Schlagwort-Archive: Bastion Point

In den Gewässern des Südens

Dieser Beitrag ist Teil 8 von 9 der Beitragsserie "Reise nach Neuseeland & Singapur"
Wie ich in den Gewässern Neuseelands untertauchte, die Antarktis besuchte und wieder zurückkehrte

„Luftlinie?“

Diese Frage sollte man immer stellen, wenn man eine Entfernungsangabe vorgesetzt bekommt. Auch wenn sie nur aus einem einzigen Wort besteht, ist sie doch von einiger Bedeutsamkeit. Lautet die Antwort „Ja“, dann ist es immer eine gute Strategie, Vorsicht walten zu lassen. Besonders, wenn es um die Entfernung geht, die man gleich darauf zurückzulegen hat. Und erst recht, wenn dies unter Einsatz der eigenen Kräfte geschehen soll. Denn schnell kann aus einer harmlos scheinenden kurzen Entfernung, die nicht hinreichend als „Luftlinie“ gekennzeichnet worden ist, auf realen Wegen eine – gefühlt oder wirklich – endlos andauernde Anstrengung werden. Berlin und Frankfurt an der Oder sind eigentlich gar nicht so weit voneinander entfernt. Entlang der Luftlinie jedenfalls. Soll man allerdings vom einen in den anderen Ort auf ausschließlich natürlichen Wasserstraßen rudern, ist es durchaus noch einmal eine Überlegung wert, ob man sich darauf einlassen will oder es besser bleiben läßt.

Nun, einem solchen Extrem sind wir glücklicherweise nicht ausgesetzt. Wir müssen nicht rudern, und der Unterschied in der Entfernung, der auf unserem Weg von der Wendeschleife auf dem Bastion Point zu unserem nächsten Ziel zwischen der Luftlinie und dem Wandern auf den realen Straßen besteht, ist nicht sonderlich groß. Aus den rund 750 Metern, die es auf gerader Strecke wären, wird für uns lediglich ein Kilometer. Die Hapimana Street, wie die kleine Straße heißt, die uns hinunter zum Tamaki Drive bringt, windet sich von der Anhöhe das Steilufer hinab. Beziehen wir den Höhenunterschied mit ein, kommen zu dem Kilometer noch ein paar einzelne Meter hinzu, die wir zu Fuß zu gehen haben.

Zwischen grünen, welligen Rasenflächen wandern wir das Asphaltband entlang. Links begleitet uns eine Art Weidezaun, rechts ziehen in regelmäßigen Abständen Palmen an uns vorüber. Eine Rechtsbiegung, ein paar Büsche und Bäume linkerhand und schließlich wieder eine Kurve nach links, dann haben wir das Steilufer erreicht und unsere Straße führt nun schnurstracks hinab zum Tamaki Drive, den wir schon rechts unter uns sehen können. Dahinter dehnt sich die weite Wasserfläche des Hauraki Gulfs, der hier in den Waitematā Harbour übergeht.

Tiefer und tiefer senkt sich die Hapimana Street hinab, während an ihrer linken Seite der Hang höher und höher wird und schließlich in eine fast senkrechte Wand übergeht, die aber dennoch von dichtem Grün, bestehend aus Gräsern, Büschen und einigen Bäumen, bewachsen ist. Noch ein paar Meter, dann haben wir das Ende der Straße und ihre Einmündung in den Tamaki Drive erreicht. Weil dieser wegen des Steilufers nur an der rechten Straßenseite einen Fußweg besitzt, gilt es nun zunächst, ihn zu überqueren, was angesichts des durchaus nicht geringen Autoverkehrs und der völligen Abwesenheit eines Fußgängerübergangs gar nicht so einfach ist, nicht zuletzt auch deshalb, weil ich mich immer noch nicht so recht an den Linksverkehr gewöhnt habe.

Schließlich langen wir jedoch wohlbehalten auf der gegenüberliegenden Straßenseite an und wandern nun in Richtung der Innenstadt Aucklands weiter – links die Straße, rechts die Bucht. Auf deren gegenüberliegender Seite liegt Rangitoto Island nun schon leicht hinter uns, schräg rechts vor uns können wir den North Head und dahinter Devonport mit dem Mount Victoria ausmachen. Dort ist der Eingang zum Waitematā Harbour zu suchen.

Steilufer an der Okahu Bay in Auckland
Dort, wo der Tamaki Drive am Beginn der Okahu Bay eine scharfe Kurve nach links vollzieht, bildet das Steilufer des Bastion Points eine Ecke mit einem beinahe rechten Winkel. Hier ist es vom Ufer der Okahu Bay aus zu sehen. Besagte Ecke ist also am linken Bildrand zu finden.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
Creative Commons Lizenzvertrag

Als wir diesen erreichen, beschreibt der Tamaki Drive eine scharfe Kurve nach links. An deren Scheitelpunkt zweigt der lange weiße Steg des Okahu Bay Wharfs ab und führt in die Bucht hinaus und – wie es scheint – direkt auf den Mount Victoria zu. Links daneben erhebt sich ein aus gelben Ziegeln errichtetes und mit einem roten Dach versehenes Gebäude, an dessen dem Wasser zugewandter Seite sich ein Flachbau anschließt, der den Charakter einer überdachten und verglasten Veranda besitzt und, auf Pfählen errichtet, über dem Wasser schwebt. Daß er bei weitem nicht so viele Jahre auf dem Buckel hat wie das alte steinerne Gebäude, zu dem ganz offensichtlich noch ein weiterer, kleinerer und im selben Stil direkt unterhalb des Steilufers auf der gegenüberliegenden Seite der Fahrbahn errichteter Bau gehört, ist offensichtlich. Er wurde erst später hinzugesetzt, vermutlich, um aus dem alten Ziegelbau den Veranstaltungsort zu machen, der er heute ist, passend zu seinem Standort den Namen Okahu tragend, wie uns ein großes Schild an der Frontseite des Gebäudes stolz verkündet, und buchbar für Hochzeiten und jede Art von Feierlichkeiten, wenn man das nötige Kleingeld hat.

Da wir es nicht haben, allerdings auch gerade nichts zu feiern gedenken – außer vielleicht unseren Urlaub -, lassen wir den Bau einfach links – oder in diesem Falle rechts – liegen und folgen dem Tamaki Drive, der nun am Ufer der Okahu Bay entlangführt. Der Blick über diese mit vielen kleinen, auf dem Wasser schaukelnden Segelbooten gespickten Bucht ist atemberaubend, zumal am jenseitigen Ufer, uns genau gegenüber, die Skyline der Innenstadt Aucklands in voller Pracht und Schönheit zu sehen ist. Der Tamaki Drive hat hier etwas mehr Platz zwischen Steilufer und Wasser zur Verfügung, den man für die Anlage eines langgestreckten Parkplatzes genutzt hat, an dessen Ende nun das Ziel unserer kurzen Wanderung in Sicht kommt.

Es ist ein kleines, eingeschossiges Gebäude, das mit seinen gelben Wand- und den roten Dachziegeln ganz eindeutig in demselben Stil errichtet wurde wie der große Bau und sein kleiner Begleiter, die wir zuvor passiert hatten, so daß sich mir die Vermutung aufdrängt, daß die drei Gebäude einst zusammengehört haben mochten und möglicherweise eine größere Anlage bildeten. Als ich später interessehalber versuche, mehr darüber herauszufinden, erweist sich meine Annahme als richtig. Hier an der Okahu Bay hatte sich einst eine Abwassersammelanlage befunden, die den großen Vorzug hatte, kaum wahrnehmbar zu sein, hatte man die großen Behälter, in denen man das Abwasser der hiesigen Siedlungen sammelte, doch einfach in die Anhöhe des Bastion Points hineingebaut. Nach außen hin waren lediglich die kleinen Zugangsbauten und das große Gebäude, das wir an der Kurve passiert hatten, zu sehen, welches damals – noch ohne den Pfahlbau – als Pumpstation beziehungsweise Ventilhaus diente, mit dem man das Abwasser schließlich in den Hafen von Auckland pumpte.

Kelly Tarlton's Sea Life Aquarium in Auckland
Dieser kleine Bau, der einst zu der unterirdischen Abwassersammelanlage gehörte und vermutlich den Zugang zu dieser ermöglichte, ist heute das Empfangsgebäude von Kelly Tarlton’s Sea Life Aquarium. Mehr ist von diesem überirdisch auch nicht zu sehen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
Creative Commons Lizenzvertrag

Daß diese Abwassersammelanlage heute nicht mehr existiert, ist an der Umwidmung der einstigen Pumpstation bereits abzulesen. Doch auch das kleine Gebäude, vor dem wir nun stehen, weist überdeutlich darauf hin. Seinen Zweck als Zugangsportal hat es zwar behalten, doch gewährt es heute zu einer völlig anderen Einrichtung Zutritt, wie die beiden großen, an der Frontseite aufgespannten Banner stolz verkünden. „ENTRANCE“„Eingang“ steht in großen blauen Lettern auf dem oberen, während das untere uns den Namen der Einrichtung verrät: Kelly Tarlton’s Sea Life Aquarium.

Hier wollen wir hin. Als Landratten, die wir nun einmal sind, ist dies die beste und einfachste Möglichkeit, auf eine Reise in die Unterwasserwelt der Meere Neuseelands zu gehen. Eine Reise, die zu machen wir uns fest vorgenommen hatten, gehört sie doch unabdingbar dazu, will man so wie wir diesen Zipfel der Welt ein bißchen besser kennenlernen. Denn diese besteht nun einmal nicht nur aus Landschaft und Städten, Land und Leuten, sondern eben – und das sogar zum weitaus größeren Teil – auch aus Wasser und dem, was darin ist.

Das Aquarium, vor dessen Eingang wir jetzt stehen, wurde im Jahre 1983 von Kelly Tarlton ins Leben gerufen, der seine Leidenschaft für das Tauchen zu seinem Beruf gemacht hatte, indem er als Meeresarchäologe Schiffswracks erforschte, eine Tätigkeit, die ihn immer wieder vor neue Herausforderungen stellte, zu deren Lösung er technische Lösungen finden mußte, was ihn schließlich auch zu einem maritimen Bauingenieur werden ließ. Darüberhinaus betätigte er sich erfolgreich als Unternehmer im Bereich des Meerestourismus. Zum Zeitpunkt der Gründung des Aquariums hatte er bereits zwei Museen initiiert: die nach dem von ihm untersuchten Wrack der Boyd genannte Boyd Gallery und das Museum of Shipwrecks – das Schiffswrackmuseum.

Um den Menschen aber nicht nur die historischen Schätze der Seefahrt, sondern auch die der maritimen Natur zugänglich und bekannt zu machen, gründete er schließlich das Aquarium, das 1985 unter dem Namen Kelly Tarlton’s Underwater World seine Pforten öffnete. Innerhalb von zehn Monaten wurde es in die nicht mehr benötigten Sammelbehälter des in den 1960er Jahren überflüssig gewordenen einstigen Abwasserwerks in der Anhöhe des Bastion Points eingebaut. Von Beginn an stieß das Aquarium auf riesiges Interesse und erwies sich als großer Besuchermagnet. Bereits sieben Wochen nach seiner Eröffnung konnte es seinen einhunderttausendsten Besucher begrüßen – ein Meilenstein, den sein Gründer noch miterlebte, bevor er nur einen Tag später im Alter von 47 Jahren an Herzversagen starb.

Dreiundzwanzig Jahre blieb das Aquarium selbständig, dann wurde es vom Unternehmen Village Roadshow aufgekauft, das es jedoch bereits drei Jahre später an Merlin Entertainments weiterveräußerte, eine britische Firma, die weltweit mehr als einhundertzwanzig Freizeiteinrichtungen betreibt, darunter solche Marken wie Madame Tussauds, Dungeons, Legoland und Sea Life. Letztere fand dann 2012 Eingang in die Bezeichnung des von Tarlton einst gegründeten Aquariums, das seitdem unter dem Namen Kelly Tarlton’s Sea Life Aquarium firmiert. So muß es uns nicht verwundern, daß wir den typischen Sea Life-Schriftzug auch hier auf den Transparenten am Eingang vorfinden – einen Schriftzug, den ich bereits aus meiner Heimatstadt Berlin zur Genüge kenne, haben wir doch auch dort ein Sea Life direkt im Zentrum. Und so erwarte ich denn, daß mir auch hier das typische Erscheinungsbild und Besuchererlebnis geboten wird, das ich bereits von dort und auch aus Sydney kenne, wo ich reichlich zwei Jahre zuvor das dortige Sea Life besucht hatte. Doch gleichzeitig – und das ist die Motivation für den Besuch – hoffe ich darauf, im hiesigen Aquarium einen regionalen Bezug vorzufinden, der es mir ermöglicht, die Unterwasserwelt der Meere Neuseelands näher kennenzulernen, eine Hoffnung, die ganz erheblich durch den Umstand genährt wird, daß es in seinem Namen immer noch den seines in Neuseeland geborenen Gründers mitführt.

Um allerdings überprüfen zu können, ob mich diese Hoffnung trügt oder ob sie sich erfüllen wird, muß ich das Aquarium zunächst einmal betreten. Und so machen wir uns nach einem letzten Blick über die sonnenbeschienene Okahu Bay und die darauf gemächlich hin- und herschaukelnden Segelboote auf den Weg zum Eingang. Glücklicherweise gestaltet sich die dafür notwendige erneute Überquerung des Tamaki Drives hier bedeutend einfacher als zuvor, da wir direkt vor dem kleinen Empfangsgebäude einen Fußgängerübergang mit Mittelinsel vorfinden. Anschließend treten wir durch das vergleichsweise kleine Eingangsportal und suchen die Kasse auf, um unsere Tickets zu erwerben. Der genaue Preis ist nicht in meinem Gedächtnis verblieben, wohl aber die Empfindung, daß er als durchaus stolz zu bezeichnen ist. Umgerechnet mehr als zwanzig Euro sind nicht gerade eine kleine Summe. Dafür gelingt es uns, dem Fotografen auszuweichen, der kurz hinter dem Eingang schon auf unser Kommen lauert, um ein total cooles Foto von uns aufzunehmen, das wir, digital bearbeitet und eingebettet in eine Unterwasserumgebung, später am Ausgang würden mitnehmen können. Aus einschlägiger Erfahrung wissen wir jedoch, daß wir den Preis für dieses total coole Foto, den wir dann zu bezahlen hätten, gar nicht so cool finden werden, und so lehnen wir dankend, aber bestimmt ab. Daß das wiederum als uncool empfunden wird, nehmen wir in Kauf.

Als wir endlich die eigentliche Ausstellung erreichen, erwartet uns eine Überraschung, mit der ich nicht gerechnet hatte. Denn anstatt in einer Unterwasserwelt finden wir uns in einem Bereich wieder, der sich mit dem südlichsten Kontinent der Erde beschäftigt: Antarktika. Der von uns oft auch verwendete umgangssprachliche Name Antarktis ist eigentlich nicht korrekt, da damit zum einen sowohl die Landmassen als auch die Meeresgebiete zwischen dem südlichen Polarkreis und dem Südpol bezeichnet werden, und zum anderen auch einige Landteile Antarktikas über den südlichen Polarkreis hinausreichen und so genaugenommen gar nicht mehr zur Antarktis zählen. Noch viel interessanter als das finde ich allerdings die Tatsache, daß Antarktika unseren guten alten Kontinent Europa in der Größe übertrifft. Hätte mich jemand danach gefragt, ich hätte es nicht gewußt.

Unser Weg durch die Ausstellung führt uns als erstes – in ein Blockhaus. Nun, es ist natürlich nicht wirklich ein Blockhaus, aber als wir diese Abteilung durchwandern, vermittelt sie uns beharrlich den Eindruck, in einem zu sein. Sämtliche Wände, die wir erblicken können, bestehen aus Holz. Und als ich einen Blick nach oben werfe, entdecke ich Holzbalken und eine Decke aus demselben Material. Eine große Tafel verrät uns, wo wir hier sind: in Scott’s Hut – einer Nachbildung der Hütte, die Robert Falcon Scott während seiner von 1910 bis 1913 andauernden Südpolexpedition im Jahre 1911 errichtet und benutzt hatte. Das echte Gebäude steht am Kap Evans, das sich an der Nordküste der Ross-Insel in der Antarktis befindet, und ist heute eine eingetragene Historische Stätte der Antarktis.

Wenn ich zuvor die Bezeichnung Hütte im Zusammenhang mit einer Südpolexpedition gehört oder gelesen hatte, stellte ich mir stets ein vergleichsweise kleines Gebäude vor. Um so überraschter bin ich, hier die Nachbildung eines Hauses zu durchstreifen, das wenigstens 15 Meter lang und etwa halb so breit ist und über mehrere Räume verfügt, von denen jeder seinen eigenen, eindeutig erkennbaren Zweck erfüllt. Der erste stellt eine Mischung aus Küche und Lager dar. Auf einfachen, mit Winkeln an den Wänden befestigten Regalbrettern stehen allerlei Nahrungsmittel in Flaschen, Dosen und Kartons, darunter lagern in kleinen Standregalen weitere lebenswichtige Dinge und Gerätschaften, die zum Zubereiten von Essen benötigt werden. Hier steht eine Küchenwaage, dort ein altmodischer Fleischwolf mit Handkurbel. An der Wand lehnt ein Strohbesen, an Haken, die an den unteren Regalbrettern befestigt wurden, hängen kleine Henkeltöpfe, Kellen, große Löffel und andere Kochutensilien. Schüssel aus Email, Eimer und große Kruken stehen ebenso herum wie ineinandergestapelte einhenklige Kasserollen. In der Mitte des Raumes befindet sich ein Holztisch, auf dem eine Packung Cracker neben zwei Schüsseln, einer Blechkanne und einem verschlossenen Töpfchen abgestellt wurde und ein Holzbrett darauf wartet, daß jemand kommt und etwas auf ihm kleinschneidet. An einem quer durch den Raum gespannten Seil hat jemand dicke Wollhandschuhe aufgehängt und auch einen metallenen Ring daran befestigt, von dem einstielige metallische Siebe oder Körbe herabbaumeln. Doch trotz der großen Vielzahl an Dingen, die hier aufbewahrt werden, herrscht eine peinliche Ordnung. Nichts scheint einfach achtlos abgestellt oder hingelegt worden zu sein.

Ein Raum weiter sieht die Sache dann schon wieder ganz anders aus. Hier herrscht nicht eben Chaos, wohl aber das bunte Durcheinander eines Raumes, in dem sich der größte Teil des Zusammenlebens in dieser Hütte abspielt. Denn den zahlreichen Schlafplätzen an den Wänden nach zu schließen, handelt es sich um einen Mannschaftsraum. Zwei hölzernen Doppelstockbetten haben sich einfache Pritschen mit ebenfalls hölzernen Rahmen zugesellt. Auf ihnen allen liegen Matratzen und Decken. In der Raummitte steht ein großer, langer Tisch mit mehreren Holzstühlen, deren Lehnen aus einem oben runden Rahmen bestehen, in den sechs Holzstäbe längs eingesetzt sind. Über dem Tisch hängen zwei Petroleum-Lampen von der Decke. Da wir auf einem mit Geländern abgesteckten festen Pfad durch die Hütte geführt werden und uns darin nicht frei bewegen können, kann ich nicht erkennen, ob sie wirklich mit Petroleum betrieben werden oder lediglich Attrappen sind, die ihr Licht elektrisch erzeugen. Ich vermute allerdings Letzteres, da weder etwas zu riechen noch auch nur eine Spur von Ruß auszumachen ist. Von peinlicher Ordnung kann in diesem Raum allerdings keine Rede sein. Zwar liegt das Bettzeug ordentlich auf den Matratzen, doch hängen jede Menge Wäschestücke an den Rahmenbrettern der oberen Liegen der zweistöckigen Betten. Weitere hat man an quer durch das Zimmer gespannten Seilen drapiert. Das mag für einen Wohnraum nicht unbedingt schön und angemessen wirken, doch muß man bedenken, daß die Bewohner der Hütte sich in der Antarktis befanden und die Wäsche nicht mal eben draußen zum Trocken auf die Leine hängen konnten. Auch auf dem Tisch steht und liegt allerlei herum. Aufgeschlagene und zugeklappte Bücher, mehrere Email-Töpfchen neben einer ebensolchen bauchigen Kanne, ein länglicher Holzkasten mit offenstehendem Deckel, in dem vermutlich Stifte oder Pinsel lagern, ein rundes Holzbrett mit einem großen Messer, ein hellbraunes Wollknäuel neben einem noch unfertigen, doch schon beträchtlich langen Schal in derselben Farbe, eine Rolle Klebeband und ein großer, blecherner, oben gewölbter und mit einem runden Aufsatz versehener Kasten, dessen Zweck ich mir nicht recht erklären kann – all das bildet ein buntes Durcheinander, das so wirkt, als seien die Männer, die es eben noch benutzt hatten, nur gerade mal schnell vor die Tür gegangen und kämen gleich zurück.

Im nächsten Zimmer kehrt die Ordnung wieder zurück, was angesichts des offenbaren Zweck des Raumes auch angeraten scheint. Er dient ganz augenscheinlich wissenschaftlicher Betätigung. Im Vordergrund steht auf einem Tischchen das säuberlich aufgebaute Skelett eines Vogels, der zu seinen Lebzeiten einen vergleichsweise langen Schnabel besaß und auf großen Füßen stand, deren drei Glieder in langen Krallen endeten. Auf der runden, hölzernen Basis des Skeletts ist ein Schild angebracht, auf dem ich mit Mühe die beiden Wörter King Penguin – Königspinguin – entziffern kann. Neben dem Skelett liegt ein aufgeschlagenes Heft, dessen Seiten mit vielen handgeschriebenen Zeilen bedeckt sind. Eine Brille mit kreisrunden Gläsern ist darauf abgelegt worden, deren Bügel in weiten Bögen enden, die beim Aufsetzen hinter die Ohren geklemmt werden und so einen besseren Halt der Sehhilfe versprechen. Sehr altmodisch. An den aus Brettern bestehenden Wänden befindet sich eine umlaufende Strecke aus flachen, aneinandergereihten Schränken, deren Oberseite offenbar als Arbeitsfläche dient. Hier sind neben Kästen und Büchern jede Menge gläserne Laborutensilien abgestellt, vorwiegend Reagenzgläser und Kolben, deren einige mittels metallischer Stangen und Schrauben zu Apparaturen zusammengesetzt sind. In einem Mörser liegt ein Stößel, davor sind zahlreiche kleine Näpfchen aus Porzellan aufgereiht. Auch ein altertümliches Mikroskop ist zu sehen. Über der Arbeitsfläche tragen an den Wänden angebrachte Regalbretter eine Vielzahl fein säuberlich beschrifteter Flaschen, einige mit Schraub-, andere mit einfachem Steckverschluß. Es ist eine Mischung aus Chemielabor, Biologieraum und vielleicht auch Apotheke, in die wir da blicken. Hier haben die die Expedition begleitenden Wissenschaftler ihre Untersuchungen angestellt und ihre Forschung betrieben.

Vom Labor gelangen wir schließlich in ein weiteres Schlafquartier. Hier gibt es keine Doppelstockbetten, sondern nur zwei einfache Holzpritschen, auf deren einer mehrere Decken herumliegen, die einen recht zerwühlten Eindruck machen. Zwischen den Pritschen, die zueinander in einem rechten Winkel angeordnet sind, befindet sich ein Wandtisch, der wieder mit aufgeschlagenen Büchern und handbeschriebenen Blättern bedeckt ist. Die Bretterwände des Raumes werden durch dicke Holzleisten in mehrere große Felder aufgeteilt, von denen einige Fotografien und Zeichnungen enthalten, die man an die Wand gepinnt hat. Auf den Querleisten haben die Bewohner des Raumes Bücher, Zigarrenkisten, Flaschen, Werkzeuge, kleine Lampen und vieles andere mehr abgestellt und sie so als schmale Regale nutzbar gemacht. Von der Decke hängt eine Petroleumlampe. Auf dem Boden stehen Kisten und Taschen herum, und auch ein Paar Stiefel kann ich vor einem der Betten entdecken, deren Schäfte wie aus Filz gefertigt wirken. Vermutlich ist es jedoch ein anderes Material, denn ich kann mir kaum vorstellen, daß Filzstiefel im Eis der Antarktis als taugliches Schuhwerk durchgehen würden. Angesichts der gegenüber dem anderen Schlaf- und Wohnraum deutlich größeren Zahl von Büchern und eindeutig persönlichen Dingen vermute ich, daß es sich bei diesem Raum um das Zimmer höhergestellter Expeditionsteilnehmer handelt, denen aufgrund ihres Ranges eine privatere Umgebung zugestanden wurde.

Wenn ich mir die Hütte und ihr Innenleben so ansehe, wird mir klar, daß sie nicht nur als zeitweilige Durchgangsstation, sondern eindeutig für einen längeren Aufenthalt ihrer Bewohner gedacht und eingerichtet worden ist. Und tatsächlich finde ich auf einer Erklärungstafel die Information, daß die „Antarktisforscher […] bis zu 3 Jahre lang in einer solchen Hütte [lebten], am kältesten, windigsten und trockensten Ort der Erde!“[1]Im Original heißt es: „Antarctic explorers spent up to 3 years living in a hut like this, in the coldest, windiest, driest place on Earth!“ Für Robert Falcon Scott sollte die Hütte Ausgangs- und Endpunkt seiner Expedition zur Entdeckung des Südpols werden, die offiziell als Britische Antarktis-Expedition in die Geschichte einging, nach seinem Schiff allerdings oft auch als Terra-Nova-Expedition bezeichnet wird. Doch Scott, der schließlich mit vier Begleitern in Richtung Südpol aufbrach, während der übrige Teil der Expeditionsteilnehmer in der Hütte verblieb, um deren Umfeld zu erkunden und wissenschaftliche Untersuchungen durchzuführen, sah diese nie wieder. Nachdem er und seine Gefährten den Südpol erreicht hatten, wo sie feststellen mußten, daß das von Roald Amundsen geführte norwegische Team ganze vierunddreißig Tage vor ihnen dort eingetroffen war, wurde ihr Rückweg von heftig fallenden Temperaturen und Stürmen stark erschwert. Sie kämpften sich dennoch voran, erlagen aber schließlich diesen und weiteren Widrigkeiten. Sie starben schließlich im Eis der Antarktis, nur achtzehn Kilometer vom rettenden One Ton Depot entfernt, das sie wegen eines nicht enden wollenden Schneesturms nicht mehr erreichen konnten.

Als wir die Nachbildung der Hütte, die den Besuchern des Aquariums seit 1994 die Geschichte der Terra-Nova-Expedition nahebringt, wieder verlassen, stehen wir vor einem stilisierten Eistunnel, durch den uns ein mit gläsernen Geländern versehener Steg hindurchführt. Es scheint nicht weiter schwierig zu sein, dort hindurchzugelangen, und so schreiten wir frohen Mutes voran. Doch kaum haben wir den Steg betreten, beginnen die Wände des Tunnels um uns zu rotieren. Wer so etwas noch nicht selbst erlebt hat und sich deshalb vielleicht fragt, was denn da wohl dabei ist, dem sei gesagt, daß es ein überaus schwieriges Unterfangen sein kann, einen unbeweglichen, stur geradeaus führenden Weg entlangzugehen, wenn die gesamte umgebende Welt um einen rotiert. Im Handumdrehen gelingt es mir beim besten Willen nicht mehr, auf gerader Linie voranzuschreiten. Ohne die Geländer, über deren Vorhandensein in einem Tunnel ich mich vorher noch gewundert hatte, wäre ich vermutlich erst vom Weg und dann vom Steg abgekommen und gegen die Wand gelaufen. Ich erfahre unmittelbar, wie abhängig wir als menschliches Wesen von unserer visuellen Wahrnehmung sind und wie orientierungslos wir schlagartig werden, wenn diese manipuliert wird, so daß wir ihr nicht mehr trauen können. Unser Gehirn ist auf eine solche Erfahrung einfach nicht vorbereitet. Obwohl sich der Steg nach wie vor überhaupt nicht bewegt, verspüre ich das körperliche Empfinden, auf ihm zu schwanken. Ich muß einen Moment innehalten, um mich zu konzentrieren und meinen Blick auf das Ende des Tunnels zu fixieren, bevor es mir gelingt, die optische Täuschung wenigstens einigermaßen abzuschütteln und wieder festen Tritt zu fassen. Dann habe ich die Röhre nach wenigen Sekunden verlassen.

Auf meinem Weg durch den Tunnel hatte ich das Lachen einiger Leute hinter mir vernommen, die vor dem Tunnel standen und uns beobachteten, wir wir unsicher wie zwei Betrunkene hin- und hertaumelten. Ein Anblick, der sie offensichtlich sehr amüsierte. Als ich nun zurückschaue, ist es an mir, mich zu amüsieren, denn obwohl sie uns zugesehen hatten und also wußten, was passieren konnte, ergeht es ihnen nun keinen Deut besser. Als hätten sie einen über den Durst getrunken, schwanken sie hin und her, klammern sich ans Geländer und versuchen krampfhaft, auf dem Weg voranzukommen. Ganz offensichtlich hatten sie sich vorher viel mehr damit beschäftigt, über uns zu lachen, als mit der Frage, woran unser merkwürdiges Verhalten wohl liegen und wie man ihm entgegenwirken könnte. Ich kann nicht behaupten, daß ich in diesem Moment nicht doch ein kleines bißchen Schadenfreude verspüre. Zumindest in den kleinen, nicht so wichtigen Dingen dieser Welt ist hin und wieder doch noch so etwas wie eine ausgleichende Gerechtigkeit am Werk…

Das Ende des Eistunnels, dessen Wände natürlich nicht aus echtem Eis bestehen, ist gleichzeitig der Eingang zum nächsten Bereich der Ausstellung in Kelly Tarlton’s Sea Life Aquarium. Die Antarktis haben wir noch nicht verlassen. Ganz im Gegenteil. Wir sind nun mittendrin im Antarctic Ice Adventure, dem antarktischen Eisabenteuer. Nun, ein wenig hochtrabend ist der Name ja. Offenbar hatte das Aquarium bereits 1994, als dieser Ausstellungsteil eröffnet wurde, große Marketingstrategen in seinen Diensten. Davon, daß wir nun durch Eis und Schnee stapfen, kann nämlich keine Rede sein. Eis und Schnee gibt es hier zwar, auch jede Menge davon bedeckter Felsen sowie Wasser, allerdings nicht für uns Besucher. Auch wenn ich über letzteres nicht traurig bin, ein bißchen Stapfen im Schnee wäre nicht das Schlechteste gewesen. Doch auch so haben wir jede Menge Spaß, denn das eisige Abenteuer wird hier einer kleinen Kolonie von Pinguinen geboten, die wir nun ausgiebig beobachten können. Allerdings nur hinter Glas. Geht das für das große Wasserbassin, in dem die Vögel pfeilschnell durch die Fluten schießen und in dem wir sie auch unterhalb der Wasseroberfläche beobachten können, völlig in Ordnung, ist es für den Landbereich ein wenig hinderlich. Infolge des Temperaturunterschieds zwischen unserem Besucherbereich und dem hinter der Glasfront liegenden Areal aus Eis und Felsen, in dem sich die Pinguine aufhalten, sind die Scheiben an vielen Stellen angelaufen und von Wassertropfen bedeckt, was die Sicht stellenweise stark behindert. Doch glücklicherweise gibt es noch genügend Bereiche, wo wir den vollen Durchblick haben und die würdig dreinblickenden, gesetzten Königspinguine ebenso eingehend betrachten können wie die kleinen frechen Eselspinguine.

Es ist beeindruckend zu sehen, wie behende sich die an Land so behäbig und schwerfällig wirkenden Tiere im Wasser bewegen. Mit weit ausgebreiteten Flügeln – nennt man die bei den flugunfähigen Pinguinen auch so? – gleiten sie wie kleine Segelflieger durch die Fluten – so schnell, daß es außerordentlich schwierig ist, wenigstens einen von ihnen dort einmal auf ein Foto zu bekommen. Wesentlich einfacher ist das an Land, um so mehr, als die kleinen Eselspinguine mindestens so neugierig sind wie wir menschlichen Besucher. Und so ergibt sich ein um’s andere Mal die absurd-komische Situation, daß sich ein Mensch und ein kleiner Pinguin zu beiden Seiten der sie trennenden Glasscheibe gegenüberstehen und einander eingehend betrachten. Auch ist offensichtlich, daß die kleinen grau-weißen Gesellen auf ihrer Seite der Scheibe wesentlich mehr Spaß haben als wir auf der unseren. Während wir nur durch einen vergleichsweise langweiligen Gang wandern können, von wo aus wir sie beobachten, tollen sie im Wasser herum und schlittern bäuchlings über’s Eis. Unermüdlich watscheln sie in ihrem behäbigen Gang eine kleine Anhöhe hinauf, um sich, oben angekommen, blindlings auf den Bauch fallen zu lassen und den Hang hinabzuschlittern, so den Beweis antretend, daß sie auch an Land durchaus flink unterwegs sein können. All diese Aktivitäten werden allerdings ausschließlich von den kleinen Eselspinguinen vollführt. Ihre größeren Gefährten, die Königspinguine mit den weißen Bäuchen, grauen Rücken und schwarz-gelben Köpfen, stehen ganz offensichtlich über solch profanen Dingen. In Gruppen von vier bis sieben Tieren stehen sie einfach nur da und starren auf die Felsen, die die Rückwand ihres Geheges bilden, uns menschlichen Besuchern dabei demonstrativ den Rücken zukehrend. Es dauert eine ganze Weile, bis es mir gelingt, einige Vertreter dieser Tiere, die es irgendwie fertigbringen, gleichzeitig distinguiert und gelangweilt auszusehen, wenigstens  einmal von der Seite auf ein Foto bannen zu können. Erst, als wir das Gehege gerade wieder verlassen wollen und ich mich noch einmal umdrehe, entdecke ich einen Königspinguin, der sich zu uns umgewandt hat. So komme ich doch noch zu einem Porträt eines dieser Herrschaften.

