Unter den Straßen von Berlin

Mit dem Cabrio durch Berlin! Das ist wohl der Traum so manches Autonarren. Oder auch der eines jungen Menschen ohne das dafür ausreichende Kleingeld.

Dabei ist das doch profan. Aber sowas von! Um mal eine dieser unsäglichen Sprachsünden zu zitieren. Ein Allerweltstraum gewissermaßen.

Mit dem Cabrio unter Berlin! Das wäre doch mal was anderes, nicht wahr?

Und das geht! In Berlin gibt es nämlich nichts, was es nicht gibt. Nun, ob das stimmt, möchte ich nicht beschwören. Aber unter den Straßen von Berlin kann man tatsächlich mit dem Cabrio unterwegs sein. Nun, nicht allein und nicht auf eigene Faust, aber es geht. Mit der U-Bahn-Tunneltour der Berliner Verkehrsbetriebe.

Diese Tour ist eine beliebte Attraktion, die von der BVG saisonal angeboten wird. Meist in der Zeit zwischen April und Oktober. Mit einem Zug, dessen Waggons ganz im Stile eines Cabrios nach oben hin offen sind, wird man dabei auf einem umfangreichen Rundkurs durch Berlins U-Bahn-Netz kutschiert. DAS Erlebnis für alle U-Bahn-, Technik-, Unterwelt- und Tunnelfans!

Dafür allerdings Tickets zu bekommen, ist durchaus nicht ganz einfach, denn diese Fahrten sind außerordentlich begehrt – sowohl bei Berlinern als auch – natürlich – bei Touristen. Kurzfristig geht da meist gar nichts. Die Fahrten sind meist lange im voraus ausgebucht.

Dennoch war es mir gelungen, im September 2014 eine solche Fahrt mitzumachen. Ich hatte Fahrkarten für die erste von zwei Fahrten, die am 19. September 2014 veranstaltet wurden. Abends um 19 Uhr sollte es losgehen. Startpunkt war der Bahnsteig der U-Bahn-Linie U5 am Bahnhof Alexanderplatz. Der Zug mit den Cabrio-Waggons und je einer akkubetriebenen Lok vorn und hinten stand bereits auf Gleis 4, doch durften wir noch nicht einsteigen. So hatte ich genug Zeit, einige Aufnahmen von Zug und Bahnsteig zu machen.

Schließlich bat man uns, die Plätze auf den Waggons einzunehmen. Wie die Hühner auf der Stange saßen wir in zwei parallelen Reihen Rücken an Rücken nebeneinander; die einen blickten zur Wand, die anderen zum Bahnsteig. Dennoch hatte es keinen Sinn, sich um die Seiten zu streiten – während der Fahrt würden wir sowieso ein paarmal die Fahrtrichtung ändern. Daher hatte unser Zug ja auch jeweils vorn und hinten eine Lok.

Als die Fahrt dann losging, fuhr man mit uns – für einige durchaus überraschend – nicht die Strecke der U5 entlang, sondern direkt in deren Wendeanlage hinter dem Bahnhof hinein. In eine Sackgasse quasi. Die U5 hatte damals nämlich noch am Alexanderplatz ihre Endstation. Doch das Geheimnis lüftete sich schnell, was gleich die nächste Überraschung mit sich brachte: von eben dieser Wendeanlage zweigte ein Tunnel ab, in den es auch gleich hineinging. Dieser Waisentunnel genannte Verbindungsweg, der damals noch befahrbar war – heute ist er geschlossen und muß wohl abgerissen werden, nachdem man Wassereinbrüche festgestellt hatte, die sich nicht beheben lassen -, führte uns hinüber zur Strecke der U-Bahn-Linie U8. Kurz hinter der Spree, die er unterquert, trifft der Waisentunnel nahe der Chinesischen Botschaft auf den U8-Streckentunnel. Wir fuhren bis zur Heinrich-Heine-Straße, wo der erste der angekündigten Richtungswechsel stattfand, denn nun ging es in Richtung Wittenau. An der Jannowitzbrücke vorbei bewegten wir uns auf kurvenreicher Strecke zum Alexanderplatz zurück, den wir wenig später wieder erreichten – diesmal auf dem Bahnsteig der U8. Ohne Aufenthalt ging es weiter. Die Bahnhöfe Weinmeisterstraße, Rosenthaler Platz und Brunnenstraße zogen ebenso an uns vorüber wie die nachfolgenden, bis wir schließlich an der Osloer Straße angelangt waren. Auf der gesamten bisherigen und noch folgenden Fahrt hatten wir in den Tunneln außerordentlich gute Sicht, denn extra für unsere Tour hatten die netten Menschen von der BVG das Licht angelassen. So konnten wir all die Gleisanlagen, Tunnelwände und -decken, Kabelführungen und -schächte, Notausstiege und in ihnen aufwärts führenden metallenen Leiteranlagen in aller Ruhe im Vorbeifahren betrachten und da, wo wir langsamer fuhren, genau in Augenschein nehmen.

Hinter dem Bahnhof Osloer Straße fuhr man uns wieder in eine Wendeanlage. Ein erneuter Richtungswechsel, und dann ging es wieder in einen Verbindungstunnel hinein. Dieser trug naheliegenderweise den Namen Osloer Tunnel und führte uns hinüber auf die Strecke der U-Bahn-Linie U9, die hier an der Osloer Straße ihren Anfang nahm. Doch nicht einmal zwei Stationen weiter verließen wir sie dann schon wieder durch einen weiteren Seitentunnel, der mit seinem Namen Leopoldtunnel auf den nahen Leopoldplatz verwies. Durch ihn erreichten wir die Strecke der U-Bahn-Linie U6 und fuhren kurz darauf in den Bahnhof Seestraße ein. Auf dem mittleren von drei Gleisen kamen wir zum Stehen, denn hier sollte es eine Pause geben, wofür einige der Fahrgäste aufgrund dringend gewordener Bedürfnisse durchaus Dankbarkeit zu zeigen wußten. Wer so wie ich auf dem Zug blieb, hatte Gelegenheit, das bunte abendliche Treiben auf dem Bahnhof zu beobachten sowie links und rechts einfahrenden, haltenden und dann weiterziehenden U-Bahnen zuerst entgegen- und dann hinterherzublicken.

Als es schließlich weiterging, fuhren wir zunächst den Weg zurück, den wir gekommen waren. Durch den Leopoldtunnel ging es wieder auf die Strecke der U9, der wir nun weiter gen Süden folgten. Amrumer Straße, Westend, Birkenstraße hießen die Stationen, die nun an uns vorüberzogen. Schließlich durchfuhren wir den Bahnhof Zoologischer Garten – natürlich unter der Erde. Wie auch auf anderen Bahnsteigen zuvor schauten die eben noch gelangweilt blickenden Wartenden voller plötzlichem Interesse unserem an ihnen vorbeieilenden Sonderzug voller fröhlich winkender, behelmter Menschen hinterher. Was war das denn für eine bunte Truppe?

An der Berliner Straße, wo sich die Linien U7 und U9 kreuzen, wurde der Tunnel für uns zur Kathedrale, denn wir fuhren auf ein Mittelgleis, das sich stetig absenkte, so daß wir, wenn wir unsere Augen nach oben richteten, wo Säulen links und rechts den Graben, in den wir hinabfuhren, von den seitlichen Streckengleisen trennten, einen Anblick gewahrten, der an eine große Kirche erinnerte. Eine Tunnelkathedrale, fürwahr! An ihrem Ende verschwand unser Gleis in einem eigenen Tunnel – dem Berliner-Straßen-Tunnel -, unterquerte eines der uns bisher begleitenden seitlichen Gleise und schwenkte hinüber zur Strecke der U7, der wir nun in Richtung Rudow folgten. Am Mehringdamm sahen wir die U6 wieder, mit der sich die U7 einen Bahnhof teilt. Hatten die Haltepunkte bis hierher noch recht neuzeitlich gewirkt, war den nun folgenden anzusehen, daß sie bereits etwas älter waren. Kein Wunder, denn dieser Streckenabschnitt der U7 war früher eine Seitenlinie der heutigen U6.

Hinter dem Bahnhof Hermannplatz parkte man uns kurz auf einem Abstellgleis. Doch schon kurze Zeit später ging es in entgegengesetzter Richtung wieder in den Bahnhof zurück und durch diesen hindurch. Ein weiterer Verbindungstunnel, der unter dem einstigen Karstadt-Kaufhaus entlangführt und folgerichtig Karstadt-Tunnel genannt wird, brachte uns zur Linie U8 zurück, der wir nun folgten, bis wir den Bahnhof Heinrich-Heine-Straße ein weiteres Mal erreichten.

