Es fährt ein Zug nach Budapest

Dieser Beitrag ist Teil 1 von 2 der Beitragsserie "Eine Reise nach Budapest 2025"

Budapest – Großstadt. Hauptstadt. Weltstadt. Stadt meiner Kindheit.

Die an der – gar nicht so blauen – Donau inmitten des schönen Ungarlandes gelegene Stadt war und ist für viele stets ein beliebtes Ziel, sei es für einen Tagesausflug, wenn man irgendwo in der Nähe ist, oder auch für einen längeren Besuch. Und so mancher hat sie sich auch als Wohnort auserkoren. Nicht wenige sind dorthin ausgewandert.

Auch auf mich übt diese Stadt seit jeher einen Reiz, eine Anziehung aus, die ich verspüre, seit ich in den fernen Tagen meiner Kindheit für einige Jahre dort gelebt habe. Fünf, um genau zu sein. Und weil diese Zeit nicht nur der früheste Abschnitt meines Lebens ist, an den ich zusammenhängende Erinnerungen habe, sondern mich auch in vielerlei Hinsicht geprägt hat, liegt mir diese Stadt natürlich auf eine Weise am Herzen, wie es sonst nur meine Heimatstadt Berlin tut. So nimmt es auch nicht Wunder, daß ich, seit ich sie verlassen habe, stets ein Gefühl des Verlustes mit ihr verbinde und sie bis auf den heutigen Tag vermisse.

Und so ist eine Reise dorthin immer etwas Besonderes für mich – weniger ein Besuch, vielmehr eine Wiederkehr. Seit ich die Stadt damals verlassen habe, war ich bereits zweimal wieder dorthin gereist, um sie zu besuchen. Allerdings hatte mein letzter Aufenthalt dort mittlerweile mehr als zwanzig Jahre zurückgelegen, als ich im vergangenen Jahr während einer Reise die Donau entlang, die mich von Passau in Deutschland bis zum an der Grenze zwischen Serbien und Rumänien gelegenen Eisernen Tor den großen Fluß hinabgeführt hatte, die Stadt für einen Tag erneut besucht hatte.  Natürlich war ein solch kurzer Zeitraum dieser wunderbaren Stadt in keiner Weise angemessen, doch hatte er ausgereicht, die Sehnsucht, die ich eigentlich immer in mir verspürte, wieder aufleben zu lassen. Eine Sehnsucht, von der ich, wieder zu Hause, nicht genau zu sagen wußte, ob es sich bei ihr um Fernweh handelte, oder ob ich sie doch eher als Heimweh bezeichnen sollte. Letztlich spielte das aber auch keine große Rolle, denn mir wurde schnell klar, daß ich diesem stärker und stärker werdenden Gefühl eher früher als später würde nachgeben wollen.

Und weil es bei genauerem Besehen überhaupt keinen Grund gab, damit lange zu warten, beschloß ich kurzerhand, daß es schon in diesem Jahr soweit sein würde. Ich würde mich ein weiteres Mal aufmachen in die große Stadt an der Donau im Herzen des Ungarlandes.

Zwölf Tage hatte ich mir dafür Zeit genommen – die Hin- und die Rückreise eingeschlossen. Großer Vorbereitungen bedurfte es nicht – eine Übernachtungsmöglichkeit und eine Reisegelegenheit waren das Einzige, was ich vorab zu organisieren hatte. Der Rest würde sich vor Ort mehr oder weniger spontan ergeben. So war es mir am liebsten, blieb dadurch doch genug Raum für unerwartete und überraschende Erlebnisse. Natürlich hatte ich vorab ein paar Überlegungen darüber angestellt, was ich mir anschauen wollte, doch dafür mußte ich nichts planen oder buchen.

Und so begab ich mich am 1. Oktober dieses Jahres auf die Reise. Auf nach Budapest.

Doch wie kommt man am besten dorthin? Das Auto verbot sich von selbst. Sah ich einmal davon ab, daß ich den dafür erforderlichen Führerschein gar nicht besaß, konnte ich den Streß des Selberfahrens nun wirklich nicht brauchen. Das Flugzeug kam natürlich in Frage und hätte mich in Nullkommanichts dorthin gebracht. Doch war genau das der Grund, warum es ebenfalls ausschied. Ich will nicht einfach nur irgendwohin kommen. Ich möchte soweit wie möglich beim Reisen die zurückgelegte Entfernung hautnah erleben können. Denn was ist eine Reise denn bitte ohne den Weg?

Aus diesem Grund ist für mich die Eisenbahn stets das Verkehrsmittel der Wahl, wenn nicht Hindernisse wie Meere oder übergroße Entfernungen seine Nutzung unmöglich machen. Und da das bei einer Reise von Berlin nach Budapest nun einmal nicht der Fall ist, sondern man diese sogar ganz bequem, also in direkter Fahrt ganz ohne Umsteigen bewerkstelligen kann, war die Entscheidung schnell getroffen. Ich würde also den Hungaria nehmen. Dieser seit dem Jahre 1960 zwischen den beiden Städten einmal täglich – in beide Richtungen – verkehrende Zug hatte mich bisher immer in die Stadt an der Donau gebracht, und so würde er es wohl auch diesmal tun.

Und was ist das für eine ausgesprochen schöne Fahrt! Durch den Osten Deutschlands geht es südwärts nach Tschechien, wo man zunächst Böhmen und anschließend Mähren durchquert, bis man die Slowakei erreicht, an deren östlichem Rand es dann direkt nach Ungarn geht. Und das alles an nur einem Tag.

Die Reise begann im Herzen Berlins am neuen Hauptbahnhof. Von diesem im Zentrum der Stadt gelegenen Verkehrsknotenpunkt – zumindest, was die Eisenbahn betrifft – gelangt man an viele Ziele. So auch nach Budapest. Der Blick hinaus durch das Hauptportal des Bahnhofs offenbart dessen Umgebung, die auch nach all den Jahren, die er nun schon existiert, immer noch eine Ödnis ausstrahlt, als wolle sie es den potentiellen Reisenden besonders einfach machen, ein Reiseziel auszuwählen, zu dem sie schnellstmöglich verschwinden können. Auch der Bahnhof selbst bietet nicht wirklich etwas Anheimelndes oder gar Schönes, das dem wartenden Reisenden den Aufenthalt hier angenehmer macht. Genau genommen wirkt er eher wie ein zu groß geratenes Einkaufszentrum mit Gleisanschluß und viel innerer Leere. Und weil wegen eben dieser Gleise das Bauwerk auch nicht zur Gänze geschlossen sein kann, ist es hier überdies meist recht – zugig. Man sehe mir dieses Wortspiel nach, doch muß man ja froh sein, daß wenigstens die deutsche Sprache den Aufenthalt mit etwas Doppeldeutigkeitsglanz kurzzeitig angenehmer gestalten kann, wenn es schon der Bahnhof nicht tut. In der Tat ist außer Glas und Stahl und großen Hohlräumen im Inneren nicht wirklich viel zu entdecken. Das war beim Vorgänger des heutigen Hauptbahnhofs, dem einstigen Lehrter Bahnhof, noch anders. Der hinterließ historischen Quellen zufolge in seiner ansprechenden und ästhetisch schönen architektonischen Gestaltung so viel Eindruck, daß sich Architekten anderer Bahnhofsbauten davon inspirieren ließen. Und das nicht nur in Deutschland. Doch diese Zeiten sind lange vorbei.

Am Berliner Hauptbahnhof
Glas und Stahl und viel innere Leere. Der Berliner Hauptbahnhof der Moderne.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Am Morgen der Abreise mußte ich mich nicht allzu sehr beeilen, da der Hungaria seine Fahrt nach Budapest zu einer sehr moderaten Zeit startet. 8:56 Uhr stand als Abfahrtszeit auf meinem Ticket, das mir die freundliche Mitarbeiterin des im Hauptbahnhof befindlichen Reisezentrums der Deutschen Bahn einige Wochen zuvor verkauft hatte. Ich hatte es diesmal nicht, wie ich es sonst tue, online kaufen können, da mir das Buchungssystem jedesmal, wenn ich es versucht hatte, nur hatte mitteilen können, daß dies nicht möglich sei. Aus Gründen. Da es mir offenbar nicht zustand, diese zu erfahren, behielt es sie für sich. Natürlich erfuhr ich von der Unmöglichkeit des Online-Erwerbs auch erst, nachdem sämtliche für den Kauf erforderlichen Daten penibel und verteilt über mehrere Eingabemasken abgefragt und von mir sorgfältig eingegeben worden waren. Ordnung muß schließlich sein. Immerhin hatte ich im Reisezentrum feststellen können, daß das Scheitern der Transaktion nicht an mir und meinem eventuellen Unvermögen gelegen hatte. Denn auch der Servicemitarbeiterin, zu der ich nach dem Ziehen einer Wartenummer – die Deutsche Bahn sieht sich offenbar mittlerweile als Behörde – und einiger dementsprechend mit Warten verbrachter Zeit schließlich gebeten wurde, gelang es nicht, mir die gewünschte Reiseverbindung zu buchen. Und auch wenn es mir natürlich leid tat, daß ich ihr nun solch Kopfzerbrechen bereitete, konnte ich doch nicht umhin zu bemerken, wie sich mein leicht angeschlagenes Selbstwertgefühl wieder auf Normalniveau einpendelte. Wie sich schließlich nach Konsultation erst einer Kollegin und dann ihres Vorgesetzten herausstellte, lag die Ursache für die Schwierigkeiten darin begründet, daß der von mir für die Rückreise gewünschte Zug nicht buchbar war. Da mich die Bahnangestellte offenbar für qualifiziert genug hielt, dies wissen zu dürfen, teilte sie mir das auch mit. Über das dahinterliegende Warum war dann aber wieder nichts mehr zu erfahren, denn auch sie war dafür auf das Computersystem angewiesen. Und das verweigerte nicht nur mir, sondern auch den drei mittlerweile mit der Sache beschäftigten Bahnangestellten jegliche Auskunft darüber. Zwar versuchten sie noch, mehr herauszufinden, und ließen mich dafür eine ganze Weile warten, doch letztlich blieben auch sie erfolglos.

Das war natürlich insofern unerfreulich, weil ich – selbstverständlich aus Kostengründen – auf einem Sparticket bestanden hatte, das nur in Verbindung mit einer feststehenden Zugverbindung zu buchen war. Glücklicherweise hatte sich die Bahnangestellte aber durchaus zu helfen gewußt. Und so hatte ich nun ein Ticket in meiner Tasche, das hinsichtlich der Rückreise zwar für einen anderen Zug gebucht war als den, mit dem ich fahren wollte, doch hatte die freundliche Mitarbeiterin darauf einen längeren Hinweis notiert, daß dieses Ticket wegen eines technischen Systemfehlers nicht den korrekten Zug ausweise, aber dennoch gültig sei. Dies hatte sie mit Datum, Stempel und persönlicher Unterschrift versehen, ganz wie es sich für eine Behörde gehört.

Nun, für meine jetzige Fahrt war das alles unerheblich. Das Problem betraf ja nur die Rückreise, und an die dachte ich jetzt natürlich noch überhaupt nicht. Erst einmal wollte ich meine große Fahrt antreten. Überpünktlich fand ich mich auf dem Bahnsteig ein, doch wenn ich tatsächlich gedacht haben sollte, die Deutsche Bahn würde das honorieren, so hatte ich mich geirrt. Vielmehr wurde sie ihrem schlechten Ruf wieder einmal mehr als gerecht und brachte meinen Zug nicht nur erst nach der plangemäßen Abfahrtszeit zum Bahnsteig, sondern auch noch auf einem anderen Gleis. Immerhin befand es wenigstens am gleichen Bahnsteig, so daß ich nicht auch noch durch den ganzen Bahnhof hetzen mußte. Und die Wagenreihung stimmte sogar mit der an der Anzeigetafel angegebenen überein. Man muß sich ja auch über kleine Dinge freuen können…

Als der Zug einfuhr, bemerkte ich das Logo der Bahngesellschaft an den Waggons des Zuges: zwei waagerechte Linien, die einen Kreis durchqueren. Ich vermute, es soll ein stilisiertes Gleis darstellen, das eine Brücke passiert. Oder einen sehr kurzen Tunnel. Wie dem auch sei, ich erkannte es sofort aus meinen Kindertagen wieder, und noch ehe ich den (abgekürzten) Namenszug der Bahngesellschaft überhaupt gesehen hatte, wußte ich anhand des Logos, daß es sich um Waggons der Magyar Államvasutak, der Ungarischen Staatsbahnen handelte, kurz MÁV. Ist es nicht interessant, was der menschliche Geist alles über Jahrzehnte hinweg behalten und, auch wenn er in dieser Zeit nie wieder auch nur ein einziges Mal daran gedacht hat, bei passender Gelegenheit sofort wieder hervorholen kann?

Ich stieg ein, nahm meinen durchaus bequemen Platz ein und hatte es mir kaum einigermaßen bequem gemacht, als sich der Zug auch schon in Bewegung setzte. Es wurde aber auch höchste Eisenbahn – ja, es war Wortspieltag! -, denn noch bevor er den Bahnhof überhaupt verlassen hatte, betrug seine – und damit auch meine – Verspätung bereits gute zehn Minuten. Selbst bei internationalen Zügen schaffte es die Deutsche Bahn also nicht, für Pünktlichkeit zu sorgen. Kurz ging mir der Gedanke durch den Kopf, ob es die tschechische, slowakische und ungarische Bahngesellschaft wohl machen würden wie die schweizerische, die unpünktliche deutsche Züge einfach nicht mehr in ihr Land einfahren ließ, damit sie mit ihrer Verspätung nicht den ganzen Schweizer Eisenbahnverkehr durcheinanderbrachten. Dann würde ich heute nicht mehr in Budapest ankommen. Doch ich schob den Gedanken sofort beiseite und machte mir mit der Überlegung Mut, daß ich ja nicht in einem deutschen, sondern in einem ungarischen Zug saß.

Im Waggon war es einigermaßen kalt, da man die Klimaanlage auf Hochtouren laufen ließ, so daß sie beständig kalte Luft in das Großraumabteil blies. Offenbar hatten jedoch bereits einige Fahrgäste dagegen interveniert, denn als die Schaffnerin das erste Mal bei mir auftauchte, um die Fahrkarten zu kontrollieren, erklärte sie, noch ehe ich etwas diesbezüglich gesagt hatte, daß es in Kürze wärmer werden würde, sie hätte bereits die Heizung eingeschaltet. Und in der Tat dauerte es nicht lange, da konnte ich bemerken, daß die Klimaanlage nun warme statt kalte Luft in das Abteil pustete. Schon bald wurde es erst erträglicher, dann wärmer und schließlich regelrecht mollig, so daß ich bald schon meinen Pullover ausziehen mußte. Offenbar gab es nur zwei mögliche Einstellungen: zu kalt und zu warm. Letzteres war mir in diesem Fall allerdings lieber, da zu niedrige Temperaturen schnell sehr unangenehm werden können, wenn man sich wie ich hier im Zug nicht sonderlich viel bewegen kann.

Nun, da ich einmal unterwegs war, konnte ich entspannt dem entgegensehen, was vor mir lag. Der Zug rollte durch die Landschaft, die vor dem Fenster vorüberzog. Der Himmel war von Wolken bedeckt, durch die hier und da immer wieder einmal die Sonne brach. Als er schließlich Dresden-Neustadt erreichte, hatte der Zug seine Verspätung nicht nur nicht aufgeholt, sondern auf gute zwanzig Minuten ausgebaut. Der Aufenthalt war nur kurz, dann ging es auch schon weiter. Wenige Minuten später überquerten wir die Elbe, was mir einen schönen Panoramablick auf die Dresdner Innenstadt bescherte, deren Anblick als Dresdner Elbpanorama weltberühmt ist. Die Waldschlößchenbrücke, deretwegen die Stadt den Titel des UNESCO-Weltkulturerbes für ihr Elbtal 2009 verspielt hatte, bekam ich allerdings nicht zu sehen. Sie liegt zu weit weg auf der anderen Seite des großen Bogens, den die Elbe vor dem Stadtzentrum beschreibt.

