károly Lotz geschaffen wurden und in deren Zentrum Gottvater höchstpersönlich thront, umgeben von zahlreichen biblischen Figuren. Rundbogenfenster erhellen die Kuppel nicht nur, sondern teilen sie gemeinsam mit vergoldeten Ornamenten in einzelne Bildfelder. Farbige Wandfelder leiten über zu den mit Rosetten verzierten Gewölbebögen, die den Kirchenraum in alle vier Richtungen an die Kuppel anschließen. Die Zwickel zwischen den tragenden Bögen zeigen herrlich detaillierte, farbenfrohe Darstellungen der Evangelisten.

Der Hochaltar ist ein meisterhaftes Kunstwerk für sich. Unter einem von Säulen getragenen Baldachin steht die Marmorstatue des heiligen Königs Stephan, wieder ein Werk Alajos Strobls. Auf der Spitze des Baldachins befindet sich der Erzengel Gabriel mit der Heiligen Krone. Vor all dem steht der separate Altartisch. Der umgebende Chorraum ist geschmückt mit vergoldeten Ornamenten und lateinischen Inschriften sowie Reliefs, die Szenen aus Stephans Leben zeigen. Und als wäre das noch nicht genug, schmücken über all dem nach Entwürfen von Gyula Benczúr ausgeführte Mosaiken die Halbkuppel des Chors.

Als ich mich umdrehte, fiel mein Blick auf die große Orgel, die auf der Empore über dem Eingang steht und nicht einfach nur ein Musikinstrument ist, sondern ebenfalls ein wunderschönes Kunstwerk. Das 1905 von der Werkstatt József Angster und Sohn gebaute Instrument besitzt einen reich verzierten Prospekt mit vergoldeten Ornamenten, gestaffelten Pfeifenfeldern und seitlichen Rundtürmen. Darüber fällt Licht durch ein großes Rundbogenfenster und taucht die Orgel in einen hellen Schein – auch etwas, das man in Kirchen nicht alle Tage sieht. Vergoldete Kapitelle und die ornamentale Gestaltung des Gewölbes setzen die Orgelempore in einen passenden Rahmen.

Die Kunstfertigkeit der Innenausstattung der Basilika setzt sich im Kirchenraum selbst fort. Das Kirchengestühl, der geometrisch gemusterte Steinboden, die rötlichen Säulen, vergoldeten Kapitelle und wieder die reich verzierten Gewölbebögen schaffen ein Erscheinungsbild, das zwar prunkvoll, doch keineswegs überladen wirkt, wie es manchmal in Barockkirchen der Fall ist. Mir kam eher das Wort „erhaben“ in den Sinn, als ich nach einer Beschreibung für den Eindruck suchte, den der wunderschöne Innenraum dieser Basilika bei mir hinterließ.

Fast ist es ein wenig müßig zu erwähnen, daß sich die Seitenaltäre in diese Atmosphäre nahtlos einfügten. Der Marienaltar präsentiert in seinem Zentrum ein schönes Gemälde von Gyula Benczúr, das den heiligen König Stephan zeigt, wie er der Maria mit dem Jesuskind die ungarische Krone darbietet. In muschelförmigen Nischen flankieren zwei Marmorstatuen das Altarbild: links steht der heilige Emmerich von Ungarn, Sohn Stephans I., geschaffen von Sándor Boldogfai Farkas, und rechts die heilige Margareta von Ungarn, Tochter König Bélas IV., geschaffen von Béla Ohmann.

Dem Marienaltar gegenüber steht der Heilig-Kreuz-Altar. Sein zentrales Gemälde, gemalt von Gyula Stetka, zeigt Christus am Kreuz. In den seitlichen Muschelnischen stehen Marmorstatuen des heiligen Franz von Assisi und des heiligen Aloisius von Gonzaga, beide geschaffen von Alajos Strobl. Unter dem Gemälde befindet sich ein vergoldeter Tabernakel, der von zwei wunderschönen knienden Engelsfiguren aus Bronze gesäumt wird.

Ergänzt wird die Ansammlung erhabener Kunstwerke von drei großen Skulpturen an den vier die Kuppel tragenden Hauptpfeilern des Innenraums – am vierten befindet sich die Kanzel. Eine davon ist die Marmorskulptur der heiligen Elisabeth von Thüringen, die von Károly Senyei geschaffen wurde. Die gekrönte Heilige reicht einem neben ihr stehenden Kind eine Gabe.

Und all das ist noch längst nicht alles, was ich auf meinem Rundgang durch den Innenraum der Basilika zu sehen bekam. All diese prachtvollen und wunderschönen Kunstwerke führten mir ebenso wie die Baugeschichte der Kirche eindrücklich vor Augen, daß, auch wenn die Basilika heute meist mit dem Namen Miklós Ybls verknüpft wird, sie keineswegs das Werk eines einzelnen Mannes ist, sondern das Gemeinschaftswerk vieler großer ungarischer Künstler.

Allerdings durfte ich die Kirche natürlich nicht verlassen, ohne eine ihrer ungewöhnlichsten Kostbarkeiten gesehen zu haben – vielleicht sogar die bedeutendste. Sie befindet sich in einem kleinen Schrein, der die Gestalt einer neogotischen Kapelle besitzt und vor dem Marienaltar steht. Darin wird die sogenannte Heilige Rechte verwahrt. Es handelt sich dabei um die als Reliquie verehrte rechte Hand Stephans I. Man mag sich nun fragen – und ich muß gestehen, daß auch mir diese Frage durchaus durch den Kopf ging, als ich vor dem kleinen Gefäß stand – welche Umstände wohl dazu geführt haben mochten, daß die Hand dieses großen Königs von seinem Leichnam abgetrennt wurde, um in diesem Schrein aufbewahrt zu werden. Der Überlieferung zufolge wurde die unversehrt gebliebene Hand bei einer Umbettung vom Leichnam getrennt und als Reliquie bewahrt. Wie dieser Vorgang tatsächlich ablief, ist heute allerdings nicht mehr sicher bekannt. Tatsache ist, daß die damalige religiöse Deutung aus einem körperlichen Überrest ein verehrungswürdiges Zeichen des Heiligen machte. Heute kann man jedenfalls sicher, ohne falsch zu liegen, feststellen, daß ein König, dessen Andenken nicht nur in Geschichtsbüchern, sondern auch auf eine so unmittelbare Weise bewahrt wird, im Gedächtnis eines Landes offenbar einen besonderen Platz einnimmt.

Wenn man nun annähme, daß der Name der Kirche mit dieser Reliquie in Verbindung stünde, läge man jedoch falsch. Tatsächlich war die Basilika gar nicht von Beginn an dem großen König geweiht, und daß sie es heute ist, hat auch nichts mit der Reliquie zu tun. Diese gelangte nämlich erst im Jahre 1950 in die Obhut des Pfarrers der Kirche. Und erst ab 1971 wurde sie schließlich in dieser selbst aufbewahrt. Der ursprüngliche Patron des Gotteshauses war hingegen Szent Lipót, auch bekannt als der heilige Leopold III., Markgraf von Österreich. Schon die kleine Vorgängerkirche aus dem Jahre 1817 war ihm gewidmet, so daß der große Neubau zunächst dieses Patrozinium übernahm. Der Wechsel zu Stephan erfolgte dann im Jahre 1897 und stand im Zusammenhang mit den ungarischen Millenniumsfeiern, die 1896 das tausendjährige Jubiläum der ungarischen Landnahme begangen hatten. Die erzbischöfliche Behörde stellte die zu diesem Zeitpunkt immer noch im Bau befindliche Kirche offiziell unter den Schutz des ersten ungarischen Königs. Dieser Umstand zeigte mir wieder einmal, daß die offensichtlichsten Verbindungen oftmals ganz schöne Holzwege sein können.

Für mich war es nun Zeit, ein wenig die Perspektive zu wechseln. Ich verließ den Innenraum der Basilika und begab mich zum Haupteingang zurück. Allerdings verließ ich die Kirche noch nicht, sondern wandte mich zur rechten Seite des Eingangsbereiches, wo sich, wie ich beim Betreten der Kirche festgestellt hatte, der Aufgang zur Kuppel befand. Zu deren Umgang wollte ich nun hinauf. Das bedeutete die Überwindung eines Höhenunterschieds von immerhin fünfundsechzig Metern, womit nun wieder die St.-Stephans-Basilika dem Berliner Dom etwas voraus hat. Dessen Kuppelumgang befindet sich nämlich in lediglich fünfzig Metern Höhe. Er ist über zweihundertsiebzig Stufen zu Fuß erreichbar. Um zu dem der Basilika hinaufzugelangen, muß der geneigte Treppensteiger dreihundertvier Stufen bewältigen. Hatte ich das nun also auch vor mir?

Glücklicherweise nicht. Bei einer Restaurierung der Basilika hatte man nämlich Aufzüge eingebaut, die seit 2003 eine bequemere Alternative zum Treppenaufstieg bieten. Da ich noch vorhatte, im Anschluß an den Besuch der Basilika ein wenig durch die Stadt zu wandern, und mich daher nicht verausgaben wollte – wann laufe ich schon mal eine solche Menge Treppen am Stück erst hoch und dann wieder runter? -, fiel mir die Wahl nicht schwer. Und so verließ ich kurz darauf den Aufzug, der mich vom Boden ein Stück hinaufgebracht hatte. Allerdings befand ich mich noch nicht auf dem Kuppelumgang, sondern in irgendeinem Zwischengeschoß. Von hier aus mußte es ja irgendwie weitergehen. Ich folgte ein paar Pfeilen, von denen ich annahm, daß sie mich zum nächsten Aufzug führen sollten, der mir unten vom Personal angekündigt worden war, fand jedoch zunächst nur den Treppenaufgang. Es kostete mich noch ein paar Minuten gezielten Suchens, bis ich den nächsten Aufzug gefunden hatte. Dann dauerte es nur noch wenige Minuten, und ich trat durch eine Tür hinaus in den sonnigen Tag.

Blick von der St.-Stephans-Basilika zum Gellértberg
Budapest von oben: Im Hintergrund erhebt sich der Gellértberg, im Vordergrund das Riesenrad am Erzsébet tér
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Von hier oben ließ sich das Verhältnis zwischen den einzelnen Teilen der Stadt ganz anders erfassen als unten auf der Straße. Die Häuser wurden zu Blöcken, die Straßen zu Schneisen, und die Bauwerke, die zwischen den Fassadenreihen zunächst verborgen geblieben waren, ragten nun als Orientierungspunkte heraus.

Beginnend im Südwesten, wo ich den Umgang betreten hatte, wanderte ich entgegen dem Uhrzeigersinn um die Kuppel herum und ließ den Blick nach und nach in alle Richtungen gehen. Im Südosten breitete sich die dicht bebaute Pester Stadtlandschaft aus. Weiter östlich konnte ich die Staatsoper wiederfinden, an der ich am Morgen noch gestanden hatte. Ihr großes Dach ließ sich zwischen den umliegenden Häusern gut erkennen.

Blick über Terézváros zur Ungarischen Staatsoper
Die Oper hatte ich gerade erst von unten betrachtet. Nun ließ sie sich zwischen den Dächern wiederfinden.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Nach Nordwesten schob sich die Kuppel des Parlaments über die Bebauung. Dahinter lagen die Budaer Berge, unter denen der Drei-Grenzen-Berg mit seinem hellen Sendeturm besonders herausragte. Ihn zu sehen, war, als grüße ein alter Freund zu mir herüber. Ich erinnerte mich noch, wie ich es als Kind stets faszinierend fand, wie er da immer so von weitem zu sehen war als Endpunkt einer ansteigenden Kette von Bergen, mit seinem hellen Turm und seinen dicht bewaldeten grünen Hängen, die – ganz im Gegensatz zu den anderen der Budaer Berge – nicht über und über mit Häusern besetzt waren. Immer wieder drängte ich meine Eltern, daß wir doch unbedingt einmal dorthin fahren sollten, weil ich sehen wollte, was da ist. Bis wir eines Tages die Fahrt unternahmen. Nun, so spannend kann das, was wir dort fanden, nicht gewesen sein, denn während ich den Wunsch, dort einmal hinzufahren, noch heute gut nachfühlen konnte, war mir von dem Ausflug selbst nichts in Erinnerung geblieben. Merkwürdig, nicht wahr? Ich mußte unwillkürlich lächeln, als ich plötzlich wieder den Wunsch verspürte herauszufinden, was der Berg denn wohl zu bieten habe. Offenbar war mein kleineres Selbst noch irgendwo in mir…

Blick über die Dächer zum ungarischen Parlament
Der Himmel über Budapest: Das Parlament am Ufer der Donau, die sich versteckt, und dahinter die Budaer Berge mit dem Drei-Grenzen-Berg und seinem weißen Turm.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Weiter nach Westen kamen die Matthiaskirche und die Fischerbastei ins Bild, und schließlich auch der Burgpalast mit seiner grünen Kuppel.

Matthiaskirche und Fischerbastei auf dem Budaer Burgberg
Matthiaskirche und Fischerbastei. Für heute mußte die Betrachtung aus der Ferne genügen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Der Burg würde ich mich an einem späteren Tag noch ausführlicher widmen. Jetzt war es erst einmal angenehm, sie zusammen mit so vielen anderen Orten in einen größeren Zusammenhang einordnen zu können.

Auch die Basilika selbst hielt hier oben noch einiges bereit. Ihre beiden westlichen Glockentürme standen nun beinahe auf Augenhöhe. Im Südwestturm hängt die große Stephansglocke, die mit ihren 9.250 Kilogramm die größte Glocke Ungarns ist. Die anderen fünf Glocken sind im Nordwestturm untergebracht. Von unten wirken solche Türme vor allem repräsentativ. Hier oben wurde ihr Zweck etwas greifbarer.

