Von Berlin nach Auckland

Dieser Beitrag ist Teil 1 von 9 der Beitragsserie "Reise nach Neuseeland & Singapur"
Wie ich von Berlin über Singapur nach Auckland reiste

Es war im Februar des Jahres 2015, als das Fernweh wieder einmal die Oberhand bekam und ich ihm nicht länger widerstehen konnte, so daß ich mich gemeinsam mit einem Freund auf den Weg machte – auf den Weg hinaus in die weite Welt. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Denn dieses Mal ging es nicht einfach nur in die Weite. Nein. Dieses Mal hatten wir uns nichts weniger vorgenommen als das andere Ende der Welt. Genauer gesagt, zog es uns nach Aotearoa – ein Land, von dem man sagt, daß es entstanden sei, als Gott, nachdem er mit der Erschaffung der Welt fertig war, beschloß, noch ein weiteres Fleckchen Erde zu formen. Eines, das besonders schön werden sollte. Also nahm er von den wunderbarsten Orten der Welt je ein Stück und fügte alle diese Fragmente zusammen… Herausgekommen ist Aotearoa, auch bekannt als Neuseeland.

Nun, von den Māori-Legenden über die Entstehung dieses schönen Fleckchens Erde dürfte diese Geschichte wohl bedeutend abweichen. Für mich war sie aber insofern von großer Bedeutung, als ich schon so viel über die Schönheit dieses Landes gehört hatte, daß ich es mir unbedingt selbst einmal ansehen wollte. Also machte ich mich – machten wir uns – auf, es einmal zu besuchen. Was wir dort zu sehen bekamen und erlebten, davon will ich hier berichten. Denn – soviel darf ich wohl an dieser Stelle bereits verraten – ich wurde in meinen Erwartungen absolut nicht enttäuscht.

Der Abend vor der Abreise
Zwei Rucksäcke – ein großer und ein kleiner – kamen mit auf die Reise. Immerhin sollte die mehr als vier Wochen dauern.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Alles beginnt, wie sollte es auch anders sein, schon Wochen vorher mit zahllosen Reisevorbereitungen, von denen das Packen der auf die Reise mitzunehmenden Sachen die allerletzte ist. Das Buchen der Flüge war schon Monate vorher vonstattengegangen. Später folgte unter anderem das Besorgen ärztlicher Atteste für mitzuführende Medikamente – bei Reisen über Singapur weiß man ja nie. Dort steht auf Drogenhandel die Todesstrafe. Nun habe ich keineswegs vor, dieser Betätigung nachzugehen, doch ich muß aus gewissen Gründen einige benötigte Medikamente mitführen. Diese sind zwar nun keine Drogen, doch wer will sich am Flughafen schon auf entsprechende Diskussionen einlassen, wenn das Gepäck doch einmal kontrolliert wird und die Medikamente dort nicht bekannt sind? Daher gehe ich lieber auf Nummer sicher und habe mir für alles, was ich mitführen will, eine ärztliche Bescheinigung ausstellen lassen.

Reiseführer kaufen, sich mit geeignetem, robustem Schuhwerk für alle Wetter- und Bodenlagen ausstatten, einen Steckdosenadapter besorgen – das sind nur einige der weiteren Vorbereitungen, die ich im Laufe der Monate vor der Reise getroffen hatte, die aber auch die Vorfreude Stück für Stück steigerten, bis ich es schließlich kaum noch erwarten kann, daß es endlich losgeht. Punkt für Punkt hatte ich meine Vorbereitungsliste abgearbeitet.

Und dann ist er da – der Abend vor der Abreise. Alles ist bereit, wie das Foto vom gepackten und in den sprichwörtlichen Startlöchern stehenden Rucksack dokumentiert. Mit Mühe schlafe ich noch ein paar Stunden, denn erfahrungsgemäß wird mir das im Flugzeug nicht gelingen.

Am Morgen des 15. Februar 2015 geht es dann mit dem TXL-Bus zum Flughafen Tegel. (Ja, der war damals noch in Betrieb!) Dort angekommen, verpacken wir die Rucksäcke in eigens dafür erworbene Hüllen, damit sie beim Transport keinen Schaden nehmen. Die vielen Schnüre und Riemen sollen sich schließlich nirgendwo verfangen… Dann heißt es, sich in die Schlange am Check-In-Schalter stellen und – warten. Langsam vorrücken. Wieder warten. Den Rucksack ein Stück vorschieben. Und weiter warten. Dann sind wir endlich an der Reihe. Rucksack auf’s Band, Reisepaß vorzeigen, in Augenschein genommen werden, ja, alles ok. Bitteschön, hier ist Ihr Ticket, guten Flug. Danke. Wiedersehen.

Weiter geht’s. Nächste Station: Personenkontrolle. Alles Metallische ablegen, in eine Schale packen, Handgepäck dazulegen und zum Durchleuchten geben. Ich selbst trete durch den Personenscanner. Natürlich jault der auf. Tja, die Metallösen kann ich nun wirklich nicht von meinen Schuhen entfernen. Jedenfalls nicht, ohne sie komplett zu zerstören. Und dazu bin ich nun wirklich nicht bereit. Glücklicherweise muß ich das auch nicht. Alsbald gleitet der Handscanner vor mir auf und ab. Ok, es sind wohl wirklich nur die Schuhe. Ausziehen, bitte! Oh Mann, die nehmen es aber genau. Also aufschnüren, ausziehen, nochmal auf Strümpfen scannen lassen. Ja, es sind wirklich die Schuhe, die den Scanner so erregen. Danke, das war’s. Sie können sich wieder anziehen.

Dann habe ich’s hinter mir. Ich lege alles Abgelegte wieder an, packe meine Siebensachen zusammen und gehe auf die Suche nach einem Sitzplatz im Warteraum am Gate. Halt, Ticket nicht vergessen. Das liegt noch in der Schale.

So, endlich sitzen. Aber nicht lange, denn der Flug geht erfreulicherweise pünktlich. Noch einmal wird das Ticket kontrolliert, wir gehen durch den Korridor zum Flugzeug und suchen unsere Plätze. Ein Fensterplatz ist dabei, wie schön.

Über den Wolken
Über den Wolken strahlt die Sonne in grenzenloser Weite. Durch ein Loch in der Wolkendecke ist eine bergige Landschaft zu sehen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Unser Flugzeug setzt sich pünktlich in Bewegung, rollt zur Startbahn, beschleunigt und hebt ab. Jetzt sind wir wirklich unterwegs. So langsam wird’s wirklich real. Als wir kurz darauf in die dichte Wolkendecke eintauchen, ist draußen erstmal gar nichts mehr zu sehen. Ein paar Augenblicke später ist die Nebelwand, die wir vor dem Fenster zu haben schienen, verschwunden und die Sonne strahlt aus einem blauen Morgenhimmel zum Fenster herein. Unter uns sinkt die Wolkendecke immer tiefer. Bis zum Horizont ist sie völlig blickdicht, so daß von der Erde gar nichts zu sehen ist. Doch auch so ist der Ausblick interessant genug. Mal scheinen wir eine Daunendecke unter uns zu haben, dann bilden die Wolken eine völlig plane Ebene. Wenig später meint man, eine Eislandschaft unter sich zu sehen. Ein faszinierender Anblick. Schließlich reißt die Wolkendecke doch noch ein wenig auf und wir blicken auf die Erde hinab.

Als wir nach etwa fünfzig Minuten Flugzeit in Frankfurt am Main landen, ist es heller Tag. Wir haben zwei Stunden Aufenthalt und damit genug Zeit, zum Gate unseres Anschlußfluges zu gelangen. Dort angekommen, suchen wir uns zwei Plätze und laden unser Handgepäck ab. Dann besichtigen wir schon mal unser Flugzeug. Einen A 380 sieht man ja schließlich auch nicht alle Tage. Und was soll ich sagen: ein ganz schönes Geschoß ist dieser Airbus der Singapore Airlines. Wenn man ihn sich so ansieht, so schwer und massiv, möchte man kaum glauben, daß dieses Flugzeug in der Lage sein soll, sich auch nur einen halben Meter vom Boden zu erheben.

Wie wir kurz darauf erfahren, müssen wir auf den Beweis, daß es das ganz ohne Probleme schafft, etwa zwei Stunden länger warten als geplant. Unsere Maschine ist aus New York mit Verspätung eingetroffen, was uns einen verlängerten Aufenthalt im Warteraum am Gate verschafft. Damit uns der nicht langweilig wird, hat sich das Personal etwas Besonderes für uns einfallen lassen. Während wir auf unseren Plätzen sitzen, die wir nach der kurzen Flugzeugbesichtigung wieder eingenommen haben, und uns unterhalten, höre ich von irgendwo plötzlich meinen Namen. Ich schaue mich um, kann aber nicht ausmachen, von wo. Gerade will ich mich wieder unserem Gespräch widmen, da höre ich ihn erneut. Eine Lautsprecherdurchsage bittet mich namentlich an einen der Schalter zwecks Klärung einer Formalität. Als wir dort eintreffen, müssen wir noch ein bißchen Schlangestehen, denn ich bin nicht der Einzige, den sie hier näher kennenlernen möchten. Also warten wir, bis uns einer der Beamten am Schalter zu sich winkt. Wir sind gespannt, was er will. Er läßt uns darüber auch nicht lange im Unklaren.