Aus dem fahrenden Zug: Auf der Marienbrücke
Gerade noch geschafft: eine Aufnahme des malerischen Dresdner Stadtzentrums von der Marienbrücke, das allerdings ein bißchen weit weg ist.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Kurz darauf erreichte der Zug den Dresdner Hauptbahnhof. Dieser bietet einen gänzlich anderen Anblick als sein Berliner Pendant. Seine repräsentative Bahnhofsarchitektur des 19. Jahrhunderts dominiert auch heute noch sein Erscheinungsbild, woran auch verschiedene Modernisierungen der Neuzeit nicht wesentlich etwas zu ändern vermochten, sieht man einmal von den riesigen Glasfaser-Membranen ab, die heute das vormals mit Glas gedeckte Dach ersetzen. Einst hatte auch Berlin solch repräsentative Bahnhofsbauten, von denen heute jedoch keine mehr übrig sind – mit einer Ausnahme: dem Hamburger Bahnhof, der als einziger der Berliner Kopfbahnhöfe Krieg und Abrißwahn überstand. Doch auch er hat seine Funktion als Verkehrseinrichtung längst verloren und dient heute einer Kunstgalerie als Domizil.

Weiter ging die Fahrt auf einer Strecke, die sich zunächst immer mehr der Elbe annäherte, bis sie sie kurz vor Pirna erreichte, wo einer der schönsten Abschnitte der gesamten Strecke begann: das Elbtal im Elbsandsteingebirge. Die Eisenbahngleise verlaufen unmittelbar am linken Ufer des Flusses, dessen Lauf sie Windung für Windung, Kurve für Kurve stoisch folgen. Der Zug fuhr flußauf, und da ich das Glück hatte, auf seiner linken Seite zu sitzen, hatte ich vom Fenster einen wundervollen Blick auf den Fluß und die gegenüberliegende Uferseite. Als es kurz vor dem kleinen Ort Rathen in die große s-förmige Doppelschleife der Elbe hineinging, zog alsbald die vielberühmte Bastei an mir vorüber.

Im Elbtal: Bei Rathen
Achtung! Achtung! Eine Zugdurchfahrt.
Ein Halt im kleinen Kurort Rathen ist für einen EuroCity-Zug wie den Hungaria natürlich nicht vorgesehen. So läßt sich die am gegenüberliegenden Elbeufer aufragende Bastei nur in schneller Fahrt betrachten.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Wenig später konnte ich dann den mindestens ebenso bekannten Königstein mit seiner großen Festung sehen. Zwar befindet sich dieser auf derselben Flußseite wie die Eisenbahnstrecke, die unmittelbar an seinem Fuß vorüberführt, doch aufgrund der weitläufigen Schleife, die das Flußtal vor ihm beschreibt, war er für mich dennoch gut sichtbar. Erst recht keine Schwierigkeiten hatte ich, auch den markanten Lilienstein, der dem Königstein direkt gegenüber am rechten Flußufer aufragt, zu betrachten. Er ist insofern etwas Besonderes, als er der einzige Tafelberg des Elbsandsteingebirges ist, der sich auf dieser Seite des Flusses befindet. Aufgrund der weiten Schleife, die der Zug immer noch durchfuhr, konnte ich mir drei seiner Seiten in aller Ruhe ansehen. Unwillkürlich kam mir dabei die alte Geschichte in den Sinn, der zufolge einst der sächsische Kurfürst Friedrich August II. bei einem zur Feier der Beendigung des zweiten Schlesischen Krieges 1745 auf dem Königstein ausgerichteten Bankett dem preußischen Monarchen Friedrich II. den Lilienstein geschenkt haben soll. Als er diesen Akt der Großzügigkeit wenig später bereute, wußte nur der Festungskommandant Friedrich Wilhelm von Kyau Rat. Er ließ dem Preußenkönig mitteilen, Sachsen bitte ihn darum, sein neues Besitztum innerhalb von vier Wochen abzutransportieren, denn – um es im besten Sächsisch zu formulieren – „Mir brauchn de Platz“. Friedrich II., sowohl erstaunt als auch belustigt über diese Dreistigkeit, soll daraufhin auf den Lilienstein verzichtet haben. Ob diese Geschichte nun wahr ist oder in das Reich der Sagen gehört – lustig ist sie allemal.

Im Elbtal: Lilienstein
Auch heute noch ist der Lilienstein, dessen Gipfel aus dem Zugfenster am Grund des Elbtals gut zu sehen ist, fest in sächsischer Hand.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Hinter dem Lilienstein verließen die Elbe und mit ihr mein Zug die große Doppelschleife des Flusses und erreichten nur wenig später das etwa fünf Kilometer davon entfernt gelegene Bad Schandau. Auch dieser berühmte Ort des Elbsandsteingebirges befindet sich – jedenfalls zu großen Teilen – auf dem jenseitigen Elbufer, was mir Gelegenheit gab, ihn in aller Ruhe an mir vorüberziehen zu sehen. Anstelle steiler Felswände ragten hinter ihm die sanft geschwungenen Gipfel bewaldeter Berge auf, und hinter der Ortsmitte war der Eingang in das Tal der Kirnitzsch, die hier in Bad Schandau in die Elbe mündet, gut zu erkennen. Bevor ich diesen Anblick jedoch genießen konnte, mußte ich die Haltezeit abwarten, die der Zug am Bahnhof des Ortes einlegte – doch nicht, weil jener so bedeutend und groß ist, sondern weil es sich um den letzten Halt auf deutschem Staatsgebiet handelt.

Im Elbtal: Bad Schandau
Wenn man den auf der gegenüberliegenden Seite der Elbe gelegenen Ortskern von Bad Schandau vom Zugfenster aus sieht, hat man den Bahnhof des Ortes längst verlassen, denn dieser befindet sich ein Stück flußab an der großen Brücke, auf der die das Elbtal entlangführende Bundesstraße den Fluß überquert.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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So passierte ich wenige Minuten später erst die Schrammsteine und dann Schmilka, den Grenzort zu Tschechien, der am gegenüberliegenden Ufer den wirklich letzten Ort auf deutschem Gebiet darstellt. Ein Stück hinter ihm konnte ich die Grenze deutlich ausmachen, denn noch immer steht dort das einstige, die Uferstraße überspannende Grenzübergangsgebäude. Lange Zeit war es praktisch funktionslos, da mit dem EU-Beitritt Tschechiens die Kontrollen eingestellt wurden. Seit diesem Jahr gibt es wieder welche, doch scheinen die, soweit ich das vom Fenster meines schnell fahrenden Zuges erkennen konnte, nicht an diesem Gebäude stattzufinden. Jedenfalls sah  es nach wie vor recht verlassen aus.

Im Elbtal: Am Grenzübergang Schmilka
Zweckbau am Ufer – der Grenzübergang Schmilka.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Das jenseitige Ufer der Elbe war nun also bereits tschechisches Gebiet. Mein Zug setzte seine Fahrt jedoch noch ein Stück in deutschen Landen fort, bis er schließlich am Gelobtbachtal ebenfalls ins Nachbarland überwechselte, was ich allerdings bei der schnellen Fahrt nicht mitbekam. Das gleiche widerfuhr dem kleinen Dorf Dolní Žleb, das am hiesigen Ufer der erste tschechische Ort nach der Grenze ist und heute zu Děčín gehört. Einst hieß es Dolní Grunt nad Labem, was auf deutsch Niedergrund an der Elbe bedeutet. Von ihm war für mich überhaupt nichts zu sehen, da die Eisenbahntrasse direkt am Ufer der Elbe verläuft und der Ort sich dahinter befindet.

Děčín – oder Tetschen, wie es früher hieß – erreichte der Zug wenig später. Sollten Grenzer im Zug gewesen sein, stiegen sie sicher hier aus. Bei mir waren allerdings keine vorübergekommen. Da hatte mein Zug – und mit ihm also ich – nun Deutschland verlassen und dabei mittlerweile eine gute halbe Stunde Verspätung angesammelt. Vor mir lagen noch reichlich fünfhundert Kilometer, reichlich zweihundert hatte ich hinter mich gebracht. Ich war gespannt, wann ich unter diesen Umständen wohl in Budapest eintreffen würde. Planmäßig wäre es gegen 20:30 Uhr gewesen. Doch das hielt ich nun schon für nicht mehr machbar.

Im weiteren Verlauf der Fahrt wich die Strecke der Elbe, die nun das Böhmische Mittelgebirge durchfloß, nicht von der Seite. Es ging also wie zuvor durch eine schöne Berglandschaft, die allerdings deutlich anders gestaltet war als das Elbsandsteingebirge. Anstelle markanter Sandsteinfelsen blickte ich nun auf schön geschwungene Bergketten, aus denen immer wieder markante Gipfel herausragten. Da diese vulkanischen Ursprungs sind und demzufolge aus Basalt bestehen, waren jetzt keine so markanten und verwitterten Felsen mehr zu sehen, wie sie in der Sächsischen und Böhmischen Schweiz so zahlreich an mir vorübergezogen waren. Felsen gab es allerdings hier und da trotzdem, wie ich in dem wenig später erreichten Ústí nad Labem unmittelbar am Elbufer sehen konnte, als wir erst am Fuße einer senkrechten Felswand entlangfuhren, die gerade noch genug Platz ließ, damit unsere Eisenbahnstrecke und eine Straße daran vorüberführen konnten, und bei der Ausfahrt aus der Stadt die Burg Střekov passierten, die eines ihrer Wahrzeichen ist. Sie ragt auf einem hohen Felsen unmittelbar über dem Fluß auf und ist weithin sichtbar. Ihr deutscher Name lautet übrigens Schreckenstein und sie besitzt für die deutsche Musikgeschichte einige Bedeutung, denn sie inspirierte den Komponisten Richard Wagner, nachdem er sie 1842 besucht hatte, für seine Oper Tannhäuser.  Und wenn ich schon bei deutschen Namen bin: Ústí nad Labem hat natürlich auch einen solchen: Außig. Doch eigentlich übersetzt das nur den Namensteil Ústí. Der Zusatz „nad Labem“ bedeutet allerdings nur „an der Elbe“, denn die tschechische Bezeichnung des Flusses ist „Labe“.

Burg Střekov in Ústí nad Labem
So schrecklich sieht sie eigentlich gar nicht aus, die Burg Schreckenstein am Ufer der Elbe, auf tschechisch Hrad Střekov.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Nachdem der Zug schließlich Ústí verlassen hatte, folgte er zunächst weiter dem Fluß. Da es nun in Richtung Prag ging, glaubte – und hoffte – ich zunächst, die Fahrt führe direkt zur Mündung der Moldau – dem Fluß, an dem Prag liegt – in die Elbe. Doch da hatte ich die Rechnung ohne die Erbauer der Strecke gemacht. Da das Land, durch das der Zug nun fuhr, zunehmend ebener und offener wurde, hatte es keine Notwendigkeit mehr gegeben, jeder weitläufigen Windung des Flusses zu folgen, um ans Ziel zu kommen. Und so verließ die Strecke, als sie endgültig in der nordböhmischen Ebene angekommen war, die Elbe und führte mitten ins Land abseits des Flusses hinein, um eine der besonders großen Flußschleifen abzukürzen. Zwar kehrten wir immer wieder einmal an den Fluß zurück, doch als dieser die schließlich von Westen heranströmende Moldau in sich aufnahm, waren wir gerade wieder inmitten weiter Felder unterwegs und bekamen davon nichts mit. So mußte mich erst ein Blick auf die Karte davon in Kenntnis setzen, daß ich bei der nächsten Sichtung eines Flusses nicht mehr die Elbe, sondern nunmehr die Moldau vor mir hatte. Nun dauerte es nicht mehr lange, da fuhr der Zug in den Hauptbahnhof von Prag ein.

Die berühmte Prager Burg – den Hradschin – hatte ich nur kurz und sehr von weitem zu sehen bekommen. Der Bahnhof lag ganz offensichtlich ein Stück von der Prager Innenstadt entfernt. So gestaltete sich mein Aufenthalt in der Stadt, auch wenn er etwas länger war als bei den bisherigen Stops – nur kurz. Als es nach einiger Zeit weiterging, fuhr ich plötzlich rückwärts. Bis Prag war mein Sitzplatz in Fahrtrichtung ausgerichtet gewesen. Das hatte sich jetzt geändert. Die Landschaft vor den Fenstern war nun Ostböhmen – großenteils hügelig, stellenweise auch eben. Weite Felder wechselten sich mit Wäldern ab, hier und da waren mal kleinere, mal größere Ortschaften eingestreut. Kolín und Pardubice blieben mir als Haltepunkte in Erinnerung.

Tschechische Landschaft bei Hradec nad Svitavou
Nach der bergigen Landschaft Böhmens geht es nahe Hradec nad Svitavou durch sanft geschwungene Hügel. Der Ort hieß einst Grándorf und gelangte als Greifendorf nach dem Münchener Abkommen an das Deutsche Reich, wo er zum Landkreis Zwittau gehörte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er wieder tschechisch und erhielt seinen heutigen Namen, der soviel wie Kleine Burg an der Zwitta bedeutet.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Kurz bevor der Zug Brno, das alte Brünn, erreichte, durchfuhr er ein wieder bergigeres Gebiet, das mir ein Blick auf die Karte als Böhmisch-Mährische Höhe identifizierte. Das kleine Flüßchen, an dem die Strecke zu diesem Zeitpunkt schon eine ganze lange Weile entlangführte und das sich nun kurvenreich durch diesen Höhenzug hindurchwand, trägt den Namen Svitava und wird im Deutschen Zwitta oder Zwittawa genannt. Die Strecke war ein wahrer Leckerbissen für Eisenbahnfans. Tunnel folgte auf Brücke folgte auf Tunnel, es ging mal nach links, mal nach rechts und immer ein Tal entlang, in dem es zu beiden Seiten der Strecke reichlich malerische Ortschaften und bunte Herbstwälder zu sehen gab.

Es war nach vier Uhr am Nachmittag, als der Zug den Bahnhof von Brno schließlich erreichte. Die Oktobersonne, die um diese Zeit bereits recht tief stand, tauchte die Stadt und insbesondere die sich auf einem Hügel über dieser erhebende Kathedrale St. Peter und Paul in leuchtende Farben, die einen starken Kontrast zu den teils düsteren, doch glücklicherweise lockeren Wolken am Firmament bildeten.

Die Kathedrale St. Peter und Paul in Brno
Die Kathedrale St. Peter und Paul steht nicht weit vom Hauptbahnhof in Brno entfernt. Da sie sich auf einem Hügel über die Stadt erhebt, hat man direkt aus dem Zug einen phantastischen Blick auf den Sitz des Bischofs des mährischen Bistums Brünn.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Von Brno, der großen Stadt in Mähren, begab sich der Zug dann auf eine wahrhaft historische Strecke, denn er befuhr nun die alte Kaiser-Ferdinands-Nordbahn, die bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gebaut wurde. Auf ihr erreichte er nach nicht ganz einer Stunde Břeclav, dessen deutschen Namen Lundenburg ich zuvor noch nie gehört hatte. Dahinter wartete die Grenze zur Slowakei darauf, überquert zu werden. Ein Blick auf die Uhr und ein Abgleich mit dem Fahrplan offenbarte mir, daß die tschechische Bahn offenbar recht tüchtig war und einiges besser machte als die deutsche, denn sie hatte die halbstündige Verspätung, mit der sie meinen Zug übernommen hatte, vollständig aufgeholt. Hier in Břeclav war er pünktlich auf die Minute unterwegs.