Die Zrínyi utca zeigte mir schließlich auch die Richtung meines weiteren Weges. Zwischen ihren Häusern konnte ich bis zur Donau sehen. Die Straße führte vom Vorplatz der Basilika geradewegs auf den Fluß zu. Für die Orientierung war das ausgesprochen praktisch.

Blick durch die Zrínyi utca zur Donau
Die Donau ist am Ende der Straße bereits zu erkennen. Jetzt mußte ich nur noch wieder nach unten.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Als ich schließlich den Gellértberg mit der Freiheitsstatue wieder vor mir sah, wußte ich, daß ich die Kuppel einmal umrundet hatte. Der Gellért-hegy, wie er auf Ungarisch heißt, liegt auf der Budaer Seite direkt an der Donau. Er besitzt eine Höhe von 235 Metern. Über dem Meeresspiegel wohlgemerkt, nicht über der Donau. Sein Name erinnert an Bischof Gellért, was auf Deutsch Gerhard bedeutet. Gellért war ein christlicher Missionar, der der Überlieferung zufolge während eines Aufstands im Jahre 1046 von der felsigen Donauseite des Berges in die Tiefe gestürzt wurde. Daß er dabei in ein Faß gesteckt worden sein soll, ist allerdings nur eine Legende.

Die weithin sichtbare Frauengestalt mit dem erhobenen Palmzweig ist der Beweis dafür, daß nicht nur New York eine Freiheitsstatue besitzt. Denn der Name dieser Statue – Szabadság-szobor – bedeutet genau das: Freiheitsstatue. Die 1947 aufgestellte, ohne Sockel vierzehn Meter hohe Bronzefigur wurde von Zsigmond Kisfaludi Strobl geschaffen und erinnerte ursprünglich an den Sieg der sowjetischen Truppen über die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg. Nach dem politischen Umbruch Ende der 1980er Jahre wurde die Widmung des Denkmals jedoch erweitert. Es erinnert heute an diejenigen, die ihr Leben für Ungarns Unabhängigkeit, Freiheit und Wohlergehen opferten. Damit bewiesen die Ungarn, daß es auch in Zeiten großer Umbrüche durchaus nicht notwendig ist, Kunstwerke und Denkmäler untergehender Epochen zu schleifen. Man kann sie erhalten und ihre politische Bedeutung sinnvoll erweitern oder sogar ändern.

Die klar erkennbare langgestreckte Festung hinter der Statue ist deutlich älter als diese. Sie entstand in den Jahren 1850 bis 1854, nach der Niederschlagung der ungarischen Revolution und des Unabhängigkeitskampfes von 1848/49. Ihr Zweck war vor allem, die Stadt militärisch zu kontrollieren und mögliche neue Aufstände zu unterdrücken. Sie war somit zunächst ein Symbol habsburgischer Herrschaft. Die Anlage ist etwa zweihundertzwanzig Meter lang und sechzig Meter breit; ihre Steinmauern sind rund vier Meter stark. Die kaiserlichen Truppen bezogen sie 1854 und blieben dort bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts.

So schaute ich hier also nicht einfach nur auf einen Berg, sondern blickte gewissermaßen auf materialisierte Geschichte. Ein Bischof und Missionar, der für seinen Glauben in den Tod gegangen war, eine später errichtete Festung zur Kontrolle der Stadt und ein noch später aufgestelltes Freiheitsdenkmal – ich blickte hier gewissermaßen auf Elemente der Geschichte des steten Kampfes der Menschen um die Freiheit. Die Freiheit des Glaubens. Die Freiheit des Denkens. Die Freiheit, ohne Unterdrückung zu leben.

Freiheitsstatue und Zitadelle auf dem Gellértberg
Einmal rund herum: Mit dem Blick auf den Gellértberg hatte mein Kuppelrundgang auf der St.-Stephans-Basilika begonnen. Jetzt schaute ich nochmal genauer hin.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Ich verließ den Kuppelumgang durch dieselbe Tür, durch die ich ihn auch betreten hatte. Der Weg von Aufzug zu Aufzug war mir diesmal bekannt, und so fand ich mich kurze Zeit später unten auf dem Platz wieder. Hier betrachtete ich die Kirche noch einmal von außen. Über ihrer Kuppel und den beiden Türmen hatten sich mächtige Wolken versammelt. Der Himmel lieferte der Architektur einen Hintergrund, den kein Architekt hätte bestellen können.

St.-Stephans-Basilika unter mächtigen Wolken
Die Basilika am Szent István tér. Der Himmel trägt seinen Teil zur Wirkung bei.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Ich setzte nun meinen Weg fort und folgte der Zrínyi utca, die mich hinunter zur Donau bringen sollte. Die kleine Straße ist, genau wie der Szent István tér und einige der sie kreuzenden Straßen, eine Fußgängerzone. Ich konnte sie also ganz gemütlich entlangbummeln und die Blicke nach links und rechts schweifen lassen, ohne auf vorbeifahrende Autos achten zu müssen. Hohe Häuserfassaden mit reich gegliederten Fenstern und Erkern säumten den Weg auf beiden Seiten, hier und da standen kleine Bäume, zahlreiche Restaurants und Cafés luden die Passanten zum Verweilen ein und kleine Läden animierten zum Einkaufen. Die Stadt wirkte hier sehr lebendig und lebensfroh.

Bereits an der nächsten Querstraße stieß ich wieder auf ungarische Geschichte. Die Október 6 utca erinnert mit ihrem Namen an den Gedenktag der Märtyrer von Arad. An diesem Tag wurden im Jahre 1849 in Arad, das heute zu Rumänien gehört, dreizehn hohe Offiziere der ungarischen Armee auf Befehl der habsburgischen Militärführung hingerichtet. Sie gingen als die „Märtyrer von Arad“ in die ungarische Erinnerung ein. Am selben Tag erschossen die habsburgischen Truppen in Pest auch Lajos Batthyány, der der erste Ministerpräsident einer dem ungarischen Parlament verantwortlichen Regierung war. Diese Hinrichtungen gehörten zur habsburgischen Vergeltung nach der Niederschlagung der ungarischen Revolution von 1848/49. Das Datum war dabei ganz bewußt gewählt worden, denn am 6. Oktober 1848 hatte in Wien ein Aufstand begonnen, bei dem der österreichische Kriegsminister Theodor Baillet von Latour getötet worden war. So steckt hinter dem unscheinbaren Datum im Namen dieser Straße, der ihr im Jahre 1953 verliehen wurde, ein zentrales Ereignis der nationalen ungarischen Geschichte.

An der Straßenecke begegnete ich einem Polizisten, bei dem ich mich nicht fragen mußte, ob das Fotografieren womöglich unerwünscht sein könnte. Er war aus Bronze. Die 2008 aufgestellte Figur von András Illyés wird häufig „Pocakos rendőr“ genannt, was ungefähr „dickbäuchiger Polizist“ bedeutet. Wenn man ihn sieht, weiß man sofort, warum. Mit seinem charakteristischen Helm und der historischen Festuniform eines alten Budapester Straßenpolizisten gehört er einer anderen Zeit an, die in der ungarischen Erinnerung offenbar positiv besetzt ist, denn bei der Einweihung wurde ausdrücklich erklärt, daß die Figur ein „Bild aus friedlichen alten Zeiten“ vermitteln solle. Und so machte dieser Polizist mit seinem üppigen Schnurrbart und dem sich stark vorwölbenden Bauch auch einen eher gemütlichen denn strengen Eindruck auf mich. Vielleicht lag das auch daran, daß er einen ausgesprochen dauerhaften Dienstposten hat.

Der gemütliche Polizist in der Zrínyi utca
Dieser Polizist bleibt auch dann auf seinem Posten, wenn alle anderen längst Feierabend haben.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Wieder eine Straße weiter, an der Ecke zur Nádor utca, traf ich am Donaupalast in einer Ecknische Franz Liszt, diesmal in Form einer Büste. Die Bronzearbeit der Bildhauerin Katalin Gerő wurde 2013 mithilfe von Spenden aufgestellt. Sie entstand ursprünglich zum 200. Geburtstag des Komponisten im Jahr 2011. Interessant ist, daß weitere Abgüsse der Büste in Warschau und Belgrad stehen. Ich weiß nicht, wie es sich dort verhält, aber hier hat der Standort der Büste einen direkten Bezug zu Liszts Leben: in der Nähe befand sich seine erste Pester Wohnung. Die Büste blickt zur St.-Stephans-Basilika, deren Bau Liszt mit einer Spende unterstützt hatte.

Wenig später erreichte ich den Széchenyi István tér, einen langgestreckten rechteckigen Platz am Ufer der Donau. Graf István Széchenyi, der von 1791 bis 1860 lebte, gilt heute als einer der wichtigsten Wegbereiter des modernen Ungarn, arbeitete er doch Zeit seines Lebens und in verschiedenen Positionen als Politiker – im ersten parlamentarischen ungarischen Kabinett unter Lajos Batthyány wurde er 1848 Verkehrsminister -, Schriftsteller und Förderer großer Bau- und Wirtschaftsprojekte daran, das Land aus seinen feudalen Strukturen herauszuführen. So ist es kein Wunder, daß nicht nur Straßen und Plätze nach ihm benannt sind, sondern daß sogar seine politischen Gegenspieler seine Leistungen anerkannten, unter ihnen Lajos Kossuth, der ihm sogar den Ehrennamen verlieh, der noch heute eng mit ihm verknüpft ist: „a legnagyobb magyar“ – „der größte Ungar“. Kann es eine größere Anerkennung geben?

Hier am Széchenyi István tér stand ich gleich zwei bedeutenden Errungenschaften gegenüber, die mit diesem großen Mann auf das Engste verbunden sind. Die erste war die Ungarische Akademie der Wissenschaften.

Ungarische Akademie der Wissenschaften im Jubiläumsjahr
Nicht nur schön, sondern auch geistreich: das Gebäude der ungarischen Akademie der Wissenschaften.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Die Hauptfassade dieses wunderschönen Neorenaissance-Gebäudes ist dem Platz zugewandt, an dessen schmaler Nordseite es steht. Ich war etwas überrascht zu erfahren, daß es nach Plänen des deutschen Architekten Friedrich August Stüler errichtet worden war, dessen Berliner Werke mir natürlich bestens vertraut sind: das Neue Museum und die Alte Nationalgalerie auf der Museumsinsel, die St.-Matthäus-Kirche und die unter seiner Mitwirkung errichtete Neue Synagoge in Mitte, die St.-Jacobi-Kirche in Berlin-Kreuzberg und nicht zuletzt die Kirche St. Peter und Paul auf Nikolskoje. Da fühlte ich mich gleich irgendwie verbunden. 1865 eröffnet, gilt das Gebäude der Budapester Akademie der Wissenschaften als erstes öffentliches Bauwerk Ungarns im Stil der Neorenaissance. An der Fassade waren farbenfrohe Banner angebracht, die darauf hinwiesen, daß die darin beheimatete Institution in diesem Jahr 2025 ihr zweihundertjähriges Bestehen feierte. Ihre Gründung geht auf István Széchenyis Angebot von 1825 zurück, ein Jahreseinkommen seiner Güter für eine ungarische Gelehrtengesellschaft zu stiften. Der Mann hatte offenbar eine recht konkrete Vorstellung davon, wie sich die Entwicklung seines Landes voranbringen ließ. Mit dieser Stiftung sollten nach seiner Vorstellung insbesondere die ungarische Sprache gepflegt und gefördert werden. Die Initiative fiel auf fruchtbaren Boden, weitere Adelige schlossen sich an – und im Ergebnis ging daraus die Akademie der Wissenschaften hervor.

Bevor ich mich dem zweiten Werk, das seinem segensreichen Wirken für Ungarn zu danken war, zuwandte, warf ich noch einen Blick auf zwei Denkmale, die vor dem Akademiegebäude standen. Rechts erhob sich eine Büste, die der Aufschrift am Sockel zufolge Ferenc Salamon darstellte, einen ungarischen Historiker, der von 1825 bis 1892 lebte. Die Bronzearbeit von Gyula Jankovits wurde 1902 aufgestellt. Das durch Spenden finanzierte Denkmal entstand auf Initiative der Ungarischen Historischen Gesellschaft. Salamon war Mitglied der Akademie und verfaßte unter anderem eine mehrbändige Geschichte von Buda und Pest. Die Sockelinschrift „Salamon Ferencz“ verwendet nicht nur die historische Schreibweise des Vornamens, sondern zeigt auch, daß Namen im Ungarischen anders wiedergegeben werden als im Deutschen. Während wir es gewohnt sind, Personen mit Vor- und Nachnamen zu bezeichnen – woraus sich auch die Begriffe für die Namensteile ableiten -, nennen die Ungarn stets den Nachnamen zuerst.

Das zweite Denkmal hatte man 1899 links vor der Akademie plaziert. Es war ebenfalls von Gyula Jankovits geschaffen worden und zeigt die Büste des ungarischen Sprachwissenschaftlers Gábor Szarvas, der von 1832 bis 1895 lebte. Auch er war Mitglied der Akademie, begründete 1872 die Zeitschrift „Magyar Nyelvőr“, was soviel wie „Ungarischer Sprachwächter“ bedeutet, und setzte sich für die Pflege der ungarischen Sprache ein. Ein am Sockel der Bronzearbeit dargestellter Band dieser Zeitschrift verweist auf seine Arbeit. Besonders fiel mir die weibliche Begleitfigur ins Auge, die einen Lorbeerzweig zur Ehrung des Gelehrten emporreicht. Dergleichen sieht man an solchen Gedenkbüsten eher selten.

Nun war es jedoch an der Zeit, sich dem großen und vielleicht berühmtesten Bauwerk Budapests zuzuwenden, von dem man eigentlich gar nicht sagen kann, daß es sich hier am Széchenyi István tér befindet, weil das bei einer Brücke über einen großen Strom keinen rechten Sinn ergäbe. Da sie jedoch genau in der Mitte von dessen westlicher Langseite auf den Platz trifft, mußte ich mich nur umdrehen, um sie stolz und majestätisch vor mir zu sehen: die Kettenbrücke.

