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Gedenken an einen Mann des Volkes

Dieser Beitrag ist Teil 7 von 9 der Beitragsserie "Reise nach Neuseeland & Singapur"
Wie ich ein zum Teil versunkenes Denkmal aufsuchte und eines Mannes des Volkes gedachte

Zwei Tage. So hatte man es uns versprochen, als wir das Ticket gestern kauften. Zwei Tage würde man uns ohne weitere Kosten durch die Stadt fahren, wann immer wir wollten. Wir könnten aus- und wieder einsteigen, wie es uns gefiele. Jederzeit und überall.

Und was soll ich sagen: die Leute vom Auckland Explorer Bus halten ihr Wort. Anstandslos akzeptiert der Busfahrer unser am Vortag gelöstes Ticket, das wir ihm vorzeigen, als wir am Morgen unseres sechsten Reisetages an der Haltestelle unter dem Sky Tower in der Victoria Road West in seinen gelb-blauen Bus steigen. Tatsächlich hatte ich allerdings auch nichts anderes erwartet und wäre überrascht gewesen, wenn es anders gekommen wäre.

Hatten wir tags zuvor lediglich ein erstes Ziel angepeilt und waren dementsprechend ein wenig auf’s Geratewohl unterwegs gewesen, was dazu geführt hatte, daß wir am Ende sowohl die rote als auch die blaue Route komplett abgefahren waren, so haben wir heute nicht vor, das zu wiederholen. Und so sind unsere Ziele für diesen Tag bereits festgesetzt, als wir unsere Plätze im Bus einnehmen.

Wieder geht es am Viaduct Bassin, an der Waterfront und am Hafen vorüber. Wieder sind wir alsbald auf dem Tamaki Drive unterwegs und passieren auf dieser Uferstraße die Hobson und die Okahu Bay sowie den Isthmus von Auckland. Als wir schließlich rechterhand das Steilufer neben uns haben, wissen wir, daß wir unser erstes Ziel gleich erreicht haben werden. Steil geht es die kleine abzweigende Straße hinan und, als wir erst den oberen Rand des Steilufers und kurz darauf ihr Ende erreichen, in die Wendeschleife hinein. Einige Augenblicke später schauen wir bereits dem sich von uns entfernenden Bus hinterher, der uns hier zurückgelassen hat: am Bastion Point.

Da stehen wir nun und schauen uns um. Kreisrund ist die kleine Insel, um die die Straße herumführt, völlig eben und von kurz gestutztem Rasen bedeckt. Ein kleiner, kaum zwei Meter hoher Baum wächst ziemlich genau in ihrem Zentrum und ist – im wahrsten Sinne des Wortes – das einzig Herausragende dieses verkehrstechnischen Eilands. Hier war jemand sehr auf Symmetrie bedacht und von idealer Geometrie fasziniert.

Überhaupt ist die ganze Hochfläche rings um den Wendekreis eine einzige von außerordentlich gut gepflegtem Rasen bedeckte Fläche und wirkt so ein bißchen wie ein Golfplatz. Oder ein sehr langweiliger Park. Lediglich an ihren Rändern ist höhere Vegetation zu erkennen. Mit einer Ausnahme: entlang eines breiten Weges, der sich in nördlicher Richtung von dem Kreisrund, an dem wir stehen, entfernt, genau im rechten Winkel zur von Westen hierher führenden Straße, stehen links eine Baumreihe und rechts einige größere Büsche und kleinere Bäumchen, die uns förmlich einladen, diesem Weg zu folgen.

Da in allen anderen Richtungen außer Rasen von hier aus nichts weiter zu sehen ist, lassen wir uns auch gar nicht lange bitten und folgen dem uns so gewiesenen Weg, an dessen Ende wir in der Ferne bereits ein hoch aufragendes Bauwerk erkennen können – das Ziel unserer Fahrt hierher.

Der Weg gibt noch ein kurzes Stück vor, eine Straße zu sein, bis er von einer Reihe aus acht großen, steinernen Blumenkästen versperrt wird, die lediglich schmale, für Fußgänger passierbare Durchgänge freilassen. Doch als wolle man endgültig ausschließen, daß ein wie auch immer geartetes Fahrzeug diese passiert, hat man in die drei mittleren noch zusätzlich halbmeterhohe metallische Poller postiert und in zwei weitere überdies Laternen auf massiven steinernen Sockeln eingesetzt.

Auf der anderen Seite dieser Sperre steht in der Mitte des Weges eine etwa mannshohe Tafel, die uns schon einmal ankündigt, was wir gleich sehen werden: „Michael Joseph Savage Memorial“ steht in großen weißen Buchstaben an ihrem oberen Ende geschrieben. Darunter ist ein Bild des Mannes zu sehen, dem zu Ehren die Gedenkstätte errichtet wurde, verbunden mit einem kurzen Text, den ich mir neugierig durchlese. Schließlich habe ich zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung, wer dieser Michael Joseph Savage eigentlich war und warum man ihm hier eine Gedenkstätte errichtet hat.