Leider sollte es ihm nicht vergönnt sein, dies beizubehalten. Denn die Fahrt auf slowakischem Staatsgebiet, immer nahe dem Ostrand des Landes entlang, wurde von einigen Baustellen verzögert, auf denen die Strecke offenbar nur noch eingleisig war. Zwar kam es nur ein- oder zweimal zu Halten auf freier Strecke, doch insgesamt hatte ich den Eindruck, nun in einem Bummelzug zu sitzen und nicht in einem EuroCity. So kam es, wie es kommen mußte. Hatte mein Zug Kúty, den ersten Ort auf dem Gebiet der Slowakei, noch pünktlich erreicht, konnte ihm das in Bratislava – einst Preßburg – nicht mehr gelingen. Als er in den Hauptbahnhof der Stadt einfuhr, hatte er die halbe Stunde Verspätung nicht nur bereits wieder erlangt, sondern sogar leicht übertroffen. Vor den Fenstern ging derweil die Sonne unter, so daß sich, als der Zug sich wieder in Bewegung setzte, bereits die Nacht herniedersenkte und die Welt vor den Fenstern in absolute Schwärze hüllte. Nun war, wenn ich von der vielfachen Spiegelung des Großraumabteils absah, wirklich gar nichts mehr zu sehen.

Sonnenuntergang über tschechischen Feldern
Die Fahrt am Ostrand der Slowakei ging durch weite, ebene Felder – die optimale Landschaft für ein herrlich-herbstliches Sonnenuntergangsschauspiel – hier in der Nähe von Podivín (deutsch: Kostel).
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Vom weiteren Verlauf der Fahrt kann ich daher nichts Nennenswertes mehr berichten. Die Donau, die ich in Bratislava bereits erreicht hatte, war mir dort noch nicht vor die Augen gekommen, und wenn das jetzt der Fall sein sollte, konnte ich sie in der Dunkelheit nicht mehr sehen.

So schön ich das Reisen in der Eisenbahn auch finde, so muß ich doch feststellen, daß es kaum etwas Langweiligeres gibt als eine nächtliche Zugfahrt. Die Welt tauchte nur an den Bahnhöfen für kurze Zeit aus der den Zug umgebenden Schwärze auf. Nové Zámky und Štúrovo waren noch zwei Ortschaften auf slowakischem Gebiet, an denen dieser hielt. Als er schließlich Szob erreichte, befand ich mich schon in Ungarn. Diese Stadt und die, die nun folgten – Nagymaros-Visegrád und Vác -, kannte ich schon von meiner Donau-Kreuzfahrt, die ich im vorangegangenen Jahr unternommen hatte. So wußte ich, daß ich jetzt im wesentlichen dem Lauf dieses großen europäischen Flusses folgte, auch wenn ich ihn nicht sehen konnte. Und ich wußte auch, daß die Landschaft, wenn auch unsichtbar, so doch hügelig bis bergig war und später, vor Budapest in eine weite Ebene überging. Vom Flachland um Berlin war die Fahrt erst durch das Elbtal und dann durch das böhmische Bergland mit seinen Wäldern und Tälern gegangen, hatte das ebene Tiefland, die Felder und  Weinbaugebiete Mährens, die von viel Grün und prächtigen Flußlandschaften geprägten slowakischen Marchauen, das westungarische Tiefland und das sanfte Hügelland des Vértes-Gebirges passiert, bis sie schließlich die weite pannonische Tiefebene um Budapest erreicht hatte. Ich hatte sozusagen einen Querschnitt durch Mitteleuropas ganze Geologie in nur einem Tag live am Zugfenster miterleben können. Kann man da noch ernsthaft bestreiten, daß zu einer Reise auch der Weg gehört? Selbst der Umstand, daß dessen letzter Teil heute quasi in Dunkelheit versunken war, konnte nicht den Reiz, den diese Fahrt auf mich ausgeübt hatte, schmälern. Außerdem würde ich das Verpaßte sicherlich auf der Rückfahrt nachholen können. Doch soweit war es noch lange nicht.

Die Uhr zeigte etwa 21 Uhr an, als der Hungaria sein Ziel schließlich erreichte. „Budapest – Nyugati“ war auf einem der großen Schilder zu lesen, die auf dem Bahnsteig den Namen des Bahnhofs verkündeten. Nyugati – das stand für Nyugati pályaudvar und bedeutete Westbahnhof. Als Kind – noch ohne jedes Verständnis für Sprachen – hatte ich mich manchmal gefragt, was denn der Bahnhof wohl mit Nougat zu tun haben mochte. Und so hatte sich mir diese Assoziation ins Gedächtnis gegraben, das sie nun, da ich das Schild las, brav wieder hervorkramte und mich so zum Lächeln brachte.

Hatte ich, da mein Waggon nach der Umkehrung der Fahrtrichtung in Prag nun der letzte des Zuges war, bei einem letzten Blick aus dem Fenster noch auf einen Neubau geblickt, der derart auf nackten Betonpfeilern ruhte, daß ich durch sein Erdgeschoß glatt zur gegenüberliegenden Seite hindurchsehen konnte, so änderte sich der Eindruck gänzlich, als ich kurz darauf unter dem freien Nachthimmel auf dem Bahnsteig stand. Kaum hatte ich mich, der Ausschilderung folgend, in Richtung Ausgang in Bewegung gesetzt, fiel mein Blick auf die sich einige Meter voraus erhebende Bahnhofshalle, zu der mich der Bahnsteig zielstrebig hinführte. Ihr zu beiden Längsseiten auf rötlichen Ziegelwänden ruhendes Stahlgerüst, ihre mir zugewandte, aus vielen kleinen, rechteckigen Glasscheiben bestehende, wie das Dach nach oben hin spitz zulaufende Schmalseite sowie die zwei schlanken, ebenfalls aus Ziegeln gemauerten und oben von kleinen vierseitigen Kuppeln abgeschlossenen Türmchen, die sie flankierten, verrieten unmittelbar das stattliche Alter des Bahnhofs, der bereits aus dem Jahr 1877 stammt. Als ich genügend weit auf dem langen Bahnsteig vorangekommen war, um von diesem direkt in diese Bahnhofshalle hineingeleitet zu werden, fiel mir nicht nur auf, daß hier auch deren Dach – im Gegensatz zum Dresdener Hauptbahnhof – noch im originalen, glasgedeckten Zustand war, sondern auch, daß es in der Halle tatsächlich nur um eines ging: die Eisenbahn. Abgesehen von kleinen Imbiß- und Informationsständen und dem einen oder anderen Fahrkartenschalter gab es nichts, was auch nur entfernt an einen Laden erinnert hätte. Welch ein Kontrast zu dem riesigen Berliner Hauptbahnhof, von dem ich am Morgen abgefahren war. Dieser Bahnhof hielt sich nicht für ein Einkaufszentrum. Er gab sich  als das, was er war: eine Einrichtung für den Schienenverkehr. Und das hatte unmittelbare Auswirkungen auf die gesamte Atmosphäre. Hier stand niemand, der eigentlich nur Einkäufe erledigen oder Dienstleistungen in Anspruch nehmen wollte, die nichts mit Personenverkehr zu tun hatten, den Reisenden im Weg oder blockierte Zugänge zu Bahnsteigen. Wer hier unterwegs war, wollte in den allermeisten Fällen entweder mit dem Zug irgendwohin fahren oder war, so wie ich, gerade mit einem angekommen. Dementsprechend herrschte hier praktisch keine Hektik und kein Gedränge. Zwar mochte das auch damit zu tun haben, daß die zehnte Stunde der zweiten Tageshälfte bereits angebrochen war, doch hatte ich irgendwie den Verdacht, daß sich daran auch tagsüber kaum etwas änderte. Vielleicht ergab sich in den nächsten Tagen ja eine Gelegenheit, das einmal zu überprüfen. Auf jeden Fall machte dieser im besten Sinne etwas altertümliche Bahnhof auf mich einen viel angenehmeren und heimeligeren Eindruck als der immer ein wenig seelenlos wirkende Zentralbahnhof meiner Heimatstadt. Hier waren die bald einhundertfünfzig Jahre Eisenbahngeschichte, die mit diesem Ort verbunden war, förmlich spürbar. Fast erwartete ich, irgendwo eine Dampflok fauchen zu hören…

Da der Tag bereits recht weit fortgeschritten war und ich nach der langen Reise dann doch endlich einmal ankommen wollte, nahm ich mir jetzt nicht die Zeit, den Bahnhof noch eingehender zu betrachten, sondern verschob das auf einen möglichen anderen Tag. Stattdessen machte ich mich auf den Weg ins Hotel. Da ich bei der Buchung nicht nur darauf geachtet hatte, daß es möglichst zentral und verkehrsgünstig gelegen, sondern auch vom Bahnhof meiner Ankunft leicht erreichbar war, hatte ich keinen allzu weiten Weg zurückzulegen. Und da ich den ganzen Tag über gesessen hatte, entschloß ich mich kurzerhand, diesen zu Fuß zurückzulegen.

Den Koffer hinter mir herziehend, trat ich durch das Portal des Bahnhofsgebäudes auf die Straße und fand mich unmittelbar im Trubel der Großstadt wieder. Vor mir kreuzten sich zwei breite Boulevards auf einem großen, Nyugati tér genannten Platz. Das ungarische Wort „tér“ war auch eines der Dinge, die mein Gedächtnis, obwohl sie lange Zeit ungenutzt darin verborgen gewesen waren, unmittelbar wieder hervorkramte. Und so wußte ich in dem Augenblick, als ich das Straßenschild, auf dem es stand, las, daß es „Platz“ bedeutete. Direkt vor dem Bahnhofsgebäude verlief der Teréz körút, der am Nyugati tér von einer Hochstraße überquert wurde, die man sicherlich zur Entlastung des Verkehrs über die große Kreuzung gespannt hatte. Genau wie sie kreuzte ich den großen Boulevard und machte mich auf den Weg in die Bajcsy-Zsilinszky út, zu der mein Gedächtnis die Feststellung beizutragen hatte, daß das Wörtchen „út“ dem deutschen Wort „Straße“ entsprach, wobei diese eine gewisse Größe erreichen mußte, um als „út“ bezeichnet zu werden. Ein „körút“ ist hingegen nicht nur eine noch größere Straße, sondern entweder eine, die einen – wenigstens halben – Ring beschreibt oder aber die Größe eines Boulevards erreicht. Auf den Teréz körút traf definitiv beides zu.

Bevor ich mich nun aber zu weit in diesen laienhaften sprachlichen Betrachtungen verlor, schritt ich, sobald ich in die Bajcsy-Zsilinszky út eingebogen war, kräftig aus. Nach etwa fünf Minuten wies mich mein Smartphone, dem ich die Wegführung anvertraut hatte, an, in eine Nebenstraße einzubiegen, um den Weg etwas abzukürzen. Ich war nämlich im Grunde unterwegs in Richtung der Budapester Staatsoper, in deren unmittelbarer Nähe sich mein Hotel befand. Das Opernhaus stand jedoch an einem weiteren der großen Budapester Boulevards, der den Namen Andrássy út trug – uneingeschränkt konsequent war man mit der Namensgebung dann auch wieder nicht – und die Bajcsy-Zsilinszky út zwar kreuzte, dies jedoch in einem derart spitzen Winkel tat, daß der Gang durch die Nebenstraßen meinen Weg bedeutend abkürzen würde.

So hatte ich zu guter Letzt nur knappe fünfzehn Minuten zu gehen, bis ich wohlbehalten an meinem links neben der Oper gelegenen Hotel ankam, das sich in der Révay utca befand. Ich konnte nicht umhin, ein weiteres Mal in die ungarische Straßennamenkunde einzutauchen und festzustellen, daß diese Straße in der Tat so klein und schmal war, wie es das Wort „utca“ vermuten ließ. Das Hotel, das den schönen Namen „K+K Hotel Opera Budapest“ trug und immerhin vier Sterne besaß, sah von außen wie ein ehrwürdiger bürgerlicher Altbau aus, der sich mit seinen sechs Stockwerken, über denen noch ein Dachgeschoß lag, in den Straßenzug einfügte, ohne daraus besonders hervorzustechen. Die Eingangsfront war mit fünf aufeinanderfolgenden, bogenförmigen Baldachinen versehen, von denen gleich der erste den Eingang überwölbte, zu dem sieben Stufen hinaufführten.

Die Lobby war etwas moderner gestaltet, als es der äußere Eindruck des Gebäudes vermuten ließ, ohne daß man dabei jedoch in langweiligen Modernismus verfallen wäre. Ganz im Gegenteil, man schien hier einen zwar schlichten, dennoch aber auf eine gewisse Gemütlichkeit bedachten Stil zu pflegen. Im Eingangsbereich standen einige Sessel und niedrige Tische, dahinter lag, der Tür genau gegenüber, die Rezeption, wo ich mich nun anmeldete. Die Rezeptionistin war überaus professionell, so daß alles schnell und problemlos vonstattenging. Lediglich die Bitte, meine Rechnung doch gleich jetzt zu bezahlen, erschien mir ein wenig merkwürdig, und auch die auf meine Nachfrage gegebene Begründung, das würde die Dinge bedeutend vereinfachen, leuchtete mir nicht ganz ein. Da ich jedoch wohlbehalten hier angekommen war und somit auch mein Zimmer beziehen würde, hatte ich nicht wirklich etwas dagegen einzuwenden, zumal mir der Gedanke durch den Kopf ging, daß ich auf diese Weise bei der Abreise alles schon erledigt haben würde. Wenn das mit der Vereinfachung der Dinge gemeint gewesen war, sollte es mir recht sein. Bei der Bezahlung konnte ich dann zum ersten Mal in meinem Leben die Erfahrung machen, wie es sich anfühlt, wenn man mal eben so eine Million für etwas bezahlt. Das hatte seine Ursache darin, daß der Kurs des ungarischen Forints zum Euro bei nicht ganz 1 : 390 lag.

Nachdem alle Formalitäten erledigt waren, erhielt ich meine Schlüsselkarte und eine Beschreibung, wie ich zu meinem Zimmer käme, die sich als so genau erwies, daß ich trotz des langen Weges durch die Flure des Erdgeschosses keine Schwierigkeiten hatte, erst den Aufzug und dann mein Zimmer zu finden. Wie sich herausstellte, zog sich der Hotelkomplex durch den gesamten Gebäudeblock, von einer kleinen Straße zur anderen. Denn als ich schließlich in meinem Zimmer angekommen war und aus dem Fenster blickte, schaute ich nicht auf die Révay utca hinaus, sondern in ihre benachbarte Parallelstraße, die Lázár utca.

Das Zimmer war überaus komfortabel und ließ, was die Ausstattung anging, keine Wünsche offen. Ganz offensichtlich handelte es sich, obwohl ich ein Einzelzimmer gebucht hatte, um ein Doppelzimmer, so daß mir nun ausreichend Platz zur Verfügung stand – ein Umstand, der mir angesichts meines geplanten zehntägigen Aufenthaltes nur recht sein konnte.

Da es mittlerweile zehn Uhr abends geworden war und ich überdies auch keinen großen Hunger verspürte – für ein ausgiebiges Abendessen war es sowieso zu spät -, beschloß ich, sämtliche ersten Erkundungen des näheren Umfeldes des Hotels auf den morgigen Tag zu verschieben, mich stattdessen erst einmal häuslich einzurichten und anschließend von der langen Fahrt auszuruhen. Für heute würde es genügen, mich darüber zu freuen, daß ich wohlbehalten in dieser meiner zweiten Heimatstadt Budapest angekommen war.

