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In den Gewässern des Südens

Dieser Beitrag ist Teil 8 von 9 der Beitragsserie "Reise nach Neuseeland & Singapur"
Wie ich in den Gewässern Neuseelands untertauchte, die Antarktis besuchte und wieder zurückkehrte

„Luftlinie?“

Diese Frage sollte man immer stellen, wenn man eine Entfernungsangabe vorgesetzt bekommt. Auch wenn sie nur aus einem einzigen Wort besteht, ist sie doch von einiger Bedeutsamkeit. Lautet die Antwort „Ja“, dann ist es immer eine gute Strategie, Vorsicht walten zu lassen. Besonders, wenn es um die Entfernung geht, die man gleich darauf zurückzulegen hat. Und erst recht, wenn dies unter Einsatz der eigenen Kräfte geschehen soll. Denn schnell kann aus einer harmlos scheinenden kurzen Entfernung, die nicht hinreichend als „Luftlinie“ gekennzeichnet worden ist, auf realen Wegen eine – gefühlt oder wirklich – endlos andauernde Anstrengung werden. Berlin und Frankfurt an der Oder sind eigentlich gar nicht so weit voneinander entfernt. Entlang der Luftlinie jedenfalls. Soll man allerdings vom einen in den anderen Ort auf ausschließlich natürlichen Wasserstraßen rudern, ist es durchaus noch einmal eine Überlegung wert, ob man sich darauf einlassen will oder es besser bleiben läßt.

Nun, einem solchen Extrem sind wir glücklicherweise nicht ausgesetzt. Wir müssen nicht rudern, und der Unterschied in der Entfernung, der auf unserem Weg von der Wendeschleife auf dem Bastion Point zu unserem nächsten Ziel zwischen der Luftlinie und dem Wandern auf den realen Straßen besteht, ist nicht sonderlich groß. Aus den rund 750 Metern, die es auf gerader Strecke wären, wird für uns lediglich ein Kilometer. Die Hapimana Street, wie die kleine Straße heißt, die uns hinunter zum Tamaki Drive bringt, windet sich von der Anhöhe das Steilufer hinab. Beziehen wir den Höhenunterschied mit ein, kommen zu dem Kilometer noch ein paar einzelne Meter hinzu, die wir zu Fuß zu gehen haben.

Zwischen grünen, welligen Rasenflächen wandern wir das Asphaltband entlang. Links begleitet uns eine Art Weidezaun, rechts ziehen in regelmäßigen Abständen Palmen an uns vorüber. Eine Rechtsbiegung, ein paar Büsche und Bäume linkerhand und schließlich wieder eine Kurve nach links, dann haben wir das Steilufer erreicht und unsere Straße führt nun schnurstracks hinab zum Tamaki Drive, den wir schon rechts unter uns sehen können. Dahinter dehnt sich die weite Wasserfläche des Hauraki Gulfs, der hier in den Waitematā Harbour übergeht.

Tiefer und tiefer senkt sich die Hapimana Street hinab, während an ihrer linken Seite der Hang höher und höher wird und schließlich in eine fast senkrechte Wand übergeht, die aber dennoch von dichtem Grün, bestehend aus Gräsern, Büschen und einigen Bäumen, bewachsen ist. Noch ein paar Meter, dann haben wir das Ende der Straße und ihre Einmündung in den Tamaki Drive erreicht. Weil dieser wegen des Steilufers nur an der rechten Straßenseite einen Fußweg besitzt, gilt es nun zunächst, ihn zu überqueren, was angesichts des durchaus nicht geringen Autoverkehrs und der völligen Abwesenheit eines Fußgängerübergangs gar nicht so einfach ist, nicht zuletzt auch deshalb, weil ich mich immer noch nicht so recht an den Linksverkehr gewöhnt habe.

Schließlich langen wir jedoch wohlbehalten auf der gegenüberliegenden Straßenseite an und wandern nun in Richtung der Innenstadt Aucklands weiter – links die Straße, rechts die Bucht. Auf deren gegenüberliegender Seite liegt Rangitoto Island nun schon leicht hinter uns, schräg rechts vor uns können wir den North Head und dahinter Devonport mit dem Mount Victoria ausmachen. Dort ist der Eingang zum Waitematā Harbour zu suchen.

Steilufer an der Okahu Bay in Auckland
Dort, wo der Tamaki Drive am Beginn der Okahu Bay eine scharfe Kurve nach links vollzieht, bildet das Steilufer des Bastion Points eine Ecke mit einem beinahe rechten Winkel. Hier ist es vom Ufer der Okahu Bay aus zu sehen. Besagte Ecke ist also am linken Bildrand zu finden.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
Creative Commons Lizenzvertrag

Als wir diesen erreichen, beschreibt der Tamaki Drive eine scharfe Kurve nach links. An deren Scheitelpunkt zweigt der lange weiße Steg des Okahu Bay Wharfs ab und führt in die Bucht hinaus und – wie es scheint – direkt auf den Mount Victoria zu. Links daneben erhebt sich ein aus gelben Ziegeln errichtetes und mit einem roten Dach versehenes Gebäude, an dessen dem Wasser zugewandter Seite sich ein Flachbau anschließt, der den Charakter einer überdachten und verglasten Veranda besitzt und, auf Pfählen errichtet, über dem Wasser schwebt. Daß er bei weitem nicht so viele Jahre auf dem Buckel hat wie das alte steinerne Gebäude, zu dem ganz offensichtlich noch ein weiterer, kleinerer und im selben Stil direkt unterhalb des Steilufers auf der gegenüberliegenden Seite der Fahrbahn errichteter Bau gehört, ist offensichtlich. Er wurde erst später hinzugesetzt, vermutlich, um aus dem alten Ziegelbau den Veranstaltungsort zu machen, der er heute ist, passend zu seinem Standort den Namen Okahu tragend, wie uns ein großes Schild an der Frontseite des Gebäudes stolz verkündet, und buchbar für Hochzeiten und jede Art von Feierlichkeiten, wenn man das nötige Kleingeld hat.

Da wir es nicht haben, allerdings auch gerade nichts zu feiern gedenken – außer vielleicht unseren Urlaub -, lassen wir den Bau einfach links – oder in diesem Falle rechts – liegen und folgen dem Tamaki Drive, der nun am Ufer der Okahu Bay entlangführt. Der Blick über diese mit vielen kleinen, auf dem Wasser schaukelnden Segelbooten gespickten Bucht ist atemberaubend, zumal am jenseitigen Ufer, uns genau gegenüber, die Skyline der Innenstadt Aucklands in voller Pracht und Schönheit zu sehen ist. Der Tamaki Drive hat hier etwas mehr Platz zwischen Steilufer und Wasser zur Verfügung, den man für die Anlage eines langgestreckten Parkplatzes genutzt hat, an dessen Ende nun das Ziel unserer kurzen Wanderung in Sicht kommt.

Es ist ein kleines, eingeschossiges Gebäude, das mit seinen gelben Wand- und den roten Dachziegeln ganz eindeutig in demselben Stil errichtet wurde wie der große Bau und sein kleiner Begleiter, die wir zuvor passiert hatten, so daß sich mir die Vermutung aufdrängt, daß die drei Gebäude einst zusammengehört haben mochten und möglicherweise eine größere Anlage bildeten. Als ich später interessehalber versuche, mehr darüber herauszufinden, erweist sich meine Annahme als richtig. Hier an der Okahu Bay hatte sich einst eine Abwassersammelanlage befunden, die den großen Vorzug hatte, kaum wahrnehmbar zu sein, hatte man die großen Behälter, in denen man das Abwasser der hiesigen Siedlungen sammelte, doch einfach in die Anhöhe des Bastion Points hineingebaut. Nach außen hin waren lediglich die kleinen Zugangsbauten und das große Gebäude, das wir an der Kurve passiert hatten, zu sehen, welches damals – noch ohne den Pfahlbau – als Pumpstation beziehungsweise Ventilhaus diente, mit dem man das Abwasser schließlich in den Hafen von Auckland pumpte.

Kelly Tarlton's Sea Life Aquarium in Auckland
Dieser kleine Bau, der einst zu der unterirdischen Abwassersammelanlage gehörte und vermutlich den Zugang zu dieser ermöglichte, ist heute das Empfangsgebäude von Kelly Tarlton’s Sea Life Aquarium. Mehr ist von diesem überirdisch auch nicht zu sehen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
Creative Commons Lizenzvertrag

Daß diese Abwassersammelanlage heute nicht mehr existiert, ist an der Umwidmung der einstigen Pumpstation bereits abzulesen. Doch auch das kleine Gebäude, vor dem wir nun stehen, weist überdeutlich darauf hin. Seinen Zweck als Zugangsportal hat es zwar behalten, doch gewährt es heute zu einer völlig anderen Einrichtung Zutritt, wie die beiden großen, an der Frontseite aufgespannten Banner stolz verkünden. „ENTRANCE“„Eingang“ steht in großen blauen Lettern auf dem oberen, während das untere uns den Namen der Einrichtung verrät: Kelly Tarlton’s Sea Life Aquarium.

Hier wollen wir hin. Als Landratten, die wir nun einmal sind, ist dies die beste und einfachste Möglichkeit, auf eine Reise in die Unterwasserwelt der Meere Neuseelands zu gehen. Eine Reise, die zu machen wir uns fest vorgenommen hatten, gehört sie doch unabdingbar dazu, will man so wie wir diesen Zipfel der Welt ein bißchen besser kennenlernen. Denn diese besteht nun einmal nicht nur aus Landschaft und Städten, Land und Leuten, sondern eben – und das sogar zum weitaus größeren Teil – auch aus Wasser und dem, was darin ist.

Das Aquarium, vor dessen Eingang wir jetzt stehen, wurde im Jahre 1983 von Kelly Tarlton ins Leben gerufen, der seine Leidenschaft für das Tauchen zu seinem Beruf gemacht hatte, indem er als Meeresarchäologe Schiffswracks erforschte, eine Tätigkeit, die ihn immer wieder vor neue Herausforderungen stellte, zu deren Lösung er technische Lösungen finden mußte, was ihn schließlich auch zu einem maritimen Bauingenieur werden ließ. Darüberhinaus betätigte er sich erfolgreich als Unternehmer im Bereich des Meerestourismus. Zum Zeitpunkt der Gründung des Aquariums hatte er bereits zwei Museen initiiert: die nach dem von ihm untersuchten Wrack der Boyd genannte Boyd Gallery und das Museum of Shipwrecks – das Schiffswrackmuseum.

Um den Menschen aber nicht nur die historischen Schätze der Seefahrt, sondern auch die der maritimen Natur zugänglich und bekannt zu machen, gründete er schließlich das Aquarium, das 1985 unter dem Namen Kelly Tarlton’s Underwater World seine Pforten öffnete. Innerhalb von zehn Monaten wurde es in die nicht mehr benötigten Sammelbehälter des in den 1960er Jahren überflüssig gewordenen einstigen Abwasserwerks in der Anhöhe des Bastion Points eingebaut. Von Beginn an stieß das Aquarium auf riesiges Interesse und erwies sich als großer Besuchermagnet. Bereits sieben Wochen nach seiner Eröffnung konnte es seinen einhunderttausendsten Besucher begrüßen – ein Meilenstein, den sein Gründer noch miterlebte, bevor er nur einen Tag später im Alter von 47 Jahren an Herzversagen starb.

Dreiundzwanzig Jahre blieb das Aquarium selbständig, dann wurde es vom Unternehmen Village Roadshow aufgekauft, das es jedoch bereits drei Jahre später an Merlin Entertainments weiterveräußerte, eine britische Firma, die weltweit mehr als einhundertzwanzig Freizeiteinrichtungen betreibt, darunter solche Marken wie Madame Tussauds, Dungeons, Legoland und Sea Life. Letztere fand dann 2012 Eingang in die Bezeichnung des von Tarlton einst gegründeten Aquariums, das seitdem unter dem Namen Kelly Tarlton’s Sea Life Aquarium firmiert. So muß es uns nicht verwundern, daß wir den typischen Sea Life-Schriftzug auch hier auf den Transparenten am Eingang vorfinden – einen Schriftzug, den ich bereits aus meiner Heimatstadt Berlin zur Genüge kenne, haben wir doch auch dort ein Sea Life direkt im Zentrum. Und so erwarte ich denn, daß mir auch hier das typische Erscheinungsbild und Besuchererlebnis geboten wird, das ich bereits von dort und auch aus Sydney kenne, wo ich reichlich zwei Jahre zuvor das dortige Sea Life besucht hatte. Doch gleichzeitig – und das ist die Motivation für den Besuch – hoffe ich darauf, im hiesigen Aquarium einen regionalen Bezug vorzufinden, der es mir ermöglicht, die Unterwasserwelt der Meere Neuseelands näher kennenzulernen, eine Hoffnung, die ganz erheblich durch den Umstand genährt wird, daß es in seinem Namen immer noch den seines in Neuseeland geborenen Gründers mitführt.

Um allerdings überprüfen zu können, ob mich diese Hoffnung trügt oder ob sie sich erfüllen wird, muß ich das Aquarium zunächst einmal betreten. Und so machen wir uns nach einem letzten Blick über die sonnenbeschienene Okahu Bay und die darauf gemächlich hin- und herschaukelnden Segelboote auf den Weg zum Eingang. Glücklicherweise gestaltet sich die dafür notwendige erneute Überquerung des Tamaki Drives hier bedeutend einfacher als zuvor, da wir direkt vor dem kleinen Empfangsgebäude einen Fußgängerübergang mit Mittelinsel vorfinden. Anschließend treten wir durch das vergleichsweise kleine Eingangsportal und suchen die Kasse auf, um unsere Tickets zu erwerben. Der genaue Preis ist nicht in meinem Gedächtnis verblieben, wohl aber die Empfindung, daß er als durchaus stolz zu bezeichnen ist. Umgerechnet mehr als zwanzig Euro sind nicht gerade eine kleine Summe. Dafür gelingt es uns, dem Fotografen auszuweichen, der kurz hinter dem Eingang schon auf unser Kommen lauert, um ein total cooles Foto von uns aufzunehmen, das wir, digital bearbeitet und eingebettet in eine Unterwasserumgebung, später am Ausgang würden mitnehmen können. Aus einschlägiger Erfahrung wissen wir jedoch, daß wir den Preis für dieses total coole Foto, den wir dann zu bezahlen hätten, gar nicht so cool finden werden, und so lehnen wir dankend, aber bestimmt ab. Daß das wiederum als uncool empfunden wird, nehmen wir in Kauf.

Als wir endlich die eigentliche Ausstellung erreichen, erwartet uns eine Überraschung, mit der ich nicht gerechnet hatte. Denn anstatt in einer Unterwasserwelt finden wir uns in einem Bereich wieder, der sich mit dem südlichsten Kontinent der Erde beschäftigt: Antarktika. Der von uns oft auch verwendete umgangssprachliche Name Antarktis ist eigentlich nicht korrekt, da damit zum einen sowohl die Landmassen als auch die Meeresgebiete zwischen dem südlichen Polarkreis und dem Südpol bezeichnet werden, und zum anderen auch einige Landteile Antarktikas über den südlichen Polarkreis hinausreichen und so genaugenommen gar nicht mehr zur Antarktis zählen. Noch viel interessanter als das finde ich allerdings die Tatsache, daß Antarktika unseren guten alten Kontinent Europa in der Größe übertrifft. Hätte mich jemand danach gefragt, ich hätte es nicht gewußt.

Unser Weg durch die Ausstellung führt uns als erstes – in ein Blockhaus. Nun, es ist natürlich nicht wirklich ein Blockhaus, aber als wir diese Abteilung durchwandern, vermittelt sie uns beharrlich den Eindruck, in einem zu sein. Sämtliche Wände, die wir erblicken können, bestehen aus Holz. Und als ich einen Blick nach oben werfe, entdecke ich Holzbalken und eine Decke aus demselben Material. Eine große Tafel verrät uns, wo wir hier sind: in Scott’s Hut – einer Nachbildung der Hütte, die Robert Falcon Scott während seiner von 1910 bis 1913 andauernden Südpolexpedition im Jahre 1911 errichtet und benutzt hatte. Das echte Gebäude steht am Kap Evans, das sich an der Nordküste der Ross-Insel in der Antarktis befindet, und ist heute eine eingetragene Historische Stätte der Antarktis.

Wenn ich zuvor die Bezeichnung Hütte im Zusammenhang mit einer Südpolexpedition gehört oder gelesen hatte, stellte ich mir stets ein vergleichsweise kleines Gebäude vor. Um so überraschter bin ich, hier die Nachbildung eines Hauses zu durchstreifen, das wenigstens 15 Meter lang und etwa halb so breit ist und über mehrere Räume verfügt, von denen jeder seinen eigenen, eindeutig erkennbaren Zweck erfüllt. Der erste stellt eine Mischung aus Küche und Lager dar. Auf einfachen, mit Winkeln an den Wänden befestigten Regalbrettern stehen allerlei Nahrungsmittel in Flaschen, Dosen und Kartons, darunter lagern in kleinen Standregalen weitere lebenswichtige Dinge und Gerätschaften, die zum Zubereiten von Essen benötigt werden. Hier steht eine Küchenwaage, dort ein altmodischer Fleischwolf mit Handkurbel. An der Wand lehnt ein Strohbesen, an Haken, die an den unteren Regalbrettern befestigt wurden, hängen kleine Henkeltöpfe, Kellen, große Löffel und andere Kochutensilien. Schüssel aus Email, Eimer und große Kruken stehen ebenso herum wie ineinandergestapelte einhenklige Kasserollen. In der Mitte des Raumes befindet sich ein Holztisch, auf dem eine Packung Cracker neben zwei Schüsseln, einer Blechkanne und einem verschlossenen Töpfchen abgestellt wurde und ein Holzbrett darauf wartet, daß jemand kommt und etwas auf ihm kleinschneidet. An einem quer durch den Raum gespannten Seil hat jemand dicke Wollhandschuhe aufgehängt und auch einen metallenen Ring daran befestigt, von dem einstielige metallische Siebe oder Körbe herabbaumeln. Doch trotz der großen Vielzahl an Dingen, die hier aufbewahrt werden, herrscht eine peinliche Ordnung. Nichts scheint einfach achtlos abgestellt oder hingelegt worden zu sein.

Ein Raum weiter sieht die Sache dann schon wieder ganz anders aus. Hier herrscht nicht eben Chaos, wohl aber das bunte Durcheinander eines Raumes, in dem sich der größte Teil des Zusammenlebens in dieser Hütte abspielt. Denn den zahlreichen Schlafplätzen an den Wänden nach zu schließen, handelt es sich um einen Mannschaftsraum. Zwei hölzernen Doppelstockbetten haben sich einfache Pritschen mit ebenfalls hölzernen Rahmen zugesellt. Auf ihnen allen liegen Matratzen und Decken. In der Raummitte steht ein großer, langer Tisch mit mehreren Holzstühlen, deren Lehnen aus einem oben runden Rahmen bestehen, in den sechs Holzstäbe längs eingesetzt sind. Über dem Tisch hängen zwei Petroleum-Lampen von der Decke. Da wir auf einem mit Geländern abgesteckten festen Pfad durch die Hütte geführt werden und uns darin nicht frei bewegen können, kann ich nicht erkennen, ob sie wirklich mit Petroleum betrieben werden oder lediglich Attrappen sind, die ihr Licht elektrisch erzeugen. Ich vermute allerdings Letzteres, da weder etwas zu riechen noch auch nur eine Spur von Ruß auszumachen ist. Von peinlicher Ordnung kann in diesem Raum allerdings keine Rede sein. Zwar liegt das Bettzeug ordentlich auf den Matratzen, doch hängen jede Menge Wäschestücke an den Rahmenbrettern der oberen Liegen der zweistöckigen Betten. Weitere hat man an quer durch das Zimmer gespannten Seilen drapiert. Das mag für einen Wohnraum nicht unbedingt schön und angemessen wirken, doch muß man bedenken, daß die Bewohner der Hütte sich in der Antarktis befanden und die Wäsche nicht mal eben draußen zum Trocken auf die Leine hängen konnten. Auch auf dem Tisch steht und liegt allerlei herum. Aufgeschlagene und zugeklappte Bücher, mehrere Email-Töpfchen neben einer ebensolchen bauchigen Kanne, ein länglicher Holzkasten mit offenstehendem Deckel, in dem vermutlich Stifte oder Pinsel lagern, ein rundes Holzbrett mit einem großen Messer, ein hellbraunes Wollknäuel neben einem noch unfertigen, doch schon beträchtlich langen Schal in derselben Farbe, eine Rolle Klebeband und ein großer, blecherner, oben gewölbter und mit einem runden Aufsatz versehener Kasten, dessen Zweck ich mir nicht recht erklären kann – all das bildet ein buntes Durcheinander, das so wirkt, als seien die Männer, die es eben noch benutzt hatten, nur gerade mal schnell vor die Tür gegangen und kämen gleich zurück.