Nach Prüfung unserer Unterlagen ist ihm unsere Reiseplanung nicht geheuer. Ob es richtig sei, daß wir nach Auckland fliegen?
Wir bejahen.
Wir hätten aber keinen Rückflug gebucht.
Doch, aber von Christchurch.
Glücklicherweise habe ich unsere gesamte Flugplanung ausgedruckt und im Handgepäck dabei. Ich zeige sie ihm.
Er scheint weiterhin beunruhigt. Wir hätten doch aber gar keinen Flug von Auckland nach Christchurch gebucht.
Wir schauen uns an, nun unsererseits verwirrt. Warum ist das ein Problem?
Wie wir denn dann von Auckland nach Christchurch gelangen wollen, will er von uns wissen.
Meint er das ernst?
Offenbar ja. Also setzen wir ihm auseinander, daß wir auf einer Urlaubsreise sind, während der wir Neuseeland durchstreifen wollen. Ganze vier Wochen lang. Von Christchurch würden wir dann zurückfliegen.
Soso. Er ist noch nicht zufrieden. Es sei aber doch kein Flug in unserer Buchung vermerkt, der von Auckland nach Christchurch führe.
Richtig. Weil wir Neuseeland auch auf dem Land- und Seeweg durchstreifen wollen.
Es ist kompliziert.
Ob wir da was gebucht hätten.
Nein, eine genaue Planung oder Buchung haben wir dafür nicht. Wir sind quasi Rucksacktouristen. Ist das wirklich so schwer vorstellbar?
Es scheint so, denn er will es noch genauer wissen.
Wie wir denn den Weg genau zurücklegen wollen?
So langsam verliere ich die Geduld.
Per Bus, Bahn und Schiff! Vielleicht auch oder.

Die Diskussion zieht sich noch ein wenig, bis er und sein Kollege, den er zwischendurch noch hinzuzieht, unseren Versicherungen schließlich Glauben schenken, daß wir nicht vorhaben, in Neuseeland zu bleiben. Am Ende sind wir für die Verspätung unseres Fluges fast dankbar, denn ohne sie hätten wir ihn nach dieser Debatte am Ende vielleicht noch verpaßt.

So aber können wir schließlich einsteigen und unsere Plätze einnehmen. Wir haben wohlweislich Gangplätze gebucht, denn bei einem zwölf Stunden dauernden Flug ist Beinfreiheit um vieles mehr wert als ein Fensterplatz. Ich habe überdies das Glück, daß der Sitz neben mir freibleibt, so daß ich mehr als genug Platz habe und sogar meine Beine hochlegen kann. Beschäftigung gibt es genug, denn jeder Sitzplatz verfügt über einen eigenen Bildschirm, über den eine reichhaltige Film- und Musikbibliothek zugänglich sind. Auch Videospiele stehen zur Verfügung. Außerdem erhalten wir während des Fluges zwei Mahlzeiten, die jede auch einiges an Zeit beanspruchen. Dennoch sind zwölf Stunden nicht leicht herumzubringen, wenn man die ganze Zeit an seinem Platz sitzen muß und außer Medienkonsum nicht wirklich etwas zu tun hat.

Airbus A 380 am Flughafen Frankfurt/Main
Vor dem Start wird unser A 380 mit allerlei Dingen beladen, unter anderem unserem Gepäck und – ganz wichtig – leckerem Essen. Wer lange fliegt, muß schließlich auch essen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Der Tag neigt sich dem Ende und vor den Fenstern wird es dunkel. Das Licht im Flugzeug wird gedimmt und die meisten Fluggäste richten sich zum Schlafen ein. Mir ist das allerdings nicht vergönnt, weil ich im Sitzen nicht wirklich schlafen kann. So vertreibe ich mir die Zeit mit Filmen, Musik und Lesen. Nachdem ich mir drei Filme am Stück angesehen habe, kann ich keine bewegten Bilder mehr sehen. Sind wir nicht bald da? Ich schaue auf die Uhr. Knapp fünf Stunden sind vorbei. Das ist ja noch nicht einmal die Hälfte der Flugzeit! Oh Mann. Glücklicherweise darf man – in gewissen Grenzen – im Flugzeug herumlaufen. Weil aber alle schlafen, muß man das sehr leise und vorsichtig tun. Jetzt schätze ich meinen Gangplatz ganz besonders. Ich muß dafür niemanden hochscheuchen…

Den Rest der Zeit vertreibe ich mir mit Musik und Lesen, und schließlich doch noch ein oder zwei Filmen. Was will man machen… Die Stewardessen – ja, auf unserem Flug gibt es ausschließlich Stewardessen – sind nicht nur sehr bemüht, uns Fluggästen die Reisezeit so angenehm wie möglich zu machen, sie sind darin auch überaus erfolgreich. Keine Frage ist den jederzeit und zu jedermann freundlichen Damen zuviel, egal zu welcher nächtlichen Stunde sie auch gestellt wird. Kein Wunsch ist unpassend, er wird sofort erfüllt, wenn das nur irgendwie möglich ist. Ich fühle mich sehr gut aufgehoben.

Weil unser Flug in Richtung Osten geht, fliegen wir der Nacht oder der Sonne entgegen, wie man will. Aus diesem Grund fällt die Nacht mit reichlich sechs Stunden kürzer als gewöhnlich aus. Als vor den Fenstern der Tag anbricht, haben wir den Changi-Airport Singapur, unseren zweiten Zwischenstop, erreicht.

Nach so einem langen Flug erliegt man schnell der Illusion, man habe mit dem Erreichen von Singapur den größten Teil der Reise bereits hinter sich und von hier aus sei es ja nicht mehr so weit. Hält man sich jedoch vor Augen, daß man sich in Singapur immer noch auf der Nordhalbkugel befindet und die Flugzeit nach Auckland von hier aus weitere zehn Stunden beträgt, wird einem der Irrtum schnell bewußt. Glücklicherweise haben wir uns das bereits bei unserer Reiseplanung überlegt und wohlweislich beschlossen, nicht unverzüglich weiterzufliegen. Nach Singapur einreisen wollen wir jedoch auch nicht – die Zoll- und Einreiseformalitäten sind durchaus umfangreich, so daß wir sie für unseren Aufenthalt zwischen den Flügen nicht auf uns nehmen wollen. Doch der Changi-Airport ist nicht erst seit gestern das bedeutendste Luftfahrt-Drehkreuz in dieser Region der Welt. Auf Leute wie uns ist man hier – natürlich – bestens eingestellt. Und so bietet der Transitbereich des Flughafens jede Menge Unterhaltungsmöglichkeiten und auch wenigstens zwei Transithotels. In einem davon haben wir uns vorab ein Zimmer gebucht. So können wir die vierzehn Stunden bis zu unserem Anschlußflug mit einer Dusche, ein oder zwei Mützen Schlaf, einem reichhaltigen Mahl und einem Bummel über den Flughafen verbringen.

Letzteren beginnen wir im Terminal 2 im Enchanted Garden. Dieser wird seinem Namen mehr als gerecht, denn verzaubert scheint er wirklich zu sein. In riesigen Glasskulpturen, die in ihrer Form an Blumenbouquets erinnern, wachsen Blumen und Farne. In flachen Teichen tummeln sich bunte Koi-Karpfen zuhauf. Und als wir auf den Pfaden und Stegen langsam durch den Garten wandeln, ertönen rings um uns die verschiedensten Laute, die man sonst nur in freier Natur zu hören bekommt. Wie uns eine Tafel verrät, werden die durch versteckte Lautsprecher zu Gehör gebracht und durch Bewegungssensoren ausgelöst.

Im Orchideengarten im Changi Airport in Singapur
Der Orchideengarten im Terminal 2 des Changi-Airports ist eine wahrhaft exotische Pracht. Mehr als siebenhundert Orchideen in dreißig verschiedenen Arten erblühen hier.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Nicht weniger beeindruckend präsentiert sich ein Stück weiter der Orchideengarten. Mehr als siebenhundert Orchideen in dreißig verschiedenen Arten blühen hier. Ein wahrhaft farbenprächtiger Anblick. Gruppiert sind sie nach Farben und Formen, so daß sie die vier Elemente der Natur repräsentieren: Erde, Wasser, Feuer und Luft. Dabei stehen weiße Orchideen für das Element Luft. Seltene braune und grüne Orchideen, die auf baumartigen Skulpturen wachsen, stellen die Erde dar. Gigantische, kerzenförmige, mit Orchideen bewachsene Säulen symbolisieren das Feuer, während blaue und violette Orchideen das Wasser-Element bilden. Ich gebe zu, daß mir das beim Durchwandern des wunderschönen kleinen Areals nicht auffällt. Dafür bin ich viel zu sehr von der Schönheit der exotischen Blüten gefangen. Ich lese es später auf der Website des Flughafens.

Unsere Wanderung durch das Terminal 2 des Changi-Airports führt uns anschließend hinaus auf eine kleine Dachterrasse. Im darauf angelegten Sonnenblumengarten erblühen eine Vielzahl kleine Sonnen. Für die tropische Wärme, die uns hier entgegenschlägt, sind sie jedoch nicht verantwortlich. Diese geht auf das Konto ihrer großen Schwester über uns, die an diesem Tag unbestreitbar ihr Bestes gibt.

Auf einer kleinen Bank halten wir eine kurze Rast und schauen den Flugzeugen auf dem Rollfeld zu. Als wir schließlich wieder ins Innere des riesigen Terminal-Gebäudes zurückkehren, wird mir erst richtig bewußt, das dieses in Gänze klimatisiert ist. Für ein paar Augenblicke kommt es mir richtig kühl vor, doch das vergeht, als ich mich an die deutlich niedrigere Innentemperatur gewöhnt habe.