Das Michael Joseph Savage Memorial am Bastian Point in Auckland
Diese Tafel steht am Hauptweg, der auf dem Bastion Point zum Michael Joseph Savage Memorial führt. Viel Aufschluß über Sinn und Zweck der Gedenkstätte gibt sie allerdings nicht.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Ich erfahre, daß der Tamaki Drive über einen Damm, am Resolution Point beginnend, die Hobson Bay überquert und an der Okahu Bay vorüberführt, die an der Westseite des Bastion Points liegt, der eine Landzunge ist, an deren Ende sich heute ein Yacht Club befindet, der ebenfalls den Namen Tamaki trägt. An der Okahu Bay, so lese ich weiter, habe sich bis in die 1950er Jahre ein Dorf der Ngati Whatua, eines Māori-Stammes, befunden. Ein Fort, wird mir berichtet, habe es hier ebenfalls einmal gegeben. Fort Bastion habe es geheißen und sei errichtet worden, weil man in den 1880er Jahren große Angst vor einfallenden Russen gehabt habe. Man stellte Geschütze auf, die den Eingang zum Waitematā Harbour bewachten, gemeinsam mit denen auf dem Mount Victoria und dem North Head in Devonport. Daß sie nie zum Einsatz kamen, weil die Russen Besseres zu tun hatten, als in Neuseeland eine Invasion durchzuführen, steht allerdings nicht auf der Tafel. Dafür lerne ich, woher der Name Bastion Point kommt. Der leitet sich von einem markanten, vor der Küste stehenden Felsen ab, dem Bastion Rock. Für den Fall, daß ich vorgehabt haben sollte, mir diesen festungsartigen steinernen Koloß anzusehen, wird gleich der Hinweis nachgeschoben, daß er heute nicht mehr existiert. In den 1920er Jahren mußte er für den Tamaki Drive Platz machen, als dieser am Ufer des Hauraki Gulfs um die Anhöhe des Bastion Points herumgeführt wurde.

Obwohl das alles sehr interessant ist, frage ich mich allmählich doch, was das eigentlich mit der Gedenkstätte und dem durch sie Geehrten zu tun hat. Doch auch der letzte Satz des Textes gibt darüber keinen Aufschluß. Er stellt lediglich fest, daß sich die Gedenkstätte an dem Ort befindet, dessen Geschichte vorher grob umrissen wurde, und daß sie Michael Joseph Savage gewidmet ist, der von 1872 bis 1940 lebte und Neuseelands erster von der Labour-Partei gestellter Premierminister war. Und ist es auch nicht viel, so ist es doch immerhin etwas Information zu seiner Person.

Aber, so denke ich mir, es gibt ja noch eine zweite Seite der Tafel. Dort werde ich sicher mehr über die Gedenkstätte und ihren Namensgeber erfahren. Nun, ich könnte nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein. Zwar lautet auch dort die Überschrift „Michael Joseph Savage Memorial“ und es wird, neben einer Karte des Gebiets, auch wieder etwas Text geboten, doch geht es darin, genau wie auf der ersten Seite, zunächst einmal um völlig andere Dinge[1]Im Original lautet der Text: In 1860, 1879 and 1880 Ngati Whatua leaders Tuhaere and Te Kawau assembled many North Island chiefs to the Kohimaramara Conference to establish a Māori parliament. They … [Weiterlesen]:

In den Jahren 1860, 1879 und 1880 versammelten die Ngati Whatua-Führer Tuhaere und Te Kawau viele Häuptlinge der Nordinsel zur Kohimaramara-Konferenz, um ein Māori-Parlament einzurichten. Sie forderten Wiedergutmachung in Landfragen und Gleichheit vor dem Gesetz. In den 1930er Jahren bemühten sich die Māori um Abhilfe durch Michael Savage, den damaligen Premierminister der Labour-Regierung. Mit der Unterstützung der Māori zog die Labour-Partei zum ersten Mal ins Parlament ein. Es begann damit eine langjährige Beziehung.

Auch wenn es hier durchaus einen Bezug zu Michael Joseph Savage gibt, frage ich mich immer noch, was wohl der Grund dafür war, daß man ihm eine eigene Gedenkstätte errichtet hat. Den Erklärungen auf der großen Tafel kann ich das leider nicht so recht entnehmen. Doch ich werde die Beantwortung dieser Frage auf einen späteren Zeitpunkt verschieben müssen. Denn wo wir nun einmal hier sind, wollen wir uns die Gedenkstätte auch ansehen.

So folgen wir nun also dem gut fünf Meter breiten Weg über eine große, von – wie sollte es anders sein – Rasen bedeckte Fläche, bis er nach wenigen Metern eine Hecke erreicht, die ihm jedoch bereitwillig Durchlaß gewährt. Diesen durchschreitend, betreten wir die Gedenkstätte.

Ein paar Stufen, die ob ihrer geringen Höhe eigentlich nur Stüfchen sind, geht es hinunter, dann kreuzt ein breiter, mit Platten ausgelegter Weg den unseren, welcher dahinter in eine Plattform mit dem gleichen Belag übergeht und an einem großen, steinernen, ein Hochbeet beherbergenden Kasten endet, das jedoch außer Erde nichts enthält. Links und rechts führen Stufen an ihm vorbei und hinunter zu einem tiefer gelegenen Bereich. Wir verharren jedoch zunächst eine Weile auf der Plattform und schauen uns um. Von hier aus können wir die gesamte Gedenkstätte überblicken.