Im nächsten Zimmer kehrt die Ordnung wieder zurück, was angesichts des offenbaren Zweck des Raumes auch angeraten scheint. Er dient ganz augenscheinlich wissenschaftlicher Betätigung. Im Vordergrund steht auf einem Tischchen das säuberlich aufgebaute Skelett eines Vogels, der zu seinen Lebzeiten einen vergleichsweise langen Schnabel besaß und auf großen Füßen stand, deren drei Glieder in langen Krallen endeten. Auf der runden, hölzernen Basis des Skeletts ist ein Schild angebracht, auf dem ich mit Mühe die beiden Wörter King Penguin – Königspinguin – entziffern kann. Neben dem Skelett liegt ein aufgeschlagenes Heft, dessen Seiten mit vielen handgeschriebenen Zeilen bedeckt sind. Eine Brille mit kreisrunden Gläsern ist darauf abgelegt worden, deren Bügel in weiten Bögen enden, die beim Aufsetzen hinter die Ohren geklemmt werden und so einen besseren Halt der Sehhilfe versprechen. Sehr altmodisch. An den aus Brettern bestehenden Wänden befindet sich eine umlaufende Strecke aus flachen, aneinandergereihten Schränken, deren Oberseite offenbar als Arbeitsfläche dient. Hier sind neben Kästen und Büchern jede Menge gläserne Laborutensilien abgestellt, vorwiegend Reagenzgläser und Kolben, deren einige mittels metallischer Stangen und Schrauben zu Apparaturen zusammengesetzt sind. In einem Mörser liegt ein Stößel, davor sind zahlreiche kleine Näpfchen aus Porzellan aufgereiht. Auch ein altertümliches Mikroskop ist zu sehen. Über der Arbeitsfläche tragen an den Wänden angebrachte Regalbretter eine Vielzahl fein säuberlich beschrifteter Flaschen, einige mit Schraub-, andere mit einfachem Steckverschluß. Es ist eine Mischung aus Chemielabor, Biologieraum und vielleicht auch Apotheke, in die wir da blicken. Hier haben die die Expedition begleitenden Wissenschaftler ihre Untersuchungen angestellt und ihre Forschung betrieben.

Vom Labor gelangen wir schließlich in ein weiteres Schlafquartier. Hier gibt es keine Doppelstockbetten, sondern nur zwei einfache Holzpritschen, auf deren einer mehrere Decken herumliegen, die einen recht zerwühlten Eindruck machen. Zwischen den Pritschen, die zueinander in einem rechten Winkel angeordnet sind, befindet sich ein Wandtisch, der wieder mit aufgeschlagenen Büchern und handbeschriebenen Blättern bedeckt ist. Die Bretterwände des Raumes werden durch dicke Holzleisten in mehrere große Felder aufgeteilt, von denen einige Fotografien und Zeichnungen enthalten, die man an die Wand gepinnt hat. Auf den Querleisten haben die Bewohner des Raumes Bücher, Zigarrenkisten, Flaschen, Werkzeuge, kleine Lampen und vieles andere mehr abgestellt und sie so als schmale Regale nutzbar gemacht. Von der Decke hängt eine Petroleumlampe. Auf dem Boden stehen Kisten und Taschen herum, und auch ein Paar Stiefel kann ich vor einem der Betten entdecken, deren Schäfte wie aus Filz gefertigt wirken. Vermutlich ist es jedoch ein anderes Material, denn ich kann mir kaum vorstellen, daß Filzstiefel im Eis der Antarktis als taugliches Schuhwerk durchgehen würden. Angesichts der gegenüber dem anderen Schlaf- und Wohnraum deutlich größeren Zahl von Büchern und eindeutig persönlichen Dingen vermute ich, daß es sich bei diesem Raum um das Zimmer höhergestellter Expeditionsteilnehmer handelt, denen aufgrund ihres Ranges eine privatere Umgebung zugestanden wurde.

Wenn ich mir die Hütte und ihr Innenleben so ansehe, wird mir klar, daß sie nicht nur als zeitweilige Durchgangsstation, sondern eindeutig für einen längeren Aufenthalt ihrer Bewohner gedacht und eingerichtet worden ist. Und tatsächlich finde ich auf einer Erklärungstafel die Information, daß die „Antarktisforscher […] bis zu 3 Jahre lang in einer solchen Hütte [lebten], am kältesten, windigsten und trockensten Ort der Erde!“[1]Im Original heißt es: „Antarctic explorers spent up to 3 years living in a hut like this, in the coldest, windiest, driest place on Earth!“ Für Robert Falcon Scott sollte die Hütte Ausgangs- und Endpunkt seiner Expedition zur Entdeckung des Südpols werden, die offiziell als Britische Antarktis-Expedition in die Geschichte einging, nach seinem Schiff allerdings oft auch als Terra-Nova-Expedition bezeichnet wird. Doch Scott, der schließlich mit vier Begleitern in Richtung Südpol aufbrach, während der übrige Teil der Expeditionsteilnehmer in der Hütte verblieb, um deren Umfeld zu erkunden und wissenschaftliche Untersuchungen durchzuführen, sah diese nie wieder. Nachdem er und seine Gefährten den Südpol erreicht hatten, wo sie feststellen mußten, daß das von Roald Amundsen geführte norwegische Team ganze vierunddreißig Tage vor ihnen dort eingetroffen war, wurde ihr Rückweg von heftig fallenden Temperaturen und Stürmen stark erschwert. Sie kämpften sich dennoch voran, erlagen aber schließlich diesen und weiteren Widrigkeiten. Sie starben schließlich im Eis der Antarktis, nur achtzehn Kilometer vom rettenden One Ton Depot entfernt, das sie wegen eines nicht enden wollenden Schneesturms nicht mehr erreichen konnten.

Als wir die Nachbildung der Hütte, die den Besuchern des Aquariums seit 1994 die Geschichte der Terra-Nova-Expedition nahebringt, wieder verlassen, stehen wir vor einem stilisierten Eistunnel, durch den uns ein mit gläsernen Geländern versehener Steg hindurchführt. Es scheint nicht weiter schwierig zu sein, dort hindurchzugelangen, und so schreiten wir frohen Mutes voran. Doch kaum haben wir den Steg betreten, beginnen die Wände des Tunnels um uns zu rotieren. Wer so etwas noch nicht selbst erlebt hat und sich deshalb vielleicht fragt, was denn da wohl dabei ist, dem sei gesagt, daß es ein überaus schwieriges Unterfangen sein kann, einen unbeweglichen, stur geradeaus führenden Weg entlangzugehen, wenn die gesamte umgebende Welt um einen rotiert. Im Handumdrehen gelingt es mir beim besten Willen nicht mehr, auf gerader Linie voranzuschreiten. Ohne die Geländer, über deren Vorhandensein in einem Tunnel ich mich vorher noch gewundert hatte, wäre ich vermutlich erst vom Weg und dann vom Steg abgekommen und gegen die Wand gelaufen. Ich erfahre unmittelbar, wie abhängig wir als menschliches Wesen von unserer visuellen Wahrnehmung sind und wie orientierungslos wir schlagartig werden, wenn diese manipuliert wird, so daß wir ihr nicht mehr trauen können. Unser Gehirn ist auf eine solche Erfahrung einfach nicht vorbereitet. Obwohl sich der Steg nach wie vor überhaupt nicht bewegt, verspüre ich das körperliche Empfinden, auf ihm zu schwanken. Ich muß einen Moment innehalten, um mich zu konzentrieren und meinen Blick auf das Ende des Tunnels zu fixieren, bevor es mir gelingt, die optische Täuschung wenigstens einigermaßen abzuschütteln und wieder festen Tritt zu fassen. Dann habe ich die Röhre nach wenigen Sekunden verlassen.

Auf meinem Weg durch den Tunnel hatte ich das Lachen einiger Leute hinter mir vernommen, die vor dem Tunnel standen und uns beobachteten, wir wir unsicher wie zwei Betrunkene hin- und hertaumelten. Ein Anblick, der sie offensichtlich sehr amüsierte. Als ich nun zurückschaue, ist es an mir, mich zu amüsieren, denn obwohl sie uns zugesehen hatten und also wußten, was passieren konnte, ergeht es ihnen nun keinen Deut besser. Als hätten sie einen über den Durst getrunken, schwanken sie hin und her, klammern sich ans Geländer und versuchen krampfhaft, auf dem Weg voranzukommen. Ganz offensichtlich hatten sie sich vorher viel mehr damit beschäftigt, über uns zu lachen, als mit der Frage, woran unser merkwürdiges Verhalten wohl liegen und wie man ihm entgegenwirken könnte. Ich kann nicht behaupten, daß ich in diesem Moment nicht doch ein kleines bißchen Schadenfreude verspüre. Zumindest in den kleinen, nicht so wichtigen Dingen dieser Welt ist hin und wieder doch noch so etwas wie eine ausgleichende Gerechtigkeit am Werk…

Das Ende des Eistunnels, dessen Wände natürlich nicht aus echtem Eis bestehen, ist gleichzeitig der Eingang zum nächsten Bereich der Ausstellung in Kelly Tarlton’s Sea Life Aquarium. Die Antarktis haben wir noch nicht verlassen. Ganz im Gegenteil. Wir sind nun mittendrin im Antarctic Ice Adventure, dem antarktischen Eisabenteuer. Nun, ein wenig hochtrabend ist der Name ja. Offenbar hatte das Aquarium bereits 1994, als dieser Ausstellungsteil eröffnet wurde, große Marketingstrategen in seinen Diensten. Davon, daß wir nun durch Eis und Schnee stapfen, kann nämlich keine Rede sein. Eis und Schnee gibt es hier zwar, auch jede Menge davon bedeckter Felsen sowie Wasser, allerdings nicht für uns Besucher. Auch wenn ich über letzteres nicht traurig bin, ein bißchen Stapfen im Schnee wäre nicht das Schlechteste gewesen. Doch auch so haben wir jede Menge Spaß, denn das eisige Abenteuer wird hier einer kleinen Kolonie von Pinguinen geboten, die wir nun ausgiebig beobachten können. Allerdings nur hinter Glas. Geht das für das große Wasserbassin, in dem die Vögel pfeilschnell durch die Fluten schießen und in dem wir sie auch unterhalb der Wasseroberfläche beobachten können, völlig in Ordnung, ist es für den Landbereich ein wenig hinderlich. Infolge des Temperaturunterschieds zwischen unserem Besucherbereich und dem hinter der Glasfront liegenden Areal aus Eis und Felsen, in dem sich die Pinguine aufhalten, sind die Scheiben an vielen Stellen angelaufen und von Wassertropfen bedeckt, was die Sicht stellenweise stark behindert. Doch glücklicherweise gibt es noch genügend Bereiche, wo wir den vollen Durchblick haben und die würdig dreinblickenden, gesetzten Königspinguine ebenso eingehend betrachten können wie die kleinen frechen Eselspinguine.

Es ist beeindruckend zu sehen, wie behende sich die an Land so behäbig und schwerfällig wirkenden Tiere im Wasser bewegen. Mit weit ausgebreiteten Flügeln – nennt man die bei den flugunfähigen Pinguinen auch so? – gleiten sie wie kleine Segelflieger durch die Fluten – so schnell, daß es außerordentlich schwierig ist, wenigstens einen von ihnen dort einmal auf ein Foto zu bekommen. Wesentlich einfacher ist das an Land, um so mehr, als die kleinen Eselspinguine mindestens so neugierig sind wie wir menschlichen Besucher. Und so ergibt sich ein um’s andere Mal die absurd-komische Situation, daß sich ein Mensch und ein kleiner Pinguin zu beiden Seiten der sie trennenden Glasscheibe gegenüberstehen und einander eingehend betrachten. Auch ist offensichtlich, daß die kleinen grau-weißen Gesellen auf ihrer Seite der Scheibe wesentlich mehr Spaß haben als wir auf der unseren. Während wir nur durch einen vergleichsweise langweiligen Gang wandern können, von wo aus wir sie beobachten, tollen sie im Wasser herum und schlittern bäuchlings über’s Eis. Unermüdlich watscheln sie in ihrem behäbigen Gang eine kleine Anhöhe hinauf, um sich, oben angekommen, blindlings auf den Bauch fallen zu lassen und den Hang hinabzuschlittern, so den Beweis antretend, daß sie auch an Land durchaus flink unterwegs sein können. All diese Aktivitäten werden allerdings ausschließlich von den kleinen Eselspinguinen vollführt. Ihre größeren Gefährten, die Königspinguine mit den weißen Bäuchen, grauen Rücken und schwarz-gelben Köpfen, stehen ganz offensichtlich über solch profanen Dingen. In Gruppen von vier bis sieben Tieren stehen sie einfach nur da und starren auf die Felsen, die die Rückwand ihres Geheges bilden, uns menschlichen Besuchern dabei demonstrativ den Rücken zukehrend. Es dauert eine ganze Weile, bis es mir gelingt, einige Vertreter dieser Tiere, die es irgendwie fertigbringen, gleichzeitig distinguiert und gelangweilt auszusehen, wenigstens  einmal von der Seite auf ein Foto bannen zu können. Erst, als wir das Gehege gerade wieder verlassen wollen und ich mich noch einmal umdrehe, entdecke ich einen Königspinguin, der sich zu uns umgewandt hat. So komme ich doch noch zu einem Porträt eines dieser Herrschaften.

Als wir die kleine Kolonie verlassen, die Neuseelands einzige subantarktische Pinguine beherbergt, kommen wir zunächst an einigen kleineren, in die Wände eingelassenen Aquarien vorüber. Hier können wir einige Quallen beobachten, bei denen man sich große Mühe gegeben hat, sie durch besondere Beleuchtung für uns Besucher gut sichtbar werden zu lassen, sind sie doch normalerweise aufgrund ihrer durchsichtigen Körper im Wasser nur schwer zu sehen.

Wenige Schritte weiter betreten wir die Stingray Bay. Man hat hier offenbar jedem Ausstellungsbereich seinen ganz eigenen sprechenden Namen gegeben. Die Hauptattraktion der Stingray Bay ist definitiv das riesige offene Acrylbecken. Daß es 350 Kubikmeter Wasser faßt, glaube ich, als ich es zu Gesicht bekomme, sofort. Von weitem sehe ich zunächst allerdings nur vergleichsweise flaches Wasser auf einem sandigen Boden, auf dem hier und da einige große Felsbrocken verstreut sind. Als wir nähertreten, können wir über die Begrenzung des Beckens direkt in dieses hineinschauen. Da die Wände aus Glas bestehen, ist es mir, wenn ich in die Hocke gehe, auch möglich, unter die Wasseroberfläche zu schauen. So kann ich die Fische, die ich nun in dem großen Bassin hin- und herschwimmen sehe, sowohl von oben als auch von der Seite betrachten. Und da gibt es durchaus etwas zu sehen. Als ich durch die Glasscheibe blicke, schwimmt direkt vor mir ein großer Wrackbarsch vorüber. Ich bezweifle ein wenig, daß er in diesem Wasserbecken richtig glücklich wird, läßt es doch jegliche Art von Schiffswrack vermissen, dessen Hohlräume normalerweise seinen Lebensraum bilden. Am jenseitigen Ende wird das große Becken durch eine Felswand abgeschlossen. Dort, wo der Sandboden auf diese trifft, bemerke ich einen großen Schatten, der direkt vor dem Stein über den Boden gleitet. Als ich neugierig zur Schmalseite des Beckens gehe, um näher an diese Stelle zu gelangen, erweist sich dieser Schatten als großer Stachelrochen, der mit sanften wellenartigen Bewegungen seiner Seitenflossen ruhig über den Boden gleitet, seinen charakteristischen langen Schwanz hinter sich herziehend. Ein beeindruckendes Tier. Wäre der Boden des Beckens ebenfalls felsig, anstelle aus weißem Sand zu bestehen, wäre es vermutlich überhaupt nicht zu bemerken, sieht doch seine gesamte obere Seite wie ein einziger dunkelbrauner Stein aus. Fasziniert schaue ich dem großen Fisch eine Weile zu, wie er, stets knapp über dem Boden, durch das Wasser gleitet. Nun ist klar, warum dieses große Becken den Namen Stingray Bay – Stachelrochenbucht – trägt, auch wenn es eine Bucht ganz und gar nicht simulieren kann. Doch ein bißchen Marketingschwindelei gehört in der heutigen Welt halt einfach dazu. Als Entschädigung gibt es hier dafür einen Imbißstand, zu dessen Angebot und Qualität ich allerdings nichts sagen kann.

Von der Stingray Bay gelangen wir nun in den ältesten Teil des Aquariums. Die Pacific Shark Zone und der Shipwreck Explorer waren bereits bei seiner Eröffnung die Hauptattraktion – und sind es – völlig zu Recht – bis heute. Sollten wir von unserem bisherigen Fußmarsch etwas müde sein, können wir hier komplett auf das Laufen verzichten. Auf einer Art Transportband geht es nun in einen rund einhundertzehn Meter langen Tunnel aus Acrylglas hinein, der uns an deren Grund durch zwei überaus große Wasserbecken hindurchführt. Nun, genau genommen stimmt das nicht ganz. Tatsächlich ist unser Weg links und rechts von Seitenwänden begrenzt, die etwa einen Meter hoch sind. Auf diesen setzt dann die in einem perfekten Halbkreis gewölbte Tunneldecke aus Acrylglas auf. Zu unserer Linken und Rechten ebenso wie über uns ist dahinter nur Wasser, dessen Grund am oberen Rand der Seitenwände unseres Tunnels liegt. Wir sind also gewissermaßen in einem Tunnel und in einem Graben gleichzeitig unterwegs. Das Transportband nimmt nur einen Teil des Tunnelbodens ein, so daß es uns jederzeit möglich ist, von ihm herunterzutreten und stehenzubleiben, wenn wir an irgendeinem Punkt verweilen und einen eingehenderen Blick riskieren möchten.

Ein Tunnel im Wasser allein ist nun allerdings nichts wirklich Spektakuläres. Dies wird er jedoch durch das, was wir in dem Wasser zu sehen bekommen. Links und rechts und über uns schwimmen unzählige Fische aller möglichen Arten herum, die wir, wenn sie neugierig neben uns herziehen, in aller Ruhe beobachten können. Leider bin ich, was die Fauna maritimer Lebenswelten anbelangt, ein absoluter Laie, so daß mir die meisten Arten völlig unbekannt sind. Daß ich hier allerdings Schwarmfischarten ebenso wie Einzelgänger zu sehen bekomme, fällt sogar mir auf. Nun schwimmen diese Fische nicht einfach so im Wasser herum. Tatsächlich hat man sich große Mühe gegeben, ihnen einen Lebensraum zu schaffen, der dem originalen möglichst nahekommt. So sind auf dem sandigen Grund zahlreiche Felsen mit vielen kleinen und größeren Höhlen zu sehen und es wachsen zahlreiche Pflanzen darauf, die mindestens ebenso interessant sind wie die beweglichen Vertreter der Unterwasserwelt. Um das Ganze für die Besucher noch spannender zu machen – und auch dem Namen Shipwreck Explorer gerecht zu werden -, hat man diverse Holzkisten im Wasser versenkt. In einem bunten Durcheinander stehen sie nun auf dem Grund des Beckens herum oder sind im Sand versunken, wie ein gerade noch daraus hervorragender, gewölbter Truhendeckel beweist. Ganz offensichtlich sollen sie die Überreste der Ladung eines untergegangenen Schiffes darstellen, von dessen Wrack allerdings nichts zu sehen ist. Während wir so durch den Tunnel gleiten, bemerke ich an dessen Seitenwänden kleine Tafeln, die mir die verschiedenen Fischarten erklären. Und obwohl ich mir die Zeit nehme, einige zu lesen, bleibt mir leider keine davon in besonderer Erinnerung.

Vielleicht liegt das auch daran, daß ich plötzlich von einem großen Schatten abgelenkt werde, der unvermittelt über unseren Köpfen im Wasser vorbeizieht. Als ich nach oben blicke, läuft mir unwillkürlich ein Schauer über den Rücken, denn ich blicke direkt auf das mit Zähnen gespickte Maul eines großen Hais. Voller Würde zieht er gemächlich seine Bahn durch das Wasser, ohne uns auch nur eines Blickes zu würdigen. Seine lange Schwanzflosse schwingt dabei stetig hin und her. Es ist ein faszinierender und ob meines Wissens um die Gefährlichkeit dieses Meeresbewohners auch ein wenig gruseliger Anblick. Es ist schon bemerkenswert, daß mir der Anblick dieses großen Fisches eine solche Reaktion abnötigt und ich mich unwillkürlich glücklich schätze, von ihm durch die Acrylglaswand getrennt zu sein, während mir das Vorhandensein all dieser Wassermassen rings um mich herum, von denen mich ebenfalls nur diese vergleichsweise dünne Glasschicht trennt, vorher keinerlei Sorgen bereitet hat, obwohl ich nicht einmal schwimmen kann. Vielleicht rührt der Anblick dieses großen Tieres an gewisse Instinkte, die in uns Menschen angelegt sind und deren wir uns unter normalen Bedingungen gar nicht bewußt sind.

Der Hai zeigt mir, daß wir ganz offensichtlich die Pacific Shark Zone – die pazifische Haifisch-Zone – erreicht haben, die wir nun in dem Tunnel ebenso wie vorher den Shipwreck Explorer durchqueren. Und so bleibt er nicht der Einzige, den wir zu sehen bekommen. Den Erklärungstafeln zufolge können wir hier Bronzehaie, Kammzähnerhaie, Teppichhaie und Hundshaie beobachten, was ich einfach mal so hinnehme, denn wirklich unterscheiden kann ich die einzelnen Arten nicht. Dafür bin ich viel zu sehr mit angeregtem Staunen und vielfacher Bewunderung dessen, was ich hier zu sehen bekomme, beschäftigt. Manchmal ist es auch einfach nur schön und vollkommen genügend, etwas anzuschauen, zu genießen und zu bewundern, ohne daß ich es eingehend studieren und sezieren muß, um auch jedes Quentchen Information darüber einzusammeln.