Nun begann das letzte Stück der Fahrt, das uns durch den Waisentunnel zurück in die Wendeanlage der U5 brachte, in der unsere Fahrt ihren Anfang genommen hatte. Kurz bevor wir sie erreichten, konnten wir noch einen Blick in eine weitere, vom Waisentunnel abzweigende Röhre werfen. Sie bildet die Verbindung zur U-Bahnlinie U2, die sie am Bahnhof Klosterstraße trifft, weshalb sie auch Klostertunnel genannt wird. Dieser verbindet nicht nur einfach zwei U-Bahnlinien miteinander, sondern stellt auch einen Übergang vom Netz der Kleinprofillinien zu denen der Großprofilstrecken her. Ersteres umfaßt die vier heutigen U-Bahnlinien U1 bis U4, die die ältesten, ab 1896 errichteten Strecken befahren. Als 1923 die erste Großprofillinie in Betrieb ging, deren Züge etwa 35 Zentimeter breiter als die ihrer Geschwister im Kleinprofil waren und sind, baute man alle nachfolgend geschaffenen U-Bahnstrecken aus Gründen der Beförderungskapazität in dieser Form. Damit ist klar, daß wir auf unserer Rundfahrt ausschließlich großprofilig unterwegs gewesen waren. Die Spurbreite beider Profile ist gleich, doch unterscheidet sich die Form der Stromabnehmer an den Zügen. Während im Kleinprofil die das Gleis begleitende Stromschiene von oben abgegriffen wird, geschieht dies im Großprofil von unten – wie bei der Berliner S-Bahn auch.

Diese Betrachtungen stellte ich natürlich nicht auf dem Cabrio-Waggon sitzend an. Hierfür war etwas nachträglich konsultierte Literatur über die Berliner U-Bahn notwendig und durchaus hilfreich. Unser Zug langte schließlich wieder auf dem Bahnsteig der U5 am Alexanderplatz an, wo ich glücklich und zufrieden ob der für mich als „altem“ Berliner hochinteressanten Rundfahrt ausstieg.

Mehr als zwei Stunden waren wir unter den Straßen Berlins unterwegs gewesen, was trotz des fehlenden Tageslichts ein überaus interessantes und fesselndes Erlebnis war!

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Fliegerviertel und Eisenbahnkreuz

Dieser Beitrag ist Teil 2 von 3 der Beitragsserie "Grüner Hauptweg Nr. 18"

Berlin ist ein Ort voller Geschichte und Geschichten. Und auch wenn diese durchaus nicht immer nur schön sind, lohnt es sich doch, offenen Auges durch die Stadt zu wandern und sich mit dem Gesehenen zu beschäftigen. Viel Interessantes läßt sich dabei herausfinden und lernen.

So bot mir auch die zweite Etappe auf dem Grünen Hauptweg Nummer 18, dem Inneren Parkring, obwohl sie um vieles kürzer als die erste war (warum, will mir heute, gute acht Jahre später, durchaus nicht mehr einfallen), einige dieser Geschichten. Ich mußte nur hinschauen und – zugegeben – nachlesen. Nicht alles ist einfach so zu sehen und liegt offen zutage.

Da war zunächst das Stadtviertel mit dem etwas profanen Namen Neu-Tempelhof. Daß man es auch das Fliegerviertel nennt, war mir bis dato nicht bekannt. Beschäftigt man sich aber mit den Personen, nach denen viele der Straßen dort benannt sind, erkennt man den Grund: es sind Flugpioniere und – Kampfpiloten des Ersten Weltkrieges. Das Wunder des Fliegens wird von den Menschen eben nur allzu oft für das Grauen des Krieges mißbraucht… Daß viele der Straßen ihre Namen von den deutschen Faschisten erhielten, stört heute offenbar nicht sehr.

Auf deren Verbrechen stieß ich auf der Wanderung im übrigen unmittelbar beim Verlassen des Fliegerviertels. Ein kleine metallene Gedenktafel an einem von mehreren roten Ziegelbauten in der General-Pape-Straße wies mich auf das SA-Gefängnis Papestraße hin, in dem bereits kurz nach der Machtergreifung der Faschisten ihnen unliebsame und widerständige Menschen gefoltert und ermordet wurden. Ergänzt wird die kleine Tafel durch einen Gedenk- und Lernort, der in einem der Gebäude untergebracht ist. Diese schön anzusehenden roten Ziegelbauten waren übrigens – der Straßenname läßt es bereits erahnen – einst eine Kaserne, in der die preußischen Eisenbahnregimenter untergebracht waren – direkt an der Strecke der Anhalter und Dresdener Eisenbahn. Da waren sie schon wieder, die Kriegsgeschichten. Nicht nur die Erfindung des Fliegens mißbrauchten die Menschen zu kriegerischen Zwecken, der Eisenbahn war im Jahrhundert davor bereits das gleiche Schicksal widerfahren. Dafür fand sich allerdings keine Gedenktafel. Dafür gleich zwei, die mich darauf hinwiesen, daß in den Kasernenbauten in den 1950 und 1960er Jahren Menschen untergebracht worden waren, die die DDR verlassen hatten. Platz war dafür genug, denn die Eisenbahnregimenter gab es bereits seit dem Ersten Weltkrieg nicht mehr…

Gleich nebenan hat sich die Moderne ihr Recht erkämpft, das Antlitz der Gegend bestimmen zu dürfen – in Form des stählernen und gläsernen Kolosses des Bahnhofs Südkreuz, der wie ein riesiges notgelandetes Raumschiff in der Gegend herumsteht und alle Wege zu versperren scheint, so daß mir nichts anderes übrigblieb, als ihn weiträumig zu umgehen, es sei denn, ich wollte mitten hindurch, was einer Stadtwanderung aber etwas unangemessen wäre. Die Planer des Grünen Hauptwegs hatten das wohl genauso gesehen… Der Weg nahm einige Zeit in Anspruch, sind die Ausmaße dieses Kreuzungspunktes der heutigen Nord-Süd-Eisenbahn mit der Ringbahn doch durchaus gewaltig. Gleich an seinem Anfang stieß ich auf zwei weitere Erinnerungstafeln, die mir das einstige Erscheinungsbild des Bahnhofs Papestraße, wie der Bahnhof ursprünglich einmal hieß – ich kann mich daran noch erinnern -, zeigten. Es war gut, daß ich sie entdeckt hatte; so konnte ich das letzte verbliebene Relikt des alten Bahnhofs auf meinen Weg um sein modernes Pendant herum leicht finden.

Dieser Weg führte mich durch zahlreiche, etwas bedrückend einengend wirkende Betonbrücken, an deren Ende ich mich jedesmal des Gefühls nicht erwehren konnte, nach langem Aufenthalt unter Tage endlich wieder ans Licht gelangt zu sein. Es gibt definitiv schönere Abschnitte auf dem achtzehnten Grünen Hauptweg.

Dann jedoch hatte ich den Bahnhof hinter mir und wanderte weiter, bis ich vor dem großen runden Metallgerüst stand, daß man in Berlin allenthalben schon von sehr weitem sehen kann, den Weg ins schöne Schöneberg weisend: das Gasometer. Kurz nach seiner Fertigstellung 1910 war es eines der drei größten in Europa. In Betrieb ging es drei Jahre später. Nun, heute steht nur noch das Gerüst. Seit 1995 ist es stillgelegt, sein Betrieb beendet.

Beendet war an dieser Stelle zwar noch nicht meine Wanderung, die mich noch bis zum Rathaus Schöneberg führte, wohl aber meine Lust zum Fotografieren. Gab es keine ansprechenden Motive mehr? Das weiß ich heute nicht mehr zu sagen. Vielleicht war aber auch einfach nur der Akku meiner Kamera leer. Wer weiß… Aber auf jeden Fall ein Grund, die Wanderung zu einem späteren Zeitpunkt einmal zu wiederholen. Doch auch ohne Fotos vom letzten kurzen Stück des Wegs hatte ich allemal genug Stoff zum Nachdenken ob des Gesehenen…

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Häfen, Kanäle und ein böhmisches Dorf

Dieser Beitrag ist Teil 1 von 3 der Beitragsserie "Grüner Hauptweg Nr. 18"

Berlin ist eine Stadt der Merkwürdigkeiten.

Hier ist es nicht nur ohne weiteres möglich, auf einer Stadtwanderung sowohl einen Flußhafen als auch einen Flughafen zu besuchen, sondern dabei auch noch feststellen zu müssen, daß beide gar nicht mehr in Betrieb sind. Das klingt wie böhmische Dörfer? Kein Problem – dieselbe Wanderung führt auch noch mitten durch ein solches hindurch.