Gestaltet im Art-Déco-Stil, besteht sie aus einem großen Platz, der die Form eines großen Vierecks besitzt, das man im ersten Moment für ein Rechteck halten könnte, bis man bemerkt, daß seine Längsseiten leicht gebogen sind. Hinter uns wird dieser Platz von der großen Hecke, die wir passiert haben, begrenzt. Auf der uns gegenüber liegenden Seite erhebt sich ein gemauertes Mausoleum, das von einem riesigen, mehrere Meter hohen Obelisken bekrönt wird. Sowohl das Mausoleum als auch die Plattform, auf der wir gerade stehen, befinden sich in der Mitte der jeweiligen Längsseiten des Platzes. Der Raum dazwischen besitzt ein um wenigstens zwei Meter niedrigeres Niveau als unser aktueller Standort. Dort befindet sich direkt vor dem Mausoleum ein langgestreckter versunkener Teich von exakt rechteckiger Form, dessen Ufer an allen seinen Seiten eine steinerne Einfassung besitzen. Gewissermaßen stellt er eine direkte Verbindung zwischen unserer Plattform und dem Mausoleum her.

Das Michael Joseph Savage Memorial am Bastian Point in Auckland
Ein Blick vom Eingang über das Michael Joseph Savage Memorial auf dem Bastion Point.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Die bereits erwähnten Stufen führen links und rechts von uns über mehrere Terrassen hinunter zu dem Teich. Diese Terrassen sind an den beiden Außenseiten links und rechts von den gleichen steinernen Kästen begrenzt wie der, der unsere Plattform abschließt. Im Gegensatz zu ihm wachsen in ihnen allerdings tatsächlich Blumen. Im Gelände zu beiden Seiten der Stufen setzen sich diese Terrassen fort, sind dort allerdings von Rasen bewachsen, in den von Zeit zu Zeit halbrunde Steine mit ebener Oberfläche eingelassen sind, die so angeordnet wurden, daß sie ihrerseits wie Stufen wirken, die zur tiefergelegenen Mitte des Platzes führen.

Links und rechts des Teiches liegen ebenfalls Rasenflächen, auf denen man jedoch in gewissen Abständen in Längsrichtung des Platzes ausgerichtete Beete angelegt hat. Diese sind üppig mit Blumen bepflanzt, die man offenbar so ausgewählt hat, daß sie in allen nur möglichen Farben blühen. Ob es in dieser Hinsicht ein Glück ist, daß wir jetzt gerade Frühling haben, oder ob man bei der gärtnerischen Pflege dieses liebevoll angelegten und gestalteten Areals dafür sorgt, daß in den Beeten ganzjährig Blumen blühen, vermag ich nicht zu sagen. Auf jeden Fall ist es ein wunderschöner Anblick.

Auch der Teich wird an den Längsseiten hinter seiner Einfassung von solchen Beeten eingerahmt, die allerdings, im Gegensatz zu jenen auf den Rasenflächen, von niedrigen schmalen Hecken begrenzt werden.

Doch nicht nur wir auf unserer Plattform stehen gegenüber der Mitte des Platzes erhöht. Als ich das Mausoleum genauer betrachte, stelle ich fest, daß es eigentlich kein Gebäude im eigentlichen Sinne ist. Tatsächlich erhöht sich auf seiner Seite das Bodenniveau wieder, so daß das Gelände hinter dem Platz die gleiche Höhe besitzt, auf der wir uns befinden. Während allerdings auf unserer Seite Terrassen allmählich zum niedrigeren Grund der Platzmitte hinabführen, bildet die andere Seite eine senkrechte Wand, in deren Mitte sich das Mausoleum befindet, das somit ein Teil dieser Wand ist. Daß diese nicht auf den ersten Blick als solche zu erkennen ist, liegt daran, daß sie sich zu beiden Seiten des Mausoleums nicht als Mauer fortsetzt, sondern dicht mit grünen Pflanzen bewachsen ist, denen weiße, vermutlich hölzerne Gitter Halt geben. Inmitten dieses Grüns vermittelt das Mausoleum den täuschenden Eindruck, ein einzeln stehendes Gebäude zu sein.

Wir entschließen uns, den Platz einmal zu umrunden, bevor wir uns das Mausoleum genauer ansehen. So steigen wir also nicht die Stufen hinunter, sondern spazieren über den Weg, der den unseren hinter der Hecke gekreuzt hatte, zur linken, westlichen Schmalseite des Platzes hinüber. Dort angekommen, endet der Weg abrupt und eine Treppe führt, die Terrassen aufnehmend, den sanften Hang hinunter zu einem Rundweg, der die gesamte Innenfläche der Gedenkstätte umrundet und mit drei Reihen quadratischer Steinplatten ausgelegt ist, zwischen denen jeweils etwa zehn Zentimeter Abstand liegen. Da sich das Gras diesen zunutze gemacht hat, wirkt es so, als seien die Platten in den Rasen eingelassen worden. Überrascht stelle ich fest, daß der Innenraum der Gedenkstätte nicht einfach nur eine Niederung im Gelände darstellt, sondern offenbar absichtsvoll vertieft angelegt worden ist. Denn auch hier an der Westseite behält das umgebende Gelände seine Höhe bei. Tatsächlich ist es, wie ich nun erkennen kann, rings um den gesamten Innenbereich gleich hoch. Dieser liegt also wie ein versunkener Garten in der ihn umgebenden Landschaft und weckt so ganz von selbst Assoziationen von Ruhe und Einkehr. Wunderschön.

Hinter dem westlichen Ende der Gedenkstätte stehen einige große Bäume, die sie von dem dahinterliegenden Gelände abschirmen. Unter einem von ihnen lädt eine Bank zum Verweilen ein, der Gedenkstätte abgewandt. Neugierig treten wir unter den Bäumen hindurch näher.