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Wie man Budapest kennenlernt

Dieser Beitrag ist Teil 2 von 2 der Beitragsserie "Eine Reise nach Budapest 2025"

Am Morgen meines ersten vollständigen Tages in Budapest mußte ich glücklicherweise keinen Zug erreichen. Ich war ja bereits da. Nach dem langen Vortag, den ich im wesentlichen sitzend und über Schwellen ratternd verbracht hatte, schien mir das ein durchaus erfreulicher Gedanke zu sein. Jetzt war ich wirklich im Urlaub angekommen und konnte mich auf den Weg machen, ohne daß ein Fahrplan oder sonst etwas darüber bestimmte, wann ich wo zu sein hatte.

Viel hatte ich mir zunächst gar nicht vorgenommen. Das Gefühl, angekommen zu sein, ein erster Eindruck, ein Überblick – das sollte für heute alles sein, was ich erstrebte. Und so wollte ich vom Hotel zur Donau hinuntergehen, mich unterwegs ein wenig umschauen und mich wieder mit der Stadt vertraut machen, die mir in meiner Kindheit für einige Zeit liebe Heimat gewesen war. Für einen Spaziergang klang das nach einem überschaubaren Programm. Allerdings hatte ich dabei weder berücksichtigt, wie sich Pläne durch unverhoffte Umstände ändern konnten, noch daran gedacht, wie viele Dinge zwischen meinem Hotel und der Donau standen, die sich keineswegs damit zufriedengeben würden, daß ich einfach so an ihnen vorüberging.

Schon das erste befand sich praktisch vor meiner Haustür.

Ungarische Staatsoper in Budapest
Die Staatsoper am Morgen. Ein Anfang, bei dem es sich durchaus lohnt, stehenzubleiben.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Das „K+K Hotel Opera Budapest“ trug, wie ich bereits wußte, seinen Namen nicht ohne Grund. Von seinem am nordöstlichen Ende der Révay utca gelegenen Eingang waren es nur wenige Schritte bis zur Ungarischen Staatsoper an der Andrássy út. Dieses 1884 eröffnete Haus war ein Werk Miklós Ybls, eines jener Architekten, deren Namen einem bei der Beschäftigung mit Budapest immer wieder begegnen. Heute würde das nicht das letzte Mal sein.

Ich nahm mir einen Augenblick Zeit, mir das Opernhaus in Ruhe anzusehen. Rundbögen, Säulen, Balustraden, Figuren – die Fassade hatte einiges aufzubieten. Das Gebäude schien sich seiner Bedeutung durchaus bewußt zu sein. Wobei es damit an dieser Straße keineswegs allein stand, wie ich noch sehen würde. Ein in der Baustilkunde einigermaßen Bewanderter dürfte die Renaissance-Elemente in der Gestaltung des Musentempels sofort erkennen. Und ihm würde auch sofort klar sein, daß die Entstehungszeit des Baus eine wirkliche Zugehörigkeit zu dieser Kunstepoche ausschloß, so daß man hier von Neorenaissance zu sprechen hatte – einem der Stile, die im Zuge des Rückgriffs auf historische Baustile in der Zeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts populär waren.

Ich muß gestehen, daß mir das in dem Moment, als ich andächtig das Gebäude studierte, natürlich nicht so klar und präsent vor Augen stand und ich dazu erst einmal einiges nachlesen mußte. Was mir aber sofort auffiel, war der deutliche Unterschied zur mir bestens bekannten Berliner Staatsoper, die, obwohl etwa einhundertfünfzig Jahre früher im Stil des Palladianismus errichtet, beim Betrachter einen deutlich strengeren und ernsteren Eindruck hinterläßt als das Opernhaus, dem ich mich hier gegenübersah. Man könnte sagen, die Berliner Oper verkörpert preußische Nüchternheit, während die hiesige künstlerische Verspieltheit an den Tag legt. Ihr überaus reichhaltiger Fassadenschmuck stellt sie unmittelbar in die Tradition der europäischen Musikgeschichte. So stehen auf der oberen Balustrade die Figuren bedeutender Komponisten verschiedener Zeiten, darunter Berühmtheiten wie Wolfgang Amadeus Mozart, Ludwig van Beethoven, Michail Iwanowitsch Glinka, Richard Wagner und Giuseppe Verdi, Pjotr Iljitsch Tschaikowski und Bedřich Smetana. Diese Statuen sind allerdings nicht mehr die, welche zu seiner Eröffnung das Gebäude zierten. Aus weichem Kalkstein bestehend, verwitterten jene über die Zeit so stark, daß im Jahre 1939 schließlich eine der Statuen herabstürzte, woraufhin man konsequent alle Figuren entfernte. Fast dreißig Jahre mußte das Opernhaus anschließend ohne sie auskommen. Erst im Dezember 1966 stellte man neue Figuren auf. Allerdings änderte man dabei die Auswahl der dargestellten Komponisten. Nach wie vor original sind jedoch die beiden sitzenden Figuren in den jeweiligen Nischen neben dem Haupteingang. Geschaffen von Alajos Strobl – ein weiterer Künstler, dessen Werken ich heute noch des öfteren begegnen sollte -, verkörpern sie die Komponisten Franz Liszt und Franz Erkel, die auf ungarisch Ferenc Liszt und Ferenc Erkel heißen. Beide Komponisten saßen dem Bildhauer persönlich Modell.

Doch die Fassade des Opernhauses hat dem interessierten Betrachter nicht nur Komponisten als Kunstbezug zu bieten. Die Arkaden im Obergeschoß werden durch Darstellungen der vier Musen geschmückt, die die im Opernhaus zusammenkommenden Kunstformen Dichtung, Gesang, Tanz und Schauspiel verkörpern. So blicken an der Vorderseite des vorspringenden Mittelteils Erato, die für Liebeslyrik und Gesang zuständig ist, und Terpsichore, die den Tanz und Chorgesang repräsentiert, auf den Betrachter herab. An den seitlichen Flächen werfen ihm Thalia, die Komödie, und Melpomene, die Tragödie, ihre Blicke zu.

Nachdem ich auch die Damen ausreichend gewürdigt hatte, machte ich mich auf den Weg die Andrássy út entlang. Hier boten sich auch die anliegenden Häuser zur Betrachtung an. Schräg gegenüber der Oper trugen am Wahrmann-Palast zwei steinerne Frauen einen Balkon mit steinerner Balustrade. Karyatiden nennt man solche Figuren, die von der Architektur zur dauerhaften Mitarbeit herangezogen werden, der sie nie entrinnen dürfen. Sie waren bereits meine zweite Begegnung mit dem Werk von Alajos Strobl. Ein reich verziertes zweiflügeliges Portal flankierend, halten sie Kränze in ihren Händen, die sie trotz ihrer tragenden Rolle frei haben, obwohl sie diese bereits seit fast hundertfünfzig Jahren spielen. Das Gebäude wurde nämlich in den Jahren 1882 bis 1884 nach den Plänen des Architekten Vilmos Freund errichtet.

Karyatidenportal am Wahrmann-Palast
Frauen in tragender Rolle. Zwei Karyatiden am Wahrmann-Palast in der Andrássy út.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Ein paar Meter weiter ging es auf der anderen Straßenseite weiter oben ähnlich reich verziert zu. Die obere Fassadenpartie des zwischen 1883 und 1884 ebenfalls nach Plänen von Vilmos Freund im Stil der Neorenaissance errichteten Ullmann-Palasts an der Ecke Andrássy út und Káldy Gyula utca wird von Figurengruppen, ornamentalen Reliefs und Säulen mit korinthischen Kapitellen geschmückt. Eine steinerne Balustrade bildet den oberen Abschluß. Der stahlblaue, wolkenlose Himmel bot den sonnenbeschienenen Gebäuden einen herrlichen Kontrast.

Zurück auf der linken Straßenseite, erwarteten mich am Saxlehner-Palast schließlich zwei geflügelte Fackelträger.

Portal des Saxlehner-Palasts
Wenn schon eine Haustür, dann bitte mit angemessener Begleitung – das Portal des Saxlehner-Palasts.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Sie flankieren eine reich verzierte zweiflügelige Holztür, in der ornamentale Metallgitter die Türfelder und das halbkreisförmige Oberlicht schmücken. Jede der beiden figürlich gestalteten Wandleuchten stellt einen bärtigen, geflügelten Mann dar, der mit beiden Händen eine reich verzierte Fackel hält, deren Leuchtkörper einer Flamme nachgebildet ist. Der Unterkörper geht in einen geschwungenen, ornamental verzierten Wandhalter über.

Ich war erst wenige Meter weit gekommen, und hatte doch bereits das Gefühl, viel Sehenswertes entdeckt und vermutlich ebensoviel bereits verpaßt zu haben. Es gibt Städte, in denen man nach Sehenswürdigkeiten förmlich suchen muß. Hier in Budapest schien eher die Frage zu sein, wann ich mit dem Schauen aufhören sollte, um auch einmal weiterzukommen.

Am Saxlehner-Palast hatte ich das südwestliche Ende der Andrássy út erreicht und stand nun an der großen Kreuzung, an der dieser bedeutende Boulevard auf die mir bereits bekannte Bajcsy-Zsilinszky út trifft. Von hier aus konnte ich mein nächstes Ziel bereits sehen. Groß und mächtig überragte die Kuppel der St.-Stephans-Basilika zu meiner Rechten die Dächer der umliegenden Häuser.

Diese große Kirche, die nach dem ersten ungarischen König benannt ist, gehört zu den Bauwerken, die man in Budapest kaum übersehen kann. Ihre Kuppel erhebt sich sechsundneunzig Meter über die Stadt, womit sie nur knapp von der des Berliner Doms geschlagen wird – die ist achtundneunzig Meter hoch. Interessant ist schon die Baugeschichte dieser Kirche. Die Bauarbeiten begannen im Jahre 1851 nach Plänen von József Hild. Aufgrund der Nähe der Donau gestaltete sich der Bau schwieriger als zunächst gedacht, denn man stellte schnell fest, daß für eine Kirche von der geplanten Größe die Fundamente wegen des Untergrunds wesentlich größer dimensioniert werden mußten, als man sich das vorher vorgestellt hatte. Man plante neu und grub schließlich einen Keller, der ganze drei Stockwerke tief war, was nahezu der Größe der darüberliegenden Kirche entspricht. Nachdem Hild im Jahre 1867 verstorben war, übernahm Miklós Ybl die Leitung. Seinem Werk war ich bereits am Anfang meines heutigen Spaziergangs an der Staatsoper begegnet. Er hatte noch kaum mit seiner Arbeit begonnen, da stellte er fest, daß sich die bereits errichtete Kuppel in ernster Gefahr befand. Unterschiedlich belastbares Steinmaterial und eine ungünstige Lastverteilung hatten die Konstruktion geschwächt, so daß der Einsturz drohte. Ybl veranlaßte umgehend Sicherheitsmaßnahmen, konnte jedoch die Katastrophe nicht verhindern. Die Kuppel und ihr Unterbau brachen am 22. Januar 1868 zusammen. Das Unglück machte umfangreiche Abbrucharbeiten und eine weitere Überarbeitung der Pläne notwendig. Die heutige Kuppel ist also das Ergebnis dieses zweiten Anlaufs. Ybl nutzte diese Gelegenheit, der Kirche ihre prägende Gestaltung im Stile der Neorenaissance zu geben. Unter seiner Leitung gedieh der Bau, doch als er 1891 starb, war dieser noch immer nicht fertig. So kam die Kirche zu ihrem dritten Architekten. József Kauser leitete die abschließende Innenausstattung und die künstlerischen Arbeiten. Schließlich konnte im Jahre 1905 die Kirche geweiht werden – nach vierundfünfzig Jahren Bauzeit.

Angesichts dieser interessanten Historie hatte ich heute natürlich nicht vor, die Basilika ausschließlich von außen zu betrachten. Doch wenn ich geglaubt hatte, ich könnte einfach zur Kirche hinüber und um sie herum zum nach Westen gewandten Haupteingang am Szent István tér gehen und sie durch diesen dann betreten, so sah ich mich getäuscht. Die ersten beiden Schritte waren natürlich noch ohne Probleme möglich. Am dritten scheiterte ich jedoch, denn das Hineinkommen war gar nicht so einfach.

Meiner Erfahrung nach lassen sich heutige Kirchen in vier Gruppen einteilen. Die erste Gruppe ist die uninteressanteste. Es sind die Kirchen, die man nie besuchen kann, es sei denn, man ist Mitglied der Gemeinde. Außerhalb von Gottesdiensten und anderen kirchenbezogenen Veranstaltungen sind sie immer geschlossen. Die zweite Gruppe ist mir die liebste. Sie wird von jenen Gotteshäusern gebildet, die interessierten Besuchern stets offenstehen, so daß man einfach hineingehen und sie besichtigen kann. Oder Andacht halten, wenn man das möchte. Die dritte Gruppe wird von den sogenannten scheinoffenen Kirchen gebildet. Ihre Tür ist immer unverschlossen, man darf eintreten, gelangt aber maximal bis zu einem Gitter oder einer Glaswand, von der aus man in den Kirchenraum blicken kann, ohne ihn jedoch betreten zu dürfen. Besichtigung und Andacht sind trotz der einladend offenen Kirchentür nicht möglich. Die vierte und letzte Gruppe versammelt die Gotteshäuser, die einem Besucher den Zutritt zwar gewähren, ihm dafür jedoch einen nicht unerheblichen Geldbetrag abverlangen. Einfach hineingehen und Andacht halten – das ist hier offenbar nicht vorgesehen.

Wie ich, nun vor dem Eingang stehend, schnell feststellte, gehörte die St.-Stephans-Basilika eindeutig zur vierten Gruppe. An den Türen standen Kontrolleure, denen jeder Besucher ein gültiges Eintrittsticket vorweisen mußte, um von ihnen in das Gotteshaus eingelassen zu werden. Was ich jedoch nirgends entdeckte, war ein Verkaufsstand, an dem ich so ein Ticket erwerben konnte.

Da ich jedoch nicht vorhatte, so einfach aufzugeben, fragte ich kurzerhand einen der Kontrolleure, wo der Erwerb der von mir begehrten Eintrittskarte denn möglich sei. Ohne das stets wachsame Auge von den an uns weiter vorbeiströmenden Besuchern und den Tickets in ihren Händen abzuwenden, bedeutete er mir knapp, mich zur südlichen Seite des Szent István térs zu begeben, denn dort sei das Ticket-Verkaufsbüro zu finden.

Gesagt, getan. Ich bedankte mich freundlich für die Auskunft und begab mich unverzüglich zum genannten Ort. Es fiel mir nicht schwer, die Verkaufsstelle, die sich in einem der den Platz säumenden Häuser befand, zu finden. Sie war ohne Schwierigkeiten an der langen Schlange Wartender zu erkennen, in die auch ich mich nun einreihte. Glücklicherweise blieb die Wartezeit sehr moderat, was der Tatsache zu danken war, daß man sich offenbar auf die große Zahl interessierter Besucher eingestellt und mehrere Verkaufsschalter eingerichtet hatte, so daß der Ansturm einigermaßen schnell bewältigt werden konnte. Es dauerte nicht einmal zwanzig Minuten, da hielt ich meine Tickets in den Händen, die mich nun dazu berechtigten, sowohl das Kircheninnere als auch den Kuppelumgang zu besuchen. Geschäftstüchtig war man hier jedenfalls. Warum nur eine Attraktion verkaufen, wenn man den Besuchern stattdessen auch Geld für mehrere abnehmen kann.