Für ganz Mutige wird hier von Zeit zu Zeit noch eine besondere Attraktion geboten. Für einen zusätzlichen Obulus können sie sich in einem Netzkäfig durch das Haibecken ziehen lassen oder sich auch in einem Taucheranzug direkt hineinbegeben. In fachmännischer Begleitung, versteht sich. Nun, das soll tun, wer mag. Mir reicht der Blick des Beobachters von außen vollständig aus. Was ich mich allerdings frage, ist, wie man es schafft, die Haie hier in der Gefangenschaft bei Laune zu halten. Als Raubfische haben sie in der freien Natur einen sehr großen Bewegungsradius, der ihnen hier mit Sicherheit nicht dauerhaft geboten werden kann. Wie ich später erfahre, ist das tatsächlich ein besonders schwieriger Aspekt, mit dem das Aquarium von Beginn an zu kämpfen hatte. Als Kelly Tarlton damit begann, seine Idee von der Präsentation von Haifischen Wirklichkeit werden zu lassen, fing er viele der Tiere selbst. Sie im Aquarium anzusiedeln, war jedoch nicht so einfach, so daß es ihm erst nach mehreren gescheiterten Versuchen gelang. Doch gerade diese so robust erscheinenden Raubfische erwiesen sich in der Gefangenschaft als besonders empfindlich, so daß es eine große Herausforderung darstellte, sie hier am Leben zu halten. Um dies jedoch nicht in Tierquälerei ausarten zu lassen, ist man zu der Praxis übergegangen, in den Gewässern Neuseelands heimische Haie nur kurz in dem Becken der Pacific Shark Zone zu halten und sie anschließend wieder im Fanggebiet auszusetzen. Es ist ein Kompromiß, da gibt es nichts zu diskutieren. Doch letztlich ist es wohl eine akzeptable Lösung für die Frage, mit der sich jeder Zoo, jeder Tierpark, jedes Aquarium auf der Welt, das den Menschen die Tierwelt nahebringen will, auseinandersetzen muß: Wie kann dies gelingen, ohne daß den Tieren dabei durch dauerhafte Gefangenschaft und unzureichende Lebensräume Leid zugefügt wird? Manche mögen diese Frage damit beantworten, daß dies generell nicht möglich sei und derartige Einrichtungen deshalb generell abzulehnen sind. Sie müßten sich in der Folge allerdings überlegen, wie sie es dann erreichen wollen, daß die Menschen die Tierwelt unmittelbar erfahren und etwas darüber lernen können, um sie anschließend wirklich wertzuschätzen und im Idealfall für ihre Erhaltung selbst aktiv zu werden.

Während wir so durch das riesige Becken gleiten und die Fische beobachten, ist mir nicht bewußt, daß diese in Wirklichkeit viel größer sind, als wir sie sehen. Seine Ursache hat dieser Effekt in der Lichtbrechung, die sich zwischen der Luft, dem Glas und dem Wasser ergibt. Sie führt dazu, daß die Tiere etwa ein Drittel kleiner erscheinen, als sie tatsächlich sind. Den ersten Tunnel schuf Kelly Tarlton übrigens selbst, indem er die dafür nötigen Segmente in einem aufwendigen Verfahren persönlich herstellte. Ob der heutige Tunnel noch dieser erste ist, sprich noch immer aus diesen Teilen besteht, weiß ich allerdings nicht zu sagen.

Hin und wieder begegnet uns bei unserer Reise durch das Becken des Shipwreck Explorers und der Pacific Shark Zone auf der anderen Seite der Tunnelwände eine übergroße steinerne Skulptur, die ich zu diesem Zeitpunkt für Götzenbilder halte. Allerdings kann ich mir keinen rechten Reim darauf machen, was sie hier in der Unterwasserwelt zu suchen haben. Erst später kommt mir aufgrund der Ähnlichkeiten der Gedanke in den Sinn, daß es sich bei den Darstellungen wahrscheinlich um Bildnisse der Māori-Kunst handelt. Der Antwort auf die Frage, warum sie hier im Becken plaziert wurden, bringt mich das allerdings auch nicht näher. Zumindest ist mir nicht bekannt, daß die Māori sich als Meerestaucher betätigt und große, übermannshohe Skulpturen auf dem Meeresgrund errichtet hätten. Ich begnüge mich zu guter Letzt mit der Erklärung, daß es sich wohl einfach um eine Art Dekoration handelt, die dem Aquarium ein wenig Lokalkolorit verleihen soll. Ob man das nun für zweckmäßig oder einfach nur kitschig halten will, mag jeder für sich selbst entscheiden.

Als wir das Ende des Acrylglastunnels erreicht und das Transportband endgültig verlassen haben, gelangen wir unmittelbar zum nächsten Bereich der Ausstellung, der als Fish Gallery bezeichnet wird. Waren die Wasserbecken beziehungsweise Lebensräume in den bisherigen Ausstellungsteilen stets groß oder gar riesig, kommen wir nun an vielen kleinen und höchstens mittelgroßen Aquarien vorüber, in denen wir unterschiedlichste Meeresbewohner aus den Gewässern rund um Neuseeland betrachten können. In einem ist beispielsweise ein Meeraal zu sehen, der sich allerdings so gut zwischen den vielen in seinem Aquarium wuchernden grünen Pflanzen versteckt, daß wir nur seinen Kopf mit dem breiten Maul zu sehen bekommen. Ein anderes Aquarium beherbergt einen Hummer, der sich mit seinen zehn langen, gliedrigen Beinen erstaunlich flink über den steinigen Boden bewegt. Und in wieder einem anderen hat sich ein Krake an die Frontscheibe geheftet, so daß seine unzähligen Saugnäpfe zu sehen sind, die wie an einer Schnur aufgereihte Knöpfe erscheinen. Drei Aquarien – drei völlig unterschiedliche Lebensformen. Und davon gibt es hier in der Fish Gallery noch unglaublich viel mehr. Diese schier unerschöpfliche Vielfalt des Lebens unter Wasser ist unglaublich faszinierend.

Wir haben die Fish Gallery noch nicht umfassend erkundet, da stehen wir plötzlich vor einem großen roten Portal. Eine breite Tür mit zwei massiven Flügeln wird links und rechts von senkrechten Ornamentbändern eingerahmt, deren Darstellungen wie sich verzweigende Doppelpfeile aussehen. Quer über dem Durchgang ist in großen Lettern zu lesen, wohin er uns führen wird: ins Seahorse Kingdom – das Königreich der Seepferdchen, den vielleicht liebenswertesten Meeresbewohnern. Als ich hindurchblicke, kann ich jedoch zunächst nur ein einziges dieser Tiere entdecken, und das ist aus Stein. In gerader Linie hinter der Tür schaue ich auf eine Wandplatte, die das mannshohe Relief eines Seepferdchens zeigt. Der gesamte Raum, den wir nun betreten, ist wie ein geheimnisvoller, versunkener Bau des Altertums gestaltet. Die Wände geben vor, aus massivem Stein gemauert zu sein, in den verschiedene Reliefs eingearbeitet sind, die das gleiche Muster wie neben dem Portal zeigen. Ebenso wie dieses werden sie mit kräftigem, rotem Licht angestrahlt. Um den Eindruck eines versunkenen Baus zu verstärken, ranken sich von der Decke her kräftige Wurzeln über die Wände. An einigen Stellen geben die Steine, die natürlich nur imitiert sind, ein Stück Wand frei, die mit der Darstellung im Wasser stehender Bäume, zwischen denen sich eine Vielzahl von Lianen ranken, bemalt ist, so daß der Eindruck entsteht, man blickte durch ein Fenster oder eine Lücke in der Mauer hinaus in einen sumpfigen Urwald. In einem besonders großen dieser „Fenster“ hat man Wissenswertes über die kleinen Meeresbewohner, denen dieser Ausstellungsbereich gewidmet ist, zusammengetragen. Daß Seepferdchen einen Kopf wie ein Pferd und einen Ringelschwanz wie manche Affen besitzen, ist mir dabei nicht neu. Daß sie ihre Augen wie ein Chamäleon unabhängig voneinander bewegen können, hingegen schon. Auch daß sie zur Veränderung ihrer Farbe in der Lage sind, so daß es ihnen möglich ist, sich an ihren aus Schwämmen und Seegras bestehenden Lebensraum anzupassen, war mir bisher nicht bekannt. Der vielleicht überraschendste Fakt ist jedoch, daß bei den Seepferdchen die Männchen die Nachkommen zur Welt bringen, die in einem Beutel am Bauch ihres Vaters verbleiben, bis sie groß genug sind, um selbständig zu überleben. Manch einer mag das sicher gewußt haben, für mich ist es neu. Und so freue ich mich, daß ich so ganz nebenbei wieder etwas gelernt habe.

Nun will ich die kleinen Tierchen aber auch sehen, und so spazieren wir ein Stück weiter in das Königreich hinein, wo wir uns alsbald inmitten einer Vielzahl kleiner und größerer Aquarien wiederfinden, in denen wir auf eine kunterbunte Vielfalt verschiedenster Arten von Seepferdchen treffen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Wir betrachten Stachelige Pfeifenpferde und Dickbauchseepferdchen sowie viele andere Arten der kleinen Meeresbewohner. Einige leuchten in Rosa und Orange, andere sind von einem dunklen Braun, wieder andere scheinen fast durchsichtig zu sein. Hier treiben einige einfach so im Wasser, dort haben sich andere an einer Pflanze festgehakt, indem sie ihren Schwanz um deren lange Blätter geringelt haben. Und in einem Aquarium scheint ein Seepferdchenvater an der Scheibe seinem Seepferdchensohn – oder ist es eine Tochter? – zu erklären, was das für merkwürdige und gleichzeitig arme Wesen auf der anderen Seite des Glases sind, die dort auf zwei langen Extremitäten herumstaken und ganz ohne Wasser auskommen müssen, so daß ihnen nur übrig bleibt, mit der Luft vorliebzunehmen. Ich glaube, er meint uns.

Fasziniert gehe ich von einem Aquarium zum anderen, schaue hinein und versuche, all die kleinen Seepferdchen zu finden, die darin herumschwimmen. Manchmal ist das gar nicht so einfach, da sie sich farblich an ihre unmittelbare Umgebung angepaßt haben, ganz so, wie es auf der Wand am Eingang stand. Schließlich aber bin ich dann doch am letzten Aquarium in diesem Bereich vorübergekommen und wir verlassen das Seahorse Kingdom wieder, um in die Fish Gallery zurückzukehren.

Die Vielfalt des Artenreichtums der Unterwasserwelten, die mir bereits vorher so eindrucksvoll erschienen war, setzt sich nun unmittelbar fort. Stachelige Kugelfische, die sich aufblasen können wie kleine Ballonigel, farbenprächtige Doktorfische – die einen tiefblau gefleckt mit gelbem Schwanz, die anderen ebenso tiefblau, aber gepunktet und gestreift mit einem gelben Ring um die Augen -, Clownfische, Steinfische, Kaiserfische, Muränen, Piranhas – ich kann mir gar nicht alle Arten merken, die ich hier auf engstem Raum zu sehen bekomme. Dazu jede Menge farbenprächtiger Korallen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Langsam gehe ich von Aquarium zu Aquarium und betrachte diese – ich wiederhole mich gern – faszinierenden, völlig fremdartigen Lebenswelten. Man könnte meinen, durch viele kleine Fenster auf andere Planeten zu blicken, dabei ist all das auf unserer Erde zu finden.

Irgendwann sind wir dann allerdings doch am letzten Aquarium angelangt und damit nicht nur am Ausgang der Fish Gallery, sondern auch an dem der gesamten Ausstellung. Eine Tür bringt uns hinaus und – in den Souvenirladen hinein, der für alle von Merlin Entertainments betriebenen Einrichtungen offenbar obligatorisch ist. Man kann sie nicht verlassen, ohne an all den Dingen vorüberzugehen, die dem geneigten Besucher angeboten werden sollen, damit er nach dem schönen Erlebnis seinen nun hoffentlich lockerer sitzenden Geldbeutel zückt, um das Eine oder Andere als Erinnerungshilfe käuflich zu erwerben. Ich schaue nur flüchtig hin, denn ich weiß bereits aus Erfahrung, daß ich von all dem Kram und Klimbim nichts brauche. Und da wir hier nun auch keine in eine Unterwasserlandschaft eingebettete Fotografie von uns abzuholen brauchen, durchschreiten wir zügig den gesamten Laden und stehen kurz darauf wieder auf dem Parkplatz zwischen dem Eingang und dem Tamaki Drive am Ufer der Okahu Bay.

Kelly Tarlton's Sea Life Aquarium in Auckland
Damit auch niemand Kelly Tarlton’s Sea Life Aquarium übersieht, hat man an dem am Ufer der Okahu Bay befindlichen Parkplatz des Tamaki Drives am Fuße des Steilufers dieses große Werbebanner aufgehängt. Es stellt eindeutig die Pinguine als dessen Hauptattraktion heraus.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Zufrieden lasse ich das gerade Erlebte in Gedanken noch einmal Revue passieren. Zwar wurde ich – der Globalisierung, die dafür sorgt, daß alles allüberall gleich aussieht, sei Dank – in meiner Erwartung, was das gleichgeschaltete Erscheinungsbild und Besuchererlebnis des typischen Sea Life-Aquariums betrifft, nicht enttäuscht, doch war es dennoch ein schöner und interessanter Rundgang, den wir gerade absolviert haben, gab es doch – ganz wie erhofft – einiges hier zu sehen, was einen stark regionalen Bezug hatte und außerordentlich lehrreich war. Und mit dem antarktischen Ausstellungsbereich gleich zu Beginn wurde mir sogar mehr geboten, als ich erwartet hatte.

Während ich noch darüber sinniere, schweift mein Blick über die Weite der vor mir liegenden Okahu Bay und des Waitematā Harbours, von dem sie ein Teil ist. Angesichts der Vielzahl der Segelboote, die auf den Wellen schaukeln, und der ausgedehnten Anlagen des Hafens, die ich in der Ferne am jenseitigen Ufer ausmachen kann, kommt mir die Frage in den Sinn, wie lange es diese faszinierende Unterwasserwelt, in die ich gerade einen Blick geworfen habe, in der freien Natur wohl noch geben wird angesichts des großen negativen Einflusses, den die Menschheit mit ihrem Wirken darauf ausübt, ohne groß darüber nachzudenken und ihm auch nur wenigstens ein bißchen entgegenzuwirken. Das durch die Klimaveränderungen bewirkte Abschmelzen der Eismassen an den Polen der Erde ist dabei vielleicht der populärste Effekt, der stets und ständig in aller Munde ist, weil sich dadurch die Klimadebatte wunderbar befeuern läßt. Und so diskutiert man über den Wandel des Klimas und die Maßnahmen dagegen, ohne auch nur das Mindeste zu erreichen. Tatsächlich habe ich den Eindruck, daß die ganze Klimadebatte zu einer Art Ideologie aufgeblasen wird, mit der man ganz wunderbar den Versuch unternehmen kann, neue Profitquellen zu generieren und gesellschaftlichen Reichtum weiter in die falsche Richtung umzuverteilen. In Bezug auf das Klima, das man ja vorgibt, retten zu wollen, erzielt man jedenfalls bisher keine nennenswerten Erfolge. Ginge es wirklich darum, den Planeten und das vielfältige Leben darauf zu retten, bliebe die Diskussion nicht allein auf das Klima beschränkt. Man spräche stattdessen über die Um- beziehungsweise Mitwelt, von der das Klima ja nur ein Teil ist. Umweltverschmutzung und Raubbau wären ebenso Gegenstand der Debatte wie Überlegungen, was man dagegen tun könnte. Man fragte sich, warum der Verbrennungsmotor am Pranger steht, die großen mit Schweröl betriebenen Containerschiffe aber nicht, und warum man überhaupt soviele davon fahren läßt, anstatt viel mehr auf regionale Produktion zu setzen. Man diskutierte nicht nur über Kohlendioxid erzeugende Gas- und Kohlekraftwerke, man thematisierte auch die Verschmutzung der Meere. Man verteufelte nicht nur Öl und Kohle, sondern zuallererst jeglichen Krieg, jegliche Waffenproduktion und alle sonstigen ausschließlich destruktiven Unternehmungen. Überhaupt diskutierte man nicht nur, sondern packte endlich gemeinsam an. Stattdessen plant man „Maßnahmen“ wie Kohlendioxid-Zertifikate, die nichts anderes sind als der Versuch, das Problem mit genau dem kapitalistischen System von Handel und Profit zu lösen, das es hauptsächlich verursacht hat.

Allein, hier am Ufer der Okahu Bay ist von all dem nichts zu merken. Die Wellen schaukeln weiter die Boote und plätschern sanft ans Ufer, auf dem Tamaki Drive fahren Autos hin und her, ein sanftes Lüftchen weht uns um die Nase und die Sonne schickt ihre wärmenden Strahlen zu uns herunter. So lege ich diese Gedanken innerlich zur Seite und widme mich wieder dem heutigen Tag, der noch lange nicht vorüber ist. Schließlich haben wir gerade einmal den frühen Nachmittag erreicht und somit Zeit genug für weitere Unternehmungen. Weil aber unser nächstes Ziel doch ein ganzes Ende weiter entfernt ist als die Strecke, die wir zwischem dem Michael Joseph Savage Memorial und Kelly Tarlton’s Sea Life Aquarium zurückzulegen hatten, wollen wir es dem Auckland Explorer diesmal gestatten, uns zu unserem nächsten Ziel zu bringen. Und so stehen wir kurz darauf an der nahegelegenen Haltestelle mit dem gelb-blau-roten Schild und warten auf den nächsten Bus.

Sie können alle Fotos auch direkt auf Flickr anschauen.
Aus rechtlichen Gründen kann ich Aufnahmen aus dem Inneren von Kelly Tarlton’s Sea Life Aquarium leider nicht auf dieser Seite zeigen.
Für alle Fotos gilt die folgende Lizenz:

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Referenzen

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1 Im Original heißt es: „Antarctic explorers spent up to 3 years living in a hut like this, in the coldest, windiest, driest place on Earth!“

Gedenken an einen Mann des Volkes

Dieser Beitrag ist Teil 7 von 9 der Beitragsserie "Reise nach Neuseeland & Singapur"
Wie ich ein zum Teil versunkenes Denkmal aufsuchte und eines Mannes des Volkes gedachte

Zwei Tage. So hatte man es uns versprochen, als wir das Ticket gestern kauften. Zwei Tage würde man uns ohne weitere Kosten durch die Stadt fahren, wann immer wir wollten. Wir könnten aus- und wieder einsteigen, wie es uns gefiele. Jederzeit und überall.

Und was soll ich sagen: die Leute vom Auckland Explorer Bus halten ihr Wort. Anstandslos akzeptiert der Busfahrer unser am Vortag gelöstes Ticket, das wir ihm vorzeigen, als wir am Morgen unseres sechsten Reisetages an der Haltestelle unter dem Sky Tower in der Victoria Road West in seinen gelb-blauen Bus steigen. Tatsächlich hatte ich allerdings auch nichts anderes erwartet und wäre überrascht gewesen, wenn es anders gekommen wäre.

Hatten wir tags zuvor lediglich ein erstes Ziel angepeilt und waren dementsprechend ein wenig auf’s Geratewohl unterwegs gewesen, was dazu geführt hatte, daß wir am Ende sowohl die rote als auch die blaue Route komplett abgefahren waren, so haben wir heute nicht vor, das zu wiederholen. Und so sind unsere Ziele für diesen Tag bereits festgesetzt, als wir unsere Plätze im Bus einnehmen.

Wieder geht es am Viaduct Bassin, an der Waterfront und am Hafen vorüber. Wieder sind wir alsbald auf dem Tamaki Drive unterwegs und passieren auf dieser Uferstraße die Hobson und die Okahu Bay sowie den Isthmus von Auckland. Als wir schließlich rechterhand das Steilufer neben uns haben, wissen wir, daß wir unser erstes Ziel gleich erreicht haben werden. Steil geht es die kleine abzweigende Straße hinan und, als wir erst den oberen Rand des Steilufers und kurz darauf ihr Ende erreichen, in die Wendeschleife hinein. Einige Augenblicke später schauen wir bereits dem sich von uns entfernenden Bus hinterher, der uns hier zurückgelassen hat: am Bastion Point.

Da stehen wir nun und schauen uns um. Kreisrund ist die kleine Insel, um die die Straße herumführt, völlig eben und von kurz gestutztem Rasen bedeckt. Ein kleiner, kaum zwei Meter hoher Baum wächst ziemlich genau in ihrem Zentrum und ist – im wahrsten Sinne des Wortes – das einzig Herausragende dieses verkehrstechnischen Eilands. Hier war jemand sehr auf Symmetrie bedacht und von idealer Geometrie fasziniert.

Überhaupt ist die ganze Hochfläche rings um den Wendekreis eine einzige von außerordentlich gut gepflegtem Rasen bedeckte Fläche und wirkt so ein bißchen wie ein Golfplatz. Oder ein sehr langweiliger Park. Lediglich an ihren Rändern ist höhere Vegetation zu erkennen. Mit einer Ausnahme: entlang eines breiten Weges, der sich in nördlicher Richtung von dem Kreisrund, an dem wir stehen, entfernt, genau im rechten Winkel zur von Westen hierher führenden Straße, stehen links eine Baumreihe und rechts einige größere Büsche und kleinere Bäumchen, die uns förmlich einladen, diesem Weg zu folgen.