Das glauben Sie nicht? Nun, eben diese Wanderung habe ich im April des Jahres 2014 absolviert. Sie begann im schönen Bezirk Friedrichshain am Boxhagener Platz und folgte dem Grünen Hauptweg Nummer 18 bis zum S-Bahnhof Tempelhof. Wenn Sie mögen, dann wandern Sie doch mit mir durch die dabei entstandene kleine Fotoserie, vorbei am Osthafen, am Landwehr- und am Neuköllner Schiffahrtskanal entlang mitten hinein in das historische Rixdorf mit seinem Böhmischen Dorf, von dort durch den malerischen Körnerpark und weiter die alte östliche Einflugschneise des Tempelhofer Flughafens entlang, bis wir dessen früheres Flugfeld erreichen, das heute unter dem Namen Tempelhofer Feld bekannt ist.

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Angst? Kauf ich nicht!

„Vorbei. Aus. Vorüber.

Und auch, wenn ich versucht bin, noch ein „Endlich!“ hinterherzudenken, tue ich es nicht. Denn das Jahr mag zu Ende gegangen sein. Die aktuelle Situation ist es nicht.“

Hätte ich diese Sätze nicht in Anführungszeichen gesetzt, sondern diesen Text ohne weiteres mit ihnen begonnen – man würde nicht merken, daß sie ein Zitat sind. Ich hätte sie unverändert direkt als Fazit für dieses ausgehende Jahr 2021 schreiben können. Tatsächlich aber entstammen sie meinem Jahresendtext von 2020.

Und allein diese Tatsache zeigt, daß sich seitdem wenig geändert hat.

„Momentan haben alle Angst. Aber jeder vor etwas anderem. Vor einem Virus. Vor dem Tod. Vor den Maßnahmen dagegen. Vor dem Zerfall der Gesellschaft. Vor was weiß ich.“

Auch das schrieb ich vor einem Jahr. Und es stimmt nach wie vor. Vorangekommen sind wir nur bei den Gründen für die Angst. Die sind vielfältiger geworden. Manchmal kommt es mir vor, als befände ich mich auf einem riesigen Markt, bei dem ich den Ausgang nicht finden kann. Und überall stehen Marktschreier und brüllen sich die Seele aus dem Leib:

„Heute wieder Angst im Angebot! Wer will noch mal, wer hat noch nicht?! Wir haben für jeden die passende Furcht dabei! Greifen Sie zu! Was soll es sein? Viren? Virusvarianten? Krankheit und Tod? Medizinische Nebenwirkungen? Zwang? Ausgeschlossen werden? Alleinsein? Und das war noch längst nicht alles! Was, Sie wollen nicht? Sie brauchen keine Angst? Papperlapapp! Glauben Sie ja nicht, Sie könnten uns entkommen! Früher oder später haben wir auch Sie am Haken…“

Und ich? Ich versuche, nicht hinzuhören. Wozu auch? Das trägt nichts, aber auch gar nichts dazu bei, das Leben in irgendeiner Weise besser zu machen. Ganz im Gegenteil.

Situationen wie diese, in der wir alle gerade stecken, sind schwer zu ertragen. Für den einen mehr, für die andere weniger, doch spurlos gehen sie an keinem vorüber. Aber wenn ich etwas benennen sollte, was daran vielleicht doch auch ein ganz kleines Bißchen gut sein könnte, so wäre es die Möglichkeit, daß sie einem vor Augen führen können, was für einen selbst im Leben wichtig ist und was nicht. Bereits im vorangegangenen Jahresendtext habe ich mich mit diesem Gedanken beschäftigt. Und ihn in diesem Jahr weiterverfolgt.

Und das hatte durchaus Folgen. Einen Jobwechsel beispielsweise. Der war ebenso unverhofft wie erfolgreich. Nicht, daß ich unglücklich in meiner alten Stelle gewesen wäre. Aber es hat eben doch etwas gefehlt. Ein größerer Zusammenhang sozusagen. Man könnte es auch einen tieferen Zweck nennen. Daß ich diesen mittlerweile immer wieder neu suchen mußte, hatte sich schon etwas länger abgezeichnet, ist mir aber erst in diesem Jahr so richtig klar geworden. Und wie das manchmal so ist, wenn man sich Dinge bewußt macht und sie annimmt, ergeben sich plötzlich und zufällig Gelegenheiten zur Änderung. Aber vielleicht sind diese ja gar nicht so zufällig? Vielleicht ist es erst diese neue Haltung, die man mit der Erkenntnis und ihrer Akzeptanz eingenommen hat, die einen diese scheinbar zufälligen Gelegenheiten überhaupt sehen läßt? Wie dem auch sei – mir legte sich der Weg zu einer solchen Gelegenheit unter die Füße und ich entschloß mich, ihn zu gehen. Keine ganz leichte Entscheidung in der aktuellen Situation, aber ich habe sie getroffen. Jetzt ist schon wieder ein halbes Jahr im neuen Job vergangen. Die Probezeit ist überstanden und ich bin rundum zufrieden.

Die Überlegung, was für mich wichtig ist und was nicht, führte mich in diesem Jahr noch zu einer gänzlich anders gelagerten Entscheidung. Daß intensiver Medienkonsum dem eigenen Wohlbefinden nicht wirklich gut tut, hatte ich bereits letztes Jahr festgestellt. Und so habe ich ihn – trotz einer Phase, in der ich diesen Vorsatz etwas aus den Augen verloren hatte – in diesem Jahr auch weiter eingeschränkt. Nicht mehr überall das Ohr hinhalten, nicht mehr überall mitlesen, um nur ja nichts zu verpassen. Dabei geht es gar nicht mal so sehr um Pausen beziehungsweise medienfreie Zeiten. Klar, die sind manchmal ganz nützlich. Vor allem, um zur Ruhe zu kommen. Da man sich, will man nicht völlig ahnungslos bleiben, aber doch hin und wieder informieren muß, ist ein anderer Aspekt jedoch viel wichtiger. Und der heißt Auswahl. Rationale Stimmen identifizieren und diese auswählen, während man die Kakophonie der sich gegenseitig überbrüllenden medialen Widersacher konsequent ausblendet. Das ist nicht einfach, aber allein das hilft, in dem Durcheinander von Nachrichten, Falschmeldungen, Meinungen, Beeinflussung und Propaganda, das aus allen Richtungen zu jeder Zeit auf uns einprasselt, nicht völlig unterzugehen und – da bin ich wieder beim Anfang dieses Textes – kopflos in alle möglichen Ängste zu verfallen.

Doch diese Auswahl – und jetzt komme ich zu der Entscheidung, die ich getroffen habe – ist nicht möglich, wenn man nicht die Kanäle, über die man Informationen bezieht, ebenso auf den Prüfstand stellt. Während ich in kompletten Auszeiten – womit eigentlich digitale Auszeiten gemeint sind, denn Fernsehen und papierne Zeitungen kommen in meinem Leben schon eine ganze Weile nicht mehr vor – recht erfolgreich darin war, alles immer wieder nutzlose Aufregung Verursachende auszublenden, gelang mir das ansonsten kaum. Warum war das so? Nun, es lohnt nicht, daraus ein großes Geheimnis zu machen, denn der Grund dürfte kaum jemanden überraschen. Es waren – natürlich – die sozialen Netzwerke, über die die Kakophonie des medialen Wahnsinns immer noch Zugang zu mir hatte. Und ich war ja auch bei genügend davon vertreten. Facebook. Twitter. Instagram. LinkedIn. Xing. Da folgte ich allerlei Profilen, Seiten, was auch immer, die ich irgendwann einmal interessant gefunden hatte. Und sie alle posteten den lieben langen Tag dies und das. Dazu kamen dann noch all die vielen „Freunde“, „Follower“, „Netzwerker“ oder wie sie jeweils alle genannt werden. Manche hatte ich schon lange nicht mehr oder gar noch nie persönlich getroffen. Und so mancher fühlte sich berufen, den aktuellen Dauerzustand zu kommentieren, seine Meinung dazu aller Welt kundzutun oder aber die anderer, mir völlig unbekannter Leute zu teilen, auf daß ich sie unbedingt auch zur Kenntnis nehmen solle. Kaum öffnete ich die App irgendeines dieser sozialen Netzwerke, purzelten mir Meldungen irgendwelcher Nachrichtenkanäle, von denen ich bis dahin noch nie etwas gehört hatte und die ich sonst nie gesehen hätte, entgegen. Und niemand, wirklich niemand schien dabei noch irgendein anderes Thema zu kennen als Corona und alles, was irgendwie damit zusammenhängt. Und wer keine Medien- oder Blogartikel weiterleitete, postete Cartoons oder Zitate – natürlich über nichts anderes als „Coronagläubige“ oder „Impfgegner“, „Maßnahmenverweigerer“ oder „Maßnahmenbefürworter“, „Dies“ oder „Das“. Und alle hatten sie nur eines gemeinsam: so gut wie ausnahmslos völlig unlustig beziehungsweise geistlos zu sein.