Als wir die kleine Kolonie verlassen, die Neuseelands einzige subantarktische Pinguine beherbergt, kommen wir zunächst an einigen kleineren, in die Wände eingelassenen Aquarien vorüber. Hier können wir einige Quallen beobachten, bei denen man sich große Mühe gegeben hat, sie durch besondere Beleuchtung für uns Besucher gut sichtbar werden zu lassen, sind sie doch normalerweise aufgrund ihrer durchsichtigen Körper im Wasser nur schwer zu sehen.

Wenige Schritte weiter betreten wir die Stingray Bay. Man hat hier offenbar jedem Ausstellungsbereich seinen ganz eigenen sprechenden Namen gegeben. Die Hauptattraktion der Stingray Bay ist definitiv das riesige offene Acrylbecken. Daß es 350 Kubikmeter Wasser faßt, glaube ich, als ich es zu Gesicht bekomme, sofort. Von weitem sehe ich zunächst allerdings nur vergleichsweise flaches Wasser auf einem sandigen Boden, auf dem hier und da einige große Felsbrocken verstreut sind. Als wir nähertreten, können wir über die Begrenzung des Beckens direkt in dieses hineinschauen. Da die Wände aus Glas bestehen, ist es mir, wenn ich in die Hocke gehe, auch möglich, unter die Wasseroberfläche zu schauen. So kann ich die Fische, die ich nun in dem großen Bassin hin- und herschwimmen sehe, sowohl von oben als auch von der Seite betrachten. Und da gibt es durchaus etwas zu sehen. Als ich durch die Glasscheibe blicke, schwimmt direkt vor mir ein großer Wrackbarsch vorüber. Ich bezweifle ein wenig, daß er in diesem Wasserbecken richtig glücklich wird, läßt es doch jegliche Art von Schiffswrack vermissen, dessen Hohlräume normalerweise seinen Lebensraum bilden. Am jenseitigen Ende wird das große Becken durch eine Felswand abgeschlossen. Dort, wo der Sandboden auf diese trifft, bemerke ich einen großen Schatten, der direkt vor dem Stein über den Boden gleitet. Als ich neugierig zur Schmalseite des Beckens gehe, um näher an diese Stelle zu gelangen, erweist sich dieser Schatten als großer Stachelrochen, der mit sanften wellenartigen Bewegungen seiner Seitenflossen ruhig über den Boden gleitet, seinen charakteristischen langen Schwanz hinter sich herziehend. Ein beeindruckendes Tier. Wäre der Boden des Beckens ebenfalls felsig, anstelle aus weißem Sand zu bestehen, wäre es vermutlich überhaupt nicht zu bemerken, sieht doch seine gesamte obere Seite wie ein einziger dunkelbrauner Stein aus. Fasziniert schaue ich dem großen Fisch eine Weile zu, wie er, stets knapp über dem Boden, durch das Wasser gleitet. Nun ist klar, warum dieses große Becken den Namen Stingray Bay – Stachelrochenbucht – trägt, auch wenn es eine Bucht ganz und gar nicht simulieren kann. Doch ein bißchen Marketingschwindelei gehört in der heutigen Welt halt einfach dazu. Als Entschädigung gibt es hier dafür einen Imbißstand, zu dessen Angebot und Qualität ich allerdings nichts sagen kann.

Von der Stingray Bay gelangen wir nun in den ältesten Teil des Aquariums. Die Pacific Shark Zone und der Shipwreck Explorer waren bereits bei seiner Eröffnung die Hauptattraktion – und sind es – völlig zu Recht – bis heute. Sollten wir von unserem bisherigen Fußmarsch etwas müde sein, können wir hier komplett auf das Laufen verzichten. Auf einer Art Transportband geht es nun in einen rund einhundertzehn Meter langen Tunnel aus Acrylglas hinein, der uns an deren Grund durch zwei überaus große Wasserbecken hindurchführt. Nun, genau genommen stimmt das nicht ganz. Tatsächlich ist unser Weg links und rechts von Seitenwänden begrenzt, die etwa einen Meter hoch sind. Auf diesen setzt dann die in einem perfekten Halbkreis gewölbte Tunneldecke aus Acrylglas auf. Zu unserer Linken und Rechten ebenso wie über uns ist dahinter nur Wasser, dessen Grund am oberen Rand der Seitenwände unseres Tunnels liegt. Wir sind also gewissermaßen in einem Tunnel und in einem Graben gleichzeitig unterwegs. Das Transportband nimmt nur einen Teil des Tunnelbodens ein, so daß es uns jederzeit möglich ist, von ihm herunterzutreten und stehenzubleiben, wenn wir an irgendeinem Punkt verweilen und einen eingehenderen Blick riskieren möchten.

Ein Tunnel im Wasser allein ist nun allerdings nichts wirklich Spektakuläres. Dies wird er jedoch durch das, was wir in dem Wasser zu sehen bekommen. Links und rechts und über uns schwimmen unzählige Fische aller möglichen Arten herum, die wir, wenn sie neugierig neben uns herziehen, in aller Ruhe beobachten können. Leider bin ich, was die Fauna maritimer Lebenswelten anbelangt, ein absoluter Laie, so daß mir die meisten Arten völlig unbekannt sind. Daß ich hier allerdings Schwarmfischarten ebenso wie Einzelgänger zu sehen bekomme, fällt sogar mir auf. Nun schwimmen diese Fische nicht einfach so im Wasser herum. Tatsächlich hat man sich große Mühe gegeben, ihnen einen Lebensraum zu schaffen, der dem originalen möglichst nahekommt. So sind auf dem sandigen Grund zahlreiche Felsen mit vielen kleinen und größeren Höhlen zu sehen und es wachsen zahlreiche Pflanzen darauf, die mindestens ebenso interessant sind wie die beweglichen Vertreter der Unterwasserwelt. Um das Ganze für die Besucher noch spannender zu machen – und auch dem Namen Shipwreck Explorer gerecht zu werden -, hat man diverse Holzkisten im Wasser versenkt. In einem bunten Durcheinander stehen sie nun auf dem Grund des Beckens herum oder sind im Sand versunken, wie ein gerade noch daraus hervorragender, gewölbter Truhendeckel beweist. Ganz offensichtlich sollen sie die Überreste der Ladung eines untergegangenen Schiffes darstellen, von dessen Wrack allerdings nichts zu sehen ist. Während wir so durch den Tunnel gleiten, bemerke ich an dessen Seitenwänden kleine Tafeln, die mir die verschiedenen Fischarten erklären. Und obwohl ich mir die Zeit nehme, einige zu lesen, bleibt mir leider keine davon in besonderer Erinnerung.

Vielleicht liegt das auch daran, daß ich plötzlich von einem großen Schatten abgelenkt werde, der unvermittelt über unseren Köpfen im Wasser vorbeizieht. Als ich nach oben blicke, läuft mir unwillkürlich ein Schauer über den Rücken, denn ich blicke direkt auf das mit Zähnen gespickte Maul eines großen Hais. Voller Würde zieht er gemächlich seine Bahn durch das Wasser, ohne uns auch nur eines Blickes zu würdigen. Seine lange Schwanzflosse schwingt dabei stetig hin und her. Es ist ein faszinierender und ob meines Wissens um die Gefährlichkeit dieses Meeresbewohners auch ein wenig gruseliger Anblick. Es ist schon bemerkenswert, daß mir der Anblick dieses großen Fisches eine solche Reaktion abnötigt und ich mich unwillkürlich glücklich schätze, von ihm durch die Acrylglaswand getrennt zu sein, während mir das Vorhandensein all dieser Wassermassen rings um mich herum, von denen mich ebenfalls nur diese vergleichsweise dünne Glasschicht trennt, vorher keinerlei Sorgen bereitet hat, obwohl ich nicht einmal schwimmen kann. Vielleicht rührt der Anblick dieses großen Tieres an gewisse Instinkte, die in uns Menschen angelegt sind und deren wir uns unter normalen Bedingungen gar nicht bewußt sind.

Der Hai zeigt mir, daß wir ganz offensichtlich die Pacific Shark Zone – die pazifische Haifisch-Zone – erreicht haben, die wir nun in dem Tunnel ebenso wie vorher den Shipwreck Explorer durchqueren. Und so bleibt er nicht der Einzige, den wir zu sehen bekommen. Den Erklärungstafeln zufolge können wir hier Bronzehaie, Kammzähnerhaie, Teppichhaie und Hundshaie beobachten, was ich einfach mal so hinnehme, denn wirklich unterscheiden kann ich die einzelnen Arten nicht. Dafür bin ich viel zu sehr mit angeregtem Staunen und vielfacher Bewunderung dessen, was ich hier zu sehen bekomme, beschäftigt. Manchmal ist es auch einfach nur schön und vollkommen genügend, etwas anzuschauen, zu genießen und zu bewundern, ohne daß ich es eingehend studieren und sezieren muß, um auch jedes Quentchen Information darüber einzusammeln.

Für ganz Mutige wird hier von Zeit zu Zeit noch eine besondere Attraktion geboten. Für einen zusätzlichen Obulus können sie sich in einem Netzkäfig durch das Haibecken ziehen lassen oder sich auch in einem Taucheranzug direkt hineinbegeben. In fachmännischer Begleitung, versteht sich. Nun, das soll tun, wer mag. Mir reicht der Blick des Beobachters von außen vollständig aus. Was ich mich allerdings frage, ist, wie man es schafft, die Haie hier in der Gefangenschaft bei Laune zu halten. Als Raubfische haben sie in der freien Natur einen sehr großen Bewegungsradius, der ihnen hier mit Sicherheit nicht dauerhaft geboten werden kann. Wie ich später erfahre, ist das tatsächlich ein besonders schwieriger Aspekt, mit dem das Aquarium von Beginn an zu kämpfen hatte. Als Kelly Tarlton damit begann, seine Idee von der Präsentation von Haifischen Wirklichkeit werden zu lassen, fing er viele der Tiere selbst. Sie im Aquarium anzusiedeln, war jedoch nicht so einfach, so daß es ihm erst nach mehreren gescheiterten Versuchen gelang. Doch gerade diese so robust erscheinenden Raubfische erwiesen sich in der Gefangenschaft als besonders empfindlich, so daß es eine große Herausforderung darstellte, sie hier am Leben zu halten. Um dies jedoch nicht in Tierquälerei ausarten zu lassen, ist man zu der Praxis übergegangen, in den Gewässern Neuseelands heimische Haie nur kurz in dem Becken der Pacific Shark Zone zu halten und sie anschließend wieder im Fanggebiet auszusetzen. Es ist ein Kompromiß, da gibt es nichts zu diskutieren. Doch letztlich ist es wohl eine akzeptable Lösung für die Frage, mit der sich jeder Zoo, jeder Tierpark, jedes Aquarium auf der Welt, das den Menschen die Tierwelt nahebringen will, auseinandersetzen muß: Wie kann dies gelingen, ohne daß den Tieren dabei durch dauerhafte Gefangenschaft und unzureichende Lebensräume Leid zugefügt wird? Manche mögen diese Frage damit beantworten, daß dies generell nicht möglich sei und derartige Einrichtungen deshalb generell abzulehnen sind. Sie müßten sich in der Folge allerdings überlegen, wie sie es dann erreichen wollen, daß die Menschen die Tierwelt unmittelbar erfahren und etwas darüber lernen können, um sie anschließend wirklich wertzuschätzen und im Idealfall für ihre Erhaltung selbst aktiv zu werden.

Während wir so durch das riesige Becken gleiten und die Fische beobachten, ist mir nicht bewußt, daß diese in Wirklichkeit viel größer sind, als wir sie sehen. Seine Ursache hat dieser Effekt in der Lichtbrechung, die sich zwischen der Luft, dem Glas und dem Wasser ergibt. Sie führt dazu, daß die Tiere etwa ein Drittel kleiner erscheinen, als sie tatsächlich sind. Den ersten Tunnel schuf Kelly Tarlton übrigens selbst, indem er die dafür nötigen Segmente in einem aufwendigen Verfahren persönlich herstellte. Ob der heutige Tunnel noch dieser erste ist, sprich noch immer aus diesen Teilen besteht, weiß ich allerdings nicht zu sagen.

Hin und wieder begegnet uns bei unserer Reise durch das Becken des Shipwreck Explorers und der Pacific Shark Zone auf der anderen Seite der Tunnelwände eine übergroße steinerne Skulptur, die ich zu diesem Zeitpunkt für Götzenbilder halte. Allerdings kann ich mir keinen rechten Reim darauf machen, was sie hier in der Unterwasserwelt zu suchen haben. Erst später kommt mir aufgrund der Ähnlichkeiten der Gedanke in den Sinn, daß es sich bei den Darstellungen wahrscheinlich um Bildnisse der Māori-Kunst handelt. Der Antwort auf die Frage, warum sie hier im Becken plaziert wurden, bringt mich das allerdings auch nicht näher. Zumindest ist mir nicht bekannt, daß die Māori sich als Meerestaucher betätigt und große, übermannshohe Skulpturen auf dem Meeresgrund errichtet hätten. Ich begnüge mich zu guter Letzt mit der Erklärung, daß es sich wohl einfach um eine Art Dekoration handelt, die dem Aquarium ein wenig Lokalkolorit verleihen soll. Ob man das nun für zweckmäßig oder einfach nur kitschig halten will, mag jeder für sich selbst entscheiden.

Als wir das Ende des Acrylglastunnels erreicht und das Transportband endgültig verlassen haben, gelangen wir unmittelbar zum nächsten Bereich der Ausstellung, der als Fish Gallery bezeichnet wird. Waren die Wasserbecken beziehungsweise Lebensräume in den bisherigen Ausstellungsteilen stets groß oder gar riesig, kommen wir nun an vielen kleinen und höchstens mittelgroßen Aquarien vorüber, in denen wir unterschiedlichste Meeresbewohner aus den Gewässern rund um Neuseeland betrachten können. In einem ist beispielsweise ein Meeraal zu sehen, der sich allerdings so gut zwischen den vielen in seinem Aquarium wuchernden grünen Pflanzen versteckt, daß wir nur seinen Kopf mit dem breiten Maul zu sehen bekommen. Ein anderes Aquarium beherbergt einen Hummer, der sich mit seinen zehn langen, gliedrigen Beinen erstaunlich flink über den steinigen Boden bewegt. Und in wieder einem anderen hat sich ein Krake an die Frontscheibe geheftet, so daß seine unzähligen Saugnäpfe zu sehen sind, die wie an einer Schnur aufgereihte Knöpfe erscheinen. Drei Aquarien – drei völlig unterschiedliche Lebensformen. Und davon gibt es hier in der Fish Gallery noch unglaublich viel mehr. Diese schier unerschöpfliche Vielfalt des Lebens unter Wasser ist unglaublich faszinierend.

Wir haben die Fish Gallery noch nicht umfassend erkundet, da stehen wir plötzlich vor einem großen roten Portal. Eine breite Tür mit zwei massiven Flügeln wird links und rechts von senkrechten Ornamentbändern eingerahmt, deren Darstellungen wie sich verzweigende Doppelpfeile aussehen. Quer über dem Durchgang ist in großen Lettern zu lesen, wohin er uns führen wird: ins Seahorse Kingdom – das Königreich der Seepferdchen, den vielleicht liebenswertesten Meeresbewohnern. Als ich hindurchblicke, kann ich jedoch zunächst nur ein einziges dieser Tiere entdecken, und das ist aus Stein. In gerader Linie hinter der Tür schaue ich auf eine Wandplatte, die das mannshohe Relief eines Seepferdchens zeigt. Der gesamte Raum, den wir nun betreten, ist wie ein geheimnisvoller, versunkener Bau des Altertums gestaltet. Die Wände geben vor, aus massivem Stein gemauert zu sein, in den verschiedene Reliefs eingearbeitet sind, die das gleiche Muster wie neben dem Portal zeigen. Ebenso wie dieses werden sie mit kräftigem, rotem Licht angestrahlt. Um den Eindruck eines versunkenen Baus zu verstärken, ranken sich von der Decke her kräftige Wurzeln über die Wände. An einigen Stellen geben die Steine, die natürlich nur imitiert sind, ein Stück Wand frei, die mit der Darstellung im Wasser stehender Bäume, zwischen denen sich eine Vielzahl von Lianen ranken, bemalt ist, so daß der Eindruck entsteht, man blickte durch ein Fenster oder eine Lücke in der Mauer hinaus in einen sumpfigen Urwald. In einem besonders großen dieser „Fenster“ hat man Wissenswertes über die kleinen Meeresbewohner, denen dieser Ausstellungsbereich gewidmet ist, zusammengetragen. Daß Seepferdchen einen Kopf wie ein Pferd und einen Ringelschwanz wie manche Affen besitzen, ist mir dabei nicht neu. Daß sie ihre Augen wie ein Chamäleon unabhängig voneinander bewegen können, hingegen schon. Auch daß sie zur Veränderung ihrer Farbe in der Lage sind, so daß es ihnen möglich ist, sich an ihren aus Schwämmen und Seegras bestehenden Lebensraum anzupassen, war mir bisher nicht bekannt. Der vielleicht überraschendste Fakt ist jedoch, daß bei den Seepferdchen die Männchen die Nachkommen zur Welt bringen, die in einem Beutel am Bauch ihres Vaters verbleiben, bis sie groß genug sind, um selbständig zu überleben. Manch einer mag das sicher gewußt haben, für mich ist es neu. Und so freue ich mich, daß ich so ganz nebenbei wieder etwas gelernt habe.

Nun will ich die kleinen Tierchen aber auch sehen, und so spazieren wir ein Stück weiter in das Königreich hinein, wo wir uns alsbald inmitten einer Vielzahl kleiner und größerer Aquarien wiederfinden, in denen wir auf eine kunterbunte Vielfalt verschiedenster Arten von Seepferdchen treffen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Wir betrachten Stachelige Pfeifenpferde und Dickbauchseepferdchen sowie viele andere Arten der kleinen Meeresbewohner. Einige leuchten in Rosa und Orange, andere sind von einem dunklen Braun, wieder andere scheinen fast durchsichtig zu sein. Hier treiben einige einfach so im Wasser, dort haben sich andere an einer Pflanze festgehakt, indem sie ihren Schwanz um deren lange Blätter geringelt haben. Und in einem Aquarium scheint ein Seepferdchenvater an der Scheibe seinem Seepferdchensohn – oder ist es eine Tochter? – zu erklären, was das für merkwürdige und gleichzeitig arme Wesen auf der anderen Seite des Glases sind, die dort auf zwei langen Extremitäten herumstaken und ganz ohne Wasser auskommen müssen, so daß ihnen nur übrig bleibt, mit der Luft vorliebzunehmen. Ich glaube, er meint uns.

Fasziniert gehe ich von einem Aquarium zum anderen, schaue hinein und versuche, all die kleinen Seepferdchen zu finden, die darin herumschwimmen. Manchmal ist das gar nicht so einfach, da sie sich farblich an ihre unmittelbare Umgebung angepaßt haben, ganz so, wie es auf der Wand am Eingang stand. Schließlich aber bin ich dann doch am letzten Aquarium in diesem Bereich vorübergekommen und wir verlassen das Seahorse Kingdom wieder, um in die Fish Gallery zurückzukehren.

Die Vielfalt des Artenreichtums der Unterwasserwelten, die mir bereits vorher so eindrucksvoll erschienen war, setzt sich nun unmittelbar fort. Stachelige Kugelfische, die sich aufblasen können wie kleine Ballonigel, farbenprächtige Doktorfische – die einen tiefblau gefleckt mit gelbem Schwanz, die anderen ebenso tiefblau, aber gepunktet und gestreift mit einem gelben Ring um die Augen -, Clownfische, Steinfische, Kaiserfische, Muränen, Piranhas – ich kann mir gar nicht alle Arten merken, die ich hier auf engstem Raum zu sehen bekomme. Dazu jede Menge farbenprächtiger Korallen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Langsam gehe ich von Aquarium zu Aquarium und betrachte diese – ich wiederhole mich gern – faszinierenden, völlig fremdartigen Lebenswelten. Man könnte meinen, durch viele kleine Fenster auf andere Planeten zu blicken, dabei ist all das auf unserer Erde zu finden.

Irgendwann sind wir dann allerdings doch am letzten Aquarium angelangt und damit nicht nur am Ausgang der Fish Gallery, sondern auch an dem der gesamten Ausstellung. Eine Tür bringt uns hinaus und – in den Souvenirladen hinein, der für alle von Merlin Entertainments betriebenen Einrichtungen offenbar obligatorisch ist. Man kann sie nicht verlassen, ohne an all den Dingen vorüberzugehen, die dem geneigten Besucher angeboten werden sollen, damit er nach dem schönen Erlebnis seinen nun hoffentlich lockerer sitzenden Geldbeutel zückt, um das Eine oder Andere als Erinnerungshilfe käuflich zu erwerben. Ich schaue nur flüchtig hin, denn ich weiß bereits aus Erfahrung, daß ich von all dem Kram und Klimbim nichts brauche. Und da wir hier nun auch keine in eine Unterwasserlandschaft eingebettete Fotografie von uns abzuholen brauchen, durchschreiten wir zügig den gesamten Laden und stehen kurz darauf wieder auf dem Parkplatz zwischen dem Eingang und dem Tamaki Drive am Ufer der Okahu Bay.

Kelly Tarlton's Sea Life Aquarium in Auckland
Damit auch niemand Kelly Tarlton’s Sea Life Aquarium übersieht, hat man an dem am Ufer der Okahu Bay befindlichen Parkplatz des Tamaki Drives am Fuße des Steilufers dieses große Werbebanner aufgehängt. Es stellt eindeutig die Pinguine als dessen Hauptattraktion heraus.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
Creative Commons Lizenzvertrag

Zufrieden lasse ich das gerade Erlebte in Gedanken noch einmal Revue passieren. Zwar wurde ich – der Globalisierung, die dafür sorgt, daß alles allüberall gleich aussieht, sei Dank – in meiner Erwartung, was das gleichgeschaltete Erscheinungsbild und Besuchererlebnis des typischen Sea Life-Aquariums betrifft, nicht enttäuscht, doch war es dennoch ein schöner und interessanter Rundgang, den wir gerade absolviert haben, gab es doch – ganz wie erhofft – einiges hier zu sehen, was einen stark regionalen Bezug hatte und außerordentlich lehrreich war. Und mit dem antarktischen Ausstellungsbereich gleich zu Beginn wurde mir sogar mehr geboten, als ich erwartet hatte.

Während ich noch darüber sinniere, schweift mein Blick über die Weite der vor mir liegenden Okahu Bay und des Waitematā Harbours, von dem sie ein Teil ist. Angesichts der Vielzahl der Segelboote, die auf den Wellen schaukeln, und der ausgedehnten Anlagen des Hafens, die ich in der Ferne am jenseitigen Ufer ausmachen kann, kommt mir die Frage in den Sinn, wie lange es diese faszinierende Unterwasserwelt, in die ich gerade einen Blick geworfen habe, in der freien Natur wohl noch geben wird angesichts des großen negativen Einflusses, den die Menschheit mit ihrem Wirken darauf ausübt, ohne groß darüber nachzudenken und ihm auch nur wenigstens ein bißchen entgegenzuwirken. Das durch die Klimaveränderungen bewirkte Abschmelzen der Eismassen an den Polen der Erde ist dabei vielleicht der populärste Effekt, der stets und ständig in aller Munde ist, weil sich dadurch die Klimadebatte wunderbar befeuern läßt. Und so diskutiert man über den Wandel des Klimas und die Maßnahmen dagegen, ohne auch nur das Mindeste zu erreichen. Tatsächlich habe ich den Eindruck, daß die ganze Klimadebatte zu einer Art Ideologie aufgeblasen wird, mit der man ganz wunderbar den Versuch unternehmen kann, neue Profitquellen zu generieren und gesellschaftlichen Reichtum weiter in die falsche Richtung umzuverteilen. In Bezug auf das Klima, das man ja vorgibt, retten zu wollen, erzielt man jedenfalls bisher keine nennenswerten Erfolge. Ginge es wirklich darum, den Planeten und das vielfältige Leben darauf zu retten, bliebe die Diskussion nicht allein auf das Klima beschränkt. Man spräche stattdessen über die Um- beziehungsweise Mitwelt, von der das Klima ja nur ein Teil ist. Umweltverschmutzung und Raubbau wären ebenso Gegenstand der Debatte wie Überlegungen, was man dagegen tun könnte. Man fragte sich, warum der Verbrennungsmotor am Pranger steht, die großen mit Schweröl betriebenen Containerschiffe aber nicht, und warum man überhaupt soviele davon fahren läßt, anstatt viel mehr auf regionale Produktion zu setzen. Man diskutierte nicht nur über Kohlendioxid erzeugende Gas- und Kohlekraftwerke, man thematisierte auch die Verschmutzung der Meere. Man verteufelte nicht nur Öl und Kohle, sondern zuallererst jeglichen Krieg, jegliche Waffenproduktion und alle sonstigen ausschließlich destruktiven Unternehmungen. Überhaupt diskutierte man nicht nur, sondern packte endlich gemeinsam an. Stattdessen plant man „Maßnahmen“ wie Kohlendioxid-Zertifikate, die nichts anderes sind als der Versuch, das Problem mit genau dem kapitalistischen System von Handel und Profit zu lösen, das es hauptsächlich verursacht hat.

Allein, hier am Ufer der Okahu Bay ist von all dem nichts zu merken. Die Wellen schaukeln weiter die Boote und plätschern sanft ans Ufer, auf dem Tamaki Drive fahren Autos hin und her, ein sanftes Lüftchen weht uns um die Nase und die Sonne schickt ihre wärmenden Strahlen zu uns herunter. So lege ich diese Gedanken innerlich zur Seite und widme mich wieder dem heutigen Tag, der noch lange nicht vorüber ist. Schließlich haben wir gerade einmal den frühen Nachmittag erreicht und somit Zeit genug für weitere Unternehmungen. Weil aber unser nächstes Ziel doch ein ganzes Ende weiter entfernt ist als die Strecke, die wir zwischem dem Michael Joseph Savage Memorial und Kelly Tarlton’s Sea Life Aquarium zurückzulegen hatten, wollen wir es dem Auckland Explorer diesmal gestatten, uns zu unserem nächsten Ziel zu bringen. Und so stehen wir kurz darauf an der nahegelegenen Haltestelle mit dem gelb-blau-roten Schild und warten auf den nächsten Bus.

Sie können alle Fotos auch direkt auf Flickr anschauen.
Aus rechtlichen Gründen kann ich Aufnahmen aus dem Inneren von Kelly Tarlton’s Sea Life Aquarium leider nicht auf dieser Seite zeigen.
Für alle Fotos gilt die folgende Lizenz:

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz.

Referenzen

Referenzen
1 Im Original heißt es: „Antarctic explorers spent up to 3 years living in a hut like this, in the coldest, windiest, driest place on Earth!“

Gedenken an einen Mann des Volkes

Dieser Beitrag ist Teil 7 von 9 der Beitragsserie "Reise nach Neuseeland & Singapur"
Wie ich ein zum Teil versunkenes Denkmal aufsuchte und eines Mannes des Volkes gedachte

Zwei Tage. So hatte man es uns versprochen, als wir das Ticket gestern kauften. Zwei Tage würde man uns ohne weitere Kosten durch die Stadt fahren, wann immer wir wollten. Wir könnten aus- und wieder einsteigen, wie es uns gefiele. Jederzeit und überall.

Und was soll ich sagen: die Leute vom Auckland Explorer Bus halten ihr Wort. Anstandslos akzeptiert der Busfahrer unser am Vortag gelöstes Ticket, das wir ihm vorzeigen, als wir am Morgen unseres sechsten Reisetages an der Haltestelle unter dem Sky Tower in der Victoria Road West in seinen gelb-blauen Bus steigen. Tatsächlich hatte ich allerdings auch nichts anderes erwartet und wäre überrascht gewesen, wenn es anders gekommen wäre.

Hatten wir tags zuvor lediglich ein erstes Ziel angepeilt und waren dementsprechend ein wenig auf’s Geratewohl unterwegs gewesen, was dazu geführt hatte, daß wir am Ende sowohl die rote als auch die blaue Route komplett abgefahren waren, so haben wir heute nicht vor, das zu wiederholen. Und so sind unsere Ziele für diesen Tag bereits festgesetzt, als wir unsere Plätze im Bus einnehmen.

Wieder geht es am Viaduct Bassin, an der Waterfront und am Hafen vorüber. Wieder sind wir alsbald auf dem Tamaki Drive unterwegs und passieren auf dieser Uferstraße die Hobson und die Okahu Bay sowie den Isthmus von Auckland. Als wir schließlich rechterhand das Steilufer neben uns haben, wissen wir, daß wir unser erstes Ziel gleich erreicht haben werden. Steil geht es die kleine abzweigende Straße hinan und, als wir erst den oberen Rand des Steilufers und kurz darauf ihr Ende erreichen, in die Wendeschleife hinein. Einige Augenblicke später schauen wir bereits dem sich von uns entfernenden Bus hinterher, der uns hier zurückgelassen hat: am Bastion Point.

Da stehen wir nun und schauen uns um. Kreisrund ist die kleine Insel, um die die Straße herumführt, völlig eben und von kurz gestutztem Rasen bedeckt. Ein kleiner, kaum zwei Meter hoher Baum wächst ziemlich genau in ihrem Zentrum und ist – im wahrsten Sinne des Wortes – das einzig Herausragende dieses verkehrstechnischen Eilands. Hier war jemand sehr auf Symmetrie bedacht und von idealer Geometrie fasziniert.

Überhaupt ist die ganze Hochfläche rings um den Wendekreis eine einzige von außerordentlich gut gepflegtem Rasen bedeckte Fläche und wirkt so ein bißchen wie ein Golfplatz. Oder ein sehr langweiliger Park. Lediglich an ihren Rändern ist höhere Vegetation zu erkennen. Mit einer Ausnahme: entlang eines breiten Weges, der sich in nördlicher Richtung von dem Kreisrund, an dem wir stehen, entfernt, genau im rechten Winkel zur von Westen hierher führenden Straße, stehen links eine Baumreihe und rechts einige größere Büsche und kleinere Bäumchen, die uns förmlich einladen, diesem Weg zu folgen.

Da in allen anderen Richtungen außer Rasen von hier aus nichts weiter zu sehen ist, lassen wir uns auch gar nicht lange bitten und folgen dem uns so gewiesenen Weg, an dessen Ende wir in der Ferne bereits ein hoch aufragendes Bauwerk erkennen können – das Ziel unserer Fahrt hierher.

Der Weg gibt noch ein kurzes Stück vor, eine Straße zu sein, bis er von einer Reihe aus acht großen, steinernen Blumenkästen versperrt wird, die lediglich schmale, für Fußgänger passierbare Durchgänge freilassen. Doch als wolle man endgültig ausschließen, daß ein wie auch immer geartetes Fahrzeug diese passiert, hat man in die drei mittleren noch zusätzlich halbmeterhohe metallische Poller postiert und in zwei weitere überdies Laternen auf massiven steinernen Sockeln eingesetzt.

Auf der anderen Seite dieser Sperre steht in der Mitte des Weges eine etwa mannshohe Tafel, die uns schon einmal ankündigt, was wir gleich sehen werden: „Michael Joseph Savage Memorial“ steht in großen weißen Buchstaben an ihrem oberen Ende geschrieben. Darunter ist ein Bild des Mannes zu sehen, dem zu Ehren die Gedenkstätte errichtet wurde, verbunden mit einem kurzen Text, den ich mir neugierig durchlese. Schließlich habe ich zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung, wer dieser Michael Joseph Savage eigentlich war und warum man ihm hier eine Gedenkstätte errichtet hat.

Das Michael Joseph Savage Memorial am Bastian Point in Auckland
Diese Tafel steht am Hauptweg, der auf dem Bastion Point zum Michael Joseph Savage Memorial führt. Viel Aufschluß über Sinn und Zweck der Gedenkstätte gibt sie allerdings nicht.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
Creative Commons Lizenzvertrag

Ich erfahre, daß der Tamaki Drive über einen Damm, am Resolution Point beginnend, die Hobson Bay überquert und an der Okahu Bay vorüberführt, die an der Westseite des Bastion Points liegt, der eine Landzunge ist, an deren Ende sich heute ein Yacht Club befindet, der ebenfalls den Namen Tamaki trägt. An der Okahu Bay, so lese ich weiter, habe sich bis in die 1950er Jahre ein Dorf der Ngati Whatua, eines Māori-Stammes, befunden. Ein Fort, wird mir berichtet, habe es hier ebenfalls einmal gegeben. Fort Bastion habe es geheißen und sei errichtet worden, weil man in den 1880er Jahren große Angst vor einfallenden Russen gehabt habe. Man stellte Geschütze auf, die den Eingang zum Waitematā Harbour bewachten, gemeinsam mit denen auf dem Mount Victoria und dem North Head in Devonport. Daß sie nie zum Einsatz kamen, weil die Russen Besseres zu tun hatten, als in Neuseeland eine Invasion durchzuführen, steht allerdings nicht auf der Tafel. Dafür lerne ich, woher der Name Bastion Point kommt. Der leitet sich von einem markanten, vor der Küste stehenden Felsen ab, dem Bastion Rock. Für den Fall, daß ich vorgehabt haben sollte, mir diesen festungsartigen steinernen Koloß anzusehen, wird gleich der Hinweis nachgeschoben, daß er heute nicht mehr existiert. In den 1920er Jahren mußte er für den Tamaki Drive Platz machen, als dieser am Ufer des Hauraki Gulfs um die Anhöhe des Bastion Points herumgeführt wurde.