Da in allen anderen Richtungen außer Rasen von hier aus nichts weiter zu sehen ist, lassen wir uns auch gar nicht lange bitten und folgen dem uns so gewiesenen Weg, an dessen Ende wir in der Ferne bereits ein hoch aufragendes Bauwerk erkennen können – das Ziel unserer Fahrt hierher.

Der Weg gibt noch ein kurzes Stück vor, eine Straße zu sein, bis er von einer Reihe aus acht großen, steinernen Blumenkästen versperrt wird, die lediglich schmale, für Fußgänger passierbare Durchgänge freilassen. Doch als wolle man endgültig ausschließen, daß ein wie auch immer geartetes Fahrzeug diese passiert, hat man in die drei mittleren noch zusätzlich halbmeterhohe metallische Poller postiert und in zwei weitere überdies Laternen auf massiven steinernen Sockeln eingesetzt.

Auf der anderen Seite dieser Sperre steht in der Mitte des Weges eine etwa mannshohe Tafel, die uns schon einmal ankündigt, was wir gleich sehen werden: „Michael Joseph Savage Memorial“ steht in großen weißen Buchstaben an ihrem oberen Ende geschrieben. Darunter ist ein Bild des Mannes zu sehen, dem zu Ehren die Gedenkstätte errichtet wurde, verbunden mit einem kurzen Text, den ich mir neugierig durchlese. Schließlich habe ich zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung, wer dieser Michael Joseph Savage eigentlich war und warum man ihm hier eine Gedenkstätte errichtet hat.

Das Michael Joseph Savage Memorial am Bastian Point in Auckland
Diese Tafel steht am Hauptweg, der auf dem Bastion Point zum Michael Joseph Savage Memorial führt. Viel Aufschluß über Sinn und Zweck der Gedenkstätte gibt sie allerdings nicht.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Ich erfahre, daß der Tamaki Drive über einen Damm, am Resolution Point beginnend, die Hobson Bay überquert und an der Okahu Bay vorüberführt, die an der Westseite des Bastion Points liegt, der eine Landzunge ist, an deren Ende sich heute ein Yacht Club befindet, der ebenfalls den Namen Tamaki trägt. An der Okahu Bay, so lese ich weiter, habe sich bis in die 1950er Jahre ein Dorf der Ngati Whatua, eines Māori-Stammes, befunden. Ein Fort, wird mir berichtet, habe es hier ebenfalls einmal gegeben. Fort Bastion habe es geheißen und sei errichtet worden, weil man in den 1880er Jahren große Angst vor einfallenden Russen gehabt habe. Man stellte Geschütze auf, die den Eingang zum Waitematā Harbour bewachten, gemeinsam mit denen auf dem Mount Victoria und dem North Head in Devonport. Daß sie nie zum Einsatz kamen, weil die Russen Besseres zu tun hatten, als in Neuseeland eine Invasion durchzuführen, steht allerdings nicht auf der Tafel. Dafür lerne ich, woher der Name Bastion Point kommt. Der leitet sich von einem markanten, vor der Küste stehenden Felsen ab, dem Bastion Rock. Für den Fall, daß ich vorgehabt haben sollte, mir diesen festungsartigen steinernen Koloß anzusehen, wird gleich der Hinweis nachgeschoben, daß er heute nicht mehr existiert. In den 1920er Jahren mußte er für den Tamaki Drive Platz machen, als dieser am Ufer des Hauraki Gulfs um die Anhöhe des Bastion Points herumgeführt wurde.

Obwohl das alles sehr interessant ist, frage ich mich allmählich doch, was das eigentlich mit der Gedenkstätte und dem durch sie Geehrten zu tun hat. Doch auch der letzte Satz des Textes gibt darüber keinen Aufschluß. Er stellt lediglich fest, daß sich die Gedenkstätte an dem Ort befindet, dessen Geschichte vorher grob umrissen wurde, und daß sie Michael Joseph Savage gewidmet ist, der von 1872 bis 1940 lebte und Neuseelands erster von der Labour-Partei gestellter Premierminister war. Und ist es auch nicht viel, so ist es doch immerhin etwas Information zu seiner Person.

Aber, so denke ich mir, es gibt ja noch eine zweite Seite der Tafel. Dort werde ich sicher mehr über die Gedenkstätte und ihren Namensgeber erfahren. Nun, ich könnte nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein. Zwar lautet auch dort die Überschrift „Michael Joseph Savage Memorial“ und es wird, neben einer Karte des Gebiets, auch wieder etwas Text geboten, doch geht es darin, genau wie auf der ersten Seite, zunächst einmal um völlig andere Dinge[1]Im Original lautet der Text: In 1860, 1879 and 1880 Ngati Whatua leaders Tuhaere and Te Kawau assembled many North Island chiefs to the Kohimaramara Conference to establish a Māori parliament. They … [Weiterlesen]:

In den Jahren 1860, 1879 und 1880 versammelten die Ngati Whatua-Führer Tuhaere und Te Kawau viele Häuptlinge der Nordinsel zur Kohimaramara-Konferenz, um ein Māori-Parlament einzurichten. Sie forderten Wiedergutmachung in Landfragen und Gleichheit vor dem Gesetz. In den 1930er Jahren bemühten sich die Māori um Abhilfe durch Michael Savage, den damaligen Premierminister der Labour-Regierung. Mit der Unterstützung der Māori zog die Labour-Partei zum ersten Mal ins Parlament ein. Es begann damit eine langjährige Beziehung.

Auch wenn es hier durchaus einen Bezug zu Michael Joseph Savage gibt, frage ich mich immer noch, was wohl der Grund dafür war, daß man ihm eine eigene Gedenkstätte errichtet hat. Den Erklärungen auf der großen Tafel kann ich das leider nicht so recht entnehmen. Doch ich werde die Beantwortung dieser Frage auf einen späteren Zeitpunkt verschieben müssen. Denn wo wir nun einmal hier sind, wollen wir uns die Gedenkstätte auch ansehen.

So folgen wir nun also dem gut fünf Meter breiten Weg über eine große, von – wie sollte es anders sein – Rasen bedeckte Fläche, bis er nach wenigen Metern eine Hecke erreicht, die ihm jedoch bereitwillig Durchlaß gewährt. Diesen durchschreitend, betreten wir die Gedenkstätte.

Ein paar Stufen, die ob ihrer geringen Höhe eigentlich nur Stüfchen sind, geht es hinunter, dann kreuzt ein breiter, mit Platten ausgelegter Weg den unseren, welcher dahinter in eine Plattform mit dem gleichen Belag übergeht und an einem großen, steinernen, ein Hochbeet beherbergenden Kasten endet, das jedoch außer Erde nichts enthält. Links und rechts führen Stufen an ihm vorbei und hinunter zu einem tiefer gelegenen Bereich. Wir verharren jedoch zunächst eine Weile auf der Plattform und schauen uns um. Von hier aus können wir die gesamte Gedenkstätte überblicken.

Gestaltet im Art-Déco-Stil, besteht sie aus einem großen Platz, der die Form eines großen Vierecks besitzt, das man im ersten Moment für ein Rechteck halten könnte, bis man bemerkt, daß seine Längsseiten leicht gebogen sind. Hinter uns wird dieser Platz von der großen Hecke, die wir passiert haben, begrenzt. Auf der uns gegenüber liegenden Seite erhebt sich ein gemauertes Mausoleum, das von einem riesigen, mehrere Meter hohen Obelisken bekrönt wird. Sowohl das Mausoleum als auch die Plattform, auf der wir gerade stehen, befinden sich in der Mitte der jeweiligen Längsseiten des Platzes. Der Raum dazwischen besitzt ein um wenigstens zwei Meter niedrigeres Niveau als unser aktueller Standort. Dort befindet sich direkt vor dem Mausoleum ein langgestreckter versunkener Teich von exakt rechteckiger Form, dessen Ufer an allen seinen Seiten eine steinerne Einfassung besitzen. Gewissermaßen stellt er eine direkte Verbindung zwischen unserer Plattform und dem Mausoleum her.

Das Michael Joseph Savage Memorial am Bastian Point in Auckland
Ein Blick vom Eingang über das Michael Joseph Savage Memorial auf dem Bastion Point.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Die bereits erwähnten Stufen führen links und rechts von uns über mehrere Terrassen hinunter zu dem Teich. Diese Terrassen sind an den beiden Außenseiten links und rechts von den gleichen steinernen Kästen begrenzt wie der, der unsere Plattform abschließt. Im Gegensatz zu ihm wachsen in ihnen allerdings tatsächlich Blumen. Im Gelände zu beiden Seiten der Stufen setzen sich diese Terrassen fort, sind dort allerdings von Rasen bewachsen, in den von Zeit zu Zeit halbrunde Steine mit ebener Oberfläche eingelassen sind, die so angeordnet wurden, daß sie ihrerseits wie Stufen wirken, die zur tiefergelegenen Mitte des Platzes führen.

Links und rechts des Teiches liegen ebenfalls Rasenflächen, auf denen man jedoch in gewissen Abständen in Längsrichtung des Platzes ausgerichtete Beete angelegt hat. Diese sind üppig mit Blumen bepflanzt, die man offenbar so ausgewählt hat, daß sie in allen nur möglichen Farben blühen. Ob es in dieser Hinsicht ein Glück ist, daß wir jetzt gerade Frühling haben, oder ob man bei der gärtnerischen Pflege dieses liebevoll angelegten und gestalteten Areals dafür sorgt, daß in den Beeten ganzjährig Blumen blühen, vermag ich nicht zu sagen. Auf jeden Fall ist es ein wunderschöner Anblick.

Auch der Teich wird an den Längsseiten hinter seiner Einfassung von solchen Beeten eingerahmt, die allerdings, im Gegensatz zu jenen auf den Rasenflächen, von niedrigen schmalen Hecken begrenzt werden.

Doch nicht nur wir auf unserer Plattform stehen gegenüber der Mitte des Platzes erhöht. Als ich das Mausoleum genauer betrachte, stelle ich fest, daß es eigentlich kein Gebäude im eigentlichen Sinne ist. Tatsächlich erhöht sich auf seiner Seite das Bodenniveau wieder, so daß das Gelände hinter dem Platz die gleiche Höhe besitzt, auf der wir uns befinden. Während allerdings auf unserer Seite Terrassen allmählich zum niedrigeren Grund der Platzmitte hinabführen, bildet die andere Seite eine senkrechte Wand, in deren Mitte sich das Mausoleum befindet, das somit ein Teil dieser Wand ist. Daß diese nicht auf den ersten Blick als solche zu erkennen ist, liegt daran, daß sie sich zu beiden Seiten des Mausoleums nicht als Mauer fortsetzt, sondern dicht mit grünen Pflanzen bewachsen ist, denen weiße, vermutlich hölzerne Gitter Halt geben. Inmitten dieses Grüns vermittelt das Mausoleum den täuschenden Eindruck, ein einzeln stehendes Gebäude zu sein.

Wir entschließen uns, den Platz einmal zu umrunden, bevor wir uns das Mausoleum genauer ansehen. So steigen wir also nicht die Stufen hinunter, sondern spazieren über den Weg, der den unseren hinter der Hecke gekreuzt hatte, zur linken, westlichen Schmalseite des Platzes hinüber. Dort angekommen, endet der Weg abrupt und eine Treppe führt, die Terrassen aufnehmend, den sanften Hang hinunter zu einem Rundweg, der die gesamte Innenfläche der Gedenkstätte umrundet und mit drei Reihen quadratischer Steinplatten ausgelegt ist, zwischen denen jeweils etwa zehn Zentimeter Abstand liegen. Da sich das Gras diesen zunutze gemacht hat, wirkt es so, als seien die Platten in den Rasen eingelassen worden. Überrascht stelle ich fest, daß der Innenraum der Gedenkstätte nicht einfach nur eine Niederung im Gelände darstellt, sondern offenbar absichtsvoll vertieft angelegt worden ist. Denn auch hier an der Westseite behält das umgebende Gelände seine Höhe bei. Tatsächlich ist es, wie ich nun erkennen kann, rings um den gesamten Innenbereich gleich hoch. Dieser liegt also wie ein versunkener Garten in der ihn umgebenden Landschaft und weckt so ganz von selbst Assoziationen von Ruhe und Einkehr. Wunderschön.

Hinter dem westlichen Ende der Gedenkstätte stehen einige große Bäume, die sie von dem dahinterliegenden Gelände abschirmen. Unter einem von ihnen lädt eine Bank zum Verweilen ein, der Gedenkstätte abgewandt. Neugierig treten wir unter den Bäumen hindurch näher.

Vor uns dehnt sich eine große, leicht gewölbte Rasenfläche. Dahinter erkenne ich die stets etwas puschelig wirkenden Wipfel mehrerer Palmen, unter denen die Zufahrtsstraße, die uns hergebracht hat, dem Tamaki Drive am Ufer des Waitematā Harbours entgegenstrebt, dessen weite Wasserfläche rechterhand über weiteren Baumkronen zu sehen ist. Dort, wo das ihn linkerhand begrenzende Steilufer des Bastion Points eine Biegung zur Okahu Bay macht, die es allerdings vor unseren Blicken verbirgt, ist in der Ferne, leicht verdeckt, die Skyline der Innenstadt Aucklands zu sehen, dominiert von dem markanten, wie ein achtunggebietender Finger in den Himmel aufragenden Sky Tower.

Langsam überqueren wir die Rasenfläche. Einen Weg gibt es nicht, also laufen wir einfach geradezu. Jeder Schritt bringt uns dabei ein wenig weiter nach rechts, was das Steilufer in unserer Perspektive langsam nach links zurückweichen läßt. Nach und nach gibt es so den Blick auf die Skyline Aucklands frei. Von hier aus betrachtet wirkt sie fast ein wenig wie eine Insel inmitten des großen Naturhafens. Oder wie eine Fata Morgana, die über den Wellen schwebt. Ein faszinierender Anblick.

Der Bastion Point in Auckland
Ein Blick vom Steilufer des Bastion Points über den Waitematā Harbour, hinüber zur Innenstadt von Auckland mit dem Hafen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Als wir am Ende der großen Freifläche angekommen sind, blicken wir über die Wipfel der Bäume, die auf dem Hang des Steilufers vor uns Halt gefunden haben, direkt auf den Waitematā Harbour hinab. Dort, wo der Tamaki Drive um die Landspitze herum nach rechts abbiegt, um seinen Weg am Ufer der Okahu Bay fortzusetzen, ragt ein langer Steg in die Fluten hinaus – der Okahu Bay Wharf. Blickt man über sein Ende hinaus, kann man in der Ferne die Auckland Harbour Bridge ausmachen.

Wir bleiben noch ein Weilchen stehen und bewundern die Aussicht, dann kehren wir um und spazieren zurück zu der Bank unter den Bäumen, unter denen hindurch wir dann zu der großen Gedenkstätte zurückkehren.

Die Treppe bringt uns hinab in den versunkenen Garten. Hier, an seinem westlichen Ende, wird er von einer Mauer begrenzt, die an ihren Enden etwa brusthoch aufragt, in der Mitte jedoch eine Höhe von etwa zwei Metern erreicht. Dort überschattet ein Vordach in Form einer Pergola den Bereich vor ihr. In dessen Zentrum ist ein kleiner Brunnen in die Wand eingelassen. Seine Rückwand ist aus hellem Stein zusammengefügt, in dessen Mitte sich ein schmaler, senkrechter, mit kleinen blauen Mosaikfliesen ausgelegter Streifen befindet, der an seinem oberen Ende das Relief eines Löwenkopfes trägt. Aus dem geöffneten Maul des Löwens fließt unentwegt ein dünner Strahl klaren Wassers in ein Becken am Boden, das mit denselben blauen Mosaikfliesen ausgekleidet ist wie die Rückwand des Brunnens.

Wandbrunnen im Michael Joseph Savage Memorial am Bastion Point in Auckland
Einer der beiden Wandbrunnen im Michael Joseph Savage Memorial auf dem Bastion Point.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Wir folgen nun dem Rundweg um das Gartenareal der Gedenkstätte und spazieren an dessen nördlicher Längsseite entlang. Dabei habe ich ausreichend Gelegenheit, die Vielfalt und Farbenpracht der in den einzelnen Beeten angepflanzten Blumen zu bewundern. Gelbe Studentenblumen, tiefblauer Rittersporn und die rosafarbenen Blüten des Fleißigen Lieschens sind nur einige der Vertreter dieser bunten Vielfalt, die mir in Erinnerung bleiben. Rings um mich herum ist das stete Summen und Brummen von Insekten, vornehmlich Hummeln, zu vernehmen, die das reichhaltige Angebot an Blüten in regelrechte Begeisterung zu versetzen scheint.

Die Ostseite des Gartens ist das exakte Gegenstück ihres westlichen Pendants. Die gleiche Mauer, das gleiche Vordach, der gleiche Wandbrunnen mit dem Löwenkopf. Als wir dann den Garten einmal umrundet haben und unterhalb der Plattform, auf der wir eingangs gestanden und die Gedenkstätte überblickt hatten, angekommen sind, stehen wir am südlichen Ende des Teiches, der sich im Zentrum der Anlage befindet. Die ruhige Oberfläche des rechteckigen Gewässers erweist sich von hier aus betrachtet als genau plazierter Spiegel, denn in ihm ist nun kopfüber das genaue Gegenstück des Mausoleums mit seinem großen Obelisken zu sehen.

Dieses ist nun unser nächstes Ziel. Daß es ebenso wie der Obelisk aus Betonfertigteilen errichtet wurde, sieht man ihm nicht an. Die Verkleidung mit Oamaru-Stein und Dunedin-Quarz verleiht ihm ein helles, freundliches Äußeres. Zwei schlanke Zypressen flankieren die schwarze Tür, die Zutritt in sein Inneres gewähren könnte, wäre sie nicht verschlossen. Sie ist die einzige Öffnung in der ansonsten glatten Außenwand des Mausoleums, das an seinem oberen Rand von einer Balustrade abgeschlossen wird. Bereits während unseres Rundgangs hatte ich dort oben immer wieder einmal Leute stehen sehen, so daß ich also bereits weiß, daß das Obere des Mausoleums begehbar ist.

Obenauf ragt der große Obelisk in die Höhe, dessen Sockel von einem mannshohen Madonnenrelief verziert wird. Daß dieses aus Bronze bestehen soll, vermag ich kaum zu glauben, denn sein Farbton unterscheidet sich kaum von dem des umgebenden Steins. Geschaffen wurde diese Figur der Liebe und der Gerechtigkeit von dem in Neuseeland sehr bekannten Bildhauer Richard Gross. Ursprünglich, so lese ich später, hatten die Pläne für die Gedenkstätte eine Statue anstelle des Obelisken vorgesehen, die den „arbeitenden Menschen“ symbolisieren sollte. Allerdings fanden die Behörden, wie es heißt, die Statue zu protzig und verlangten eine diesbezügliche Änderung der Pläne. Das Ergebnis waren der Obelisk und eben jenes Madonnen-Relief.

Links und rechts neben dem Mausoleum führen Stufen in die Höhe, die wir nun hinaufsteigen. Sie führen auf eine große Plattform, die sich hinter dem Obelisken befindet und vom Garten aus gar nicht zu sehen war. Das Dach des Mausoleums ragt etwas über sie hinaus, so daß zwei Stufen zu ihm und dem Obelisken hinaufführen. Und hier, an der Rückseite von dessen Sockel, finde ich nun zum ersten Mal einen direkten Bezug zu dem durch die Gedenkstätte Geehrten. In die Wand des Sockels ist ein weiteres Relief eingelassen, das im Gegensatz zu seinem Gegenstück an der Frontseite seine bronzene Herkunft nicht verleugnen kann. In der Form einer kreisrunden Plakette zeigt es die Büste Michael Joseph Savages und darunter eine Tafel mit folgenden Worten[2]Im Original lautet die Inschrift: This Monument is erected by The New Zealand Labour Party in memory of Michael Joseph Savage First Labour Prime Minister „There is no fame to rise above The … [Weiterlesen]:

Dieses Monument wurde errichtet von
der neuseeländischen Labour-Partei
in Erinnerung an
Michael Joseph Savage
Erster Labour-Premierminister
„Es gibt keinen Ruhm über
die krönende Ehre der Liebe eines Volkes hinaus.“

Relief am Michael Joseph Savage Memorial am Bastion Point in Auckland
Die Rückseite des Obelisken auf dem Mausoleum des Michael Joseph Savage Memorials zeigt ein Relief des Geehrten, eine Ehrentafel und eine Inschrift.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Bei genauem Hinsehen entdecke ich noch eine weitere Inschrift, die über dem Relief direkt in den Stein graviert wurde[3]Im Original ist dort zu lesen:

Michael Joseph Savage
(1872-1940)
„He loved his fellow men.“

:

Michael Joseph Savage
(1872 – 1940)
„Er liebte seine Mitmenschen.“

Ich muß zugeben, ich bin beeindruckt. Diese Gedenkstätte, dieses Denkmal, diese Inschriften – all das zeugt von einer sehr großen Verehrung. Und bisher weiß ich lediglich, daß jener, dessen hier gedacht wird, einst Premierminister des Landes war. Doch ist das Grund genug für solch ein Mahnmal? Sicher nicht. Was also ist es, daß ihn so besonders macht?