Wir schlendern zur Station des sogenannten Sky-Trains, einer automatischen Bahn, die die drei Terminals des Flughafens miteinander verbindet. Sie war einst das erste fahrerlose und vollständig automatisierte Personentransportsystem in Asien. Eine kurze Fahrt bringt uns hinüber zum Terminal 3, wo uns in der großen Halle ein Paar Ziegen begrüßt. Umgeben von bunten Blumen stehen sie auf einem Podest und schauen auf uns herab. Die beiden Tierskulpturen weisen unmißverständlich auf das am 19. Februar beginnende chinesische Jahr der Ziege hin.

Der Schmetterlingsgarten im Terminal 3 des Changi Airport in Singapur
Im Schmetterlingsgarten im Terminal 3 des Changi-Airports Singapur leben zwischen dreißig und vierzig Schmetterlingsarten.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Unser Ziel ist der Schmetterlingsgarten – der erste der Welt, der sich in einem Flughafen befindet. Es handelt sich dabei um ein kleines tropisches Habitat mit einem ebenso kleinen Wasserfall. Hier leben zwischen dreißig und vierzig Schmetterlingsarten, von denen zahlreiche Exemplare um uns herumflattern. Mit etwas Geduld können wir sie, als sie sich auf die Zweige der hier gedeihenden Pflanzen setzen, aus allernächster Nähe in Augenschein nehmen.

Gerne hätten wir uns noch mehr der zahlreichen Attraktionen des Changi-Airports angesehen. Verschiedene weitere Gärten mit Kakteen, Wasserlilien und zu Skulpturen geformten Bäumen sind neben Spas, Kinos und natürlich zahlreichen Geschäften nur einige der vielen Möglichkeiten, mit deren Hilfe man sich im Transitbereich dieses riesigen Flughafens die Zeit vertreiben kann. Doch inzwischen ist der Abend unseres zweiten Reisetages nähergerückt, und mit ihm auch der Startzeitpunkt unseres nächsten Fluges. Glücklicherweise sind wir im Terminal 3 bereits am richtigen Ort, so daß wir nur noch unser Gate finden müssen. Das ist aufgrund der exquisiten Beschilderung überhaupt kein Problem, und so sitzen wir alsbald wieder in einem Warteraum, bis unser Flug aufgerufen wird und wir an Bord des nächsten A 380 gehen. Und wieder habe ich Glück, denn auch hier bleibt der Platz neben mir leer. Ich möchte es fast für ein Geschenk des Himmels halten, in den wir gleich hinaufsteigen werden.

Kurz vor 21 Uhr und damit ganz pünktlich lösen wir uns vom Terminal, starten und fliegen in die Nacht hinein. Nun bin ich über die wenigen Stunden Schlaf, die ich im Transithotel genießen konnte, mehr als froh, denn mir steht ein weiterer Film-, Musik- und Lesemarathon bevor. Auf dem kleinen Monitor an meinem Platz werfe ich zwischendurch immer wieder einen Blick auf die Flugroute. Als wir Australien überfliegen, graut nach etwa sieben Stunden Flug vor den Fenstern langsam der Morgen und wir steuern auf Brisbane zu. Ein wenig fühlt es sich wie ein Wiederkommen an, denn hier war auf unserer vorangegangenen Australienreise unser erstes Ziel. Diesmal geht es jedoch noch ein ganzes Stück weiter, und so fliegen wir auf’s Meer hinaus. Es ist schon eine komische Vorstellung: wir hier oben in der leeren Luft, und unter uns nichts als die weiten Wasser der Tasmanischen See. Auf einmal kommt mir unser am Boden so riesig wirkendes Flugzeug wie eine winzige, uns umgebende Nußschale vor.

Von dieser Vorstellung werde ich jedoch alsbald abgelenkt, denn es gibt Frühstück. Als wir unsere Aufmerksamkeit schließlich wieder dem Fluggeschehen zuwenden können, haben wir bereits mit dem Anflug auf Auckland begonnen. Vor den Fenstern präsentiert sich uns bestes Wetter. Zwar tummeln sich zahlreiche Wolken im Blau des Himmels, von denen viele noch unter uns schweben, doch bieten sich uns genügend Möglichkeiten, Blicke auf den unter uns liegenden Planeten zu werfen. Wir gehen tiefer und tiefer und sehen doch immer noch nur Wolken und Wasser unter uns.

A 380 auf dem Auckland Airport
Wir verabschieden uns von unserem A 380, der uns so wohlbehalten hierher nach Auckland gebracht hat, mit einem letzten Blick. Dreiundzwanzig Stunden reine Flugzeit liegen hinter uns.
Fotograf: Alexander Glintschert (2015)
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Als ich schon anfange zu glauben, wir würden diesmal auf der Meeresoberfläche landen, taucht endlich doch ein Küstenstreifen zwischen den Wolken auf. Vor uns liegt Aotearoa. In der Sprache der Māori, Neuseelands Ureinwohner, bedeutet dies Land der langen weißen Wolke. Eine mündlich überlieferte Legende der Māori erzählt, daß die Tochter des Entdeckers Kupe, als sie am Horizont etwas Weißes entdeckte, „He ao!“ ausgerufen haben soll – „Eine Wolke!“ Sie hatte die Great-Barrier-Insel entdeckt, die die Māori bis heute Aoteo – Weiße Wolke – nennen. Als sie hinter dieser Insel eine weitere, um vieles größere Landmasse vorfanden, gaben sie dieser den Namen Aotea Roa.

Wir nähern uns der Nordinsel Neuseelands von Westen und treffen auf der Höhe des Kaipara Harbour auf die Küste. Unser Flugzeug beschreibt nun eine weite Schleife, um den Anflug auf Auckland zu bewerkstelligen. Dafür überfliegen wir die Nordinsel einmal von Westen nach Osten und überqueren – nun schon im Einzugsgebiet von Auckland – den Hauraki-Golf, wo wir die Inseln Rangitoto, Motutapu und Rakino Island von oben betrachten können.

Als unser Flugzeug schließlich auf der Landebahn des Flughafens von Auckland aufsetzt, sind nun auch wir hier angekommen. Ganze dreiundzwanzig Stunden reine Flugzeit liegen hinter uns, zu denen noch die Aufenthalte an den Flughäfen kommen. Daß wir uns nun auf der anderen Seite der Welt befinden, haben wir eindrücklich vermittelt bekommen. Doch so anstrengend es auch war – wir fiebern dem entgegen, was da draußen auf uns wartet. Das Flugzeug kommt zum Stehen, wir sammeln unser Handgepäck ein und reihen uns in die Schlange der am Ausgang wartenden Fluggäste. Dann öffnen sich die Flugzeugtüren – und das Abenteuer beginnt.

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Auf eiszeitlichen Spuren

Dieser Beitrag ist Teil 3 von 3 der Beitragsserie "Grüner Hauptweg Nr. 18"

Man sieht nur, was man weiß.

Wie wahr diese Aussage ist, konnte ich auf einer weiteren Wanderung auf dem Grünen Hauptweg Nummer 18, dem Inneren Parkring, selbst erfahren. Als ich sie unternahm, freute ich mich, auf einem Abschnitt dieses Rundwegs durch Berlin zu wandern, der mir ein reiches Angebot an Grünanlagen unterbreitete, durch die er mich hindurchführte. In der Zeit des goldenen Oktobers unterwegs, genoß ich die wärmenden Strahlen der Herbstsonne, die aus einem strahlend blauen Himmel auf mich herablächelte und es ganz offensichtlich gut mit mir meinte.

Vom Rathaus Schöneberg führte mich der Weg in den benachbarten Rudolph-Wilde-Park hinein, wo ich als erstes den goldenen Hirschen auf dem nach diesem Tier benannten Brunnen bewunderte – ein Werk des Bildhauers Georg August Gaul -, bevor ich mich aufmachte, den Park, ausgehend von dem kleinen Ententeich, in seiner ganzen Länge – besonders breit ist er ja nicht – zu durchwandern. Kaum merkte ich, daß ich auf der Höhe der Kufsteiner Straße in den Volkspark Wilmersdorf hinüberwechselte – die beiden Parks gehen nahtlos ineinander über. Daß der Volkspark aus drei Teilen besteht, entging meiner Aufmerksamkeit allerdings nicht, wird er doch zunächst von der Bundesallee durchschnitten, die ich über eine eigens dafür errichtete Fußgängerbrücke, den Volksparksteg, überqueren mußte, bevor er dann an der Blissestraße zunächst zu enden scheint, sich jedoch schließlich auf deren anderer Seite fortsetzt, wo er allerdings seinen Charakter gehörig wandelt, was er dem langgestreckten Fennsee verdankt. Daß ich an diesem Punkt meiner Wanderung bereits einen See hinter mir gelassen hatte, wußte ich zu diesem Zeitpunkt nicht. Und das lag – das möchte ich zu meiner Verteidigung erwähnen – nicht nur daran, daß ich von ihm keine Kenntnis besaß, auch nicht an mangelnder Aufmerksamkeit meinerseits, sondern schlicht an der Tatsache, daß es ihn zum Zeitpunkt meiner Wanderung seit bereits neunundneunzig Jahren nicht mehr gab. Man hatte ihn ab 1915 zugeschüttet.