Obwohl das alles sehr interessant ist, frage ich mich allmählich doch, was das eigentlich mit der Gedenkstätte und dem durch sie Geehrten zu tun hat. Doch auch der letzte Satz des Textes gibt darüber keinen Aufschluß. Er stellt lediglich fest, daß sich die Gedenkstätte an dem Ort befindet, dessen Geschichte vorher grob umrissen wurde, und daß sie Michael Joseph Savage gewidmet ist, der von 1872 bis 1940 lebte und Neuseelands erster von der Labour-Partei gestellter Premierminister war. Und ist es auch nicht viel, so ist es doch immerhin etwas Information zu seiner Person.

Aber, so denke ich mir, es gibt ja noch eine zweite Seite der Tafel. Dort werde ich sicher mehr über die Gedenkstätte und ihren Namensgeber erfahren. Nun, ich könnte nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein. Zwar lautet auch dort die Überschrift „Michael Joseph Savage Memorial“ und es wird, neben einer Karte des Gebiets, auch wieder etwas Text geboten, doch geht es darin, genau wie auf der ersten Seite, zunächst einmal um völlig andere Dinge[1]Im Original lautet der Text: In 1860, 1879 and 1880 Ngati Whatua leaders Tuhaere and Te Kawau assembled many North Island chiefs to the Kohimaramara Conference to establish a Māori parliament. They … [Weiterlesen]:

In den Jahren 1860, 1879 und 1880 versammelten die Ngati Whatua-Führer Tuhaere und Te Kawau viele Häuptlinge der Nordinsel zur Kohimaramara-Konferenz, um ein Māori-Parlament einzurichten. Sie forderten Wiedergutmachung in Landfragen und Gleichheit vor dem Gesetz. In den 1930er Jahren bemühten sich die Māori um Abhilfe durch Michael Savage, den damaligen Premierminister der Labour-Regierung. Mit der Unterstützung der Māori zog die Labour-Partei zum ersten Mal ins Parlament ein. Es begann damit eine langjährige Beziehung.

Auch wenn es hier durchaus einen Bezug zu Michael Joseph Savage gibt, frage ich mich immer noch, was wohl der Grund dafür war, daß man ihm eine eigene Gedenkstätte errichtet hat. Den Erklärungen auf der großen Tafel kann ich das leider nicht so recht entnehmen. Doch ich werde die Beantwortung dieser Frage auf einen späteren Zeitpunkt verschieben müssen. Denn wo wir nun einmal hier sind, wollen wir uns die Gedenkstätte auch ansehen.

So folgen wir nun also dem gut fünf Meter breiten Weg über eine große, von – wie sollte es anders sein – Rasen bedeckte Fläche, bis er nach wenigen Metern eine Hecke erreicht, die ihm jedoch bereitwillig Durchlaß gewährt. Diesen durchschreitend, betreten wir die Gedenkstätte.

Ein paar Stufen, die ob ihrer geringen Höhe eigentlich nur Stüfchen sind, geht es hinunter, dann kreuzt ein breiter, mit Platten ausgelegter Weg den unseren, welcher dahinter in eine Plattform mit dem gleichen Belag übergeht und an einem großen, steinernen, ein Hochbeet beherbergenden Kasten endet, das jedoch außer Erde nichts enthält. Links und rechts führen Stufen an ihm vorbei und hinunter zu einem tiefer gelegenen Bereich. Wir verharren jedoch zunächst eine Weile auf der Plattform und schauen uns um. Von hier aus können wir die gesamte Gedenkstätte überblicken.

Gestaltet im Art-Déco-Stil, besteht sie aus einem großen Platz, der die Form eines großen Vierecks besitzt, das man im ersten Moment für ein Rechteck halten könnte, bis man bemerkt, daß seine Längsseiten leicht gebogen sind. Hinter uns wird dieser Platz von der großen Hecke, die wir passiert haben, begrenzt. Auf der uns gegenüber liegenden Seite erhebt sich ein gemauertes Mausoleum, das von einem riesigen, mehrere Meter hohen Obelisken bekrönt wird. Sowohl das Mausoleum als auch die Plattform, auf der wir gerade stehen, befinden sich in der Mitte der jeweiligen Längsseiten des Platzes. Der Raum dazwischen besitzt ein um wenigstens zwei Meter niedrigeres Niveau als unser aktueller Standort. Dort befindet sich direkt vor dem Mausoleum ein langgestreckter versunkener Teich von exakt rechteckiger Form, dessen Ufer an allen seinen Seiten eine steinerne Einfassung besitzen. Gewissermaßen stellt er eine direkte Verbindung zwischen unserer Plattform und dem Mausoleum her.

Das Michael Joseph Savage Memorial am Bastian Point in Auckland
Ein Blick vom Eingang über das Michael Joseph Savage Memorial auf dem Bastion Point.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
Creative Commons Lizenzvertrag

Die bereits erwähnten Stufen führen links und rechts von uns über mehrere Terrassen hinunter zu dem Teich. Diese Terrassen sind an den beiden Außenseiten links und rechts von den gleichen steinernen Kästen begrenzt wie der, der unsere Plattform abschließt. Im Gegensatz zu ihm wachsen in ihnen allerdings tatsächlich Blumen. Im Gelände zu beiden Seiten der Stufen setzen sich diese Terrassen fort, sind dort allerdings von Rasen bewachsen, in den von Zeit zu Zeit halbrunde Steine mit ebener Oberfläche eingelassen sind, die so angeordnet wurden, daß sie ihrerseits wie Stufen wirken, die zur tiefergelegenen Mitte des Platzes führen.

Links und rechts des Teiches liegen ebenfalls Rasenflächen, auf denen man jedoch in gewissen Abständen in Längsrichtung des Platzes ausgerichtete Beete angelegt hat. Diese sind üppig mit Blumen bepflanzt, die man offenbar so ausgewählt hat, daß sie in allen nur möglichen Farben blühen. Ob es in dieser Hinsicht ein Glück ist, daß wir jetzt gerade Frühling haben, oder ob man bei der gärtnerischen Pflege dieses liebevoll angelegten und gestalteten Areals dafür sorgt, daß in den Beeten ganzjährig Blumen blühen, vermag ich nicht zu sagen. Auf jeden Fall ist es ein wunderschöner Anblick.

Auch der Teich wird an den Längsseiten hinter seiner Einfassung von solchen Beeten eingerahmt, die allerdings, im Gegensatz zu jenen auf den Rasenflächen, von niedrigen schmalen Hecken begrenzt werden.

Doch nicht nur wir auf unserer Plattform stehen gegenüber der Mitte des Platzes erhöht. Als ich das Mausoleum genauer betrachte, stelle ich fest, daß es eigentlich kein Gebäude im eigentlichen Sinne ist. Tatsächlich erhöht sich auf seiner Seite das Bodenniveau wieder, so daß das Gelände hinter dem Platz die gleiche Höhe besitzt, auf der wir uns befinden. Während allerdings auf unserer Seite Terrassen allmählich zum niedrigeren Grund der Platzmitte hinabführen, bildet die andere Seite eine senkrechte Wand, in deren Mitte sich das Mausoleum befindet, das somit ein Teil dieser Wand ist. Daß diese nicht auf den ersten Blick als solche zu erkennen ist, liegt daran, daß sie sich zu beiden Seiten des Mausoleums nicht als Mauer fortsetzt, sondern dicht mit grünen Pflanzen bewachsen ist, denen weiße, vermutlich hölzerne Gitter Halt geben. Inmitten dieses Grüns vermittelt das Mausoleum den täuschenden Eindruck, ein einzeln stehendes Gebäude zu sein.

Wir entschließen uns, den Platz einmal zu umrunden, bevor wir uns das Mausoleum genauer ansehen. So steigen wir also nicht die Stufen hinunter, sondern spazieren über den Weg, der den unseren hinter der Hecke gekreuzt hatte, zur linken, westlichen Schmalseite des Platzes hinüber. Dort angekommen, endet der Weg abrupt und eine Treppe führt, die Terrassen aufnehmend, den sanften Hang hinunter zu einem Rundweg, der die gesamte Innenfläche der Gedenkstätte umrundet und mit drei Reihen quadratischer Steinplatten ausgelegt ist, zwischen denen jeweils etwa zehn Zentimeter Abstand liegen. Da sich das Gras diesen zunutze gemacht hat, wirkt es so, als seien die Platten in den Rasen eingelassen worden. Überrascht stelle ich fest, daß der Innenraum der Gedenkstätte nicht einfach nur eine Niederung im Gelände darstellt, sondern offenbar absichtsvoll vertieft angelegt worden ist. Denn auch hier an der Westseite behält das umgebende Gelände seine Höhe bei. Tatsächlich ist es, wie ich nun erkennen kann, rings um den gesamten Innenbereich gleich hoch. Dieser liegt also wie ein versunkener Garten in der ihn umgebenden Landschaft und weckt so ganz von selbst Assoziationen von Ruhe und Einkehr. Wunderschön.

Hinter dem westlichen Ende der Gedenkstätte stehen einige große Bäume, die sie von dem dahinterliegenden Gelände abschirmen. Unter einem von ihnen lädt eine Bank zum Verweilen ein, der Gedenkstätte abgewandt. Neugierig treten wir unter den Bäumen hindurch näher.

Vor uns dehnt sich eine große, leicht gewölbte Rasenfläche. Dahinter erkenne ich die stets etwas puschelig wirkenden Wipfel mehrerer Palmen, unter denen die Zufahrtsstraße, die uns hergebracht hat, dem Tamaki Drive am Ufer des Waitematā Harbours entgegenstrebt, dessen weite Wasserfläche rechterhand über weiteren Baumkronen zu sehen ist. Dort, wo das ihn linkerhand begrenzende Steilufer des Bastion Points eine Biegung zur Okahu Bay macht, die es allerdings vor unseren Blicken verbirgt, ist in der Ferne, leicht verdeckt, die Skyline der Innenstadt Aucklands zu sehen, dominiert von dem markanten, wie ein achtunggebietender Finger in den Himmel aufragenden Sky Tower.

Langsam überqueren wir die Rasenfläche. Einen Weg gibt es nicht, also laufen wir einfach geradezu. Jeder Schritt bringt uns dabei ein wenig weiter nach rechts, was das Steilufer in unserer Perspektive langsam nach links zurückweichen läßt. Nach und nach gibt es so den Blick auf die Skyline Aucklands frei. Von hier aus betrachtet wirkt sie fast ein wenig wie eine Insel inmitten des großen Naturhafens. Oder wie eine Fata Morgana, die über den Wellen schwebt. Ein faszinierender Anblick.

Der Bastion Point in Auckland
Ein Blick vom Steilufer des Bastion Points über den Waitematā Harbour, hinüber zur Innenstadt von Auckland mit dem Hafen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
Creative Commons Lizenzvertrag

Als wir am Ende der großen Freifläche angekommen sind, blicken wir über die Wipfel der Bäume, die auf dem Hang des Steilufers vor uns Halt gefunden haben, direkt auf den Waitematā Harbour hinab. Dort, wo der Tamaki Drive um die Landspitze herum nach rechts abbiegt, um seinen Weg am Ufer der Okahu Bay fortzusetzen, ragt ein langer Steg in die Fluten hinaus – der Okahu Bay Wharf. Blickt man über sein Ende hinaus, kann man in der Ferne die Auckland Harbour Bridge ausmachen.

Wir bleiben noch ein Weilchen stehen und bewundern die Aussicht, dann kehren wir um und spazieren zurück zu der Bank unter den Bäumen, unter denen hindurch wir dann zu der großen Gedenkstätte zurückkehren.

Die Treppe bringt uns hinab in den versunkenen Garten. Hier, an seinem westlichen Ende, wird er von einer Mauer begrenzt, die an ihren Enden etwa brusthoch aufragt, in der Mitte jedoch eine Höhe von etwa zwei Metern erreicht. Dort überschattet ein Vordach in Form einer Pergola den Bereich vor ihr. In dessen Zentrum ist ein kleiner Brunnen in die Wand eingelassen. Seine Rückwand ist aus hellem Stein zusammengefügt, in dessen Mitte sich ein schmaler, senkrechter, mit kleinen blauen Mosaikfliesen ausgelegter Streifen befindet, der an seinem oberen Ende das Relief eines Löwenkopfes trägt. Aus dem geöffneten Maul des Löwens fließt unentwegt ein dünner Strahl klaren Wassers in ein Becken am Boden, das mit denselben blauen Mosaikfliesen ausgekleidet ist wie die Rückwand des Brunnens.

Wandbrunnen im Michael Joseph Savage Memorial am Bastion Point in Auckland
Einer der beiden Wandbrunnen im Michael Joseph Savage Memorial auf dem Bastion Point.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
Creative Commons Lizenzvertrag

Wir folgen nun dem Rundweg um das Gartenareal der Gedenkstätte und spazieren an dessen nördlicher Längsseite entlang. Dabei habe ich ausreichend Gelegenheit, die Vielfalt und Farbenpracht der in den einzelnen Beeten angepflanzten Blumen zu bewundern. Gelbe Studentenblumen, tiefblauer Rittersporn und die rosafarbenen Blüten des Fleißigen Lieschens sind nur einige der Vertreter dieser bunten Vielfalt, die mir in Erinnerung bleiben. Rings um mich herum ist das stete Summen und Brummen von Insekten, vornehmlich Hummeln, zu vernehmen, die das reichhaltige Angebot an Blüten in regelrechte Begeisterung zu versetzen scheint.

Die Ostseite des Gartens ist das exakte Gegenstück ihres westlichen Pendants. Die gleiche Mauer, das gleiche Vordach, der gleiche Wandbrunnen mit dem Löwenkopf. Als wir dann den Garten einmal umrundet haben und unterhalb der Plattform, auf der wir eingangs gestanden und die Gedenkstätte überblickt hatten, angekommen sind, stehen wir am südlichen Ende des Teiches, der sich im Zentrum der Anlage befindet. Die ruhige Oberfläche des rechteckigen Gewässers erweist sich von hier aus betrachtet als genau plazierter Spiegel, denn in ihm ist nun kopfüber das genaue Gegenstück des Mausoleums mit seinem großen Obelisken zu sehen.

Dieses ist nun unser nächstes Ziel. Daß es ebenso wie der Obelisk aus Betonfertigteilen errichtet wurde, sieht man ihm nicht an. Die Verkleidung mit Oamaru-Stein und Dunedin-Quarz verleiht ihm ein helles, freundliches Äußeres. Zwei schlanke Zypressen flankieren die schwarze Tür, die Zutritt in sein Inneres gewähren könnte, wäre sie nicht verschlossen. Sie ist die einzige Öffnung in der ansonsten glatten Außenwand des Mausoleums, das an seinem oberen Rand von einer Balustrade abgeschlossen wird. Bereits während unseres Rundgangs hatte ich dort oben immer wieder einmal Leute stehen sehen, so daß ich also bereits weiß, daß das Obere des Mausoleums begehbar ist.

Obenauf ragt der große Obelisk in die Höhe, dessen Sockel von einem mannshohen Madonnenrelief verziert wird. Daß dieses aus Bronze bestehen soll, vermag ich kaum zu glauben, denn sein Farbton unterscheidet sich kaum von dem des umgebenden Steins. Geschaffen wurde diese Figur der Liebe und der Gerechtigkeit von dem in Neuseeland sehr bekannten Bildhauer Richard Gross. Ursprünglich, so lese ich später, hatten die Pläne für die Gedenkstätte eine Statue anstelle des Obelisken vorgesehen, die den „arbeitenden Menschen“ symbolisieren sollte. Allerdings fanden die Behörden, wie es heißt, die Statue zu protzig und verlangten eine diesbezügliche Änderung der Pläne. Das Ergebnis waren der Obelisk und eben jenes Madonnen-Relief.

Links und rechts neben dem Mausoleum führen Stufen in die Höhe, die wir nun hinaufsteigen. Sie führen auf eine große Plattform, die sich hinter dem Obelisken befindet und vom Garten aus gar nicht zu sehen war. Das Dach des Mausoleums ragt etwas über sie hinaus, so daß zwei Stufen zu ihm und dem Obelisken hinaufführen. Und hier, an der Rückseite von dessen Sockel, finde ich nun zum ersten Mal einen direkten Bezug zu dem durch die Gedenkstätte Geehrten. In die Wand des Sockels ist ein weiteres Relief eingelassen, das im Gegensatz zu seinem Gegenstück an der Frontseite seine bronzene Herkunft nicht verleugnen kann. In der Form einer kreisrunden Plakette zeigt es die Büste Michael Joseph Savages und darunter eine Tafel mit folgenden Worten[2]Im Original lautet die Inschrift: This Monument is erected by The New Zealand Labour Party in memory of Michael Joseph Savage First Labour Prime Minister „There is no fame to rise above The … [Weiterlesen]:

Dieses Monument wurde errichtet von
der neuseeländischen Labour-Partei
in Erinnerung an
Michael Joseph Savage
Erster Labour-Premierminister
„Es gibt keinen Ruhm über
die krönende Ehre der Liebe eines Volkes hinaus.“

Relief am Michael Joseph Savage Memorial am Bastion Point in Auckland
Die Rückseite des Obelisken auf dem Mausoleum des Michael Joseph Savage Memorials zeigt ein Relief des Geehrten, eine Ehrentafel und eine Inschrift.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
Creative Commons Lizenzvertrag

Bei genauem Hinsehen entdecke ich noch eine weitere Inschrift, die über dem Relief direkt in den Stein graviert wurde[3]Im Original ist dort zu lesen:

Michael Joseph Savage
(1872-1940)
„He loved his fellow men.“

:

Michael Joseph Savage
(1872 – 1940)
„Er liebte seine Mitmenschen.“

Ich muß zugeben, ich bin beeindruckt. Diese Gedenkstätte, dieses Denkmal, diese Inschriften – all das zeugt von einer sehr großen Verehrung. Und bisher weiß ich lediglich, daß jener, dessen hier gedacht wird, einst Premierminister des Landes war. Doch ist das Grund genug für solch ein Mahnmal? Sicher nicht. Was also ist es, daß ihn so besonders macht?

Nun, Michael Joseph Savage war nicht einfach nur der dreiundzwanzigste Premierminister Neuseelands und der erste der Labour-Partei. Er war ein Politiker, der es ablehnte, Politik lediglich als Mittel zur Erlangung und Verwaltung von Macht und zur Spaltung der Gesellschaft zu betreiben. Vielmehr war er jemand, der sich aufrichtig für die Menschen des Landes einsetzte, der eine bessere und gerechtere Gesellschaft anstrebte und versuchte, für die Realisierung dieses Traums so viele Menschen wie möglich zu begeistern und zu vereinen. Und dies blieb nicht nur leeres Gerede. Als seine Regierung 1933 gewählt worden war, zu einem Zeitpunkt also, als die wirtschaftliche Depression der späten 1920er und frühen 1930er Jahre noch in vollem Gange war, zahlte sie Arbeitslosen und Empfängern karitativer Hilfe sofort ein Weihnachtsgeld. Allen in der Fürsorge tätigen Helfern gewährte sie sieben Tage Jahresurlaub. Drei Jahre später gelang es ihr, mit Hilfe zahlreicher erlassener Gesetze die Kaufkraft der Bevölkerung wirksam zu erhöhen, so die Wirtschaft wieder zu beleben und Arbeitsplätze und neuen Wohlstand zu schaffen. Mit der Verstaatlichung der Reserve Bank of New Zealand und des kommerziellen Rundfunks wurden wichtige Einrichtungen des öffentlichen Lebens dem Gemeinwohl unterworfen. Ein neu aufgelegtes staatliches Wohnungsbauprogramm sorgte für bezahlbaren Wohnraum und gemeinsam mit weiteren Maßnahmen für eine spürbare Verbesserung des Lebens der Menschen im Land. Und auch die Māori wurden nicht vergessen. Einige gravierende Diskriminierungen wurden beendet, und die Ureinwohner Neuseelands fanden in den Bereichen der Bildung, der Gesundheit, der Beschäftigung und nicht zuletzt auch der Landbesiedelung verstärkt Berücksichtigung. Doch die vielleicht größte Errungenschaft war der Social Security Act, ein Gesetz, das das erste Sozialversicherungssystem der westlichen Welt einführte. Arbeitslosenunterstützung, ein allgemeines kostenloses Gesundheitssystem sowie eine bedürftigkeitsabhängige Altersrente waren nur einige der Maßnahmen, die jedem Bürger des Landes zu mehr sozialer Sicherheit verhalfen.

Savages unermüdlicher Einsatz hatte jedoch seinen Preis. Als er im Jahre 1938 die Diagnose Darmkrebs erhielt, wurde sein Herzensprojekt, der Social Security Act, gerade ins Parlament eingebracht. Außerdem stand wieder eine Parlamentswahl an. So verschob er die eigentlich dringend erforderliche Operation, um das Projekt und die Wiederwahl seiner Partei nicht zu gefährden. Zwar unterzog er sich im Jahr darauf dem lebensrettenden Eingriff, doch es war bereits zu spät. Im März des Jahres 1940 erlag er seinem Leiden.

Michael Joseph Savage wurde hier auf dem Bastion Point bestattet. Daß er der beliebteste aller neuseeländischen Premierminister war, läßt sich auch daran erkennen, daß ihm bei seinem Staatsbegräbnis hunderttausende Neuseeländer nicht nur in Wellington und Auckland, sondern auch an den Bahnhöfen entlang der Strecke die letzte Ehre erwiesen, als sein Leichnam zu seiner letzten Ruhestätte überführt wurde. Bereits ein Jahr nach seinem Tod schrieb die Labour-Regierung einen Wettbewerb zur Errichtung einer Gedenkstätte aus, die mit Tibor Donner und Anthony Bartlett zwei Architekten aus Auckland gewannen. Ihrem Entwurf entsprechend wurde noch im selben Jahr mit dem Bau begonnen, der im März 1942 abgeschlossen werden konnte.

All das bringe ich natürlich nicht hier, auf dem Dach des Mausoleums, in Erfahrung, sondern erst später. Und doch ist mir bereits hier klar, daß dieser Politiker ein ganz besonderer Vertreter seiner Zunft gewesen war. Allein die Existenz dieser beeindruckenden Gedenkstätte ist dafür Beweis genug. Es erscheint mir kaum vorstellbar, daß die Idee, einem unserer heutigen Politiker ein solches Denkmal zu setzen, viel Anklang bei der Mehrheit der Bevölkerung fände. Keinem von ihnen würde man wohl das Zeugnis ausstellen, sich in besonderem Maße für die Menschen seines Landes einzusetzen. Ganz im Gegenteil. Die Maßnahmen, die Savages Regierung für das Wohl der neuseeländischen Bevölkerung ergriff, erscheinen heute undurchführbar. Doch nicht, weil sie es tatsächlich wären, sondern lediglich deshalb, weil es im Kreise der Politik keinerlei Neigung gibt, dafür auch nur einen Finger zu rühren. Stattdessen folgt man dort anderen Interessen und tut eher das genaue Gegenteil, ignoriert Armut, Notstände im Bildungs- und im Gesundheitswesen sowie den unausgesetzten Verfall der Infrastruktur. Und am Ende ist man dann noch stolz darauf, das Land zu regieren, in dem der größtmöglichen Anzahl Menschen lediglich Niedrigstlöhne gezahlt werden.

Und so ist die Gedenkstätte für Michael Joseph Savage nicht nur eine Ehrung für einen aufrichtigen Politiker, der seine Aufgabe, zum Nutzen seines Volkes zu wirken, ernst genommen hat, sondern gerade in der heutigen Zeit auch eine Erinnerung daran, daß Politik im Dienste der Menschen nicht nur möglich ist, sondern auch tatsächlich durchführbar. Immerhin ist es schön zu sehen, daß diese Gedenkstätte auch heute noch umfassend und liebevoll gepflegt wird. Denn daß sie in allerbestem Zustand ist, davon haben wir uns bei unserem Rundgang selbst überzeugen können.

Wir bleiben noch ein wenig auf der Plattform hinter dem Obelisken stehen und genießen die Aussicht, die sich uns von hier bietet – nicht nur auf den Garten am Grund der Senke, sondern auch in der entgegengesetzten Richtung. Dort, im Norden, ist nach wenigen Metern die Anhöhe des Bastion Points zu Ende. Das Steilufer, mit dem sie zum Hauraki Gulf abfällt und an dessen Fuß der Tamaki Drive entlangführt, können wir von hier oben zwar nicht sehen, doch dafür haben wir einen wunderbaren Ausblick auf die Bucht und das uns genau gegenüber liegende Rangitoto Island mit seinem markanten Vulkankegel.

Von dem einstigen militärischen Vorposten, der sich auf dem Bastion Point befand, ist hingegen heute nichts mehr zu sehen, da sein Platz vollständig von der Gedenkstätte eingenommen wird. Zum Zeitpunkt seiner Errichtung gehörte das hiesige Land dem Māori-Stamm der Ngati Whatua. Ohne viel Federlesens nahm man es ihm einfach weg, wobei man sich nicht nur auf das Areal der heutigen Gedenkstätte beschränkte, sondern die ganze Bastion Point genannte Landzunge einbezog. Darauf bezieht sich letztlich der Text auf der zweiten Seite der Tafel am Anfang des Weges zur Gedenkstätte, allerdings ohne diesen Fakt selbst zu erwähnen. Als der Stützpunkt 1941 schließlich aufgegeben wurde, erhielten die Māori das Land jedoch nicht zurück. Gegen die Errichtung der Gedenkstätte hatten die Māori wahrscheinlich nichts einzuwenden, da sie Michael Joseph Savage und seiner Regierung viel zu verdanken hatten, doch auf das übrige Land erhoben sie nach wie vor Anspruch. Allerdings erfolglos. Als man in den 1970er Jahren schließlich ankündigte, das Land an den Meistbietenden zu verkaufen, damit dort hochpreisige Wohnungen entstehen könnten, kam es zu einer großen Protestaktion der Māori, die das Land friedlich besetzten. Nachdem diese mehr als fünfhundert Tage angedauert hatte, ließ die Regierung sie von Polizei und Armee gewaltsam beenden. Dies trug maßgeblich dazu bei, daß die Ungerechtigkeit gegenüber den Ureinwohnern des Landes deutlich wurde und in der neuseeländischen Gesellschaft zur Sprache kam. Dennoch dauerte es noch einige Jahre, bis die Regierung 1988 bei den Māori formell um Entschuldigung bat und das Land an sie zurückgab.

Wir setzen uns schließlich wieder in Bewegung und wandern den Weg zurück, den wir gekommen sind, hinaus aus der Gedenkstätte zu dem kleinen Wendekreis. Zeit haben wir genug, und so wollen wir doch einmal sehen, ob sich nicht dort in irgendeiner anderen Richtung außer Rasen doch noch etwas Interessantes finden läßt.

Als wir an der Wendeschleife anlangen, stellen wir fest, daß drei Wege von hier ausgehen. Den zur Gedenkstätte und die Straße selbst kennen wir bereits. Der dritte ist ein asphaltierter Fußweg, der das Ende der Straße in östlicher Richtung verläßt, die Rasenfläche überquert und dann in einem Streifen aus Gebüsch und Bäumen verschwindet, so daß nicht genau auszumachen ist, wohin er führt. Grund genug für uns, einmal nachzusehen.

Im Michael Joseph Savage Memorial Park am Bastion Point in Auckland
An der Ostseite der Anhöhe des Bastion Points führt ein Weg hinab zur MIssion Bay, an dem dieses schöne Exemplar eines Kohlbaums steht.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
Creative Commons Lizenzvertrag

Es dauert nicht lange, da haben wir das Gehölz erreicht. Am Wegrand ragt ein vielstämmiges Gewächs auf, das ich mit meinem laienhaften Blick für eine Art Palme halte. Vermutlich ein Kohlbaum, der hier in Neuseeland heimisch ist. Unter den Bäumen ist es schattig. Viel Erleichterung bringt uns das heute jedoch nicht, da der Himmel schon den ganzen Vormittag über recht stark bewölkt war, so daß wir trotz des spärlichen Baumbestands auf der Anhöhe des Bastion Points nicht unter zu starker Sonneneinstrahlung zu leiden hatten. Als wir weitergehen, verliert der Weg rasch an Höhe. Offenbar steuern wir auf das Steilufer am östlichen Rand des Bastion Points zu. Daß ich mit dieser Vermutung recht habe, zeigt sich kurz darauf, als der Weg unvermittelt in eine Treppe übergeht, die uns innerhalb kürzester Zeit zum Tamaki Drive hinunterbringt, der hier das Meeresufer bereits verlassen und sich ein Stück landeinwärts gewandt hat, um einer kleinen Grünanlage und einem sandigen Strandabschnitt Platz zu machen.

Neugierig begeben wir uns nach links zu dem Strand hinüber, der sich allerdings als nicht besonders spektakulär erweist. Vereinzelt laufen ein paar Menschen so wie wir darauf herum, der Sand ist von graubrauner Farbe, überall liegen Tangstreifen und Muschelschalen herum. Mehr ist da nicht. Kein Strandkorb, kein Strandpavillon, kein Beach-Volleyball-Feld. Und keine Düne. Das obere Ende des Strandstreifens wird von einer langgestreckten steinernen Bank abgeschlossen, hinter der eine breite, mit Asphalt befestigte Strandpromenade verläuft. Dahinter dehnt sich die bereits erwähnte Grünanlage aus.

Dort, wo das Wasser auf den Strand trifft und der Sand etwas heller ist, stehe ich und schaue hinaus auf die Fluten des Hauraki Gulfs, ohne in diesem Moment zu wissen, daß dessen hiesiger Abschnitt Mission Bay genannt wird, ein Name, den man praktischerweise auch gleich dem anliegenden Vorort Aucklands gegeben hat. Die Wasseroberfläche ist leicht gekräuselt, Wellen gibt es keine beziehungsweise nur dann, wenn draußen ein Schiff vorübergefahren ist. In der Ferne kann ich inmitten des Wassers einen Turm ausmachen, der dort auf einem komplexen Gestell aus sieben Streben steht. Von hier aus möchte ich fast meinen, er sei aus Holz, was ich mir angesichts seiner Position inmitten der Bucht allerdings nicht so recht vorstellen kann. Tatsächlich liege ich mit meinem Eindruck jedoch völlig richtig. Denn bei diesem Bean Rock Lighthouse genannten und zur Gänze aus Holz errichteten Gebäude handelt es sich nicht nur um den einzigen verbliebenen Leuchtturm im Landhausstil, den es in Neuseeland noch gibt – und auch in der ganzen Welt existieren nur noch sehr wenige davon -, sondern gleichzeitig um den ältesten hölzernen Leuchtturm des Landes. Überdies ist er der einzige, der inmitten der Meeresfluten steht. 1870 errichtet, wurde er bis 1912 von den Leuchtturmwärtern mit ihren Familien bewohnt. Dann automatisierte man die Anlage und die Leuchtturmwärter wurden überflüssig. Benannt wurde der am Ende eines Riffs errichtete Turm nach Lieutenant Bean von der Royal Navy, der der Kapitän der HMS Herald war, des Schiffes, das die erste Vermessung des Waitematā Harbours nach der Gründung Aucklands vornahm. Hinter dem Leuchtturm ist die bewaldete Küste des Rangitoto Islands zu sehen, das uns genau gegenüberliegt und das ich so von hier aus in seiner ganzen Pracht bewundern kann.

An der Mission Bay
Ein Blick über die Mission Bay hinüber zum Bean Rock Lighthouse, das inmitten des Hauraki Gulfs steht. Das gegenüberliegende Ufer ist Rangitoto Island.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
Creative Commons Lizenzvertrag

Nach einigen Augenblicken intensiven Auf’s-Meer-Schauens wenden wir uns um und stapfen über den Sand des menschenleeren Strandes zurück zur Promenade. Als ich bei einem späteren Blick in einen Reiseführer erfahre, daß wir hier am angesagtesten Strand von Auckland gestanden haben, kann ich mir das angesichts dessen, was wir zu sehen bekommen haben, kaum vorstellen. Offenbar ist seine behauptete Beliebtheit eher eine gelegentliche Angelegenheit.