Vor uns dehnt sich eine große, leicht gewölbte Rasenfläche. Dahinter erkenne ich die stets etwas puschelig wirkenden Wipfel mehrerer Palmen, unter denen die Zufahrtsstraße, die uns hergebracht hat, dem Tamaki Drive am Ufer des Waitematā Harbours entgegenstrebt, dessen weite Wasserfläche rechterhand über weiteren Baumkronen zu sehen ist. Dort, wo das ihn linkerhand begrenzende Steilufer des Bastion Points eine Biegung zur Okahu Bay macht, die es allerdings vor unseren Blicken verbirgt, ist in der Ferne, leicht verdeckt, die Skyline der Innenstadt Aucklands zu sehen, dominiert von dem markanten, wie ein achtunggebietender Finger in den Himmel aufragenden Sky Tower.

Langsam überqueren wir die Rasenfläche. Einen Weg gibt es nicht, also laufen wir einfach geradezu. Jeder Schritt bringt uns dabei ein wenig weiter nach rechts, was das Steilufer in unserer Perspektive langsam nach links zurückweichen läßt. Nach und nach gibt es so den Blick auf die Skyline Aucklands frei. Von hier aus betrachtet wirkt sie fast ein wenig wie eine Insel inmitten des großen Naturhafens. Oder wie eine Fata Morgana, die über den Wellen schwebt. Ein faszinierender Anblick.

Der Bastion Point in Auckland
Ein Blick vom Steilufer des Bastion Points über den Waitematā Harbour, hinüber zur Innenstadt von Auckland mit dem Hafen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Als wir am Ende der großen Freifläche angekommen sind, blicken wir über die Wipfel der Bäume, die auf dem Hang des Steilufers vor uns Halt gefunden haben, direkt auf den Waitematā Harbour hinab. Dort, wo der Tamaki Drive um die Landspitze herum nach rechts abbiegt, um seinen Weg am Ufer der Okahu Bay fortzusetzen, ragt ein langer Steg in die Fluten hinaus – der Okahu Bay Wharf. Blickt man über sein Ende hinaus, kann man in der Ferne die Auckland Harbour Bridge ausmachen.

Wir bleiben noch ein Weilchen stehen und bewundern die Aussicht, dann kehren wir um und spazieren zurück zu der Bank unter den Bäumen, unter denen hindurch wir dann zu der großen Gedenkstätte zurückkehren.

Die Treppe bringt uns hinab in den versunkenen Garten. Hier, an seinem westlichen Ende, wird er von einer Mauer begrenzt, die an ihren Enden etwa brusthoch aufragt, in der Mitte jedoch eine Höhe von etwa zwei Metern erreicht. Dort überschattet ein Vordach in Form einer Pergola den Bereich vor ihr. In dessen Zentrum ist ein kleiner Brunnen in die Wand eingelassen. Seine Rückwand ist aus hellem Stein zusammengefügt, in dessen Mitte sich ein schmaler, senkrechter, mit kleinen blauen Mosaikfliesen ausgelegter Streifen befindet, der an seinem oberen Ende das Relief eines Löwenkopfes trägt. Aus dem geöffneten Maul des Löwens fließt unentwegt ein dünner Strahl klaren Wassers in ein Becken am Boden, das mit denselben blauen Mosaikfliesen ausgekleidet ist wie die Rückwand des Brunnens.

Wandbrunnen im Michael Joseph Savage Memorial am Bastion Point in Auckland
Einer der beiden Wandbrunnen im Michael Joseph Savage Memorial auf dem Bastion Point.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Wir folgen nun dem Rundweg um das Gartenareal der Gedenkstätte und spazieren an dessen nördlicher Längsseite entlang. Dabei habe ich ausreichend Gelegenheit, die Vielfalt und Farbenpracht der in den einzelnen Beeten angepflanzten Blumen zu bewundern. Gelbe Studentenblumen, tiefblauer Rittersporn und die rosafarbenen Blüten des Fleißigen Lieschens sind nur einige der Vertreter dieser bunten Vielfalt, die mir in Erinnerung bleiben. Rings um mich herum ist das stete Summen und Brummen von Insekten, vornehmlich Hummeln, zu vernehmen, die das reichhaltige Angebot an Blüten in regelrechte Begeisterung zu versetzen scheint.

Die Ostseite des Gartens ist das exakte Gegenstück ihres westlichen Pendants. Die gleiche Mauer, das gleiche Vordach, der gleiche Wandbrunnen mit dem Löwenkopf. Als wir dann den Garten einmal umrundet haben und unterhalb der Plattform, auf der wir eingangs gestanden und die Gedenkstätte überblickt hatten, angekommen sind, stehen wir am südlichen Ende des Teiches, der sich im Zentrum der Anlage befindet. Die ruhige Oberfläche des rechteckigen Gewässers erweist sich von hier aus betrachtet als genau plazierter Spiegel, denn in ihm ist nun kopfüber das genaue Gegenstück des Mausoleums mit seinem großen Obelisken zu sehen.

Dieses ist nun unser nächstes Ziel. Daß es ebenso wie der Obelisk aus Betonfertigteilen errichtet wurde, sieht man ihm nicht an. Die Verkleidung mit Oamaru-Stein und Dunedin-Quarz verleiht ihm ein helles, freundliches Äußeres. Zwei schlanke Zypressen flankieren die schwarze Tür, die Zutritt in sein Inneres gewähren könnte, wäre sie nicht verschlossen. Sie ist die einzige Öffnung in der ansonsten glatten Außenwand des Mausoleums, das an seinem oberen Rand von einer Balustrade abgeschlossen wird. Bereits während unseres Rundgangs hatte ich dort oben immer wieder einmal Leute stehen sehen, so daß ich also bereits weiß, daß das Obere des Mausoleums begehbar ist.