Nun, der Fennsee war noch vorhanden, das konnte ich sehen, stand ich doch nun an seinem Ufer. Rechterhand erhob sich ein beeindruckendes Gebäude, das auf den ersten Blick als Schule zu erkennen war. Historische Schulbauten haben stets diesen gewissen Erkennungswert. Steht man vor einem von ihnen, entdeckt man meist sofort die große Aula – haben heutige Schulen so etwas eigentlich noch? Bei dem Gebäude hier am Fennsee war das nicht anders. Doch für diejenigen, denen der Charakter der Bildungseinrichtung dennoch entgehen sollte, prangte der Schriftzug „Friedrich-Ebert-Schule“ in großen Lettern über dem Eingang. Nicht so offensichtlich war hingegen die kleine Gedenktafel neben dem Portal. Sie erinnert an Mildred Harnack-Fish, eine Amerikanerin, die in den 1930er Jahren als Englischlehrerin an der ebenfalls in diesem Gebäude untergebrachten „Peter-A.-Silbermann-Schule“ tätig war, Berlins ältestem staatlichen Abendgymnasium. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Arvid Harnack und einigen ihrer Schüler gehörte sie zur Widerstandsgruppe der Roten Kapelle um Harnack und Harro Schulze-Boysen. Wie die anderen Mitglieder dieser Gruppe auch, wurde sie von den deutschen Faschisten verhaftet, zum Tode verurteilt und 1943 ermordet. Sie war die einzige amerikanische Zivilistin, die die Faschisten wegen des Widerstands gegen ihr Regime hinrichteten.

Mein Weg führte mich nun am Ufer des Sees entlang, bis ich an seinem anderen Ende die Stadtautobahn und Ringbahn erreichte. Verkehrswege dieser Größenordnung mögen für eine Stadt durchaus lebenswichtig sein, bei einer Wanderung sind sie gemeinhin weniger beliebt. Ich bildete da keine Ausnahme. Glücklicherweise konnte ich sie schnell überqueren, wobei mir eine weitere Fußgängerbrücke mit dem schönen Namen Hoher Bogen behilflich war. Daß man sie nach einem Höhenzug im Bayerischen Wald benannt hatte, erklärt man mir mit ihrer gewölbten Form. Nun, das mag stimmen. An der Ähnlichkeit der sie umgebenden Gegend, in der ich S-Bahn, Autobahn und Heizkraftwerk ausmachen konnte, mit den Bergen des deutschen Mittelgebirges kann es jedenfalls nicht liegen.

Nur schnell weiter. Auf der anderen Seite erreichte ich nach einiger Zeit einen weiteren See, an dessen Ufer ich meinen Weg fortsetzte. Im Schatten hoher Bäume ließ es sich gut wandern, der Hubertussee, wie das Gewässer hieß, lag im hellen Licht der Sonne ruhig neben mir, auf der anderen Seite waren mal mehr, mal weniger prachtvolle Villen mit weitläufigen Gärten zu sehen. Wer hier wohnte, hatte mit Sicherheit eine Menge Kleingeld auf dem Konto. In der Mitte des Sees zog eine kleine Insel an mir vorüber, und schließlich verengte sich der See und wurde zu einem Kanal. Hoch über mir führte eine Brücke über ihn hinweg. Von hier unten konnte ich prächtige Steinvasen und Obelisken ausmachen – die Brücke war mit Sicherheit schon einige Jahrzehnte alt. Heute, im Zeitalter der Zweckmäßigkeit und absoluten Kostenkontrolle, macht sich niemand mehr die Mühe, derartige Bauwerke mit dem Anstrich der Ästhetik und Schönheit zu versehen. Das war im ausgehenden 19. Jahrhundert, der Zeit, in der die nach Otto von Bismarck benannte Brücke errichtet wurde, noch anders. Heutige Brücken sind hingegen oft nicht viel mehr als ein überdimensionales Brett, über den zu überquerenden Einschnitt beziehungsweise Wasser- oder Verkehrsweg gelegt.

Hinter der Brücke verbreiterte sich der Kanal in einen weiteren kleinen Weiher mit dem schönen Namen Herthasee. Mein Weg am Ufer war allerdings hier zu Ende. Ich mußte hinauf zur Straße, die die Brücke überquerte. Oben angekommen entdeckte ich weitere Brückenkunstwerke. Mit Vasen und Obelisken hatte man es nicht bewenden lassen. Die Brückeneingänge zu beiden Seiten des Kanals wurden zusätzlich von je zwei steinernen Sphingen bewacht. Sehr hübsch. Es machte Spaß, ein wenig zu verweilen und sich all die künstlerischen Details an diesem Verkehrsbauwerk anzusehen, die übrigens alle von dem Bildhauer Max Klein geschaffen wurden. Derartige Dinge machen eine Stadt zu einem viel lebenswerteren Ort. Leider legt unsere sich für ach so rational und modern haltende Gesellschaft darauf überhaupt keinen Wert mehr. Das Ergebnis dürfen wir alltäglich in unseren Innenstädten bewundern, wo Neubauten nur dann gelungen scheinen, wenn sie sich an Langeweile gegenseitig überbieten und der Blick des Betrachters, an ihren Fassaden verzweifelt nach Halt suchend, von diesen abrutscht und auf dem Pflaster der Straße aufschlägt und zerschellt.

Parallel zum See ging es nun weiter mitten durch das Villenviertel. Weit war er nicht, der Weg. Schon nach vergleichsweise wenigen Schritten erreichte ich die Koenigsallee, auf deren gegenüberliegender Straßenseite hinter den Bäumen der Villengärten ein weiterer See blinkte – der Koenigssee. Einige Meter weiter stand ich dann an seinem Ufer.

Bis hierher hatte ich, sieht man einmal von der kurzen Unterbrechung durch Ringbahn und Stadtautobahn ab, eine schöne Wanderung durch grüne Parks und an idyllischen Gewässern entlang absolviert, stets achtend auf die kleinen Details am Wegesrand, die das Wandern in der Stadt so interessant machen. Und doch war mir etwas Wesentliches entgangen. Was ich für das alleinige Ergebnis wohlbedachter Stadtplanung zum Nutzen der Allgemeinheit gehalten hatte – die Anlage eines ausgedehnten Grünzuges quer durch die Stadt -, erwies sich beim nachträglichen Studium dessen, was ich da eigentlich gesehen und durchwandert hatte, als viel mehr. Natürlich waren die Parkanlagen, die Uferwege und die schön gestalteten Bauwerke durch entsprechende Planungen von Stadtvätern, Gartenbaudirektoren und Architekten entstanden. Doch der eigentliche Urheber dieses ausgedehnten Grünzuges war die Natur selbst. Wie ich nun erfuhr, hatte ich mich von meinem Startpunkt im Rudolph-Wilde-Park an auf den verbliebenen Resten einer eiszeitlichen Rinne bewegt. Mir war durchaus nicht entgangen, daß die Parks, die ich durchwanderte, tiefer als das umgebende Land lagen, doch die Bedeutung dessen hatte ich nicht erfaßt.

Berlinern ist die Kette der Grunewaldseen hinlänglich bekannt. Angefangen beim Wannsee reihen sich der Nikolassee, eine Rehwiese genannte Niederung, der Schlachtensee, die Krumme Lanke, der Grunewaldsee und der Hundekehlesee aneinander. Diese die sogenannte Große Grunewaldseenkette bildenden Gewässer liegen alle in einer Rinne, die durch Schmelzwasser am Ende der letzten großen Eiszeit entstanden ist. An diese Grunewaldrinne schließt sich mit der sogenannten Kleinen Grunewaldseenkette eine weitere Rinne an. In ihr folgt auf den Dianasee der Koenigssee. Beide Seen wurden Ende des 19. Jahrhunderts künstlich geschaffen, um die sumpfige Gegend für den Bau der Villenkolonie Grunewald trockenzulegen. An sie schließen sich Halen- und Lietzensee an, die die Rinne fortführen, bis diese schließlich an der Spree in der Umgegend des Schlosses Charlottenburg endet.

Zu diesen beiden eiszeitlichen beziehungsweise glazialen Rinnen gesellt sich nun eine Art Nebenrinne hinzu. Sie zweigt am Koenigssee ab und führt über den Hertha- und den Hubertussee, die ebenfalls künstlichen Ursprungs sind, zum Fennsee, schloß einst den Wilmersdorfer See mit ein und endet am Rathaus Schöneberg, wo heute der Rudolph-Wilde-Park liegt. In eben dieser Nebenrinne war ich die ganze Zeit unterwegs gewesen und hatte es praktisch nicht bemerkt. Man sieht tatsächlich nur, was man weiß.

Vom Koenigssee führte mich der Grüne Hauptweg Nummer 18 noch ein Stück weiter durch die Villenkolonie, wobei er nun der Rinne der Kleinen Grunewaldseenkette folgte. Ich bekam noch den Halensee zu sehen und stand dann erneut an der Stadtautobahn, die ich wieder über eine Fußgängerbrücke überquerte, den sogenannten Trabener Steg. Nun war es nur noch ein kurzes Stück, dann endete diese Etappe auf der Kurfürstendammbrücke mit einem Blick die Ringbahn entlang, hinüber zu Funkturm und ICC. Die lärmende Stadt hatte mich wieder.

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Ein Tag am Meer

Ein Tag am Meer.
Entspannung.
Ruhe.
In-sich-gehen.

Weit reicht der Blick.
So weit.
Bis zum Horizont,
wo der Himmel das Meer berührt.

Rhythmisch rollen die Wellen ans Ufer,
das sie nur kurz erreichen.
Dann müssen sie schon wieder zurück.
Doch sie geben nicht auf.
Versuchen es wieder und wieder und wieder.
Was treibt sie an?
Nur der Wind?

Sacht ziehen Schatten über den Strand.
Große und auch kleine.
Wolken. Und Möwen.

Erstere stumm. Und doch mächtig.
Wenn sie sich vor die Sonne schieben,
geht leis‘ das Licht zurück.
Und gleich wird es merklich kühler.