Wir spazieren ein Stück die Promenade entlang, bis wir einen Querweg erreichen, der in die Grünanlage hinein- und zu einem kreisrunden Areal führt, in dessen Mitte sich ein großer Brunnen befindet. Inmitten eines riesigen runden Beckens steht eine überdimensionierte, übermannshohe Schüssel in der Form eines großen Blumentopfs, in der sich allerdings nichts zu befinden scheint, soweit ich sehen kann. Vielleicht schießt daraus normalerweise eine Fontäne hervor? Wenn dem so sein sollte, so ist sie jetzt gerade inaktiv. Rings um die Schüssel sind auf ebenfalls kreisrunden Podesten vier große Skulpturen angeordnet, die wohl Fabelwesen des Meeres darstellen sollen. Der Kopf eines Seepferdchens, der Körper einer Wasserschlange, die Pranken eines Löwen – das sind die Merkmale der Wesen, die mir sofort ins Auge fallen. Eine einigermaßen merkwürdige Anlage.

Geschaffen wurde dieser Brunnen, der den Namen Trevor Moss Davis Memorial Fountain trägt, zu Ehren des Direktors der Auckländer Spirituosenfirma Hancock & Company, der 1947 einen Herzinfarkt erlitt und nur fünfundvierzigjährig verstarb. Sein Vater, der die Erinnerung an seinen Sohn wachhalten wollte, stiftete diesen Gedenkbrunnen, den der Architekt George Tole entwarf. Mit dieser Wasserkunst treffen wir zum zweiten Mal an diesem Tag auf ein Werk des Bildhauers Richard Gross, der die Ausführung von Toles Plänen übernommen hatte.

Da wir auf den ersten und auch auf den zweiten Blick hier in Mission Bay nicht mehr sonderlich viel entdecken können, dessentwegen sich das Bleiben lohnte, machen wir uns schließlich wieder auf den Weg zurück, verlassen die Grünanlage, überqueren den Tamaki Drive, erklimmen die Stufen, die uns zur Anhöhe des Bastion Points hinaufbringen und stehen alsbald wieder an der kleinen kreisrunden Wendeschleife.

Sollte der Fahrer des nächsten ankommenden Auckland Explorer Busses allerdings damit gerechnet haben, uns einsammeln und zu unserem nächsten Ziel bringen zu können, so müssen wir ihn enttäuschen. Dieses liegt nämlich in nicht allzu großer Entfernung von hier, so daß wir beschließen, die kurze Strecke einfach zu Fuß zurückzulegen. Gesagt, getan. Und so sieht die Straße, die von der Wendeschleife auf der Anhöhe des Bastion Points hinunter zum Tamaki Drive am Ufer des Hauraki Gulfs führt, kurz darauf zwei Wanderer, die an ihrem Rand kräftig ausschreiten, ihrem nächsten Ziel entgegen…

Sie können alle Fotos auch direkt auf Flickr anschauen.
Für alle Fotos gilt die folgende Lizenz:

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz.

Referenzen

Referenzen
1 Im Original lautet der Text:

In 1860, 1879 and 1880 Ngati Whatua leaders Tuhaere and Te Kawau assembled many North Island chiefs to the Kohimaramara Conference to establish a Māori parliament. They sought redress on land issues and equality under the law. In the 1930’s Māori sought remedy through Michael Savage, the then Prime Minister, of the Labour Government. With Māori support Labour had entered parliament for the first time beginning a long-standing relationship.

2 Im Original lautet die Inschrift:

This Monument is erected by
The New Zealand Labour Party
in memory of
Michael Joseph Savage
First Labour Prime Minister
„There is no fame to rise above
The Crowning honour of a people’s
love.“

3 Im Original ist dort zu lesen:

Michael Joseph Savage
(1872-1940)
„He loved his fellow men.“

Aussichten und Rückblicke

Dieser Beitrag ist Teil 6 von 9 der Beitragsserie "Reise nach Neuseeland & Singapur"
Wie ich eine Stadtrundfahrt machte, dabei in die Ferne sah und in die Geschichte blickte

Wie fängt man es an, eine völlig fremde Stadt von der Größe, sagen wir mal… Aucklands möglichst umfassend kennenzulernen, wenn man nur ganze vier Tage Zeit dafür hat?

Bereits am gestrigen ersten Tage unseres Aufenthaltes hier hatten wir vor dieser Frage gestanden und sie zunächst damit beantwortet, daß wir dem Sky Tower einen Besuch abstatteten, um uns einen Überblick zu verschaffen. Diesen dann gewonnen und für einen eingehenderen Besuch interessante Ziele identifiziert habend, waren wir dazu übergegangen, die nächstliegenden mittels eines ausgedehnten Spaziergangs durch die Innenstadt und einer kurzen Fahrt mit der Fähre aufzusuchen. Doch wie sollte es nun weitergehen? Wie würde es uns gelingen, all die auf unserer gedanklichen Wunschliste stehenden Sehenswürdigkeiten Aucklands aufzusuchen, die sich viel zu weit entfernt von unserer Operationsbasis – also unserem Hotel – befanden, als daß wir sie einfach zu Fuß erreichen könnten?

Glücklicherweise haben wir die Antwort auf diese für einen Touristen nicht ganz unwesentliche Frage an diesem herrlichen Morgen unseres zweiten Tages in der Stadt bereits gefunden. Wir waren auf sie gestoßen, als wir am Vortag bei unserem Besuch im Sky Tower an der Kasse einen Aufsteller mit allerlei Flyern und Broschüren entdeckt hatten, den wir sogleich durchstöberten. Dabei war uns auch ein Faltblatt in die Hände gefallen, das eine Einrichtung bewarb, die man extra für so unternehmungslustige und wißbegierige Touristen wie uns in dieser schönen Stadt geschaffen hatte: den Auckland Explorer Bus.

Dieses auskunftsfreudige Papier hatten wir natürlich ausgiebig studiert und wissen daher bereits, daß die Busse dieses Unternehmens auf zwei kreisförmigen Routen in der Stadt unterwegs sind, um deren interessierte Gäste an all die wichtigen und schönen Orte zu bringen, die aufzusuchen sie keinesfalls versäumen sollten, wollten sie die Stadt genügend kennenlernen. Daß sich die Kreisförmigkeit dieser Routen weniger auf ihre geometrische Form als auf die Tatsache bezieht, daß man nur lange genug mit einem der Busse mitfahren muß, um wieder an dem Ort zu landen, an dem man eingestiegen ist, versteht sich dabei von selbst.

Haltestelle des Auckland Explorers
Direkt zu Füßen des großen Sky Towers befindet sich eine der Haltestellen des Auckland Explorers – deutlich erkennbar an dem gelb-rot-blauen Schild.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
Creative Commons Lizenzvertrag

Eine für uns passende Zustiegsmöglichkeit ist uns auch bereits bekannt, denn beim Verlassen des Sky Towers tags zuvor waren wir direkt vor diesem in der Victoria Street auf eine Haltestelle des Auckland Explorers gestoßen. Als wir daher unser Hotel an diesem Morgen verlassen, lenken wir unsere Schritte wieder in Richtung des großen Turms, den wir jedoch diesmal links liegen beziehungsweise stehen lassen, um uns zu der Haltestelle zu begeben, die eines der in den Farben Gelb, Blau und Rot gehaltenen Schilder als Haltepunkt des Auckland Explorers kennzeichnet. Darauf steht alles Wesentliche, was man wissen muß: daß man jederzeit ein- und aussteigen kann, so man im Besitz eines gültigen Tickets ist, wann der erste und wann der letzte Bus fährt und daß man alle dreißig Minuten mit einem von ihnen rechnen kann. Auch die Nummer des Stops auf der Route des Busses durch die Stadt ist hier zu lesen: 8.

Der bereits erwähnte Flyer gibt Auskunft über jeden dieser Stops, so daß man hinreichend informiert ist, um entscheiden zu können, ob man den Bus dort verlassen will, um sich genauer umzuschauen, oder ob man doch lieber weiter mitfährt. Das Faltblatt liefert uns auch weiterführende Informationen, die wir auf dem Haltestellenschild nicht finden. Beispielsweise, daß die Busse auf der Route nur in eine Richtung unterwegs sind. Nun, das ist bei einer Linie, die im Kreis fährt, nicht unbedingt eine Überraschung. Auch über den Fahrpreis werden wir informiert. Es gibt Tickets für einen Tag oder für zwei. Erwirbt man eines, kann man während der gesamten Dauer der Gültigkeit mit dem Bus mitfahren und so oft ein- und aussteigen, wie man möchte. Das erscheint uns als ungemein praktische Einrichtung für die ausgiebige Erkundung der Stadt, die wir vorhaben. Zu guter Letzt erfahren wir noch, daß die beiden Routen farblich gekennzeichnet werden. Es gibt eine rote und eine blaue. Oder, wie man sie hier nennt, die Red Route und die Blue Route. Hier am Sky Tower verkehren die Busse der ersteren.

Wir müssen nicht lange warten, da hält auch schon einer der gelb-blauen Busse vor uns und wir steigen ein. Wir erwerben je ein Ticket für zwei Tage, denn schließlich planen wir nicht einfach nur eine Stadtrundfahrt, sondern wollen hier und da auch die Möglichkeit haben, auszusteigen und eingehendere Betrachtungen anzustellen. Und dafür wird ein einzelner Tag aller Voraussicht nach kaum ausreichend sein.

Einen genauen Plan haben wir zu diesem Zweck allerdings nicht ausgearbeitet – jedenfalls keinen, der über das erste Ziel hinausreicht. Zu diesem haben wir an diesem Tag den Mount Eden erkoren, den höchsten Vulkan im Stadtgebiet Aucklands, der uns tags zuvor auf dem Sky Tower so prominent ins Auge gefallen war. Ihn zu erreichen, erweist sich dann allerdings doch als die Art Stadtrundfahrt, die wir so eigentlich gar nicht vorhatten, denn der Berg liegt auf der blauen Tour des Auckland Explorers. Und wie wir schnell herausfinden, gibt es nur eine einzige Möglichkeit, von der Red Route zu dieser zu wechseln: am Auckland War Memorial Museum. Dieses liegt zwar nur vier Stops von unserem Einstiegspunkt entfernt, allerdings in der falschen Richtung. Und so werden wir zunächst etwa drei Viertel der roten Tour absolvieren müssen, um zu dem Umsteigepunkt zu gelangen.

Nun, das soll uns nicht verdrießen. Nach der ausgedehnten Stadtwanderung vom Vortag ist es eigentlich gar nicht so verkehrt, wenn wir nun erst einmal ein wenig durch die Stadt kutschiert werden. Zu sehen gibt es jedenfalls genug.

Zunächst geht es zum uns schon bekannten Viaduct Harbour, wo wir die Waterfront erreichen und in die hier beginnende Quay Street einbiegen, die es nun entlanggeht. Das gibt uns die Gelegenheit, den die einstigen Hafenanlagen begrenzenden Roten Zaun in seiner gesamten Ausdehnung zu betrachten. Als wir das Ferry Building passiert haben und am Queens Wharf vorüberfahren, stellen wir einigermaßen überrascht fest, daß in der Zeit, die seit unserem letzten Besuch an der Waterfront am vorangegangenen Abend vergangen ist, ein Kreuzfahrtschiff daran festgemacht hat. Aus der unmittelbaren Nähe, in der wir daran vorüberfahren, betrachtet, erweist es sich als wahrer Koloß, der, was Höhe und Länge angeht, mit dem Ferry Building mehr als mithalten kann. Auch wenn ich die Gesetze der Physik, die das ermöglichen, durchaus verstehe, wundere ich mich jedesmal, wenn ich solch ein riesenhaftes Schiff sehe, doch auf’s Neue, wie sich ein solcher Kasten überhaupt auf der Wasseroberfläche halten kann, ohne sofort in den Tiefen zu versinken. So aufgeschlossen gegenüber neuen Ideen, wie ich Menschen für gewöhnlich erlebe, muß der Erste, der einst vorgeschlagen haben mag, Schiffe dieser Größe aus Stahl zu bauen, sicher für komplett verrückt erklärt worden sein…

Auch als das einstige Hafengelände in das heutige übergeht, setzt sich der Rote Zaun fort, nun auch dieses begrenzend. Da es hier jedoch weitaus weniger Zugänge zu den Hafenanlagen gibt, zieht er nun meist als einfacher roter Gitterzaun an uns vorüber. Dahinter wechseln moderne Hafengebäude, große Lagerhallen, scheinbar endlose Reihen übereinandergestapelter Frachtcontainer und riesige Hafenkräne einander ab. Nur die Wasserfläche des Waitematā Harbours ist zwischen all dem nirgends mehr zu erblicken. Diese sehen wir erst wieder, als das zu unserer Linken gelegene Hafengelände am Tamaki Drive, in den die Quay Street inzwischen übergegangen ist, endet.

Hatte ich den Anblick des Wassers bis eben noch vermißt, bekomme ich ihn nun gleich doppelt geboten, denn auch rechts der Straße ist das Land von dieser zurückgetreten und hat einem großen Wasserbecken Platz gemacht. Fast könnte man meinen, wir wären nun auf dem Wasser unterwegs. Tatsächlich führt der Tamaki Drive hier auf einer Art Damm entlang, der den Waitematā Harbour von der Hobson Bay trennt, einer nach William Hobson, dem ersten Gouverneur Neuseelands, benannten Bucht. Als wir deren gegenüberliegende Seite erreicht und den in den 1920er Jahren errichteten Damm verlassen haben, führt der Tamaki Drive als Uferstraße an der Küste des Waitematā Harbours entlang.

Als die Straße, auf der unterwegs sind, kurz darauf der Biegung einer kleinen Bucht namens Okahu Bay folgt, wobei uns nur eine Reihe alter Bäume von einem breiten Sandstrand trennt, verkündet eine der Lautsprecherdurchsagen, mittels derer man uns zu allen wichtigen Sehenswürdigkeiten, die der Bus passiert, Wissenswertes mitteilt, daß wir gerade „Tāmaki Makau Rau“ passieren, die von hundert Liebenden begehrte Landenge, wie die Māori den Isthmus von Auckland nennen – die schmalste Stelle zwischen Pazifik und Tasmanischer See. Ganze elf Kilometer ist Neuseeland hier breit. Leider sind wir am Ufer nicht hoch genug, um beide Meere gleichzeitig sehen zu können. Doch immerhin wissen wir nun, woher der Tamaki Drive seinen Namen hat.

Am Tamaki Drive
Hinter dem segelbootgespickten Waitematā Harbour erhebt sich die Skyline der Innenstadt von Auckland … fast wie eine Fata Morgana.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
Creative Commons Lizenzvertrag

Weiter und weiter entfernen wir uns von der Innenstadt Aucklands, die nun schon ein ganzes Stück hinter uns liegt. Die Windungen der Küste ermöglichen es uns, den Blick immer wieder in unterschiedliche Richtungen schweifen zu lassen. Mal schauen wir auf Rangitoto Island, die grüne Insel mit dem großen Vulkankegel, der wir nun schon bedeutend näher gekommen sind, dann wieder können wir eine schöne Aussicht auf den mit Segelbooten gespickten Waitematā Harbour und die dahinterliegende Skyline der Innenstadt mit dem sie überragenden Sky Tower bewundern. Auf der rechten Straßenseite ist inzwischen nur noch ein grüner Hang zu sehen, aus dem immer wieder Felsen herausragen. Wir fahren am unteren Ende eines Steilufers entlang.

Als sich kurz darauf ein schmales Asphaltband von der Uferstraße, auf der wir unterwegs sind, löst und den Hang erklimmt, folgt ihm unser Bus und erreicht kurz darauf den am oberen Ende des Steilufers gelegenen Bastion Point. Ganz offensichtlich haben wir den Endpunkt unserer Fahrt entlang des Waitematā Harbours erreicht, denn als sich der Bus nach kurzem Aufenthalt wieder in Bewegung setzt, fährt er schlicht den Weg zurück, den wir gekommen sind. Zunächst denken wir uns nichts dabei, denn schließlich müssen wir aus der Sackgasse, als die sich die Straße hinauf zum Bastion Point erwiesen hat, wieder hinauskommen. Als wir jedoch den Fuß des Steilufers und damit den Tamaki Drive wieder erreicht haben und der Bus die Rückfahrt auf bereits bekannter Strecke unbeirrt fortsetzt, gestatten wir uns doch einen Augenblick der Verwirrung. Sollten wir nicht auf einem Rundkurs unterwegs sein? Hatten wir etwas mißverstanden?

Ein Blick in das Faltblatt des Auckland Explorers und auf den darin enthaltenen Routenplan löst das Rätsel: der Ausflug zum Bastion Point ist ein etwas ausgedehnter, aber planmäßiger Abstecher vom eigentlichen Rundkurs, den wir etwa dort, wo wir die Hafenanlagen hinter uns gelassen hatten, wieder erreichen würden. Und richtig, kaum haben wir die Hobson Bay ein weiteres Mal passiert, biegt unser Bus nach links ab und fährt ins Landesinnere hinein. Es geht zunächst die Gladstone Road und dann die St. Stephens Avenue hinauf, was uns durch einen Teil Aucklands führt, dem ich einen ausgesprochenen Vorstadtcharakter attestieren würde. Kleine, maximal zweistöckige Reihenhäuser flankieren hier die Straße, stets umgeben von mehr oder minder großen, grünen Gärten und von der Straße bis auf wenige Ausnahmen stets durch wenigstens einen blickdichten Zaun, meist aber eine mittelschwer massive Mauer getrennt. Ob man hier wohl schlechte Erfahrungen gemacht hat? Oder will man einfach nur seine Ruhe haben?

Mir bleibt keine Zeit, darüber nachzudenken, denn plötzlich fahren wir an einem großen Bau mit großer Glasfront und einem eigentümlich geformten Dach vorüber, das auf den ersten Blick wie ein auf dem Kopf stehendes großes W aussieht, bei genauerem Hinsehen dafür aber einen Zacken zuviel besitzt. Die bei bemerkenswerten Sehenswürdigkeiten stets verläßlich ertönende Lautsprecherdurchsage verkündet fröhlich, daß wir die Holy Trinity Cathedral vor uns haben – die Kathedrale der Heiligen Dreifaltigkeit. Ein interessanter Bau. Und einen Routenstop gibt es hier auch. Ich mache mir eine gedankliche Notiz. Verflixt, auf diese Weise wird die Liste der Orte in Auckland, die ich gerne noch aufsuchen möchte, wieder ein Stück länger statt kürzer.

Bis zum nächsten Stop muß unser Bus nun nur noch eine kurze Wegstrecke zurücklegen, auf deren letztem Stück es leicht bergauf geht. Das ist allerdings nicht verwunderlich, denn das Auckland War Memorial Museum, das wir als nächstes erreichen, befindet sich inmitten der Auckland Domain auf einem weiteren der im Stadtgebiet so zahlreich verteilten Vulkanhügel. Wir nähern uns dem großen Museumsbau aus südöstlicher Richtung über die Maunsell Road, wodurch er uns zuerst seine wenig spektakuläre Ostseite und eine große Toreinfahrt im darunter abfallenden Hang zuwendet, über der in großen Lettern „LOADING DOCK“ geschrieben steht. Man könnte auch sagen, wir werden vom Lieferanteneingang begrüßt.

Das muß uns jedoch nicht grämen, denn unser Bus schwenkt nun nach rechts auf eine Straße ein, die um den gesamten Museumsbau herumführt. Auf diesem Ring umrunden wir auf dem Weg zur nächsten Haltestelle einmal das riesige Gebäude. Warum dessen erster Abschnitt den Namen Cenotaph Road trägt, erschließt sich uns sofort, als wir in einer weiten Biegung die Vorderfront des Auckland War Memorial Museums erreichen, wo unser Bus auf Schrittgeschwindigkeit abbremst. Die ihr vorgelagerte große, leicht ansteigende Freifläche ist ganz offensichtlich als Gedenkstätte gestaltet, deren zentrales Element ein Kenotaph ist, ein riesiges Ehrengrabmal, dessen schmale Vorderseite ein großer steinerner Kranz schmückt, unter dem die Worte eingraviert sind:

THE GLORIOUS DEAD

Die glorreichen Toten, denen mit dieser Gedenkstätte gedacht wird, sind die neuseeländischen Soldaten, die in den beiden Weltkriegen ihr Leben lassen mußten. Doch nicht nur der Kenotaph ist ihrer Erinnerung gewidmet, sondern sein gesamtes unmittelbares Umfeld, das als Court of Honour – Ehrenhof – bezeichnet wird und geweihtes Gelände ist. Die langsame Fahrt unseres Busses ist also wohl eher als Ehrbezeigung und Rücksichtnahme zu verstehen denn als uns Fahrgästen eine eingehende Betrachtung ermöglichende Maßnahme.

Die Kriegsgedenkstätte vor dem Auckland War Memorial Museum
Direkt vor dem Auckland War Memorial Museum erhebt sich auf geweihtem Boden ein Kenotaph, der an die Toten der großen Weltbrände erinnert.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
Creative Commons Lizenzvertrag

Als wir die Gedenkstätte und damit die Vorderseite des dahinter aufragenden Museums passiert haben, fährt unser Bus weiter auf der Ringstraße, die nun passenderweise Museum Circuit heißt, um den großen Bau herum, bis wir an dessen jenseitigem Ende angekommen sind, wo sich der Besuchereingang befindet. Hier ist demzufolge auch die Haltestelle plaziert worden, an der unser Bus nun zum Stehen kommt, was uns die Möglichkeit gibt, ihn zu verlassen. Doch bevor wir nun auf die blaue Route umsteigen, nehmen wir uns die Zeit, noch einmal zu der großen Gedenkstätte zurückzulaufen, die wir noch etwas genauer in Augenschein nehmen wollen.

Ihr neben dem Kenotaph vielleicht auffälligstes Merkmal ist ohne Zweifel die sich vor diesem aus dem Boden erhebende, große geneigte Fläche in ehrwürdiger blau-schwarzer Farbe. Bereits von weitem ist zu sehen, daß sich ihre Oberfläche in steter Bewegung zu befinden scheint, ein Effekt, der, wie wir feststellen, als wir nähertreten, von Wasser verursacht wird, das in einem dünnen Film beständig darüberrinnt. Darunter ist ein großes Emblem zu erkennen, das von zwei Farnwedeln gebildet wird. In deren Mitte sind die Worte gesetzt:

LEST WE FORGET

„Damit wir nicht vergessen“. Wie schön wäre es doch, wenn die Menschen dies nicht nur auf Erinnerungstafeln und Denkmäler schrieben, sondern es auch endlich einmal beherzigten.

Als ich genauer hinsehe, bemerke ich, daß die Blattstiele der beiden Farnblätter von Worten gebildet werden. Sie lauten:

They shall grow not old, as we that are left grow old:
Age shall not weary them, nor the years condemn.
At the going down of the sun and in the morning
We will remember them.

Wie ich später herausfinden werde, handelt es sich dabei um die aneinandergereihten Zeilen der vierten Strophe eines Gedichts von Lawrence Binyon, das den Titel „For the Fallen“ – „Für die Gefallenen“ trägt. Binyon schrieb es einst als Erinnerung an die englischen Soldaten, die im Ersten Weltkrieg den Tod gefunden hatten. Jene vierte Strophe findet sich im englischen Sprachraum auf zahlreichen Kriegerdenkmälern und ist selbst als „Ode of Remembrance“ – „Ode des Gedenkens“ bekannt. So ist es kaum eine Überraschung, daß wir sie nun auch hier vorfinden. Eine ungefähre Übersetzung lautet:

Sie werden nicht altern, so wie wir, die übrig sind, alt werden:
Das Alter wird sie nicht ermüden, noch werden die Jahre sie verurteilen.
Im Untergehen der Sonne und am Morgen
werden wir uns ihrer erinnern.

Nun, heutigentags, da die Generationen, die sich noch erinnern können, diese Welt ihren Nachfahren mehr und mehr überlassen müssen, wird ein aufmerksamer Beobachter wohl festzustellen haben, daß diese Erinnerung stetig zu verblassen scheint. Sieht man sich das Weltgeschehen an, könnte man den Eindruck gewinnen, daß Denkmäler wie dieses nur noch steinerne Überreste von Ereignissen sind, die für heutige Generationen weit, weit zurück liegen – vergangen und verblaßt. Kaum jemand scheint sich noch vorstellen zu können – oder es auch nur zu versuchen -, welche Schrecken die beiden großen Kriege einst über die Welt gebracht haben. Allerorten wird provoziert und gezündelt und Krieg als Mittel zur Erreichung irgendwelcher Ziele nicht nur in Betracht gezogen, sondern auch bedenkenlos angewandt. Der nächste große Weltenbrand scheint da längst gar nicht mehr so fern. Und niemanden scheint es zu kümmern, daß danach wohl keiner mehr da sein wird, der noch Denkmäler wie dieses errichten könnte.

Die Kriegsgedenkstätte vor dem Auckland War Memorial Museum
Das Farnblatt-Emblem mit den Worten „Lest we forget“, über das beständig Wasser rinnt, ist ein wahrlich ehrwürdiges Erinnerungsmal.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
Creative Commons Lizenzvertrag

Als ich mich umsehe, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß sich an diesem Ort in die Erinnerung an die Toten der beiden Weltkriege auch ein gewisses Maß ungesunder Heldenverehrung gemischt hat. Was sonst haben an solch einem Gedenkort zwei große Geschütze verloren? Sie stehen zwar nicht direkt bei dem Kenotaph, wohl aber davor, die große, geneigte Tafel flankierend. Wie ich später herausfinde, hatte man sie in den 1930er Jahren zunächst zwischen dem Museum und dem Ehrenmal aufgestellt. Einen Weltkrieg später empfand man diese Plazierung dann wohl aber doch als unpassend, denn schließlich war das direkte Umfeld des Kenotaphs bereits damals geweihter Boden. So versetzte man die Geschütze in den 1950ern an ihren heutigen Standort vor dem Ehrenmal, zur Linken und Rechten der großen Tafel. Angesichts der Tatsache, daß sie heute immer noch hier stehen, frage ich mich aber dennoch, was man mir damit eigentlich sagen möchte.

Ich wende meinen Blick von diesen beiden unerfreulichen Gegenständen ab und meine Aufmerksamkeit dem großen Museumsgebäude zu, daß sich hinter der Gedenkstätte erhebt. Weil sich diese an dem sanft abfallenden Hang des vulkanischen Hügels befindet, auf dessen Gipfel das Museum steht, ist sie in mehrere Terrassen unterteilt, zwischen denen Stufen den Höhenunterschied überwinden helfen. So erinnert die Gedenkstätte auch ein wenig an eine riesige Freitreppe, die Stück für Stück zu dem großen Bau hinaufführt.

Den klassizistischen Baustil, in dem das Museumsgebäude gehalten ist, erkennt man auf den ersten Blick, erinnert es doch insbesondere mit seinem großen, von acht Säulen (Sind es dorische oder ionische? Ich kann das nie unterscheiden.) getragenen Hauptportal an einen griechischen oder römischen Tempel. Nun, wenn ich allerdings bedenke, daß das Gebäude erst zwischen 1925 und 1929 errichtet wurde, so muß man wohl eher von Neoklassizismus sprechen. Wie dem auch sei, dieser am 18. November 1929 eingeweihte und seitdem zweimal – 1950 und 2000 – erweiterte Bau ist keineswegs der erste, in dem das Museum untergebracht ist. Denn dieses ist sehr viel älter. Und zwar so viel, daß es sogar das älteste Museum Neuseelands ist.

Das Auckland War Memorial Museum
Das Auckland War Memorial Museum kann seinen neoklassizistischen Charakter wahrlich nicht verleugen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
Creative Commons Lizenzvertrag

Gegründet wurde es nämlich bereits im Jahre 1852 in Grafton, einem Vorort Aucklands. Sein allererstes Gebäude läßt sich allerdings in nichts mit dem heutigen vergleichen, war es doch lediglich ein kleines Bauernhaus mit nur zwei Räumen. Siebzehn Jahre beherbergte es die damals noch sehr kleine Ausstellung, bis man für diese 1869 einen Neubau in der Innenstadt Aucklands errichtete. Diesen nutzte das Museum sechzig Jahre, in denen sich seine Sammlung stetig erweiterte, bis schließlich ein noch größeres Gebäude erforderlich wurde, das dann in den 1920er Jahren in Form des heutigen Baus Gestalt annahm. Bei seiner Errichtung hatte man von vornherein im Auge, daß er nicht nur Museumsgebäude, sondern zugleich Gedenkstätte für die Teilnehmer des zurückliegenden Ersten Weltkrieges sein sollte. Diesen Status behielt er bis zum heutigen Tag, ist er doch die zentrale Kriegsgedenkstätte für die Provinz von Auckland.

Mittlerweile ist die Abfahrtszeit des nächsten Busses der blauen Route nähergerückt. Und so begeben wir uns wieder zurück zur Haltestelle an der gegenüberliegenden, hinteren Seite des Museums, denn wir haben unser eigentliches Ziel natürlich nicht aus den Augen verloren – den Mount Eden.

Unsere Fahrt führt uns noch einmal an der Gedenkstätte mit dem Kenotaph vorüber, bevor es anschließend zum Parkausgang der Auckland Domain geht. Dabei kommen wir an den sogenannten Domain Wintergardens vorüber, zwei großen, gläsernen Gewächshäusern aus den Jahren zwischen 1916 und 1928. Kurz darauf biegen wir in die Park Road ein und verlassen so den großen Park der Auckland Domain.

Unser Bus folgt nun der großen Straße, die ihren Namen alsbald in Mountain Road ändert, was uns als deutlicher Hinweis auf das sich nähernde Ziel unserer Fahrt durch die Stadt erscheint. Als wir kurz darauf den Haltepunkt Eden Garden erreichen, befinden wir uns bereits am Fuße des Mount Eden. Der als „verstecktes Juwel“ Aucklands bezeichnete Eden Garden ist ein im Jahre 1964 in einem ehemaligen Steinbruch angelegter öffentlicher Garten, den zu besuchen sich sicher lohnen würde. Doch leider ist unsere Liste von Zielen, die wir in Auckland nach Möglichkeit besuchen möchten, mittlerweile schon so stark angewachsen, daß ich schweren Herzens darauf verzichte, ihn auch noch darauf zu setzen.

Als sich der Bus wieder in Bewegung setzt, fährt er zu meiner Überraschung den Weg wieder zurück, den er gekommen ist. Schon wieder. Doch glücklicherweise ist das nicht von Dauer, denn als er, die Mountain Road in entgegengesetzter Richtung entlangfahrend, die Clive Road erreicht, biegt er in diese ein. An der von den beiden Straßen gebildeten Ecke liegt ein riesiges Grundstück, das von einer Feldsteinmauer begrenzt wird, hinter der sich eine Reihe großer, alter Bäume befindet, die den Blick weitgehend behindern, so daß von dem Grundstück zunächst nicht viel zu sehen ist. Weil aber die Einfahrt zu dem Areal genau an der Straßenecke liegt, kann ich dennoch einen eingehenden Blick darauf werfen, als unser Bus langsam die Kurve beschreibt, die ihn in die Clive Road führt. Der Zufahrtsweg führt in einer kurzen Biegung zu einem großen, zweistöckigen Haus, das mit seiner weißen, hölzernen Fassade, seinem schrägen Dach und seiner Veranda, die im ersten Stock direkt über dem vorspringenden Eingangsportal liegt, wie ein Wohnhaus wohlhabender Bürger Aucklands wirkt. Tatsächlich wurde es im Jahre 1904 von Frederick Wilson, einem Zeitungsverleger, erbaut. Aufgrund der das Grundstück umgebenden steinernen Mauern nannte man es ursprünglich Kowhatu, was Stein bedeutet. Heute ist es unter dem Namen Tibbs House bekannt und dient der Auckland Grammar School als Wohnheim. Diese 1850 gestiftete und 1869 eröffnete Schule ist eine der ältesten und größten des Landes und ausschließlich Jungen vorbehalten.

Von der Clive Road ist es nun nicht mehr weit, bis wir den nächsten Haltepunkt erreichen, der für uns das Ziel unserer bisherigen Fahrt darstellt. Das letzte Stück geht es bereits leicht bergauf, so daß wir, als wir den Haltepunkt erreicht haben und den Bus verlassen, schon ein kleines Stück der Höhe des Mount Eden erklommen haben. Den weitaus größeren Teil haben wir jedoch noch vor uns. Diesen gilt es nun zu Fuß zu überwinden.

Wir halten uns auch gar nicht lange auf – zu sehen gibt es hier sowieso nichts Besonderes, sieht man einmal von einer öffentlichen Toilette, einem Parkplatz und dem grasbewachsenen, von Bäumen bestandenen Berghang ab, von dem wir auf unserem Weg hinauf allerdings noch genug zu sehen bekommen werden. Dieser legt sich in Form einer asphaltierten schmalen Straße unter unsere Füße, die trotz der Tatsache, daß sie nur eine einzige Fahrspur besitzt, über einen eigenen Gehsteig verfügt. Unser Aufstieg ist somit kaum beschwerlich zu nennen.

Ähnlich wie am Mount Victoria verläuft die Straße in einigen Kurven und Windungen den Berghang hinauf – mit dem Unterschied, daß sie eigentlich gar nicht bis ganz hinauf will, sondern, nachdem sie eine gewisse Höhe erreicht hat, um den ganzen Berg herum und dann wieder zu ihrem Ausgangspunkt zurück führt. Immerhin bringt sie uns innerhalb von nicht einmal einer Viertelstunde soweit hinauf, daß wir bis zum Gipfel nur noch wenige Höhenmeter zu überwinden haben.