Obenauf ragt der große Obelisk in die Höhe, dessen Sockel von einem mannshohen Madonnenrelief verziert wird. Daß dieses aus Bronze bestehen soll, vermag ich kaum zu glauben, denn sein Farbton unterscheidet sich kaum von dem des umgebenden Steins. Geschaffen wurde diese Figur der Liebe und der Gerechtigkeit von dem in Neuseeland sehr bekannten Bildhauer Richard Gross. Ursprünglich, so lese ich später, hatten die Pläne für die Gedenkstätte eine Statue anstelle des Obelisken vorgesehen, die den „arbeitenden Menschen“ symbolisieren sollte. Allerdings fanden die Behörden, wie es heißt, die Statue zu protzig und verlangten eine diesbezügliche Änderung der Pläne. Das Ergebnis waren der Obelisk und eben jenes Madonnen-Relief.

Links und rechts neben dem Mausoleum führen Stufen in die Höhe, die wir nun hinaufsteigen. Sie führen auf eine große Plattform, die sich hinter dem Obelisken befindet und vom Garten aus gar nicht zu sehen war. Das Dach des Mausoleums ragt etwas über sie hinaus, so daß zwei Stufen zu ihm und dem Obelisken hinaufführen. Und hier, an der Rückseite von dessen Sockel, finde ich nun zum ersten Mal einen direkten Bezug zu dem durch die Gedenkstätte Geehrten. In die Wand des Sockels ist ein weiteres Relief eingelassen, das im Gegensatz zu seinem Gegenstück an der Frontseite seine bronzene Herkunft nicht verleugnen kann. In der Form einer kreisrunden Plakette zeigt es die Büste Michael Joseph Savages und darunter eine Tafel mit folgenden Worten[2]Im Original lautet die Inschrift: This Monument is erected by The New Zealand Labour Party in memory of Michael Joseph Savage First Labour Prime Minister „There is no fame to rise above The … [Weiterlesen]:

Dieses Monument wurde errichtet von
der neuseeländischen Labour-Partei
in Erinnerung an
Michael Joseph Savage
Erster Labour-Premierminister
„Es gibt keinen Ruhm über
die krönende Ehre der Liebe eines Volkes hinaus.“

Relief am Michael Joseph Savage Memorial am Bastion Point in Auckland
Die Rückseite des Obelisken auf dem Mausoleum des Michael Joseph Savage Memorials zeigt ein Relief des Geehrten, eine Ehrentafel und eine Inschrift.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Bei genauem Hinsehen entdecke ich noch eine weitere Inschrift, die über dem Relief direkt in den Stein graviert wurde[3]Im Original ist dort zu lesen:

Michael Joseph Savage
(1872-1940)
„He loved his fellow men.“

:

Michael Joseph Savage
(1872 – 1940)
„Er liebte seine Mitmenschen.“

Ich muß zugeben, ich bin beeindruckt. Diese Gedenkstätte, dieses Denkmal, diese Inschriften – all das zeugt von einer sehr großen Verehrung. Und bisher weiß ich lediglich, daß jener, dessen hier gedacht wird, einst Premierminister des Landes war. Doch ist das Grund genug für solch ein Mahnmal? Sicher nicht. Was also ist es, daß ihn so besonders macht?

Nun, Michael Joseph Savage war nicht einfach nur der dreiundzwanzigste Premierminister Neuseelands und der erste der Labour-Partei. Er war ein Politiker, der es ablehnte, Politik lediglich als Mittel zur Erlangung und Verwaltung von Macht und zur Spaltung der Gesellschaft zu betreiben. Vielmehr war er jemand, der sich aufrichtig für die Menschen des Landes einsetzte, der eine bessere und gerechtere Gesellschaft anstrebte und versuchte, für die Realisierung dieses Traums so viele Menschen wie möglich zu begeistern und zu vereinen. Und dies blieb nicht nur leeres Gerede. Als seine Regierung 1933 gewählt worden war, zu einem Zeitpunkt also, als die wirtschaftliche Depression der späten 1920er und frühen 1930er Jahre noch in vollem Gange war, zahlte sie Arbeitslosen und Empfängern karitativer Hilfe sofort ein Weihnachtsgeld. Allen in der Fürsorge tätigen Helfern gewährte sie sieben Tage Jahresurlaub. Drei Jahre später gelang es ihr, mit Hilfe zahlreicher erlassener Gesetze die Kaufkraft der Bevölkerung wirksam zu erhöhen, so die Wirtschaft wieder zu beleben und Arbeitsplätze und neuen Wohlstand zu schaffen. Mit der Verstaatlichung der Reserve Bank of New Zealand und des kommerziellen Rundfunks wurden wichtige Einrichtungen des öffentlichen Lebens dem Gemeinwohl unterworfen. Ein neu aufgelegtes staatliches Wohnungsbauprogramm sorgte für bezahlbaren Wohnraum und gemeinsam mit weiteren Maßnahmen für eine spürbare Verbesserung des Lebens der Menschen im Land. Und auch die Māori wurden nicht vergessen. Einige gravierende Diskriminierungen wurden beendet, und die Ureinwohner Neuseelands fanden in den Bereichen der Bildung, der Gesundheit, der Beschäftigung und nicht zuletzt auch der Landbesiedelung verstärkt Berücksichtigung. Doch die vielleicht größte Errungenschaft war der Social Security Act, ein Gesetz, das das erste Sozialversicherungssystem der westlichen Welt einführte. Arbeitslosenunterstützung, ein allgemeines kostenloses Gesundheitssystem sowie eine bedürftigkeitsabhängige Altersrente waren nur einige der Maßnahmen, die jedem Bürger des Landes zu mehr sozialer Sicherheit verhalfen.