Auch an ihrem Zustandekommen war István Széchenyi maßgeblich beteiligt gewesen. Er hatte sich für die Schaffung einer dauerhaften Brücke eingesetzt, die Pest und Buda über die breite Donau hinweg verbinden sollte. Allerdings beließ er es nicht bei Reden und Absichtserklärungen, wie das so viele Politiker heutzutage tun. Stattdessen organisierte er Fachleute, die sich um die Verwirklichung dieser Idee kümmerten, und wirkte an der Finanzierung und der Schaffung der rechtlichen Voraussetzungen aktiv mit. Entworfen wurde die gewaltige Brücke von William Tierney Clark. Die Eröffnung fand am 20. November 1849 statt. Mit der Brücke ging auch eine bemerkenswerte Neuerung einher: erstmals mußten auch Adlige Brückenzoll bezahlen. Damit wurde die Brücke zugleich ein sichtbares Zeichen dafür, daß Standesprivilegien überwunden werden konnten. Als Anerkennung für seinen Einsatz verliehen die Ungarn der Brücke seinen Namen: Széchenyi lánchíd – Széchenyi-Kettenbrücke. Die ebenfalls namensgebenden Eisenketten sind dabei keineswegs nur schmückendes Beiwerk. Ihnen kommt an dieser Hängebrücke eine echte tragende Funktion zu.

Und nun stand sie direkt vor mir.

Kettenbrücke und Budaer Burgviertel
Die Kettenbrücke verbindet die beiden Donauufer. Dahinter erhebt sich das Budaer Burgviertel.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Vom Pester Brückenkopf am Széchenyi István tér ließ sich die gegenüberliegende Stadtseite gut betrachten, die vom Budaer Burgviertel mit dem Burgpalast, der Matthiaskirche und der Fischerbastei dominiert wird. Darunter führte die Brücke über den Fluß und vor ihr hielten zwei Löwen Wache. Zwei weitere befinden sich am jenseitigen Brückenkopf. Die Tierskulpturen wurden von János Marschalkó geschaffen und an den beiden Brückenköpfen aufgestellt.

Die Brücke ist in der Tat weit über Budapest und Ungarn hinaus berühmt. Und mit ihr eng verbunden ist eine Geschichte über die Löwen und ihre Zungen, die mir schon als Kind über den Weg lief. Als ich damals im Kindergarten erzählte, daß wir nach Budapest umziehen würden, weil mein Vater an die dortige Botschaft versetzt worden war, erklärte mir meine begeisterte Kindergärtnerin, daß es an der Kettenbrücke Löwenfiguren gäbe und ich mir diese auf jeden Fall genau ansehen solle, denn zwei dieser Löwen hätten Zungen, während sie den anderen beiden fehlten. Das faszinierte mich natürlich, und als wir dann schließlich in Budapest waren und ich das erste Mal den Löwen gegenüberstand, wollte ich es natürlich genau wissen. Tatsächlich konnte ich aber, da die Tierfiguren auf hohen Sockeln plaziert sind, bei keinem der Löwen eine Zunge entdecken.

Daß ich damit noch viel näher an der Legende von den Zungen war als meine Kindergärtnerin, konnte ich damals natürlich nicht wissen. Denn in der Tat erzählt diese, daß, als die vier steinernen Löwen an der Kettenbrücke enthüllt wurden, die versammelten Zuschauer die Arbeit des Bildhauers János Marschalkó bewunderten. Als dann plötzlich ein Schusterlehrling aus der Menge „Die Löwen haben ja gar keine Zungen!“ rief, schauten alle genauer hin. Und es schien ihnen, als habe der Junge tatsächlich recht. Marschalkó, der so stolz auf seine Arbeit gewesen war, daß er zuvor versprochen haben soll, sich in die Donau zu stürzen, falls jemand einen Fehler an seinen Löwen entdecken könne, wurde nun zum Gespött der Stadt. Aus Scham über seinen vermeintlichen Fehler setzte er sein Versprechen in die Tat um und stürzte sich von der Brücke in die Donau.

Natürlich ist an dieser Legende kein Wort wahr. Auch die Geschichte, daß nur zwei der Löwen keine Zunge besäßen, ist es nicht. Denn in der Tat verfügen alle vier Löwenfiguren über eine Zunge. Der Bildhauer hatte die steinernen Löwen mit größtmöglicher anatomischer Genauigkeit geschaffen. Und weil Großkatzen in der Regel nicht mit heraushängender Zunge hecheln, wie Hunde das gewöhnlich tun, sondern ihre Zunge normalerweise hinter den Zähnen und tief im Maul liegt, hatte Marschalkó die Zungen seiner Löwen natürlich genau so modelliert. Um sie zu sehen, müßte man auf die Sockel klettern und von oben in die geöffneten Mäuler der Löwen blicken. Vom Straßenniveau aus sind sie jedoch unsichtbar. Und auch die Erzählung vom Freitod János Marschalkós ist nichts als eine Budapester Stadtlegende.  Er nahm sich keineswegs das Leben. Vielmehr starb er im Jahre 1877 nach einer langen und erfolgreichen Bildhauerkarriere im Alter von neunundfünfzig Jahren eines natürlichen Todes. Und es heißt, er sei sich des scherzhaften Vorwurfs, seine Löwen seien zungenlos, selbst bewußt gewesen und habe seinen diesbezüglichen Kritikern stets mit der geistreichen Bemerkung geantwortet:

Möge Gott Deiner Frau eine Zunge verleihen, wie sie meine Löwen haben!

Aber das ist vielleicht auch wieder nur eine Legende…

Aus meiner damaligen Budapester Zeit konnte ich mich auch noch daran erinnern, wie wir mit unserem Auto, wenn wir in der Stadt unterwegs waren, hin und wieder auch über diese Brücke fuhren. Wie ich nun aber hier so stand und das Panorama rund um die Brücke auf mich wirken ließ, fiel mir auf, daß ich nur gelegentlich von einem vorüberfahrenden Fahrzeug dabei gestört wurde. Ich schaute dem spärlichen Verkehr eine Weile zu und stellte schnell fest, daß dieser hier ausschließlich aus Taxen, Linien- und Stadtrundfahrtbussen sowie Radfahrern bestand. Private Autos schien es auf der Brücke praktisch gar keine zu geben. Und dieser Eindruck täuschte mich durchaus nicht, denn nachdem man im Jahre 2023 die Arbeiten zur letzten großen Sanierung der Brücke abgeschlossen hatte, blieb die Fahrbahn für private Autos gesperrt. Ich konnte nicht sagen, daß ich das schade fand, auch wenn dadurch der Autoverkehr an dieser Stelle größere Umwege nehmen muß, wenn er die Donau überqueren will, da aufgrund der großen Breite, die der Fluß in Budapest bereits besitzt, Brücken aufwendig zu bauen und daher nicht eben dicht gesät sind. Der hiesigen Innenstadt tut dies aber durchaus gut.

Für meinen heutigen Spaziergang hatte ich nicht vor, auf die andere Seite des Flusses zu wechseln. Ich wollte zunächst auf der Pester Seite bleiben. Was mich jetzt interessierte, war, ob es hier am Széchenyi István tér nicht auch ein Denkmal für den „größten Ungarn“ selbst gab. Es schien mir kaum vorstellbar, daß man den Platz an zweien der größten mit seinem Wirken auf das Engste verbundenen Werken nach ihm benannte und dort Denkmale für andere Akademiemitglieder aufstellte, ihm selbst aber keinen Denkstein gesetzt haben sollte. Und tatsächlich war das auch nicht der Fall. Ich mußte noch nicht einmal lange danach suchen, sondern mich, an der Brücke stehend, nur einmal umdrehen, um das Denkmal zu finden. Es stand inmitten der großen Grünanlage, die das Zentrum des Platzes ausmachte, und war – der Bedeutung des Geehrten entsprechend – überlebensgroß. Die 1880 aufgestellte Bronzearbeit von József Engel zeigt Széchenyi als große Standfigur auf hohem Sockel, der von vier mythologischen Figuren gesäumt wird, die gewissermaßen eine Zusammenfassung seines Lebenswerks in mythologischer Form darstellen. Minerva, die römische Göttin der Weisheit und der Künste, verkörpert dabei die Wissenschaft und Kultur, um die er sich mit der Gründung der Akademie der Wissenschaften verdient gemacht hat. Neptun als Gott des Meeres und der Gewässer steht für Széchenyis Einsatz für die Dampfschiffahrt und die Regulierung von Flüssen wie der Theiß. Vulcanus wiederum erinnert als Gott des Feuers und der Schmiedekunst an Széchenyis Förderung der ungarischen Industrie, etwa von Schiffbau und modernen Mühlenbetrieben. Und Ceres, die Göttin des Ackerbaus und der Ernte, verkörpert seine Bemühungen um eine leistungsfähigere Landwirtschaft, sowohl hinsichtlich besserer Bewirtschaftungsmethoden als auch der Schaffung der notwendigen wirtschaftlichen Voraussetzungen.

István-Széchenyi-Denkmal am Széchenyi István tér
Großes Denkmal für den „größten Ungarn“: István Széchenyi.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Während ich dieses Denkmal studierte, überlegte ich, welchem Politiker der heutigen Zeit ich wohl solch ein Erinnerungszeichen widmen würde. Leider fiel mir keiner ein. Sich persönlich für sein Land und die Menschen seines Volkes einzusetzen, scheint bei den politisch Verantwortlichen heute völlig aus der Mode gekommen zu sein.

Bevor ich den Széchenyi István tér nun verließ, warf ich noch einen Blick auf den Gresham-Palast, einen prächtigen Jugendstilbau, der einst für die britische Lebensversicherungsgesellschaft Gresham als Büro- und Wohngebäude errichtet und 1906 fertiggestellt wurde. An seiner Gestaltung wirkten Zsigmond Quittner sowie die Brüder József und László Vágó mit. Das Gebäude gehört zu den bedeutenden Jugendstilbauten Budapests. Nach einer umfassenden Restaurierung eröffnete hier 2004 das Four Seasons Hotel.

Ich wollte nun ein wenig die Uferpromenade an der Donau entlangspazieren und wandte mich dafür nach Süden, in Richtung Elisabethbrücke. Zunächst wechselte ich vom großen Széchenyi István tér auf den benachbarten kleinen Eötvös tér hinüber. Beide sind nur durch eine Straße voneinander getrennt. József Eötvös, nach dem der Platz benannt ist, war 1848 ebenfalls Mitglied im Kabinett Lajos Batthyánys gewesen. Sein Amt als Minister für Religion und Unterricht, das er dabei innegehabt hatte, übernahm er nach dem österreichisch-ungarischen Ausgleich erneut und übte es von 1867 bis zu seinem Tod im Jahre 1871 aus. Sein Volksschulgesetz von 1868 führte die allgemeine Schulpflicht ein und schuf die Grundlage für ein modernes ungarisches Schulwesen. Als Schriftsteller nutzte er seine Romane, um gesellschaftliche Mißstände anzuprangern, und als Präsident der ungarischen Akademie der Wissenschaften förderte er eben jene. Zuvor hatte er bereits maßgeblich an der Verwirklichung ihres Gebäudes mitgewirkt. Sein Denkmal, das auf dem Platz steht, konnte ich mir allerdings nicht ansehen. Es war leider wegen umfangreicher Baumaßnahmen an einem nahegelegenen Gebäude hinter einem Bauzaun verborgen.

Hier am Fluß gab es nun nicht nur die großen Ansichten zu betrachten. Vielmehr lohnte es sich, auch auf die kleinen Dinge am Weg zu achten, denn dabei konnte ich echte künstlerische Perlen entdecken. Am Ausgang des Eötvös tér stand Ignác Roskovics an seiner Staffelei und malte die Kettenbrücke. Daß sowohl der Maler als auch seine Ausrüstung aus Bronze bestanden, machte die Szene nicht weniger realistisch und passend. Schließlich hatte ich mich gerade ebenfalls damit beschäftigt, diese Aussicht festzuhalten – nur mit einem anderen Werkzeug.

Ignác Roskovics an der Staffelei
Ein Maler bei der Arbeit: Ignác Roskovics malt die Kettenbrücke.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Ignác Roskovics, der von 1854 bis 1915 lebte, war ein ungarischer Kirchen- und Genremaler. Die lebensgroße Figur schuf Mihály Kolodko. Sie wurde 2014 aufgestellt. Eine frühere Fassung steht seit 2012 in der heute ukrainischen Stadt Uschhorod, dem historischen ungarischen Ungvár, wo Roskovics einen Teil seines Lebens verbrachte. Während der Maler dort eine Ansicht der Ung festhält, zeigt die Leinwand der Budapester Fassung die Donau mit der Kettenbrücke.

Ein Stück weiter saß eine kleine Prinzessin auf dem Geländer, das die Promenade von den Gleisen der hier verkehrenden Straßenbahn trennte. Mit ihrer großen Krone, die aus Krepp geschnitten schien, und ihrem weiten Mantel, der ihr irgendwie viel zu groß war und wie ein Bademantel aussah, konnte sie jedoch unmöglich einem Märchen entsprungen sein. Und tatsächlich, der Bildhauer László Marton, der der Schöpfer dieser allerliebsten Plastik war, die da so lebensecht auf dem Geländer hockte und deren ungarischer Name „Kiskirálylány“ lautete, hatte dafür seine Tochter zum Vorbild genommen, die beim Spielen mit einer Papierkrone und einem Bademantel als königlichem Umhang eine edle Prinzessin mimte. Es schien, als säße da wirklich ein Kind, das in seinem Spiel ganz ernsthaft die vorübereilenden Passanten betrachtete.