All das sorgte beständig dafür, daß ich damit geistig in Atem gehalten blieb, mich oft genug sogar aufregte – ein Zustand, der irgendwann derart unhaltbar wurde, daß ich mich kurzerhand zur Radikalkur entschied: ich meldete mich ab, ich war raus. Von Facebook. Von Twitter. Von Instagram. Von LinkedIn. Von Xing. Und wo ich sonst noch irgendein Profil angelegt hatte.

Seitdem ist Ruhe. Im wahrsten Sinne des Wortes. Und es ist wohltuend. Ich brauche diese sogenannten sozialen Netzwerke nicht. Zu nichts. Ein Leben im Digitalen wird es nicht geben. Nicht für mich. Denn letzten Endes sind dort nur Abziehbilder von Menschen zu finden. Sonst nichts.

Wer Kontakt mit mir will, kann das gern persönlich tun. Ich halte es ebenso. Sich begegnen. Miteinander reden. Einander zuhören. Aufeinander eingehen. Das macht menschlichen Kontakt aus. Und ist um so vieles schöner. Selbst, wenn man mal verschiedener Meinung ist.

In diesem Sinne wünsche ich Euch, mir, uns allen ein wieder kontaktreicheres Jahr 2022. Es kann eigentlich nur besser werden.

Zwei Leben…

„Wir haben zwei Leben und das zweite beginnt, wenn du erkennst, daß du nur eins hast.“
(Mário Raul de Morais Andrade, brasilianischer Schriftsteller und Musikforscher)

Dieser wunderbar kluge Satz bildet die Schlußaussage des Gedichtes „Meine Seele hat es eilig“, von dem es eine sehr schöne Rezitation auf der Website von Gunnar Kaiser gibt. Es stamme, so heißt es mancherorts, eigentlich von dem brasilianischen Theologen Ricardo Gondim. Tatsächlich findet sich auf dessen Website ein sehr ähnlicher Text unter dem Titel „Tempo que foge!“ – „Zeit, die vergeht!“
Schickt man diesen durch einen Übersetzer – ich verstehe leider kein Portugiesisch -, findet man in der Tat weitgehende Übereinstimmungen, aber auch über das Gedicht von Andrade hinausgehende Passagen. Der eingangs zitierte Satz findet sich bei Gondim allerdings nicht. Interessant ist hingegen, daß Gondim in seinem Text Andrade zitiert.

Ob nun Gondim die Gedanken des 1945 verstorbenen Andrade weiterführt beziehungsweise dessen Gedicht verarbeitet hat oder ob sein Text in verkürzter und gleichzeitig erweiterter Form durch’s Internet geistert und Andrade fälschlicherweise zugeschrieben wird – für mich spielt das gar keine so große Rolle. Mögen sich andere darüber den Kopf zerbrechen und dies ausdiskutieren…

Für mich ist die Aussage, die das Gedicht und insbesondere dessen Schlußsatz treffen, von viel größerem Interesse, spiegelt sie doch ziemlich genau das wider, worüber ich mir am aktuellen Punkt meines Lebens und insbesondere in dieser gerade immer dunkler werdenden Zeit vermehrt Gedanken mache:

Was hat Bedeutung in meinem Leben? Was nicht?
Wer ist mir wichtig? Und wem bin ich es?
Wo stehe ich? Was ist erreicht? Was noch nicht?
Was möchte ich vom Leben?  Wovon träume ich noch?
Was macht mich glücklich?
Was fehlt noch, damit ich ohne Bedauern und Reue gehen könnte, wenn morgen das Leben vorüber wäre?
Habe ich das zweite Leben schon begonnen? Oder bin ich noch dabei, das erste hinter mir zu lassen?

Zeit nachzudenken. Und zu leben…

Für meinen Vater

Zum 80. Geburtstag

Im neunzehn-einundvierziger Jahr,
Krieg tobte in allen Breiten,
erblicktest Du das Licht dieser Welt,
die alles war, nur nicht zum Besten bestellt,
in jenen gar dunklen Zeiten.

Ein schwerer Anfang war es fürwahr,
der Dir auf Erden beschieden,
Denn Not und Elend bemaß man nach Jahren,
bis niedergerungen die Kriegstreiber waren
und endlich einzog der Frieden.

Und blieben die Zeiten zunächst auch schwer,
das Leben begann, sich zu lichten,
Als Jüngster umsorgt vom Familienrund,
brachte die Kindheit manch frohe Stund‘
und die Schule auch erste Pflichten.

In Schule und Lehre, da lerntest Du,
auf Dein Können stets zu vertrauen.
Und daß dieses groß war, sprach rum sich flott,
schon stand vor der Tür die FDJ –
es galt, ein Land aufzubauen.

Talent und Können auch beim Gesang
mußt‘ man neidlos Dir zuerkennen.
Man fragt‘ „Wo spielt denn das Radio so schön?“
Dabei konnt‘ man Dich singend sitzen seh’n
auf dem Dach, beim Bau von Antennen.

Und auch am Sonntag, beim Tanz, gabst Du gern
eine kleine Gesangseinlage,
Du gefielst einem Mädchen, und sie Dir auch sehr,
Ihr traft Euch wieder, daraus wurde mehr.
Bald stelltest Du DIE eine Frage.

Ihre Antwort war „Ja“! Und daraus entstand
eine wunderbar lange Ehe,
Ihr habt stets geliebt, viel gelacht, kaum geweint,
und was auch geschah, Ihr standet vereint,
ganz gleich, ob in Wohl oder Wehe.

Dabei war es anfangs gar nicht so leicht,
gemeinsam durch’s Leben zu gehen.
Erst Wehrdienst, dann Studium führten Dich fort,
zu näherem oder auch fernerem Ort,
Ihr konntet Euch selten nur sehen.

Und dann war’s geschafft. Doch mit dem Erfolg
kamen neue Herausforderungen.
Die Arbeit führte Euch nun nach Berlin,
gemeinsam zogt Ihr für immer dorthin,
Ihr und Eure beiden Jungen.

Die eigene Wohnung nach einigen Jahr’n,
die konntet Ihr nicht einmal testen.
Die Kultur zu vertreten im fremden Land,
hat man gern ’nen fähigen Mann zur Hand.
Drum schickte man mit Dir den Besten.

So ging es nach Ungarn, nach Budapest,
Kulturen sollt’st Du verbinden,
Künstlern zu helfen warst Du stets bereit,
Beruflich war’s Deine glücklichste Zeit
Und der Abschied schwer zu verwinden.

Noch weitaus schwerer wurde es dann,
als sie’s Ende des Landes beschlossen.
Erst standen sie auf für Demokratie,
dann beugten sie für D-Mark das Knie,
das hat Dich dann doch sehr verdrossen.

Doch Aufgeben war keine Sache für Dich,
Man konnte Dich nicht unterkriegen.
Du fingst nochmal ganz von vorne an,
wurdest Heizölverkäufer und ließest dann
den Kunden das Öl nie versiegen.

Bei Dir hatte selbst der Krebs keine Chance
und suchte verzweifelt das Weite.
Bei Dir Fuß zu fassen hat er nicht geschafft.
Du schlugst ihn mit Mut und mit Willenskraft
Und mit der Frau an Deiner Seite.

Nun hast Du die runde Achtzig erreicht,
Ein Meilenstein, gar keine Frage.
Und auch, wenn es schon mal hier und da zwickt,
nicht jedes Gelenk mehr ganz so leicht knickt,
für Dich ist das kein Grund zur Klage!

Sicher wirst Du mit Deinen nun achtzig Jahr’n
auf manch Vergang’nes rückschauen.
Doch bitte nur aus historischem Grund,
Denn besser sollt’st Du nach vorn blicken und
stets auf die Zukunft vertrauen.

Die Achtzig, was für ein Meilenstein!
Ein großer Geburtstag! Ein runder!
Ich denke, wenn Du so weitermachst,
mit Optimismus das Leben anlachst,
wär’n hundert Jahre kein Wunder.

© 2021, Alexander Glintschert. Alle Rechte vorbehalten.