Savages unermüdlicher Einsatz hatte jedoch seinen Preis. Als er im Jahre 1938 die Diagnose Darmkrebs erhielt, wurde sein Herzensprojekt, der Social Security Act, gerade ins Parlament eingebracht. Außerdem stand wieder eine Parlamentswahl an. So verschob er die eigentlich dringend erforderliche Operation, um das Projekt und die Wiederwahl seiner Partei nicht zu gefährden. Zwar unterzog er sich im Jahr darauf dem lebensrettenden Eingriff, doch es war bereits zu spät. Im März des Jahres 1940 erlag er seinem Leiden.

Michael Joseph Savage wurde hier auf dem Bastion Point bestattet. Daß er der beliebteste aller neuseeländischen Premierminister war, läßt sich auch daran erkennen, daß ihm bei seinem Staatsbegräbnis hunderttausende Neuseeländer nicht nur in Wellington und Auckland, sondern auch an den Bahnhöfen entlang der Strecke die letzte Ehre erwiesen, als sein Leichnam zu seiner letzten Ruhestätte überführt wurde. Bereits ein Jahr nach seinem Tod schrieb die Labour-Regierung einen Wettbewerb zur Errichtung einer Gedenkstätte aus, die mit Tibor Donner und Anthony Bartlett zwei Architekten aus Auckland gewannen. Ihrem Entwurf entsprechend wurde noch im selben Jahr mit dem Bau begonnen, der im März 1942 abgeschlossen werden konnte.

All das bringe ich natürlich nicht hier, auf dem Dach des Mausoleums, in Erfahrung, sondern erst später. Und doch ist mir bereits hier klar, daß dieser Politiker ein ganz besonderer Vertreter seiner Zunft gewesen war. Allein die Existenz dieser beeindruckenden Gedenkstätte ist dafür Beweis genug. Es erscheint mir kaum vorstellbar, daß die Idee, einem unserer heutigen Politiker ein solches Denkmal zu setzen, viel Anklang bei der Mehrheit der Bevölkerung fände. Keinem von ihnen würde man wohl das Zeugnis ausstellen, sich in besonderem Maße für die Menschen seines Landes einzusetzen. Ganz im Gegenteil. Die Maßnahmen, die Savages Regierung für das Wohl der neuseeländischen Bevölkerung ergriff, erscheinen heute undurchführbar. Doch nicht, weil sie es tatsächlich wären, sondern lediglich deshalb, weil es im Kreise der Politik keinerlei Neigung gibt, dafür auch nur einen Finger zu rühren. Stattdessen folgt man dort anderen Interessen und tut eher das genaue Gegenteil, ignoriert Armut, Notstände im Bildungs- und im Gesundheitswesen sowie den unausgesetzten Verfall der Infrastruktur. Und am Ende ist man dann noch stolz darauf, das Land zu regieren, in dem der größtmöglichen Anzahl Menschen lediglich Niedrigstlöhne gezahlt werden.

Und so ist die Gedenkstätte für Michael Joseph Savage nicht nur eine Ehrung für einen aufrichtigen Politiker, der seine Aufgabe, zum Nutzen seines Volkes zu wirken, ernst genommen hat, sondern gerade in der heutigen Zeit auch eine Erinnerung daran, daß Politik im Dienste der Menschen nicht nur möglich ist, sondern auch tatsächlich durchführbar. Immerhin ist es schön zu sehen, daß diese Gedenkstätte auch heute noch umfassend und liebevoll gepflegt wird. Denn daß sie in allerbestem Zustand ist, davon haben wir uns bei unserem Rundgang selbst überzeugen können.

Wir bleiben noch ein wenig auf der Plattform hinter dem Obelisken stehen und genießen die Aussicht, die sich uns von hier bietet – nicht nur auf den Garten am Grund der Senke, sondern auch in der entgegengesetzten Richtung. Dort, im Norden, ist nach wenigen Metern die Anhöhe des Bastion Points zu Ende. Das Steilufer, mit dem sie zum Hauraki Gulf abfällt und an dessen Fuß der Tamaki Drive entlangführt, können wir von hier oben zwar nicht sehen, doch dafür haben wir einen wunderbaren Ausblick auf die Bucht und das uns genau gegenüber liegende Rangitoto Island mit seinem markanten Vulkankegel.