Kleine Prinzessin an der Donaupromenade
Für ein Königreich genügen manchmal eine Papierkrone und ein Bademantel.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Wieder ein Stück weiter spielte am Vigadó tér ein Mädchen mit seinem Hund. Das Mädchen saß auf der Sitzfläche einer der vielen runden Blumenrabatten, die hier die Laternen umgaben, und streckte die Hand aus, um den Ball entgegenzunehmen, den sein Hund ihm stolz entgegenbrachte. Ich brauchte noch einen zweiten Blick, um zu bemerken, daß sich beide überhaupt nicht bewegten. Die so überaus lebensechte, bronzene Figurengruppe namens „Kutyás lány“ („Mädchen mit Hund“) wurde von Dávid Raffay geschaffen und 2007 hier aufgestellt. Sie fügt sich nahtlos in den Aufenthaltsbereich der Promenade ein. Wer nicht genau hinschaut, glaubt tatsächlich, er habe ein Mädchen mit seinem Hund spielen sehen.

Mädchen mit Hund auf dem Vigadó tér
Gleich nimmt sie den Ball und wirft ihn dem davonpreschenden Hund voraus.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Ich liebe es, wenn sich Kunst auf diese Weise nahtlos in das Alltagsleben einfügt. Kunstwerke, die wie beiläufig mit ihrer Umgebung verschmelzen, nicht auf hohe Sockel gestellt, nicht gekonnt beleuchtet und nicht hochtrabend etikettiert. Einfach nur da. Als nähmen sie am Leben der Menschen teil. Das ist für mich wahre, lebensechte Kunst. Auf meinem heutigen, noch gar nicht so langen Weg durch die Stadt war ich bereits mehreren eindrucksvollen Beispielen dafür begegnet. Offenbar hatten die Budapester eine kleine Vorliebe dafür, die ich durchaus teilte. Sie machen eine Stadt lebendiger, verspielter. Und damit nahbarer, lebens- und liebenswerter. Etwas, das Berlin ganz offensichtlich fehlt. Oh, wir haben auch jede Menge Kunstwerke im öffentlichen Raum. Wir heben sie allerdings viel zu oft auf hohe Podeste, wo sie dann von den Vorübergehenden ignoriert werden. Oder wir stellen sie in Rasenflächen, die dann niemand betreten darf. Es hat schon seinen Grund, warum die drei Mädchen und der Knabe am Ufer der Spree gegenüber dem Dom so ein beliebtes Fotomotiv sind. Sie sind eines der wenigen Beispiele für ein Kunstwerk in Berlin, das den Menschen in der Stadt nicht nur auf Augenhöhe begegnet, sondern sie auch sich selbst darin wiederfinden läßt – etwas, das moderne Kunst heutzutage viel zu wenig vermag. Hier war ich mit dem Polizisten, dem Maler, der kleinen Prinzessin und dem Mädchen mit dem Hund auf kürzestem Wege bereits vier solchen Kunstwerken begegnet, und jedes hatte mich nicht nur dazu gebracht stehenzubleiben, um es mir anzusehen, sondern hatte mich – jedes auf seine ganz eigene Art – angesprochen und mir ein Lächeln auf’s Gesicht gezaubert.

Und kaum hatte ich mich umgedreht, war das schon wieder der Fall, als mein Blick auf den sogenannten Kinderbrunnen fiel, der das Zentrum der kleinen ovalen Grünanlage bildete, die den Vigadó tér verschönerte. Geschaffen im Jahre 1896 nach einem Entwurf von Károly Senyei, zeigt die Figurengruppe zwei Kinder, deren eines Wasser aus einer Muschelschale auf einen Frosch gießt. Ursprünglich schmückte der Brunnen die Terrasse des dortigen Hangli-Kiosks, einst ein beliebtes Gartenkaffeehaus und Sommerrestaurant, das an dieser Stelle bis zum Zweiten Weltkrieg existierte. Danach mußte der Brunnen weichen, um einem sowjetischen Denkmal Platz zu machen, weshalb man ihn zum Dagály-Strandbad versetzte. Anfang der 2000er Jahre kehrte er dann auf den Platz zurück.

Wassergießende Kinder am Brunnen auf dem Vigadó tér
Kinder, Wasser und ein Frosch: der Kinderbrunnen am Vigadó tér.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Doch nicht nur die bildende Kunst war hier am Vigadó tér zu Hause. Die der Donau gegenüberliegende Seite des Platzes wird vom Pesti Vigadó gebildet, einem monumentalen und doch ausgesprochen schönen Gebäude, das nach Plänen von Frigyes Feszl errichtet und 1865 eröffnet wurde. Es ersetzte die 1849 durch österreichischen Artilleriebeschuß zerstörte Redoute. Mit dem Bau im Stil der Romantik wollte Feszl eine eigenständige ungarische Architektursprache entwickeln. Die Fassadendekoration greift diesen Anspruch mit dem ungarischen Staatswappen und Porträts bedeutender Persönlichkeiten der Landesgeschichte auf. Das Konzerthaus wurde zu einem wichtigen Schauplatz des Budapester Musiklebens, das mit einigen berühmten Namen in Verbindung steht. Hier traten unter anderem Franz Liszt und Richard Wagner auf.

Die Elisabethbrücke erreichte ich auf meinem heutigen Spaziergang schließlich nicht. Denn nun verlangte nach all der Kunst, Geschichte und Architektur ganz profan mein Magen, zu seinem Recht zu kommen, und so bog ich auf der Suche nach einem Mittagessen in Richtung Deák Ferenc tér ab. Das war alsbald gefunden und verzehrt, und ich stand nun vor der Frage, wie ich den Nachmittag verbringen sollte. Und da ich zum einen nicht gleich am ersten Tag meine Füße überfordern wollte und zum anderen noch immer das Ziel hatte, mir einen ersten Überblick zu verschaffen, war ich, als ich den Bus einer Stadtrundfahrt vorüberfahren sah, durchaus nicht abgeneigt, eine solche zu unternehmen. Wie könnte man schneller als so die wesentlichen Sehenswürdigkeiten einer Stadt kennenlernen?

Das Verkaufsbüro war schnell gefunden, der Ticketkauf unkompliziert, und als ich nach dem Abfahrtsort fragte, stellte sich heraus, daß ich einfach nur wieder zum Szent István tér bei der Basilika gehen mußte. Auf dem Weg dorthin kam ich am sogenannten Anker-Palast vorüber, einem pompösen Gebäude direkt am Deák Ferenc tér, dem man allerdings deutlich ansah, daß es schon etwas in die Jahre gekommen war. Es war zwischen 1908 und 1910 nach Plänen von Ignác Alpár für die Anker-Lebens- und Rentenversicherung errichtet worden und vereinte die Geschäftsräume der Versicherung mit Wohnungen und Läden. Die auffällige Fassade sollte ausdrücklich auch als Werbung für das Unternehmen dienen. Die monumentale Säulenordnung und die ungewöhnliche Dachgestaltung machen den eklektischen Bau zu einem markanten Orientierungspunkt am Deák Ferenc tér.

Anker-Palast am Deák Ferenc tér
Der Anker-Palast am Deák Ferenc tér. Von hier ging es auf andere Weise weiter.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Ich verweilte allerdings nicht lange, denn ich wollte ja zur Bushaltestelle. Dort angekommen, fand ich bereits einen auf Fahrgäste wartenden Bus vor, doch da dieser ein halboffenes Fahrzeug war, mir die Temperaturen an diesem Tag aber dafür nicht einladend hoch genug waren, ließ ich ihn ziehen und wartete auf den nächsten. Es dauerte keine zwanzig Minuten, da stand er vor mir. Leider war es wieder ein halboffenes Fahrzeug. Zwar wußte ich, daß auch geschlossene Fahrzeuge auf der Tour unterwegs waren – ich hatte am Vormittag bereits eines gesehen -, doch hatte ich leider keine Ahnung, wann das nächste zu erwarten war. Da ich nicht noch länger untätig hier herumstehen wollte, stieg ich nun ein und meine Stadtrundfahrt begann.

Nach der Runde um die Basilika-Kuppel und dem gemächlichen Gang durch die Innenstadt übernahm von nun an der Bus die Fortbewegung. Das veränderte auch das Fotografieren. Zu Fuß konnte ich stehenbleiben und mir einen Ausschnitt suchen. Aus dem Bus mußte ich mit dem arbeiten, was gerade am Fenster erschien.

Ironischerweise schien die Tour zunächst meinem Spaziergang vom Vormittag zu folgen. Von der Basilika ging es zum Széchenyi István tér und der Kettenbrücke und von dort zurück zum Deák Ferenc tér. Dann führte der Weg zur 1859 nach Plänen Ludwig Försters errichteten Synagoge in der Dohánystraße, die die größte Europas ist und Platz für annähernd 3.000 Menschen bietet. Mit ihren beiden markanten Türmen und ihrer reichen Gestaltung im maurischen Stil zählt sie zu den eindrucksvollsten Zeugnissen jüdischer Kultur in Budapest. Leider wurde sie offenbar gerade restauriert, denn ein Teil des Gebäudes war eingerüstet. In einer Schleife fuhren wir erst zu der nach dem traditionsreichen Hotel benannten Astoria-Kreuzung und dann wieder zum Deák Ferenc tér zurück. Natürlich war das aber nicht die ganze Stadtrundfahrt. Im Gegenteil, jetzt fing sie für mich eigentlich erst richtig an. Zunächst fuhr der Bus die Andrássy út entlang, passierte die mir bereits bestens bekannte Oper und erreichte schließlich den berühmten Heldenplatz, dessen monumentale Denkmalanlage an die Anführer der ungarischen Landnahme und bedeutende Persönlichkeiten der Landesgeschichte erinnert. Ihn würde ich mir in den kommenden Tagen auf jeden Fall noch einmal genauer ansehen müssen.

Hier hatte ich Glück. Wie erwartet, war die Fahrt in dem halboffenen Bus bis hierher etwas zugig und dadurch recht kühl gewesen. Als der Bus jedoch die Haltestelle erreichte, wurde uns Fahrgästen mitgeteilt, daß es Gründe gab, die ich zwar nicht verstand, von denen ich aber immerhin mitbekam, daß sie seine Weiterfahrt wirksam verhinderten. War er defekt? Hatte der Fahrer seine vorgeschriebene Pause zu nehmen? Ich wußte es nicht. Eigentlich war es mir aber auch egal, denn wir wurden gebeten, in ein anderes Fahrzeug umzusteigen, das bereits auf uns wartete. Zu meiner großen Freude handelte es sich diesmal um einen geschlossenen Bus. Diese meine Freude steigerte sich noch, als ich nach dem Einsteigen feststellte, daß der Fahrer auch noch die Heizung angeworfen hatte. Nun stand einer gemütlichen Weiterfahrt nichts mehr im Wege.

Wir fuhren nun durch die Straßen des VII. Bezirks, der den Namen Erzsébetváros beziehungsweise Elisabethstadt trägt, bis wir den Budapester Ostbahnhof erreichten, der auf Ungarisch Keleti pályaudvar heißt. Fotografieren konnte ich ihn hier allerdings nicht, da ich dafür auf der falschen Seite des Busses saß. Von hier aus machte dieser einen Abstecher das ausgedehnte Bahngelände entlang, bis die Straße die zum Bahnhof führende Hauptstrecke überquerte. Die hohe Brücke bot einen wunderbaren Blick auf die Puskás Aréna. Das 2019 eröffnete Stadion entstand nach Plänen von György Skardelli und dem Architekturbüro KÖZTI am Standort des früheren Népstadions. Es dient als Heimstätte der ungarischen Fußballnationalmannschaft und trägt den Namen des Fußballers Ferenc Puskás. Die Sonne beleuchtete seine Fassade, während darüber dunkle Wolken standen.

Puskás Aréna unter dunklen Wolken
Ein Wolkengenerator? Nein, nur die runde Schüssel der Puskás Aréna.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Kurz darauf erreichte der Bus das Stadion, wo es einen kurzen Stop gab, bevor die Fahrt zurück zum Ostbahnhof ging. Das war für mich insofern erfreulich, weil ich diesmal auf der richtigen Seite des Busses saß und so doch noch eine Chance für ein Foto bekam. Glücklicherweise wiederholte sich das Zusammenspiel von Licht und Himmel, so daß das aus dem Jahr 1884 stammende repräsentative Empfangsgebäude des Bahnhofs förmlich zu leuchten schien.

Budapester Ostbahnhof unter dunklen Wolken
Der Ostbahnhof im Sonnenlicht. Dahinter sah der Himmel deutlich weniger freundlich aus.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Von hier aus ging es die große Rákóczi út hinunter, die nach Franz II. Rákóczi – auf Ungarisch II. Rákóczi Ferenc -, dem Fürsten von Siebenbürgen und Anführer des ungarischen Aufstands gegen die Habsburger von 1703 bis 1711 benannt ist und uns, ihren Namen dabei nochmal ändernd, geradewegs hinunter zur Donau und auf die Elisabethbrücke führte, über die der Bus dann den großen Fluß überquerte.

Donau und Budaer Burgpalast von der Elisabethbrücke
Dramatisches Panorama von der Elisabethbrücke: Wolken über dem Fluß, links der Burgberg, gerade voraus die Kettenbrücke.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Drüben folgte ein kleiner Abstecher am Ufer unter dem Gellért-Berg entlang zum Gellért-Bad, bevor der Bus wendete und nun das Budaer Donauufer entlangfuhr, was mir ein paar schöne Blicke auf die Freiheitsbrücke mit ihrer grünen Stahlkonstruktion und die weiße Elisabethbrücke bescherte. Hinter dieser verließen wir die Uferstraße für einen kleinen Schwenk zum Döbrentei tér, so daß ich schon dachte, wir würden auch noch zur Burg hinauffahren, was sich jedoch als Irrtum erwies. Die Strecke sollte lediglich direkt unterhalb des Burgberges entlangführen. Dies verschaffte uns nicht nur einen schöneren Blick von erhöhter Stelle über die Donau nach Pest hinüber, sondern war gleichzeitig auch die einzige Möglichkeit, den Platz und Haltepunkt vor der Kettenbrücke zu erreichen, da die Uferstraße direkt unter ihr hindurchgeführt hätte.