Die Möwen jedoch sind laut.
Sie kreischen. Sie zanken.
Und ziehen mit dem Wind,
gegen den sie nichts ausrichten können.
Ebensowenig wie gegen die Wellen,
vor denen sie herlaufen.
Fast ein wenig ängstlich, wie mir scheint.
Ob sie sich deswegen ärgern?
Vielleicht sind sie deshalb so laut?

Ganz anders der Wind.
Heut‘ braust er nicht, nur sacht ist er zu hören.
Sanft streicht er über Sand und Dünen.
Das Dünengras folgt seinem Drängen.
Es wiegt sich sacht in seinen leisen Böen.
Und beugt gehorsam sich hernieder.
Doch kaum ist fort der Wind,
dem’s eben noch sich neigte,
steht keck es wieder auf.

Am Rand der Düne liegt ein Boot.
Ob’s wohl gestrandet ist allhier?
Oder ruht sich’s aus nur
vom heftigen Tanz mit den Wellen?

Im hellen Sand leuchten weiße Muschelschalen.
Und lange Stränge grünen Tangs schlängeln sich den Strand entlang.
Geschenke des Meeres an die achtlosen Menschen.
Doch wer sie zu ehren weiß,
findet mit etwas Glück einen Bernstein darin.

Die Wellen tragen Kronen aus weißem Schaum.
Die Sonne läßt sie fröhlich glitzern.
Tausende kleiner Sterne leuchten.
Am hellichten Tag.

Ein Tag am Meer.
Im späten Monat September.
Nur die See, die Möwen und ich
an einem menschenleeren Strand.

(Gedanken an einem Tag im September 2014 am Ostseestrand von Dierhagen, nahe dem Fischland.)

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Unter den Straßen von Berlin

Mit dem Cabrio durch Berlin! Das ist wohl der Traum so manches Autonarren. Oder auch der eines jungen Menschen ohne das dafür ausreichende Kleingeld.

Dabei ist das doch profan. Aber sowas von! Um mal eine dieser unsäglichen Sprachsünden zu zitieren. Ein Allerweltstraum gewissermaßen.

Mit dem Cabrio unter Berlin! Das wäre doch mal was anderes, nicht wahr?

Und das geht! In Berlin gibt es nämlich nichts, was es nicht gibt. Nun, ob das stimmt, möchte ich nicht beschwören. Aber unter den Straßen von Berlin kann man tatsächlich mit dem Cabrio unterwegs sein. Nun, nicht allein und nicht auf eigene Faust, aber es geht. Mit der U-Bahn-Tunneltour der Berliner Verkehrsbetriebe.

Diese Tour ist eine beliebte Attraktion, die von der BVG saisonal angeboten wird. Meist in der Zeit zwischen April und Oktober. Mit einem Zug, dessen Waggons ganz im Stile eines Cabrios nach oben hin offen sind, wird man dabei auf einem umfangreichen Rundkurs durch Berlins U-Bahn-Netz kutschiert. DAS Erlebnis für alle U-Bahn-, Technik-, Unterwelt- und Tunnelfans!

Dafür allerdings Tickets zu bekommen, ist durchaus nicht ganz einfach, denn diese Fahrten sind außerordentlich begehrt – sowohl bei Berlinern als auch – natürlich – bei Touristen. Kurzfristig geht da meist gar nichts. Die Fahrten sind meist lange im voraus ausgebucht.

Dennoch war es mir gelungen, im September 2014 eine solche Fahrt mitzumachen. Ich hatte Fahrkarten für die erste von zwei Fahrten, die am 19. September 2014 veranstaltet wurden. Abends um 19 Uhr sollte es losgehen. Startpunkt war der Bahnsteig der U-Bahn-Linie U5 am Bahnhof Alexanderplatz. Der Zug mit den Cabrio-Waggons und je einer akkubetriebenen Lok vorn und hinten stand bereits auf Gleis 4, doch durften wir noch nicht einsteigen. So hatte ich genug Zeit, einige Aufnahmen von Zug und Bahnsteig zu machen.

Schließlich bat man uns, die Plätze auf den Waggons einzunehmen. Wie die Hühner auf der Stange saßen wir in zwei parallelen Reihen Rücken an Rücken nebeneinander; die einen blickten zur Wand, die anderen zum Bahnsteig. Dennoch hatte es keinen Sinn, sich um die Seiten zu streiten – während der Fahrt würden wir sowieso ein paarmal die Fahrtrichtung ändern. Daher hatte unser Zug ja auch jeweils vorn und hinten eine Lok.

Als die Fahrt dann losging, fuhr man mit uns – für einige durchaus überraschend – nicht die Strecke der U5 entlang, sondern direkt in deren Wendeanlage hinter dem Bahnhof hinein. In eine Sackgasse quasi. Die U5 hatte damals nämlich noch am Alexanderplatz ihre Endstation. Doch das Geheimnis lüftete sich schnell, was gleich die nächste Überraschung mit sich brachte: von eben dieser Wendeanlage zweigte ein Tunnel ab, in den es auch gleich hineinging. Dieser Waisentunnel genannte Verbindungsweg, der damals noch befahrbar war – heute ist er geschlossen und muß wohl abgerissen werden, nachdem man Wassereinbrüche festgestellt hatte, die sich nicht beheben lassen -, führte uns hinüber zur Strecke der U-Bahn-Linie U8. Kurz hinter der Spree, die er unterquert, trifft der Waisentunnel nahe der Chinesischen Botschaft auf den U8-Streckentunnel. Wir fuhren bis zur Heinrich-Heine-Straße, wo der erste der angekündigten Richtungswechsel stattfand, denn nun ging es in Richtung Wittenau. An der Jannowitzbrücke vorbei bewegten wir uns auf kurvenreicher Strecke zum Alexanderplatz zurück, den wir wenig später wieder erreichten – diesmal auf dem Bahnsteig der U8. Ohne Aufenthalt ging es weiter. Die Bahnhöfe Weinmeisterstraße, Rosenthaler Platz und Brunnenstraße zogen ebenso an uns vorüber wie die nachfolgenden, bis wir schließlich an der Osloer Straße angelangt waren. Auf der gesamten bisherigen und noch folgenden Fahrt hatten wir in den Tunneln außerordentlich gute Sicht, denn extra für unsere Tour hatten die netten Menschen von der BVG das Licht angelassen. So konnten wir all die Gleisanlagen, Tunnelwände und -decken, Kabelführungen und -schächte, Notausstiege und in ihnen aufwärts führenden metallenen Leiteranlagen in aller Ruhe im Vorbeifahren betrachten und da, wo wir langsamer fuhren, genau in Augenschein nehmen.

Hinter dem Bahnhof Osloer Straße fuhr man uns wieder in eine Wendeanlage. Ein erneuter Richtungswechsel, und dann ging es wieder in einen Verbindungstunnel hinein. Dieser trug naheliegenderweise den Namen Osloer Tunnel und führte uns hinüber auf die Strecke der U-Bahn-Linie U9, die hier an der Osloer Straße ihren Anfang nahm. Doch nicht einmal zwei Stationen weiter verließen wir sie dann schon wieder durch einen weiteren Seitentunnel, der mit seinem Namen Leopoldtunnel auf den nahen Leopoldplatz verwies. Durch ihn erreichten wir die Strecke der U-Bahn-Linie U6 und fuhren kurz darauf in den Bahnhof Seestraße ein. Auf dem mittleren von drei Gleisen kamen wir zum Stehen, denn hier sollte es eine Pause geben, wofür einige der Fahrgäste aufgrund dringend gewordener Bedürfnisse durchaus Dankbarkeit zu zeigen wußten. Wer so wie ich auf dem Zug blieb, hatte Gelegenheit, das bunte abendliche Treiben auf dem Bahnhof zu beobachten sowie links und rechts einfahrenden, haltenden und dann weiterziehenden U-Bahnen zuerst entgegen- und dann hinterherzublicken.

Als es schließlich weiterging, fuhren wir zunächst den Weg zurück, den wir gekommen waren. Durch den Leopoldtunnel ging es wieder auf die Strecke der U9, der wir nun weiter gen Süden folgten. Amrumer Straße, Westend, Birkenstraße hießen die Stationen, die nun an uns vorüberzogen. Schließlich durchfuhren wir den Bahnhof Zoologischer Garten – natürlich unter der Erde. Wie auch auf anderen Bahnsteigen zuvor schauten die eben noch gelangweilt blickenden Wartenden voller plötzlichem Interesse unserem an ihnen vorbeieilenden Sonderzug voller fröhlich winkender, behelmter Menschen hinterher. Was war das denn für eine bunte Truppe?

An der Berliner Straße, wo sich die Linien U7 und U9 kreuzen, wurde der Tunnel für uns zur Kathedrale, denn wir fuhren auf ein Mittelgleis, das sich stetig absenkte, so daß wir, wenn wir unsere Augen nach oben richteten, wo Säulen links und rechts den Graben, in den wir hinabfuhren, von den seitlichen Streckengleisen trennten, einen Anblick gewahrten, der an eine große Kirche erinnerte. Eine Tunnelkathedrale, fürwahr! An ihrem Ende verschwand unser Gleis in einem eigenen Tunnel – dem Berliner-Straßen-Tunnel -, unterquerte eines der uns bisher begleitenden seitlichen Gleise und schwenkte hinüber zur Strecke der U7, der wir nun in Richtung Rudow folgten. Am Mehringdamm sahen wir die U6 wieder, mit der sich die U7 einen Bahnhof teilt. Hatten die Haltepunkte bis hierher noch recht neuzeitlich gewirkt, war den nun folgenden anzusehen, daß sie bereits etwas älter waren. Kein Wunder, denn dieser Streckenabschnitt der U7 war früher eine Seitenlinie der heutigen U6.