Von dem einstigen militärischen Vorposten, der sich auf dem Bastion Point befand, ist hingegen heute nichts mehr zu sehen, da sein Platz vollständig von der Gedenkstätte eingenommen wird. Zum Zeitpunkt seiner Errichtung gehörte das hiesige Land dem Māori-Stamm der Ngati Whatua. Ohne viel Federlesens nahm man es ihm einfach weg, wobei man sich nicht nur auf das Areal der heutigen Gedenkstätte beschränkte, sondern die ganze Bastion Point genannte Landzunge einbezog. Darauf bezieht sich letztlich der Text auf der zweiten Seite der Tafel am Anfang des Weges zur Gedenkstätte, allerdings ohne diesen Fakt selbst zu erwähnen. Als der Stützpunkt 1941 schließlich aufgegeben wurde, erhielten die Māori das Land jedoch nicht zurück. Gegen die Errichtung der Gedenkstätte hatten die Māori wahrscheinlich nichts einzuwenden, da sie Michael Joseph Savage und seiner Regierung viel zu verdanken hatten, doch auf das übrige Land erhoben sie nach wie vor Anspruch. Allerdings erfolglos. Als man in den 1970er Jahren schließlich ankündigte, das Land an den Meistbietenden zu verkaufen, damit dort hochpreisige Wohnungen entstehen könnten, kam es zu einer großen Protestaktion der Māori, die das Land friedlich besetzten. Nachdem diese mehr als fünfhundert Tage angedauert hatte, ließ die Regierung sie von Polizei und Armee gewaltsam beenden. Dies trug maßgeblich dazu bei, daß die Ungerechtigkeit gegenüber den Ureinwohnern des Landes deutlich wurde und in der neuseeländischen Gesellschaft zur Sprache kam. Dennoch dauerte es noch einige Jahre, bis die Regierung 1988 bei den Māori formell um Entschuldigung bat und das Land an sie zurückgab.

Wir setzen uns schließlich wieder in Bewegung und wandern den Weg zurück, den wir gekommen sind, hinaus aus der Gedenkstätte zu dem kleinen Wendekreis. Zeit haben wir genug, und so wollen wir doch einmal sehen, ob sich nicht dort in irgendeiner anderen Richtung außer Rasen doch noch etwas Interessantes finden läßt.

Als wir an der Wendeschleife anlangen, stellen wir fest, daß drei Wege von hier ausgehen. Den zur Gedenkstätte und die Straße selbst kennen wir bereits. Der dritte ist ein asphaltierter Fußweg, der das Ende der Straße in östlicher Richtung verläßt, die Rasenfläche überquert und dann in einem Streifen aus Gebüsch und Bäumen verschwindet, so daß nicht genau auszumachen ist, wohin er führt. Grund genug für uns, einmal nachzusehen.

Im Michael Joseph Savage Memorial Park am Bastion Point in Auckland
An der Ostseite der Anhöhe des Bastion Points führt ein Weg hinab zur MIssion Bay, an dem dieses schöne Exemplar eines Kohlbaums steht.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Es dauert nicht lange, da haben wir das Gehölz erreicht. Am Wegrand ragt ein vielstämmiges Gewächs auf, das ich mit meinem laienhaften Blick für eine Art Palme halte. Vermutlich ein Kohlbaum, der hier in Neuseeland heimisch ist. Unter den Bäumen ist es schattig. Viel Erleichterung bringt uns das heute jedoch nicht, da der Himmel schon den ganzen Vormittag über recht stark bewölkt war, so daß wir trotz des spärlichen Baumbestands auf der Anhöhe des Bastion Points nicht unter zu starker Sonneneinstrahlung zu leiden hatten. Als wir weitergehen, verliert der Weg rasch an Höhe. Offenbar steuern wir auf das Steilufer am östlichen Rand des Bastion Points zu. Daß ich mit dieser Vermutung recht habe, zeigt sich kurz darauf, als der Weg unvermittelt in eine Treppe übergeht, die uns innerhalb kürzester Zeit zum Tamaki Drive hinunterbringt, der hier das Meeresufer bereits verlassen und sich ein Stück landeinwärts gewandt hat, um einer kleinen Grünanlage und einem sandigen Strandabschnitt Platz zu machen.

Neugierig begeben wir uns nach links zu dem Strand hinüber, der sich allerdings als nicht besonders spektakulär erweist. Vereinzelt laufen ein paar Menschen so wie wir darauf herum, der Sand ist von graubrauner Farbe, überall liegen Tangstreifen und Muschelschalen herum. Mehr ist da nicht. Kein Strandkorb, kein Strandpavillon, kein Beach-Volleyball-Feld. Und keine Düne. Das obere Ende des Strandstreifens wird von einer langgestreckten steinernen Bank abgeschlossen, hinter der eine breite, mit Asphalt befestigte Strandpromenade verläuft. Dahinter dehnt sich die bereits erwähnte Grünanlage aus.