So ging ich denn hinein.

Was mir sofort auffiel – man kann es auch von außen schon erkennen, aber da hatte ich noch nicht darauf geachtet -, war, daß die Kirche in ihrem Grundriß keineswegs dem klassischen Bautyp einer länglichen Basilika entspricht. In der Tat geht ihre Bezeichnung auf den päpstlichen Ehrentitel der „Basilica minor“ zurück, den sie im Jahre 1931 erhielt. Und wenn wir schon bei Titeln sind: seit 1993 ist die St.-Stephans-Basilika außerdem Mitkathedrale des Erzbistums Esztergom-Budapest, also Bischofssitz. Sie dürfte also mit Fug und Recht auch als St.-Stephan-Kathedrale bezeichnet werden.

Was ich uneingeschränkt zugestehen muß, ist die Tatsache, daß ich für die umgerechnet etwa 17,50 € Eintritt eine ganze Menge zu sehen bekam. Der Innenraum bot mit seinen Mosaiken, Altären, Skulpturen und der großen Orgel reichlich Anlaß, den Gang durch die Kirche langsam anzugehen. Ich blickte von unten in die reich geschmückte Hauptkuppel der Basilika hinauf, die vollständig mit herrlich farbenprächtigen Mosaiken ausgekleidet ist, die nach Entwürfen von Károly Lotz geschaffen wurden und in deren Zentrum Gottvater höchstpersönlich thront, umgeben von zahlreichen biblischen Figuren. Rundbogenfenster erhellen die Kuppel nicht nur, sondern teilen sie gemeinsam mit vergoldeten Ornamenten in einzelne Bildfelder. Farbige Wandfelder leiten über zu den mit Rosetten verzierten Gewölbebögen, die den Kirchenraum in alle vier Richtungen an die Kuppel anschließen. Die Zwickel zwischen den tragenden Bögen zeigen herrlich detaillierte, farbenfrohe Darstellungen der Evangelisten.

Der Hochaltar ist ein meisterhaftes Kunstwerk für sich. Unter einem von Säulen getragenen Baldachin steht die Marmorstatue des heiligen Königs Stephan, wieder ein Werk Alajos Strobls. Auf der Spitze des Baldachins befindet sich der Erzengel Gabriel mit der Heiligen Krone. Vor all dem steht der separate Altartisch. Der umgebende Chorraum ist geschmückt mit vergoldeten Ornamenten und lateinischen Inschriften sowie Reliefs, die Szenen aus Stephans Leben zeigen. Und als wäre das noch nicht genug, schmücken über all dem nach Entwürfen von Gyula Benczúr ausgeführte Mosaiken die Halbkuppel des Chors.

Als ich mich umdrehte, fiel mein Blick auf die große Orgel, die auf der Empore über dem Eingang steht und nicht einfach nur ein Musikinstrument ist, sondern ebenfalls ein wunderschönes Kunstwerk. Das 1905 von der Werkstatt József Angster und Sohn gebaute Instrument besitzt einen reich verzierten Prospekt mit vergoldeten Ornamenten, gestaffelten Pfeifenfeldern und seitlichen Rundtürmen. Darüber fällt Licht durch ein großes Rundbogenfenster und taucht die Orgel in einen hellen Schein – auch etwas, das man in Kirchen nicht alle Tage sieht. Vergoldete Kapitelle und die ornamentale Gestaltung des Gewölbes setzen die Orgelempore in einen passenden Rahmen.

Die Kunstfertigkeit der Innenausstattung der Basilika setzt sich im Kirchenraum selbst fort. Das Kirchengestühl, der geometrisch gemusterte Steinboden, die rötlichen Säulen, vergoldeten Kapitelle und wieder die reich verzierten Gewölbebögen schaffen ein Erscheinungsbild, das zwar prunkvoll, doch keineswegs überladen wirkt, wie es manchmal in Barockkirchen der Fall ist. Mir kam eher das Wort „erhaben“ in den Sinn, als ich nach einer Beschreibung für den Eindruck suchte, den der wunderschöne Innenraum dieser Basilika bei mir hinterließ.

Fast ist es ein wenig müßig zu erwähnen, daß sich die Seitenaltäre in diese Atmosphäre nahtlos einfügten. Der Marienaltar präsentiert in seinem Zentrum ein schönes Gemälde von Gyula Benczúr, das den heiligen König Stephan zeigt, wie er der Maria mit dem Jesuskind die ungarische Krone darbietet. In muschelförmigen Nischen flankieren zwei Marmorstatuen das Altarbild: links steht der heilige Emmerich von Ungarn, Sohn Stephans I., geschaffen von Sándor Boldogfai Farkas, und rechts die heilige Margareta von Ungarn, Tochter König Bélas IV., geschaffen von Béla Ohmann.

Dem Marienaltar gegenüber steht der Heilig-Kreuz-Altar. Sein zentrales Gemälde, gemalt von Gyula Stetka, zeigt Christus am Kreuz. In den seitlichen Muschelnischen stehen Marmorstatuen des heiligen Franz von Assisi und des heiligen Aloisius von Gonzaga, beide geschaffen von Alajos Strobl. Unter dem Gemälde befindet sich ein vergoldeter Tabernakel, der von zwei wunderschönen knienden Engelsfiguren aus Bronze gesäumt wird.

Ergänzt wird die Ansammlung erhabener Kunstwerke von drei großen Skulpturen an den vier die Kuppel tragenden Hauptpfeilern des Innenraums – am vierten befindet sich die Kanzel. Eine davon ist die Marmorskulptur der heiligen Elisabeth von Thüringen, die von Károly Senyei geschaffen wurde. Die gekrönte Heilige reicht einem neben ihr stehenden Kind eine Gabe.

Und all das ist noch längst nicht alles, was ich auf meinem Rundgang durch den Innenraum der Basilika zu sehen bekam. All diese prachtvollen und wunderschönen Kunstwerke führten mir ebenso wie die Baugeschichte der Kirche eindrücklich vor Augen, daß, auch wenn die Basilika heute meist mit dem Namen Miklós Ybls verknüpft wird, sie keineswegs das Werk eines einzelnen Mannes ist, sondern das Gemeinschaftswerk vieler großer ungarischer Künstler.

Allerdings durfte ich die Kirche natürlich nicht verlassen, ohne eine ihrer ungewöhnlichsten Kostbarkeiten gesehen zu haben – vielleicht sogar die bedeutendste. Sie befindet sich in einem kleinen Schrein, der die Gestalt einer neogotischen Kapelle besitzt und vor dem Marienaltar steht. Darin wird die sogenannte Heilige Rechte verwahrt. Es handelt sich dabei um die als Reliquie verehrte rechte Hand Stephans I. Man mag sich nun fragen – und ich muß gestehen, daß auch mir diese Frage durchaus durch den Kopf ging, als ich vor dem kleinen Gefäß stand – welche Umstände wohl dazu geführt haben mochten, daß die Hand dieses großen Königs von seinem Leichnam abgetrennt wurde, um in diesem Schrein aufbewahrt zu werden. Der Überlieferung zufolge wurde die unversehrt gebliebene Hand bei einer Umbettung vom Leichnam getrennt und als Reliquie bewahrt. Wie dieser Vorgang tatsächlich ablief, ist heute allerdings nicht mehr sicher bekannt. Tatsache ist, daß die damalige religiöse Deutung aus einem körperlichen Überrest ein verehrungswürdiges Zeichen des Heiligen machte. Heute kann man jedenfalls sicher, ohne falsch zu liegen, feststellen, daß ein König, dessen Andenken nicht nur in Geschichtsbüchern, sondern auch auf eine so unmittelbare Weise bewahrt wird, im Gedächtnis eines Landes offenbar einen besonderen Platz einnimmt.

Wenn man nun annähme, daß der Name der Kirche mit dieser Reliquie in Verbindung stünde, läge man jedoch falsch. Tatsächlich war die Basilika gar nicht von Beginn an dem großen König geweiht, und daß sie es heute ist, hat auch nichts mit der Reliquie zu tun. Diese gelangte nämlich erst im Jahre 1950 in die Obhut des Pfarrers der Kirche. Und erst ab 1971 wurde sie schließlich in dieser selbst aufbewahrt. Der ursprüngliche Patron des Gotteshauses war hingegen Szent Lipót, auch bekannt als der heilige Leopold III., Markgraf von Österreich. Schon die kleine Vorgängerkirche aus dem Jahre 1817 war ihm gewidmet, so daß der große Neubau zunächst dieses Patrozinium übernahm. Der Wechsel zu Stephan erfolgte dann im Jahre 1897 und stand im Zusammenhang mit den ungarischen Millenniumsfeiern, die 1896 das tausendjährige Jubiläum der ungarischen Landnahme begangen hatten. Die erzbischöfliche Behörde stellte die zu diesem Zeitpunkt immer noch im Bau befindliche Kirche offiziell unter den Schutz des ersten ungarischen Königs. Dieser Umstand zeigte mir wieder einmal, daß die offensichtlichsten Verbindungen oftmals ganz schöne Holzwege sein können.

Für mich war es nun Zeit, ein wenig die Perspektive zu wechseln. Ich verließ den Innenraum der Basilika und begab mich zum Haupteingang zurück. Allerdings verließ ich die Kirche noch nicht, sondern wandte mich zur rechten Seite des Eingangsbereiches, wo sich, wie ich beim Betreten der Kirche festgestellt hatte, der Aufgang zur Kuppel befand. Zu deren Umgang wollte ich nun hinauf. Das bedeutete die Überwindung eines Höhenunterschieds von immerhin fünfundsechzig Metern, womit nun wieder die St.-Stephans-Basilika dem Berliner Dom etwas voraus hat. Dessen Kuppelumgang befindet sich nämlich in lediglich fünfzig Metern Höhe. Er ist über zweihundertsiebzig Stufen zu Fuß erreichbar. Um zu dem der Basilika hinaufzugelangen, muß der geneigte Treppensteiger dreihundertvier Stufen bewältigen. Hatte ich das nun also auch vor mir?

Glücklicherweise nicht. Bei einer Restaurierung der Basilika hatte man nämlich Aufzüge eingebaut, die seit 2003 eine bequemere Alternative zum Treppenaufstieg bieten. Da ich noch vorhatte, im Anschluß an den Besuch der Basilika ein wenig durch die Stadt zu wandern, und mich daher nicht verausgaben wollte – wann laufe ich schon mal eine solche Menge Treppen am Stück erst hoch und dann wieder runter? -, fiel mir die Wahl nicht schwer. Und so verließ ich kurz darauf den Aufzug, der mich vom Boden ein Stück hinaufgebracht hatte. Allerdings befand ich mich noch nicht auf dem Kuppelumgang, sondern in irgendeinem Zwischengeschoß. Von hier aus mußte es ja irgendwie weitergehen. Ich folgte ein paar Pfeilen, von denen ich annahm, daß sie mich zum nächsten Aufzug führen sollten, der mir unten vom Personal angekündigt worden war, fand jedoch zunächst nur den Treppenaufgang. Es kostete mich noch ein paar Minuten gezielten Suchens, bis ich den nächsten Aufzug gefunden hatte. Dann dauerte es nur noch wenige Minuten, und ich trat durch eine Tür hinaus in den sonnigen Tag.

Blick von der St.-Stephans-Basilika zum Gellértberg
Budapest von oben: Im Hintergrund erhebt sich der Gellértberg, im Vordergrund das Riesenrad am Erzsébet tér
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Von hier oben ließ sich das Verhältnis zwischen den einzelnen Teilen der Stadt ganz anders erfassen als unten auf der Straße. Die Häuser wurden zu Blöcken, die Straßen zu Schneisen, und die Bauwerke, die zwischen den Fassadenreihen zunächst verborgen geblieben waren, ragten nun als Orientierungspunkte heraus.

Beginnend im Südwesten, wo ich den Umgang betreten hatte, wanderte ich entgegen dem Uhrzeigersinn um die Kuppel herum und ließ den Blick nach und nach in alle Richtungen gehen. Im Südosten breitete sich die dicht bebaute Pester Stadtlandschaft aus. Weiter östlich konnte ich die Staatsoper wiederfinden, an der ich am Morgen noch gestanden hatte. Ihr großes Dach ließ sich zwischen den umliegenden Häusern gut erkennen.

Blick über Terézváros zur Ungarischen Staatsoper
Die Oper hatte ich gerade erst von unten betrachtet. Nun ließ sie sich zwischen den Dächern wiederfinden.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Nach Nordwesten schob sich die Kuppel des Parlaments über die Bebauung. Dahinter lagen die Budaer Berge, unter denen der Drei-Grenzen-Berg mit seinem hellen Sendeturm besonders herausragte. Ihn zu sehen, war, als grüße ein alter Freund zu mir herüber. Ich erinnerte mich noch, wie ich es als Kind stets faszinierend fand, wie er da immer so von weitem zu sehen war als Endpunkt einer ansteigenden Kette von Bergen, mit seinem hellen Turm und seinen dicht bewaldeten grünen Hängen, die – ganz im Gegensatz zu den anderen der Budaer Berge – nicht über und über mit Häusern besetzt waren. Immer wieder drängte ich meine Eltern, daß wir doch unbedingt einmal dorthin fahren sollten, weil ich sehen wollte, was da ist. Bis wir eines Tages die Fahrt unternahmen. Nun, so spannend kann das, was wir dort fanden, nicht gewesen sein, denn während ich den Wunsch, dort einmal hinzufahren, noch heute gut nachfühlen konnte, war mir von dem Ausflug selbst nichts in Erinnerung geblieben. Merkwürdig, nicht wahr? Ich mußte unwillkürlich lächeln, als ich plötzlich wieder den Wunsch verspürte herauszufinden, was der Berg denn wohl zu bieten habe. Offenbar war mein kleineres Selbst noch irgendwo in mir…

Blick über die Dächer zum ungarischen Parlament
Der Himmel über Budapest: Das Parlament am Ufer der Donau, die sich versteckt, und dahinter die Budaer Berge mit dem Drei-Grenzen-Berg und seinem weißen Turm.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Weiter nach Westen kamen die Matthiaskirche und die Fischerbastei ins Bild, und schließlich auch der Burgpalast mit seiner grünen Kuppel.

Matthiaskirche und Fischerbastei auf dem Budaer Burgberg
Matthiaskirche und Fischerbastei. Für heute mußte die Betrachtung aus der Ferne genügen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Der Burg würde ich mich an einem späteren Tag noch ausführlicher widmen. Jetzt war es erst einmal angenehm, sie zusammen mit so vielen anderen Orten in einen größeren Zusammenhang einordnen zu können.

Auch die Basilika selbst hielt hier oben noch einiges bereit. Ihre beiden westlichen Glockentürme standen nun beinahe auf Augenhöhe. Im Südwestturm hängt die große Stephansglocke, die mit ihren 9.250 Kilogramm die größte Glocke Ungarns ist. Die anderen fünf Glocken sind im Nordwestturm untergebracht. Von unten wirken solche Türme vor allem repräsentativ. Hier oben wurde ihr Zweck etwas greifbarer.

Die Zrínyi utca zeigte mir schließlich auch die Richtung meines weiteren Weges. Zwischen ihren Häusern konnte ich bis zur Donau sehen. Die Straße führte vom Vorplatz der Basilika geradewegs auf den Fluß zu. Für die Orientierung war das ausgesprochen praktisch.