Nun, Michael Joseph Savage war nicht einfach nur der dreiundzwanzigste Premierminister Neuseelands und der erste der Labour-Partei. Er war ein Politiker, der es ablehnte, Politik lediglich als Mittel zur Erlangung und Verwaltung von Macht und zur Spaltung der Gesellschaft zu betreiben. Vielmehr war er jemand, der sich aufrichtig für die Menschen des Landes einsetzte, der eine bessere und gerechtere Gesellschaft anstrebte und versuchte, für die Realisierung dieses Traums so viele Menschen wie möglich zu begeistern und zu vereinen. Und dies blieb nicht nur leeres Gerede. Als seine Regierung 1933 gewählt worden war, zu einem Zeitpunkt also, als die wirtschaftliche Depression der späten 1920er und frühen 1930er Jahre noch in vollem Gange war, zahlte sie Arbeitslosen und Empfängern karitativer Hilfe sofort ein Weihnachtsgeld. Allen in der Fürsorge tätigen Helfern gewährte sie sieben Tage Jahresurlaub. Drei Jahre später gelang es ihr, mit Hilfe zahlreicher erlassener Gesetze die Kaufkraft der Bevölkerung wirksam zu erhöhen, so die Wirtschaft wieder zu beleben und Arbeitsplätze und neuen Wohlstand zu schaffen. Mit der Verstaatlichung der Reserve Bank of New Zealand und des kommerziellen Rundfunks wurden wichtige Einrichtungen des öffentlichen Lebens dem Gemeinwohl unterworfen. Ein neu aufgelegtes staatliches Wohnungsbauprogramm sorgte für bezahlbaren Wohnraum und gemeinsam mit weiteren Maßnahmen für eine spürbare Verbesserung des Lebens der Menschen im Land. Und auch die Māori wurden nicht vergessen. Einige gravierende Diskriminierungen wurden beendet, und die Ureinwohner Neuseelands fanden in den Bereichen der Bildung, der Gesundheit, der Beschäftigung und nicht zuletzt auch der Landbesiedelung verstärkt Berücksichtigung. Doch die vielleicht größte Errungenschaft war der Social Security Act, ein Gesetz, das das erste Sozialversicherungssystem der westlichen Welt einführte. Arbeitslosenunterstützung, ein allgemeines kostenloses Gesundheitssystem sowie eine bedürftigkeitsabhängige Altersrente waren nur einige der Maßnahmen, die jedem Bürger des Landes zu mehr sozialer Sicherheit verhalfen.

Savages unermüdlicher Einsatz hatte jedoch seinen Preis. Als er im Jahre 1938 die Diagnose Darmkrebs erhielt, wurde sein Herzensprojekt, der Social Security Act, gerade ins Parlament eingebracht. Außerdem stand wieder eine Parlamentswahl an. So verschob er die eigentlich dringend erforderliche Operation, um das Projekt und die Wiederwahl seiner Partei nicht zu gefährden. Zwar unterzog er sich im Jahr darauf dem lebensrettenden Eingriff, doch es war bereits zu spät. Im März des Jahres 1940 erlag er seinem Leiden.

Michael Joseph Savage wurde hier auf dem Bastion Point bestattet. Daß er der beliebteste aller neuseeländischen Premierminister war, läßt sich auch daran erkennen, daß ihm bei seinem Staatsbegräbnis hunderttausende Neuseeländer nicht nur in Wellington und Auckland, sondern auch an den Bahnhöfen entlang der Strecke die letzte Ehre erwiesen, als sein Leichnam zu seiner letzten Ruhestätte überführt wurde. Bereits ein Jahr nach seinem Tod schrieb die Labour-Regierung einen Wettbewerb zur Errichtung einer Gedenkstätte aus, die mit Tibor Donner und Anthony Bartlett zwei Architekten aus Auckland gewannen. Ihrem Entwurf entsprechend wurde noch im selben Jahr mit dem Bau begonnen, der im März 1942 abgeschlossen werden konnte.

All das bringe ich natürlich nicht hier, auf dem Dach des Mausoleums, in Erfahrung, sondern erst später. Und doch ist mir bereits hier klar, daß dieser Politiker ein ganz besonderer Vertreter seiner Zunft gewesen war. Allein die Existenz dieser beeindruckenden Gedenkstätte ist dafür Beweis genug. Es erscheint mir kaum vorstellbar, daß die Idee, einem unserer heutigen Politiker ein solches Denkmal zu setzen, viel Anklang bei der Mehrheit der Bevölkerung fände. Keinem von ihnen würde man wohl das Zeugnis ausstellen, sich in besonderem Maße für die Menschen seines Landes einzusetzen. Ganz im Gegenteil. Die Maßnahmen, die Savages Regierung für das Wohl der neuseeländischen Bevölkerung ergriff, erscheinen heute undurchführbar. Doch nicht, weil sie es tatsächlich wären, sondern lediglich deshalb, weil es im Kreise der Politik keinerlei Neigung gibt, dafür auch nur einen Finger zu rühren. Stattdessen folgt man dort anderen Interessen und tut eher das genaue Gegenteil, ignoriert Armut, Notstände im Bildungs- und im Gesundheitswesen sowie den unausgesetzten Verfall der Infrastruktur. Und am Ende ist man dann noch stolz darauf, das Land zu regieren, in dem der größtmöglichen Anzahl Menschen lediglich Niedrigstlöhne gezahlt werden.

Und so ist die Gedenkstätte für Michael Joseph Savage nicht nur eine Ehrung für einen aufrichtigen Politiker, der seine Aufgabe, zum Nutzen seines Volkes zu wirken, ernst genommen hat, sondern gerade in der heutigen Zeit auch eine Erinnerung daran, daß Politik im Dienste der Menschen nicht nur möglich ist, sondern auch tatsächlich durchführbar. Immerhin ist es schön zu sehen, daß diese Gedenkstätte auch heute noch umfassend und liebevoll gepflegt wird. Denn daß sie in allerbestem Zustand ist, davon haben wir uns bei unserem Rundgang selbst überzeugen können.

Wir bleiben noch ein wenig auf der Plattform hinter dem Obelisken stehen und genießen die Aussicht, die sich uns von hier bietet – nicht nur auf den Garten am Grund der Senke, sondern auch in der entgegengesetzten Richtung. Dort, im Norden, ist nach wenigen Metern die Anhöhe des Bastion Points zu Ende. Das Steilufer, mit dem sie zum Hauraki Gulf abfällt und an dessen Fuß der Tamaki Drive entlangführt, können wir von hier oben zwar nicht sehen, doch dafür haben wir einen wunderbaren Ausblick auf die Bucht und das uns genau gegenüber liegende Rangitoto Island mit seinem markanten Vulkankegel.

Von dem einstigen militärischen Vorposten, der sich auf dem Bastion Point befand, ist hingegen heute nichts mehr zu sehen, da sein Platz vollständig von der Gedenkstätte eingenommen wird. Zum Zeitpunkt seiner Errichtung gehörte das hiesige Land dem Māori-Stamm der Ngati Whatua. Ohne viel Federlesens nahm man es ihm einfach weg, wobei man sich nicht nur auf das Areal der heutigen Gedenkstätte beschränkte, sondern die ganze Bastion Point genannte Landzunge einbezog. Darauf bezieht sich letztlich der Text auf der zweiten Seite der Tafel am Anfang des Weges zur Gedenkstätte, allerdings ohne diesen Fakt selbst zu erwähnen. Als der Stützpunkt 1941 schließlich aufgegeben wurde, erhielten die Māori das Land jedoch nicht zurück. Gegen die Errichtung der Gedenkstätte hatten die Māori wahrscheinlich nichts einzuwenden, da sie Michael Joseph Savage und seiner Regierung viel zu verdanken hatten, doch auf das übrige Land erhoben sie nach wie vor Anspruch. Allerdings erfolglos. Als man in den 1970er Jahren schließlich ankündigte, das Land an den Meistbietenden zu verkaufen, damit dort hochpreisige Wohnungen entstehen könnten, kam es zu einer großen Protestaktion der Māori, die das Land friedlich besetzten. Nachdem diese mehr als fünfhundert Tage angedauert hatte, ließ die Regierung sie von Polizei und Armee gewaltsam beenden. Dies trug maßgeblich dazu bei, daß die Ungerechtigkeit gegenüber den Ureinwohnern des Landes deutlich wurde und in der neuseeländischen Gesellschaft zur Sprache kam. Dennoch dauerte es noch einige Jahre, bis die Regierung 1988 bei den Māori formell um Entschuldigung bat und das Land an sie zurückgab.

Wir setzen uns schließlich wieder in Bewegung und wandern den Weg zurück, den wir gekommen sind, hinaus aus der Gedenkstätte zu dem kleinen Wendekreis. Zeit haben wir genug, und so wollen wir doch einmal sehen, ob sich nicht dort in irgendeiner anderen Richtung außer Rasen doch noch etwas Interessantes finden läßt.

Als wir an der Wendeschleife anlangen, stellen wir fest, daß drei Wege von hier ausgehen. Den zur Gedenkstätte und die Straße selbst kennen wir bereits. Der dritte ist ein asphaltierter Fußweg, der das Ende der Straße in östlicher Richtung verläßt, die Rasenfläche überquert und dann in einem Streifen aus Gebüsch und Bäumen verschwindet, so daß nicht genau auszumachen ist, wohin er führt. Grund genug für uns, einmal nachzusehen.

Im Michael Joseph Savage Memorial Park am Bastion Point in Auckland
An der Ostseite der Anhöhe des Bastion Points führt ein Weg hinab zur MIssion Bay, an dem dieses schöne Exemplar eines Kohlbaums steht.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Es dauert nicht lange, da haben wir das Gehölz erreicht. Am Wegrand ragt ein vielstämmiges Gewächs auf, das ich mit meinem laienhaften Blick für eine Art Palme halte. Vermutlich ein Kohlbaum, der hier in Neuseeland heimisch ist. Unter den Bäumen ist es schattig. Viel Erleichterung bringt uns das heute jedoch nicht, da der Himmel schon den ganzen Vormittag über recht stark bewölkt war, so daß wir trotz des spärlichen Baumbestands auf der Anhöhe des Bastion Points nicht unter zu starker Sonneneinstrahlung zu leiden hatten. Als wir weitergehen, verliert der Weg rasch an Höhe. Offenbar steuern wir auf das Steilufer am östlichen Rand des Bastion Points zu. Daß ich mit dieser Vermutung recht habe, zeigt sich kurz darauf, als der Weg unvermittelt in eine Treppe übergeht, die uns innerhalb kürzester Zeit zum Tamaki Drive hinunterbringt, der hier das Meeresufer bereits verlassen und sich ein Stück landeinwärts gewandt hat, um einer kleinen Grünanlage und einem sandigen Strandabschnitt Platz zu machen.

Neugierig begeben wir uns nach links zu dem Strand hinüber, der sich allerdings als nicht besonders spektakulär erweist. Vereinzelt laufen ein paar Menschen so wie wir darauf herum, der Sand ist von graubrauner Farbe, überall liegen Tangstreifen und Muschelschalen herum. Mehr ist da nicht. Kein Strandkorb, kein Strandpavillon, kein Beach-Volleyball-Feld. Und keine Düne. Das obere Ende des Strandstreifens wird von einer langgestreckten steinernen Bank abgeschlossen, hinter der eine breite, mit Asphalt befestigte Strandpromenade verläuft. Dahinter dehnt sich die bereits erwähnte Grünanlage aus.

Dort, wo das Wasser auf den Strand trifft und der Sand etwas heller ist, stehe ich und schaue hinaus auf die Fluten des Hauraki Gulfs, ohne in diesem Moment zu wissen, daß dessen hiesiger Abschnitt Mission Bay genannt wird, ein Name, den man praktischerweise auch gleich dem anliegenden Vorort Aucklands gegeben hat. Die Wasseroberfläche ist leicht gekräuselt, Wellen gibt es keine beziehungsweise nur dann, wenn draußen ein Schiff vorübergefahren ist. In der Ferne kann ich inmitten des Wassers einen Turm ausmachen, der dort auf einem komplexen Gestell aus sieben Streben steht. Von hier aus möchte ich fast meinen, er sei aus Holz, was ich mir angesichts seiner Position inmitten der Bucht allerdings nicht so recht vorstellen kann. Tatsächlich liege ich mit meinem Eindruck jedoch völlig richtig. Denn bei diesem Bean Rock Lighthouse genannten und zur Gänze aus Holz errichteten Gebäude handelt es sich nicht nur um den einzigen verbliebenen Leuchtturm im Landhausstil, den es in Neuseeland noch gibt – und auch in der ganzen Welt existieren nur noch sehr wenige davon -, sondern gleichzeitig um den ältesten hölzernen Leuchtturm des Landes. Überdies ist er der einzige, der inmitten der Meeresfluten steht. 1870 errichtet, wurde er bis 1912 von den Leuchtturmwärtern mit ihren Familien bewohnt. Dann automatisierte man die Anlage und die Leuchtturmwärter wurden überflüssig. Benannt wurde der am Ende eines Riffs errichtete Turm nach Lieutenant Bean von der Royal Navy, der der Kapitän der HMS Herald war, des Schiffes, das die erste Vermessung des Waitematā Harbours nach der Gründung Aucklands vornahm. Hinter dem Leuchtturm ist die bewaldete Küste des Rangitoto Islands zu sehen, das uns genau gegenüberliegt und das ich so von hier aus in seiner ganzen Pracht bewundern kann.

An der Mission Bay
Ein Blick über die Mission Bay hinüber zum Bean Rock Lighthouse, das inmitten des Hauraki Gulfs steht. Das gegenüberliegende Ufer ist Rangitoto Island.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Nach einigen Augenblicken intensiven Auf’s-Meer-Schauens wenden wir uns um und stapfen über den Sand des menschenleeren Strandes zurück zur Promenade. Als ich bei einem späteren Blick in einen Reiseführer erfahre, daß wir hier am angesagtesten Strand von Auckland gestanden haben, kann ich mir das angesichts dessen, was wir zu sehen bekommen haben, kaum vorstellen. Offenbar ist seine behauptete Beliebtheit eher eine gelegentliche Angelegenheit.

Wir spazieren ein Stück die Promenade entlang, bis wir einen Querweg erreichen, der in die Grünanlage hinein- und zu einem kreisrunden Areal führt, in dessen Mitte sich ein großer Brunnen befindet. Inmitten eines riesigen runden Beckens steht eine überdimensionierte, übermannshohe Schüssel in der Form eines großen Blumentopfs, in der sich allerdings nichts zu befinden scheint, soweit ich sehen kann. Vielleicht schießt daraus normalerweise eine Fontäne hervor? Wenn dem so sein sollte, so ist sie jetzt gerade inaktiv. Rings um die Schüssel sind auf ebenfalls kreisrunden Podesten vier große Skulpturen angeordnet, die wohl Fabelwesen des Meeres darstellen sollen. Der Kopf eines Seepferdchens, der Körper einer Wasserschlange, die Pranken eines Löwen – das sind die Merkmale der Wesen, die mir sofort ins Auge fallen. Eine einigermaßen merkwürdige Anlage.

Geschaffen wurde dieser Brunnen, der den Namen Trevor Moss Davis Memorial Fountain trägt, zu Ehren des Direktors der Auckländer Spirituosenfirma Hancock & Company, der 1947 einen Herzinfarkt erlitt und nur fünfundvierzigjährig verstarb. Sein Vater, der die Erinnerung an seinen Sohn wachhalten wollte, stiftete diesen Gedenkbrunnen, den der Architekt George Tole entwarf. Mit dieser Wasserkunst treffen wir zum zweiten Mal an diesem Tag auf ein Werk des Bildhauers Richard Gross, der die Ausführung von Toles Plänen übernommen hatte.

Da wir auf den ersten und auch auf den zweiten Blick hier in Mission Bay nicht mehr sonderlich viel entdecken können, dessentwegen sich das Bleiben lohnte, machen wir uns schließlich wieder auf den Weg zurück, verlassen die Grünanlage, überqueren den Tamaki Drive, erklimmen die Stufen, die uns zur Anhöhe des Bastion Points hinaufbringen und stehen alsbald wieder an der kleinen kreisrunden Wendeschleife.

Sollte der Fahrer des nächsten ankommenden Auckland Explorer Busses allerdings damit gerechnet haben, uns einsammeln und zu unserem nächsten Ziel bringen zu können, so müssen wir ihn enttäuschen. Dieses liegt nämlich in nicht allzu großer Entfernung von hier, so daß wir beschließen, die kurze Strecke einfach zu Fuß zurückzulegen. Gesagt, getan. Und so sieht die Straße, die von der Wendeschleife auf der Anhöhe des Bastion Points hinunter zum Tamaki Drive am Ufer des Hauraki Gulfs führt, kurz darauf zwei Wanderer, die an ihrem Rand kräftig ausschreiten, ihrem nächsten Ziel entgegen…

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Referenzen

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1 Im Original lautet der Text:

In 1860, 1879 and 1880 Ngati Whatua leaders Tuhaere and Te Kawau assembled many North Island chiefs to the Kohimaramara Conference to establish a Māori parliament. They sought redress on land issues and equality under the law. In the 1930’s Māori sought remedy through Michael Savage, the then Prime Minister, of the Labour Government. With Māori support Labour had entered parliament for the first time beginning a long-standing relationship.

2 Im Original lautet die Inschrift:

This Monument is erected by
The New Zealand Labour Party
in memory of
Michael Joseph Savage
First Labour Prime Minister
„There is no fame to rise above
The Crowning honour of a people’s
love.“

3 Im Original ist dort zu lesen:

Michael Joseph Savage
(1872-1940)
„He loved his fellow men.“

Die Stadt der Victoria

Dieser Beitrag ist Teil 5 von 9 der Beitragsserie "Reise nach Neuseeland & Singapur"
Wie ich einen ganz und gar der Königin Victoria gewidmeten Ort besuchte

Als wir am Ferry Building ankommen, fällt mir etwas auf, was mir bei unserem gestrigen Besuch hier entgangen war: das Gebäude ist streng symmetrisch gestaltet. Der Uhrenturm befindet sich genau in der Mitte und wird von der Gebäudefassade aufgenommen und als Mittelrisalit mit einer einzigen Fensterachse bis zum Boden geführt. Zu beiden Seiten schließen sich jeweils fünf Fensterachsen an, deren zwei mittlere wiederum als Risaliten ausgeführt sind. Während der mittlere oben durch einen dreieckigen Giebel abgeschlossen wird, weisen die beiden seitlichen Risaliten an ihrem oberen Ende Rundbögen auf, die im Erdgeschoß in großen Torbögen ihre Entsprechung finden. Bei diesen wird dann die Symmetrie allerdings durchbrochen. Während der linke dieser Torbögen den Eingang zu dem Restaurant „Botswana Butchery“ bildet, das mir bereits am Vortag durch seine martialischen Türgriffe in Form von Fleischerbeilen aufgefallen war, gewährt der rechte einem öffentlichen Weg Durchlaß, der zu den hinter dem Ferry Building liegenden Fährterminals führt. Diesen Weg nehmen nun auch wir, denn wir wollen eine der Fähren besteigen. Angeregt durch unsere aus der luftigen Höhe des Sky Towers angestellten Betrachtungen der rund um den Waitematā Harbour ausgedehnten Stadt haben wir uns kurzerhand dazu entschlossen, den restlichen Nachmittag für einen Ausflug nach Devonport zu nutzen, einem Ortsteil Aucklands, der auf der gegenüberliegenden Seite des großen Naturhafens liegt.

Damit man uns an Bord der Fähre läßt, müssen wir zunächst Tickets erwerben. Das ist am Fahrkartenschalter schnell erledigt, wobei wir allerdings daran denken müssen, sie für die Rückfahrt gleich mitzukaufen, denn wir wollen ja nachher auch wieder zurück und haben keine Ahnung, wie lange die Ticketausgabe an unserem Ziel geöffnet hat, ob es dort Ticketautomaten gibt und ob diese funktionieren. Sicher ist also sicher. Anschließend begeben wir uns zum Pier, an dem die Fähren nach Devonport abgehen. Lange müssen wir nicht warten, denn der Fahrplan sieht jede halbe Stunde eine Fahrt vor. Offenbar ist Devonport ein beliebtes Ziel.