Ballade von der wiederkehrenden Null

Für meinen Bruder zum 60. Geburtstag

Die erste Null war so wunderbar schön,
Da konnt‘ man das Licht dieser Welt erstmals seh’n.
Man war ach so zart, unschuldig und klein,
Wußt‘ gar nichts davon, wie das Leben wird sein.

Mit Zehn traf man dann auf Null Nummer zwei.
Die Schulzeit war da noch lang nicht vorbei.
Doch unbeschwert kümmerte man sich kaum drum,
Mit Lernen und Spielen ging die Zeit sehr schnell rum.

Um die Zeit scherte man sich auch dann noch nicht viel,
Als mit Zwanzig die dritte Null ins Leben fiel.
Man träumte, probierte und plante voraus
Und wenn mal was schiefging, so lernte man draus.

Und dann stand die Dreißig unverhofft vor der Tür
Und bracht‘ als Begleitung mit Null Nummer Vier.
Die nahm man auf einmal nicht mehr gar so leicht,
Denn die Mitte des Lebens war plötzlich erreicht.

Ist vorüber die Jugend? fragte mancher sich bang.
Derweil der Ernst des Lebens in selbiges drang.
Und grad als man sich konnt‘ gewöhnen daran,
da eilte auch Null Nummer fünf schon heran.

Beruf und Familie, Kinder, Frau, Hund,
es ging eigentlich fast tagtäglich rund.
So blieb nicht viel Zeit, auf das Alter zu seh’n,
Plötzlich war man Fünfzig, sah die sechste Null steh’n.

Nun hast Du die Sechzig gerade erreicht.
Und egal, was Du machst, die siebte Null weicht
Dir nicht von der Seite. Sie bleibt eisern dort,
auch wenn Du Dir noch so sehr wünschst, sie wär‘ fort.

Es sagte vor Jahren ein sehr weiser Mann:
Lang wird nur leben, wer auch alt werden kann.
Drum umarme die Sechzig! Sei zufrieden mit ihr!
Begrüße sie freudig! Sie gehört nun zu Dir.

Sechzig und kein bißchen weise – na und?
Wenn Du es nur willst, geht es noch immer rund!
Lebe den Tag! Und dann, Du wirst seh’n,
kommen mindestens Null Nummer acht, neun und zehn.

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Keine Angst

Vorbei. Aus. Vorüber.

An jedem Jahresende, am Silvesterabend, ist es mir mittlerweile eine liebe Tradition geworden, mich entgegen dem allgemeinen Treiben meiner Mitmenschen zurückzuziehen und ein wenig innere Einkehr zu halten, zu reflektieren, was war, darüber nachzudenken, was ist, und die eine oder andere Vorstellung zu entwickeln, wie es im neuen Jahr weitergehen soll, mir zu überlegen, was ich ändern möchte, aber auch, was ich beibehalten oder weiterentwickeln will. Und so sitze ich auch jetzt wieder bei einem guten Glas Wein im Schein einer kleinen Lampe und denke über dieses vergangene Jahr nach.

Der erste Gedanke, der mir in den Sinn kam, als ich diesen Text begann, steht gleich an seinem Anfang.

Vorbei. Aus. Vorüber.

Und auch, wenn ich versucht bin, noch ein „Endlich!“ hinterherzudenken, tue ich es nicht. Denn das Jahr mag zu Ende gegangen sein. Die aktuelle Situation ist es nicht.

Dieses Jahr 2020, es hat mich in mehrfacher Weise sprachlos gemacht. Unmittelbar ablesen kann ich das schon allein daran, daß dieser kleine Jahresendtext unmittelbar auf den des vorigen Jahres folgt.

Doch was soll ich zu diesem Jahr denn auch sagen. Daß ich zu seinem Beginn nie und nimmer damit gerechnet hätte, daß es so verlaufen würde, wie es verlaufen ist? Eine Binsenweisheit. Wer hätte das denn? Hätte ich jedes Mal auch nur einen Cent erhalten, wenn in diesem Jahr jemand einen Satz mit den Worten „Hätte mir vor einem Jahr jemand gesagt, daß heute…“ in meiner Gegenwart begonnen hat oder ich einen solchen gelesen habe, ich wäre mittlerweile steinreich.

Was gäbe es denn sonst über 2020 und die aktuelle, weiter andauernde Situation zu sagen, was nicht irgendwer im Laufe des Jahres irgendwann einmal schon geäußert hat? Mir fällt nichts ein. Nach meinem Eindruck ist es so, wie Karl Valentin es einst formulierte:

Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen.

Da muß ich nicht auch noch mittun. Und ich will es auch nicht, denn es brächte nur sinnlose Aufregung. Und so denke ich lieber darüber nach, was mir dieses Jahr ganz persönlich an Erkenntnissen beschert hat.

Angst ist kein guter Ratgeber.

So sagt es ein Sprichwort. Momentan haben alle Angst. Aber jeder vor etwas anderem. Vor einem Virus. Vor dem Tod. Vor den Maßnahmen dagegen. Vor dem Zerfall der Gesellschaft. Vor was weiß ich. Auch mir ist Angst in diesem Jahr nicht fremd geblieben. Nun ist Angst an sich ja ein gutes und wichtiges Gefühl in einer konkreten Gefahrensituation, denn es hält uns davon ab, leichtsinnig zu agieren, und bringt uns dazu, auf unsere Sicherheit bedacht zu sein. Es ist jedoch ein völlig kontraproduktives Gefühl, wenn es zum Dauerzustand wird. Wenn es sich zur Panik steigert. Aus welchem Grund auch immer.

Und so bemühe ich mich nun aktiv, die Angst loszulassen. Das schreibt sich einfacher, als es ist.

Was dabei auf jeden Fall hilft, ist die Einschränkung des Medienkonsums. Nicht mehr jeden Tag auf irgendwelche Zahlen, R- und sonstige Werte und Diagramme mit auf- und absteigenden Kurven (je nachdem, wer sie gerade wieder zu welchem Zweck veröffentlicht) starren, nicht mehr jeden Tag irgendwelche Meinungsartikel studieren, die entweder wilde Szenarios totalitärer Zukunftsaussichten entwerfen oder die neuesten Maßnahmen anpreisen, nicht mehr jeden Tag die neuesten Horrorschlagzeilen lesen, nicht mehr jeden Tag nachsehen, was gerade bei Twitter oder sonstwo trendet oder wer wieder wen wegen irgendwas beschuldigt oder beleidigt – all das mal für eine gewisse Zeit einfach wegzulassen, ist ungemein befriedend. Und so verzichte ich zeitweise ganz auf Medien und nehme eine komplette Auszeit.  Das sorgt schon mal für eine angenehme Stille. Eine Stille, in der ich die eigenen Gedanken und das eigene Befinden überhaupt erst einmal wieder wahrnehmen kann, in der ich wieder zu mir selbst komme. Im eigenen Kopf ist schon genug Geplapper der Gedanken vorhanden, das muß die mediale Dauerbeschallung nicht noch verstärken.

Dazu beschäftige ich mich mit Dingen, die dazu einen direkten Gegenpol bilden – lebensbejahend sind. Rauszugehen in die Natur – wie erholsam, belebend, anregend das ist, das habe ich in diesem Jahr regelrecht neu entdeckt. Verwunderlich? Nun, ich bin Softwareentwickler. Da ist man nicht soviel unterwegs. Tatsächlich habe ich mich nun aber wohl noch nie soviel bewegt wie in den letzten Monaten. Unterwegs zu sein, mit dem Rad oder zu Fuß, das macht mir richtig Spaß. Und wenn ich mittlerweile nicht mindestens eine Wanderung oder wenigstens einen ausgedehnten Spaziergang – besser zwei – in der Woche unternommen habe, dann fehlt mir was. Daß das Immunsystem und damit die Gesundheit dadurch gestärkt beziehungsweise gefördert werden, ist ein mehr als angenehmer Seiteneffekt. Und wenn der Weg vor die Stadt und in den Wald doch mal zu weit ist, dann geht das auch in der Stadt. Und so fühle ich mich, auch wenn ich in diesem Jahr praktisch nicht mehr im Fitneßstudio war, körperlich beweglicher und wohler denn je. Den Vertrag hab ich gekündigt.

Überhaupt sind aktive Hobbies, bei denen man in irgendeiner Form, ob körperlich wie beim Wandern oder geistig wie beim Schreiben, tätig ist, auch ein hilfreiches Mittel, wie ich selbst feststellen konnte. Für meine Website Anderes.Berlin sind auf diese Weise in diesem Jahr soviele Beiträge entstanden wie noch nie zuvor. Dafür ist mein Konsum über Streamingdienste – das Fernsehen hab ich ja schon vor Jahren für mich abgeschafft – an Filmen und Serien praktisch auf knapp über Null gesunken. Mir fehlte plötzlich völlig das Interesse dafür. Das Netflix-Abo hab ich auch gekündigt.