Blick durch die Zrínyi utca zur Donau
Die Donau ist am Ende der Straße bereits zu erkennen. Jetzt mußte ich nur noch wieder nach unten.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Als ich schließlich den Gellértberg mit der Freiheitsstatue wieder vor mir sah, wußte ich, daß ich die Kuppel einmal umrundet hatte. Der Gellért-hegy, wie er auf Ungarisch heißt, liegt auf der Budaer Seite direkt an der Donau. Er besitzt eine Höhe von 235 Metern. Über dem Meeresspiegel wohlgemerkt, nicht über der Donau. Sein Name erinnert an Bischof Gellért, was auf Deutsch Gerhard bedeutet. Gellért war ein christlicher Missionar, der der Überlieferung zufolge während eines Aufstands im Jahre 1046 von der felsigen Donauseite des Berges in die Tiefe gestürzt wurde. Daß er dabei in ein Faß gesteckt worden sein soll, ist allerdings nur eine Legende.

Die weithin sichtbare Frauengestalt mit dem erhobenen Palmzweig ist der Beweis dafür, daß nicht nur New York eine Freiheitsstatue besitzt. Denn der Name dieser Statue – Szabadság-szobor – bedeutet genau das: Freiheitsstatue. Die 1947 aufgestellte, ohne Sockel vierzehn Meter hohe Bronzefigur wurde von Zsigmond Kisfaludi Strobl geschaffen und erinnerte ursprünglich an den Sieg der sowjetischen Truppen über die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg. Nach dem politischen Umbruch Ende der 1980er Jahre wurde die Widmung des Denkmals jedoch erweitert. Es erinnert heute an diejenigen, die ihr Leben für Ungarns Unabhängigkeit, Freiheit und Wohlergehen opferten. Damit bewiesen die Ungarn, daß es auch in Zeiten großer Umbrüche durchaus nicht notwendig ist, Kunstwerke und Denkmäler untergehender Epochen zu schleifen. Man kann sie erhalten und ihre politische Bedeutung sinnvoll erweitern oder sogar ändern.

Die klar erkennbare langgestreckte Festung hinter der Statue ist deutlich älter als diese. Sie entstand in den Jahren 1850 bis 1854, nach der Niederschlagung der ungarischen Revolution und des Unabhängigkeitskampfes von 1848/49. Ihr Zweck war vor allem, die Stadt militärisch zu kontrollieren und mögliche neue Aufstände zu unterdrücken. Sie war somit zunächst ein Symbol habsburgischer Herrschaft. Die Anlage ist etwa zweihundertzwanzig Meter lang und sechzig Meter breit; ihre Steinmauern sind rund vier Meter stark. Die kaiserlichen Truppen bezogen sie 1854 und blieben dort bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts.

So schaute ich hier also nicht einfach nur auf einen Berg, sondern blickte gewissermaßen auf materialisierte Geschichte. Ein Bischof und Missionar, der für seinen Glauben in den Tod gegangen war, eine später errichtete Festung zur Kontrolle der Stadt und ein noch später aufgestelltes Freiheitsdenkmal – ich blickte hier gewissermaßen auf Elemente der Geschichte des steten Kampfes der Menschen um die Freiheit. Die Freiheit des Glaubens. Die Freiheit des Denkens. Die Freiheit, ohne Unterdrückung zu leben.

Freiheitsstatue und Zitadelle auf dem Gellértberg
Einmal rund herum: Mit dem Blick auf den Gellértberg hatte mein Kuppelrundgang auf der St.-Stephans-Basilika begonnen. Jetzt schaute ich nochmal genauer hin.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Ich verließ den Kuppelumgang durch dieselbe Tür, durch die ich ihn auch betreten hatte. Der Weg von Aufzug zu Aufzug war mir diesmal bekannt, und so fand ich mich kurze Zeit später unten auf dem Platz wieder. Hier betrachtete ich die Kirche noch einmal von außen. Über ihrer Kuppel und den beiden Türmen hatten sich mächtige Wolken versammelt. Der Himmel lieferte der Architektur einen Hintergrund, den kein Architekt hätte bestellen können.

St.-Stephans-Basilika unter mächtigen Wolken
Die Basilika am Szent István tér. Der Himmel trägt seinen Teil zur Wirkung bei.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Ich setzte nun meinen Weg fort und folgte der Zrínyi utca, die mich hinunter zur Donau bringen sollte. Die kleine Straße ist, genau wie der Szent István tér und einige der sie kreuzenden Straßen, eine Fußgängerzone. Ich konnte sie also ganz gemütlich entlangbummeln und die Blicke nach links und rechts schweifen lassen, ohne auf vorbeifahrende Autos achten zu müssen. Hohe Häuserfassaden mit reich gegliederten Fenstern und Erkern säumten den Weg auf beiden Seiten, hier und da standen kleine Bäume, zahlreiche Restaurants und Cafés luden die Passanten zum Verweilen ein und kleine Läden animierten zum Einkaufen. Die Stadt wirkte hier sehr lebendig und lebensfroh.

Bereits an der nächsten Querstraße stieß ich wieder auf ungarische Geschichte. Die Október 6 utca erinnert mit ihrem Namen an den Gedenktag der Märtyrer von Arad. An diesem Tag wurden im Jahre 1849 in Arad, das heute zu Rumänien gehört, dreizehn hohe Offiziere der ungarischen Armee auf Befehl der habsburgischen Militärführung hingerichtet. Sie gingen als die „Märtyrer von Arad“ in die ungarische Erinnerung ein. Am selben Tag erschossen die habsburgischen Truppen in Pest auch Lajos Batthyány, der der erste Ministerpräsident einer dem ungarischen Parlament verantwortlichen Regierung war. Diese Hinrichtungen gehörten zur habsburgischen Vergeltung nach der Niederschlagung der ungarischen Revolution von 1848/49. Das Datum war dabei ganz bewußt gewählt worden, denn am 6. Oktober 1848 hatte in Wien ein Aufstand begonnen, bei dem der österreichische Kriegsminister Theodor Baillet von Latour getötet worden war. So steckt hinter dem unscheinbaren Datum im Namen dieser Straße, der ihr im Jahre 1953 verliehen wurde, ein zentrales Ereignis der nationalen ungarischen Geschichte.

An der Straßenecke begegnete ich einem Polizisten, bei dem ich mich nicht fragen mußte, ob das Fotografieren womöglich unerwünscht sein könnte. Er war aus Bronze. Die 2008 aufgestellte Figur von András Illyés wird häufig „Pocakos rendőr“ genannt, was ungefähr „dickbäuchiger Polizist“ bedeutet. Wenn man ihn sieht, weiß man sofort, warum. Mit seinem charakteristischen Helm und der historischen Festuniform eines alten Budapester Straßenpolizisten gehört er einer anderen Zeit an, die in der ungarischen Erinnerung offenbar positiv besetzt ist, denn bei der Einweihung wurde ausdrücklich erklärt, daß die Figur ein „Bild aus friedlichen alten Zeiten“ vermitteln solle. Und so machte dieser Polizist mit seinem üppigen Schnurrbart und dem sich stark vorwölbenden Bauch auch einen eher gemütlichen denn strengen Eindruck auf mich. Vielleicht lag das auch daran, daß er einen ausgesprochen dauerhaften Dienstposten hat.

Der gemütliche Polizist in der Zrínyi utca
Dieser Polizist bleibt auch dann auf seinem Posten, wenn alle anderen längst Feierabend haben.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Wieder eine Straße weiter, an der Ecke zur Nádor utca, traf ich am Donaupalast in einer Ecknische Franz Liszt, diesmal in Form einer Büste. Die Bronzearbeit der Bildhauerin Katalin Gerő wurde 2013 mithilfe von Spenden aufgestellt. Sie entstand ursprünglich zum 200. Geburtstag des Komponisten im Jahr 2011. Interessant ist, daß weitere Abgüsse der Büste in Warschau und Belgrad stehen. Ich weiß nicht, wie es sich dort verhält, aber hier hat der Standort der Büste einen direkten Bezug zu Liszts Leben: in der Nähe befand sich seine erste Pester Wohnung. Die Büste blickt zur St.-Stephans-Basilika, deren Bau Liszt mit einer Spende unterstützt hatte.

Wenig später erreichte ich den Széchenyi István tér, einen langgestreckten rechteckigen Platz am Ufer der Donau. Graf István Széchenyi, der von 1791 bis 1860 lebte, gilt heute als einer der wichtigsten Wegbereiter des modernen Ungarn, arbeitete er doch Zeit seines Lebens und in verschiedenen Positionen als Politiker – im ersten parlamentarischen ungarischen Kabinett unter Lajos Batthyány wurde er 1848 Verkehrsminister -, Schriftsteller und Förderer großer Bau- und Wirtschaftsprojekte daran, das Land aus seinen feudalen Strukturen herauszuführen. So ist es kein Wunder, daß nicht nur Straßen und Plätze nach ihm benannt sind, sondern daß sogar seine politischen Gegenspieler seine Leistungen anerkannten, unter ihnen Lajos Kossuth, der ihm sogar den Ehrennamen verlieh, der noch heute eng mit ihm verknüpft ist: „a legnagyobb magyar“ – „der größte Ungar“. Kann es eine größere Anerkennung geben?

Hier am Széchenyi István tér stand ich gleich zwei bedeutenden Errungenschaften gegenüber, die mit diesem großen Mann auf das Engste verbunden sind. Die erste war die Ungarische Akademie der Wissenschaften.

Ungarische Akademie der Wissenschaften im Jubiläumsjahr
Nicht nur schön, sondern auch geistreich: das Gebäude der ungarischen Akademie der Wissenschaften.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Die Hauptfassade dieses wunderschönen Neorenaissance-Gebäudes ist dem Platz zugewandt, an dessen schmaler Nordseite es steht. Ich war etwas überrascht zu erfahren, daß es nach Plänen des deutschen Architekten Friedrich August Stüler errichtet worden war, dessen Berliner Werke mir natürlich bestens vertraut sind: das Neue Museum und die Alte Nationalgalerie auf der Museumsinsel, die St.-Matthäus-Kirche und die unter seiner Mitwirkung errichtete Neue Synagoge in Mitte, die St.-Jacobi-Kirche in Berlin-Kreuzberg und nicht zuletzt die Kirche St. Peter und Paul auf Nikolskoje. Da fühlte ich mich gleich irgendwie verbunden. 1865 eröffnet, gilt das Gebäude der Budapester Akademie der Wissenschaften als erstes öffentliches Bauwerk Ungarns im Stil der Neorenaissance. An der Fassade waren farbenfrohe Banner angebracht, die darauf hinwiesen, daß die darin beheimatete Institution in diesem Jahr 2025 ihr zweihundertjähriges Bestehen feierte. Ihre Gründung geht auf István Széchenyis Angebot von 1825 zurück, ein Jahreseinkommen seiner Güter für eine ungarische Gelehrtengesellschaft zu stiften. Der Mann hatte offenbar eine recht konkrete Vorstellung davon, wie sich die Entwicklung seines Landes voranbringen ließ. Mit dieser Stiftung sollten nach seiner Vorstellung insbesondere die ungarische Sprache gepflegt und gefördert werden. Die Initiative fiel auf fruchtbaren Boden, weitere Adelige schlossen sich an – und im Ergebnis ging daraus die Akademie der Wissenschaften hervor.

Bevor ich mich dem zweiten Werk, das seinem segensreichen Wirken für Ungarn zu danken war, zuwandte, warf ich noch einen Blick auf zwei Denkmale, die vor dem Akademiegebäude standen. Rechts erhob sich eine Büste, die der Aufschrift am Sockel zufolge Ferenc Salamon darstellte, einen ungarischen Historiker, der von 1825 bis 1892 lebte. Die Bronzearbeit von Gyula Jankovits wurde 1902 aufgestellt. Das durch Spenden finanzierte Denkmal entstand auf Initiative der Ungarischen Historischen Gesellschaft. Salamon war Mitglied der Akademie und verfaßte unter anderem eine mehrbändige Geschichte von Buda und Pest. Die Sockelinschrift „Salamon Ferencz“ verwendet nicht nur die historische Schreibweise des Vornamens, sondern zeigt auch, daß Namen im Ungarischen anders wiedergegeben werden als im Deutschen. Während wir es gewohnt sind, Personen mit Vor- und Nachnamen zu bezeichnen – woraus sich auch die Begriffe für die Namensteile ableiten -, nennen die Ungarn stets den Nachnamen zuerst.

Das zweite Denkmal hatte man 1899 links vor der Akademie plaziert. Es war ebenfalls von Gyula Jankovits geschaffen worden und zeigt die Büste des ungarischen Sprachwissenschaftlers Gábor Szarvas, der von 1832 bis 1895 lebte. Auch er war Mitglied der Akademie, begründete 1872 die Zeitschrift „Magyar Nyelvőr“, was soviel wie „Ungarischer Sprachwächter“ bedeutet, und setzte sich für die Pflege der ungarischen Sprache ein. Ein am Sockel der Bronzearbeit dargestellter Band dieser Zeitschrift verweist auf seine Arbeit. Besonders fiel mir die weibliche Begleitfigur ins Auge, die einen Lorbeerzweig zur Ehrung des Gelehrten emporreicht. Dergleichen sieht man an solchen Gedenkbüsten eher selten.

Nun war es jedoch an der Zeit, sich dem großen und vielleicht berühmtesten Bauwerk Budapests zuzuwenden, von dem man eigentlich gar nicht sagen kann, daß es sich hier am Széchenyi István tér befindet, weil das bei einer Brücke über einen großen Strom keinen rechten Sinn ergäbe. Da sie jedoch genau in der Mitte von dessen westlicher Langseite auf den Platz trifft, mußte ich mich nur umdrehen, um sie stolz und majestätisch vor mir zu sehen: die Kettenbrücke.

Auch an ihrem Zustandekommen war István Széchenyi maßgeblich beteiligt gewesen. Er hatte sich für die Schaffung einer dauerhaften Brücke eingesetzt, die Pest und Buda über die breite Donau hinweg verbinden sollte. Allerdings beließ er es nicht bei Reden und Absichtserklärungen, wie das so viele Politiker heutzutage tun. Stattdessen organisierte er Fachleute, die sich um die Verwirklichung dieser Idee kümmerten, und wirkte an der Finanzierung und der Schaffung der rechtlichen Voraussetzungen aktiv mit. Entworfen wurde die gewaltige Brücke von William Tierney Clark. Die Eröffnung fand am 20. November 1849 statt. Mit der Brücke ging auch eine bemerkenswerte Neuerung einher: erstmals mußten auch Adlige Brückenzoll bezahlen. Damit wurde die Brücke zugleich ein sichtbares Zeichen dafür, daß Standesprivilegien überwunden werden konnten. Als Anerkennung für seinen Einsatz verliehen die Ungarn der Brücke seinen Namen: Széchenyi lánchíd – Széchenyi-Kettenbrücke. Die ebenfalls namensgebenden Eisenketten sind dabei keineswegs nur schmückendes Beiwerk. Ihnen kommt an dieser Hängebrücke eine echte tragende Funktion zu.

Und nun stand sie direkt vor mir.

Kettenbrücke und Budaer Burgviertel
Die Kettenbrücke verbindet die beiden Donauufer. Dahinter erhebt sich das Budaer Burgviertel.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Vom Pester Brückenkopf am Széchenyi István tér ließ sich die gegenüberliegende Stadtseite gut betrachten, die vom Budaer Burgviertel mit dem Burgpalast, der Matthiaskirche und der Fischerbastei dominiert wird. Darunter führte die Brücke über den Fluß und vor ihr hielten zwei Löwen Wache. Zwei weitere befinden sich am jenseitigen Brückenkopf. Die Tierskulpturen wurden von János Marschalkó geschaffen und an den beiden Brückenköpfen aufgestellt.