Hinter dem Bahnhof Hermannplatz parkte man uns kurz auf einem Abstellgleis. Doch schon kurze Zeit später ging es in entgegengesetzter Richtung wieder in den Bahnhof zurück und durch diesen hindurch. Ein weiterer Verbindungstunnel, der unter dem einstigen Karstadt-Kaufhaus entlangführt und folgerichtig Karstadt-Tunnel genannt wird, brachte uns zur Linie U8 zurück, der wir nun folgten, bis wir den Bahnhof Heinrich-Heine-Straße ein weiteres Mal erreichten.

Nun begann das letzte Stück der Fahrt, das uns durch den Waisentunnel zurück in die Wendeanlage der U5 brachte, in der unsere Fahrt ihren Anfang genommen hatte. Kurz bevor wir sie erreichten, konnten wir noch einen Blick in eine weitere, vom Waisentunnel abzweigende Röhre werfen. Sie bildet die Verbindung zur U-Bahnlinie U2, die sie am Bahnhof Klosterstraße trifft, weshalb sie auch Klostertunnel genannt wird. Dieser verbindet nicht nur einfach zwei U-Bahnlinien miteinander, sondern stellt auch einen Übergang vom Netz der Kleinprofillinien zu denen der Großprofilstrecken her. Ersteres umfaßt die vier heutigen U-Bahnlinien U1 bis U4, die die ältesten, ab 1896 errichteten Strecken befahren. Als 1923 die erste Großprofillinie in Betrieb ging, deren Züge etwa 35 Zentimeter breiter als die ihrer Geschwister im Kleinprofil waren und sind, baute man alle nachfolgend geschaffenen U-Bahnstrecken aus Gründen der Beförderungskapazität in dieser Form. Damit ist klar, daß wir auf unserer Rundfahrt ausschließlich großprofilig unterwegs gewesen waren. Die Spurbreite beider Profile ist gleich, doch unterscheidet sich die Form der Stromabnehmer an den Zügen. Während im Kleinprofil die das Gleis begleitende Stromschiene von oben abgegriffen wird, geschieht dies im Großprofil von unten – wie bei der Berliner S-Bahn auch.

Diese Betrachtungen stellte ich natürlich nicht auf dem Cabrio-Waggon sitzend an. Hierfür war etwas nachträglich konsultierte Literatur über die Berliner U-Bahn notwendig und durchaus hilfreich. Unser Zug langte schließlich wieder auf dem Bahnsteig der U5 am Alexanderplatz an, wo ich glücklich und zufrieden ob der für mich als „altem“ Berliner hochinteressanten Rundfahrt ausstieg.

Mehr als zwei Stunden waren wir unter den Straßen Berlins unterwegs gewesen, was trotz des fehlenden Tageslichts ein überaus interessantes und fesselndes Erlebnis war!

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Fliegerviertel und Eisenbahnkreuz

Dieser Beitrag ist Teil 2 von 3 der Beitragsserie "Grüner Hauptweg Nr. 18"

Berlin ist ein Ort voller Geschichte und Geschichten. Und auch wenn diese durchaus nicht immer nur schön sind, lohnt es sich doch, offenen Auges durch die Stadt zu wandern und sich mit dem Gesehenen zu beschäftigen. Viel Interessantes läßt sich dabei herausfinden und lernen.

So bot mir auch die zweite Etappe auf dem Grünen Hauptweg Nummer 18, dem Inneren Parkring, obwohl sie um vieles kürzer als die erste war (warum, will mir heute, gute acht Jahre später, durchaus nicht mehr einfallen), einige dieser Geschichten. Ich mußte nur hinschauen und – zugegeben – nachlesen. Nicht alles ist einfach so zu sehen und liegt offen zutage.

Da war zunächst das Stadtviertel mit dem etwas profanen Namen Neu-Tempelhof. Daß man es auch das Fliegerviertel nennt, war mir bis dato nicht bekannt. Beschäftigt man sich aber mit den Personen, nach denen viele der Straßen dort benannt sind, erkennt man den Grund: es sind Flugpioniere und – Kampfpiloten des Ersten Weltkrieges. Das Wunder des Fliegens wird von den Menschen eben nur allzu oft für das Grauen des Krieges mißbraucht… Daß viele der Straßen ihre Namen von den deutschen Faschisten erhielten, stört heute offenbar nicht sehr.

Auf deren Verbrechen stieß ich auf der Wanderung im übrigen unmittelbar beim Verlassen des Fliegerviertels. Ein kleine metallene Gedenktafel an einem von mehreren roten Ziegelbauten in der General-Pape-Straße wies mich auf das SA-Gefängnis Papestraße hin, in dem bereits kurz nach der Machtergreifung der Faschisten ihnen unliebsame und widerständige Menschen gefoltert und ermordet wurden. Ergänzt wird die kleine Tafel durch einen Gedenk- und Lernort, der in einem der Gebäude untergebracht ist. Diese schön anzusehenden roten Ziegelbauten waren übrigens – der Straßenname läßt es bereits erahnen – einst eine Kaserne, in der die preußischen Eisenbahnregimenter untergebracht waren – direkt an der Strecke der Anhalter und Dresdener Eisenbahn. Da waren sie schon wieder, die Kriegsgeschichten. Nicht nur die Erfindung des Fliegens mißbrauchten die Menschen zu kriegerischen Zwecken, der Eisenbahn war im Jahrhundert davor bereits das gleiche Schicksal widerfahren. Dafür fand sich allerdings keine Gedenktafel. Dafür gleich zwei, die mich darauf hinwiesen, daß in den Kasernenbauten in den 1950 und 1960er Jahren Menschen untergebracht worden waren, die die DDR verlassen hatten. Platz war dafür genug, denn die Eisenbahnregimenter gab es bereits seit dem Ersten Weltkrieg nicht mehr…

Gleich nebenan hat sich die Moderne ihr Recht erkämpft, das Antlitz der Gegend bestimmen zu dürfen – in Form des stählernen und gläsernen Kolosses des Bahnhofs Südkreuz, der wie ein riesiges notgelandetes Raumschiff in der Gegend herumsteht und alle Wege zu versperren scheint, so daß mir nichts anderes übrigblieb, als ihn weiträumig zu umgehen, es sei denn, ich wollte mitten hindurch, was einer Stadtwanderung aber etwas unangemessen wäre. Die Planer des Grünen Hauptwegs hatten das wohl genauso gesehen… Der Weg nahm einige Zeit in Anspruch, sind die Ausmaße dieses Kreuzungspunktes der heutigen Nord-Süd-Eisenbahn mit der Ringbahn doch durchaus gewaltig. Gleich an seinem Anfang stieß ich auf zwei weitere Erinnerungstafeln, die mir das einstige Erscheinungsbild des Bahnhofs Papestraße, wie der Bahnhof ursprünglich einmal hieß – ich kann mich daran noch erinnern -, zeigten. Es war gut, daß ich sie entdeckt hatte; so konnte ich das letzte verbliebene Relikt des alten Bahnhofs auf meinen Weg um sein modernes Pendant herum leicht finden.

Dieser Weg führte mich durch zahlreiche, etwas bedrückend einengend wirkende Betonbrücken, an deren Ende ich mich jedesmal des Gefühls nicht erwehren konnte, nach langem Aufenthalt unter Tage endlich wieder ans Licht gelangt zu sein. Es gibt definitiv schönere Abschnitte auf dem achtzehnten Grünen Hauptweg.

Dann jedoch hatte ich den Bahnhof hinter mir und wanderte weiter, bis ich vor dem großen runden Metallgerüst stand, daß man in Berlin allenthalben schon von sehr weitem sehen kann, den Weg ins schöne Schöneberg weisend: das Gasometer. Kurz nach seiner Fertigstellung 1910 war es eines der drei größten in Europa. In Betrieb ging es drei Jahre später. Nun, heute steht nur noch das Gerüst. Seit 1995 ist es stillgelegt, sein Betrieb beendet.

Beendet war an dieser Stelle zwar noch nicht meine Wanderung, die mich noch bis zum Rathaus Schöneberg führte, wohl aber meine Lust zum Fotografieren. Gab es keine ansprechenden Motive mehr? Das weiß ich heute nicht mehr zu sagen. Vielleicht war aber auch einfach nur der Akku meiner Kamera leer. Wer weiß… Aber auf jeden Fall ein Grund, die Wanderung zu einem späteren Zeitpunkt einmal zu wiederholen. Doch auch ohne Fotos vom letzten kurzen Stück des Wegs hatte ich allemal genug Stoff zum Nachdenken ob des Gesehenen…

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Häfen, Kanäle und ein böhmisches Dorf

Dieser Beitrag ist Teil 1 von 3 der Beitragsserie "Grüner Hauptweg Nr. 18"

Berlin ist eine Stadt der Merkwürdigkeiten.

Hier ist es nicht nur ohne weiteres möglich, auf einer Stadtwanderung sowohl einen Flußhafen als auch einen Flughafen zu besuchen, sondern dabei auch noch feststellen zu müssen, daß beide gar nicht mehr in Betrieb sind. Das klingt wie böhmische Dörfer? Kein Problem – dieselbe Wanderung führt auch noch mitten durch ein solches hindurch.