Bevor wir dort jedoch ankamen, hielt der Bus am Burg- beziehungsweise Schloßgarten, was mir Gelegenheit gab, vor dem ehemaligen Várkert-Kiosk den springenden Löwen aus Holz zu bewundern. Der Kiosk, ein kleiner Bau im Stil der Neorenaissance mit vorgelagerten Arkaden und einem dekorativen Turm, war erneut ein Werk Miklós Ybls. Es hatte ursprünglich eine ausgesprochen praktische Aufgabe erfüllt: Pumpen versorgten von hier aus den oben auf dem Burgberg gelegenen königlichen Palast mit Wasser. Ybl hatte den dafür erforderlichen Schornstein gekonnt im Turm des Gebäudes verborgen. Daß man einem Pumpenhaus eine solche Gestalt geben konnte, zeigte einmal mehr, wie wenig technische Notwendigkeit und architektonischer Anspruch einander ausschließen mußten – ein Umstand, den heutige Architekten nicht mehr zu wissen scheinen. Passend zu dem Gebäude hatte man den Straßenzug, auf dem wir unterwegs waren, nach dem Architekten benannt. Warum man ihm allerdings die Bezeichnung Ybl Miklós tér, also Miklós-Ybl-Platz, gegeben hatte, erschloß sich mir nicht so recht.

Ein Stück hinter der Kettenbrücke erreichten wir dann wieder die Uferstraße, und vom Haltepunkt am Batthyány tér bot sich mir vom Budaer Ufer eine weitgehend unverstellte Ansicht des Parlaments. Am Vormittag hatte ich seine Kuppel über den Dächern gesehen. Nun stand mir die ganze langgestreckte Donaufassade gegenüber.

Ungarisches Parlament am Donauufer
Das Parlament. Diesmal ohne die Pester Dächer davor.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Von der Margaretenbrücke aus kamen die großen Teile der Stadt noch einmal zusammen: das Parlament links, der Burgpalast rechts und die Donau dazwischen. Was ich zuvor einzeln betrachtet hatte, lag nun als Stadtlandschaft vor mir.

Donau und Parlament von der Margaretenbrücke
Noch einmal Drama. Die faszinierende Budapester Stadtlandschaft unter schweren Wolken, von der Margaretenbrücke aus betrachtet.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Wieder auf der Pester Seite angekommen, führte die Fahrt zunächst zum Westbahnhof – dem Nyugati pályaudvar -, der mir bereits bestens bekannt war. Von dort ging es dann in die Bajcsy-Zsilinszky út. Wenn ich nun erwartet hatte, daß der noch ausstehende letzte Haltepunkt der Tour, das Parlament, vom Bus noch angefahren würde, sah ich mich getäuscht. Der Bus verließ den Boulevard nicht mehr, der Haltepunkt lag lediglich auf der Höhe des Parlaments, wer dorthin wollte, mußte den Rest des Weges laufen. Nun, das hatte ich heute nicht vor, und so fuhr ich noch eine Station mit und erreichte wohlbehalten die Basilika. Ich war eine ganze Runde mitgefahren.

Am Abend war ich wieder zu Fuß unterwegs. Auf dem Weg zum Essen und zurück blieb noch Gelegenheit für ein paar Aufnahmen in der Umgebung meines Hotels. Da ich meiner Ansicht nach für den ersten Tag bereits genug gelaufen war, suchte ich mir ein kleines, nettes Restaurant in der Nähe meines Hotels und landete im Belvárosi Lugas Étterem in der Bajcsy-Zsilinszky út, gleich gegenüber der Basilika. Nicht nur lernte ich ein neues ungarisches Wort – étterem heißt Restaurant -, sondern genoß auch ein leckeres und gar nicht mal so teures Essen, serviert von einer freundlichen und sehr zuvorkommenden Bedienung – ein schöner Ausklang für diesen Tag, wie ich fand. Hier würde ich wohl nicht zum letzten Mal einkehren.

Als ich das Restaurant verließ, war die Sonne schon längst untergegangen und die Dämmerung schon weit fortgeschritten. Die Basilika zeigte sich nun beleuchtet vor dem tiefblauen Himmel. Ich hatte nach dem Essen doch noch ein wenig Lust auf einen kleinen Bummel. Am Madách Imre tér begegnete ich Sisi, dargestellt in einer Bronzestatue von Mária Törley. Und schließlich stand ich wieder vor der Staatsoper.

Ungarische Staatsoper in Abendbeleuchtung
Dasselbe Haus wie am Morgen – und doch ein anderer Anblick.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Die beleuchteten Bogenöffnungen verliehen ihrer Fassade eine andere Wirkung als das morgendliche Sonnenlicht. Gegenüber stand der Drechsler-Palast, ebenfalls angestrahlt. Das einst für die Pensionsanstalt der Ungarischen Staatsbahnen errichtete und später als Ballettinstitut genutzte Gebäude beherbergt mittlerweile das Hotel W Budapest.

Drechsler-Palast in Abendbeleuchtung
Der Drechsler-Palast gegenüber der Oper: der letzte fotografische Halt dieses Tages.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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So endete mein erster ganzer Tag in Budapest dort, wo er begonnen hatte. Dazwischen lagen drei verschiedene Arten und Weisen, sich einen Überblick über die Stadt zu verschaffen: ein Spaziergang zur Donau mit dem Blick vom Flußufer auf die Stadtlandschaft am Fluß, ein Rundgang hoch über den Dächern und eine Fahrt, die mir weitere Teile der Stadt gezeigt hatte.

Für einen Tag, an dem ich zunächst nur ein wenig hatte spazierengehen wollen, war das nicht gerade wenig. Und doch blieb noch reichlich übrig.

Glücklicherweise hatte ich noch Zeit.

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Stadtbummel im Grünen

Dieser Beitrag ist Teil 4 von 10 der Beitragsserie "Reise nach Neuseeland & Singapur"
Wie ich mitten in Auckland einen Stadtbummel im Grünen machte

Als wir aus dem Eingangsbereich des Sky Towers hinaus auf die Straße treten, läßt uns dies aus den erhabenen Sphären hoch über der Stadt, in denen wir eben noch geschwebt hatten, förmlich auf den Boden der Tatsachen, das heißt in den wirren Trubel der geschäftigen Metropole fallen. Autos brausen die Victoria Street entlang an uns vorüber, wenn ihnen die Ampel an der kleinen Straßenkreuzung, vor der wir stehen, grünes Licht gibt, während sie bei rotem Signal ob des erzwungenen Halts unwillig vor sich hin zu brummen scheinen.

Hatten wir eben noch großzügig über die gen Himmel strebenden und ihn doch nicht erreichenden Hochhäuser des Central Business Districts hinweg- und in die Weite gesehen, so ist es nun, als ob sich eben diese Bauten dafür revanchieren wollen, indem sie sich jetzt um so dichter zusammendrängen und unseren Blick so weit wie nur möglich begrenzen, so daß er kaum wesentlich weiter als bis zur nächsten Straßenkreuzung reicht. Überdimensionierte Werbetafeln an den Fassaden der meist quaderförmigen Blöcke versuchen, unsere Aufmerksamkeit an sich zu binden, indem sie uns ihre Botschaften mittels riesiger Lettern förmlich entgegenschreien. Vergebens. Wir sind an ihnen nicht sonderlich interessiert.

Mein Blick wendet sich stattdessen einigen Bauten aus offensichtlich früheren Tagen zu, die es hier und da geschafft haben, den sich um sie herum versammelnden und in die Höhe reckenden Wolkenkratzern ihren Standort abzutrotzen. Bescheiden begnügen sie sich mit zwei oder drei Stockwerken, in deren unterem sie kleine Läden, Cafés oder Restaurants beherbergen. Gefällig präsentieren sie dem Auge des Betrachters hübsche Fassaden mit sauber gegliederten Fensterachsen und Schmuckelementen wie kleinen Spitzgiebeln, in die Hauswand integrierten Ornamenten oder Mauervorsprüngen. Ein langgestrecktes Gebäude mit dem Erscheinungsbild eines Reihenhauses paßt sich der in der Höhe abfallenden Victoria Street an, indem sich seine Bestandteile treppenförmig aneinanderfügen. Demgegenüber scheinen die Architekten der die kleinen, alten Bauten bedrängenden Hochhäuser ihre Energie eher in den Wettbewerb, welches ihrer Bauwerke wohl höher aufragen kann, investiert zu haben, wobei sie jedoch vergaßen, für ein ansprechendes Äußeres zu sorgen, was mich etwas überrascht, denn aus der Höhe des Sky Towers hatten die Wolkenkratzer durchaus abwechslungsreich gestaltet gewirkt. Von hier unten aber beschränkt sich ihr Äußeres meist auf ein langweiliges Einerlei endlos an- und übereinander gereihter zahlloser Fenster, das mich als Betrachter für die an den Fassaden angebrachten Werbetafeln fast schon wieder dankbar sein läßt, bringen sie doch wenigstens ein bißchen Abwechslung in die Versammlung gleichförmiger Wände. Allerdings frage ich mich, ob die Menschen in den Büros dahinter – Wohnungen werden es doch hoffentlich nicht sein? – nun überhaupt Tageslicht erhalten. Die Gleichgültigkeit ihrer Fassaden setzt sich auch in der Anordnung dieser Hochhäuser fort, denn zu dem Gelände, in dem sie stehen, haben sie keinerlei Bezug. Zwar ist das Gefälle der Victoria Street nicht eben übermäßig groß, doch auch nicht gänzlich unerheblich. Als ich mir aber die Wolkenkratzer anschaue, kann ich es dennoch so gut wie überhaupt nicht nachvollziehen. Ja, die meisten von ihnen scheinen es sogar nach Kräften ignorieren zu wollen, beharren sie doch eisern darauf, ihre Fassadenkanten streng horizontal auszurichten, ohne daran auch nur einen einzigen Abstrich in Form einer treppenartigen Abstufung zu machen, wie sie die historischen Bauten so bereitwillig vollziehen.

In der Victoria Street
Alt und Neu existieren in der Victoria Street in Auckland mehr oder weniger einträchtig nebeneinander.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Von der Federal Street, an deren Kreuzung mit der Victoria Street wir uns befinden, lenken wir unsere Schritte in Richtung Osten. Der Grund ist nicht die Tatsache, daß es für uns nun ein wenig bergab geht – auch wenn uns das durchaus nicht unwillkommen ist -, sondern daß in dieser Richtung der Albert-Park liegt, den wir auf unserem Stadtbummel als erstes Ziel auserkoren haben. Wir überqueren die Queen Street, was uns vom Westteil in den Ostteil der Victoria Street bringt. Die nahezu in Nord-Süd-Richtung verlaufende Queen Street dient im Zentrum Aucklands gewissermaßen als Straßenscheide. Zwar tragen sie kreuzende Verkehrswege meist durchgängig denselben Namen, allerdings erhalten sie westlich der Queen Street den Namenszusatz West, östlich davon wird ein East angehängt. Waren wir also eben noch auf der Victoria Street West unterwegs, legt sich nun die Victoria Street East unter unsere Füße. Beide Straßenteile haben eine voneinander völlig unabhängige Numerierung der an ihnen befindlichen Häuser. Die Wellesley Street, in der sich unser Hotel befindet, folgt ebenfalls diesem Benennungsschema.

Bereits zwei Querstraßen weiter findet die nun wieder ansteigende Victoria Street East an der Kitchener Street bereits ihr unverhofftes Ende, denn auf deren gegenüberliegender Straßenseite steigt das Gelände plötzlich steil an. Der dadurch entstehende Hang ist mit einer Vielzahl hoher Bäume besetzt, die einen weiteren Blick hinauf wirksam verhindern. An seinem unteren Ende beschneiden aus großen, natürlichen Steinen zusammengefügte Mauern diesen Hang und grenzen so ein Stück ebener Erde ab, auf dem sich ein langgezogenes Podest, aus Steinen derselben Art gebildet, befindet. Auf diesem ragen zwei schlanke, aus übereinandergestapelten Steinen bestehende Säulen meterhoch auf, die an ihrem oberen Ende durch, wie es von hier unten scheint, filigrane Drähte oder dünne, gebogene Metallstäbe miteinander verbunden sind. Die Steine, aus denen dieses von Chris Booth geschaffene Kunstwerk besteht, sind Basaltblöcke, die, so lese ich später nach, das in der Matauri Bay in Northland lebende Māori-Volk der Ngati Kura gestiftet und so dem Albert-Park, der an dem dahinterliegenden Hang beginnt, zu einem markanten Eingangstor verholfen hat.

Durchschreiten muß man dieses Tor allerdings nicht, um in den Albert-Park zu gelangen. Dafür ist es eindeutig zu sehr als Kunstwerk hier positioniert worden. Alle Wege führen sauber drumherum. Dafür müssen wir nun doch etwas mehr körperliche Fitneß zeigen, denn unser Weg in den Park hinein führt uns über eine Reihe von Treppen mit zahlreichen Stufen den Hang hinauf. Glücklicherweise ist es zwar sommerlich warm, aber nicht sonderlich heiß, und unter den vorwiegend einheimischen Bäumen, die in diesem Teil des Parks wachsen und wohl mehr als einhundert Jahre alt sind, ist es wunderbar schattig. Ihrem Alter angemessen, haben die prachtvollen Bäume weit ausladende und gewaltige Formen entwickelt.