Tatsächlich ist die Fähre einigermaßen gut ausgelastet, allerdings auch nicht so sehr, daß wir Schwierigkeiten hätten, einen Platz zu finden. Wir sind allerdings gar nicht so sehr daran interessiert, uns zu setzen. Wir begeben uns stattdessen sofort zum hinteren Ende des Schiffes, wo wir auf dessen Deck im Freien stehen können und eine wunderbare Aussicht haben, die sich allerdings im Augenblick noch auf das Ferry Building beschränkt, da wir ja noch nicht abgelegt haben. Das Schiff ist eine reine Personenfähre, nicht gerade klein, aber auch nicht übermäßig groß. Es besitzt drei Decks, deren zwei den Passagieren zur Verfügung stehen, während das dritte – obere – nur den Führerstand beherbergt. Betrieben wird unsere Fähre von Fullers Ferry, einem Unternehmen, das den Nahverkehr zu Wasser in Auckland fest in der Hand zu haben scheint, denn soweit ich sehen kann, tragen alle Fähren hier seinen Namenszug. Was Schiffstypen angeht, habe ich nur ausgesprochen rudimentäre Kenntnisse. Sie reichen jedoch soweit aus, um festzustellen, daß unsere Fähre ein Katamaran ist. Zu erfahren, daß er auf den Namen „Kea“ hört, erfordert hingegen kein besonderes Vorwissen. Dafür muß ich nur lesen können, denn der Name steht am Heck. Oder zumindest an dem, was ich für das Heck halte. Denn wie ich später herausfinden werde, ist unser Schiff der Länge nach symmetrisch gebaut, was es ihm ermöglicht, in beide Richtungen gefahren werden zu können, ohne wenden zu müssen. Das spart enorm Zeit und erlaubt es, den halbstündigen Fährbetrieb zwischen dem Fährterminal und Devonport nur mit diesem einen Schiff zu bewerkstelligen. Die Überfahrt selbst dauert nämlich nicht einmal eine Viertelstunde. Der Name „Kea“ ist im übrigen ganz passend für ein Schiff, das in den Gewässern Aucklands verkehrt, denn der Kea ist ein in Neuseeland beheimateter Vogel, der vorwiegend in alpinen Regionen lebt und daher gelegentlich auch als Bergpapagei bezeichnet wird. Leider ist er – wie so viele andere Tierarten auf der Welt auch – vom Aussterben bedroht.

Abfahrt vom Fährterminal in Auckland
Auch von seiner „Seeseite“ bietet das Ferry Building einen wunderschönen Anblick, wie man vom Heck einer gerade ablegenden Fähre sehen kann.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Nun, da ich also den Namen des Schiffseigners ebenso kenne wie den des Schiffs, steht aus meiner Sicht der Fahrt nichts mehr im Wege. Der Steuermann sieht das offenbar genauso, denn just in diesem Augenblick geht es los und unser Schiff legt ab. Solange wir uns noch in den Gewässern des Fährterminals befinden, bewegen wir uns recht gemächlich. Das läßt mir genug Zeit, nacheinander mehrere Fotos in Richtung der Innenstadt Aucklands zu schießen, die sich langsam von uns entfernt – oder wir uns von hier, je nachdem, welche Perspektive man einnimmt. Während das Ferry Building nach und nach kleiner wird, weitet sich unser Blickfeld und wir können nun auch die Hochhäuser sehen, die unmittelbar hinter ihm stehen. Kurz darauf kommen links und rechts weitere hinzu. Stück für Stück formt sich so, je weiter wir uns entfernen, eine Skyline der Central Business District genannten Innenstadt. Und gerade als hinter den Hochhäusern der sie überragende Sky Tower zum Vorschein kommt und die Skyline vervollständigt, sind wir offenbar weit genug in den Waitematā Harbour hinausgefahren, um nun richtig Fahrt aufnehmen zu können. Unser Schiff beschleunigt, und jetzt geht es zügig vorwärts in Richtung Osten, während wir eine breite Spur aufgewühlten Wassers hinter uns herziehen, von der sich mit weißem Schaum gekrönte Wellen keilförmig nach links und rechts entfernen. Das Ganze hat gerade einmal vier oder fünf Minuten gedauert, und wir haben nun ein atemberaubendes Stadtpanorama vor unseren Augen. Auf die Anlagen des Frachthafens mit den großen Hafenkränen und den Lagerhallen ganz links folgt die Skyline der Innenstadt, dominiert von Wolkenkratzern, die den schlanken, eleganten und sie alle überragenden Sky Tower in ihre Mitte genommen haben. Dort, wo die Hochhäuser enden, schließt sich das Wynyard Quarter an, hinter dem die Auckland Harbour Bridge emporsteigt, um – nun schon in weiter Entfernung zu uns – den Waitematā Harbour zu überspannen. Rechts, wo die Brücke schließlich wieder Land erreicht, sehen wir die grünen Ufer von North Shore City. Vor all dem dehnt sich die weite, blau-grüne Wasserfläche des großen Naturhafens, und darüber wölbt sich ein strahlend blauer Himmel, an dem nur ganz vereinzelt ein paar weiße Wölkchen zu sehen sind. Wie hingetupft sehen sie aus. Wir stehen an dem Ende des Schiffs, das aufgrund unserer aktuellen Fahrtrichtung gerade das Heck abgibt, und blicken andächtig auf dieses prächtige Panorama, das sich da vor unseren Augen förmlich entrollt hat.

Ein Auckland-Panorama
Von den Wassern des Waitematā Harbours bietet sich dieses wahrlich beeindruckende Panorama Aucklands, das mit dem Sydneys durchaus vergleichbar ist.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Schiffe verkehren zwischen Auckland – beziehungsweise der heutigen Innenstadt von Auckland – und Devonport schon seit dem Jahr 1840. Anfangs waren es einfache Segelkutter, offen und ohne jeglichen Komfort, die von einheimischen Seeleuten gesteuert wurden. Zwanzig Jahre später hielt die Technik Einzug und die Segelschiffe wurden von Schaufelraddampfern abgelöst.  Mehr als vierzig Jahre darauf, im Jahre 1904, stellte man dann Fähren mit Schiffsschraubenantrieb in Dienst. Mit dem Aufkommen des Autos als Verkehrsmittel erweiterten die Fährenbetreiber ihr Transportangebot auch auf die neuartigen fahrbaren Untersätze. So blieb es bis zum Jahr 1959. Mit der Eröffnung der Auckland Harbour Bridge wurden die Fähren zur Beförderung von Fahrzeugen als überflüssig angesehen und man stellte ihren Betrieb ein. Auch den Betrieb der Passagierfähren reduzierte man drastisch, einige Linien wurden ganz aufgegeben. Doch totzukriegen war der Fährbetrieb nicht. Denn trotz der neuen Brücke blieb die Verbindung zwischen nördlicher und südlicher Seite des Waitematā Harbours für einige Bereiche der sich ausdehnenden Städte Auckland und North Shore City ausgesprochen umständlich und zeitintensiv. Und das verstärkte sich noch, weil sich die Brücke schnell zu einem verkehrstechnischen Nadelöhr entwickelte. So behielt man einige Fährverbindungen bei, die allerdings weniger Fahrten anboten als bisher und auch keine Autos mehr transportierten. Und so verkehren heute zwischen der Innenstadt Aucklands und Devonport nur noch Personenschiffe.

Und dann sind die nicht einmal fünfzehn Minuten, die unsere Fahrt dauert, auch schon wieder fast um. Wir werden langsamer und legen kurz darauf am Fährterminal in Devonport an, dem sogenannten Devonport Wharf. Dieser lehnt sich an den benachbarten Victoria Wharf an, der einst die Anlegestelle für die Autofähren war. Beide Piere sind so angeordnet, daß sie gemeinsam ein großes F bilden. Weil aber beide auch ihren eigenen Zugang zum Festland haben, sieht dieses F so aus, als habe es noch eine Stütze, die es am Umfallen hindert[1]Auf Google Maps kann man sich das sehr schön ansehen..

Als wir das Schiff verlassen haben und über den Pier an Land gegangen sind, finden wir uns auf einem großen Parkplatz wieder. Und weil der nicht sonderlich attraktiv ist, verlassen wir ihn schnell. Rechts liegt eine kleine Grünanlage, die mit ihrer Rasenfläche, vor der einige alte Bäume stehen, wesentlich ansehnlicher wirkt, so daß wir auf sie zugehen. Als wir sie erreicht und damit den Parkplatz, dem man den Namen Marina Square verpaßt hat, hinter uns gelassen haben, bietet sich uns bereits ein ganz anderes, wesentlich verlockenderes Bild. Unmittelbar vor uns beschreibt eine Straße, parallel zum Ufer aus westlicher Richtung kommend, eine Kurve und führt in nördlicher Richtung direkt in den Ort hinein. An der Ecke, um die sie herumführt, steht ein Gebäude, das, seiner äußeren Erscheinung nach zu urteilen, direkt aus einem Seebad stammen könnte. Seine beigefarbene Fassade mit in Ockertönen abgesetzten Kanten, Pilastern und Fenstereinfassungen beschreibt eine ebensolche Kurve wie die Straße vor ihm, wobei sie allerdings nicht perfekt rund, sondern vorn abgeflacht ist, so daß sich eine Hauptfront ergibt, die direkt auf die Straßenecke hinausgeht. Bekrönt mit einem oben abgerundeten, von zwei kleinen Ziertürmchen flankierten Scheingiebel, in dessen Mitte ein tiefblaues Schild mit der weißen Aufschrift „The Esplanade Hotel“ prangt, bietet sie Besuchern im Erdgeschoß den Haupteingang des Gebäudes dar. Und damit diesen der Zweck des Hauses auch keinesfalls entgeht, ist der Zugang mit einer ebenso tiefblauen Markise versehen, auf deren Blende der Name des Hotels in großen weißen Lettern wiederholt wird.

The Esplanade Hotel in Devonport
Direkt vom Fähranleger in Devonport kommend, wird man als erstes vom Esplanade-Hotel begrüßt, einem mehr als einhundert Jahre alten Seehotel.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Dieses Esplanade-Hotel sieht nicht nur so aus, es ist tatsächlich ein typisches Seehotel aus der Zeit des Übergangs vom 19. zum 20. Jahrhundert. Vor seiner Errichtung hatte es mit dem alten Flagstaff Hotel bereits ein solches Etablissement gegeben, das im Jahr 1900 seinen Besitzer wechselte. Die lokale Firma Northern Property Limited, die es erwarb, hatte allerdings kein Interesse daran, es weiterzubetreiben. Da sie vielmehr Pläne für einen Neubau im Stile der aus den englischen Küstenstädten Brighton und Blackpool bekannten Kurhotels hatte, ließ sie es kurzerhand abreißen. 1901 begann man mit dem Neubau, zwei Jahre später war er fertiggestellt. Dem neu errichteten Hotel gab man ganz folgerichtig den Namen des damals bekanntesten Kurhotels im englischen Brighton: The Esplanade Hotel. Schnell entwickelte sich das Etablissement, da es gut geführt wurde, zu einem beliebten Hotel im damaligen Seebad Devonport. Es wechselte im Laufe der Zeit mehrfach den Besitzer, blieb aber stets als Hotel erhalten – bis zum heutigen Tag, an dem wir nun davorstehen und es betrachten.

Wir setzen unseren Weg in die kleine Grünanlage fort, die den Namen Windsor Reserve trägt. Unser Ziel ist der kleine Sandstrand, der sich direkt an den Park anschließt. Es ist der erste, den wir seit unserer Ankunft in Auckland finden. Dort angekommen, werfen wir nicht nur einen andächtigen Blick hinaus auf die weite Fläche des Waitematā Harbour und das jenseitige Ufer, sondern nutzen auch die Gelegenheit, endlich einmal wenigstens die Füße ins Wasser zu halten. Wenn man schon einmal am Pazifik steht… Der Vollständigkeit halber sei berichtet, daß es recht kalt ist – baden wollen wir also nicht nur wegen fehlender Badesachen lieber nicht. Obwohl das ohne weiteres möglich gewesen wäre, denn wir sind heute die einzigen Menschen hier. So werden wir bei unserem Tun lediglich von einer Schar Möwen beobachtet, die die beiden Besucher, die da so einfach über ihren Strand laufen, argwöhnisch beäugen.

Leider schenken wir in unserem Bestreben, den Strand zu erreichen, der kleinen Grünanlage kaum nennenswerte Beachtung. Nun, außer der bereits erwähnten Rasenfläche und den Bäumen, einem Spielplatz und einer öffentlichen Toilette hat sie dem Auge auch nicht sonderlich viel zu bieten. Meinen wir jedenfalls. So entgeht uns allerdings ein Detail, von dem ich leider erst später erfahre, das ich aber gerne gesehen hätte. Denn irgendwo im Boden dieses überschaubar großen Parks ist eine kleine Tafel eingelassen, die folgende einfache Inschrift trägt:

On this site in 1897 nothing happened.

Die Übersetzung lautet:

An dieser Stelle ist 1897 nichts passiert.

Es heißt, diese Tafel sei eines Nachts unverhofft hier aufgetaucht, also – wohl heimlich – angebracht worden. Sie sei ein Beweis für den Humor des in Devonport geborenen Terry Sheehan, der wohl für sie verantwortlich zeichnete. Sheehan, der sich einst scherzhaft zum „König von Devonport“ in der „Republik des Flaggenmasts“ erklärt hatte, war allerdings nicht einfach nur ein Witzbold.  2013 neunundsiebzigjährig verstorben, ist Sheehan bis zum heutigen Tage für seine Wohltätigkeit und sein Engagement in den Bereichen Verlagswesen, Werbung und Rugby ebenso bekannt wie für sein Talent zum Witzeerzählen. Die Tafel, sagt man, sei somit auch ein Denkmal für ihn und seinen Humor. Und dieser ist in diesem Zusammenhang durchaus hintergründig, denn der Erinnerungstext auf der Tafel, der zunächst einmal vollständig der Wahrheit entspricht, bezieht sich mit der Jahresangabe 1897 ziemlich sicher auf die Furcht der damaligen Neuseeländer vor einer Invasion der russischen Pazifikflotte, die zur Absicherung gegen den erwarteten Angriff in der Gegend um Auckland Waffen aufstellten und militärische Einrichtungen etablierten. Wir waren bereits im Albert Park darauf gestoßen, doch auch in Devonport, das schon damals ein Marinestützpunkt war, hatte man entsprechende Vorkehrungen getroffen. Passiert war dann allerdings, wie es auch die Erinnerungstafel feststellt, nichts. Wie sagt man so schön: genau mein Humor!

Die Geschichte des kleinen Devonports beginnt bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, was es zu einem der ältesten Vororte Aucklands macht. Bereits um etwa 1840 war das Gebiet der Stadt besiedelt worden, wobei man bei dieser Jahresangabe nur die Landnahme durch eingewanderte Europäer berücksichtigt. Māori-Siedlungen hatte es auf der Halbinsel, auf der Devonport sich befindet, bereits lange vorher gegeben. Zunächst gab man dem Ort den Namen Flagstaff, was auf Deutsch Flaggenmast bedeutet. Tatsächlich war zu jener Zeit auf dem nahegelegenen Berg ein solcher aufgestellt worden, der der Kommunikation mit den Schiffen im Waitematā Harbour diente. Folgerichtig nannte man den Berg zunächst einfach Flagstaff Hill, gab ihm aber noch in den 1840ern den neuen Namen Mount Victoria, zu Ehren der seit 1837 regierenden englischen Königin. 1859 benannte man dann auch den Ort um, wobei man die gleichnamige englische Stadt als Namenspatron wählte. Der erwähnte Marinestützpunkt war bereits in den Anfangstagen der Stadt westlich von ihrem Zentrum als Reede für die Schiffe der Royal Navy entstanden. Aus dieser entwickelte sich die noch heute bestehende Devonport Naval Base, die die größte Basis der Royal New Zealand Navy ist. Bis 1989 blieb der Ort selbständig. Dann wurde er Teil von North Shore City, das, wie wir bereits wissen, die einst viertgrößte Stadt Neuseelands war. Gemeinsam mit dieser wurde Devonport dann 2010 in Auckland eingemeindet. Heute ist der Ort bei den Einwohnern der Großstadt für seinen altertümlichen Charme bekannt und beliebt. Es heißt, sie kämen abends nach Feierabend gerne mit der Fähre herüber, zu einem gemütlichen Abendessen in einem der zahlreichen Restaurants und Cafés des Ortes.

Nun, von diesem Charme wollen wir uns nun höchstpersönlich überzeugen, und so überlassen wir, als wir unsere Strümpfe und Schuhe wieder an den Füßen haben, den Möwen ihren Strand wieder für sich und machen uns auf den Weg zu der in den Ort hineinführenden Straße, die wir auf unserem Weg hierher bereits bemerkt hatten.

Die Victoria Road, wie diese Straße heißt, wurde ebenfalls zu Ehren der britischen Königin, die dreiundsechzig Jahre das Oberhaupt des britischen Empires war, benannt – wie übrigens auch der Victoria Wharf, den wir schon bei unserer Ankunft in Devonport kennengelernt hatten – und kann als die Hauptstraße des Zentrums Devonports angesehen werden. Gesäumt von zahlreichen Cafés und Restaurants, die ebenso zum Verweilen einladen wie die vielen kleinen Läden, deren Angebote von Papierwaren über Schmuck und Spielzeug bis hin zu Büchern und Kleidern reichen, ist sie ein wahres Paradies für Bummler.

The Arcade in Devonport, Auckland
Ein langgestreckter historischer Bau mit nur einem Obergeschoß, in der Mitte ein bogenförmiger Eingang, in dessen Wölbung der Name der Einkaufspassage steht – das ist „The Arcade“ in der Victoria Road in Devonport.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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In dieses Paradies treten nun auch wir ein, als wir gegenüber der Windsor Reserve in einem langgestreckten Gebäude durch einen bogenförmigen Eingang hindurch eine Einkaufspassage betreten, die sich einfach „The Arcade“ nennt. In den 1870er Jahren errichtet, verbindet sie die Victoria Road mit der parallel verlaufenden Wynyard Street. Dem Gebäude mit der hellen bläulich-grauen Fassade, in dem ihr Eingang liegt, sieht man deutlich an, daß es wie die meisten Häuser in dieser Straße aus einer anderen Zeit stammt. Hohe, schmale Bogenfenster reihen sich im einzigen oberen Stockwerk nebeneinander, darüber krönt eine Balustrade die Fassade, die direkt über dem Eingang dessen Bogen wiederholt. In ihrem Inneren ist die Einkaufspassage – ganz im Gegensatz zu anderen Vertretern ihrer Art, die ich beispielsweise in den australischen Städten Sydney, Melbourne oder Adelaide kennengelernt habe – völlig unprätentiös. Sie kommt gänzlich ohne den Glanz und Glamour aus, den ich dort angetroffen habe; sicher eine direkte Folge dessen, daß Devonport niemals eine Großstadt war, sondern immer eher den Charakter eines Seebades hatte. Tatsächlich möchte ich die Arkade, die wir hier durchwandern, in ihrer inneren Ausgestaltung rustikal nennen, wirkt sie doch in ihrem hinteren Teil sogar so, als hätte man einfach einstige Hinterhöfe und Durchgänge überdacht, um eine Arkade zu schaffen. So finden wir uns unverhofft in einem Restaurant oder Café wieder, dessen Wände so aussehen, als seien es früher die aus Ziegeln erbauten Außenwände von Häusern mit spitz zulaufenden Dächern gewesen. Diese Form wird von dem Glasdach über dem Lokal aufgenommen, was den Eindruck verstärkt, das wir uns hier in einem früheren Hof befinden. Am anderen Ende der Arkade, dort, wo sie die Wynyard Street erreicht, ist es dann mit dem altertümlichen Charme allerdings ganz vorbei. Als wir dort ins Freie treten, stehen wir noch ein Stück von der Straße entfernt auf einem kleinen Parkplatz – schon wieder -, der an drei Seiten von eingeschossigen Bauten umgeben ist, die eher an provisorische Baracken erinnern als an Häuser. Kehren wir lieber wieder um.

Durch die Passage zurückgelangt zur Victoria Road, wandern wir diese weiter in Richtung Norden, dem Berg entgegen, der sich an ihrem hinteren Ende erhebt und ihr dort ein natürliches Ende zu bereiten scheint. Das muß der Mount Victoria sein. Schauen wir mal.

Auf der anderen Straßenseite, dort, wo sich hinter der in die Victoria Road einmündenden King Edward Parade der kleine, Windsor Reserve genannte Park fortsetzt und ein Flachbau die städtische Bibliothek beherbergt, schimmert unter den Blättern der Bäume etwas Knallbuntes hervor. Neugierig wechseln wir die Straßenseite, um uns das einmal anzuschauen. Als wir dort ankommen, bleiben wir zunächst kurz vor einer Statue stehen, die auf einem Sockel aus Feldsteinen steht und einen uniformierten Soldaten zeigt, der seinen Hut in der Hand trägt und ein Gewehr mit aufgepflanztem Bajonett über der Schulter hängen hat. Dieses von Francis Ennis Lynch geschaffene Denkmal erinnert, wie eine an seinem Fuße befindliche Plakette mitteilt, an die Männer aus Devonport, die im Ersten Weltkrieg ihr Leben verloren. Die Namen der Getöteten sind auf einer großen Tafel, die vorn am Sockel angebracht ist, aufgelistet. Eine weitere Sammlung von Namen ist in späterer Zeit an der Seite des Denkmals ergänzt worden. Sie führt die Namen der Einwohner Devonports auf, die der kleine Ort im Zweiten Weltkrieg verloren hat. Unwillkürlich kommt mir der Gedanke in den Sinn, daß zu hoffen bleibt, daß nicht in Zukunft eine weitere Ergänzung dieses Denkmals erforderlich sein wird und daß, sollte das doch der Fall sein, möglicherweise niemand mehr da sein wird, der diese vornehmen könnte.