Obwohl, einen Gipfel im eigentlichen Sinne gibt es hier eigentlich gar nicht. Denn ganz im Gegensatz zu den Vulkanen, auf denen wir bisher bereits gewesen waren, wie dem Mount Victoria oder dem Albert-Park-Vulkan, oder die wir zumindest schon einmal zu Gesicht bekommen hatten, wie den North Head oder auch den One Tree Hill, besitzt der Mount Eden einen ausgeprägten Krater anstelle eines typischen Berggipfels. Das war mir bereits bei unserem Besuch auf dem Sky Tower aufgefallen, so daß ich denn auch nicht überrascht bin, als wir am Scheitelpunkt einer Rechtskurve unserer Straße plötzlich am nördlichen Rand dieses Kraters stehen, der bedeutend niedriger als sein südliches Gegenüber ist.

Am Krater des Mount Eden
Ein Blick in „Mataahos Schüssel“ – den Krater des Mount Eden.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
Creative Commons Lizenzvertrag

An seinem oberen Rand führt ein Fußweg rund um den Krater herum, der hier, wo wir nun stehen, auf die Straße trifft. Dort, wo das Gelände neben dem Weg zum Kraterboden abfällt, befindet sich ein auf zwei niedrigen, etwa zwei Meter voneinander entfernten Holzpfählen angebrachtes Querbrett, dessen Sinn sich mir nicht so recht erschließt. Als Bank taugt es nicht, denn dafür ist es mit seinen rund zehn Zentimetern Breite zu schmal. Außerdem ist direkt daneben eine solche aufgestellt. Als Absperrung ist es aber auch nicht zu gebrauchen, denn dafür müßte es weitaus länger sein als die reichlich zwei Meter, die es mißt. Schließlich führt der Weg den Kraterrand entlang und kommt trotz gleicher Nähe zu diesem links und rechts des Brettes vollkommen ohne Geländer aus. Der einzige Nutzen dieser Konstruktion scheint darin zu bestehen, ein nachtblaues Schild zu halten, das ein mit einem dicken, roten Balken diagonal durchgestrichenes Männchen zeigt, neben dem wir in vier Sprachen – Englisch, Māori und den Schriftzeichen zufolge möglicherweise Chinesisch und Japanisch – aufgefordert werden, den Krater nicht zu betreten, weil das Gelände recht fragil und damit leicht zu beschädigen sei. Außerdem sei es heiliger Boden. Weiteres wird nicht ausgeführt, doch ist anzunehmen, daß insbesondere die Māori das Areal des Berges als sakralen Ort ansehen.

Nun, wir haben auch nicht vor, in den Krater hinabzusteigen. Dazu besteht keinerlei Notwendigkeit. So tief ist er nicht, daß der Boden nicht auch von hier aus zu sehen wäre. Wer sich einen Vulkankrater als eine Art Schüssel vorstellt, wird hier auf dem Mount Eden in dieser Vorstellung vollkommen bestätigt. Wer nun allerdings am Grunde dieser Schüssel ein Loch erwartet, durch das man sich wie in Jules Vernes „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ in deren Inneres abseilen könnte, dürfte hingegen bitter enttäuscht werden. Von einem Loch ist dort nämlich weit und breit nichts zu sehen. Der Krater ist einfach nur eine riesige schüsselartige Vertiefung. Mehr nicht. Vulkangestein suchen wir hier übrigens ebenfalls vergeblich. Der gesamte Boden des Kraters ist grasbewachsen.

Das Motiv der Schüssel wird übrigens auch von dem Namen aufgegriffen, den die Māori der großen Vertiefung gegeben haben. Sie nennen ihn Te Ipu-a-Mataaho, was soviel wie „Mataahos Schüssel“ bedeutet. Manchmal findet man auch die Übersetzung „Mataahos Eßschale“. Eine Überlieferung der Māori besagt, Mataaho sei ein Gott, der in dieser Schale lebe und die in der Erde verborgenen Geheimnisse hüte. Und weil es den Göttern zuweilen nicht viel anders als den Menschen geht, wurde Mataaho eines Tages von seiner Frau verlassen, die überdies alle seine Kleider mitgehen ließ. In seiner Verzweiflung, heißt es weiter, habe Mataaho die Göttin Mahuika angerufen, die sich seiner erbarmte und Feuer zu ihm auf die Erde schickte, daß ihn wärmen sollte. Durch eben dieses Feuer seien dann die Ngā Huinga-a-Mataaho entstanden, die versammelten Vulkane von Mataaho oder – in der modernen Sprache – das Auckland Volcanic Field.

Einen eigenen Namen besitzt der Krater nur bei den Māori. Das ist auch nicht verwunderlich, denn die Europäer sind einfach noch nicht lange genug in dieser Gegend ansässig, als daß sie eine eigene Überlieferung dafür hätten entwickeln können. So haben sie nur dem 196 Meter messenden Berg, der damit der höchste im Stadtgebiet Aucklands ist, als Ganzes einen Namen gegeben und ihn zu Ehren des Briten George Eden, dem ersten Earl of Auckland, benannt. Dieser war in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts Generalgouverneur von Indien. Die Namensgleichheit mit der Stadt ist durchaus kein Zufall, ist diese doch ebenfalls nach dem Earl benannt worden. Bei den Māori heißt der Berg hingegen Maungawhau, was einen unmittelbaren Bezug zu den örtlichen Gegebenheiten herstellt, denn Maungawhau bedeutet „Berg des Whau-Baums“. Die lateinische Bezeichnung für die Pflanze lautet Entelea arborescens, eine deutsche gibt es nicht.

Da wir uns an unserem gegenwärtigen Standort am niedrigsten Punkt des Randes der riesigen Schüssel befinden, müssen wir, als wir uns auf den Weg machen, diese einmal zu umrunden, zunächst weiter bergauf gehen. Das ist nicht sonderlich beschwerlich, denn der Weg ist gut begehbar – eher ein Parkweg als ein Trampelpfad. Stets haben wir den Krater, der der größte von eigentlich dreien ist, die der Mount Eden besitzt, neben uns. Der Weg entfernt sich von ihm, wenn überhaupt einmal, nur wenige Meter.

Bereits nach kurzer Strecke erreichen wir einen Aussichtspunkt, für den wir, um zu ihm zu gelangen, ein kleines Stück nach links von unserem Pfad abweichen müssen. Obwohl er einen eigenen Namen besitzt – Auckland Lookout – ist er nicht sonderlich hervorgehoben oder befestigt. Eigentlich ist er nur ein kleines, grasbewachsenes Plateau am nördlichen Rand des Kraters, dessen besonderer Reiz darin besteht, daß sich uns von hier oben ein wundervoller Panoramablick in Richtung Norden bietet, der uns den gesamten Waitematā Harbour überschauen läßt und in dessen Zentrum der Central Business District Aucklands mit dem Sky Tower liegt. Damit ist schon einmal der Name dieses Aussichtspunktes hinreichend erklärt. Was den Anblick, den er bietet, betrifft, so möchte ich sagen, daß schon er allein den Ausflug auf den Mount Eden mehr als wert war, übertrifft er doch sogar noch die Aussicht vom Sky Tower, der für einen solches Panorama des großen Naturhafens diesem viel zu nah ist. Wir stehen eine ganze Weile einfach nur da und schauen in die Runde.

Auf dem Mount Eden
Das Waitematā-Harbour-Panorama auf dem Mount Eden – ein phantastischer, ein wundervoller Anblick!
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
Creative Commons Lizenzvertrag

Als wir schließlich unseren Weg fortsetzen, dauert es gar nicht lang, bis wir eine Aussichtsplattform erreichen, die aus einem betonierten, von einem metallischen Geländer eingefaßten Podest besteht, zu dem ein paar Stufen hinaufführen. Von hier oben können wir den Blick in südöstlicher Richtung über die Stadt schweifen lassen. Wie zuvor erweist sich das klare Wetter bei Sonnenschein und strahlend blauem Himmel, auf den wieder nur vereinzelt weiße Wolken hingetupft sind, dabei als besonderer Glücksumstand, haben wir doch eine ausgezeichnete Fernsicht. Fast als hätten wir es für diesen Tag bestellt…

Nur einige Meter weiter sind wir dann auf der gegenüberliegenden Seite des Kraters angekommen. Hier befindet sich eine weitere große, über Stufen erreichbare Plattform, in deren Mitte sich ein eigenartiges pyramidenförmiges Gestell aus Metall befindet, das ein wenig so aussieht, als hätte man ein riesiges, vierbeiniges Stativ aufgestellt, dann aber vergessen, die Kamera darauf zu montieren. Eingefaßt ist es von einer niedrigen, aus drei übereinanderliegenden Steinreihen bestehenden Mauer in der Form eines Achtecks, an der außen eine umlaufende hölzerne Bank angebracht ist. Zwei schmale Öffnungen – eine an der Ost- und eine an der Westseite, die Mauer und Bank gleichermaßen unterbrechen, gewähren den Zugang zu dem Gestell, dessen Zweck sich mir jedoch nicht so recht erschließen will.

Direkt vor der östlichen Öffnung ist ein kleiner steinerner Obelisk plaziert, an dem mehrere Tafeln angebracht sind, die an ein Stück Technik- und Wissenschaftsgeschichte erinnern, mit dem der Mount Eden eng verbunden ist. Die erste dieser Erinnerungstafeln faßt in aller Kürze die Geschichte ihres Trägers zusammen[1]Der originale Text lautet: This obelisk was first erected by Stephenson Percy Smith, Chief Geodetic Surveyor, on the 17th day of August 1872 as initial station for the triangulation of the Auckland … [Weiterlesen]:

Dieser Obelisk wurde zuerst errichtet von
Stephenson Percy Smith,
leitender geodätischer Vermesser,
am 17. Tag des Augusts 1872
als Ausgangsstation für die Triangulation
der Provinz Auckland, eingeleitet von
Captain Theophilus Heale
Inspektor der Vermessungsbehörde.

„Prudens Futuri“

Dieser Obelisk hier auf dem Mount Eden war also einer von drei Punkten, die man für die Vermessung des Landes der Provinz Auckland verwendete. Weil nun aber diese rein sachliche Feststellung eines historischen Fakts auf einer Erinnerungstafel doch etwas zu nüchtern ausfallen würde, hat man darunter eine zweite angebracht, mit der das Wirken der frühen Landvermesser gebührend gewürdigt werden soll[2]Der Text dieser zweiten Tafel lautet im Original: May this obelisk re-erected in 1933 serve as a memorial to the Pioneer Surveyors who played so worthy a part in the transformation of a … [Weiterlesen]:

Möge dieser 1933 wiedererrichtete Obelisk
eine Gedenkstätte sein für die
Pioniere der Vermessungsingenieure,
die eine so würdige Rolle spielten bei
der Verwandlung einer Wildnis
in das lächelnde Land, das
vor Ihnen liegt.
Denn ihr Werk besteht fort,
weit über das, was sie kannten, hinaus.

Nun, das liest sich doch sehr schön. Etwas pathetisch vielleicht, aber das dürfen ehrenvolle Würdigungen ja durchaus sein. Ich frage mich allerdings, ob den Initiatoren dieser Tafeln wohl bewußt war, daß ihr Text das Leben und Wirken der Bevölkerungsgruppe der Māori gleichzeitig doch arg herabwürdigt. Sie hatten die Inseln Neuseelands bereits lange vor dem Eintreffen der ersten Europäer besiedelt, lebten in Stämmen, jagten, fischten, bebauten das Land, errichteten Siedlungen. Sie kooperierten und trugen Konflikte aus. Sie hatten eigene Musik und Geschichten, sie pflegten ihre Überlieferungen. Und wie man nicht zuletzt an den Māori-Namen der Orte, Landmarken und Landschaften in Neuseeland ablesen kann, waren sie eng mit der Mitwelt, in der sie lebten, verbunden. Kurz: die Māori hatten eine eigene Kultur etabliert, in der sie ihr Leben lebten und es gestalteten. Es ist schon bemerkenswert, wie all dies in dem kurzen Text auf der Tafel mit nur einem einzigen Wort beiseitegewischt wird: wilderness – Wildnis. Und damit nicht genug, geht der Verfasser des Textes noch einen Schritt weiter und behauptet, erst das segensreiche Wirken der – und hier darf man, denke ich, ruhig etwas verallgemeinern – Europäer habe aus dieser Wildnis ein „smiling land“ – ein „lächelndes Land“ geformt. Nun, wenn ich vom Mount Eden hinab und über das sich zu seinen Füßen ausbreitende Land schaue, dann bemerke ich heute in erster Linie eine sich in alle Richtungen dehnende Stadt. Von einem „lächelnden Land“ ist eigentlich nicht viel zu sehen. Und doch muß ich konstatieren, daß diese Tafel hier dringend hängenbleiben sollte, kann sie doch völlig zu Recht als Mal der Erinnerung bezeichnet werden. Vordergründig würdigt sie Leistungen der frühen europäischen Landvermesser, die, was Wissenschaft und Technik anbelangt, durchaus bemerkenswert gewesen sein mögen. Doch um vieles wichtiger empfinde ich den anderen – ursprünglich ganz sicher nicht beabsichtigten – Aspekt, der mit dieser Tafel und dem Text darauf verbunden ist: die Erinnerung an die unvergleichliche Arroganz der Europäer, mit der sie überall in der Welt, egal, wohin sie kamen, den eingeborenen Völkern begegnet sind – und zum Teil bis heute begegnen.

Wenn man nun, so mag man sich irgendwann gedacht haben, schon einmal einen der Trigonometrie und dem Vermessungswesen gewidmeten Obelisken hier auf dem Mount Eden hat, dann kann man ihn auch für die eine oder andere weitere Erinnerung an Ereignisse verwenden, die mit diesen wissenschaftlichen beziehungsweise ingenieurstechnischen Gebieten in Verbindung stehen. Und so finden sich an dem Obelisken noch weitere Tafeln, die nach und nach aus verschiedenen Anlässen daran angebracht worden waren. Den Anfang hatte am 26. November 1947 eine Plakette gemacht, mit der des hundertsten Todestages des ersten neuseeländischen Generalvermessungsingenieurs, Felton Matthew, gedacht wurde[3]Auf der Tafel ist zu lesen: This tablet was erected by the N.Z. Institutes of Surveyors and Survey Draughtsmen on 26 November 1947, the centenary of the death of the first Surveyor-General of N.Z., … [Weiterlesen]. Ihr folgte am 22. Juni 1965 eine Tafel, die an die Gründung der Vereinigung der Vermessungsingenieure der Provinz Auckland genau einhundert Jahre zuvor erinnert[4]Der Text der Tafel lautet: To commemorate the founding, on 22nd June 1865, of the Auckland Provincial Surveyors Association. This plaque was placed by the Auckland branch of the New … [Weiterlesen]. Eine weitere feiert das dritte Jahrhundert des Vermessungswesens in der Region Auckland, das mit Beginn der zweitausender Jahre angebrochen war und zu dessen Ehren man den kleinen Obelisken im März 2001 restaurierte[5]Auf der Tafel ist zu lesen: This plaque is to celebrate the third century of surveying in the Auckland area. In this coming century, the Auckland Branch of the NZ Institute of Surveyors will strive … [Weiterlesen].

Eine hübsche Geschichte erzählt, daß man für die Errichtung der Plattform, auf der der Obelisk steht, auf einen außergewöhnlichen Helfer zurückgriff. Als man im Jahre 1870 mit den Arbeiten begann, hielt sich gerade Prinz Alfred, Sohn von Königin Victoria und Prinz Albert, für einen Monat in Auckland auf. Auf der Fahrt hierher, vermutlich in Indien, war ihm ein Elefant namens Tom geschenkt worden, der sich also nun ebenfalls in der Stadt befand und in den Albert Barracks untergebracht war. Mit dem Einverständnis des Prinzen ergriff man die einmalige Gelegenheit, einen solch starken Helfer für die Arbeiten einzusetzen, und ließ das große Tier Lasten aus Basalt auf den Gipfel des Mount Eden hinaufschleppen. Um ihn bei Laune zu halten, belohnte man Tom, der mit der Kraft von zwanzig Männern arbeiten konnte, indem man ihn mit Lutschern, Brötchen und Bier verwöhnte.

Auch von dieser Plattform ist der Ausblick einfach phantastisch. Da sie den höchsten Punkt auf dem Mount Eden markiert, haben wir von hier oben nun in praktisch alle Richtungen eine gleich gute Fernsicht, sieht man einmal vom Nordosten ab, wo ein paar Bäume den Weitblick behindern. Aber das ist nicht weiter schlimm, entgeht uns doch so nur der Blick auf Rangitoto Island, dessen Anblick wir ja schon andernorts hinreichend würdigen konnten. Der Waitematā Harbour, der One Tree Hill, der Manukau Harbour, die grünen Hänge der Waitākere Ranges und nicht zuletzt der Central Business District Aucklands mit dem Sky Tower – von hier oben ist alles wie in einem riesigen Rundpanorama zu sehen. Langsam drehe ich mich im Kreis und schaue in die Weite, über die große Stadt…

Am Krater des Mount Eden
Nah und Fern in direkter Kombination – der Blick über den Krater des Mount Eden auf die Innenstadt Aucklands.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
Creative Commons Lizenzvertrag

Die Aussicht von diesem höchsten Punkt auf dem Vulkan ist noch in anderer Hinsicht bemerkenswert. Hier oben kombinieren sich Nähe und Ferne zu einem beeindruckenden Bild, als ich über den großen Krater zu meinen Füßen hinüber zur Innenstadt Aucklands schaue. Das von den urgewaltigen Kräften der Natur geschaffene, weite Rund dehnt sich vor der weiten Ebene, die mit den in die Höhe strebenden, doch fragil wirkenden Werken der Menschen besetzt ist. Was davon würde wohl überdauern, wenn eben jenes Rund – und welcher Experte würde das wohl mit absoluter Gewißheit ausschließen wollen – wieder aufbräche und Lava spie?

An der westlichen Seite der Plattform schließt sich ein kleiner Parkplatz an diese an, von dem ein kurzer asphaltierter Fahrweg ausgeht, der an der Westseite des Kraters entlang zu jener Straße zurückführt, auf der wir den Berg hinaufgekommen waren. Langsam schlendern wir ihn entlang, immer wieder stehenbleibend und die sich stetig ändernde Aussicht genießend. Als wir die Straße schließlich erreichen, endet unser Rundgang um den großen Krater. Ein letzter Blick zum Boden der großen Schüssel des Mataaho, dann wandern wir auf dem Weg, den wir gekommen waren, den Berg wieder hinab zur Haltestelle des Auckland Explorers.

Lang müssen wir nicht warten, da kommt auch schon einer der gelb-blauen Busse an und sammelt uns ein. Unser nächstes Ziel für diesen Tag, so haben wir inzwischen beschlossen, ist eines, an dem wir heute schon waren: das Auckland War Memorial Museum. Trotz des schönen Wetters wollen wir den Nachmittag nutzen, ihm einen eingehenderen Besuch abzustatten. Denn schließlich möchten wir Neuseeland nicht nur sozusagen von außen kennenlernen. Wenn wir schon einmal hier sind, am anderen Ende der Welt, dann wollen wir auch etwas über die Kultur und die Geschichte dieses Landes erfahren, und zwar jenseits dessen, was sich in Büchern lesen läßt. Und dabei, bin ich mir sicher, wird uns dieses Museum bestimmt eine Hilfe sein.

Doch zunächst müssen wir unsere Stadtrundfahrt fortsetzen. Tatsächlich ist „müssen“ hier das richtige Wort, denn eine Wahl haben wir nicht, sind doch auch auf der blauen Route die Busse nur in eine Richtung unterwegs. Und so sind wir gezwungen, die komplette Runde mitzufahren, um wieder zum Auckland War Memorial Museum zu gelangen. Nun, es gibt definitiv Schlimmeres, als bequem in einem Bus zu sitzen, sich durch die große Stadt kutschieren zu lassen, aus dem Fenster zu sehen und die vorüberziehenden Häuser, Straßen, Parks und Gärten zu betrachten. Und etwas Interessantes ist eigentlich immer irgendwo zu sehen.

Zunächst führt uns die Fahrt durch das den Mount Eden umgebende Stadtviertel gleichen Namens. Wieder ziehen kleine und große, ein- und zweistöckige, von grünenden Gärten umgebene Einfamilienhäuser an uns vorüber. Man könnte meinen, außerhalb des Central Business Districts sei Auckland seine eigene große Vorstadt. Mal grenzen Zäune die Grundstücke von der Straße ab, mal sind es Hecken, dann wieder kleine Mauern. Und manchmal sind auch Kombinationen davon anzutreffen, beispielsweise, wenn sich auf einer niedrigen Mauer eine Hecke erhebt. Was mir auffällt, ist, daß die Straßen hier fast immer von Hochleitungen auf einer ihrer Straßenseiten begleitet werden, so daß in regelmäßigen Abständen Masten an uns vorüberziehen. An nahezu jedem von ihnen zweigen zahlreiche Drähte ab, die zu den Häusern in der Umgebung des jeweiligen Mastes führen – zu beiden Straßenseiten. Offenbar werden die Häuser hier durchgängig auf diese Weise mit Strom versorgt.

Unser Bus durchquert das hiesige Stadtgebiet, wobei er scheinbar willkürlich mal rechts, mal links abbiegt. Zumindest kann ich kein unmittelbares Ziel erkennen. Flankiert werden alle Straßen nicht nur von den allgegenwärtigen Strommasten, sondern auch zahlreichen Bäumen. So manches Mal scheinen wir durch eine Allee zu fahren. Hinter den Bäumen ziehen weiterhin einzelne Häuser auf eigenen Grundstücken vorüber, ab und zu unterbrochen von Spielplätzen, Sportanlagen, einer Schule und was sonst noch so zum städtischen Leben gehört. Was ich allerdings vermisse, sind Geschäfte jeglicher Art. Die scheint es hier überhaupt nicht zu geben. Wo die Leute hier wohl einkaufen?

Als wir eine große Straße erreichen und überqueren, die den Namen Dominion Road trägt, hören die Einzelgrundstücke für kurze Zeit auf und machen aneinandergereihten Stadthäusern Platz, die allerdings auch nicht mehr als zwei Stockwerke besitzen. Immerhin gibt es an dieser Straße und ein Stück weit in die Seitenstraße, aus der wir kommen, hinein nun doch ein paar Geschäfte. So muß ich mir um die Versorgung der Bewohner dieses Stadtviertels wohl doch keine Gedanken mehr machen.

Wir überqueren die Dominion Road. Als wir die gegenüberliegende Straßenseite erreichen, werde ich an der Ecke eines kleinen Restaurants gewahr, über dessen Eingangstür der Name „Murder Burger“ steht. Mörder-Burger? Ganz schön makaber. Über dem Seitenfenster kann ich gerade noch den Satz „End the Hunger Games now“ – „Beendet die Hungerspiele jetzt!“ – lesen, dann sind wir auch schon daran vorbeigefahren. Jetzt würde mich ja schon interessieren, ob die Inneneinrichtung dieses Burgerladens tatsächlich auf die Hunger-Games-Bücher oder -Filme Bezug nimmt. Nun, das werde ich nicht herausfinden. Also wende ich mich wieder dem Geschehen vor den Busfenstern zu.

Kurz darauf ist es, als hätten wir die Dominion Road nie passiert. Häuser, Gärten, Bäume, Strommasten – hier sieht es genauso aus wie zuvor. Doch diesmal ist das nicht von Dauer. Wir sind noch nicht weit gefahren, da kommen wir an eine Straßenkreuzung, hinter der sich auf der linken Seite ein riesiges Areal anschließt, das ganz offensichtlich keinen Wohnzwecken dient. In einem weiten Bogen nähert sich darauf ein Gebäude unserer Straße, das zwar auch nicht über zwei oder drei Stockwerke hinauskommt, doch dafür auch nicht aufhört. Stattdessen fahren wir nun ununterbrochen daran entlang. Daß das Areal, auf dem es steht, riesig ist, kann ich genaugenommen an dieser Stelle noch gar nicht wahrnehmen, doch ist die Kennzeichnung einer Einfahrt, die wir gleich zu Beginn passieren, als „Entry D“ ein deutlicher Hinweis darauf, daß wir hier etwas Großem auf der Spur sind. Etwas, das wenigstens vier Einfahrten hat.

Kurz darauf gelangen wir zu etwas, das man als Empfangsbereich bezeichnen könnte. An dem Gebäude ist nun eine Art Haupteingang zu sehen, gebildet aus drei Türen, über denen sich ein großes Glasfenster über die gesamte Höhe des Baus zieht, das nach oben hin durch einen angedeuteten Dreiecksgiebel abgeschlossen wird. Dies ist, wie ich lesen kann, Entry C. Und weil er mehr als eine Tür besitzt, sind die beiden äußeren als C1 und C2 markiert. Damit ich in Bezug auf mein Rätselraten, um was es sich bei diesem Bau wohl handele, nicht allzu ungeduldig werde, erhalte ich noch zwei Hinweise. Im Zaun, der das Gelände zur Straße hin abgrenzt, befinden sich zwei Einfahrtstore, die ein breiter, steinerner Mauersockel voneinander trennt. Auf diesem ist eine Skulptur zu sehen, die außerordentlich lebendig wirkt. Auf einem hochkant stehenden steinernen Quader liegt eine große Kugel, die von einem Mann mit beiden Händen, die Arme lang ausgestreckt, umfaßt wird. Offenbar handelt es sich bei dieser Kugel um einen Ball. Der Mann, mit einem kurzärmeligen Hemd und einer kurzen Hose bekleidet, scheint dabei der Länge nach ausgestreckt über dem Quader und dem darauf liegenden Ball in der Luft zu schweben. Tatsächlich kann ich keinerlei Stütze, die den Körper des Mannes halten würde, erkennen.  Auf den ersten Blick wird deutlich, daß sich dieser in einer Art Flug – einem Hechtsprung? – auf den Ball zubewegt und ihn mit beiden Händen gefangen hat. Beim Betrachten dieser Skulptur – ich habe dafür ausreichend Zeit, da unser Bus aufgrund irgendeines Hindernisses auf der Straße direkt davor angehalten hat – habe ich aufgrund ihrer lebensechten Gestaltung, die das Kraftvolle der Bewegung, den angespannten Gesichtsausdruck des Sportlers und seinen unbändigen Willen, den Ball zu erhaschen, überzeugend zum Ausdruck zu bringen vermag, unwillkürlich das Gefühl, einem in der Zeit eingefrorenen Moment eines realen Spiels beizuwohnen.

Gibt mir diese Skulptur zu verstehen, daß das Gebäude hinter ihr irgendetwas mit sportlichen Ereignissen und Ballspielen insbesondere zu tun hat, so ist der zweite Hinweis, der sich direkt unter ihr an dem Mauersockel befindet, weit weniger subtil. „Eden Park“ ist dort zu lesen. Daß dies der Name des größten Stadions Aucklands ist, weiß ich bereits, denn ich hatte es schon bei unserem Besuch auf dem Sky Tower am Tag zuvor in der Ferne sehen können. Nun fahren wir also direkt daran vorüber. Der Eindruck, hier etwas Großes vor mir zu haben, hatte mich also nicht getrogen. Immerhin bietet das Stadion 50.000 Besuchern Platz, die hier das ganze Jahr über Gelegenheit haben, Spielen beizuwohnen, im Winter Rugby Union, im Sommer Cricket.

Wir fahren weiter am Stadion entlang und passieren als nächstes den Eingang B, wo unser Bus einen Haltepunkt erreicht, was mir wieder Gelegenheit gibt, den Eingang eingehender zu betrachten. Er ist ein mehr oder weniger exaktes Ebenbild des vorigen, mit einer Ausnahme: anstelle des Ballfängers ziert diesen Eingang das Standbild eines Sportlers, der einen Rugby-Ball in Händen hält. Es ist dies ein Denkmal für Dave Gallaher, den ersten Kapitän der All Blacks, wie Neuseelands Rugby-Union-Nationalmannschaft genannt wird. Nach dem Ende seiner Spielerkarriere, in der er in den Jahren 1903 bis 1906 für die All Blacks spielte, war er als Trainer tätig, eine Zeitlang auch für die Nationalmannschaft. Als Freiwilliger nahm er im Ersten Weltkrieg an den Kämpfen in Europa teil und fiel am 4. Oktober 1917 in der Schlacht von Broodseinde in Belgien. Mit ihm wurden im Laufe dieses Weltenbrands insgesamt dreizehn Mitglieder der All Blacks getötet.

Nachdem unser Bus die Nordseite des Stadions passiert hat, biegt er ab und wir bekommen auch noch dessen Westseite zu sehen, was mir nun auch den wirklichen Eindruck seiner Größe vermittelt. Hier ist ein großes Transparent angebracht, auf dem weithin sichtbar „ICC Cricket World Cup 2015“ zu lesen ist. Das Stadion ist wohl einer der Austragungsorte. Ich registriere überrascht, daß es ganz offensichtlich auch Weltmeisterschaften gibt, von denen wir in Deutschland praktisch gar nichts mitbekommen. Nun, da bei uns niemand Cricket spielt, ist das so verwunderlich dann auch wieder nicht. Unser Bus setzt seine Reise jetzt auf der Sandringham Road fort, was uns am Rande des Mount Eden genannten Stadtviertels entlangfahren läßt. Es geht eine Weile unablässig geradeaus, und vor den Fenstern bietet sich ein weiteres Mal der Eindruck einer anhaltenden Fahrt durch eine Vorstadt. Als wir den Gribblehirst Park erreichen – der sich mir allerdings nicht sonderlich einprägt –  verlassen wir Mount Eden endgültig und fahren hinüber in ein ebenfalls nach einem Berg benanntes Viertel: Mount Albert.

Nachdem wir den Park durchquert haben, mangelt es dem weiteren Verlauf der Fahrt ein wenig an Abwechslung. Vorstadt ist Vorstadt – einen eigenen Charakter haben wohl die wenigsten. Ein Haltepunkt an einem Shopping Centre ist noch das Bedeutendste, was in diesem Abschnitt der Blue Route zu verzeichnen ist. Als ich mich angesichts der stellenweise immer lückenhafter werdenden Bebauung schon zu fragen beginne, ob wir Auckland wohl gleich ganz verlassen werden und warum man uns eigentlich hier hinausbringt, überqueren wir einen großen Highway und erreichen eine ausgedehnte Grünanlage – den Western Springs Park. An diesem führt eine Straße entlang, die wir nun westwärts fahren.

Als ich rechts aus dem Busfenster sehe, bemerke ich neben der Straße ein Gleis, das mit einer Oberleitung versehen ist. Nun ist das an sich nichts Ungewöhnliches, doch hier in Auckland habe ich dergleichen bisher nicht zu sehen bekommen und daher angenommen, daß es in dieser Stadt keine Straßenbahnen gibt. Ob das falsch war? Nun, wir werden sehen. Das Gleis folgt jedenfalls beharrlich dem Verlauf unserer Straße, und als wir nach nicht allzu langer Strecke schließlich rechts abbiegen, tut es das auch. Kurz darauf begibt sich unser Bus in eine Wendeschleife, die rechts neben der Straße einen großen Parkplatz umschließt, und hält schließlich vor einem langgestreckten niedrigen Bau mit spitzem Dach, auf dessen Schräge in großen Lettern „Auckland Zoo“ zu lesen ist. Aha, dafür also die lange Fahrt durch die Vorstädte. Nun, der 1922 eröffnete zoologische Garten der Stadt wäre sicher auch ein mögliches Ausflugsziel, wenn wir uns länger in Auckland aufhalten würden. Allerdings stehen solche Einrichtungen nicht unbedingt ganz oben auf meiner Prioritätenliste, wenn ich in fremden Gefilden unterwegs bin, gibt es in meiner Heimatstadt Berlin doch gleich zwei davon – einen Zoo und einen Tierpark -, in denen ich Tiere aus allen Teilen der Welt bewundern kann. Und da unser Aufenthalt in der Stadt dann doch begrenzt und die Liste der Orte, die wir gerne noch aufsuchen würden, schon lang genug ist, bleibt der Zoo erst einmal außen vor.

Und so steigen wir auch nicht aus, sondern warten darauf, daß unser Bus die Fahrt fortsetzt, was er kurz darauf auch tut. Wir verlassen die Wendeschleife und fahren den Weg zurück, den wir gekommen sind. Das Gleis, das uns nun linkerhand begleitet, tut dies auch, als wir schließlich die Stelle passieren, an der wir vorher den Highway überquert hatten und auf den ausgedehnten Western Springs Park getroffen waren. Hier geht es nun auf neuer Strecke weiter. Inzwischen bin ich mir sicher, daß es sich bei unserem beständigen Begleiter tatsächlich um eine Straßenbahnlinie handelt, sind wir doch bereits an mehreren Haltestellen vorübergekommen. Nur einen entsprechenden Zug habe ich noch nicht entdecken können. Leider wird das auch so bleiben. Wie ich beim späteren Nachlesen erfahre, handelt es sich bei dieser Linie um die Western Springs Tramway, die jedoch keine reguläre Straßenbahnlinie im eigentlichen Sinne ist, sondern eher als Museumsbahn gelten muß. Folgerichtig verbindet sie zwei Standorte des Museums für Verkehr und Technik – Museum of Transport and Technology (MOTAT) – in Auckland, dessen einem wir uns nun nähern. Unser Bus hält erneut, und als wir die Fahrt schließlich fortsetzen, ist das Gleis neben uns verschwunden.