Was dieses Jahr mir auch eindrücklich gezeigt hat, ist die Tatsache, daß man Menschen in einer Krise erst so richtig kennenlernt. Das kann zu sehr guten Erfahrungen führen, aber leider auch zu mitunter schmerzhaften Enttäuschungen. Doch wie ich schon einmal 2016 nach einer ähnlichen Erfahrung feststellen konnte, kann beim Umgang damit eine Sichtweise helfen, die sich aus dem Wort Enttäuschung selbst ergibt:

In ihm steckt nämlich durchaus auch etwas Positives, denn wörtlich genommen bedeutet eine Ent-Täuschung, daß man einer Täuschung, einer Illusion entledigt wurde.

Wichtig ist dann allerdings auch, die guten Erfahrungen besonders zu schätzen und sich für die Menschen, denen man sie verdankt, weiter zu öffnen. Denn nichts ist wichtiger bei der Überwindung von Angst als Gemeinschaft mit Menschen, die einem lieb und teuer sind.

In diesem Sinne hoffe ich darauf, daß das neue Jahr 2021 ein besseres und für uns alle angstfreieres Jahr wird als das alte, mittlerweile vergangene 2020. Ich wünsche es Euch und nicht zuletzt auch mir selbst.

Und wieder ist ein Jahr vorüber…

Rot funkelt der Wein im Glase. Eine kleine Lampe auf dem Tisch vor mir erleuchtet nur spärlich die nähere Umgebung, und auch der am Fenster sanftes, goldenes Licht spendende Schwibbogen vermag den Rest des Zimmers kaum zu erhellen. Doch das ist auch nicht nötig. Leise spielt Musik und untermalt die ruhige und besinnliche Atmosphäre, die ich mir geschaffen habe und mit der es mir gelingt, all den Trubel auszublenden, der von der dem Jahreswechsel entgegenfiebernden Welt vor meinen Fenstern veranstaltet wird.

Das vierte Jahr in Folge halte ich es nun schon so. Es ist eine mir inzwischen lieb gewordene kleine Tradition, das Ende des Jahres allein und zurückgezogen zu begehen und leicht in das neue Jahr hinüberzugleiten. Sanft und ohne raschen Rutsch. Ganz in Ruhe.

Das Besinnliche nehme ich dabei gern wörtlich: mich besinnen auf das, was im vergangenen Jahr gewesen ist und was ich erreicht habe. Und auch, was nicht.

Ich nehme mir vor, achtsamer mit meiner Zeit umzugehen. Sie gleichermaßen bewußt zu nutzen und bewußt zu verschwenden – kurz: sie bewußt zu leben. Jedenfalls mehr als bisher.

So hatte ich es zum Ende des vorigen Jahres formuliert. Und natürlich, die Frage steht im Raum: Habe ich das erreicht? Ja? Nein? Gar nicht so leicht zu beantworten. Zumindest nicht, wenn es nicht oberflächlich sein soll. Mal sehen.

Zunächst einmal kann ich feststellen, daß mir zu der gewählten Überschrift dieses Textes „Und wieder ist ein Jahr vorüber…“ – ja, die stand tatsächlich als erstes fest – nicht wie im letzten Jahr sofort die Frage „Hatte das nicht gerade eben erst angefangen?“ und gleich danach der Satz „Das kann doch unmöglich schon wieder vorbei sein.“ eingefallen sind. Und tatsächlich, wenn ich so über das vergangene Jahr nachdenke, dann habe ich nicht den Eindruck, daß die Zeit einfach so verronnen ist. Und das liegt zu einem nicht geringen Teil daran, daß ich in der Folge meiner letztjährigen Überlegungen zu diesem Thema begonnen habe, mir Gedanken zu machen. Gedanken darüber, was falsch läuft in meinem Leben. Und was richtig. Was mir wichtig ist. Und auch, was nicht.

In der Folge dessen habe ich einige Dinge neu bewertet. Ganz persönlich. Für mich. Womit möchte ich meine Zeit verbringen? Und womit verbringe ich sie tatsächlich?

Als ich begann, darüber nachzudenken, landete ich unweigerlich bei meinem Job. Meiner beruflichen Tätigkeit. Wie stand es damit? Die Arbeit eines Softwareentwicklers ist, was ich gelernt habe und was ich seitdem ohne Unterbrechung ausübe. Dabei ist die Idee einer Karriere für mich völlig irrelevant. Und das kann ich so sicher sagen, weil ich sie ausprobiert habe. Wie so viele andere auch habe ich als Softwareentwickler begonnen und bin den Weg ins Management gegangen. Doch nach einer Weile bin ich umgekehrt. Das war es nicht, was mich interessierte. Was mir wirklich Spaß macht, worin ich gut bin, ist etwas völlig anderes. Für ein echtes Problem eine Software zu entwickeln, die es löst, ist etwas, das unglaublich erfüllend sein kann. Es beginnt bereits bei der Analyse des Problems, wenn sich Erkenntnis aufbaut und man beginnt zu verstehen, worum es geht. Es setzt sich fort, wenn man dann den kreativen Schritt macht und eine Lösung entwirft. Hier ist Kreativität gefragt. Man tritt ein in den Zyklus aus Idee, Ausprobieren, Verwerfen, Von-vorn-beginnen mit einer neuen Idee. Und hat man dann endlich einen Ansatz gefunden, der funktionieren kann, arbeitet man ihn aus und entwickelt ihn zur fertigen (Software-)Lösung. Und all das tut man nicht allein, sondern gemeinsam mit anderen. Man tauscht Ideen aus, man diskutiert, mal streitet man auch. Aber nichts geht über das wunderbare Gefühl, wenn man gemeinsam, auf Augenhöhe miteinander arbeitend, etwas geschaffen hat.

Aber was lief dann falsch? Wenn ich doch die meiste Zeit Software entwickelte und mir das Spaß machte, warum hatte ich dennoch immer öfter das Gefühl, daß meine Zeit verstrich, ohne daß ich sagen konnte, wo sie denn geblieben war? Und warum blieben so viele meiner persönlichen Interessen unbeachtet, so viele meiner persönlichen Vorhaben ungetan? Ich kam zu dem Schluß, daß ich offenbar dazu übergegangen war, meine Prioritäten mit den Jahren völlig falsch zu setzen. Beginnt man wie ich als Softwareentwickler in einem kleinen, aufstrebenden Unternehmen, scheint diese Tätigkeit das Wichtigste der Welt zu sein, in das man all seine Zeit investiert. Selbst dann, wenn es nicht die eigene Firma und man nur angestellt ist. Es ist wie ein eigenes Werk, ein Baby, das man voranbringen will. Und so waren Überstunden zwar an der Tagesordnung, doch ich nahm sie gern in Kauf, konnte ich doch die erreichten Ergebnisse sehen, die ja irgendwie auch meine waren. Beginnt man dann den Weg ins Management, scheint dieselbe immense zeitliche Investition erforderlich, erst recht, wenn man seine Arbeit ernst nimmt und das Beste erreichen will. Es ändert sich nur der Grund dafür. Doch arbeitete ich mittlerweile weder in einem kleinen, aufstrebenden Unternehmen noch war ich auf der Management-Karriereleiter unterwegs. Und dennoch hatte ich, was meine Zeit betraf und wie ich sie investierte, einfach so weitergemacht wie vorher. Daß meine beruflichen und meine persönlichen Interessen und Projekte nicht vollständig deckungsgleich waren, daß also mein Beruf mir zwar Spaß machte, aber nicht meinen einzigen Lebensinhalt bildete, war mir auf meinem Weg durch mein Arbeitsleben irgendwie aus dem Blick geraten.

Doch nun, wo mir das klar geworden war, gab es keinen Grund mehr, einfach so weiterzumachen wie bisher. Beruf und Persönliches mußten wieder in die richtige Balance. Und so fällte ich die Entscheidung, die Zeit, die ich meinem Beruf zukommen ließ, zu verkürzen. Dabei beließ ich es nicht mit dem Vorsatz, einfach weniger oder keine Überstunden mehr zu machen. Ich ging einen radikaleren Schritt und entschied, nur noch vier Tage in der Woche zu arbeiten. Ein Entschluß, den ich bis heute nicht bereut habe.