Im Albert Park in Auckland
Diesen prächtigen Bäumen begegnen wir nach unserem Aufstieg in den Albert-Park.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Oben angekommen, stehen wir nun auf dem langgestreckten Bergrücken, auf dem sich der Albert-Park befindet. Im südöstlichen Parkbereich aus Sandstein bestehend, wird dieser Höhenzug am nordwestlichen Ende des Parks, in dem wir uns gerade befinden, durch einen der vielen Vulkane des Auckland Volcanic Fields ergänzt, dem man – wenig einfallsreich, aber naheliegend – den Namen Albert-Park-Vulkan gegeben hat. Daß wir auf einem potentiell feuerspeienden Berg stehen, entgeht uns bei unserem Aufenthalt hier allerdings völlig. Doch damit sind wir nicht allein. Bis ins Jahr 1859 hat niemand überhaupt auch nur etwas davon gewußt. Erst der in Esslingen am Neckar geborene Geologe, Naturforscher und Entdecker Ferdinand von Hochstetter erkannte bei seinem Besuch Aucklands in jenem Jahr den vulkanischen Ursprung dieses Areals. Der Grund liegt darin, daß es sich beim Albert-Park-Vulkan, der vor etwa 145.000 Jahren das einzige (und hoffentlich letzte) Mal ausgebrochen ist, um einen eher kleinen Vertreter seiner Zunft handelt – so klein, daß er von dem Sandsteinrücken, auf dem sich der überwiegende Teil des Parks befindet, sogar überragt wird. Der vollständige Bewuchs tut ein Übriges, um den Vulkan vor unseren Augen komplett zu verbergen.

Auf gut gepflegten Wegen beginnen wir unseren Rundgang durch die weitläufige Parkanlage. Nun, da wir einmal die Höhe des Bergrückens erklommen haben, läßt es sich wahrlich entspannt spazieren, denn dieser bildet hier eine Art Plateau, auf dem es kaum einmal eine Steigung gibt. Dies zog bereits in der Vergangenheit die Menschen an. Schon die Māori errichteten hier ein Dorf namens Rangipuke, später gar eine Siedlung namens Mangahekea, die jedoch in den 1740er Jahren ihr Ende fand. Als in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Briten kamen, hatten sie nichts Besseres zu tun, als hier eine frühe militärische Festung anzulegen – die sogenannten Albert Barracks. Das erhöhte Gelände war wohl bestens dafür geeignet, das umliegende Gebiet zu überwachen. Einige Bauten aus Holz und Mauerwerk, umgeben von einer Mauer aus Vulkangestein, das man in der Umgebung abgebrochen hatte – das war die Festung. Nun, daß es vulkanischen Ursprungs war, darüber machte man sich wohl damals keine Gedanken. Das stellte ja – wir erinnern uns – erst Ferdinand von Hochstetter einige Jahre später fest.

Nun, von all dem ist heute nichts mehr übrig, abgesehen von einem Rest besagter Mauer, der sich heute auf dem Gelände der nahen Universität von Auckland befindet. Die Festung wurde 1870 nutzlos, als das britische Regiment, daß hier stationiert war, abgezogen wurde. Fünf Jahre zuvor hatte Auckland den Status der Hauptstadt an Wellington verloren. Man riß die Gebäude ab und widmete das heutige Gelände der Grünanlage in ein Reservat um, das man dann in den 1880ern zu einem Park weiterentwickelte. Man schrieb – ein bei Politikern bis heute beliebtes Mittel, wenn eigene Ideen Mangelware sind – dafür einen Wettbewerb aus, den der Architekt James Slater gewann. Das heißt, er entschied den zweiten Wettbewerb für sich. Bereits in 1870er Jahren hatte man einen solchen ausgerichtet, den Siegerentwurf dann jedoch nicht umgesetzt. Warum, das weiß wohl heute niemand mehr. So entstand der Albert-Park nach den Entwürfen Slaters, und so existiert er heute noch, einschließlich einiger einzelner Bäume, die in der Zeit zwischen 1880 und dem Ersten Weltkrieg gepflanzt wurden.

Allzu groß ist sie nicht, diese Grünanlage im Herzen der Stadt, und so haben wir keine allzu weiten Wege zurückzulegen, um die herausragenden Punkte dieses Parks aufzusuchen. Wir kommen zunächst an einem kleinen Denkmal vorüber, das von einem schwarzen Metallzaun umgeben ist und Rätsel aufgibt. Auf einem Podest, das an einen Schrein mit bogenförmiger Öffnung erinnert, steht die kleine marmorne Statue einer jungen Frau, der eine merkwürdige Haube auf dem Kopf sitzt und die ein Kleidungsstück auf dem Leib trägt, welches mit seinen kurzen Beinen, den fehlenden Ärmeln und den Rüschen an einen altmodischen Badeanzug erinnert. Doch was hält sie da in der Hand? Sieht aus wie ein – Fisch? Dann wäre das große Etwas, das sich von ihren Händen durch ihre Beine zum Boden windet, vielleicht ein Netz? Soll diese Statue ein Fischermädchen darstellen? Im Badeanzug? Ich weiß es nicht. Vielleicht gibt ja die Plakette, die sich an dem Podest befindet, Aufschluß:

Erected
In Loving Remembrance Of
G. M. Reed. B. A.
of Auckland, Journalist.
„For the future in the distance
and the good that we can do.“
1901

Übersetzt heißt das:

Errichtet
In liebevollem Gedenken an
G. M. Reed. B. A.
aus Auckland, Journalist.
„Für die Zukunft in der Ferne
und das Gute, das wir tun können.“
1901

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Das etwas rätselhafte Denkmal für George M. Reed im Albert-Park in Auckland.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Also ein Denkmal, das ein Fischermädchen im Badeanzug darstellt und der Erinnerung an einen Journalisten gewidmet ist, der in Auckland ansässig war. Versteht das jemand? Ich nicht. Leider auch dann nicht, als ich später ein wenig darüber recherchiere. Dabei finde ich lediglich heraus, daß es sich bei dem Podest nicht um einen Schrein, sondern um einen Trinkbrunnen handelt, der aber wohl heute nicht mehr Betrieb ist. Wasser habe ich jedenfalls nirgendwo gesehen. Immerhin stellt das eine gewisse Beziehung zu dem Motiv des Fischermädchens her. Die Schöpfer des Brunnens waren die Architekten John Mitchell and Robert Watt, die Statue schuf William Parkinson, ein einheimischer Bildhauer. Nun gut. Und George M. Reed? Der war Journalist und Zeitungseigner in Auckland. Das war’s. Es bleibt rätselhaft.

Ein Stück weiter gelangen wir auf den großen Hauptweg des Parks, der diesem seine große Nord-Süd-Achse verleiht. Hier, am südlichen Ende stoßen wir auf etwas, das es früher häufiger in öffentlichen Grünanlagen gab, man aber heute kaum noch irgendwo vorfindet: einen Orchesterpavillon. In früheren Zeiten trafen sich die Menschen bei schönem Wetter in den Parks, um kleinen oder größeren Gruppen von Instrumentalisten, vielleicht auch Sängern zu lauschen, die in solchen Pavillons ihre Musik zu Gehör brachten. Eigentlich eine schöne Tradition. Warum eigentlich gibt es so etwas heute nicht mehr? Nun, Radios, Stereoanlagen, Computer und MP3-Player haben es möglich gemacht, die Musik mit nach Hause zu nehmen oder unterwegs zu hören – jederzeit, überall. Und ganz individuell. Was dabei leider auf der Strecke blieb, ist das gemeinschaftliche Erleben der Musik. Natürlich, wird so mancher gleich einwenden, ist das doch auch heute noch möglich. Doch entweder zahlt man dafür meist recht teuren Eintritt oder man lauscht Straßenmusikern in der Fußgängerzone, im U-Bahn-Eingang oder an anderen Orten, wo Menschen meist keinen Nerv für’s Musikhören haben und das Ambiente dem Genuß eher abträglich ist. Da wäre so ein Musikpavillon in einem schönen Park doch viel besser geeignet. Oft genug hat der Fortschritt eben auch seine mangelhafte Kehrseite.

Von dem Orchesterpavillon mit seiner zwiebelförmigen Spitze aus Blech auf dem Dach, der übrigens der älteste noch erhaltene Musikpavillon in der Region Auckland ist, spazieren wir den Hauptweg in nördlicher Richtung entlang. Links und rechts dehnt sich sauber gepflegter Rasen, auf dem einzelne, ausladende Bäume stehen – vermutlich jene aus den Anfangstagen des Parks. Gesäumt wird der Weg von hochgewachsenen Palmen mit schlanken, doch völlig kahlen Stämmen, die ein wenig wie hier aufgestellte Masten wirken. Vor uns führen einige Stufen zu einem weitläufigen Rondell, in dessen Mitte sich ein großer Schalenbrunnen befindet.

Was mir beim Näherkommen auffällt, ist, daß der Brunnen ausnehmend dunkel erscheint. Im hellen Sonnenlicht wirkt er fast schwarz. Nur Wasser kann ich nirgends erkennen. Sollte in einem Brunnen – insbesondere, wenn es ein Schalenbrunnen ist – nicht schon von weitem sichtbar Wasser von oben nach unten laufen? Als wir die paar Stufen zu dem Rondell erreicht haben, sie hinaufgestiegen sind und schließlich unmittelbar vor dem Brunnen stehen, kann ich erkennen, daß ich mich geirrt habe – zumindest ein wenig. Es gibt durchaus Wasser, allerdings nur in Form einer recht großen Pfütze inmitten des großen Brunnenbeckens, das jedoch weit davon entfernt ist, gefüllt zu sein. Ansonsten scheint der Brunnen im Wortsinne auf dem Trockenen zu sitzen. Warum, ist nicht festzustellen. Weder kann es an zu niedrigen Temperaturen liegen – es ist sommerlich warm – noch wird er gerade gereinigt. Vielleicht ist etwas kaputt?

Der viktorianische Brunnen im Albert Park in Auckland
Der gußeiserne viktorianische Brunnen bildet das Herzstück des Albert-Parks im Zentrum Aucklands.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Wie dem auch sei, ich schaue ihn mir trotzdem an. Unter künstlerischen  Gesichtspunkten ist er auch ohne Wasser durchaus sehenswert. Zwei Schalen unterschiedlicher Größe sind übereinander angeordnet, die kleinere oben. Unterhalb der großen Schale sind rings um den Sockel vier Statuen positioniert, die große Fische zeigen. Manche behaupten, es handle sich um Delphine, doch üblicherweise haben Delphine keine Schuppen. Auf diesen Fischen reiten Putten, von denen jede ein Horn bei sich hat, in das sie andächtig bläst. Ist der Brunnen in Betrieb, stoßen diese Hörner, so lese ich später, Wasser aus. Oberhalb der kleinen Brunnenschale steht eine weitere Statue – eine Frauenfigur, eine Darstellung der Aphrodite. Auch sie trägt ein Horn, das sicherlich ebenfalls Wasser speien kann. Schalen und Skulpturen sind ebenso wie der verzierte Schaft, an dem sie sich befinden, aus Gußeisen, was die dunkle Farbe des Brunnens erklärt. Über den Künstler, der ihn einst schuf, kann ich leider nichts herausbekommen, doch erfahre ich, daß der viktorianische Brunnen von Beginn an im Albert-Park zu Hause ist, nachdem man ihn extra dafür im Jahre 1881 aus Großbritannien importiert hatte.

Nur wenige Meter hinter dem Rondell mit dem Brunnen findet die Nord-Süd-Achse des Albert-Parks ihr Ende an dem großen Denkmal für Königin Victoria von Großbritannien. Man kann kaum in irgendeinen Winkel des ehemaligen britischen Empires reisen, ohne auf irgendetwas zu stoßen, was in Bezug zu dieser bedeutenden Monarchin steht. Das Denkmal, vor dem wir nun anhalten, zeigt sie in Lebensgröße, auf einem hohen, steinernen Sockel stehend. 1897 von Francis John Williamson geschaffen, wurde das bronzene Standbild zwei Jahre später hier enthüllt, um den sechzigsten Jahrestag der Krönung Victorias feierlich zu begehen. Es war die erste Statue der Königin in Neuseeland.

Der Park hat noch einige weitere Kunstwerke und Denkmale aufzuweisen, die wir auf unserem Spaziergang leider nicht alle auffinden. So entgehen uns bedauerlicherweise ein Marmor-Denkmal für den Burenkrieg und zwei edwardianische Marmorstatuen. An dem ebenfalls von Francis John Williamson geschaffenen, überlebensgroßen Marmorstandbild von Sir George Grey kommen wir zwar vorüber, übersehen es aber irgendwie – zumindest habe ich weder ein Foto noch eine Erinnerung daran -, da unsere Aufmerksamkeit offenbar von den beiden großen, ganz in der Nähe aufgestellten Feldgeschützen in Anspruch genommen wird, die man, als die Albert Barracks längst Geschichte waren, in den 1880er Jahren hier positioniert hatte, weil man Angst vor einer russischen Invasion bekam. Nun, an der Angst vor dem Russen hat sich bis heute, mehr als einhundert Jahre später, nichts geändert. Als Feindbild war er in angelsächsischen, heute westlichen Sphären stets außerordentlich beliebt, egal, welcher Staats- beziehungsweise Gesellschaftsform er auch immer gerade anhing. Überflüssig zu erwähnen, daß die befürchtete Invasion russischer Heerscharen hier am anderen Ende der Welt natürlich niemals stattfand.

Wir wenden uns nun der Ostseite des Parks zu, wo er von der Princes Street begrenzt wird. Bevor wir ihn dort verlassen, kommen wir an einer Ecke, die von zwei aufeinandertreffenden Wegen gebildet wird, zu einer riesigen Ansammlung von mit kleinen Mauern eingefaßten Blumenrabatten. Während links und rechts niedrige, sorgfältig gestutzte Hecken den Namen der Grünanlage bilden – ALBERT links, PARK rechts – stellen die in bunten Farben blühenden Anpflanzungen in der Mitte ganz offensichtlich eine riesige Uhr dar. Als ich nähertrete, entdecke ich auch die großen Zeiger, die über den Rabatten ihre Bahn ziehen. Unwillkürlich ziehe ich mein Mobiltelefon hervor, um die Zeit zu vergleichen. Tatsächlich, diese riesige Blumenuhr geht absolut genau. Siebzehn Minuten nach Eins. Was für ein wunderschönes gärtnerisches Kunstwerk! Dies ist um so bewundernswerter, als dieser pflanzliche, wenn auch elektrisch betriebene Zeitmesser bereits mehr als sechzig Jahre alt ist. 1953 wurde die Laidlaw Floral Clock geschaffen. Die Familie Laidlaw hatte sie anläßlich des ersten Besuch Königin Elisabeths II. in Neuseeland gestiftet.