Mit dem Verkehrs- und Technikmuseum verhält es sich genauso wie mit dem Zoo – es wäre bei längerem Aufenthalt in der Stadt durchaus von Interesse für mich, steht aber eher am unteren Ende meiner Prioritätenliste. Denn auch ein solches haben wir in Berlin, das wieder einmal zu besuchen ich mir immerhin vornehme, als wir das hiesige hinter uns zurücklassen. Unser Bus biegt nun rechts in eine Straße ein, die sich nach weiter Kurve als Auffahrt auf den bereits erwähnten Highway erweist. Interessiert nehme ich noch den Umstand wahr, daß wir aufgrund des Linksverkehrs auch von links auf die Autobahn auffahren, doch dann erlahmt mein Interesse schnell. Autobahnen sind aus meiner Perspektive als Mitfahrer eher langweilige Verkehrswege, was auch auf diese Stadtautobahn zutrifft. So prägt sich mir von der Fahrt zurück in Richtung Innenstadt nahezu nichts ein, obwohl ich die ganze Zeit aus dem Fenster sehe. Dafür sind wir nun recht schnell unterwegs und erreichen in einem Bruchteil der Zeit, die wir vom Mount Eden bis zum Zoo benötigt hatten, die Auckland Domain, wo wir den Highway verlassen. Die Ausfahrt, die wir dafür nehmen, führt übrigens direkt zur Wellesley Street. Wir müßten nur in Richtung des Central Business Districts abbiegen und ein vergleichsweise kurzes Stück fahren, dann hätten wir unser Hotel erreicht. Doch das ist gar nicht unsere Absicht, ganz davon abgesehen, daß wir dem der blauen Route folgenden Bus momentan völlig ausgeliefert sind. So geht es stattdessen direkt zwischen die grünen Bäume der weitläufigen Auckland Domain, die wir auf kurvenreicher schmaler Straße durchqueren, bis wir schließlich eine ausgedehnte, ansteigende Rasenfläche neben uns haben, an deren anderem, oberen Ende wir das Ziel unserer Fahrt bereits erkennen können: das Auckland War Memorial Museum.

Unser Bus bringt uns wieder bis zur Haltestelle am Besuchereingang des Museums, der sich, wie wir bereits wissen, an dessen hinterem Ende befindet. Wir steigen aus – und halten kurz inne, uns bewußt werdend, daß wir damit den gesamten Rundkurs der Blue Route absolviert haben. Dann begeben wir uns über die Straße, hinüber zum Eingangsbereich. Der große Museumsbau wird, soviel ist von außen zu sehen, an diesem Ende durch einen großen Halbrund abgeschlossen, der ein wenig wie die Apsis einer großen Kathedrale wirkt, sieht man einmal davon ab, daß am oberen Ende keine Kuppel erkennbar ist.

Daß eine solche jedoch durchaus vorhanden ist, davon können wir uns kurz darauf überzeugen. Als wir das Innere betreten, finden wir uns in einem großen Foyer wieder, das – der außen bereits wahrgenommenen Form entsprechend – ein Halbrund ist. Wenn wir erwartet hatten, aufgrund des neoklassizistischen Äußeren des Gebäudes ein ebenso gestaltetes Inneres vorzufinden, werden wir – je nach Einstellung – enttäuscht oder überrascht. Der hier vorherrschende Stil ist – nun, nicht gerade futuristisch, wohl aber modern zu nennen. Die gewölbten Wände des Eingangsbereichs sind eigentlich nicht als solche zu erkennen, hat man sie doch wie die Fassaden von Häusern gestaltet, die einen runden Platz umgeben. Das schließt natürlich Fenster mit ein. Ich vermute, daß man dahinter befindlichen Büroräumen der Museumsverwaltung auf diese Weise zu natürlichem Licht verholfen hat. Dieses ist hier reichlich vorhanden, da der Eingangsbereich an seinem oberen Ende von einer großen gläsernen Kuppel überwölbt wird, die eine Art riesiges Oberlicht bildet und reichlich Tageslicht einläßt. So vermittelt das Foyer den Eindruck eines riesigen Atriums, aber auch eines Stadtplatzes. Und weil ein solcher auch Geschäfte und Cafés benötigt, sind in die ihn umgebenden „Häuser“ die Ticketschalter, der Museumsshop und das Atrium Café integriert. Dieses hat sogar Tische im „Freien“ aufgestellt. Hier kann man sogar bei Regen „draußen“ sitzen, ohne naß zu werden.

Einst war dieses Atrium der zentrale, runde Innenhof des Museums. Zu Beginn der 2000er Jahre machte man sich jedoch daran, diesen in seine heutige Form zu verwandeln, indem man ihn mit der großen Glaskuppel überwölbte. Steht man am Grund dieses nunmehr großen Innenraums, kann man ihn allerdings dennoch nicht komplett überschauen, denn wie bereits gesagt, ist trotz seiner eigentlich kreisrunden Form nur ein Halbkreis zu sehen. Begrenzt wird dieser durch in die andere Hälfte des Kreises hineingesetzte Bauten, über die der Zugang zum Hauptteil des Museumsgebäudes möglich ist. Als ich nach oben schaue, stelle ich fest, daß ich auch die Kuppel nicht in Gänze sehen kann. Verhindert wird das durch eine riesige Kugel, die darunter im Raum zu schweben scheint. Dreißig Meter soll ihr Durchmesser betragen, was mir bei ihrem Anblick durchaus glaubhaft erscheint. Außen komplett mit Kauriholz verkleidet, beherbergt diese Sphäre ein Veranstaltungszentrum. Direkt darunter ist ein Informationsschalter plaziert.

Im Auckland War Memorial Museum
Häuser in einem Haus und eine schwebende Kugel – im Atrium des Auckland War Memorial Museums ist beides zu finden.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
Creative Commons Lizenzvertrag

Der Boden des Atriums ist komplett mit Teppich ausgelegt, was die Schritte der Besucher dämpft, von denen wir allerdings nur einige wenige bemerken. Glücklicherweise herrscht gerade kein großer Andrang. Nun, das soll uns recht sein. Große Menschenmengen sind in einem Museum ja doch eher störend. Nachdem wir das Foyer ausgiebig bewundert haben, begeben wir uns zum Ticketschalter, denn schließlich wollen wir ja noch ein bißchen mehr sehen als nur den Eingangsbereich des Museums. Nachdem wir unsere Eintrittskarten erfolgreich erworben haben, machen wir uns auf den Weg zu den Ausstellungsräumen. Eine halbrunde Treppe lädt uns ein, in den ersten Stock hinaufzusteigen, doch sind an ihrem oberen Ende nur Räumlichkeiten für das Personal zu finden. Wir müssen stattdessen an der Treppe vorbei zur linken Seite des Halbrunds gehen, wo sich der Eingang ins Museum befindet.

Seinem Namen zufolge ist das Auckland War Memorial Museum den Erinnerungen an neuseeländische Kriege gewidmet. Nun, das ist nicht falsch, denn bei dem Museum handelt es sich, wie ich bereits weiß, auch um eine Kriegsgedenkstätte, die sich seit ihrer Entstehung in den 1920er Jahren zur zentralen Kriegsgedenkstätte für die Provinz von Auckland entwickelt hat. Und so gibt es hier auch eine umfangreiche Ausstellung, die sich mit den Neuseelandkriegen, den internen Kolonialkriegen im 19. Jahrhundert sowie mit den internationalen militärischen Auseinandersetzungen, an denen sich Neuseeland beteiligt hat, beschäftigt. Doch dies macht nur einen kleinen Teil der Sammlungen und der Ausstellung aus. Weitaus bedeutender sind die anderen Bereiche, denen sich das Museum widmet und die es zum größten kulturhistorischen und naturkundlichen Museum in Auckland machen. Warum diese in seinem Namen jedoch keinen Ausdruck finden, bleibt ein ungelöstes Geheimnis – zumindest für mich. Tatsächlich sind es jedoch gerade diese Sammlungsteile, die uns bei unserem Besuch am meisten interessieren. Sie beschäftigen sich mit der Geschichte des Landes und mit den Kulturen der Völker – des pazifischen Raumes im allgemeinen und der Māori im besonderen. Desweiteren ist hier die größte kunstgewerbliche Sammlung des Landes ebenso zu finden wie eine historische und eine Kunstsammlung. Auch eine naturkundliche Sammlung gehört zum Museum, die aus rund eineinhalb Millionen Objekten besteht, die Fauna, Botanik, Entomologie und Geologie Neuseelands abdecken. Ergänzt werden all diese Sammlungen durch eine umfassende Bibliothek. Natürlich können wir von vornherein davon ausgehen, daß wir dies nicht alles an diesem Nachmittag werden besichtigen können. Dafür bräuchte man sicher mehrere Tage. So konzentrieren wir uns auf das, was uns am meisten interessiert, und begeben uns ins Erdgeschoß des Museums, um unsere Besichtigung in der Abteilung zur Kultur der Māori zu beginnen.

Nach der Betrachtung nur der ersten Vitrinen und der darin ausgestellten Sammlungsstücke wird mir klar, daß ich hier Werke einer menschlichen Kultur vor mir habe, die mir absolut fremd ist. Was ich hier zu sehen bekomme, ist so vollständig anders als alles, was mir aus der europäischen Kunst- und Kulturgeschichte bisher bekannt ist, daß ich im Angesicht dieses nur kleinen Ausschnitts der riesigen Sammlung von Māori-Schätzen, die das Museum besitzt, gleichzeitig ratlos und fasziniert bin. Ratlos, weil ich auf viele der ausgestellten Stücke nur mit völliger Verständnislosigkeit schauen kann. Und fasziniert, weil ich das Gefühl habe, einen Schritt durch die geöffnete Tür zu einer komplett anderen Welt zu machen, in der es so unendlich viel Neues und gleichzeitig Rätselhaftes zu entdecken gibt.

So finde ich mich vor einer kleinen, hölzernen Skulptur wieder, deren Gesicht von zahlreichen eingekerbten Linien und Ornamenten vollständig bedeckt ist, die so aussehen, als sollten sie Tätowierungen darstellen. Merkwürdig ist, daß aus dem Kopf der Skulptur ein hölzerner Pfahl ragt, der sie in der Länge um ein Vielfaches übertrifft. Weil ich mir keinen Reim darauf machen kann, versuche ich das Schild zu lesen, das eine Erklärung für das bereithält, was ich da sehe. Ganz einfach ist das nicht, denn zum einen erweist sich, wie ich feststellen muß, mein Englisch für historische Beschreibungen wie diese als nur bedingt gerüstet, zum anderen ist der Text mit vielen Begriffen der Māori-Sprache durchsetzt, mit denen ich nicht allzu viel anfangen kann. Ich habe seine ersten beiden Abschnitte einmal dem Versuch einer Übersetzung unterzogen[6]Im englischen Original lautet der zitierte Text: This poutokomanawa (central house-post) represents the ancestor Iwirākau holding his mere pounamu. When Edward Walker of Port Awanui obtained it at … [Weiterlesen]:

Dieser Poutokomanawa (zentraler Hauspfosten) stellt den Vorfahren Iwirākau dar, der seinen bloßen Pounamu hält.

Als Edward Walker aus Port Awanui ihn in den 1890er Jahren im Tikapa Marae erhielt, sagte ihm Karaitiana Wharehinga, daß es sich bei der Figur um Iwirākau handele, einen Vorfahren, der zehn Generationen zuvor dort gelebt hatte. Die Schnitzerei stammt von einem früheren Haus, das auf dem Tikapa Marae stand, wo heute das Pōkai-Versammlungshaus steht. Iwirākau ist berühmt als Begründer des Waiapu-Stils der Schnitzerei, der manchmal auch als Iwirākau-Schule bezeichnet wird.

Auch wenn ich das meiste der hier vermittelten Informationen durchaus verstehe, habe ich doch das Gefühl, daß mir aufgrund meiner unzureichenden, ach was, meiner nicht vorhandenen Kenntnisse der Kultur und Geschichte der Māori gewisse Teile des Erklärten entgehen. Was ist ein Pounamu? Und wer mag wohl Karaitiana Wharehinga sein? Wo befand sich das Tikapa Marae? Und was ist das eigentlich? Ich weiß es nicht, wie so einiges, was im weiteren Text der Erklärung noch erwähnt wird. Und leider muß ich mich für den Augenblick damit abfinden. Ich mache mir im weiteren Verlauf meines Rundgangs durch die Ausstellung dennoch die Mühe, die einzelnen Beschreibungstafeln zu lesen, auch wenn ich dabei die Erfahrung, nicht alles zu verstehen, was dort geschrieben steht, mehrfach wiederholen muß. Und doch: mit jeder Erklärung, die ich im folgenden lese, gewinne ich – zumindest ist das mein Gefühl – kleine Teile an Erkenntnis, beginnt – ein wenig zumindest – Verständnis zu wachsen. Und obwohl ich manches Mal auch verständnislos den Kopf schüttle, macht mir das Ganze doch ziemlich viel Spaß, dieses Eintauchen in eine völlig fremde Welt, Sprache und Kultur. Und geht es nicht genau darum, wenn einander fremde Kulturen aufeinandertreffen? Um das Kennenlernen, um die Erkenntnis, um das Verstehen? Hätte ich unendlich viel mehr Zeit und wäre nicht nur im Rahmen einer Urlaubsreise hier, wäre es natürlich viel ergiebiger, dies durch direkten persönlichen Kontakt mit der fremden Kultur und den Menschen, die sie leben und schaffen, herzustellen beziehungsweise zu gewinnen als nur im Zuge der Besichtigung einer Ausstellung ihrer leblosen Artefakte und Zeugnisse. Doch besser als nichts ist es allemal. Und irgendwo muß ich ja anfangen.

Der Pfosten mit der eingearbeiteten  Skulptur ist nicht das einzige Beispiel für die vortreffliche Schnitzkunst der Māori. Viele andere Stücke geben Zeugnis für das beeindruckende Können der Künstler unter den Ureinwohnern Neuseelands. Zierleisten mit reliefartigen Darstellungen oder auch nur Ornamenten, Rahmen von Türen und Toren sowie auch Alltagsgegenstände sind in den Räumen und Vitrinen auf- beziehungsweise ausgestellt und entfalten das Bild einer Kultur, in der die Vorfahren in steter Erinnerung behalten und in künstlerischen Darstellungen im unmittelbaren Lebensumfeld der Menschen verewigt werden, wo man andernorts und in anderen Kulturen Götter verehrte.

Doch nicht nur Schnitzkunst ist es, die hier präsentiert wird. Eines der beeindruckendsten Stücke der Sammlung ist Te Toki a Tapiri, das letzte der großen Kriegskanus der Māori. Es stammt aus dem Jahr 1836 und ist ein Einbaum, was bedeutet, daß dieses ganze fünfundzwanzig Meter lange Kanu, in dem bis zu einhundert Krieger Platz finden konnten, aus einem einzelnen Stamm des Tōtara-Baumes geschlagen wurde. Doch auch wenn das Kanu als Ganzes kein Werk der Schnitzkunst ist, haben seine Erbauer nicht darauf verzichtet, sie zu seiner Verzierung einzusetzen. Und wieder ist das Motiv der Ehrung der Vorfahren präsent, wurde das Gefährt doch nach Tapiri benannt, der ein Ahne eines seiner beiden Eigner  – Waaka Tarakau – war. So steht es auf der dem Kanu beigegebenen Erklärungstafel geschrieben.

Das Wasserfahrzeug ist so gewaltig, daß es nicht in einem einzigen Raum Platz findet. So befinde ich mich, als ich es seiner Länge nach abgeschritten habe, nunmehr in einem großen Saal, der eher einer großen Halle ähnelt, wird er doch von einer gewölbten Decke überspannt, in deren Mitte ein Oberlicht eingelassen ist. An einer der beiden Längsseiten dieser Halle ist in deren Mitte der Eingangsbereich eines hölzernen Māori-Hauses nachgebildet, das ein spitz zulaufendes Dach besitzt. Als ich interessiert nähertrete, stelle ich fest, daß sich in der hinteren Wand dieses Vorbaus ein kleiner Durchgang befindet. Ein Schild weist mich darauf hin, daß ich durchaus eingeladen bin einzutreten, mich dafür aber bitte meines Schuhwerks entledigen müsse. Da ich neugierig genug bin, wissen zu wollen, was sich denn wohl dahinter verbergen möge, schnüre ich meine Schuhe auf und ziehe sie aus. Dann trete ich hindurch.

Was ich nun vor mir sehe, verschlägt mir fast den Atem. Nein, das ist keine Nachbildung. Das ist das ganze komplette Haus! Eingebaut in das Museum. Was aber noch viel beeindruckender ist: Nahezu jeder Quadratzentimeter dieses ganz aus Holz errichteten Gebäudes ist über und über mit detailreichen Schnitzereien und Malereien bedeckt, wobei rote Farbtöne vorherrschen. Der Raum, in dem ich stehe, umfaßt das gesamte Innere des Hauses, was bedeutet, daß ich Boden, Wände und Dach zur Gänze vor mir sehe – nicht zuletzt auch deswegen, weil der Raum komplett leer ist. In seiner Mitte befindet sich ein einzelner dünner Holzpfeiler, der vom Boden bis zum Dach reicht und dieses, das sich ansonsten offenbar komplett selbst trägt, stützt. Die Wände werden durch in sie eingelassene Pfeiler in mehrere Felder unterteilt. Während die Oberflächen der Pfeiler komplett mit geschnitzten Bildmotiven bedeckt sind, trifft das für die zwischen ihnen liegenden Wandfelder nicht zu. Diese hat man mit bunten Teppichen verkleidet, nur über dem Fußboden sind hölzerne Leisten mit geschnitzten Motiven zu finden. Die Wandpfeiler gehen an ihrem oberen Ende unmittelbar in Dachbalken über, die an der Dachspitze aufeinandertreffen, wo sie durch einen die gesamte Länge des Daches messenden Längsbalken zusammengehalten werden. Sämtliche Dachbalken weisen in den Farben Rot, Weiß und Schwarz gehaltene Ornament-Malereien auf, wobei sich nach meinem Eindruck keines der Motive irgendwo wiederholt. Es ist wohl unnötig, darauf hinzuweisen, daß auch der einzelne, das Dach stützende Pfeiler in der Mitte des Raumes vollständig mit Schnitzereien bedeckt ist. Der Boden besteht ebenfalls aus Holz und ist auf Hochglanz poliert, was erklärt, warum Schuhwerk tragende Besucher hier nicht erwünscht sind.

Langsam durchwandere ich den gesamten Raum, der in meinen Augen als ein einziges Kunstwerk zu gelten hat. Es muß dies ein ganz besonderes Gebäude sein, denke ich bei mir. Ein gewöhnliches Wohnhaus der Māori ist dieses mit so außerordentlicher Handwerkskunst verzierte Gebäude ganz sicher nicht. Daß ich mit dieser Vermutung richtig liege, bestätigt mir, als ich wieder draußen bin, eine im Vorbau aufgestellte Tafel. Sie preist das Hotunui, wie das Gebäude genannt wird, als bedeutendes Stück in der Sammlung des Museums und erklärt, daß es sich dabei um ein komplett erhaltenes, traditionelles Marae handelt – ein Versammlungshaus der Māori. Und wieder rückt ein Stück Erkenntnis in meinem Kopf an seinen Platz. Nun weiß ich, was ein Marae ist. Das Hotunui, so lese ich weiter, wurde im Jahre 1878 in der Region um Thames, einer Stadt südöstlich von Auckland, errichtet. Das gesamte Gebäude besteht aus Holz und ist innen wie außen mit bemalten Schnitzereien bedeckt. Nun, das habe ich bereits selbst festgestellt und eingehend betrachtet und bewundert. Interessant ist jedoch noch eine weitere Geschichte. Als das Museum das Hotunui im Jahre 1925 erhielt, versah es dieses – aus welchem Grund auch immer – mit einem roten Anstrich. Die ursprüngliche Bemalung geriet so in Vergessenheit, was sich in einer Erneuerung der roten Übermalung in den 1950er Jahren ausdrückte. Es sollte noch einmal rund dreißig Jahre dauern, bis an dem Gebäude beschäftigte Restauratoren erkannten, was sich unter der roten Farbe verbarg. Die ursprüngliche Gestaltung des Hotunui wurde wiederentdeckt und seitdem Stück für Stück wiederhergestellt.

Auch an seiner Außenseite ist das Versammlungshaus mit zahlreichen Schnitzereien verziert. Das gilt für den Rahmen des Durchgangs ins Innere ebenso wie für die Vorderseiten der äußeren Wandpfosten und die Schlußleisten an den Dachschrägen. Dort, wo diese an der Spitze aufeinandertreffen, ist eine geschnitzte Maske befestigt, unter der sich ein kleines Holzdreieck befindet, auf dem das Wort „HOTUNUI“ zu lesen ist – ein Detail, das mir erst später beim Betrachten eines entsprechenden Fotos auffällt. Manchmal frage ich mich, ob wir alle wohl aufmerksamer durch die Welt gingen, wenn wir uns nicht auf unsere allgegenwärtigen Fotokameras verlassen könnten.

Neben dem Hotunui verfügt das Auckland War Memorial Museum noch über zwei weitere komplette Holzgebäude der Māori, von denen eines in seiner unmittelbaren Nähe in dem großen Saal aufgebaut ist. Von weitem könnte man es für ein übergroßes Zelt halten, das jemand mitten in dieser Ausstellungshalle aufgestellt hat, wären da nicht die reichhaltigen Schnitzereien an seiner Vorderfront, die jene des Hotunuis noch um ein Vielfaches übertreffen. Auch hier ist die Farbe Rot vorherrschend. Als ich näherkomme, stelle ich fest, daß sich mit jedem Schritt, den ich mich darauf zu bewege, mehr und mehr Details in den Schnitzereien herausbilden. Als ich mich schließlich unmittelbar vor dem Gebäude befinde, ist daraus ein regelrechtes Meer filigraner Muster geworden, die aus Myriaden kleinster, teils nur millimetergroßer Elemente zusammengesetzt sind. Hier waren grandiose Meister am Werk. Doch nicht nur Muster prägen das Bild. In die Pfosten sind Figuren eingearbeitet, die meinen bisherigen Erfahrungen zufolge vermutlich Vorfahren der einstigen Hausbewohner zeigen. Wie bei der Skulptur des Iwirākau in dem Hauspfosten, den ich am Anfang der Ausstellung betrachtet hatte, weisen einzelne Gesichter auch hier eingekerbte Linien und Ornamente auf, die zudem mit schwarzer Farbe nachgezeichnet sind. Nun bin ich mir sicher, daß es sich dabei um die Darstellung von Tätowierungen handelt. Wieder drängt sich mir der Eindruck auf, die Zeugnisse einer mir völlig fremden Kultur zu betrachten. Sie strahlen eine ganz eigenwillige Form der Ästhetik aus, die in mir, wie ich überrascht feststelle, widerstreitende Gefühle hervorruft. Einerseits bin ich nicht gerade ein Fan von Tätowierungen jeglicher Art, schon gar nicht im Gesicht, doch andererseits komme ich bei den hier gezeigten Darstellungen nicht umhin, eine gewisse Schönheit darin zu sehen. Wie so oft im Leben gibt es eben auch hier nicht nur Schwarz und Weiß. Die Welt ist differenzierter, komplexer, vielfältiger. Und so kann man Schönheit auch dort finden, wo man sie überhaupt nicht vermutet.

Von dem Ausstellungsteil, der sich mit den kulturellen Errungenschaften der Māori befaßt, gelangen wir schließlich in den Bereich, in dem es um ihre Geschichte geht. Hier bekommen wir eines der Boote zu sehen, mit dem die Polynesier sich dreihundert Jahre, bevor die ersten Europäer Neuseeland erreichten, auf den Weg über den Ozean machten, um neues Land zu suchen, das sie dann schließlich in den beiden großen Inseln Neuseelands auch fanden. Als ich mir allerdings den schmalen Kahn mit den Auslegern und dem kleinen Segel so ansehe und mir vorstelle, wie er auf den unendlichen Weiten des großen Weltmeeres, genannt Pazifik, zwischen den Wellen dahintreibt, kommt mir die Bezeichnung Nußschale dafür auf einmal sehr zutreffend vor. Wieviel Wagemut und Vertrauen müssen diese Menschen damals aufgebracht haben, ein solch zerbrechliches Gefährt zu besteigen und sich ihm für die Fahrt über das große Wasser auf Gedeih und Verderb anzuvertrauen, ohne dabei genau zu wissen, wo sie ankommen, ja, ob sie überhaupt Land finden werden, bevor ihnen Nahrung und Wasser ausgehen. Wenn heutige Zeitgenossen davon sprechen, wie ungemein schwer es doch gewesen sei, die eigene Komfortzone zu verlassen und sich auf den Weg zu machen, um Neuland zu betreten, machen sie sich, verglichen mit diesen Menschen, nachgerade lächerlich. Das Gewohnte verlassen? Neuland suchen und betreten? Die Polynesier haben es getan. Buchstäblich. Und haben sich dafür zahllosen Gefahren für Leib und Leben ausgesetzt. Dagegen haben wir heute absolut nichts auszustehen.

Ein Stockwerk höher wechselt das Thema der Ausstellung komplett. Nun geht es um die Naturgeschichte des Inselstaates. Wir treten durch einen Durchgang – und finden uns in einer Versammlung von Sauriern wieder. Nicht, daß sie Angst in uns hervorrufen würden. Eher Grusel. Zu behaupten, sie bestünden nur aus Haut und Knochen, wäre geprahlt. Es sind nur Knochen. Skelette, um genau zu sein. Kleine, große, fliegende – hier scheinen die wichtigsten Saurierarten versammelt zu sein. Daß es sie auch in Neuseeland gegeben hat, ist keine Überraschung. Daß ihnen hier die Säugetiere nicht nachgefolgt sind, schon. Die Erklärung liefert die Ausstellung ebenfalls. Ich lerne, wie Neuseeland vor vielen Jahrtausenden vom einstigen Urkontinent Gondwana abbrach und daß aufgrund dieses Vorgangs Säugetiere die Inseln nie erreichten. Statt ihrer wurden die Vögel hier zur dominanten Lebensform und füllten die Rolle der Säugetiere aus. In der Folge wurden viele Arten flugunfähig. Ihr prominentester Vertreter ist der Vogel, der den heutigen Bewohnern der Inseln zu ihrem Spitznamen verhalf: der Kiwi. Einige dieser vielfältigen Laufvogelarten entwickelten sich zu enormer Größe. Davon können wir uns selbst überzeugen, als wir in einer übergroßen Vitrine einen Moa antreffen. Wahrscheinlich ist es eine Nachbildung und kein ausgestopftes Exemplar, denn der Moa ist heutzutage ausgestorben. Bis zu drei Metern konnte er groß werden. Nun, dieser hier ist es auf jeden Fall. Gut, daß er in der Vitrine steckt. Und nicht echt ist. Einem realen Moa hätte ich wohl nicht unbedingt persönlich begegnen wollen. Immerhin befindet sich in der Höhe meines Kopfes gerade mal das obere Ende seiner Beine!

Ausgestopfte oder nachgebildete Vögel bekommen wir im weiteren Verlauf der Ausstellung noch einige zu sehen. Manche stehen einfach so in den Vitrinen, andere werden in Nachbildungen ihrer jeweiligen Lebensräume gezeigt. Als wir das Ende dieses Museumsteils erreichen, machen sich unsere Mägen inzwischen deutlichst bemerkbar. Irgendwie haben wir das Mittagessen vergessen, und das nehmen sie uns jetzt doch ein wenig übel. Zeit, etwas Eßbares zu suchen.

Nun, wirklich suchen müssen wir natürlich nicht. Daß sich am Eingang des Museums ein Café befindet, ist uns noch gut in Erinnerung. Also machen wir uns kurzerhand dorthin auf den Weg. Dadurch entgeht uns allerdings der für das Museum namensgebende Ausstellungsbereich, der sich mit all den Kriegen beschäftigt, die in der Menschheitsgeschichte in irgendeinem Zusammenhang mit den beiden Inseln stehen. Nun, das kann ich gut verschmerzen. Mein Interesse an kriegerischen Auseinandersetzungen war nie besonders ausgeprägt.

Das Essen im Café – meine Erinnerung weiß dazu nichts zu sagen. Es hat wohl keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Wir beschließen, daß wir für diesen Tag genug gesehen und erlebt haben und uns nach dem Marathonprogramm vom Vortag etwas Ruhe gönnen wollen. Wir verlassen also das Museum und fahren mit der roten Route des Auckland Explorers zurück in die Innenstadt.

Sie können alle Fotos auch direkt auf Flickr anschauen.
Für alle Fotos gilt die folgende Lizenz:

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz.

Referenzen

Referenzen
1 Der originale Text lautet:

This obelisk was first erected by
Stephenson Percy Smith,
Chief Geodetic Surveyor,
on the 17th day of August 1872
as initial station for the triangulation
of the Auckland province, instituted by
Captain Theophilus Heale
Inspector of Surveys.

„Prudens Futuri“

2 Der Text dieser zweiten Tafel lautet im Original:

May this obelisk re-erected in 1933
serve as a memorial to the
Pioneer Surveyors
who played so worthy a part in
the transformation of a wilderness
into the smiling land which
lies before you.
For their work continueth
great beyond their knowing.

3 Auf der Tafel ist zu lesen:

This tablet
was erected by the
N.Z. Institutes of Surveyors
and Survey Draughtsmen
on 26 November 1947, the
centenary of the death of
the first Surveyor-General
of N.Z., Felton Matthew.

Die deutsche Übersetzung lautet:

Diese Tafel
wurde vom neuseeländischen
Institut der Vermessungsingenieure
und Vermessungszeichner
am 26. November 1947 aufgestellt,
dem hundertsten Jahrestag des Todes
des ersten Generalvermessers
von Neuseeland, Felton Matthew.

4 Der Text der Tafel lautet:

To commemorate the founding,
on 22nd June 1865, of the
Auckland Provincial
Surveyors Association.
This plaque was placed
by the Auckland branch
of the New Zealand
Institute of Surveyors
22nd June 1965

Übersetzt heißt das:

Zum Gedenken an die Gründung der
Vereinigung der Vermessungsingenieure
der Provinz Auckland
am 22. Juni 1865.
Diese Gedenktafel wurde angebracht
durch den Auckland-Zweig
des neuseeländischen
Instituts der Vermessungsingenieure.
22. Juni 1965

5 Auf der Tafel ist zu lesen:

This plaque is to celebrate the third century of
surveying in the Auckland area. In this coming
century, the Auckland Branch of the NZ Institute of
Surveyors will strive to contribute to the growth
and prosperity of our region.

This Historic Monument was restored in March 2001 by the
Auckland Branch of the NZ Institute of Surveyors, in
Partnership with the 1998-2001 Eden Albert Community Board.

Übersetzt heißt das:

Diese Gedenktafel feiert das dritte Jahrhundert der
Vermessung in der Region Auckland. In diesem kommenden
Jahrhundert wird Auckland-Zweig des neuseeländischen Instituts der Vermessungsingenieure
bestrebt sein, einen Beitrag zum Wachstum
und Wohlstand unserer Region zu leisten.

Dieses historische Monument wurde im März 2001 vom
Auckland-Zweig des neuseeländischen Instituts der Vermessungsingenieure, in
Partnerschaft mit dem Eden Albert Community Board 1998-2001, restauriert.

6 Im englischen Original lautet der zitierte Text:

This poutokomanawa (central house-post) represents the ancestor Iwirākau holding his mere pounamu.

When Edward Walker of Port Awanui obtained it at Tikapa marae in the 1890’s, he was told by Karaitiana Wharehinga that the figure was Iwirākau, an ancestor who lived there ten generations earlier. The carving is from an earlier house, which stood on Tikapa marae where the Pōkai meeting house now stands. Iwirākau is famous as the founder of the Waiapu style of carving, sometimes known as the Iwirākau school.

Die Stadt der Victoria

Dieser Beitrag ist Teil 5 von 9 der Beitragsserie "Reise nach Neuseeland & Singapur"
Wie ich einen ganz und gar der Königin Victoria gewidmeten Ort besuchte

Als wir am Ferry Building ankommen, fällt mir etwas auf, was mir bei unserem gestrigen Besuch hier entgangen war: das Gebäude ist streng symmetrisch gestaltet. Der Uhrenturm befindet sich genau in der Mitte und wird von der Gebäudefassade aufgenommen und als Mittelrisalit mit einer einzigen Fensterachse bis zum Boden geführt. Zu beiden Seiten schließen sich jeweils fünf Fensterachsen an, deren zwei mittlere wiederum als Risaliten ausgeführt sind. Während der mittlere oben durch einen dreieckigen Giebel abgeschlossen wird, weisen die beiden seitlichen Risaliten an ihrem oberen Ende Rundbögen auf, die im Erdgeschoß in großen Torbögen ihre Entsprechung finden. Bei diesen wird dann die Symmetrie allerdings durchbrochen. Während der linke dieser Torbögen den Eingang zu dem Restaurant „Botswana Butchery“ bildet, das mir bereits am Vortag durch seine martialischen Türgriffe in Form von Fleischerbeilen aufgefallen war, gewährt der rechte einem öffentlichen Weg Durchlaß, der zu den hinter dem Ferry Building liegenden Fährterminals führt. Diesen Weg nehmen nun auch wir, denn wir wollen eine der Fähren besteigen. Angeregt durch unsere aus der luftigen Höhe des Sky Towers angestellten Betrachtungen der rund um den Waitematā Harbour ausgedehnten Stadt haben wir uns kurzerhand dazu entschlossen, den restlichen Nachmittag für einen Ausflug nach Devonport zu nutzen, einem Ortsteil Aucklands, der auf der gegenüberliegenden Seite des großen Naturhafens liegt.