Schnell schüttele ich diese düsteren Gedanken ab und wende mich einem großen Baum zu, der hinter einer ausladenden, hölzernen Bank mit steinerner Rückwand steht, die einen weiten Halbkreis formt und das Denkmal an seiner hinteren Seite förmlich umarmt. Dieser Baum, aus dessen Basis riesigen Umfangs bereits in einem Meter Höhe drei sehr dicke Stämme herauswachsen, ist in einen bunten Flickenteppich eingehüllt, der bis in eine Höhe von wenigstens zwei Metern, wenn nicht mehr, hinaufreicht und somit sowohl die Basis als auch die drei Stämme jeweils einzeln umhüllt. Flickenteppich ist dabei keineswegs despektierlich gemeint, sondern soll lediglich die Art der Umhüllung illustrieren, die wahrlich aus vielen einzelnen, unterschiedlich großen Flicken in allen möglichen Farben und Mustern zusammengesetzt ist. Alle sind gestrickt oder gehäkelt. Hier sind bunte Blumen zu sehen, dort scheinen Wellen hin und her zu schwappen. An einer Seite blickt mich eine rote Maske an, deren Nase und – sind das Stoßzähne? – sogar aus ihr herausragen. Dreidimensionale Strickkunst sozusagen. Hier bunte Sterne, vielleicht Seesterne, kleine Häuser und Blumen, dort schrille farbige Streifen. Und an einer Seite steht sogar etwas – „tearoha“ entziffere ich. Damit kann ich gerade nichts anfangen, werde aber später herausfinden, daß Te Aroha der Name eines Berges und auch eines Ortes ist, die sich nicht allzuweit von Auckland entfernt befinden. Das müssen aber fleißige Stricklieseln gewesen sein, die diese wunderhübsche Baumumhüllung zusammengestellt haben; die Strickfranzeln natürlich nicht zu vergessen, die es möglicherweise auch gegeben haben mag. Während ich mir dieses farbenprächtige Zeugnis leidenschaftlicher Handarbeitskunst recht verwundert anschaue, versuche ich, hinter den Sinn, der sich darin verbergen mag, zu kommen, was mir zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht so recht gelingt. Tatsächlich, so lerne ich bei meinen späteren Recherchen, hat sich Derartiges weltweit zu einem gewissen Trend entwickelt, der mit Urban Knitting bezeichnet wird, was man mit „Städtischem Stricken“ nur unzureichend ins Deutsche übersetzen kann. Eine andere Bezeichnung ist Guerilla Knitting – „Guerilla-Stricken“. Dabei geht es wohl darum, Gegenstände, die sich im öffentlichen Raum befinden, durch Stricken so zu verändern, daß sie aus ihrer Unscheinbarkeit heraustreten und auffallen. Das kann durch das Anbringen gestrickter Accessoires geschehen oder aber auch – wie hier – bis zum Einstricken ganzer Stadtmöbel reichen. Und Bäume, möchte ich angesichts unserer Entdeckung hier in Devonport ergänzen. Was es nicht alles gibt…

Baumschmuck in der Windsor Reserve in Devonport, Auckland
Ein wahrlich meisterhaftes Beispiel für Urban Knitting finden wir in Devonport.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Wir wandern weiter die Victoria Road entlang, wobei wir auf der rechten Straßenseite bleiben. Am Ende des Parks überqueren wir eine weitere Straße, die den Namen Flagstaff Terrace trägt – geschichtsbewußt scheint man ja hier zu sein -, dann beginnt auch auf unserer Seite der Victoria Road die Bebauung. Hinter einem unspektakulären modernen Flachbau weckt gleich das zweite Haus mein Interesse. In einem knalligen Gelb gehalten, das im Licht der hell strahlenden Sonne vielleicht noch stärker leuchtet als sonst, fällt es dem vorüberschlendernden Passanten zwangsläufig ins Auge. Architektonisch ist es eher schlicht. Ein quaderförmiger Bau mit einem Obergeschoß, der Eingang ganz links, die Fenster rechteckig und aus mehreren kleinen, ebenfalls rechteckigen Scheiben zusammengesetzt, die durch Leisten miteinander verbunden werden. Von weitem sieht es aus, als wären die Fenster mit Querstreben vergittert. Das ist durchaus kein Zufall, denn dieses Querstrebenmotiv setzt sich im Mauerwerk links und rechts der Fenster direkt fort. In der Mitte, zwischen dem Erd- und dem Obergeschoß, ist das Gebäude mit einer Art Sims versehen, der – so mittig, wie er angeordnet ist – wie eine Banderole wirkt, die das Haus umhüllt. In der Mitte dieses Simses ist an der Vorderseite in großen Buchstaben „POST OFFICE“ zu lesen. Insgesamt wirkt das Gebäude recht nüchtern. Einziger Schmuck sind ein in die Fassade eingelassenes Wappen über der Eingangstür, zwei Fahnenmasten, die links und rechts über dem Dach in die Höhe ragen, an denen jedoch keine Flagge im Winde flattert, sowie ein in der Mitte auf das Obergeschoß aufgesetzter, achteckiger Minipavillon, der mir jedoch nicht so recht dorthin zu passen scheint, wirkt er doch viel zu verspielt, um mit der sonstigen Nüchternheit des Baus zu korrespondieren.

Das frühere Postamt von Devonport, Auckland
Das alte Postamt in der Victoria Road in Devonport nimmt heute niemandem mehr Pakete ab. Es ist eine Einkaufspassage.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Errichtet wurde das Haus 1938. Daß es ein Gebäude aus Stahlbeton ist, sieht man zwar nicht auf den ersten Blick, erklärt mir aber den nüchternen Eindruck, den es mir vermittelt. Natürlich gab es zu jener Zeit schon ein Postamt in Devonport. Dieses befand sich in einem älteren Gebäude auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Daß man trotzdem ein neues baute, geht auf ein landesweites Bauprogramm zur Errichtung neuer Postämter zurück, das die erste Labour-Regierung Neuseelands ins Leben gerufen hatte und das Bestandteil eines sogenannten Expansionsprogramms war. Dessen Zweck bestand darin, die Umsetzung der großen Sozialreformen nach der Großen Depression zu unterstützen. Den Entwurf lieferte der Architekt Norman Wade, der sich des Baustils der sogenannten Stromlinienmoderne bediente. Davon hatte ich vor diesem alten Postamt und meiner Beschäftigung mit seiner Geschichte noch nie etwas gehört. Reisen bildet eben tatsächlich.

Im Inneren, so lese ich, besaß das Postamt im Erdgeschoß eine zur Victoria Road gelegene Hauptvorhalle, einen großen öffentlichen Raum, ein Arbeitszimmer für den örtlichen Postmeister und eine geräumige Poststelle. In der oberen Etage hatte der Postmeister eine Wohnung für sich und seine Familie. Ein Gebäude ganz im Dienste der neuseeländischen Post also. Und dennoch können wir hier keine Briefmarken mehr kaufen, denn bereits im Jahr 1991 hatte man dieses Postamt aufgegeben. Stattdessen kam nun ein privates Museum hier unter: Jackson’s Muzeum of Automobilia, Sounds, Victoriana and Collectables. Hier wurden also in erster Linie Sammlerstücke präsentiert – solche, die im Zusammenhang mit Automobilen standen, Erinnerungsstücke aus viktorianischer Zeit und überhaupt alles, was sich irgendwie sammeln ließ. Im Unklaren bin ich mir allerdings darüber, was man wohl in Verbindung mit Sounds ausgestellt haben mag. Klänge? Vielleicht alte Schallplatten? Wie auch immer, wenn das Museum auch nur halb so interessant war wie sein Name lang, dann war es bestimmt großartig. Im Zuge seiner Einrichtung wurde übrigens erst jetzt der kleine Pavillon auf der Vorderfront errichtet, was den etwas fremdartigen Eindruck erklärt, den er dort hinterläßt. Als wir nun vor dem Gebäude stehen, gibt es das Museum allerdings auch schon wieder nicht mehr. 2008 hatte man aus dem alten Postgebäude eine Einkaufspassage gemacht. Kommerz schlägt Kultur.

Ein Haus weiter stoßen wir gleich auf eine weitere, ebenso ehemalige Einrichtung des öffentlichen beziehungsweise geschäftlichen Lebens einer Stadt. Im Gegensatz zum Posthaus hebt sich hier die Frontseite architektonisch deutlich vom Rest des Gebäudes ab. Mit ihren vier Pilastern, die oben in mit Voluten versehenen Kapitellen enden, über denen ein Architrav angedeutet ist, folgt diese Fassade klassizistischen Architekturelementen. Schaut man jedoch nicht nur von vorn auf das Gebäude, sondern wirft einen Blick auf dessen Seiten, stellt man fest, daß es sich lediglich um eine Scheinfassade handelt. Bereits in zwei Metern Tiefe wechseln plötzlich Farbe und Höhe des Gebäudes. Vorn in dunklem Grüngrau gehalten, ist das Gebäude im hinteren Teil weiß getüncht, ohne jeden architektonischen Schmuck. Auch die Höhe gibt gut einen Meter nach. Tatsächlich ist dieses vom Architektenbüro Edward Mahoney and Son entworfene und in den Jahren 1925/26 errichtete Gebäude ein einfacher Ziegelbau, dessen Frontseite mit aufwendig gestaltetem Putz geschmückt ist. Will man wissen, für wen man sich denn eigentlich diese Mühe gemacht hat, das Gebäude mit einer solchen Scheinfassade auszustatten, muß man nur einen Blick auf den Architrav werfen. Dort steht heute noch deutlich zu lesen:

BANK OF NEW ZEALAND

Die frühere Filiale der Bank of New Zealand in Devonport, Auckland
Ein Pub mit der Aufschrift „Bank of New Zealand“ – für den zufällig vorbeikommenden Touristen verwirrend, doch wenn man die Geschichte des Hauses kennt, versteht man den Zusammenhang.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Eine Bank also. Nun, das Bankgewerbe dürfte sich in den 1920er Jahren eines gewissen Wohlstands erfreut haben. Da muß es auch nicht verwundern, daß man diesen Aufwand bereits für eine Bankfiliale betrieben hat. Denn um eine solche handelt es sich bei dem Gebäude, das wir uns gerade ansehen. Die Bank of New Zealand hatte im Jahre 1925 einen Pachtvertrag für das Grundstück erhalten, was aber an die Bedingung geknüpft war, daß sie darauf ein großes Gebäude errichtete, daß für Bankzwecke genutzt würde. So entstand dieses im klassizistischen Stil verputzte Ziegelsteingebäude, das im vorderen Teil des Erdgeschosses die Bankräume beherbergte, während im hinteren Teil und im ersten Stock die Wohnung des örtlichen Geschäftsführers untergebracht war. Die Bankfiliale hatte in dem Gebäude bis 1975 Bestand, dann zog sie an einen anderen Ort in der Straße um. Seitdem wurde das Gebäude als Restaurant und als Bar genutzt. Daß es einst eine Bank war, sieht man daher heute nur noch an der bereits erwähnten Aufschrift an der Frontseite.

Wir wandern weiter die Victoria Road entlang und betrachten die Häuser links und rechts der Straße. Hier und da hat sich auch einmal ein Gebäude neueren Datums zu den älteren Bauten hinzugesellt. Erfreulich ist, daß man dies hier nur dann zu erlauben scheint, wenn sich die Neuankömmlinge in Höhe und Stil ihrem Umfeld anpassen. Jedenfalls begegnen uns keine gröberen Bausünden, die den Charme, den Devonport – zumindest in seiner Hauptstraße – ausstrahlt, stören oder gar zerstören würden.

Nach einer Weile und dem Überschreiten einer weiteren Querstraße kommen wir schließlich an ein Gebäude, das seine Kollegen in der Victoria Road dann doch deutlich überragt. Ganz offensichtlich handelt es sich jedoch nicht um einen Bau aus heutiger Zeit. Die Art-déco-Fassade deutet vielmehr auf eine viel frühere Entstehungszeit hin. Wie bei vielen Gebäuden in den Geschäftsstraßen Aucklands und damit auch Devonports wird der Gehweg von einem über dem Erdgeschoß angebrachten Vordach überschattet, das am Haupteingang auf der linken Seite des Hauses eine leichte Wölbung besitzt. Diese wird von dem daran befindlichen Schriftzug nachgeahmt. Wir lesen:

Victoria Picture Palace / Theatre

Abgesehen davon, daß man sich nicht ganz sicher zu sein scheint, ob das Gebäude nun eher ein Filmpalast oder ein Filmtheater sein soll, treffen wir hier erneut auf die große Königin als Namenspatronin. Victoria Wharf, Mount Victoria, Victoria Road und nun der Victoria Picture Palace oder das Victoria Picture Theatre – die Verehrung für die englische Monarchin scheint hier wahrlich grenzenlos zu sein. Ich wage die Vermutung, wir werden in diesem Ort nicht zum letzten Mal auf ihren Namen gestoßen sein.

Der Victoria Picture Palace in Devonport, Auckland
Victoria Picture Palace oder Victoria Picture Theatre – das ist hier die Frage. Im besten Falle einfach beides.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Erbaut hat das Filmtheater der Amerikaner John Leon Benwell im Jahre 1912 – also noch in der Stummfilmzeit. 965 Plätze hat es damals gehabt – eine stolze Anzahl, wenn man bedenkt, daß Devonport zu jener Zeit noch ein selbständiger und nicht gerade großer Ort war. Seitdem hat dieses Gebäude, sieht man einmal von notwendigen Phasen der Renovierung ab, ununterbrochen genau dem Zweck gedient, zu dem es errichtet worden war: Filmtheater zu sein. Es ist damit das älteste noch existierende und betriebene Kino der südlichen Hemisphäre. Eine der erwähnten Renovierungs- bzw. Umbauphasen fand im Jahr 1929 statt, während der man das Kino äußerlich im Art-déco-Stil umgestaltete und inwendig zu einem modernen Kino für die Aufführung von Tonfilmen aufrüstete. Als kurz nach der Jahrtausendwende, im Jahre 2001, die Schließung und darauffolgende Umwandlung in ein Apartmenthaus drohten, setzten sich lokale Bürgerinitiativen für den Erhalt des Kinos ein und erreichten fünf Jahre später, daß es vom Stadtrat von North Shore City erworben wurde und seine Bestimmung als Filmtheater behielt.

Kurz hinter dem Kino haben wir den Punkt erreicht, den wir aus der Ferne für das Ende der Straße und den Beginn des Berges gehalten hatten. Jetzt, wo wir hier angekommen sind, ist dieser allerdings immer noch ein Stück entfernt, auch wenn das Gelände bereits anzusteigen beginnt. Die Victoria Road ist folglich hier auch nicht zu Ende, sondern beschreibt stattdessen eine weite Kurve nach links, um den Berg zu umgehen. Geradeaus führt nun lediglich eine schmale Straße weiter, die allerdings eine gewisse Steigung aufweist. An ihrem Beginn entdecken wir ein Schild, daß eine kleine Karte des vor uns liegenden Geländes zeigt und darüber verkündet:

Mount
Victoria

Wir haben also tatsächlich den nach der Königin benannten Berg vor uns. Dieser ist, wie sollte es in Auckland auch anders sein, ein weiterer Vulkan des Auckland Volcanic Fields. 87 Meter ist er hoch. Die Māori, die einst auf seinem Hang siedelten und von deren Dorf sich noch einige Reste von Erdbefestigungen erhalten haben, nennen den Berg Takarunga, was „Hügel, der oben steht“ bedeutet.

Weil die sich abwendende Victoria Road nun in ein reines Wohngebiet zu führen scheint und uns die Aussicht vom Gipfel des Berges mehr interessiert, beginnen wir kurz entschlossen mit dem Aufstieg. Nun, das klingt gewaltiger, als es ist. Zunächst wandern wir die schmale Straße entlang, die sich wohl noch keinen eigenen Namen verdient hat, wobei wir eher gemächlich bergauf zu gehen haben. Es folgt eine Rechtskurve, hinter der es weiter hinaufgeht, bis wir nach wenigen Schritten schließlich an einem Gatter stehen, das die Straße für Autos absperrt – zumindest, soweit es den allgemeinen Publikumsverkehr betrifft. Für uns Fußgänger ist es natürlich ein Leichtes, darum herumzugehen, und so folgen wir der Straße weiter den Berg hinauf.

Es geht nun erst in eine Linkskurve und dann weiter gemächlich in die Höhe. Wieder sind wir nur einige Meter gegangen, als wir links neben der Straße ein großes einstöckiges Gebäude mit Spitzdach entdecken. Es scheint ein hübsches Wohnhaus zu sein, ganz aus Holz errichtet, mit einer um die uns zugewandte Ecke herumlaufenden Veranda. Ein Schornstein verspricht einen Kamin im Inneren des Hauses, was mich sofort an heimelige Abende am flackernden Kaminfeuer denken läßt. In einem Schaukasten an der Straße bemerke ich drei große Tafeln mit Texten und Fotos, auf deren einem ich das Gebäude wiederzuerkennen glaube. Neugierig trete ich näher. Was mag wohl an einem einfachen Wohnhaus an einem Berghang so besonders sein, daß man dazu derart viel Information aushängen muß?

Die mittlere der drei Tafeln klärt mich darüber auf, daß es sich bei dem Haus mitnichten lediglich um irgendein Domizil irgendeiner Familie handelt. Was ich hier vor mir habe, ist das sogenannte Signalman’s House – das Haus des Signalmanns. Neugierig lese ich weiter und bekomme gleich noch eine Lektion in Devonports Geschichte.

Es war im Jahre 1842, als man auf dem Gipfel des Berges, an dem das Gebäude steht, eine Signalstation zur Kommunikation mit den Schiffen im Waitematā Harbour einrichtete, deren wichtigstes Utensil ein Flaggenmast war. Nun, das weiß ich schon. Dieser Mast war ja zunächst auch der Namensgeber für den Berg und den Ort zu seinen Füßen gewesen. Von dort oben, heißt es weiter, hatte man nicht nur einen weiten Blick auf den Naturhafen, sondern auch auf den Hauraki-Golf, denn Devonport und der Mount Victoria liegen auf einer Halbinsel zwischen beiden. Somit war der Berg der ideale Standort für eine solche Signalanlage. Und diese war für die Einwohner und insbesondere die Kaufleute Devonports, aber auch Aucklands von immenser Bedeutung. Zu jener Zeit konnte es, wenn ein einlaufendes Schiff das erste Mal gesichtet wurde, schon einmal drei Tage dauern, bis es in Auckland auch tatsächlich ankam. Heute ist das kaum noch vorstellbar.

Natürlich mußte eine solche Signalstation auch betreut und gewartet werden. Diese Aufgabe übernahmen sogenannte Signalmen – Signalmänner. Zunächst lebten diese lediglich in einem Zelt oder einer einfachen Reethütte auf dem Gipfel. Doch weil das auf Dauer nicht als angemessene Unterbringung durchgehen konnte, baute man schließlich in der Nähe des Gipfels für sie ein festes Haus, für das sich die Bezeichnung „Signalman’s House“ einbürgerte. 1898 mußte der amtierende Signalmann dann umziehen, Man errichtete ihm ein neues Haus, das weiter unten am Hang plaziert wurde. Dieses vom Architekten Edward Bartley entworfene Wohnhaus – Bartley war übrigens ein Einwohner Devonports – sehen wir heute vor uns.

Signalman's House am Mount Victoria in Devonport, Auckland
Ein idyllisches Wohnhaus am Hang des Mount Victoria – das alte Signalman’s House, in dem heute das Michael King Writers‘ Centre untergebracht ist.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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1930 legte man die Signalstation schließlich aus wirtschaftlichen Erwägungen still. Der letzte Signalmann durfte mit seiner Frau allerdings weiterhin in dem Haus wohnen bleiben. Nachdem er 1943 verstorben war, lebte seine Witwe noch bis 1968 darin. Danach übernahm die Stadt das Haus.

Wie mir nun die erste Tafel erläutert, wurde im Jahre 2004 das Michael King Writers‘ Centre ins Leben gerufen und erhielt das Signalman’s House von der Stadt North Shore City, die es nach der Eingemeindung Devonports nun besaß, langfristig zur Verfügung gestellt. Auf der Tafel lese ich:

The Michael King Writers‘ Centre is the first full writers‘ facility and literary centre in New Zealand.

The national facility aims to support writers and to promote all aspects of New Zealand literature, both fiction and non-fiction.

Übersetzt heißt das:

Das Michael King Writers‘ Centre ist die erste umfassende Einrichtung für Schriftsteller und ein Literaturzentrum in Neuseeland.

Ziel dieser nationalen Einrichtung ist es, Schriftsteller zu unterstützen und alle Aspekte der neuseeländischen Literatur, sowohl der Belletristik als auch der Sachliteratur, zu fördern.

Klingt ehrgeizig. Doch unwillkürlich drängt sich mir die Frage auf, was ein solches Zentrum wohl mit diesem Wohnhaus anfängt. Darauf liefert mir der Text sogleich die Antwort. Das Zentrum stellt dieses Haus jedes Jahr Schriftstellern zur Verfügung, die es für die Arbeit an einem ganz konkreten Projekt als Gäste nutzen können. So eine Art Schriftsteller in Residence also. Extra dafür hat man das Haus 2006 einer umfassenden Renovierung unterzogen. Nun gibt es hier zwei Schlafzimmer mit jeweils eigenem Bad, ein separates Arbeitsstudio für den Gastautor sowie einen Aufenthaltsraum und einen Verwaltungsraum. Diese stehen für literarische Veranstaltungen zur Verfügung, während das zweite Schlafzimmer für kurzfristige Aufenthalte  an Schriftsteller oder aber als Arbeitsraum vermietet werden kann. Für aufstrebende Schriftsteller ist das bestimmt eine großartige Unterstützung, zumal sie, wenn sie und ihr Projekt ausgewählt werden, die Unterkunft kostenlos und überdies ein Stipendium erhalten.