Die Blumenuhr im Albert Park in Auckland
Die kolossale Blumenuhr im Albert-Park, nahe der Princes Street, geht absolut genau.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Wir verlassen den Albert-Park durch den nahegelegenen Ausgang und treten auf die Princes Street hinaus. Hier gelangen wir zu einer Reihe Wohnhäuser, die ganz offensichtlich schon älteren Datums sind. Ein unter einer prächtigen, hohen Palme aufgestelltes Schild macht uns mit einem von ihnen bekannt:

Princes St. Merchant House

steht darauf, verbunden mit dem Hinweis, daß es erhalten und gepflegt würde durch den Stadtrat von Auckland. Nun, das mag ich nicht recht glauben. Ich gehe davon aus, daß der Stadtrat von Auckland dies nicht höchstselbst erledigt. Er wird seine Leute dafür haben.

Die Merchant Houses – tatsächlich sind es fünf an der Zahl – ließen Ende des 19. Jahrhunderts reiche Bürger der Stadt hier für sich errichten. Die meisten von ihnen waren Geschäftsleute, woraus sich wohl der Name der Häuser ableitet: Kaufmannshäuser. Sie bevorzugten die Höhenlage des Albert-Parks, die sich damals – Auckland war noch viel kleiner als heute – eher am Stadtrand befand, als Wohnsitz – im wahrsten Sinne des Wortes abgehoben von der Geschäftigkeit des Stadtzentrums zu ihren Füßen, aber dennoch nicht allzu weit von diesem entfernt. Die fünf Häuser haben sich in unsere Zeit hinübergerettet, was sie allerdings nicht ihren reichen Besitzern verdanken. Denn als die Stadt anwuchs, verlegten sie ihre Wohnsitze alsbald an andere Orte. Viele der Merchant Houses wurden wieder abgerissen, doch die fünf, die wir nun vor uns sehen, fanden in den Jahren seitdem andere Eigentümer. Zuerst wurden sie in Pensionen umgewandelt, später zogen nacheinander verschiedene Institutionen ein und aus – bis heute. Das Gebäude in der Princes Street Nummer 29, welches uns von dem Schild unter der Palme so freundlich wie unvollständig vorgestellt wird, trägt den Namen „Hamurana“ – was nicht auf dem Schild steht – und besitzt eine hölzerne Fassade. Seine Vorderseite wird in ihrer gesamten Breite von einer großen Veranda im Obergeschoß eingenommen. Den von dieser überschatteten Bereich vor dem Untergeschoß hat man als Arkaden gestaltet. Das Haus gehört heute zur Universität von Auckland, deren City-Campus auf der gegenüberliegenden Straßenseite beginnt.

Und dieser wenden wir uns nun zu. Denn dort steht ein Gebäude, das mir bereits vom Sky Tower aus aufgefallen war und mein Interesse an dem Universitätsgelände geweckt hatte: der Uhrenturm.

Nun, eigentlich ist es nicht einfach nur ein Uhrenturm. Tatsächlich handelt es sich um ein großes Gebäude mit einem großen h-förmigen Haupttrakt und zwei sich links und rechts anschließenden Seitenflügeln. Der Turm, der dem Gebäude zu seinem Namen verholfen hat, erhebt sich in der Mitte des Haupttrakts. Rund im Grundriß, wirkt er mit seinen filigranen Verzierungen, die mich irgendwie an die Adern von Blättern erinnern, trotz seiner beachtlichen 54 Meter Höhe fast ein wenig fragil. Dieser Eindruck wird durch die von seinem Dach aufragenden Zierspitzen eher noch verstärkt. Die Uhr, die in einem Uhrenturm natürlich nicht fehlen darf, befindet sich unmittelbar unter der Dachkante, die sich in spitz zulaufenden Wellen rings um den Turm zieht.

Entworfen hat das im Jugendstil gehaltene Gebäude der Architekt Roy Alstan Lippincott. 1926 fertiggestellt, beherbergte es lange Zeit alle geisteswissenschaftlichen Fakultäten der Universität sowie die Bereiche Architektur, Jura und Musik. Man bezeichnete es daher lange Zeit als Old Arts Building, das Gebäude der alten Künste. Auch die Universitätsbibliothek und die Aula waren hier untergebracht. In den 1980er Jahren war dann schließlich eine umfassende Renovierung und Restaurierung erforderlich geworden. Damit verbunden war eine Umwidmung des Gebäudes, so daß sich heute die Räumlichkeiten des Vizekanzlers der Universität und weitere Verwaltungseinrichtungen darin befinden, desweiteren der Große Saal und der Ratssaal der Bildungseinrichtung. Da der alte Name nun nicht mehr so ganz paßte, bürgerte sich schließlich die Bezeichnung Clock Tower – Uhrenturm – ein.

Wir spazieren in nördlicher Richtung die Princes Street entlang. Weil wir jedoch nicht so recht Lust haben, nach all dem schönen Grün nun eine schnöde Straße entlangzuwandern, nehmen wir, nachdem wir den linken Seitenflügel des Clock Towers passiert haben, einen Fußweg, der nach rechts auf das Universitätsgelände führt, das seinerseits von üppigem Grün bewachsen ist. Weit müssen wir nicht gehen, da leuchtet zwischen den Bäumen und Büschen die beigefarbene, orange abgesetzte Holzfassade eines weiteren Gebäudes hervor, das von einem riesigen, schlanken Nadelbaum überragt wird, der sofort ins Auge fällt. Das Gebäude wirkt wie ein Wohnhaus aus dem vorigen Jahrhundert. Neugierig suchen wir zu seiner Frontseite zu gelangen.

Doch bevor wir dort ankommen, werden wir plötzlich abgelenkt. Direkt neben uns setzt unvermittelt ein außerordentlich lautes Zirpen ein. Im ersten Moment denke ich an eine Grille, ein Heupferdchen, doch bei dieser Lautstärke müßte es sich schon um ein regelrechtes Heuroß handeln. Und wenn ich es recht bedenke, trifft die Bezeichnung Zirpen auch nicht so recht das, was ich da gerade höre. Es klingt eher, als würde jemand einen dicken Stock über ein großes Waschbrett ziehen. Was ist das?

Neugierig spüre ich dem Geräusch hinterher, das immer wieder einmal pausiert, kurz darauf jedoch wieder mit unverminderter Lautstärke einsetzt. Schließlich entdecke ich am dünnen Stämmchen eines kleinen Baumes den Verursacher des, nun ja, Lärms: eine Zikade. Wie ich es vermutet hatte, ist das Insekt von beachtlicher Größe. Vorsichtig, um es nicht zu verschrecken, hebe ich meine Kamera und halte den eigentümlichen Sänger für die Nachwelt fest:

Eine Chorzikade
Chorzikaden wie diese sind in Neuseeland heimisch und weit verbreitet. Selbst in den Städten ist ihr lautes Zirpen zu gewissen Tageszeiten allgegenwärtig.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Wir schauen und hören der Zikade noch eine Weile interessiert zu, doch schließlich wenden wir uns wieder unserem eigentlichen Ziel zu: dem Gebäude mit der hölzernen Fassade.

Ein kleines, daran angebrachtes rundes Schild gibt uns Auskunft:

Old Government House

Designed by William Mason
„The first New Zealand Architect“
This building was built in 1856 by Mr. Hay for
£ 14.581. It replaced the original house on this
site built by Governor Hobson in 1841
and destroyed  by fire in 1848.
It remained a Vice-Regal Residence until
1969 when it was transferred
to the University.

Übersetzt heißt das:

Altes Regierungsgebäude

Entworfen von William Mason
„Der erste neuseeländische Architekt“
Dieses Gebäude wurde 1856 von Mr. Hay für 14.581 £ gebaut. Es ersetzte das ursprüngliche Haus an dieser Stelle, das 1841 von Gouverneur Hobson errichtet und 1848 durch ein Feuer zerstört wurde. Es diente bis 1969 als Vizeregierungsresidenz und wurde dann an die Universität übertragen.

Na, damit ist doch alles Wesentliche gesagt. Oder nicht? Nun, man könnte noch ergänzen, daß zum Zeitpunkt der Errichtung dieses Gebäudes Auckland die Hauptstadt des Landes war, was es notwendig machte, daß der Gouverneur hier eine Residenz hatte. Interessant ist auch, daß das Old Government House das erste Gebäude Neuseelands war, bei dem man sich die Mühe machte, die hölzerne Fassade so zu bearbeiten, daß sie den Eindruck vermittelte, aus Stein zu sein. Neun Jahre nach seiner Fertigstellung verlor Auckland seinen Hauptstadt-Status, da es ihn 1865 an Wellington abtreten mußte. Zwar war Auckland die größere der beiden Städte, aber Wellington lag einfach zentraler. Das Old Government House blieb dem Gouverneur allerdings als Vize-Residenz erhalten.

Als diese 1969 in ein anderes Gebäude im Stadtteil Mount Eden verlegt wurde, übergab man das Old Government House der Universität. Für uns ergibt sich daraus ein unmittelbarer Vorteil, denn als wir vor dem Haupteingang des Gebäudes stehen, stellen wir erfreut fest, daß die Hochschule unter anderem auch ein Restaurant beziehungsweise Café darin eingerichtet hat. Und da es nun schon weit über den Mittag hinaus ist, melden sich unsere Mägen mittlerweile vehement zu Wort. Wir zögern daher nicht lange und suchen uns einen der Tische aus, die vor dem Gebäude im Freien stehen. Schließlich haben wir einen schönen sommerlichen Februartag, da wollen wir natürlich nicht drinnen sitzen, wenn es sich vermeiden läßt. Kurz darauf stellen wir fest, daß wir doch hinein müssen, denn hier ist Selbstbedienung. Na gut, wir sind ja nicht verwöhnt. Dann holen wir uns unser Essen eben selbst. Im Inneren des Gebäudes müssen wir etwas suchen, um den Weg zum Essen zu finden. Er führt uns einmal durch das Innere des Hauses auf dessen andere Seite. Dort angekommen, haben wir etwas vor uns, was wir bereits gut aus unseren eigenen Studienzeiten an einer Universität kennen und wofür ich keineswegs den Begriff Restaurant oder Café gebrauchen würde. Was wir sehen, erinnert eher an eine Kantine.

Na, macht nichts. Wir suchen uns jeder ein Essen aus, bezahlen und tragen es den Weg zurück aus dem Gebäude hinaus an unseren Tisch. Über die Qualität kann ich eigentlich nicht viel sagen – die bleibt mir offenbar nicht in Erinnerung. Weder richtig gut noch richtig schlecht, das trifft es wohl am besten. Was sich mir jedoch einprägt, ist der Eindruck, daß mich im Inneren des Gebäudes kaum etwas daran erinnert, daß es sich dabei um einen ehemaligen Regierungssitz handeln könnte. Dies wird mir später bestätigt, als ich noch ein wenig mehr über das Old Government House herausfinden möchte. Ich erfahre, daß es nun hauptsächlich als Aufenthaltsraum für das Personal dient und eine Empfangssuite für den Rat der Universität, Wohnungen für Gastwissenschaftler, Räume für den Verband der Hochschulabsolventinnen und einen Hörsaal beherbergt. Um all dies in dem Haus unterbringen zu können, hat man dessen Inneres im Laufe der Zeit mehr und mehr verändert, um es an die Bedürfnisse der Lehreinrichtung anzupassen. Die Atmosphäre einer palastähnlichen Residenz ist dabei allerdings weitestgehend verlorengegangen. Wirklich schade.

Am Old Government House in Auckland
Von außen sieht das Old Government House in Auckland noch wie ein ehrwürdiger Gouverneurssitz aus dem vorigen Jahrhundert aus. Im Inneren ist davon allerdings nur noch wenig zu sehen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Während wir hier draußen im warmen Sonnenschein sitzen, haben wir genug Zeit, uns umzusehen. Einige der Bäume auf dem Gelände rings um das Gebäude sind, wie es den Anschein hat, so alt wie das Old Government House selbst. Erneut fällt mir der riesige Nadelbaum auf, der es weit überragt. Es heißt, diese Norfolk-Kiefer habe Sir George Grey höchstpersönlich während seiner zweiten Amtszeit als Gouverneur in den 1860er Jahren gepflanzt. Nun, alt genug könnte sie dafür wohl sein.

Als wir schließlich unseren Weg über das Gelände der Universität fortsetzen, kommen wir an einem etwa drei Meter hohen Strauch vorüber, der hier am Rande eines Fahrwegs auf einer Rasenfläche wächst. Wunderschöne große, rosafarbene Blüten mit fünf Blütenblättern und einem langen Griffel, besetzt mit gelben Staubblättern, erblühen in großer Zahl rings um den gesamten Strauch, in dem ich einen engen Verwandten meines Chinesischen Roseneibischs, einer Hibiskus-Art, erkenne, der zu Hause mein Wohnzimmer verschönert und bei dem ich, wie ich leicht zerknirscht zugeben muß, nie so recht darüber nachgedacht habe, wo er eigentlich heimisch ist. Manchmal muß man eben erst ans andere Ende der Welt reisen, um etwas darüber zu lernen, was man zu Hause direkt vor der eigenen Nase hat…

Wenige Schritte weiter treten wir unter den Bäumen, die unseren Weg beschattet haben, hervor, passieren ein Tor in einem weißen Zaun und erreichen eine große Straßenkreuzung. Wir haben den City-Campus der Universität Auckland, den größten ihrer sechs Standorte, hinter uns gelassen – und keine Gelegenheit, dies zu bedauern. Denn schon an eben dieser Kreuzung, an der sich vier Straßen begegnen, finden wir zwei weitere Sehenswürdigkeiten der Stadt, die unsere Aufmerksamkeit unmittelbar auf sich ziehen.