Damit man uns an Bord der Fähre läßt, müssen wir zunächst Tickets erwerben. Das ist am Fahrkartenschalter schnell erledigt, wobei wir allerdings daran denken müssen, sie für die Rückfahrt gleich mitzukaufen, denn wir wollen ja nachher auch wieder zurück und haben keine Ahnung, wie lange die Ticketausgabe an unserem Ziel geöffnet hat, ob es dort Ticketautomaten gibt und ob diese funktionieren. Sicher ist also sicher. Anschließend begeben wir uns zum Pier, an dem die Fähren nach Devonport abgehen. Lange müssen wir nicht warten, denn der Fahrplan sieht jede halbe Stunde eine Fahrt vor. Offenbar ist Devonport ein beliebtes Ziel.

Tatsächlich ist die Fähre einigermaßen gut ausgelastet, allerdings auch nicht so sehr, daß wir Schwierigkeiten hätten, einen Platz zu finden. Wir sind allerdings gar nicht so sehr daran interessiert, uns zu setzen. Wir begeben uns stattdessen sofort zum hinteren Ende des Schiffes, wo wir auf dessen Deck im Freien stehen können und eine wunderbare Aussicht haben, die sich allerdings im Augenblick noch auf das Ferry Building beschränkt, da wir ja noch nicht abgelegt haben. Das Schiff ist eine reine Personenfähre, nicht gerade klein, aber auch nicht übermäßig groß. Es besitzt drei Decks, deren zwei den Passagieren zur Verfügung stehen, während das dritte – obere – nur den Führerstand beherbergt. Betrieben wird unsere Fähre von Fullers Ferry, einem Unternehmen, das den Nahverkehr zu Wasser in Auckland fest in der Hand zu haben scheint, denn soweit ich sehen kann, tragen alle Fähren hier seinen Namenszug. Was Schiffstypen angeht, habe ich nur ausgesprochen rudimentäre Kenntnisse. Sie reichen jedoch soweit aus, um festzustellen, daß unsere Fähre ein Katamaran ist. Zu erfahren, daß er auf den Namen „Kea“ hört, erfordert hingegen kein besonderes Vorwissen. Dafür muß ich nur lesen können, denn der Name steht am Heck. Oder zumindest an dem, was ich für das Heck halte. Denn wie ich später herausfinden werde, ist unser Schiff der Länge nach symmetrisch gebaut, was es ihm ermöglicht, in beide Richtungen gefahren werden zu können, ohne wenden zu müssen. Das spart enorm Zeit und erlaubt es, den halbstündigen Fährbetrieb zwischen dem Fährterminal und Devonport nur mit diesem einen Schiff zu bewerkstelligen. Die Überfahrt selbst dauert nämlich nicht einmal eine Viertelstunde. Der Name „Kea“ ist im übrigen ganz passend für ein Schiff, das in den Gewässern Aucklands verkehrt, denn der Kea ist ein in Neuseeland beheimateter Vogel, der vorwiegend in alpinen Regionen lebt und daher gelegentlich auch als Bergpapagei bezeichnet wird. Leider ist er – wie so viele andere Tierarten auf der Welt auch – vom Aussterben bedroht.

Abfahrt vom Fährterminal in Auckland
Auch von seiner „Seeseite“ bietet das Ferry Building einen wunderschönen Anblick, wie man vom Heck einer gerade ablegenden Fähre sehen kann.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
Creative Commons Lizenzvertrag

Nun, da ich also den Namen des Schiffseigners ebenso kenne wie den des Schiffs, steht aus meiner Sicht der Fahrt nichts mehr im Wege. Der Steuermann sieht das offenbar genauso, denn just in diesem Augenblick geht es los und unser Schiff legt ab. Solange wir uns noch in den Gewässern des Fährterminals befinden, bewegen wir uns recht gemächlich. Das läßt mir genug Zeit, nacheinander mehrere Fotos in Richtung der Innenstadt Aucklands zu schießen, die sich langsam von uns entfernt – oder wir uns von hier, je nachdem, welche Perspektive man einnimmt. Während das Ferry Building nach und nach kleiner wird, weitet sich unser Blickfeld und wir können nun auch die Hochhäuser sehen, die unmittelbar hinter ihm stehen. Kurz darauf kommen links und rechts weitere hinzu. Stück für Stück formt sich so, je weiter wir uns entfernen, eine Skyline der Central Business District genannten Innenstadt. Und gerade als hinter den Hochhäusern der sie überragende Sky Tower zum Vorschein kommt und die Skyline vervollständigt, sind wir offenbar weit genug in den Waitematā Harbour hinausgefahren, um nun richtig Fahrt aufnehmen zu können. Unser Schiff beschleunigt, und jetzt geht es zügig vorwärts in Richtung Osten, während wir eine breite Spur aufgewühlten Wassers hinter uns herziehen, von der sich mit weißem Schaum gekrönte Wellen keilförmig nach links und rechts entfernen. Das Ganze hat gerade einmal vier oder fünf Minuten gedauert, und wir haben nun ein atemberaubendes Stadtpanorama vor unseren Augen. Auf die Anlagen des Frachthafens mit den großen Hafenkränen und den Lagerhallen ganz links folgt die Skyline der Innenstadt, dominiert von Wolkenkratzern, die den schlanken, eleganten und sie alle überragenden Sky Tower in ihre Mitte genommen haben. Dort, wo die Hochhäuser enden, schließt sich das Wynyard Quarter an, hinter dem die Auckland Harbour Bridge emporsteigt, um – nun schon in weiter Entfernung zu uns – den Waitematā Harbour zu überspannen. Rechts, wo die Brücke schließlich wieder Land erreicht, sehen wir die grünen Ufer von North Shore City. Vor all dem dehnt sich die weite, blau-grüne Wasserfläche des großen Naturhafens, und darüber wölbt sich ein strahlend blauer Himmel, an dem nur ganz vereinzelt ein paar weiße Wölkchen zu sehen sind. Wie hingetupft sehen sie aus. Wir stehen an dem Ende des Schiffs, das aufgrund unserer aktuellen Fahrtrichtung gerade das Heck abgibt, und blicken andächtig auf dieses prächtige Panorama, das sich da vor unseren Augen förmlich entrollt hat.

Ein Auckland-Panorama
Von den Wassern des Waitematā Harbours bietet sich dieses wahrlich beeindruckende Panorama Aucklands, das mit dem Sydneys durchaus vergleichbar ist.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
Creative Commons Lizenzvertrag

Schiffe verkehren zwischen Auckland – beziehungsweise der heutigen Innenstadt von Auckland – und Devonport schon seit dem Jahr 1840. Anfangs waren es einfache Segelkutter, offen und ohne jeglichen Komfort, die von einheimischen Seeleuten gesteuert wurden. Zwanzig Jahre später hielt die Technik Einzug und die Segelschiffe wurden von Schaufelraddampfern abgelöst.  Mehr als vierzig Jahre darauf, im Jahre 1904, stellte man dann Fähren mit Schiffsschraubenantrieb in Dienst. Mit dem Aufkommen des Autos als Verkehrsmittel erweiterten die Fährenbetreiber ihr Transportangebot auch auf die neuartigen fahrbaren Untersätze. So blieb es bis zum Jahr 1959. Mit der Eröffnung der Auckland Harbour Bridge wurden die Fähren zur Beförderung von Fahrzeugen als überflüssig angesehen und man stellte ihren Betrieb ein. Auch den Betrieb der Passagierfähren reduzierte man drastisch, einige Linien wurden ganz aufgegeben. Doch totzukriegen war der Fährbetrieb nicht. Denn trotz der neuen Brücke blieb die Verbindung zwischen nördlicher und südlicher Seite des Waitematā Harbours für einige Bereiche der sich ausdehnenden Städte Auckland und North Shore City ausgesprochen umständlich und zeitintensiv. Und das verstärkte sich noch, weil sich die Brücke schnell zu einem verkehrstechnischen Nadelöhr entwickelte. So behielt man einige Fährverbindungen bei, die allerdings weniger Fahrten anboten als bisher und auch keine Autos mehr transportierten. Und so verkehren heute zwischen der Innenstadt Aucklands und Devonport nur noch Personenschiffe.

Und dann sind die nicht einmal fünfzehn Minuten, die unsere Fahrt dauert, auch schon wieder fast um. Wir werden langsamer und legen kurz darauf am Fährterminal in Devonport an, dem sogenannten Devonport Wharf. Dieser lehnt sich an den benachbarten Victoria Wharf an, der einst die Anlegestelle für die Autofähren war. Beide Piere sind so angeordnet, daß sie gemeinsam ein großes F bilden. Weil aber beide auch ihren eigenen Zugang zum Festland haben, sieht dieses F so aus, als habe es noch eine Stütze, die es am Umfallen hindert[1]Auf Google Maps kann man sich das sehr schön ansehen..

Als wir das Schiff verlassen haben und über den Pier an Land gegangen sind, finden wir uns auf einem großen Parkplatz wieder. Und weil der nicht sonderlich attraktiv ist, verlassen wir ihn schnell. Rechts liegt eine kleine Grünanlage, die mit ihrer Rasenfläche, vor der einige alte Bäume stehen, wesentlich ansehnlicher wirkt, so daß wir auf sie zugehen. Als wir sie erreicht und damit den Parkplatz, dem man den Namen Marina Square verpaßt hat, hinter uns gelassen haben, bietet sich uns bereits ein ganz anderes, wesentlich verlockenderes Bild. Unmittelbar vor uns beschreibt eine Straße, parallel zum Ufer aus westlicher Richtung kommend, eine Kurve und führt in nördlicher Richtung direkt in den Ort hinein. An der Ecke, um die sie herumführt, steht ein Gebäude, das, seiner äußeren Erscheinung nach zu urteilen, direkt aus einem Seebad stammen könnte. Seine beigefarbene Fassade mit in Ockertönen abgesetzten Kanten, Pilastern und Fenstereinfassungen beschreibt eine ebensolche Kurve wie die Straße vor ihm, wobei sie allerdings nicht perfekt rund, sondern vorn abgeflacht ist, so daß sich eine Hauptfront ergibt, die direkt auf die Straßenecke hinausgeht. Bekrönt mit einem oben abgerundeten, von zwei kleinen Ziertürmchen flankierten Scheingiebel, in dessen Mitte ein tiefblaues Schild mit der weißen Aufschrift „The Esplanade Hotel“ prangt, bietet sie Besuchern im Erdgeschoß den Haupteingang des Gebäudes dar. Und damit diesen der Zweck des Hauses auch keinesfalls entgeht, ist der Zugang mit einer ebenso tiefblauen Markise versehen, auf deren Blende der Name des Hotels in großen weißen Lettern wiederholt wird.

The Esplanade Hotel in Devonport
Direkt vom Fähranleger in Devonport kommend, wird man als erstes vom Esplanade-Hotel begrüßt, einem mehr als einhundert Jahre alten Seehotel.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
Creative Commons Lizenzvertrag

Dieses Esplanade-Hotel sieht nicht nur so aus, es ist tatsächlich ein typisches Seehotel aus der Zeit des Übergangs vom 19. zum 20. Jahrhundert. Vor seiner Errichtung hatte es mit dem alten Flagstaff Hotel bereits ein solches Etablissement gegeben, das im Jahr 1900 seinen Besitzer wechselte. Die lokale Firma Northern Property Limited, die es erwarb, hatte allerdings kein Interesse daran, es weiterzubetreiben. Da sie vielmehr Pläne für einen Neubau im Stile der aus den englischen Küstenstädten Brighton und Blackpool bekannten Kurhotels hatte, ließ sie es kurzerhand abreißen. 1901 begann man mit dem Neubau, zwei Jahre später war er fertiggestellt. Dem neu errichteten Hotel gab man ganz folgerichtig den Namen des damals bekanntesten Kurhotels im englischen Brighton: The Esplanade Hotel. Schnell entwickelte sich das Etablissement, da es gut geführt wurde, zu einem beliebten Hotel im damaligen Seebad Devonport. Es wechselte im Laufe der Zeit mehrfach den Besitzer, blieb aber stets als Hotel erhalten – bis zum heutigen Tag, an dem wir nun davorstehen und es betrachten.

Wir setzen unseren Weg in die kleine Grünanlage fort, die den Namen Windsor Reserve trägt. Unser Ziel ist der kleine Sandstrand, der sich direkt an den Park anschließt. Es ist der erste, den wir seit unserer Ankunft in Auckland finden. Dort angekommen, werfen wir nicht nur einen andächtigen Blick hinaus auf die weite Fläche des Waitematā Harbour und das jenseitige Ufer, sondern nutzen auch die Gelegenheit, endlich einmal wenigstens die Füße ins Wasser zu halten. Wenn man schon einmal am Pazifik steht… Der Vollständigkeit halber sei berichtet, daß es recht kalt ist – baden wollen wir also nicht nur wegen fehlender Badesachen lieber nicht. Obwohl das ohne weiteres möglich gewesen wäre, denn wir sind heute die einzigen Menschen hier. So werden wir bei unserem Tun lediglich von einer Schar Möwen beobachtet, die die beiden Besucher, die da so einfach über ihren Strand laufen, argwöhnisch beäugen.

Leider schenken wir in unserem Bestreben, den Strand zu erreichen, der kleinen Grünanlage kaum nennenswerte Beachtung. Nun, außer der bereits erwähnten Rasenfläche und den Bäumen, einem Spielplatz und einer öffentlichen Toilette hat sie dem Auge auch nicht sonderlich viel zu bieten. Meinen wir jedenfalls. So entgeht uns allerdings ein Detail, von dem ich leider erst später erfahre, das ich aber gerne gesehen hätte. Denn irgendwo im Boden dieses überschaubar großen Parks ist eine kleine Tafel eingelassen, die folgende einfache Inschrift trägt:

On this site in 1897 nothing happened.

Die Übersetzung lautet:

An dieser Stelle ist 1897 nichts passiert.

Es heißt, diese Tafel sei eines Nachts unverhofft hier aufgetaucht, also – wohl heimlich – angebracht worden. Sie sei ein Beweis für den Humor des in Devonport geborenen Terry Sheehan, der wohl für sie verantwortlich zeichnete. Sheehan, der sich einst scherzhaft zum „König von Devonport“ in der „Republik des Flaggenmasts“ erklärt hatte, war allerdings nicht einfach nur ein Witzbold.  2013 neunundsiebzigjährig verstorben, ist Sheehan bis zum heutigen Tage für seine Wohltätigkeit und sein Engagement in den Bereichen Verlagswesen, Werbung und Rugby ebenso bekannt wie für sein Talent zum Witzeerzählen. Die Tafel, sagt man, sei somit auch ein Denkmal für ihn und seinen Humor. Und dieser ist in diesem Zusammenhang durchaus hintergründig, denn der Erinnerungstext auf der Tafel, der zunächst einmal vollständig der Wahrheit entspricht, bezieht sich mit der Jahresangabe 1897 ziemlich sicher auf die Furcht der damaligen Neuseeländer vor einer Invasion der russischen Pazifikflotte, die zur Absicherung gegen den erwarteten Angriff in der Gegend um Auckland Waffen aufstellten und militärische Einrichtungen etablierten. Wir waren bereits im Albert Park darauf gestoßen, doch auch in Devonport, das schon damals ein Marinestützpunkt war, hatte man entsprechende Vorkehrungen getroffen. Passiert war dann allerdings, wie es auch die Erinnerungstafel feststellt, nichts. Wie sagt man so schön: genau mein Humor!

Die Geschichte des kleinen Devonports beginnt bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, was es zu einem der ältesten Vororte Aucklands macht. Bereits um etwa 1840 war das Gebiet der Stadt besiedelt worden, wobei man bei dieser Jahresangabe nur die Landnahme durch eingewanderte Europäer berücksichtigt. Māori-Siedlungen hatte es auf der Halbinsel, auf der Devonport sich befindet, bereits lange vorher gegeben. Zunächst gab man dem Ort den Namen Flagstaff, was auf Deutsch Flaggenmast bedeutet. Tatsächlich war zu jener Zeit auf dem nahegelegenen Berg ein solcher aufgestellt worden, der der Kommunikation mit den Schiffen im Waitematā Harbour diente. Folgerichtig nannte man den Berg zunächst einfach Flagstaff Hill, gab ihm aber noch in den 1840ern den neuen Namen Mount Victoria, zu Ehren der seit 1837 regierenden englischen Königin. 1859 benannte man dann auch den Ort um, wobei man die gleichnamige englische Stadt als Namenspatron wählte. Der erwähnte Marinestützpunkt war bereits in den Anfangstagen der Stadt westlich von ihrem Zentrum als Reede für die Schiffe der Royal Navy entstanden. Aus dieser entwickelte sich die noch heute bestehende Devonport Naval Base, die die größte Basis der Royal New Zealand Navy ist. Bis 1989 blieb der Ort selbständig. Dann wurde er Teil von North Shore City, das, wie wir bereits wissen, die einst viertgrößte Stadt Neuseelands war. Gemeinsam mit dieser wurde Devonport dann 2010 in Auckland eingemeindet. Heute ist der Ort bei den Einwohnern der Großstadt für seinen altertümlichen Charme bekannt und beliebt. Es heißt, sie kämen abends nach Feierabend gerne mit der Fähre herüber, zu einem gemütlichen Abendessen in einem der zahlreichen Restaurants und Cafés des Ortes.

Nun, von diesem Charme wollen wir uns nun höchstpersönlich überzeugen, und so überlassen wir, als wir unsere Strümpfe und Schuhe wieder an den Füßen haben, den Möwen ihren Strand wieder für sich und machen uns auf den Weg zu der in den Ort hineinführenden Straße, die wir auf unserem Weg hierher bereits bemerkt hatten.

Die Victoria Road, wie diese Straße heißt, wurde ebenfalls zu Ehren der britischen Königin, die dreiundsechzig Jahre das Oberhaupt des britischen Empires war, benannt – wie übrigens auch der Victoria Wharf, den wir schon bei unserer Ankunft in Devonport kennengelernt hatten – und kann als die Hauptstraße des Zentrums Devonports angesehen werden. Gesäumt von zahlreichen Cafés und Restaurants, die ebenso zum Verweilen einladen wie die vielen kleinen Läden, deren Angebote von Papierwaren über Schmuck und Spielzeug bis hin zu Büchern und Kleidern reichen, ist sie ein wahres Paradies für Bummler.

The Arcade in Devonport, Auckland
Ein langgestreckter historischer Bau mit nur einem Obergeschoß, in der Mitte ein bogenförmiger Eingang, in dessen Wölbung der Name der Einkaufspassage steht – das ist „The Arcade“ in der Victoria Road in Devonport.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
Creative Commons Lizenzvertrag

In dieses Paradies treten nun auch wir ein, als wir gegenüber der Windsor Reserve in einem langgestreckten Gebäude durch einen bogenförmigen Eingang hindurch eine Einkaufspassage betreten, die sich einfach „The Arcade“ nennt. In den 1870er Jahren errichtet, verbindet sie die Victoria Road mit der parallel verlaufenden Wynyard Street. Dem Gebäude mit der hellen bläulich-grauen Fassade, in dem ihr Eingang liegt, sieht man deutlich an, daß es wie die meisten Häuser in dieser Straße aus einer anderen Zeit stammt. Hohe, schmale Bogenfenster reihen sich im einzigen oberen Stockwerk nebeneinander, darüber krönt eine Balustrade die Fassade, die direkt über dem Eingang dessen Bogen wiederholt. In ihrem Inneren ist die Einkaufspassage – ganz im Gegensatz zu anderen Vertretern ihrer Art, die ich beispielsweise in den australischen Städten Sydney, Melbourne oder Adelaide kennengelernt habe – völlig unprätentiös. Sie kommt gänzlich ohne den Glanz und Glamour aus, den ich dort angetroffen habe; sicher eine direkte Folge dessen, daß Devonport niemals eine Großstadt war, sondern immer eher den Charakter eines Seebades hatte. Tatsächlich möchte ich die Arkade, die wir hier durchwandern, in ihrer inneren Ausgestaltung rustikal nennen, wirkt sie doch in ihrem hinteren Teil sogar so, als hätte man einfach einstige Hinterhöfe und Durchgänge überdacht, um eine Arkade zu schaffen. So finden wir uns unverhofft in einem Restaurant oder Café wieder, dessen Wände so aussehen, als seien es früher die aus Ziegeln erbauten Außenwände von Häusern mit spitz zulaufenden Dächern gewesen. Diese Form wird von dem Glasdach über dem Lokal aufgenommen, was den Eindruck verstärkt, das wir uns hier in einem früheren Hof befinden. Am anderen Ende der Arkade, dort, wo sie die Wynyard Street erreicht, ist es dann mit dem altertümlichen Charme allerdings ganz vorbei. Als wir dort ins Freie treten, stehen wir noch ein Stück von der Straße entfernt auf einem kleinen Parkplatz – schon wieder -, der an drei Seiten von eingeschossigen Bauten umgeben ist, die eher an provisorische Baracken erinnern als an Häuser. Kehren wir lieber wieder um.

Durch die Passage zurückgelangt zur Victoria Road, wandern wir diese weiter in Richtung Norden, dem Berg entgegen, der sich an ihrem hinteren Ende erhebt und ihr dort ein natürliches Ende zu bereiten scheint. Das muß der Mount Victoria sein. Schauen wir mal.

Auf der anderen Straßenseite, dort, wo sich hinter der in die Victoria Road einmündenden King Edward Parade der kleine, Windsor Reserve genannte Park fortsetzt und ein Flachbau die städtische Bibliothek beherbergt, schimmert unter den Blättern der Bäume etwas Knallbuntes hervor. Neugierig wechseln wir die Straßenseite, um uns das einmal anzuschauen. Als wir dort ankommen, bleiben wir zunächst kurz vor einer Statue stehen, die auf einem Sockel aus Feldsteinen steht und einen uniformierten Soldaten zeigt, der seinen Hut in der Hand trägt und ein Gewehr mit aufgepflanztem Bajonett über der Schulter hängen hat. Dieses von Francis Ennis Lynch geschaffene Denkmal erinnert, wie eine an seinem Fuße befindliche Plakette mitteilt, an die Männer aus Devonport, die im Ersten Weltkrieg ihr Leben verloren. Die Namen der Getöteten sind auf einer großen Tafel, die vorn am Sockel angebracht ist, aufgelistet. Eine weitere Sammlung von Namen ist in späterer Zeit an der Seite des Denkmals ergänzt worden. Sie führt die Namen der Einwohner Devonports auf, die der kleine Ort im Zweiten Weltkrieg verloren hat. Unwillkürlich kommt mir der Gedanke in den Sinn, daß zu hoffen bleibt, daß nicht in Zukunft eine weitere Ergänzung dieses Denkmals erforderlich sein wird und daß, sollte das doch der Fall sein, möglicherweise niemand mehr da sein wird, der diese vornehmen könnte.

Schnell schüttele ich diese düsteren Gedanken ab und wende mich einem großen Baum zu, der hinter einer ausladenden, hölzernen Bank mit steinerner Rückwand steht, die einen weiten Halbkreis formt und das Denkmal an seiner hinteren Seite förmlich umarmt. Dieser Baum, aus dessen Basis riesigen Umfangs bereits in einem Meter Höhe drei sehr dicke Stämme herauswachsen, ist in einen bunten Flickenteppich eingehüllt, der bis in eine Höhe von wenigstens zwei Metern, wenn nicht mehr, hinaufreicht und somit sowohl die Basis als auch die drei Stämme jeweils einzeln umhüllt. Flickenteppich ist dabei keineswegs despektierlich gemeint, sondern soll lediglich die Art der Umhüllung illustrieren, die wahrlich aus vielen einzelnen, unterschiedlich großen Flicken in allen möglichen Farben und Mustern zusammengesetzt ist. Alle sind gestrickt oder gehäkelt. Hier sind bunte Blumen zu sehen, dort scheinen Wellen hin und her zu schwappen. An einer Seite blickt mich eine rote Maske an, deren Nase und – sind das Stoßzähne? – sogar aus ihr herausragen. Dreidimensionale Strickkunst sozusagen. Hier bunte Sterne, vielleicht Seesterne, kleine Häuser und Blumen, dort schrille farbige Streifen. Und an einer Seite steht sogar etwas – „tearoha“ entziffere ich. Damit kann ich gerade nichts anfangen, werde aber später herausfinden, daß Te Aroha der Name eines Berges und auch eines Ortes ist, die sich nicht allzuweit von Auckland entfernt befinden. Das müssen aber fleißige Stricklieseln gewesen sein, die diese wunderhübsche Baumumhüllung zusammengestellt haben; die Strickfranzeln natürlich nicht zu vergessen, die es möglicherweise auch gegeben haben mag. Während ich mir dieses farbenprächtige Zeugnis leidenschaftlicher Handarbeitskunst recht verwundert anschaue, versuche ich, hinter den Sinn, der sich darin verbergen mag, zu kommen, was mir zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht so recht gelingt. Tatsächlich, so lerne ich bei meinen späteren Recherchen, hat sich Derartiges weltweit zu einem gewissen Trend entwickelt, der mit Urban Knitting bezeichnet wird, was man mit „Städtischem Stricken“ nur unzureichend ins Deutsche übersetzen kann. Eine andere Bezeichnung ist Guerilla Knitting – „Guerilla-Stricken“. Dabei geht es wohl darum, Gegenstände, die sich im öffentlichen Raum befinden, durch Stricken so zu verändern, daß sie aus ihrer Unscheinbarkeit heraustreten und auffallen. Das kann durch das Anbringen gestrickter Accessoires geschehen oder aber auch – wie hier – bis zum Einstricken ganzer Stadtmöbel reichen. Und Bäume, möchte ich angesichts unserer Entdeckung hier in Devonport ergänzen. Was es nicht alles gibt…

Baumschmuck in der Windsor Reserve in Devonport, Auckland
Ein wahrlich meisterhaftes Beispiel für Urban Knitting finden wir in Devonport.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
Creative Commons Lizenzvertrag

Wir wandern weiter die Victoria Road entlang, wobei wir auf der rechten Straßenseite bleiben. Am Ende des Parks überqueren wir eine weitere Straße, die den Namen Flagstaff Terrace trägt – geschichtsbewußt scheint man ja hier zu sein -, dann beginnt auch auf unserer Seite der Victoria Road die Bebauung. Hinter einem unspektakulären modernen Flachbau weckt gleich das zweite Haus mein Interesse. In einem knalligen Gelb gehalten, das im Licht der hell strahlenden Sonne vielleicht noch stärker leuchtet als sonst, fällt es dem vorüberschlendernden Passanten zwangsläufig ins Auge. Architektonisch ist es eher schlicht. Ein quaderförmiger Bau mit einem Obergeschoß, der Eingang ganz links, die Fenster rechteckig und aus mehreren kleinen, ebenfalls rechteckigen Scheiben zusammengesetzt, die durch Leisten miteinander verbunden werden. Von weitem sieht es aus, als wären die Fenster mit Querstreben vergittert. Das ist durchaus kein Zufall, denn dieses Querstrebenmotiv setzt sich im Mauerwerk links und rechts der Fenster direkt fort. In der Mitte, zwischen dem Erd- und dem Obergeschoß, ist das Gebäude mit einer Art Sims versehen, der – so mittig, wie er angeordnet ist – wie eine Banderole wirkt, die das Haus umhüllt. In der Mitte dieses Simses ist an der Vorderseite in großen Buchstaben „POST OFFICE“ zu lesen. Insgesamt wirkt das Gebäude recht nüchtern. Einziger Schmuck sind ein in die Fassade eingelassenes Wappen über der Eingangstür, zwei Fahnenmasten, die links und rechts über dem Dach in die Höhe ragen, an denen jedoch keine Flagge im Winde flattert, sowie ein in der Mitte auf das Obergeschoß aufgesetzter, achteckiger Minipavillon, der mir jedoch nicht so recht dorthin zu passen scheint, wirkt er doch viel zu verspielt, um mit der sonstigen Nüchternheit des Baus zu korrespondieren.

Das frühere Postamt von Devonport, Auckland
Das alte Postamt in der Victoria Road in Devonport nimmt heute niemandem mehr Pakete ab. Es ist eine Einkaufspassage.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
Creative Commons Lizenzvertrag

Errichtet wurde das Haus 1938. Daß es ein Gebäude aus Stahlbeton ist, sieht man zwar nicht auf den ersten Blick, erklärt mir aber den nüchternen Eindruck, den es mir vermittelt. Natürlich gab es zu jener Zeit schon ein Postamt in Devonport. Dieses befand sich in einem älteren Gebäude auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Daß man trotzdem ein neues baute, geht auf ein landesweites Bauprogramm zur Errichtung neuer Postämter zurück, das die erste Labour-Regierung Neuseelands ins Leben gerufen hatte und das Bestandteil eines sogenannten Expansionsprogramms war. Dessen Zweck bestand darin, die Umsetzung der großen Sozialreformen nach der Großen Depression zu unterstützen. Den Entwurf lieferte der Architekt Norman Wade, der sich des Baustils der sogenannten Stromlinienmoderne bediente. Davon hatte ich vor diesem alten Postamt und meiner Beschäftigung mit seiner Geschichte noch nie etwas gehört. Reisen bildet eben tatsächlich.

Im Inneren, so lese ich, besaß das Postamt im Erdgeschoß eine zur Victoria Road gelegene Hauptvorhalle, einen großen öffentlichen Raum, ein Arbeitszimmer für den örtlichen Postmeister und eine geräumige Poststelle. In der oberen Etage hatte der Postmeister eine Wohnung für sich und seine Familie. Ein Gebäude ganz im Dienste der neuseeländischen Post also. Und dennoch können wir hier keine Briefmarken mehr kaufen, denn bereits im Jahr 1991 hatte man dieses Postamt aufgegeben. Stattdessen kam nun ein privates Museum hier unter: Jackson’s Muzeum of Automobilia, Sounds, Victoriana and Collectables. Hier wurden also in erster Linie Sammlerstücke präsentiert – solche, die im Zusammenhang mit Automobilen standen, Erinnerungsstücke aus viktorianischer Zeit und überhaupt alles, was sich irgendwie sammeln ließ. Im Unklaren bin ich mir allerdings darüber, was man wohl in Verbindung mit Sounds ausgestellt haben mag. Klänge? Vielleicht alte Schallplatten? Wie auch immer, wenn das Museum auch nur halb so interessant war wie sein Name lang, dann war es bestimmt großartig. Im Zuge seiner Einrichtung wurde übrigens erst jetzt der kleine Pavillon auf der Vorderfront errichtet, was den etwas fremdartigen Eindruck erklärt, den er dort hinterläßt. Als wir nun vor dem Gebäude stehen, gibt es das Museum allerdings auch schon wieder nicht mehr. 2008 hatte man aus dem alten Postgebäude eine Einkaufspassage gemacht. Kommerz schlägt Kultur.

Ein Haus weiter stoßen wir gleich auf eine weitere, ebenso ehemalige Einrichtung des öffentlichen beziehungsweise geschäftlichen Lebens einer Stadt. Im Gegensatz zum Posthaus hebt sich hier die Frontseite architektonisch deutlich vom Rest des Gebäudes ab. Mit ihren vier Pilastern, die oben in mit Voluten versehenen Kapitellen enden, über denen ein Architrav angedeutet ist, folgt diese Fassade klassizistischen Architekturelementen. Schaut man jedoch nicht nur von vorn auf das Gebäude, sondern wirft einen Blick auf dessen Seiten, stellt man fest, daß es sich lediglich um eine Scheinfassade handelt. Bereits in zwei Metern Tiefe wechseln plötzlich Farbe und Höhe des Gebäudes. Vorn in dunklem Grüngrau gehalten, ist das Gebäude im hinteren Teil weiß getüncht, ohne jeden architektonischen Schmuck. Auch die Höhe gibt gut einen Meter nach. Tatsächlich ist dieses vom Architektenbüro Edward Mahoney and Son entworfene und in den Jahren 1925/26 errichtete Gebäude ein einfacher Ziegelbau, dessen Frontseite mit aufwendig gestaltetem Putz geschmückt ist. Will man wissen, für wen man sich denn eigentlich diese Mühe gemacht hat, das Gebäude mit einer solchen Scheinfassade auszustatten, muß man nur einen Blick auf den Architrav werfen. Dort steht heute noch deutlich zu lesen:

BANK OF NEW ZEALAND

Die frühere Filiale der Bank of New Zealand in Devonport, Auckland
Ein Pub mit der Aufschrift „Bank of New Zealand“ – für den zufällig vorbeikommenden Touristen verwirrend, doch wenn man die Geschichte des Hauses kennt, versteht man den Zusammenhang.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
Creative Commons Lizenzvertrag

Eine Bank also. Nun, das Bankgewerbe dürfte sich in den 1920er Jahren eines gewissen Wohlstands erfreut haben. Da muß es auch nicht verwundern, daß man diesen Aufwand bereits für eine Bankfiliale betrieben hat. Denn um eine solche handelt es sich bei dem Gebäude, das wir uns gerade ansehen. Die Bank of New Zealand hatte im Jahre 1925 einen Pachtvertrag für das Grundstück erhalten, was aber an die Bedingung geknüpft war, daß sie darauf ein großes Gebäude errichtete, daß für Bankzwecke genutzt würde. So entstand dieses im klassizistischen Stil verputzte Ziegelsteingebäude, das im vorderen Teil des Erdgeschosses die Bankräume beherbergte, während im hinteren Teil und im ersten Stock die Wohnung des örtlichen Geschäftsführers untergebracht war. Die Bankfiliale hatte in dem Gebäude bis 1975 Bestand, dann zog sie an einen anderen Ort in der Straße um. Seitdem wurde das Gebäude als Restaurant und als Bar genutzt. Daß es einst eine Bank war, sieht man daher heute nur noch an der bereits erwähnten Aufschrift an der Frontseite.