In der Folge hat sich einiges für mich verändert. Was meinen Beruf betrifft, habe ich sogar den Eindruck, deutlich produktiver als vorher zu sein. Wichtig ist bei einem solchen Schritt natürlich, daß man nicht versucht, die Arbeit von fünf Tagen an vieren zu schaffen. Die Umstellung auf eine Vier-Tage-Arbeitswoche hat mich auch im Job dazu gebracht, wesentlich bedachter auszuwählen, welchen Aufgaben ich mich widme und welchen nicht. Es war ein äußerst wichtiger Lernschritt für mich zu erkennen, wie unglaublich produktivitätssteigernd ein zur rechten Zeit geäußertes Nein sein kann. Und wenn man nach eigenem Gefühl die richtige Balance zwischen Arbeit und Persönlichem erreicht hat, investiert man seine Zeit und Fähigkeiten viel bewußter in die aktuelle Tätigkeit, weil man überhaupt erst einmal in der Lage ist, darüber nachzudenken, was wichtig ist und was nicht und wann der beste Zeitpunkt ist, eine übernommene Aufgabe zu erledigen. Nach meinem Eindruck schaffe ich in den vier Tagen pro Woche in meinem Job jetzt sogar mehr als vorher in fünfen, ohne daß ich deshalb das Gefühl habe, mich zu übernehmen.

Und auch außerhalb des Jobs kam es zu deutlichen Verbesserungen in meinem Leben. Klar, ich hatte mehr Zeit. Doch das allein macht ja noch nichts besser. Es kommt darauf an, sie bewußt einzusetzen. Ich schreibe hier absichtlich nicht „sinnvoll nutzen“. Denn mir kommt es nicht darauf an, meine neu gewonnene Zeit zu rationalisieren. Wichtig ist mir, sie bewußt für das zu verwenden, was für mich gerade wichtig und erforderlich ist. Das kann ein Projekt sein, daß ich umsetzen, ein Ziel, das ich erreichen will. Das kann aber auch bewußte Verschwendung sein, wenn die Seele danach verlangt. Tagträumen, müßiggehen, bummeln, nichts erreichen müssen. Für von allem ein bißchen habe ich mir im vergangenen Jahr Zeit genommen: für einen vergleichsweise spontanen Ausflug nach Nürnberg an einem verlängerten Wochenende; für einen Urlaub im schönen Wien, wohin ich immer schon einmal wollte, und für einen anderen im Schwarzwald, wo ich vor Jahren schon einmal war, woran ich mich aber kaum noch erinnern konnte; für die Fertigstellung einer schon lange geplanten vierteiligen Artikelserie über die Spittelkolonnaden auf meiner Website Anderes.Berlin; für die Recherche zu einer weiteren, an der ich gerade noch arbeite; für die Zusammenstellung einer Spotify-Playlist mit epischer Musik, unglaublich motivierend bei allen möglichen Gelegenheiten; für die Wiederaufnahme meiner brachliegenden Mitgliedschaft im Fitneßstudio – Sport macht Spaß, Sport macht Spaß, Sport macht Spaß…

Unglaublich befreiend ist auch das Abwerfen von Ballast. Im wahrsten Sinne des Wortes. Stimmt die Balance im Leben nicht, neigt mancher zur Kompensation. Was durchaus eine gewisse Zeit funktionieren kann. Erst recht, wenn man gerne Dinge sammelt. Bücher, CDs, Schallplatten. Oder Star-Trek-Raumschiffmodelle. Deren Anschaffung kann eine gute Kompensation sein. Für eine Weile. Bis man das Gefühl hat, daß sie einen erdrücken und die Balance zusätzlich durcheinanderbringen. Dann sollte man sie dringend loswerden. Was plötzlich sehr einfach wird, wenn man seine Balance wiederfindet, wie ich in diesem Jahr ebenfalls feststellen konnte.

Ich nehme mir vor, achtsamer mit meiner Zeit umzugehen. Sie gleichermaßen bewußt zu nutzen und bewußt zu verschwenden – kurz: sie bewußt zu leben. Jedenfalls mehr als bisher.

Und? Habe ich das nun erreicht? Ich meine, in diesem Jahr ist mir dafür ein recht guter Anfang gelungen. Und bedenke ich es recht, ist dieses Vorhaben keines, bei dem man an irgendeinem Punkt im Leben sagen kann: Jetzt habe ich es geschafft. Weiter geht es nicht. Vielmehr ist es eine Haltung, eine Einstellung zum Dasein. Seine Zeit bewußt zu leben – das ist ein Vorhaben, das man jeden Tag umsetzen muß. Und dafür muß man es jeden Tag auf’s Neue in Angriff nehmen.

In diesem Sinne wünsche ich Euch allen ein gesundes neues Jahr 2020. Setzt die Zeit, die Ihr habt, so bewußt ein, wie Ihr könnt.

Ist doch nur ein Blogartikel… – Ein Blick hinter den Vorhang

Fertig ist sie, meine Beitragsserie über die Geschichte der Berliner Spittelkolonnaden. Vier einzelne Beiträge, jeweils zu einer einzelnen Periode aus der Geschichte dieses schönen Bauwerks, dazu eine umfassende Fotogalerie mit historischen Aufnahmen und aktuellen Bildern – alles das ist nun auf der Website meines Berlin-Projektes Anderes.Berlin zu finden.

Das war ein ganz hübsches Stück Arbeit. Angefangen von zahllosen Samstagen, die ich in der Abteilung für Berlin-Studien der Zentralen Landesbibliothek zugebracht habe, um zu recherchieren und Informationen zusammenzutragen, über viele, viele Stunden Online-Recherche, um weitere Daten und Fakten zu finden, bis hin zum Schreiben der Texte für die einzelnen Artikel, war ich wenigstens ein halbes Jahr damit befaßt – Zeit, angefüllt mit dem Aufstöbern und Studieren einzelner, kleinerer und größerer Zeitungsartikel, dem Lesen von Büchern, dem Durchsuchen von Bibliothekskatalogen, dem Sitzen in Lesesälen öffentlicher Bibliotheken, dem Durchsuchen des Internets, dem Notieren jedes noch so winzigen Fakts, dem buchstabengetreuen Abschreiben wichtiger Zitate, dem zeitlichen Ordnen der Fakten, dem Protokollieren jeder benutzten Quelle und so weiter und so fort. Besonders spannend wird es, wenn solche Quellen einander widersprechen. Welche Aussage stimmt? Was ist wahr, was falsch? Gibt es weitere Quellen, bestenfalls sogar schriftliche Zeugnisse aus der betreffenden Zeit selbst? All das macht wahnsinnig Spaß und erinnert manchmal an Detektivarbeit.

Als ich dann alle Fakten und Informationen gesammelt hatte, ging es an’s Schreiben. Nun mußte ich all die Daten und einzelnen Geschichtchen zu einem großen Ganzen zusammenbringen,  zu einer zusammenhängenden, unterhaltsamen und möglichst spannenden Geschichte. Eine Herausforderung! Ich wollte bei der Beschreibung historischer Zusammenhänge und Abläufe die stets damit verbundene Gefahr bannen, daß der Text zu trocken gerät, sich zu sehr auf die Aneinanderreihung der Fakten konzentriert und es versäumt, eine Geschichte zu erzählen. Doch wie stellte ich das am besten an? Nach einiger Überlegung verfiel ich auf die Idee, jedem der vier Artikel eine kleine Geschichte voranzustellen. Eine Geschichte, die nicht nur mit dem Gegenstand der Beitragsserie, den Spittelkolonnaden, zu tun hatte, sondern auch den jeweiligen Zeitraum jedes Artikels näher illustrierte. Eine Geschichte, die ich mir jeweils ausdachte, die aber dennoch so oder so ähnlich passiert sein könnte. Ob mir all das gelungen ist oder nicht, möge jeder Leser der Beitragsreihe selbst beurteilen. Mir hat es auf jeden Fall sehr viel Spaß gemacht, sie zu schreiben.

Nun war das geschriebene Wort also fertig. Doch das war ja erst der Inhalt. Solch eine Artikelserie lebt aber nicht vom Text allein. Wer will schon eine Webseite lesen, die wie eine einzige Bleiwüste daherkommt, zumal, wenn es um historische Ereignisse und Orte geht? Da müssen Illustrationen her, die das im Text Erzählte visualisieren. Darstellungen aus der Vergangenheit und, wenn wie in diesem Fall das Bauwerk noch existiert, auch aus der Gegenwart machen den Text lebendiger, nachvollziehbarer und damit letztlich interessanter. Während das für aktuelle Aufnahmen noch relativ einfach ist, für die ich nur eine kleine Fototour unternehmen, das Bauwerk fotografieren, die Bilder bearbeiten und auf die Website laden muß, stellt sich das für historische Aufnahmen schon deutlich schwieriger dar. Gibt es überhaupt welche? Und wenn ja, wo sind diese zu finden? Wieder waren viele Stunden Suche und Recherche vergangen, bis ich schließlich für jede einzelne Periode der Geschichte der Spittelkolonnaden ansprechende Darstellungen – Zeichnungen und Fotografien – gefunden hatte.