Natürlich wäre es nun auch interessant zu wissen, wer denn nun eigentlich Michael King ist oder war, nach dem dieses Zentrum benannt ist. Natürlich hat man mit diesem meinem Interesse gerechnet und extra dafür die dritte Tafel in den Schaukasten gehängt. Sie verrät mir, daß Michael King 1945 geboren wurde und einer der bedeutendsten Biographen und Historiker Neuseelands war, dessen großer Beitrag zur schriftlichen Geschichte Neuseelands darin bestand, sie zugänglich gemacht zu haben. Er schrieb Biographien über führende Māori und bedeutende Pakeha-Schriftsteller und wird insbesondere von den Nachfahren der Moriori dafür verehrt, daß er die Geschichte dieser Volksgruppe von den Chatham-Inseln erforscht und aufgeschrieben hat. Als Schriftsteller, der sich nach erfolgreicher Karriere in Wissenschaft und Journalismus 1976 entschieden hatte, das Schreiben zu seinem Hauptberuf zu machen, wußte er aus eigener Erfahrung, wie schwer es unter Umständen sein konnte, von dieser Tätigkeit leben zu müssen. Aus diesem Grunde befürwortete er stets die Idee eines Zentrums, das neuseeländische Schriftsteller unterstützen sollte. Als er im Jahre 2004 zusammen mit seiner Frau bei einem Autofall ums Leben kam, setzten einige seiner Freunde und literarischen Weggefährten diese Idee in die Tat um und riefen das Writers‘ Centre ins Leben, dem sie ihm zu Ehren seinen Namen verliehen.

Ich bin beeindruckt. Dieses Zentrum und sein ehrgeiziges Projekt nötigen mir Respekt ab. Während auf staatlicher Seite heutzutage oft genug Mittel zur Förderung von Kunst und Kultur zusammengestrichen werden, leistet man hier – auf hauptsächlich privater Ebene, denn das Zentrum wird durch einen Förderverein geführt – echte kulturelle Unterstützung und trägt zu ihrer Förderung bei, wobei allerdings nicht unerwähnt bleiben soll, daß die Städte North Shore City und heute Auckland dazu einen gewichtigen Beitrag leisten, indem sie das historische Signalman’s House zur Verfügung stellen. Was man so alles finden und lernen kann, wenn man doch eigentlich nur einen Berg hinaufsteigen will…

Dieser Beschäftigung wenden wir uns nun aber wieder zu und setzen unseren Weg fort. Weit müssen wir nicht mehr gehen, da sehen wir den Gipfel schon ganz nah vor uns, sind aber beständig im Schatten von Bäumen unterwegs, so daß sich die Aussicht sehr in Grenzen hält. Schließlich macht die Straße eine Biegung nach rechts und geht kurz danach in eine Kehre. An deren Scheitelpunkt führt ein Weg – eigentlich ist es eher ein Trampelpfad – geradeaus weiter.  Wir sind ihn nur ein paar Meter gegangen, da führt er aus dem Schatten heraus und wir finden uns auf einem baumlosen Abschnitt des Berghanges wieder. Von hier aus haben wir eine uneingeschränkte Sicht nach Osten. Zu unseren Füßen reihen sich die Häuser von Devonport aneinander, rechts dehnt sich der Waitematā Harbour, links der Rangitoto Channel, der bereits Teil des Hauraki-Golfes ist. Dort, wo beide schließlich zusammentreffen, erhebt sich ein weiterer, doch nicht ganz so hoher Berg, der die Spitze der Halbinsel markiert, auf der sich Devonport befindet: der North Head oder Nordkopf. Die Māori nennen diesen Berg Maungauika – Berg von Uika.

Ein wahrlich schöner Blick. Und doch ist er rein gar nichts im Vergleich zu der Aussicht, die sich uns bietet, als wir den Berghang ein wenig höher steigen. Noch immer stehen wir hier knapp unter dem baumlosen Gipfel, doch können wir nun schon über die Kronen der Bäume hinwegsehen, unter denen wir auf der Straße eben noch entlanggewandert waren. Was sich uns nun darbietet, ist ein sagenhaftes 180-Grad-Panorama. Ganz links, im Nordosten, blinkt die weite Wasserfläche des Hauraki-Golfs im Sonnenlicht. Über den Rangitoto Channel, der die gleichnamige Insel von uns trennt, wandert unser Auge zum North Head, den wir von weiter unten schon erblickt hatten. Doch nun schweifen wir weiter über den großen Waitematā Harbour, dessen jenseitiges Ufer das Stadtgebiet Aucklands einnimmt. Gegenüber dem North Head liegt der Bastion Point, an den sich die Hobson Bay anschließt, auf die der Hafen von Auckland folgt. Und an dessen Ende erkennen wir im Südwesten dann die uns nun bereits wohlbekannte Skyline der Innenstadt Aucklands, aus der der Sky Tower wie eine Nadel heraussticht. Direkt zu Füßen des Berges, auf dem wir stehen, breitet sich Devonport aus, das, wie wir nun feststellen, sehr viel größer ist, als wir dachten. Wir erkennen die Victoria Road, über die wir hergekommen sind und die nun, von hier aus betrachtet, vom Berg zum Fähranleger führt, vor dem wir rechts die grünen Baumwipfel des kleinen Parks namens Windsor Reserve erblicken. Minutenlang stehen wir nur schweigend da und schauen und schauen und schauen…

Ein Auckland-Panorama vom Mount Victoria
Dieses wundervolle 180-Grad-Panorama von Auckland bietet sich dem Betrachter auf dem Mount Victoria. Es ist zu klein? Klicken Sie hier!
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Es ist ein Anblick, von dem sich abzuwenden wahrlich schwer fällt. Das blaue Wasser des Meeres, auf dem sich winzig kleine, weiße Segelboote tummeln und ebenso weiße Schnellboote, deren vermutlich dröhnendes Motorengebrumm wir hier oben nicht mehr hören können, lautlos ihre schaumgekrönte Bahn ziehen, dehnt sich unter einem Himmel, dessen Blau schon fast unwirklich scheint. Abgesehen von einer kleinen Ansammlung, die sich genau im Osten über dem Horizont plaziert hat, ist keine Wolke am Firmament zu sehen. Wir sind genau zur richtigen Zeit hier oben, um dieses prachtvolle Panorama zu bestaunen, denn die Sonne nähert sich nun langsam dem Ende ihres Tageslaufs und steht hinter uns im Westen, so daß sie die sich vor uns ausbreitende Szenerie beleuchtet, ohne uns zu blenden.

Schließlich gelingt es uns aber doch, uns von dem Anblick loszureißen, und wir steigen die letzten Meter den Berghang hinauf, um den Gipfel zu erreichen. Dort angekommen, stehen wir auf einem grasbewachsenen Plateau, das, großzügig betrachtet, eine Dreiecksform hat. An seiner westlichen Seite windet sich die Straße, die wir vorhin verlassen hatten, herauf und endet hier in einem kleinen Parkplatz. Von diesem führt ein schmaler, befestigter Weg zu einem Gebäude, das auf seiner Ostseite an die Kommandobrücke eines Schiffes erinnert, während es vor allem durch die große Anzahl aller Arten von Antennen auf seinem Dach auffällt. Offenbar ist es von einiger Wichtigkeit, denn das quadratische Grundstück, auf dem es sich befindet, ist von einem hohen, sehr massiv wirkenden Metallzaun umgeben. Tatsächlich ist dieses Bauwerk der moderne Nachfahre der einstigen Signalstation. Als sich die Technik weiterentwickelte, hatte man 1954 einen neuen Signalturm auf dem Gipfel errichtet, der später um eine Radaranlage ergänzt wurde. Seit dem Jahr 2000 ist die Signalstation vollständig automatisiert, was erklärt, warum wir an und in dem Gebäude keine Menschenseele erblicken können. Ansonsten ist das Plateau weitgehend eine grüne Wiese. Mit zwei Ausnahmen.

Die erste besteht darin, daß hier und da kleine Kästen oder Sockel aus dem Boden ragen, die aus solidem Beton bestehen und deren Zweck uns zunächst nicht so recht klar ist. Diese werden an der nördlichen Ecke des dreieckigen Plateaus durch drei Reihen von übergroßen metallenen Fliegenpilzen ergänzt, deren Sinn sich uns auch nicht so recht erschließen will. Verwundert blicken wir auf diese merkwürdige Ansammlung über das Plateau verteilter Aufbauten und sind einigermaßen ratlos. Was soll das?

Auf dem Mount Victoria
Fliegenpilze auf dem Mount Victoria? Was da wohl daruntersteckt?
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Vorerst finden wir darauf keine Antwort. Wir wenden uns daher der zweiten der beiden Ausnahmen zu. Diese besteht in einem befestigten Kreisrund, in dessen Mitte eine große Vertiefung besteht. Was sich darin befindet, läßt sich von hier oben nicht feststellen. Wir entdecken jedoch einen Zugangsweg, der von dem kleinen Parkplatz zu diesem Kreis hinführt, sich dabei jedoch kontinuierlich absenkt, so daß er schließlich am Boden der Grube endet. Was wir dort vorfinden, ist einerseits unerwartet und andererseits auch wieder nicht.

Vor uns steht: eine riesige Kanone! Massiv, stählern, nietenbesetzt, schwer und unverrückbar. Ein wahres Monstrum, das ich so hier nicht erwartet habe, hatte es doch bei unserem Aufstieg zum Mount Victoria keinerlei Anzeichen für militärische Anlagen gegeben. Andererseits ist mir ja bereits bekannt, daß Devonport seit seinen Anfangstagen ein Marinestützpunkt war. Da ist schon damit zu rechnen, daß man nicht darauf verzichtet haben würde, im Laufe der Zeit auch den Berg für Waffenstellungen zu nutzen. So stehe ich nun also vor diesem gewaltigen Metallrohr auf seiner riesigen stählernen Lafette, das hier am Boden dieser Grube aufgestellt wurde, die so tief ist, daß es trotz seiner Größe vollständig darin verschwindet. Das erscheint mir nicht sehr zweckmäßig, wenn man doch sicher vorhatte, damit zu schießen. Worin besteht hier also der Trick?

Das verrät mir eine Tafel, die sich am Eingang zu der Grube befindet. Sie erzählt die Geschichte des Forts Victoria. Natürlich, wie sonst hätte diese militärische Einrichtung hier auch heißen können. Zunächst erfahre ich, daß der Mount Victoria bereits von den Māori zu Verteidigungszwecken befestigt wurde, lange bevor die Europäer in diesem Gebiet eintrafen, daß ihre vergleichsweise primitiven Verteidigungsanlagen, als dies im 19. Jahrhundert dann geschah, jedoch längst Geschichte waren. Als sich gegen Ende des Jahrhunderts dann die Russenangst in der jungen Kolonie breitmachte, begann man 1885 damit, erste Küstenbefestigungen auf dem Berg zu errichten. Dazu schleppte man zunächst einfach ein paar Schiffskanonen hier hinauf, die man an der Nordseite aufstellte. Ergänzt um eine Brüstungsmauer für Musketiere bildete sie die Anfänge des Forts Victoria. Bereits acht Jahre später galten die Kanonen nur mehr als „Salutbatterie“. 1904 erklärte man sie endgültig für veraltet und räumte sie nach und nach ab. Die letzten beiden verbrachte man dann 1911 in den kleinen Park namens Windsor Reserve an der Küste von Devonport. Dort hatten wir sie jedoch nicht bemerkt. Allerdings waren sie uns nicht auch einfach entgangen, sondern sie werden heute im Marinestützpunkt Devonport aufbewahrt.

Kanone im Fort Victoria in Devonport, Auckland
Am Grunde einer Grube auf dem Mount Victoria verdämmert eine riesige Kanone die Tage. Das ist auch besser so.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Die riesige Kanone, die wir gerade eingehend betrachtet hatten, wird auf der Tafel auch beschrieben. Es handelt sich um ein Acht-Zoll-Geschütz, das einst auf dem North Head gelagert wurde. 1898 stellte man es auf Fort Victoria auf, da man sich durch die größere Höhe des Berges versprach, daß die Kanone von hier aus sowohl den inneren als auch den äußeren Teil des Waitematā Harbours schützen konnte. Möglicherweise war das der Grund, warum der Signalmann in jenem Jahr vom Berggipfel hinab an den Hang umziehen mußte. An der Grube, in der das Geschütz heute steht, baute man ein ganzes Jahr. Doch wozu hob man sie aus? Was hat diese große Waffe hier unten verloren? Nun, bei dieser Kanone handelt es sich um ein sogenanntes „disappearing gun“ – eine dank Verschwindlafette versenkbare Kanone. Diese brachte nach dem Schuß das Geschütz in die Vertiefung hinab, wo die Bedienungsmannschaften besser vor direktem Beschuß geschützt waren. Diese Kanone ist eine der letzten dieser Art, die es auf der Welt noch gibt.

Bereits in den Anfangstagen des Forts entstanden auch erste unterirdische Bunkeranlagen, die später immer wieder einmal ausgebaut wurden. Dies erklärt uns sowohl die merkwürdigen Betonaufbauten als auch die Fliegenpilze, die wir zuvor auf dem Gipfel so verwundert bestaunt hatten. Bei letzteren handelt es sich um Abdeckungen von Lüftungsschächten. Als Studenten in den 1980er Jahren einen Ulk veranstalteten und diese Kappen als Fliegenpilze anmalten, fand das bei den Besuchern des Berges schnell Anklang, so daß man sich entschied, diese Verzierung beizubehalten.

Während das Fort Victoria im Ersten Weltkrieg keine Rolle spielte und anschließend für einige Zeit zur Lagerung von Munition genutzt wurde, befand man das in den 1930er Jahren für zu unsicher und verfüllte das alte Fort mit Schlacke. Doch schon im Zweiten Weltkrieg reaktivierte man es wieder, stellte ein Flugabwehrgeschütz mit einem Beobachtungsposten auf und grub einige Bunker-Kammern aus, um darin Wohnungen für die Besatzung einzurichten. Nach dem Ende des Krieges wurde das Fort endgültig überflüssig, so daß man es wieder stillegte. Zu Beginn des neuen Jahrtausends unternahm man eine umfassende Restaurierung, so daß das Fort heute der Öffentlichkeit zugänglich ist. Einer der Bunker wird vom Devonport Folk Club als Spielstätte genutzt, was zeigt, daß man selbst aus destruktiven militärischen Einrichtungen Orte der Kultur machen kann.

Wir wandern nun die vom Parkplatz ausgehende und sich den Berg hinabwindende Straße wieder abwärts, wobei wir an der Westseite des Mount Victoria noch einmal die phänomenale Aussicht auf den Central Business District genießen, die hier den inneren Waitematā Harbour und die Auckland Harbour Bridge einschließt. Als wir schließlich die Stelle erreichen, wo wir bei unserem Aufstieg die Straße verlassen hatten, fällt mir am Berghang ein merkwürdiger Stein ins Auge, den ich zuvor offenbar übersehen hatte, weil mein Blick angesichts des weiten Panoramas nur in die Ferne gerichtet war. Neugierig gehe ich darauf zu. Als ich näherkomme, entpuppt sich der Stein, an dem ich von weitem ein Gesicht wahrgenommen zu haben glaubte, tatsächlich als die steinerne Skulptur eines Gnomes, der da vor mir im Gras zu hocken scheint und ein recht verkniffenes Gesicht zieht. Ob er mit irgendetwas unzufrieden ist? Doch was sollte das sein, wo doch das Wetter heute gar nicht besser sein könnte und dies der ideale Tag ist, um am Berghang im Gras zu sitzen und sich die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen? Vielleicht stören ihn ja die vielen Besucher, wie ich einer bin, die hier stets und ständig an ihm vorüberziehen und seinen schönen Berg bevölkern…

Die "Anx"-Skulptur auf dem Mount Victoria in Devonport, Auckland
Am Hang des Mount Victoria kann man unverhofft dem Anx begegnen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Tatsächlich wird es später nicht ganz einfach sein herauszubekommen, was diese Skulptur genau darstellen soll. Nach einigem Suchen werde ich schließlich in einer alten Ausgabe des „Devonport Flagstaff“[2]The Devonport Flagstaff vom 12. Februar 2016, Seite 31. Wer aktuelle Ausgaben dieser Zeitung sucht, wird auf ihrer Homepage fündig. – ja, Devonport hat eine eigene Zeitung und wie sonst sollte sie wohl heißen? – auf einen Hinweis stoßen. Viele Besucher, heißt es, halten sie für eine Māori-„Schnitzerei“. Damit liegen sie allerdings völlig falsch. Die „Anx“ genannte Steinskulptur, die eine ganz offensichtlich stark überzeichnete Mannsperson zeigt, wurde von Allan Williams geschaffen und zunächst im Western Park im Ponsonby genannten Stadtteil von Auckland aufgestellt, von wo man sie, nachdem sie dort einem Akt des Vandalismus zum Opfer gefallen war, 1987 auf den Mount Victoria brachte. Es heißt, sie sei als Karikatur des ehemaligen neuseeländischen Premierministers Sir Robert Muldoon gedacht. Ob dieser das nun als Ehre betrachtet hat oder aber diese Darstellung seiner Person ablehnte, konnte ich allerdings nicht ergründen…

Hinab geht es immer schneller als hinauf. Ob das wirklich nur daran liegt, daß man aufgrund der Hilfe der Schwerkraft mit höherer Geschwindigkeit bergab geht als bergauf, oder ob das auch etwas damit zu tun hat, daß man so wie wir beim Weg hinauf öfter einmal stehenbleibt, um sich im unbekannten Terrain umzusehen und die von Mal zu Mal bessere Aussicht zu genießen, sei einmal dahingestellt. Nach vergleichsweise nur wenigen Minuten erreichen wir jedenfalls wieder die Victoria Road, der wir anschließend geradewegs zurück zum Hafen folgen, denn so langsam nähert sich die Sonne nun dem Horizont. Bald wird die Dämmerung einsetzen.

Als wir schließlich wieder am Fähranleger ankommen, dauert es nicht lange, da trifft die uns nun schon wohlbekannte Fähre ein und wir gehen an Bord. Als sie schließlich ablegt, werfen wir einen letzten Blick auf die Strandpromenade Devonports.  Hinter dem Ort erhebt sich der Mount Victoria wie ein großer, gütiger Beschützer. Besieht man es genau, haben wir an diesem einen Nachmittag eigentlich gar nicht soviel von dem Ort gesehen: im wesentlichen nur die Hauptstraße des Zentrums und den Mount Victoria. Doch allein dabei sind wir auf einiges gestoßen, was geschichtsträchtig, wissenswert und überaus interessant ist. Dafür muß man keine großen Touren unternehmen. Es genügt, mit offenen Augen und wachen Sinnes durch die Welt zu gehen und sich die Zeit zu nehmen, um hinzuschauen.

Keine Viertelstunde später gehen wir am Ferry Building wieder an Land und begeben uns in unser Hotel. Und auch wenn wir nach all der Lauferei kreuz und quer durch Stadt und Vorstadt ein klein wenig geschafft sind, so sind wir doch munter genug, um am Abend noch einen kleinen Bummel hinüber zum Aotea Square zu unternehmen – einerseits für ein kleines Abendbrot und andererseits, um noch einmal das Rathaus der Stadt zu besuchen, dessen sanfte, bunte Beleuchtung uns am gestrigen Abend so gut gefallen hatte.

Der Name des Platzes nimmt auf Motu Aotea Bezug, den Māori-Namen für die Great-Barrier-Insel, der größten der Neuseeland vorgelagerten Inseln. 1979 angelegt und 2010 neu gestaltet, wird die Freifläche häufig für öffentliche Veranstaltungen genutzt. Deren Bandbreite ist groß, reicht sie doch von Musikfestivals und Rockkonzerten über Messen bis hin zu Protestkundgebungen.

Der Sky Tower in Auckland am Abend
Der abendliche Sky Tower, für das Chinesische Neujahrsfest in majestätisch rot-goldenem Glanze angestrahlt.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Als wir schließlich – nun zum zweiten Mal an diesem Tag – auf dem Rückweg in unser Hotel sind, fällt uns der Sky Tower ins Auge, wie er, in rot-goldenem Lichte erstrahlend, vor uns hoch in den dunklen Nachthimmel aufragt. Ein wahrlich majestätischer Anblick. Die Farben, in denen der Turm illuminiert wird, sind dabei keineswegs zufällig, sondern werden zu verschiedenen Anlässen sorgsam ausgewählt. Die Farben Rot und Gold, in denen er sich uns heute präsentiert, weisen auf das Chinesische Neujahrsfest am morgigen 19. Februar hin. Für uns schließt sich damit gewissermaßen der Kreis, hatten wir doch diesen Tag mit dem Besuch des Sky Towers begonnen. Und das ist dann doch ein irgendwie angemessener Ausklang für diesen ersten, mit einer Vielzahl wunderbarer Erlebnisse und schöner Eindrücke angefüllten Tag in Auckland…

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Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz.

Referenzen

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1 Auf Google Maps kann man sich das sehr schön ansehen.
2 The Devonport Flagstaff vom 12. Februar 2016, Seite 31. Wer aktuelle Ausgaben dieser Zeitung sucht, wird auf ihrer Homepage fündig.