Wir wandern weiter die Victoria Road entlang und betrachten die Häuser links und rechts der Straße. Hier und da hat sich auch einmal ein Gebäude neueren Datums zu den älteren Bauten hinzugesellt. Erfreulich ist, daß man dies hier nur dann zu erlauben scheint, wenn sich die Neuankömmlinge in Höhe und Stil ihrem Umfeld anpassen. Jedenfalls begegnen uns keine gröberen Bausünden, die den Charme, den Devonport – zumindest in seiner Hauptstraße – ausstrahlt, stören oder gar zerstören würden.

Nach einer Weile und dem Überschreiten einer weiteren Querstraße kommen wir schließlich an ein Gebäude, das seine Kollegen in der Victoria Road dann doch deutlich überragt. Ganz offensichtlich handelt es sich jedoch nicht um einen Bau aus heutiger Zeit. Die Art-déco-Fassade deutet vielmehr auf eine viel frühere Entstehungszeit hin. Wie bei vielen Gebäuden in den Geschäftsstraßen Aucklands und damit auch Devonports wird der Gehweg von einem über dem Erdgeschoß angebrachten Vordach überschattet, das am Haupteingang auf der linken Seite des Hauses eine leichte Wölbung besitzt. Diese wird von dem daran befindlichen Schriftzug nachgeahmt. Wir lesen:

Victoria Picture Palace / Theatre

Abgesehen davon, daß man sich nicht ganz sicher zu sein scheint, ob das Gebäude nun eher ein Filmpalast oder ein Filmtheater sein soll, treffen wir hier erneut auf die große Königin als Namenspatronin. Victoria Wharf, Mount Victoria, Victoria Road und nun der Victoria Picture Palace oder das Victoria Picture Theatre – die Verehrung für die englische Monarchin scheint hier wahrlich grenzenlos zu sein. Ich wage die Vermutung, wir werden in diesem Ort nicht zum letzten Mal auf ihren Namen gestoßen sein.

Der Victoria Picture Palace in Devonport, Auckland
Victoria Picture Palace oder Victoria Picture Theatre – das ist hier die Frage. Im besten Falle einfach beides.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
Creative Commons Lizenzvertrag

Erbaut hat das Filmtheater der Amerikaner John Leon Benwell im Jahre 1912 – also noch in der Stummfilmzeit. 965 Plätze hat es damals gehabt – eine stolze Anzahl, wenn man bedenkt, daß Devonport zu jener Zeit noch ein selbständiger und nicht gerade großer Ort war. Seitdem hat dieses Gebäude, sieht man einmal von notwendigen Phasen der Renovierung ab, ununterbrochen genau dem Zweck gedient, zu dem es errichtet worden war: Filmtheater zu sein. Es ist damit das älteste noch existierende und betriebene Kino der südlichen Hemisphäre. Eine der erwähnten Renovierungs- bzw. Umbauphasen fand im Jahr 1929 statt, während der man das Kino äußerlich im Art-déco-Stil umgestaltete und inwendig zu einem modernen Kino für die Aufführung von Tonfilmen aufrüstete. Als kurz nach der Jahrtausendwende, im Jahre 2001, die Schließung und darauffolgende Umwandlung in ein Apartmenthaus drohten, setzten sich lokale Bürgerinitiativen für den Erhalt des Kinos ein und erreichten fünf Jahre später, daß es vom Stadtrat von North Shore City erworben wurde und seine Bestimmung als Filmtheater behielt.

Kurz hinter dem Kino haben wir den Punkt erreicht, den wir aus der Ferne für das Ende der Straße und den Beginn des Berges gehalten hatten. Jetzt, wo wir hier angekommen sind, ist dieser allerdings immer noch ein Stück entfernt, auch wenn das Gelände bereits anzusteigen beginnt. Die Victoria Road ist folglich hier auch nicht zu Ende, sondern beschreibt stattdessen eine weite Kurve nach links, um den Berg zu umgehen. Geradeaus führt nun lediglich eine schmale Straße weiter, die allerdings eine gewisse Steigung aufweist. An ihrem Beginn entdecken wir ein Schild, daß eine kleine Karte des vor uns liegenden Geländes zeigt und darüber verkündet:

Mount
Victoria

Wir haben also tatsächlich den nach der Königin benannten Berg vor uns. Dieser ist, wie sollte es in Auckland auch anders sein, ein weiterer Vulkan des Auckland Volcanic Fields. 87 Meter ist er hoch. Die Māori, die einst auf seinem Hang siedelten und von deren Dorf sich noch einige Reste von Erdbefestigungen erhalten haben, nennen den Berg Takarunga, was „Hügel, der oben steht“ bedeutet.

Weil die sich abwendende Victoria Road nun in ein reines Wohngebiet zu führen scheint und uns die Aussicht vom Gipfel des Berges mehr interessiert, beginnen wir kurz entschlossen mit dem Aufstieg. Nun, das klingt gewaltiger, als es ist. Zunächst wandern wir die schmale Straße entlang, die sich wohl noch keinen eigenen Namen verdient hat, wobei wir eher gemächlich bergauf zu gehen haben. Es folgt eine Rechtskurve, hinter der es weiter hinaufgeht, bis wir nach wenigen Schritten schließlich an einem Gatter stehen, das die Straße für Autos absperrt – zumindest, soweit es den allgemeinen Publikumsverkehr betrifft. Für uns Fußgänger ist es natürlich ein Leichtes, darum herumzugehen, und so folgen wir der Straße weiter den Berg hinauf.

Es geht nun erst in eine Linkskurve und dann weiter gemächlich in die Höhe. Wieder sind wir nur einige Meter gegangen, als wir links neben der Straße ein großes einstöckiges Gebäude mit Spitzdach entdecken. Es scheint ein hübsches Wohnhaus zu sein, ganz aus Holz errichtet, mit einer um die uns zugewandte Ecke herumlaufenden Veranda. Ein Schornstein verspricht einen Kamin im Inneren des Hauses, was mich sofort an heimelige Abende am flackernden Kaminfeuer denken läßt. In einem Schaukasten an der Straße bemerke ich drei große Tafeln mit Texten und Fotos, auf deren einem ich das Gebäude wiederzuerkennen glaube. Neugierig trete ich näher. Was mag wohl an einem einfachen Wohnhaus an einem Berghang so besonders sein, daß man dazu derart viel Information aushängen muß?

Die mittlere der drei Tafeln klärt mich darüber auf, daß es sich bei dem Haus mitnichten lediglich um irgendein Domizil irgendeiner Familie handelt. Was ich hier vor mir habe, ist das sogenannte Signalman’s House – das Haus des Signalmanns. Neugierig lese ich weiter und bekomme gleich noch eine Lektion in Devonports Geschichte.

Es war im Jahre 1842, als man auf dem Gipfel des Berges, an dem das Gebäude steht, eine Signalstation zur Kommunikation mit den Schiffen im Waitematā Harbour einrichtete, deren wichtigstes Utensil ein Flaggenmast war. Nun, das weiß ich schon. Dieser Mast war ja zunächst auch der Namensgeber für den Berg und den Ort zu seinen Füßen gewesen. Von dort oben, heißt es weiter, hatte man nicht nur einen weiten Blick auf den Naturhafen, sondern auch auf den Hauraki-Golf, denn Devonport und der Mount Victoria liegen auf einer Halbinsel zwischen beiden. Somit war der Berg der ideale Standort für eine solche Signalanlage. Und diese war für die Einwohner und insbesondere die Kaufleute Devonports, aber auch Aucklands von immenser Bedeutung. Zu jener Zeit konnte es, wenn ein einlaufendes Schiff das erste Mal gesichtet wurde, schon einmal drei Tage dauern, bis es in Auckland auch tatsächlich ankam. Heute ist das kaum noch vorstellbar.

Natürlich mußte eine solche Signalstation auch betreut und gewartet werden. Diese Aufgabe übernahmen sogenannte Signalmen – Signalmänner. Zunächst lebten diese lediglich in einem Zelt oder einer einfachen Reethütte auf dem Gipfel. Doch weil das auf Dauer nicht als angemessene Unterbringung durchgehen konnte, baute man schließlich in der Nähe des Gipfels für sie ein festes Haus, für das sich die Bezeichnung „Signalman’s House“ einbürgerte. 1898 mußte der amtierende Signalmann dann umziehen, Man errichtete ihm ein neues Haus, das weiter unten am Hang plaziert wurde. Dieses vom Architekten Edward Bartley entworfene Wohnhaus – Bartley war übrigens ein Einwohner Devonports – sehen wir heute vor uns.

Signalman's House am Mount Victoria in Devonport, Auckland
Ein idyllisches Wohnhaus am Hang des Mount Victoria – das alte Signalman’s House, in dem heute das Michael King Writers‘ Centre untergebracht ist.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
Creative Commons Lizenzvertrag

1930 legte man die Signalstation schließlich aus wirtschaftlichen Erwägungen still. Der letzte Signalmann durfte mit seiner Frau allerdings weiterhin in dem Haus wohnen bleiben. Nachdem er 1943 verstorben war, lebte seine Witwe noch bis 1968 darin. Danach übernahm die Stadt das Haus.

Wie mir nun die erste Tafel erläutert, wurde im Jahre 2004 das Michael King Writers‘ Centre ins Leben gerufen und erhielt das Signalman’s House von der Stadt North Shore City, die es nach der Eingemeindung Devonports nun besaß, langfristig zur Verfügung gestellt. Auf der Tafel lese ich:

The Michael King Writers‘ Centre is the first full writers‘ facility and literary centre in New Zealand.

The national facility aims to support writers and to promote all aspects of New Zealand literature, both fiction and non-fiction.

Übersetzt heißt das:

Das Michael King Writers‘ Centre ist die erste umfassende Einrichtung für Schriftsteller und ein Literaturzentrum in Neuseeland.

Ziel dieser nationalen Einrichtung ist es, Schriftsteller zu unterstützen und alle Aspekte der neuseeländischen Literatur, sowohl der Belletristik als auch der Sachliteratur, zu fördern.

Klingt ehrgeizig. Doch unwillkürlich drängt sich mir die Frage auf, was ein solches Zentrum wohl mit diesem Wohnhaus anfängt. Darauf liefert mir der Text sogleich die Antwort. Das Zentrum stellt dieses Haus jedes Jahr Schriftstellern zur Verfügung, die es für die Arbeit an einem ganz konkreten Projekt als Gäste nutzen können. So eine Art Schriftsteller in Residence also. Extra dafür hat man das Haus 2006 einer umfassenden Renovierung unterzogen. Nun gibt es hier zwei Schlafzimmer mit jeweils eigenem Bad, ein separates Arbeitsstudio für den Gastautor sowie einen Aufenthaltsraum und einen Verwaltungsraum. Diese stehen für literarische Veranstaltungen zur Verfügung, während das zweite Schlafzimmer für kurzfristige Aufenthalte  an Schriftsteller oder aber als Arbeitsraum vermietet werden kann. Für aufstrebende Schriftsteller ist das bestimmt eine großartige Unterstützung, zumal sie, wenn sie und ihr Projekt ausgewählt werden, die Unterkunft kostenlos und überdies ein Stipendium erhalten.

Natürlich wäre es nun auch interessant zu wissen, wer denn nun eigentlich Michael King ist oder war, nach dem dieses Zentrum benannt ist. Natürlich hat man mit diesem meinem Interesse gerechnet und extra dafür die dritte Tafel in den Schaukasten gehängt. Sie verrät mir, daß Michael King 1945 geboren wurde und einer der bedeutendsten Biographen und Historiker Neuseelands war, dessen großer Beitrag zur schriftlichen Geschichte Neuseelands darin bestand, sie zugänglich gemacht zu haben. Er schrieb Biographien über führende Māori und bedeutende Pakeha-Schriftsteller und wird insbesondere von den Nachfahren der Moriori dafür verehrt, daß er die Geschichte dieser Volksgruppe von den Chatham-Inseln erforscht und aufgeschrieben hat. Als Schriftsteller, der sich nach erfolgreicher Karriere in Wissenschaft und Journalismus 1976 entschieden hatte, das Schreiben zu seinem Hauptberuf zu machen, wußte er aus eigener Erfahrung, wie schwer es unter Umständen sein konnte, von dieser Tätigkeit leben zu müssen. Aus diesem Grunde befürwortete er stets die Idee eines Zentrums, das neuseeländische Schriftsteller unterstützen sollte. Als er im Jahre 2004 zusammen mit seiner Frau bei einem Autofall ums Leben kam, setzten einige seiner Freunde und literarischen Weggefährten diese Idee in die Tat um und riefen das Writers‘ Centre ins Leben, dem sie ihm zu Ehren seinen Namen verliehen.

Ich bin beeindruckt. Dieses Zentrum und sein ehrgeiziges Projekt nötigen mir Respekt ab. Während auf staatlicher Seite heutzutage oft genug Mittel zur Förderung von Kunst und Kultur zusammengestrichen werden, leistet man hier – auf hauptsächlich privater Ebene, denn das Zentrum wird durch einen Förderverein geführt – echte kulturelle Unterstützung und trägt zu ihrer Förderung bei, wobei allerdings nicht unerwähnt bleiben soll, daß die Städte North Shore City und heute Auckland dazu einen gewichtigen Beitrag leisten, indem sie das historische Signalman’s House zur Verfügung stellen. Was man so alles finden und lernen kann, wenn man doch eigentlich nur einen Berg hinaufsteigen will…

Dieser Beschäftigung wenden wir uns nun aber wieder zu und setzen unseren Weg fort. Weit müssen wir nicht mehr gehen, da sehen wir den Gipfel schon ganz nah vor uns, sind aber beständig im Schatten von Bäumen unterwegs, so daß sich die Aussicht sehr in Grenzen hält. Schließlich macht die Straße eine Biegung nach rechts und geht kurz danach in eine Kehre. An deren Scheitelpunkt führt ein Weg – eigentlich ist es eher ein Trampelpfad – geradeaus weiter.  Wir sind ihn nur ein paar Meter gegangen, da führt er aus dem Schatten heraus und wir finden uns auf einem baumlosen Abschnitt des Berghanges wieder. Von hier aus haben wir eine uneingeschränkte Sicht nach Osten. Zu unseren Füßen reihen sich die Häuser von Devonport aneinander, rechts dehnt sich der Waitematā Harbour, links der Rangitoto Channel, der bereits Teil des Hauraki-Golfes ist. Dort, wo beide schließlich zusammentreffen, erhebt sich ein weiterer, doch nicht ganz so hoher Berg, der die Spitze der Halbinsel markiert, auf der sich Devonport befindet: der North Head oder Nordkopf. Die Māori nennen diesen Berg Maungauika – Berg von Uika.

Ein wahrlich schöner Blick. Und doch ist er rein gar nichts im Vergleich zu der Aussicht, die sich uns bietet, als wir den Berghang ein wenig höher steigen. Noch immer stehen wir hier knapp unter dem baumlosen Gipfel, doch können wir nun schon über die Kronen der Bäume hinwegsehen, unter denen wir auf der Straße eben noch entlanggewandert waren. Was sich uns nun darbietet, ist ein sagenhaftes 180-Grad-Panorama. Ganz links, im Nordosten, blinkt die weite Wasserfläche des Hauraki-Golfs im Sonnenlicht. Über den Rangitoto Channel, der die gleichnamige Insel von uns trennt, wandert unser Auge zum North Head, den wir von weiter unten schon erblickt hatten. Doch nun schweifen wir weiter über den großen Waitematā Harbour, dessen jenseitiges Ufer das Stadtgebiet Aucklands einnimmt. Gegenüber dem North Head liegt der Bastion Point, an den sich die Hobson Bay anschließt, auf die der Hafen von Auckland folgt. Und an dessen Ende erkennen wir im Südwesten dann die uns nun bereits wohlbekannte Skyline der Innenstadt Aucklands, aus der der Sky Tower wie eine Nadel heraussticht. Direkt zu Füßen des Berges, auf dem wir stehen, breitet sich Devonport aus, das, wie wir nun feststellen, sehr viel größer ist, als wir dachten. Wir erkennen die Victoria Road, über die wir hergekommen sind und die nun, von hier aus betrachtet, vom Berg zum Fähranleger führt, vor dem wir rechts die grünen Baumwipfel des kleinen Parks namens Windsor Reserve erblicken. Minutenlang stehen wir nur schweigend da und schauen und schauen und schauen…

Ein Auckland-Panorama vom Mount Victoria
Dieses wundervolle 180-Grad-Panorama von Auckland bietet sich dem Betrachter auf dem Mount Victoria. Es ist zu klein? Klicken Sie hier!
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
Creative Commons Lizenzvertrag

Es ist ein Anblick, von dem sich abzuwenden wahrlich schwer fällt. Das blaue Wasser des Meeres, auf dem sich winzig kleine, weiße Segelboote tummeln und ebenso weiße Schnellboote, deren vermutlich dröhnendes Motorengebrumm wir hier oben nicht mehr hören können, lautlos ihre schaumgekrönte Bahn ziehen, dehnt sich unter einem Himmel, dessen Blau schon fast unwirklich scheint. Abgesehen von einer kleinen Ansammlung, die sich genau im Osten über dem Horizont plaziert hat, ist keine Wolke am Firmament zu sehen. Wir sind genau zur richtigen Zeit hier oben, um dieses prachtvolle Panorama zu bestaunen, denn die Sonne nähert sich nun langsam dem Ende ihres Tageslaufs und steht hinter uns im Westen, so daß sie die sich vor uns ausbreitende Szenerie beleuchtet, ohne uns zu blenden.

Schließlich gelingt es uns aber doch, uns von dem Anblick loszureißen, und wir steigen die letzten Meter den Berghang hinauf, um den Gipfel zu erreichen. Dort angekommen, stehen wir auf einem grasbewachsenen Plateau, das, großzügig betrachtet, eine Dreiecksform hat. An seiner westlichen Seite windet sich die Straße, die wir vorhin verlassen hatten, herauf und endet hier in einem kleinen Parkplatz. Von diesem führt ein schmaler, befestigter Weg zu einem Gebäude, das auf seiner Ostseite an die Kommandobrücke eines Schiffes erinnert, während es vor allem durch die große Anzahl aller Arten von Antennen auf seinem Dach auffällt. Offenbar ist es von einiger Wichtigkeit, denn das quadratische Grundstück, auf dem es sich befindet, ist von einem hohen, sehr massiv wirkenden Metallzaun umgeben. Tatsächlich ist dieses Bauwerk der moderne Nachfahre der einstigen Signalstation. Als sich die Technik weiterentwickelte, hatte man 1954 einen neuen Signalturm auf dem Gipfel errichtet, der später um eine Radaranlage ergänzt wurde. Seit dem Jahr 2000 ist die Signalstation vollständig automatisiert, was erklärt, warum wir an und in dem Gebäude keine Menschenseele erblicken können. Ansonsten ist das Plateau weitgehend eine grüne Wiese. Mit zwei Ausnahmen.

Die erste besteht darin, daß hier und da kleine Kästen oder Sockel aus dem Boden ragen, die aus solidem Beton bestehen und deren Zweck uns zunächst nicht so recht klar ist. Diese werden an der nördlichen Ecke des dreieckigen Plateaus durch drei Reihen von übergroßen metallenen Fliegenpilzen ergänzt, deren Sinn sich uns auch nicht so recht erschließen will. Verwundert blicken wir auf diese merkwürdige Ansammlung über das Plateau verteilter Aufbauten und sind einigermaßen ratlos. Was soll das?

Auf dem Mount Victoria
Fliegenpilze auf dem Mount Victoria? Was da wohl daruntersteckt?
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
Creative Commons Lizenzvertrag

Vorerst finden wir darauf keine Antwort. Wir wenden uns daher der zweiten der beiden Ausnahmen zu. Diese besteht in einem befestigten Kreisrund, in dessen Mitte eine große Vertiefung besteht. Was sich darin befindet, läßt sich von hier oben nicht feststellen. Wir entdecken jedoch einen Zugangsweg, der von dem kleinen Parkplatz zu diesem Kreis hinführt, sich dabei jedoch kontinuierlich absenkt, so daß er schließlich am Boden der Grube endet. Was wir dort vorfinden, ist einerseits unerwartet und andererseits auch wieder nicht.

Vor uns steht: eine riesige Kanone! Massiv, stählern, nietenbesetzt, schwer und unverrückbar. Ein wahres Monstrum, das ich so hier nicht erwartet habe, hatte es doch bei unserem Aufstieg zum Mount Victoria keinerlei Anzeichen für militärische Anlagen gegeben. Andererseits ist mir ja bereits bekannt, daß Devonport seit seinen Anfangstagen ein Marinestützpunkt war. Da ist schon damit zu rechnen, daß man nicht darauf verzichtet haben würde, im Laufe der Zeit auch den Berg für Waffenstellungen zu nutzen. So stehe ich nun also vor diesem gewaltigen Metallrohr auf seiner riesigen stählernen Lafette, das hier am Boden dieser Grube aufgestellt wurde, die so tief ist, daß es trotz seiner Größe vollständig darin verschwindet. Das erscheint mir nicht sehr zweckmäßig, wenn man doch sicher vorhatte, damit zu schießen. Worin besteht hier also der Trick?

Das verrät mir eine Tafel, die sich am Eingang zu der Grube befindet. Sie erzählt die Geschichte des Forts Victoria. Natürlich, wie sonst hätte diese militärische Einrichtung hier auch heißen können. Zunächst erfahre ich, daß der Mount Victoria bereits von den Māori zu Verteidigungszwecken befestigt wurde, lange bevor die Europäer in diesem Gebiet eintrafen, daß ihre vergleichsweise primitiven Verteidigungsanlagen, als dies im 19. Jahrhundert dann geschah, jedoch längst Geschichte waren. Als sich gegen Ende des Jahrhunderts dann die Russenangst in der jungen Kolonie breitmachte, begann man 1885 damit, erste Küstenbefestigungen auf dem Berg zu errichten. Dazu schleppte man zunächst einfach ein paar Schiffskanonen hier hinauf, die man an der Nordseite aufstellte. Ergänzt um eine Brüstungsmauer für Musketiere bildete sie die Anfänge des Forts Victoria. Bereits acht Jahre später galten die Kanonen nur mehr als „Salutbatterie“. 1904 erklärte man sie endgültig für veraltet und räumte sie nach und nach ab. Die letzten beiden verbrachte man dann 1911 in den kleinen Park namens Windsor Reserve an der Küste von Devonport. Dort hatten wir sie jedoch nicht bemerkt. Allerdings waren sie uns nicht auch einfach entgangen, sondern sie werden heute im Marinestützpunkt Devonport aufbewahrt.

Kanone im Fort Victoria in Devonport, Auckland
Am Grunde einer Grube auf dem Mount Victoria verdämmert eine riesige Kanone die Tage. Das ist auch besser so.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
Creative Commons Lizenzvertrag

Die riesige Kanone, die wir gerade eingehend betrachtet hatten, wird auf der Tafel auch beschrieben. Es handelt sich um ein Acht-Zoll-Geschütz, das einst auf dem North Head gelagert wurde. 1898 stellte man es auf Fort Victoria auf, da man sich durch die größere Höhe des Berges versprach, daß die Kanone von hier aus sowohl den inneren als auch den äußeren Teil des Waitematā Harbours schützen konnte. Möglicherweise war das der Grund, warum der Signalmann in jenem Jahr vom Berggipfel hinab an den Hang umziehen mußte. An der Grube, in der das Geschütz heute steht, baute man ein ganzes Jahr. Doch wozu hob man sie aus? Was hat diese große Waffe hier unten verloren? Nun, bei dieser Kanone handelt es sich um ein sogenanntes „disappearing gun“ – eine dank Verschwindlafette versenkbare Kanone. Diese brachte nach dem Schuß das Geschütz in die Vertiefung hinab, wo die Bedienungsmannschaften besser vor direktem Beschuß geschützt waren. Diese Kanone ist eine der letzten dieser Art, die es auf der Welt noch gibt.

Bereits in den Anfangstagen des Forts entstanden auch erste unterirdische Bunkeranlagen, die später immer wieder einmal ausgebaut wurden. Dies erklärt uns sowohl die merkwürdigen Betonaufbauten als auch die Fliegenpilze, die wir zuvor auf dem Gipfel so verwundert bestaunt hatten. Bei letzteren handelt es sich um Abdeckungen von Lüftungsschächten. Als Studenten in den 1980er Jahren einen Ulk veranstalteten und diese Kappen als Fliegenpilze anmalten, fand das bei den Besuchern des Berges schnell Anklang, so daß man sich entschied, diese Verzierung beizubehalten.

Während das Fort Victoria im Ersten Weltkrieg keine Rolle spielte und anschließend für einige Zeit zur Lagerung von Munition genutzt wurde, befand man das in den 1930er Jahren für zu unsicher und verfüllte das alte Fort mit Schlacke. Doch schon im Zweiten Weltkrieg reaktivierte man es wieder, stellte ein Flugabwehrgeschütz mit einem Beobachtungsposten auf und grub einige Bunker-Kammern aus, um darin Wohnungen für die Besatzung einzurichten. Nach dem Ende des Krieges wurde das Fort endgültig überflüssig, so daß man es wieder stillegte. Zu Beginn des neuen Jahrtausends unternahm man eine umfassende Restaurierung, so daß das Fort heute der Öffentlichkeit zugänglich ist. Einer der Bunker wird vom Devonport Folk Club als Spielstätte genutzt, was zeigt, daß man selbst aus destruktiven militärischen Einrichtungen Orte der Kultur machen kann.

Wir wandern nun die vom Parkplatz ausgehende und sich den Berg hinabwindende Straße wieder abwärts, wobei wir an der Westseite des Mount Victoria noch einmal die phänomenale Aussicht auf den Central Business District genießen, die hier den inneren Waitematā Harbour und die Auckland Harbour Bridge einschließt. Als wir schließlich die Stelle erreichen, wo wir bei unserem Aufstieg die Straße verlassen hatten, fällt mir am Berghang ein merkwürdiger Stein ins Auge, den ich zuvor offenbar übersehen hatte, weil mein Blick angesichts des weiten Panoramas nur in die Ferne gerichtet war. Neugierig gehe ich darauf zu. Als ich näherkomme, entpuppt sich der Stein, an dem ich von weitem ein Gesicht wahrgenommen zu haben glaubte, tatsächlich als die steinerne Skulptur eines Gnomes, der da vor mir im Gras zu hocken scheint und ein recht verkniffenes Gesicht zieht. Ob er mit irgendetwas unzufrieden ist? Doch was sollte das sein, wo doch das Wetter heute gar nicht besser sein könnte und dies der ideale Tag ist, um am Berghang im Gras zu sitzen und sich die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen? Vielleicht stören ihn ja die vielen Besucher, wie ich einer bin, die hier stets und ständig an ihm vorüberziehen und seinen schönen Berg bevölkern…

Die "Anx"-Skulptur auf dem Mount Victoria in Devonport, Auckland
Am Hang des Mount Victoria kann man unverhofft dem Anx begegnen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
Creative Commons Lizenzvertrag

Tatsächlich wird es später nicht ganz einfach sein herauszubekommen, was diese Skulptur genau darstellen soll. Nach einigem Suchen werde ich schließlich in einer alten Ausgabe des „Devonport Flagstaff“[2]The Devonport Flagstaff vom 12. Februar 2016, Seite 31. Wer aktuelle Ausgaben dieser Zeitung sucht, wird auf ihrer Homepage fündig. – ja, Devonport hat eine eigene Zeitung und wie sonst sollte sie wohl heißen? – auf einen Hinweis stoßen. Viele Besucher, heißt es, halten sie für eine Māori-„Schnitzerei“. Damit liegen sie allerdings völlig falsch. Die „Anx“ genannte Steinskulptur, die eine ganz offensichtlich stark überzeichnete Mannsperson zeigt, wurde von Allan Williams geschaffen und zunächst im Western Park im Ponsonby genannten Stadtteil von Auckland aufgestellt, von wo man sie, nachdem sie dort einem Akt des Vandalismus zum Opfer gefallen war, 1987 auf den Mount Victoria brachte. Es heißt, sie sei als Karikatur des ehemaligen neuseeländischen Premierministers Sir Robert Muldoon gedacht. Ob dieser das nun als Ehre betrachtet hat oder aber diese Darstellung seiner Person ablehnte, konnte ich allerdings nicht ergründen…

Hinab geht es immer schneller als hinauf. Ob das wirklich nur daran liegt, daß man aufgrund der Hilfe der Schwerkraft mit höherer Geschwindigkeit bergab geht als bergauf, oder ob das auch etwas damit zu tun hat, daß man so wie wir beim Weg hinauf öfter einmal stehenbleibt, um sich im unbekannten Terrain umzusehen und die von Mal zu Mal bessere Aussicht zu genießen, sei einmal dahingestellt. Nach vergleichsweise nur wenigen Minuten erreichen wir jedenfalls wieder die Victoria Road, der wir anschließend geradewegs zurück zum Hafen folgen, denn so langsam nähert sich die Sonne nun dem Horizont. Bald wird die Dämmerung einsetzen.

Als wir schließlich wieder am Fähranleger ankommen, dauert es nicht lange, da trifft die uns nun schon wohlbekannte Fähre ein und wir gehen an Bord. Als sie schließlich ablegt, werfen wir einen letzten Blick auf die Strandpromenade Devonports.  Hinter dem Ort erhebt sich der Mount Victoria wie ein großer, gütiger Beschützer. Besieht man es genau, haben wir an diesem einen Nachmittag eigentlich gar nicht soviel von dem Ort gesehen: im wesentlichen nur die Hauptstraße des Zentrums und den Mount Victoria. Doch allein dabei sind wir auf einiges gestoßen, was geschichtsträchtig, wissenswert und überaus interessant ist. Dafür muß man keine großen Touren unternehmen. Es genügt, mit offenen Augen und wachen Sinnes durch die Welt zu gehen und sich die Zeit zu nehmen, um hinzuschauen.

Keine Viertelstunde später gehen wir am Ferry Building wieder an Land und begeben uns in unser Hotel. Und auch wenn wir nach all der Lauferei kreuz und quer durch Stadt und Vorstadt ein klein wenig geschafft sind, so sind wir doch munter genug, um am Abend noch einen kleinen Bummel hinüber zum Aotea Square zu unternehmen – einerseits für ein kleines Abendbrot und andererseits, um noch einmal das Rathaus der Stadt zu besuchen, dessen sanfte, bunte Beleuchtung uns am gestrigen Abend so gut gefallen hatte.

Der Name des Platzes nimmt auf Motu Aotea Bezug, den Māori-Namen für die Great-Barrier-Insel, der größten der Neuseeland vorgelagerten Inseln. 1979 angelegt und 2010 neu gestaltet, wird die Freifläche häufig für öffentliche Veranstaltungen genutzt. Deren Bandbreite ist groß, reicht sie doch von Musikfestivals und Rockkonzerten über Messen bis hin zu Protestkundgebungen.

Der Sky Tower in Auckland am Abend
Der abendliche Sky Tower, für das Chinesische Neujahrsfest in majestätisch rot-goldenem Glanze angestrahlt.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
Creative Commons Lizenzvertrag

Als wir schließlich – nun zum zweiten Mal an diesem Tag – auf dem Rückweg in unser Hotel sind, fällt uns der Sky Tower ins Auge, wie er, in rot-goldenem Lichte erstrahlend, vor uns hoch in den dunklen Nachthimmel aufragt. Ein wahrlich majestätischer Anblick. Die Farben, in denen der Turm illuminiert wird, sind dabei keineswegs zufällig, sondern werden zu verschiedenen Anlässen sorgsam ausgewählt. Die Farben Rot und Gold, in denen er sich uns heute präsentiert, weisen auf das Chinesische Neujahrsfest am morgigen 19. Februar hin. Für uns schließt sich damit gewissermaßen der Kreis, hatten wir doch diesen Tag mit dem Besuch des Sky Towers begonnen. Und das ist dann doch ein irgendwie angemessener Ausklang für diesen ersten, mit einer Vielzahl wunderbarer Erlebnisse und schöner Eindrücke angefüllten Tag in Auckland…

Sie können alle Fotos auch direkt auf Flickr anschauen.
Für alle Fotos gilt die folgende Lizenz:

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz.

Referenzen

Referenzen
1 Auf Google Maps kann man sich das sehr schön ansehen.
2 The Devonport Flagstaff vom 12. Februar 2016, Seite 31. Wer aktuelle Ausgaben dieser Zeitung sucht, wird auf ihrer Homepage fündig.