Die Brücke ist in der Tat weit über Budapest und Ungarn hinaus berühmt. Und mit ihr eng verbunden ist eine Geschichte über die Löwen und ihre Zungen, die mir schon als Kind über den Weg lief. Als ich damals im Kindergarten erzählte, daß wir nach Budapest umziehen würden, weil mein Vater an die dortige Botschaft versetzt worden war, erklärte mir meine begeisterte Kindergärtnerin, daß es an der Kettenbrücke Löwenfiguren gäbe und ich mir diese auf jeden Fall genau ansehen solle, denn zwei dieser Löwen hätten Zungen, während sie den anderen beiden fehlten. Das faszinierte mich natürlich, und als wir dann schließlich in Budapest waren und ich das erste Mal den Löwen gegenüberstand, wollte ich es natürlich genau wissen. Tatsächlich konnte ich aber, da die Tierfiguren auf hohen Sockeln plaziert sind, bei keinem der Löwen eine Zunge entdecken.

Daß ich damit noch viel näher an der Legende von den Zungen war als meine Kindergärtnerin, konnte ich damals natürlich nicht wissen. Denn in der Tat erzählt diese, daß, als die vier steinernen Löwen an der Kettenbrücke enthüllt wurden, die versammelten Zuschauer die Arbeit des Bildhauers János Marschalkó bewunderten. Als dann plötzlich ein Schusterlehrling aus der Menge „Die Löwen haben ja gar keine Zungen!“ rief, schauten alle genauer hin. Und es schien ihnen, als habe der Junge tatsächlich recht. Marschalkó, der so stolz auf seine Arbeit gewesen war, daß er zuvor versprochen haben soll, sich in die Donau zu stürzen, falls jemand einen Fehler an seinen Löwen entdecken könne, wurde nun zum Gespött der Stadt. Aus Scham über seinen vermeintlichen Fehler setzte er sein Versprechen in die Tat um und stürzte sich von der Brücke in die Donau.

Natürlich ist an dieser Legende kein Wort wahr. Auch die Geschichte, daß nur zwei der Löwen keine Zunge besäßen, ist es nicht. Denn in der Tat verfügen alle vier Löwenfiguren über eine Zunge. Der Bildhauer hatte die steinernen Löwen mit größtmöglicher anatomischer Genauigkeit geschaffen. Und weil Großkatzen in der Regel nicht mit heraushängender Zunge hecheln, wie Hunde das gewöhnlich tun, sondern ihre Zunge normalerweise hinter den Zähnen und tief im Maul liegt, hatte Marschalkó die Zungen seiner Löwen natürlich genau so modelliert. Um sie zu sehen, müßte man auf die Sockel klettern und von oben in die geöffneten Mäuler der Löwen blicken. Vom Straßenniveau aus sind sie jedoch unsichtbar. Und auch die Erzählung vom Freitod János Marschalkós ist nichts als eine Budapester Stadtlegende.  Er nahm sich keineswegs das Leben. Vielmehr starb er im Jahre 1877 nach einer langen und erfolgreichen Bildhauerkarriere im Alter von neunundfünfzig Jahren eines natürlichen Todes. Und es heißt, er sei sich des scherzhaften Vorwurfs, seine Löwen seien zungenlos, selbst bewußt gewesen und habe seinen diesbezüglichen Kritikern stets mit der geistreichen Bemerkung geantwortet:

Möge Gott Deiner Frau eine Zunge verleihen, wie sie meine Löwen haben!

Aber das ist vielleicht auch wieder nur eine Legende…

Aus meiner damaligen Budapester Zeit konnte ich mich auch noch daran erinnern, wie wir mit unserem Auto, wenn wir in der Stadt unterwegs waren, hin und wieder auch über diese Brücke fuhren. Wie ich nun aber hier so stand und das Panorama rund um die Brücke auf mich wirken ließ, fiel mir auf, daß ich nur gelegentlich von einem vorüberfahrenden Fahrzeug dabei gestört wurde. Ich schaute dem spärlichen Verkehr eine Weile zu und stellte schnell fest, daß dieser hier ausschließlich aus Taxen, Linien- und Stadtrundfahrtbussen sowie Radfahrern bestand. Private Autos schien es auf der Brücke praktisch gar keine zu geben. Und dieser Eindruck täuschte mich durchaus nicht, denn nachdem man im Jahre 2023 die Arbeiten zur letzten großen Sanierung der Brücke abgeschlossen hatte, blieb die Fahrbahn für private Autos gesperrt. Ich konnte nicht sagen, daß ich das schade fand, auch wenn dadurch der Autoverkehr an dieser Stelle größere Umwege nehmen muß, wenn er die Donau überqueren will, da aufgrund der großen Breite, die der Fluß in Budapest bereits besitzt, Brücken aufwendig zu bauen und daher nicht eben dicht gesät sind. Der hiesigen Innenstadt tut dies aber durchaus gut.

Für meinen heutigen Spaziergang hatte ich nicht vor, auf die andere Seite des Flusses zu wechseln. Ich wollte zunächst auf der Pester Seite bleiben. Was mich jetzt interessierte, war, ob es hier am Széchenyi István tér nicht auch ein Denkmal für den „größten Ungarn“ selbst gab. Es schien mir kaum vorstellbar, daß man den Platz an zweien der größten mit seinem Wirken auf das Engste verbundenen Werken nach ihm benannte und dort Denkmale für andere Akademiemitglieder aufstellte, ihm selbst aber keinen Denkstein gesetzt haben sollte. Und tatsächlich war das auch nicht der Fall. Ich mußte noch nicht einmal lange danach suchen, sondern mich, an der Brücke stehend, nur einmal umdrehen, um das Denkmal zu finden. Es stand inmitten der großen Grünanlage, die das Zentrum des Platzes ausmachte, und war – der Bedeutung des Geehrten entsprechend – überlebensgroß. Die 1880 aufgestellte Bronzearbeit von József Engel zeigt Széchenyi als große Standfigur auf hohem Sockel, der von vier mythologischen Figuren gesäumt wird, die gewissermaßen eine Zusammenfassung seines Lebenswerks in mythologischer Form darstellen. Minerva, die römische Göttin der Weisheit und der Künste, verkörpert dabei die Wissenschaft und Kultur, um die er sich mit der Gründung der Akademie der Wissenschaften verdient gemacht hat. Neptun als Gott des Meeres und der Gewässer steht für Széchenyis Einsatz für die Dampfschiffahrt und die Regulierung von Flüssen wie der Theiß. Vulcanus wiederum erinnert als Gott des Feuers und der Schmiedekunst an Széchenyis Förderung der ungarischen Industrie, etwa von Schiffbau und modernen Mühlenbetrieben. Und Ceres, die Göttin des Ackerbaus und der Ernte, verkörpert seine Bemühungen um eine leistungsfähigere Landwirtschaft, sowohl hinsichtlich besserer Bewirtschaftungsmethoden als auch der Schaffung der notwendigen wirtschaftlichen Voraussetzungen.

István-Széchenyi-Denkmal am Széchenyi István tér
Großes Denkmal für den „größten Ungarn“: István Széchenyi.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Während ich dieses Denkmal studierte, überlegte ich, welchem Politiker der heutigen Zeit ich wohl solch ein Erinnerungszeichen widmen würde. Leider fiel mir keiner ein. Sich persönlich für sein Land und die Menschen seines Volkes einzusetzen, scheint bei den politisch Verantwortlichen heute völlig aus der Mode gekommen zu sein.

Bevor ich den Széchenyi István tér nun verließ, warf ich noch einen Blick auf den Gresham-Palast, einen prächtigen Jugendstilbau, der einst für die britische Lebensversicherungsgesellschaft Gresham als Büro- und Wohngebäude errichtet und 1906 fertiggestellt wurde. An seiner Gestaltung wirkten Zsigmond Quittner sowie die Brüder József und László Vágó mit. Das Gebäude gehört zu den bedeutenden Jugendstilbauten Budapests. Nach einer umfassenden Restaurierung eröffnete hier 2004 das Four Seasons Hotel.

Ich wollte nun ein wenig die Uferpromenade an der Donau entlangspazieren und wandte mich dafür nach Süden, in Richtung Elisabethbrücke. Zunächst wechselte ich vom großen Széchenyi István tér auf den benachbarten kleinen Eötvös tér hinüber. Beide sind nur durch eine Straße voneinander getrennt. József Eötvös, nach dem der Platz benannt ist, war 1848 ebenfalls Mitglied im Kabinett Lajos Batthyánys gewesen. Sein Amt als Minister für Religion und Unterricht, das er dabei innegehabt hatte, übernahm er nach dem österreichisch-ungarischen Ausgleich erneut und übte es von 1867 bis zu seinem Tod im Jahre 1871 aus. Sein Volksschulgesetz von 1868 führte die allgemeine Schulpflicht ein und schuf die Grundlage für ein modernes ungarisches Schulwesen. Als Schriftsteller nutzte er seine Romane, um gesellschaftliche Mißstände anzuprangern, und als Präsident der ungarischen Akademie der Wissenschaften förderte er eben jene. Zuvor hatte er bereits maßgeblich an der Verwirklichung ihres Gebäudes mitgewirkt. Sein Denkmal, das auf dem Platz steht, konnte ich mir allerdings nicht ansehen. Es war leider wegen umfangreicher Baumaßnahmen an einem nahegelegenen Gebäude hinter einem Bauzaun verborgen.

Hier am Fluß gab es nun nicht nur die großen Ansichten zu betrachten. Vielmehr lohnte es sich, auch auf die kleinen Dinge am Weg zu achten, denn dabei konnte ich echte künstlerische Perlen entdecken. Am Ausgang des Eötvös tér stand Ignác Roskovics an seiner Staffelei und malte die Kettenbrücke. Daß sowohl der Maler als auch seine Ausrüstung aus Bronze bestanden, machte die Szene nicht weniger realistisch und passend. Schließlich hatte ich mich gerade ebenfalls damit beschäftigt, diese Aussicht festzuhalten – nur mit einem anderen Werkzeug.

Ignác Roskovics an der Staffelei
Ein Maler bei der Arbeit: Ignác Roskovics malt die Kettenbrücke.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Ignác Roskovics, der von 1854 bis 1915 lebte, war ein ungarischer Kirchen- und Genremaler. Die lebensgroße Figur schuf Mihály Kolodko. Sie wurde 2014 aufgestellt. Eine frühere Fassung steht seit 2012 in der heute ukrainischen Stadt Uschhorod, dem historischen ungarischen Ungvár, wo Roskovics einen Teil seines Lebens verbrachte. Während der Maler dort eine Ansicht der Ung festhält, zeigt die Leinwand der Budapester Fassung die Donau mit der Kettenbrücke.

Ein Stück weiter saß eine kleine Prinzessin auf dem Geländer, das die Promenade von den Gleisen der hier verkehrenden Straßenbahn trennte. Mit ihrer großen Krone, die aus Krepp geschnitten schien, und ihrem weiten Mantel, der ihr irgendwie viel zu groß war und wie ein Bademantel aussah, konnte sie jedoch unmöglich einem Märchen entsprungen sein. Und tatsächlich, der Bildhauer László Marton, der der Schöpfer dieser allerliebsten Plastik war, die da so lebensecht auf dem Geländer hockte und deren ungarischer Name „Kiskirálylány“ lautete, hatte dafür seine Tochter zum Vorbild genommen, die beim Spielen mit einer Papierkrone und einem Bademantel als königlichem Umhang eine edle Prinzessin mimte. Es schien, als säße da wirklich ein Kind, das in seinem Spiel ganz ernsthaft die vorübereilenden Passanten betrachtete.

Kleine Prinzessin an der Donaupromenade
Für ein Königreich genügen manchmal eine Papierkrone und ein Bademantel.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Wieder ein Stück weiter spielte am Vigadó tér ein Mädchen mit seinem Hund. Das Mädchen saß auf der Sitzfläche einer der vielen runden Blumenrabatten, die hier die Laternen umgaben, und streckte die Hand aus, um den Ball entgegenzunehmen, den sein Hund ihm stolz entgegenbrachte. Ich brauchte noch einen zweiten Blick, um zu bemerken, daß sich beide überhaupt nicht bewegten. Die so überaus lebensechte, bronzene Figurengruppe namens „Kutyás lány“ („Mädchen mit Hund“) wurde von Dávid Raffay geschaffen und 2007 hier aufgestellt. Sie fügt sich nahtlos in den Aufenthaltsbereich der Promenade ein. Wer nicht genau hinschaut, glaubt tatsächlich, er habe ein Mädchen mit seinem Hund spielen sehen.

Mädchen mit Hund auf dem Vigadó tér
Gleich nimmt sie den Ball und wirft ihn dem davonpreschenden Hund voraus.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Ich liebe es, wenn sich Kunst auf diese Weise nahtlos in das Alltagsleben einfügt. Kunstwerke, die wie beiläufig mit ihrer Umgebung verschmelzen, nicht auf hohe Sockel gestellt, nicht gekonnt beleuchtet und nicht hochtrabend etikettiert. Einfach nur da. Als nähmen sie am Leben der Menschen teil. Das ist für mich wahre, lebensechte Kunst. Auf meinem heutigen, noch gar nicht so langen Weg durch die Stadt war ich bereits mehreren eindrucksvollen Beispielen dafür begegnet. Offenbar hatten die Budapester eine kleine Vorliebe dafür, die ich durchaus teilte. Sie machen eine Stadt lebendiger, verspielter. Und damit nahbarer, lebens- und liebenswerter. Etwas, das Berlin ganz offensichtlich fehlt. Oh, wir haben auch jede Menge Kunstwerke im öffentlichen Raum. Wir heben sie allerdings viel zu oft auf hohe Podeste, wo sie dann von den Vorübergehenden ignoriert werden. Oder wir stellen sie in Rasenflächen, die dann niemand betreten darf. Es hat schon seinen Grund, warum die drei Mädchen und der Knabe am Ufer der Spree gegenüber dem Dom so ein beliebtes Fotomotiv sind. Sie sind eines der wenigen Beispiele für ein Kunstwerk in Berlin, das den Menschen in der Stadt nicht nur auf Augenhöhe begegnet, sondern sie auch sich selbst darin wiederfinden läßt – etwas, das moderne Kunst heutzutage viel zu wenig vermag. Hier war ich mit dem Polizisten, dem Maler, der kleinen Prinzessin und dem Mädchen mit dem Hund auf kürzestem Wege bereits vier solchen Kunstwerken begegnet, und jedes hatte mich nicht nur dazu gebracht stehenzubleiben, um es mir anzusehen, sondern hatte mich – jedes auf seine ganz eigene Art – angesprochen und mir ein Lächeln auf’s Gesicht gezaubert.

Und kaum hatte ich mich umgedreht, war das schon wieder der Fall, als mein Blick auf den sogenannten Kinderbrunnen fiel, der das Zentrum der kleinen ovalen Grünanlage bildete, die den Vigadó tér verschönerte. Geschaffen im Jahre 1896 nach einem Entwurf von Károly Senyei, zeigt die Figurengruppe zwei Kinder, deren eines Wasser aus einer Muschelschale auf einen Frosch gießt. Ursprünglich schmückte der Brunnen die Terrasse des dortigen Hangli-Kiosks, einst ein beliebtes Gartenkaffeehaus und Sommerrestaurant, das an dieser Stelle bis zum Zweiten Weltkrieg existierte. Danach mußte der Brunnen weichen, um einem sowjetischen Denkmal Platz zu machen, weshalb man ihn zum Dagály-Strandbad versetzte. Anfang der 2000er Jahre kehrte er dann auf den Platz zurück.