Die Berliner Spittelkolonnade
Die Spittelkolonnade in der Leipziger Straße
Fotograf: Alexander Glintschert (2019),
Creative Commons Lizenzvertrag

Doch damit war es nicht getan. Während ich meine eigenen Fotos ohne Probleme auf meiner Website verwenden kann, ist das für historische Bilder nicht so einfach. Da gilt es, das Urheberrecht zu beachten. Nicht alles, was man so findet, ist auch frei verfügbar. Auch nicht, wenn man es im Internet aufstöbert. Also setzte sich die Recherchearbeit fort. Diesmal ging es darum, für jedes einzelne Bild herauszufinden, wer es aufgenommen hatte und wann, ob es noch urheberrechtlich geschützt ist und wenn ja, wer die Rechte daran besitzt. Gerade der Zeitraum vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis heute ist da immer problematisch. Fotografien aus dieser Zeit sind einfach noch nicht alt genug, um bereits gemeinfrei zu sein. Hier gilt es herauszufinden, ob die Urheber, also die Fotografen, noch am Leben sind oder nicht. Sind sie es nicht, ist wichtig zu wissen, wann sie verstorben sind. Ist das bereits mehr als 70 Jahre her? Und selbst wenn das der Fall ist, gibt es eventuell noch andere Personen, die ebenfalls noch Rechte an der Aufnahme haben? Ein Gemälde kann beispielsweise gemeinfrei sein. Will ich jedoch ein Foto dieses Gemäldes verwenden, kann der Fotograf wiederum Urheberrechte beanspruchen, die ich beachten muß. Es ist kompliziert.

Als ich dann endlich für jedes Bild, das ich verwenden wollte, alle entsprechenden Informationen zusammenhatte, kam der nächste Schritt, denn natürlich waren nicht alle Bilder, die ich gefunden hatte und verwenden wollte, für mich so ohne weiteres nutzbar. Nun mußte ich die einzelnen Rechteinhaber anschreiben und um die Genehmigung für die Verwendung der Bilder bitten. Erfreulicherweise waren fast alle bereit, mir die Bilder für die Verwendung auf meiner Website zur Verfügung zu stellen. Danken möchte ich in diesem Zusammenhang besonders dem Bildarchiv Foto Marburg und der Stiftung Stadtmuseum Berlin, die mir einige sehr schöne und für meine Artikelserie wichtige Bilder kostenfrei zur Verfügung gestellt haben. Ich habe mich sehr gefreut, daß sie auf diese Weise mein Projekt unterstützen wollten. Für ein aus reiner Liebhaberei betriebenes, nicht kommerziell orientiertes und werbefreies Website-Projekt ist es nicht so einfach, die entsprechenden Kosten, die beispielsweise durch die nicht eben geringen Gebühren verschiedener Bildarchive entstehen können, finanziell aufzubringen.

Nun hatte ich also die Texte und ich hatte die Bilder. Jetzt galt es, all dies zusammenzubringen und möglichst ansprechend zu gestalten, damit lesenswerte Artikel daraus entstehen konnten. Auch das ist natürlich wieder eine ganze Menge Arbeit gewesen, trotz der technischen Unterstützung durch eine entsprechende Software zur Entwicklung, Gestaltung und Pflege von Websites. Bis die vier Beiträge nach und nach fertig und veröffentlicht waren, verging noch einmal ein gutes Vierteljahr. Doch nun ist es vollbracht. Viel Zeit und viel Arbeit waren also das Resultat. Aber, und das ist für mich das Wichtigste überhaupt, auch viel Spaß und Freude!

Nun war ja diese Artikelserie zu den Spittelkolonnaden nicht meine erste. Ich habe in der Vergangenheit ja schon einige Artikel auf Anderes.Berlin veröffentlicht. Warum also schreibe ich hier darüber?  Wozu noch dieser Blogbeitrag?

Nun, zum einen wollte ich allen, die es vielleicht interessieren mag, einmal einen kleinen Einblick geben, was es bedeutet, eine solche Artikelserie zu verfassen, zu gestalten und ins Leben, also online zu bringen. Zum anderen aber hat diese spezielle Artikelserie zu den Berliner Spittelkolonnaden für mich einen besonderen Stellenwert. Denn die Säulengänge des Carl von Gontard begleiten mich schon eine recht lange Zeit meines Lebens. Und das nicht nur, weil ich als Kind und Jugendlicher in der Leipziger Straße gewohnt und in der Gegend zur Schule gegangen bin, so daß ich auf meinem Schulweg tagtäglich an dem steinernen Halbrund vorüberkam.

Es begann, als ich in der fünften Klasse und gerade neu an die 18. Polytechnische Oberschule „Reinhold Huhn“ gekommen war, eine der beiden Schulen, die damals für das Wohngebiet rund um die Leipziger Straße zuständig waren. Um bei uns Kindern das Interesse für unsere nähere Umgebung und ihre Geschichte zu wecken und gleichzeitig gemeinschaftliches Arbeiten an einem gemeinsamen Projekt zu lernen, vergaben die Lehrer an jede Klasse einen Forschungsauftrag. Ziel war die selbständige Erforschung eines historischen Ereignisses, das sich in unserer Wohngegend ereignet hatte, oder der Geschichte eines Bauwerks, das sich im Umfeld unserer Schule befand. Unsere Klasse bekam den Auftrag, die Geschichte der Spittelkolonnaden zu erforschen, die erst wenige Jahre zuvor in der Leipziger Straße wiedererrichtet worden waren. Dafür wurde in unserer Klasse eine sogenannte Forschungsgruppe eingerichtet, die aus mehreren Schülern bestand und die an dem Forschungsauftrag arbeiten sollte. Heute würde man das vielleicht Projektgruppe nennen. Und weil man damals der Meinung war, daß jede Arbeitsgruppe auch einen Leiter braucht, wurde einer der Schüler dazu bestimmt. Warum unsere Klassenlehrerin dabei auf die Idee verfiel, daß ich das sein sollte, der ich doch gerade erst neu in der Klasse war und noch kaum jemanden wirklich kannte, ist für mich immer ein  Geheimnis geblieben.

Nun, das mit der Projektgruppe hat nicht so geklappt, wie es sollte. Weder haben wir als Arbeitsgruppe wirklich funktioniert (das Leiten lag mir wohl noch nie so recht), noch ging ohne Anleitung durch einen Lehrer das Konzept, mit dieser Maßnahme bei den Schülern ein breites Interesse für Stadtgeschichte und ihre nähere Umgebung zu wecken, wirklich auf. Letztlich hat sich niemand in der Klasse für den Forschungsauftrag wirklich begeistert. Wirklich niemand. Außer mir. Für mich war das eine ziemlich spannende Angelegenheit. Und so trug ich allerlei Informationen über die Spittelkolonnaden und ihre Geschichte zusammen und lieferte das Ergebnis ab – für die Klasse, versteht sich. Was ich da im einzelnen alles herausfand und zusammengefaßt darstellte, entzieht sich heute leider meiner Erinnerung. Was ich jedoch noch sehr gut weiß, ist, daß ich in Bezug auf die Klasse zwar der einzige war, der an dem Projekt arbeitete, daß ich dabei jedoch keinesfalls allein war. Denn wer mich dabei massiv unterstützte, waren meine Eltern. Durch sie lernte ich, wie man an so eine Aufgabe, bei der man am Anfang nur die Zielsetzung kennt und keine Ahnung von der Materie hat, herangeht.  Für diese und all die andere Hilfe, die ich von ihnen immer erfuhr, bin ich ihnen stets dankbar.

So ist auf diese Weise mit den Spittelkolonnaden meine erste eigene Arbeit zur Geschichte eines Berliner Bauwerks verknüpft. Mit ihnen wurde mein Interesse für die Geschichte meiner Heimatstadt Berlin geweckt, das mich seitdem nicht mehr losgelassen und letzten Endes – viele Jahre später – zu meinem Webprojekt Anderes.Berlin geführt hat. Und so ist es nur angemessen und auch folgerichtig, daß ich den Spittelkolonnaden nun endlich auch eine eigene umfassende Artikelserie auf Anderes.Berlin gewidmet habe. Es wurde Zeit dafür.

A good traveller has no fixed plans and is not intent on arriving. (Lao Tzu)

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