An der Ecke Alten Road und Symonds Street reckt eine verhältnismäßig kleine Kirche ihren schönen Turm in die Höhe, der ein wenig so wirkt, als solle er die Kleinheit der Kirche unbedingt wettmachen, denn er scheint für sie ein wenig zu groß beziehungsweise zu hoch zu sein. Das tut der Schönheit seiner Architektur jedoch keinen Abbruch. Ein großes Schild, das man an der Seite der Kirche aufgestellt hat, informiert uns, daß wir hier die Kirche Saint Andrew’s vor uns haben, die nicht einfach nur ein presbyterianisches Gotteshaus ist, sondern die erste presbyterianische Kirche Aucklands. Tatsächlich ist sie, von 1847 bis 1850 errichtet, sogar die erste Kirche, die in der Stadt gebaut wurde. Bereits der erste Entwurf von Walter Robertson, dem der Kirchenbau entspricht, sah einen Turm und auch einen Säulengang vor. Doch bereits damals kam es so, wie es auch heute oft genug geschieht – die geplanten Kosten wurden massiv überschritten und man konnte sich Turm und Säulengang schlicht nicht mehr leisten. So soll die Kirche lange Jahre eher an eine Scheune erinnert haben als an ein Gotteshaus. Erst im Jahr 1882 konnten Turm und Säulengang ergänzt werden, basierten aber nun auf Entwürfen von Matthew Henderson.

Der Kirche schräg gegenüber auf der anderen Seite der Kreuzung, an der Ecke, die von den Straßen Anzac Avenue und Waterloo Quadrant gebildet wird, steht auf einer kleinen Erhebung ein trutziges Gebäude aus rotem Backstein, dessen Kanten und Fensterumrandungen mit weißen Steinen gefaßt sind. Wirkt es so schon ein bißchen wie eine kleine Festung, wird dieser Eindruck durch zwei zinnenbewehrte Türme noch verstärkt. Dieses neugotische Gebäude stammt aus der Mitte der 1860er Jahre und ist der Sitz des Obersten Gerichts Aucklands, des High Courts. Bereits als Gerichtsgebäude errichtet – die Gestaltung ist daher keineswegs zufällig gewählt, sondern war zu jener Zeit der bevorzugte Stil für solche Bauten im britischen Empire -, diente es seitdem nahezu ununterbrochen diesem Zweck.

Wir schlendern nun die Anzac Avenue entlang, die uns der Waterfront entgegenbringt, an der entlang wir zur Queen Street wandern wollen. Noch immer haben wir die Höhe, zu der wir bei unserem Eintritt in den Albert-Park aufgestiegen sind, nicht verlassen, doch als wir zwischen den Häusern, an denen wir nun entlanggehen – die Grünanlagen haben wir mit dem Gelände der Universität endgültig hinter uns gelassen -, weiter unten ein massives Gebäude erblicken, das ebenfalls schon einige Jahrezehnte gesehen haben dürfte, ist unser Interesse geweckt und wir nutzen die nächste Gelegenheit, über eine Abfolge von Treppen von der Höhe wieder herunterzusteigen. Kurz darauf stehen wir an der Beach Road – warum die wohl so heißt? Einen Strand gibt’s hier jedenfalls nicht – und blicken über einen großen Platz, an dessen anderer Seite sich das besagte Gebäude erhebt.

Über drei riesigen Bogenfenstern, die fast die gesamte Höhe des zweistöckigen Gebäudes einnehmen, ist in großen Lettern

RAILWAY STATION

zu lesen. Ein Bahnhof also. Zwischen den beiden Wörtern ist eine große Uhr zu sehen, die aber offenbar nicht mehr funktioniert, denn sie zeigt fünf Minuten vor fünf Uhr an, was keineswegs stimmen kann. Das ist für einen Bahnhof etwas ungewöhnlich, denn gerade dort ist doch die Kenntnis der aktuellen Uhrzeit für die zu den Zügen eilenden Reisenden von essentieller Wichtigkeit. Moment! Reisende? Die zu den Zügen eilen? Da sind keine! Abgesehen von abgestellten Autos sind Auffahrt und Vorplatz des Bahnhofs auffallend leer. Keine Menschenseele ist zu sehen.

Auckland Railway Station
Das ehrwürdige alte Bahnhofsgebäude der einstigen Auckland Railway Station.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Nun, das ist auch kein Wunder. Denn mit intensivem Zugverkehr ist an diesem alten Bahnhof, der, wie man der Aufschrift an seiner Vorderfront entnehmen kann, einst einfach Auckland Railway Station hieß, heute nicht mehr zu rechnen. Ende der 1920er Jahre errichtet und 1930 hier an der Beach Road eröffnet, ersetzte er einen einstigen Endbahnhof, der sich an der nicht allzuweit entfernten Queen Street befand, etwa dort, wo wir tags zuvor das Britomart Transport Centre vorgefunden hatten. Und dieses war es auch, das seinerseits im Jahre 2003 die Auckland Railway Station ablöste, so daß diese nach dreiundsiebzig Jahren im Dienst nun geschlossen wurde. Von ihren einst sieben Bahnsteigen wandelte man fünf in Abstellgleise um und behielt ganze zwei, die man bis zum heutigen Tag noch für Ausflugszüge, als Notreserve und als Endstation für den Fernverkehr des Northern Explorer nutzt. Um aber Verwirrung über den Bahnhofsnamen zu vermeiden – jeder würde unter dem Namen „Auckland Railway Station“ den Hauptbahnhof der Stadt vermuten -, führte man den nun sehr eingeschränkten Betrieb unter dem neuen Namen Strand Station fort.

Das einstige Bahnhofsgebäude, das William Henry Gummer einst im Beaux-Arts-Stil entworfen hatte, können die wenigen Fahrgäste allerdings nicht mehr nutzen, um die verbliebenen Bahnsteige zu erreichen. Das hatte man direkt nach der Schließung des Bahnhofs in ein Wohnhaus umgewandelt, dem man den Namen Grand Central Apartments gab und in dem zeitweilig ein Studentenwohnheim untergebracht war. Der Öffentlichkeit ist der Bau damit weitestgehend entzogen. Und das ist ein ausgesprochen trauriger Umstand, denn wie ich einschlägigen Beschreibungen des Gebäudes entnehme, war es einst eines von Aucklands repräsentativsten Gebäuden! Kunstvoll gestaltete öffentliche Räume und zahlreiche Einrichtungen und Geschäfte machten es zu einem wichtigen öffentlichen Ort der Stadt. Besonders beeindruckend war wohl die prächtige Metalldecke in der Haupthalle, die man in Deutschland herstellen ließ. Die Teile wurden nach ihrer Fertigstellung verschifft und an Ort und Stelle zusammengesetzt. Importierter Marmor und feine Bronzedetails mit einem wunderschönen Terazzoboden hatten das prunkvolle Erscheinungsbild des Bahnhofsgebäudes vervollständigt. All das bekommen wir nun nicht zu sehen – wenn es denn überhaupt noch vorhanden ist.

Wir gehen die Beach Road entlang, bis sie endet und in die Customs Street übergeht, die hier ein „East“ angehängt bekommt – ein Zeichen, daß wir wohl nicht mehr allzuweit von der Queen Street entfernt sind. Und richtig, ein paar Minuten später haben wir sie erreicht, biegen rechts in sie ein und stehen alsbald vor dem alten, ehrwürdigen, amtlich aussehenden Gebäude mit der großen Uhr über dem Eingang, das einst das Hauptpostamt der Stadt war und heute als Empfangshalle des Britomart Transport Centres dient. Wir werfen einen Blick hinein und ich stelle fest, daß das Erdgeschoß aus einem riesigen Saal besteht, der von der Vorder- bis zur Rückseite des Gebäudes reicht. Die Decke ruht auf zahlreichen runden Säulen, ergänzt um einige viereckige Pfeiler, die als Basis jeweils einen stählernen Fuß besitzen. Kleine, in die Halle hineingebaute Kioske verkaufen Sandwiches, Lebensmittel oder Fahrkarten, es gibt eine Cafeteria, deren Sitzbereich in der Mitte der Halle auf einem um drei Stufen erhöhten Podest liegt, wo sich auch ein Wartebereich mit mehreren Bänken befindet. Eine große Anzeigetafel, die die nächsten Abfahrtszeiten der Züge verkündet, fehlt natürlich auch nicht. Alles in allem war es das aber auch schon.

Ein Bahnhof ist allerdings nirgends zu sehen, was uns aber nicht weiter verwundert, denn wir wissen ja bereits, daß er sich im Untergrund befindet. So sind wir auch nicht überrascht, als wir an der Rückseite des Gebäudes eine breite Treppe vorfinden, die in die Tiefe hinabführt. Um die Hinauf- und Hinabsteigenden ausreichend vor der Witterung zu schützen, hat man hier an das alte Hauptpostamt einen modernen Glaswürfel angebaut, der den Einstieg in den Untergrundbahnhof umhüllt.

Als Eisenbahnliebhaber müssen wir natürlich wenigstens einmal einen Blick in den unterirdischen Bahnhof geworfen haben, und so steigen wir kurzerhand die Treppe hinunter. Unten angekommen, versperrt uns eine Batterie von Bahnsteigsperren den Weg zu den Gleisen, doch wir können den Bahnhof auch so ganz gut überblicken. Drei Bahnsteige, fünf Gleise, alle nebeneinander in einem breiten Tunnel angeordnet. Wir stehen am Kopf des Bahnhofs, die Gleise enden direkt vor uns an Prellböcken. Ein Kopfbahnhof also, dessen Ausfahrt in Richtung der alten Auckland Railway Station liegt. Nun, das verwundert auch nicht.

Die Decke des Tunnels ist recht hoch, senkt sich über den beiden äußeren Gleisen jedoch ab. Das ermöglicht es, daß die den Bahnhof erhellenden Lampen nicht nur in die Decke eingelassen werden konnten, sondern sich auch in der so entstehenden Seitenwand des abgesenkten Deckenbereichs befinden. Tagsüber bekommt der Bahnhof überdies noch Licht aus mehreren Oberlichtern, die sich hintereinander in der Mitte der Tunneldecke befinden. Eines ist direkt vor den Bahnsteigsperren über uns plaziert. Als ich hinaufschaue, stelle ich fest, daß es ein Okulus ist – ein kreisrundes Deckenfenster. Merkwürdig finde ich allerdings, daß der Blick durch die Scheiben keineswegs klar ist, sondern das sich eigentümliche Schlieren über das Glas zu bewegen scheinen. Ich kann mir keinen rechten Reim darauf machen.

Während wir wieder zur Oberfläche hinaufsteigen, grüble ich weiter darüber nach, finde aber keine Erklärung. Das soll sich jedoch schlagartig ändern, als wir den Glaspavillon über der Treppe erreicht haben und an seiner Rückseite das Bahnhofsgebäude verlassen. Wir stehen nun auf einem Platz, der hinter dem alten Hauptpostamt liegt. Bahnhofsvorplatz kann man ihn daher wohl nicht nennen. Gibt es ein entsprechendes Wort für die hiesige Situation? Bahnhofsrückplatz vielleicht? Ich komme nicht dazu, mir andere Wörter zu überlegen, denn nun fällt mein Blick auf einen Brunnen, der sich in der Mitte der Freifläche befindet. Er ist kreisrund und nur etwa einen halben Meter hoch. In seiner Mitte befindet sich keine Fontäne, sondern das Wasser wird von dort befindlichen Düsen auf eine ebene Fläche gesprüht. Unter dem Druck rinnt es zu deren Rand, wo es in einer Vertiefung wieder verschwindet. Die runde Fläche allerdings besteht – aus Glas. Das ist das Okulus – und des Rätsels Lösung! So einfach, so genial.

Das Britomart Transport Centre in Auckland
Ein gut getarntes Fenster in die Unterwelt – der Brunnen am Britomart Transport Centre.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Wir wandern um das Empfangsgebäude des Britomart Transport Centres herum zurück zur Queen Street. Der Name des Bahnhofs geht auf eine einstige Landspitze namens Point Britomart zurück, die sich früher an dieser Stelle im Waitematā Harbour befand, im Zuge von Landgewinnungsmaßnahmen jedoch verlorenging. Mit anderen Worten: Dort, wo heute Hochhäuser links und rechts der Queen Street in den Himmel ragen, schwappten einst die Wellen des Waitematā Harbours hin und her. Nun ergibt es auf einmal auch einen Sinn, daß die Straße, die wir vorhin hierher entlanggewandert waren, den Namen Beach Road trägt. Der „Strand“ hatte sich zu jener Zeit tatsächlich viel weiter landeinwärts befunden als heute.

Daß man Anfang der 2000er Jahre das Britomart Transport Centre hier in den Untergrund baute, wurde dadurch motiviert, daß man die Auckland Railway Station als zu weit von der Innenstadt entfernt befand. Dies soll bereits bei deren Eröffnung als Hindernis empfunden und kritisiert worden sein. Dennoch blieb sie mehr als siebzig Jahre in Betrieb, bis man der anhaltenden Kritik nachgab und die Eisenbahn an den Ort zurückbrachte, an dem sie früher ihren Anfang genommen hatte. Manche Dinge dauern eben manchmal etwas länger…

Wir spazieren nun hinüber zur Waterfront an der Quay Street, wo wir erneut den Roten Zaun bewundern. Diesmal zieht es uns jedoch nicht hinaus auf die Piers. Der Tag ist noch immer jung genug, um uns noch ein weiteres Ziel zu setzen. Und dafür müssen wir als nächstes zum Fährterminal hinter dem Ferry Building…

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