Das glauben Sie nicht? Nun, eben diese Wanderung habe ich im April des Jahres 2014 absolviert. Sie begann im schönen Bezirk Friedrichshain am Boxhagener Platz und folgte dem Grünen Hauptweg Nummer 18 bis zum S-Bahnhof Tempelhof. Wenn Sie mögen, dann wandern Sie doch mit mir durch die dabei entstandene kleine Fotoserie, vorbei am Osthafen, am Landwehr- und am Neuköllner Schiffahrtskanal entlang mitten hinein in das historische Rixdorf mit seinem Böhmischen Dorf, von dort durch den malerischen Körnerpark und weiter die alte östliche Einflugschneise des Tempelhofer Flughafens entlang, bis wir dessen früheres Flugfeld erreichen, das heute unter dem Namen Tempelhofer Feld bekannt ist.

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Angst? Kauf ich nicht!

„Vorbei. Aus. Vorüber.

Und auch, wenn ich versucht bin, noch ein „Endlich!“ hinterherzudenken, tue ich es nicht. Denn das Jahr mag zu Ende gegangen sein. Die aktuelle Situation ist es nicht.“

Hätte ich diese Sätze nicht in Anführungszeichen gesetzt, sondern diesen Text ohne weiteres mit ihnen begonnen – man würde nicht merken, daß sie ein Zitat sind. Ich hätte sie unverändert direkt als Fazit für dieses ausgehende Jahr 2021 schreiben können. Tatsächlich aber entstammen sie meinem Jahresendtext von 2020.

Und allein diese Tatsache zeigt, daß sich seitdem wenig geändert hat.

„Momentan haben alle Angst. Aber jeder vor etwas anderem. Vor einem Virus. Vor dem Tod. Vor den Maßnahmen dagegen. Vor dem Zerfall der Gesellschaft. Vor was weiß ich.“

Auch das schrieb ich vor einem Jahr. Und es stimmt nach wie vor. Vorangekommen sind wir nur bei den Gründen für die Angst. Die sind vielfältiger geworden. Manchmal kommt es mir vor, als befände ich mich auf einem riesigen Markt, bei dem ich den Ausgang nicht finden kann. Und überall stehen Marktschreier und brüllen sich die Seele aus dem Leib:

„Heute wieder Angst im Angebot! Wer will noch mal, wer hat noch nicht?! Wir haben für jeden die passende Furcht dabei! Greifen Sie zu! Was soll es sein? Viren? Virusvarianten? Krankheit und Tod? Medizinische Nebenwirkungen? Zwang? Ausgeschlossen werden? Alleinsein? Und das war noch längst nicht alles! Was, Sie wollen nicht? Sie brauchen keine Angst? Papperlapapp! Glauben Sie ja nicht, Sie könnten uns entkommen! Früher oder später haben wir auch Sie am Haken…“

Und ich? Ich versuche, nicht hinzuhören. Wozu auch? Das trägt nichts, aber auch gar nichts dazu bei, das Leben in irgendeiner Weise besser zu machen. Ganz im Gegenteil.

Situationen wie diese, in der wir alle gerade stecken, sind schwer zu ertragen. Für den einen mehr, für die andere weniger, doch spurlos gehen sie an keinem vorüber. Aber wenn ich etwas benennen sollte, was daran vielleicht doch auch ein ganz kleines Bißchen gut sein könnte, so wäre es die Möglichkeit, daß sie einem vor Augen führen können, was für einen selbst im Leben wichtig ist und was nicht. Bereits im vorangegangenen Jahresendtext habe ich mich mit diesem Gedanken beschäftigt. Und ihn in diesem Jahr weiterverfolgt.

Und das hatte durchaus Folgen. Einen Jobwechsel beispielsweise. Der war ebenso unverhofft wie erfolgreich. Nicht, daß ich unglücklich in meiner alten Stelle gewesen wäre. Aber es hat eben doch etwas gefehlt. Ein größerer Zusammenhang sozusagen. Man könnte es auch einen tieferen Zweck nennen. Daß ich diesen mittlerweile immer wieder neu suchen mußte, hatte sich schon etwas länger abgezeichnet, ist mir aber erst in diesem Jahr so richtig klar geworden. Und wie das manchmal so ist, wenn man sich Dinge bewußt macht und sie annimmt, ergeben sich plötzlich und zufällig Gelegenheiten zur Änderung. Aber vielleicht sind diese ja gar nicht so zufällig? Vielleicht ist es erst diese neue Haltung, die man mit der Erkenntnis und ihrer Akzeptanz eingenommen hat, die einen diese scheinbar zufälligen Gelegenheiten überhaupt sehen läßt? Wie dem auch sei – mir legte sich der Weg zu einer solchen Gelegenheit unter die Füße und ich entschloß mich, ihn zu gehen. Keine ganz leichte Entscheidung in der aktuellen Situation, aber ich habe sie getroffen. Jetzt ist schon wieder ein halbes Jahr im neuen Job vergangen. Die Probezeit ist überstanden und ich bin rundum zufrieden.

Die Überlegung, was für mich wichtig ist und was nicht, führte mich in diesem Jahr noch zu einer gänzlich anders gelagerten Entscheidung. Daß intensiver Medienkonsum dem eigenen Wohlbefinden nicht wirklich gut tut, hatte ich bereits letztes Jahr festgestellt. Und so habe ich ihn – trotz einer Phase, in der ich diesen Vorsatz etwas aus den Augen verloren hatte – in diesem Jahr auch weiter eingeschränkt. Nicht mehr überall das Ohr hinhalten, nicht mehr überall mitlesen, um nur ja nichts zu verpassen. Dabei geht es gar nicht mal so sehr um Pausen beziehungsweise medienfreie Zeiten. Klar, die sind manchmal ganz nützlich. Vor allem, um zur Ruhe zu kommen. Da man sich, will man nicht völlig ahnungslos bleiben, aber doch hin und wieder informieren muß, ist ein anderer Aspekt jedoch viel wichtiger. Und der heißt Auswahl. Rationale Stimmen identifizieren und diese auswählen, während man die Kakophonie der sich gegenseitig überbrüllenden medialen Widersacher konsequent ausblendet. Das ist nicht einfach, aber allein das hilft, in dem Durcheinander von Nachrichten, Falschmeldungen, Meinungen, Beeinflussung und Propaganda, das aus allen Richtungen zu jeder Zeit auf uns einprasselt, nicht völlig unterzugehen und – da bin ich wieder beim Anfang dieses Textes – kopflos in alle möglichen Ängste zu verfallen.

Doch diese Auswahl – und jetzt komme ich zu der Entscheidung, die ich getroffen habe – ist nicht möglich, wenn man nicht die Kanäle, über die man Informationen bezieht, ebenso auf den Prüfstand stellt. Während ich in kompletten Auszeiten – womit eigentlich digitale Auszeiten gemeint sind, denn Fernsehen und papierne Zeitungen kommen in meinem Leben schon eine ganze Weile nicht mehr vor – recht erfolgreich darin war, alles immer wieder nutzlose Aufregung Verursachende auszublenden, gelang mir das ansonsten kaum. Warum war das so? Nun, es lohnt nicht, daraus ein großes Geheimnis zu machen, denn der Grund dürfte kaum jemanden überraschen. Es waren – natürlich – die sozialen Netzwerke, über die die Kakophonie des medialen Wahnsinns immer noch Zugang zu mir hatte. Und ich war ja auch bei genügend davon vertreten. Facebook. Twitter. Instagram. LinkedIn. Xing. Da folgte ich allerlei Profilen, Seiten, was auch immer, die ich irgendwann einmal interessant gefunden hatte. Und sie alle posteten den lieben langen Tag dies und das. Dazu kamen dann noch all die vielen „Freunde“, „Follower“, „Netzwerker“ oder wie sie jeweils alle genannt werden. Manche hatte ich schon lange nicht mehr oder gar noch nie persönlich getroffen. Und so mancher fühlte sich berufen, den aktuellen Dauerzustand zu kommentieren, seine Meinung dazu aller Welt kundzutun oder aber die anderer, mir völlig unbekannter Leute zu teilen, auf daß ich sie unbedingt auch zur Kenntnis nehmen solle. Kaum öffnete ich die App irgendeines dieser sozialen Netzwerke, purzelten mir Meldungen irgendwelcher Nachrichtenkanäle, von denen ich bis dahin noch nie etwas gehört hatte und die ich sonst nie gesehen hätte, entgegen. Und niemand, wirklich niemand schien dabei noch irgendein anderes Thema zu kennen als Corona und alles, was irgendwie damit zusammenhängt. Und wer keine Medien- oder Blogartikel weiterleitete, postete Cartoons oder Zitate – natürlich über nichts anderes als „Coronagläubige“ oder „Impfgegner“, „Maßnahmenverweigerer“ oder „Maßnahmenbefürworter“, „Dies“ oder „Das“. Und alle hatten sie nur eines gemeinsam: so gut wie ausnahmslos völlig unlustig beziehungsweise geistlos zu sein.

All das sorgte beständig dafür, daß ich damit geistig in Atem gehalten blieb, mich oft genug sogar aufregte – ein Zustand, der irgendwann derart unhaltbar wurde, daß ich mich kurzerhand zur Radikalkur entschied: ich meldete mich ab, ich war raus. Von Facebook. Von Twitter. Von Instagram. Von LinkedIn. Von Xing. Und wo ich sonst noch irgendein Profil angelegt hatte.

Seitdem ist Ruhe. Im wahrsten Sinne des Wortes. Und es ist wohltuend. Ich brauche diese sogenannten sozialen Netzwerke nicht. Zu nichts. Ein Leben im Digitalen wird es nicht geben. Nicht für mich. Denn letzten Endes sind dort nur Abziehbilder von Menschen zu finden. Sonst nichts.