Dort, wo das Wasser auf den Strand trifft und der Sand etwas heller ist, stehe ich und schaue hinaus auf die Fluten des Hauraki Gulfs, ohne in diesem Moment zu wissen, daß dessen hiesiger Abschnitt Mission Bay genannt wird, ein Name, den man praktischerweise auch gleich dem anliegenden Vorort Aucklands gegeben hat. Die Wasseroberfläche ist leicht gekräuselt, Wellen gibt es keine beziehungsweise nur dann, wenn draußen ein Schiff vorübergefahren ist. In der Ferne kann ich inmitten des Wassers einen Turm ausmachen, der dort auf einem komplexen Gestell aus sieben Streben steht. Von hier aus möchte ich fast meinen, er sei aus Holz, was ich mir angesichts seiner Position inmitten der Bucht allerdings nicht so recht vorstellen kann. Tatsächlich liege ich mit meinem Eindruck jedoch völlig richtig. Denn bei diesem Bean Rock Lighthouse genannten und zur Gänze aus Holz errichteten Gebäude handelt es sich nicht nur um den einzigen verbliebenen Leuchtturm im Landhausstil, den es in Neuseeland noch gibt – und auch in der ganzen Welt existieren nur noch sehr wenige davon -, sondern gleichzeitig um den ältesten hölzernen Leuchtturm des Landes. Überdies ist er der einzige, der inmitten der Meeresfluten steht. 1870 errichtet, wurde er bis 1912 von den Leuchtturmwärtern mit ihren Familien bewohnt. Dann automatisierte man die Anlage und die Leuchtturmwärter wurden überflüssig. Benannt wurde der am Ende eines Riffs errichtete Turm nach Lieutenant Bean von der Royal Navy, der der Kapitän der HMS Herald war, des Schiffes, das die erste Vermessung des Waitematā Harbours nach der Gründung Aucklands vornahm. Hinter dem Leuchtturm ist die bewaldete Küste des Rangitoto Islands zu sehen, das uns genau gegenüberliegt und das ich so von hier aus in seiner ganzen Pracht bewundern kann.

An der Mission Bay
Ein Blick über die Mission Bay hinüber zum Bean Rock Lighthouse, das inmitten des Hauraki Gulfs steht. Das gegenüberliegende Ufer ist Rangitoto Island.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Nach einigen Augenblicken intensiven Auf’s-Meer-Schauens wenden wir uns um und stapfen über den Sand des menschenleeren Strandes zurück zur Promenade. Als ich bei einem späteren Blick in einen Reiseführer erfahre, daß wir hier am angesagtesten Strand von Auckland gestanden haben, kann ich mir das angesichts dessen, was wir zu sehen bekommen haben, kaum vorstellen. Offenbar ist seine behauptete Beliebtheit eher eine gelegentliche Angelegenheit.

Wir spazieren ein Stück die Promenade entlang, bis wir einen Querweg erreichen, der in die Grünanlage hinein- und zu einem kreisrunden Areal führt, in dessen Mitte sich ein großer Brunnen befindet. Inmitten eines riesigen runden Beckens steht eine überdimensionierte, übermannshohe Schüssel in der Form eines großen Blumentopfs, in der sich allerdings nichts zu befinden scheint, soweit ich sehen kann. Vielleicht schießt daraus normalerweise eine Fontäne hervor? Wenn dem so sein sollte, so ist sie jetzt gerade inaktiv. Rings um die Schüssel sind auf ebenfalls kreisrunden Podesten vier große Skulpturen angeordnet, die wohl Fabelwesen des Meeres darstellen sollen. Der Kopf eines Seepferdchens, der Körper einer Wasserschlange, die Pranken eines Löwen – das sind die Merkmale der Wesen, die mir sofort ins Auge fallen. Eine einigermaßen merkwürdige Anlage.

Geschaffen wurde dieser Brunnen, der den Namen Trevor Moss Davis Memorial Fountain trägt, zu Ehren des Direktors der Auckländer Spirituosenfirma Hancock & Company, der 1947 einen Herzinfarkt erlitt und nur fünfundvierzigjährig verstarb. Sein Vater, der die Erinnerung an seinen Sohn wachhalten wollte, stiftete diesen Gedenkbrunnen, den der Architekt George Tole entwarf. Mit dieser Wasserkunst treffen wir zum zweiten Mal an diesem Tag auf ein Werk des Bildhauers Richard Gross, der die Ausführung von Toles Plänen übernommen hatte.

Da wir auf den ersten und auch auf den zweiten Blick hier in Mission Bay nicht mehr sonderlich viel entdecken können, dessentwegen sich das Bleiben lohnte, machen wir uns schließlich wieder auf den Weg zurück, verlassen die Grünanlage, überqueren den Tamaki Drive, erklimmen die Stufen, die uns zur Anhöhe des Bastion Points hinaufbringen und stehen alsbald wieder an der kleinen kreisrunden Wendeschleife.

Sollte der Fahrer des nächsten ankommenden Auckland Explorer Busses allerdings damit gerechnet haben, uns einsammeln und zu unserem nächsten Ziel bringen zu können, so müssen wir ihn enttäuschen. Dieses liegt nämlich in nicht allzu großer Entfernung von hier, so daß wir beschließen, die kurze Strecke einfach zu Fuß zurückzulegen. Gesagt, getan. Und so sieht die Straße, die von der Wendeschleife auf der Anhöhe des Bastion Points hinunter zum Tamaki Drive am Ufer des Hauraki Gulfs führt, kurz darauf zwei Wanderer, die an ihrem Rand kräftig ausschreiten, ihrem nächsten Ziel entgegen…

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Referenzen

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1 Im Original lautet der Text:

In 1860, 1879 and 1880 Ngati Whatua leaders Tuhaere and Te Kawau assembled many North Island chiefs to the Kohimaramara Conference to establish a Māori parliament. They sought redress on land issues and equality under the law. In the 1930’s Māori sought remedy through Michael Savage, the then Prime Minister, of the Labour Government. With Māori support Labour had entered parliament for the first time beginning a long-standing relationship.

2 Im Original lautet die Inschrift:

This Monument is erected by
The New Zealand Labour Party
in memory of
Michael Joseph Savage
First Labour Prime Minister
„There is no fame to rise above
The Crowning honour of a people’s
love.“

3 Im Original ist dort zu lesen:

Michael Joseph Savage
(1872-1940)
„He loved his fellow men.“