Wassergießende Kinder am Brunnen auf dem Vigadó tér
Kinder, Wasser und ein Frosch: der Kinderbrunnen am Vigadó tér.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Doch nicht nur die bildende Kunst war hier am Vigadó tér zu Hause. Die der Donau gegenüberliegende Seite des Platzes wird vom Pesti Vigadó gebildet, einem monumentalen und doch ausgesprochen schönen Gebäude, das nach Plänen von Frigyes Feszl errichtet und 1865 eröffnet wurde. Es ersetzte die 1849 durch österreichischen Artilleriebeschuß zerstörte Redoute. Mit dem Bau im Stil der Romantik wollte Feszl eine eigenständige ungarische Architektursprache entwickeln. Die Fassadendekoration greift diesen Anspruch mit dem ungarischen Staatswappen und Porträts bedeutender Persönlichkeiten der Landesgeschichte auf. Das Konzerthaus wurde zu einem wichtigen Schauplatz des Budapester Musiklebens, das mit einigen berühmten Namen in Verbindung steht. Hier traten unter anderem Franz Liszt und Richard Wagner auf.

Die Elisabethbrücke erreichte ich auf meinem heutigen Spaziergang schließlich nicht. Denn nun verlangte nach all der Kunst, Geschichte und Architektur ganz profan mein Magen, zu seinem Recht zu kommen, und so bog ich auf der Suche nach einem Mittagessen in Richtung Deák Ferenc tér ab. Das war alsbald gefunden und verzehrt, und ich stand nun vor der Frage, wie ich den Nachmittag verbringen sollte. Und da ich zum einen nicht gleich am ersten Tag meine Füße überfordern wollte und zum anderen noch immer das Ziel hatte, mir einen ersten Überblick zu verschaffen, war ich, als ich den Bus einer Stadtrundfahrt vorüberfahren sah, durchaus nicht abgeneigt, eine solche zu unternehmen. Wie könnte man schneller als so die wesentlichen Sehenswürdigkeiten einer Stadt kennenlernen?

Das Verkaufsbüro war schnell gefunden, der Ticketkauf unkompliziert, und als ich nach dem Abfahrtsort fragte, stellte sich heraus, daß ich einfach nur wieder zum Szent István tér bei der Basilika gehen mußte. Auf dem Weg dorthin kam ich am sogenannten Anker-Palast vorüber, einem pompösen Gebäude direkt am Deák Ferenc tér, dem man allerdings deutlich ansah, daß es schon etwas in die Jahre gekommen war. Es war zwischen 1908 und 1910 nach Plänen von Ignác Alpár für die Anker-Lebens- und Rentenversicherung errichtet worden und vereinte die Geschäftsräume der Versicherung mit Wohnungen und Läden. Die auffällige Fassade sollte ausdrücklich auch als Werbung für das Unternehmen dienen. Die monumentale Säulenordnung und die ungewöhnliche Dachgestaltung machen den eklektischen Bau zu einem markanten Orientierungspunkt am Deák Ferenc tér.

Anker-Palast am Deák Ferenc tér
Der Anker-Palast am Deák Ferenc tér. Von hier ging es auf andere Weise weiter.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Ich verweilte allerdings nicht lange, denn ich wollte ja zur Bushaltestelle. Dort angekommen, fand ich bereits einen auf Fahrgäste wartenden Bus vor, doch da dieser ein halboffenes Fahrzeug war, mir die Temperaturen an diesem Tag aber dafür nicht einladend hoch genug waren, ließ ich ihn ziehen und wartete auf den nächsten. Es dauerte keine zwanzig Minuten, da stand er vor mir. Leider war es wieder ein halboffenes Fahrzeug. Zwar wußte ich, daß auch geschlossene Fahrzeuge auf der Tour unterwegs waren – ich hatte am Vormittag bereits eines gesehen -, doch hatte ich leider keine Ahnung, wann das nächste zu erwarten war. Da ich nicht noch länger untätig hier herumstehen wollte, stieg ich nun ein und meine Stadtrundfahrt begann.

Nach der Runde um die Basilika-Kuppel und dem gemächlichen Gang durch die Innenstadt übernahm von nun an der Bus die Fortbewegung. Das veränderte auch das Fotografieren. Zu Fuß konnte ich stehenbleiben und mir einen Ausschnitt suchen. Aus dem Bus mußte ich mit dem arbeiten, was gerade am Fenster erschien.

Ironischerweise schien die Tour zunächst meinem Spaziergang vom Vormittag zu folgen. Von der Basilika ging es zum Széchenyi István tér und der Kettenbrücke und von dort zurück zum Deák Ferenc tér. Dann führte der Weg zur 1859 nach Plänen Ludwig Försters errichteten Synagoge in der Dohánystraße, die die größte Europas ist und Platz für annähernd 3.000 Menschen bietet. Mit ihren beiden markanten Türmen und ihrer reichen Gestaltung im maurischen Stil zählt sie zu den eindrucksvollsten Zeugnissen jüdischer Kultur in Budapest. Leider wurde sie offenbar gerade restauriert, denn ein Teil des Gebäudes war eingerüstet. In einer Schleife fuhren wir erst zu der nach dem traditionsreichen Hotel benannten Astoria-Kreuzung und dann wieder zum Deák Ferenc tér zurück. Natürlich war das aber nicht die ganze Stadtrundfahrt. Im Gegenteil, jetzt fing sie für mich eigentlich erst richtig an. Zunächst fuhr der Bus die Andrássy út entlang, passierte die mir bereits bestens bekannte Oper und erreichte schließlich den berühmten Heldenplatz, dessen monumentale Denkmalanlage an die Anführer der ungarischen Landnahme und bedeutende Persönlichkeiten der Landesgeschichte erinnert. Ihn würde ich mir in den kommenden Tagen auf jeden Fall noch einmal genauer ansehen müssen.

Hier hatte ich Glück. Wie erwartet, war die Fahrt in dem halboffenen Bus bis hierher etwas zugig und dadurch recht kühl gewesen. Als der Bus jedoch die Haltestelle erreichte, wurde uns Fahrgästen mitgeteilt, daß es Gründe gab, die ich zwar nicht verstand, von denen ich aber immerhin mitbekam, daß sie seine Weiterfahrt wirksam verhinderten. War er defekt? Hatte der Fahrer seine vorgeschriebene Pause zu nehmen? Ich wußte es nicht. Eigentlich war es mir aber auch egal, denn wir wurden gebeten, in ein anderes Fahrzeug umzusteigen, das bereits auf uns wartete. Zu meiner großen Freude handelte es sich diesmal um einen geschlossenen Bus. Diese meine Freude steigerte sich noch, als ich nach dem Einsteigen feststellte, daß der Fahrer auch noch die Heizung angeworfen hatte. Nun stand einer gemütlichen Weiterfahrt nichts mehr im Wege.

Wir fuhren nun durch die Straßen des VII. Bezirks, der den Namen Erzsébetváros beziehungsweise Elisabethstadt trägt, bis wir den Budapester Ostbahnhof erreichten, der auf Ungarisch Keleti pályaudvar heißt. Fotografieren konnte ich ihn hier allerdings nicht, da ich dafür auf der falschen Seite des Busses saß. Von hier aus machte dieser einen Abstecher das ausgedehnte Bahngelände entlang, bis die Straße die zum Bahnhof führende Hauptstrecke überquerte. Die hohe Brücke bot einen wunderbaren Blick auf die Puskás Aréna. Das 2019 eröffnete Stadion entstand nach Plänen von György Skardelli und dem Architekturbüro KÖZTI am Standort des früheren Népstadions. Es dient als Heimstätte der ungarischen Fußballnationalmannschaft und trägt den Namen des Fußballers Ferenc Puskás. Die Sonne beleuchtete seine Fassade, während darüber dunkle Wolken standen.

Puskás Aréna unter dunklen Wolken
Ein Wolkengenerator? Nein, nur die runde Schüssel der Puskás Aréna.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Kurz darauf erreichte der Bus das Stadion, wo es einen kurzen Stop gab, bevor die Fahrt zurück zum Ostbahnhof ging. Das war für mich insofern erfreulich, weil ich diesmal auf der richtigen Seite des Busses saß und so doch noch eine Chance für ein Foto bekam. Glücklicherweise wiederholte sich das Zusammenspiel von Licht und Himmel, so daß das aus dem Jahr 1884 stammende repräsentative Empfangsgebäude des Bahnhofs förmlich zu leuchten schien.

Budapester Ostbahnhof unter dunklen Wolken
Der Ostbahnhof im Sonnenlicht. Dahinter sah der Himmel deutlich weniger freundlich aus.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Von hier aus ging es die große Rákóczi út hinunter, die nach Franz II. Rákóczi – auf Ungarisch II. Rákóczi Ferenc -, dem Fürsten von Siebenbürgen und Anführer des ungarischen Aufstands gegen die Habsburger von 1703 bis 1711 benannt ist und uns, ihren Namen dabei nochmal ändernd, geradewegs hinunter zur Donau und auf die Elisabethbrücke führte, über die der Bus dann den großen Fluß überquerte.

Donau und Budaer Burgpalast von der Elisabethbrücke
Dramatisches Panorama von der Elisabethbrücke: Wolken über dem Fluß, links der Burgberg, gerade voraus die Kettenbrücke.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Drüben folgte ein kleiner Abstecher am Ufer unter dem Gellért-Berg entlang zum Gellért-Bad, bevor der Bus wendete und nun das Budaer Donauufer entlangfuhr, was mir ein paar schöne Blicke auf die Freiheitsbrücke mit ihrer grünen Stahlkonstruktion und die weiße Elisabethbrücke bescherte. Hinter dieser verließen wir die Uferstraße für einen kleinen Schwenk zum Döbrentei tér, so daß ich schon dachte, wir würden auch noch zur Burg hinauffahren, was sich jedoch als Irrtum erwies. Die Strecke sollte lediglich direkt unterhalb des Burgberges entlangführen. Dies verschaffte uns nicht nur einen schöneren Blick von erhöhter Stelle über die Donau nach Pest hinüber, sondern war gleichzeitig auch die einzige Möglichkeit, den Platz und Haltepunkt vor der Kettenbrücke zu erreichen, da die Uferstraße direkt unter ihr hindurchgeführt hätte.

Bevor wir dort jedoch ankamen, hielt der Bus am Burg- beziehungsweise Schloßgarten, was mir Gelegenheit gab, vor dem ehemaligen Várkert-Kiosk den springenden Löwen aus Holz zu bewundern. Der Kiosk, ein kleiner Bau im Stil der Neorenaissance mit vorgelagerten Arkaden und einem dekorativen Turm, war erneut ein Werk Miklós Ybls. Es hatte ursprünglich eine ausgesprochen praktische Aufgabe erfüllt: Pumpen versorgten von hier aus den oben auf dem Burgberg gelegenen königlichen Palast mit Wasser. Ybl hatte den dafür erforderlichen Schornstein gekonnt im Turm des Gebäudes verborgen. Daß man einem Pumpenhaus eine solche Gestalt geben konnte, zeigte einmal mehr, wie wenig technische Notwendigkeit und architektonischer Anspruch einander ausschließen mußten – ein Umstand, den heutige Architekten nicht mehr zu wissen scheinen. Passend zu dem Gebäude hatte man den Straßenzug, auf dem wir unterwegs waren, nach dem Architekten benannt. Warum man ihm allerdings die Bezeichnung Ybl Miklós tér, also Miklós-Ybl-Platz, gegeben hatte, erschloß sich mir nicht so recht.

Ein Stück hinter der Kettenbrücke erreichten wir dann wieder die Uferstraße, und vom Haltepunkt am Batthyány tér bot sich mir vom Budaer Ufer eine weitgehend unverstellte Ansicht des Parlaments. Am Vormittag hatte ich seine Kuppel über den Dächern gesehen. Nun stand mir die ganze langgestreckte Donaufassade gegenüber.

Ungarisches Parlament am Donauufer
Das Parlament. Diesmal ohne die Pester Dächer davor.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Von der Margaretenbrücke aus kamen die großen Teile der Stadt noch einmal zusammen: das Parlament links, der Burgpalast rechts und die Donau dazwischen. Was ich zuvor einzeln betrachtet hatte, lag nun als Stadtlandschaft vor mir.

Donau und Parlament von der Margaretenbrücke
Noch einmal Drama. Die faszinierende Budapester Stadtlandschaft unter schweren Wolken, von der Margaretenbrücke aus betrachtet.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Wieder auf der Pester Seite angekommen, führte die Fahrt zunächst zum Westbahnhof – dem Nyugati pályaudvar -, der mir bereits bestens bekannt war. Von dort ging es dann in die Bajcsy-Zsilinszky út. Wenn ich nun erwartet hatte, daß der noch ausstehende letzte Haltepunkt der Tour, das Parlament, vom Bus noch angefahren würde, sah ich mich getäuscht. Der Bus verließ den Boulevard nicht mehr, der Haltepunkt lag lediglich auf der Höhe des Parlaments, wer dorthin wollte, mußte den Rest des Weges laufen. Nun, das hatte ich heute nicht vor, und so fuhr ich noch eine Station mit und erreichte wohlbehalten die Basilika. Ich war eine ganze Runde mitgefahren.

Am Abend war ich wieder zu Fuß unterwegs. Auf dem Weg zum Essen und zurück blieb noch Gelegenheit für ein paar Aufnahmen in der Umgebung meines Hotels. Da ich meiner Ansicht nach für den ersten Tag bereits genug gelaufen war, suchte ich mir ein kleines, nettes Restaurant in der Nähe meines Hotels und landete im Belvárosi Lugas Étterem in der Bajcsy-Zsilinszky út, gleich gegenüber der Basilika. Nicht nur lernte ich ein neues ungarisches Wort – étterem heißt Restaurant -, sondern genoß auch ein leckeres und gar nicht mal so teures Essen, serviert von einer freundlichen und sehr zuvorkommenden Bedienung – ein schöner Ausklang für diesen Tag, wie ich fand. Hier würde ich wohl nicht zum letzten Mal einkehren.

Als ich das Restaurant verließ, war die Sonne schon längst untergegangen und die Dämmerung schon weit fortgeschritten. Die Basilika zeigte sich nun beleuchtet vor dem tiefblauen Himmel. Ich hatte nach dem Essen doch noch ein wenig Lust auf einen kleinen Bummel. Am Madách Imre tér begegnete ich Sisi, dargestellt in einer Bronzestatue von Mária Törley. Und schließlich stand ich wieder vor der Staatsoper.

Ungarische Staatsoper in Abendbeleuchtung
Dasselbe Haus wie am Morgen – und doch ein anderer Anblick.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Die beleuchteten Bogenöffnungen verliehen ihrer Fassade eine andere Wirkung als das morgendliche Sonnenlicht. Gegenüber stand der Drechsler-Palast, ebenfalls angestrahlt. Das einst für die Pensionsanstalt der Ungarischen Staatsbahnen errichtete und später als Ballettinstitut genutzte Gebäude beherbergt mittlerweile das Hotel W Budapest.

Drechsler-Palast in Abendbeleuchtung
Der Drechsler-Palast gegenüber der Oper: der letzte fotografische Halt dieses Tages.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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So endete mein erster ganzer Tag in Budapest dort, wo er begonnen hatte. Dazwischen lagen drei verschiedene Arten und Weisen, sich einen Überblick über die Stadt zu verschaffen: ein Spaziergang zur Donau mit dem Blick vom Flußufer auf die Stadtlandschaft am Fluß, ein Rundgang hoch über den Dächern und eine Fahrt, die mir weitere Teile der Stadt gezeigt hatte.

Für einen Tag, an dem ich zunächst nur ein wenig hatte spazierengehen wollen, war das nicht gerade wenig. Und doch blieb noch reichlich übrig.

Glücklicherweise hatte ich noch Zeit.

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