Wer Kontakt mit mir will, kann das gern persönlich tun. Ich halte es ebenso. Sich begegnen. Miteinander reden. Einander zuhören. Aufeinander eingehen. Das macht menschlichen Kontakt aus. Und ist um so vieles schöner. Selbst, wenn man mal verschiedener Meinung ist.

In diesem Sinne wünsche ich Euch, mir, uns allen ein wieder kontaktreicheres Jahr 2022. Es kann eigentlich nur besser werden.

Zwei Leben…

„Wir haben zwei Leben und das zweite beginnt, wenn du erkennst, daß du nur eins hast.“
(Mário Raul de Morais Andrade, brasilianischer Schriftsteller und Musikforscher)

Dieser wunderbar kluge Satz bildet die Schlußaussage des Gedichtes „Meine Seele hat es eilig“, von dem es eine sehr schöne Rezitation auf der Website von Gunnar Kaiser gibt. Es stamme, so heißt es mancherorts, eigentlich von dem brasilianischen Theologen Ricardo Gondim. Tatsächlich findet sich auf dessen Website ein sehr ähnlicher Text unter dem Titel „Tempo que foge!“ – „Zeit, die vergeht!“
Schickt man diesen durch einen Übersetzer – ich verstehe leider kein Portugiesisch -, findet man in der Tat weitgehende Übereinstimmungen, aber auch über das Gedicht von Andrade hinausgehende Passagen. Der eingangs zitierte Satz findet sich bei Gondim allerdings nicht. Interessant ist hingegen, daß Gondim in seinem Text Andrade zitiert.

Ob nun Gondim die Gedanken des 1945 verstorbenen Andrade weiterführt beziehungsweise dessen Gedicht verarbeitet hat oder ob sein Text in verkürzter und gleichzeitig erweiterter Form durch’s Internet geistert und Andrade fälschlicherweise zugeschrieben wird – für mich spielt das gar keine so große Rolle. Mögen sich andere darüber den Kopf zerbrechen und dies ausdiskutieren…

Für mich ist die Aussage, die das Gedicht und insbesondere dessen Schlußsatz treffen, von viel größerem Interesse, spiegelt sie doch ziemlich genau das wider, worüber ich mir am aktuellen Punkt meines Lebens und insbesondere in dieser gerade immer dunkler werdenden Zeit vermehrt Gedanken mache:

Was hat Bedeutung in meinem Leben? Was nicht?
Wer ist mir wichtig? Und wem bin ich es?
Wo stehe ich? Was ist erreicht? Was noch nicht?
Was möchte ich vom Leben?  Wovon träume ich noch?
Was macht mich glücklich?
Was fehlt noch, damit ich ohne Bedauern und Reue gehen könnte, wenn morgen das Leben vorüber wäre?
Habe ich das zweite Leben schon begonnen? Oder bin ich noch dabei, das erste hinter mir zu lassen?

Zeit nachzudenken. Und zu leben…

Für meinen Vater

Zum 80. Geburtstag

Im neunzehn-einundvierziger Jahr,
Krieg tobte in allen Breiten,
erblicktest Du das Licht dieser Welt,
die alles war, nur nicht zum Besten bestellt,
in jenen gar dunklen Zeiten.

Ein schwerer Anfang war es fürwahr,
der Dir auf Erden beschieden,
Denn Not und Elend bemaß man nach Jahren,
bis niedergerungen die Kriegstreiber waren
und endlich einzog der Frieden.

Und blieben die Zeiten zunächst auch schwer,
das Leben begann, sich zu lichten,
Als Jüngster umsorgt vom Familienrund,
brachte die Kindheit manch frohe Stund‘
und die Schule auch erste Pflichten.

In Schule und Lehre, da lerntest Du,
auf Dein Können stets zu vertrauen.
Und daß dieses groß war, sprach rum sich flott,
schon stand vor der Tür die FDJ –
es galt, ein Land aufzubauen.

Talent und Können auch beim Gesang
mußt‘ man neidlos Dir zuerkennen.
Man fragt‘ „Wo spielt denn das Radio so schön?“
Dabei konnt‘ man Dich singend sitzen seh’n
auf dem Dach, beim Bau von Antennen.

Und auch am Sonntag, beim Tanz, gabst Du gern
eine kleine Gesangseinlage,
Du gefielst einem Mädchen, und sie Dir auch sehr,
Ihr traft Euch wieder, daraus wurde mehr.
Bald stelltest Du DIE eine Frage.

Ihre Antwort war „Ja“! Und daraus entstand
eine wunderbar lange Ehe,
Ihr habt stets geliebt, viel gelacht, kaum geweint,
und was auch geschah, Ihr standet vereint,
ganz gleich, ob in Wohl oder Wehe.

Dabei war es anfangs gar nicht so leicht,
gemeinsam durch’s Leben zu gehen.
Erst Wehrdienst, dann Studium führten Dich fort,
zu näherem oder auch fernerem Ort,
Ihr konntet Euch selten nur sehen.

Und dann war’s geschafft. Doch mit dem Erfolg
kamen neue Herausforderungen.
Die Arbeit führte Euch nun nach Berlin,
gemeinsam zogt Ihr für immer dorthin,
Ihr und Eure beiden Jungen.

Die eigene Wohnung nach einigen Jahr’n,
die konntet Ihr nicht einmal testen.
Die Kultur zu vertreten im fremden Land,
hat man gern ’nen fähigen Mann zur Hand.
Drum schickte man mit Dir den Besten.

So ging es nach Ungarn, nach Budapest,
Kulturen sollt’st Du verbinden,
Künstlern zu helfen warst Du stets bereit,
Beruflich war’s Deine glücklichste Zeit
Und der Abschied schwer zu verwinden.

Noch weitaus schwerer wurde es dann,
als sie’s Ende des Landes beschlossen.
Erst standen sie auf für Demokratie,
dann beugten sie für D-Mark das Knie,
das hat Dich dann doch sehr verdrossen.

Doch Aufgeben war keine Sache für Dich,
Man konnte Dich nicht unterkriegen.
Du fingst nochmal ganz von vorne an,
wurdest Heizölverkäufer und ließest dann
den Kunden das Öl nie versiegen.

Bei Dir hatte selbst der Krebs keine Chance
und suchte verzweifelt das Weite.
Bei Dir Fuß zu fassen hat er nicht geschafft.
Du schlugst ihn mit Mut und mit Willenskraft
Und mit der Frau an Deiner Seite.

Nun hast Du die runde Achtzig erreicht,
Ein Meilenstein, gar keine Frage.
Und auch, wenn es schon mal hier und da zwickt,
nicht jedes Gelenk mehr ganz so leicht knickt,
für Dich ist das kein Grund zur Klage!

Sicher wirst Du mit Deinen nun achtzig Jahr’n
auf manch Vergang’nes rückschauen.
Doch bitte nur aus historischem Grund,
Denn besser sollt’st Du nach vorn blicken und
stets auf die Zukunft vertrauen.

Die Achtzig, was für ein Meilenstein!
Ein großer Geburtstag! Ein runder!
Ich denke, wenn Du so weitermachst,
mit Optimismus das Leben anlachst,
wär’n hundert Jahre kein Wunder.

© 2021, Alexander Glintschert. Alle Rechte vorbehalten.

Ballade von der wiederkehrenden Null

Für meinen Bruder zum 60. Geburtstag

Die erste Null war so wunderbar schön,
Da konnt‘ man das Licht dieser Welt erstmals seh’n.
Man war ach so zart, unschuldig und klein,
Wußt‘ gar nichts davon, wie das Leben wird sein.

Mit Zehn traf man dann auf Null Nummer zwei.
Die Schulzeit war da noch lang nicht vorbei.
Doch unbeschwert kümmerte man sich kaum drum,
Mit Lernen und Spielen ging die Zeit sehr schnell rum.

Um die Zeit scherte man sich auch dann noch nicht viel,
Als mit Zwanzig die dritte Null ins Leben fiel.
Man träumte, probierte und plante voraus
Und wenn mal was schiefging, so lernte man draus.

Und dann stand die Dreißig unverhofft vor der Tür
Und bracht‘ als Begleitung mit Null Nummer Vier.
Die nahm man auf einmal nicht mehr gar so leicht,
Denn die Mitte des Lebens war plötzlich erreicht.

Ist vorüber die Jugend? fragte mancher sich bang.
Derweil der Ernst des Lebens in selbiges drang.
Und grad als man sich konnt‘ gewöhnen daran,
da eilte auch Null Nummer fünf schon heran.

Beruf und Familie, Kinder, Frau, Hund,
es ging eigentlich fast tagtäglich rund.
So blieb nicht viel Zeit, auf das Alter zu seh’n,
Plötzlich war man Fünfzig, sah die sechste Null steh’n.

Nun hast Du die Sechzig gerade erreicht.
Und egal, was Du machst, die siebte Null weicht
Dir nicht von der Seite. Sie bleibt eisern dort,
auch wenn Du Dir noch so sehr wünschst, sie wär‘ fort.

Es sagte vor Jahren ein sehr weiser Mann:
Lang wird nur leben, wer auch alt werden kann.
Drum umarme die Sechzig! Sei zufrieden mit ihr!
Begrüße sie freudig! Sie gehört nun zu Dir.

Sechzig und kein bißchen weise – na und?
Wenn Du es nur willst, geht es noch immer rund!
Lebe den Tag! Und dann, Du wirst seh’n,
kommen mindestens Null Nummer acht, neun und zehn.

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A good traveller has no fixed plans and is not intent on arriving. (Lao Tzu)

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