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Wer braucht schon Brücken…

Dieser Beitrag ist Teil 10 von 10 der Beitragsserie "Gedanken zum Jahreswechsel"

Hat es überhaupt noch einen Sinn, einen neuen Jahresend-Text zu verfassen?

Eine gute Frage, scheint mir, besonders, wenn ich mir jene Texte noch einmal zu Gemüte führe, die ich in den vorangegangenen Jahren verfaßt habe. Vieles, was ich dort bereits geschrieben hatte, könnte ich in diesen Text nahezu unverändert auch wieder einfließen lassen. Kriegsgefahr, der Niedergang nicht nur meiner Heimatstadt Berlin, sondern des gesamten deutschen Landes, beinahe schon tagtägliche Meldungen über Mord und Totschlag – es hat sich nichts verändert. Und wer auf Besserung gehofft hatte, wurde sogar bitter enttäuscht, denn es wurde eher schlimmer.

Andererseits ist es irgendwie auch eine merkwürdige Frage, denn immerhin ist es der zehnte Text dieser kleinen Reihe und damit ein kleines Jubiläum. Und so will ich natürlich auch in diesem Jahr nicht darauf verzichten, ihn zu verfassen, auch wenn das, was am Ende darin stehen mag, nicht unbedingt nur erfreulich und erbaulich sein mag. Doch das ist dann eben so. Wie es auch die Zeiten sind, in denen zu leben wir momentan das Mißvergnügen haben. Schauen wir also, was wir da haben:

Der Krieg in der Ukraine? Noch immer nicht zu Ende. Und noch immer spielen die Europäer bei den Bemühungen um seine Beendigung keine nennenswerte Rolle. Die Verhandlungen führen andere. Sie können nur mit Geld, das sie nicht haben, um sich werfen. Und weil es ja doch irgendwoher kommen muß, machen sie eben Schulden. Schulden, die wir, das Volk, dann bezahlen dürfen. In den nächsten Jahren. Jahrzehnten. Oder auch Jahrhunderten. Wer weiß… Ist ja auch egal. Den Verantwortlichen auf jeden Fall, so scheint es.

Und natürlich wird auch überall gespart, bis es quietscht. Doch das hat man offenbar schon seit längerem so gemacht. Wie sonst wäre zu erklären, daß das Land um uns herum mehr und mehr auseinanderzufallen scheint? Und um das zu sehen, brauche ich nicht mal mehr ins Land hinauszuschauen. Da reicht schon der Blick in meine eigene Stadt. Da muß eine Brücke wegen schwerwiegender Schäden saniert werden. Gut, das kommt vor. Doch dann noch eine. Und noch eine. Und so weiter. Hatte man die Sanierung der ersten – der Elsenbrücke am Berliner Treptower Park – 2020 noch vergleichsweise planmäßig in Angriff genommen – soll auch nur kurze acht Jahre dauern – , geriet die Sanierung der nächsten – der Mühlendammbrücke – schon in chaotischeres Fahrwasser. Hier will man nur fünf Jahre brauchen. Doch anstatt sie parallel zu der langwierigen Straßenverlegung am benachbarten Molkenmarkt durchzuführen, begann man damit 2024, nachdem man jene endlich abgeschlossen hatte. Und verlängerte das damit verbundene Verkehrschaos gleich noch einmal um mehrere Jahre. Wenn es denn nur Jahre sind. Ich habe da so meine Zweifel. Denn bisher beschränkt sich die „Sanierung“ auf den halbseitigen Abriß der Brücke. Und seit dessen Abschluß sind nun schon wieder mehrere Monate ins Land gegangen, ohne daß noch irgendjemand irgendetwas an der Brücke baut. Nur wenige hundert Meter weiter plante man derweil munter den Neubau einer weiteren Brücke. Man hatte nämlich erkannt, daß diese „[…] aufgrund der Konstruktion, des Bauwerkszustandes und des gestiegenen Verkehrsaufkommens den derzeitigen und künftigen Verkehrslasten nicht mehr dauerhaft standhalten [kann]“. Aber in Berlin hat man ja Zeit. Und so veranstaltete man erst mal einen Wettbewerb für den Neubau der Gertraudenbrücke, der derzeit immer noch in Planung ist. Und während sich der brave Bürger noch wunderte, was man denn da so wettbewerben könnte – ist ja schließlich nur eine simple Brücke und kein Kunstwerk -, dachte sich die Realität, sie holt die Verantwortlichen mal ein bißchen auf den Boden der Tatsachen zurück. Und so mußte im Dezember diesen Jahres eben diese Brücke für schwere Fahrzeuge gesperrt werden. Wegen schwerer Schäden, die man jetzt entdeckt hat. Macht ja nichts. Ist ja nur eine von zwei Hauptverkehrsadern durch das Berliner Zentrum. Und die Bundesstraße 1. Kann so wichtig nicht sein. Busse der Berliner Verkehrsbetriebe dürfen übrigens auch nicht mehr rüber. Wer braucht schon öffentlichen Nahverkehr auf den Straßen im Zentrum. Fährt man halt U-Bahn. Dumm nur, wenn die dann auch mehrere Monate Bauarbeiten vor sich hat. In diesem Fall bis Ende August 2026. Die sollen zwar nur nachts stattfinden, doch die angekündigten Routen für den Schienenersatzverkehr sind mit der Einschränkung der Brückennutzung auch hinfällig geworden. Mal sehen, was die Nahverkehrsbetriebe nun machen. Bis heute, also Silvester 2025, hatten sie noch keine Anpassung vorgenommen. Vielleicht lassen sie das mit dem Schienenersatzverkehr diesmal einfach ganz…

Doch auch an anderer Stelle plagen Berlin Brückensorgen. An der Landsberger Allee – einer weiteren großen Magistrale der Stadt, die für die Anbindung der östlichen und nordöstlichen Bezirke von entscheidender Bedeutung ist -, werden nahe dem S-Bahnhof Marzahn bereits die großen Marzahner Brücken seit 2022 erst abgerissen und nun neu gebaut. Immerhin. Doch als ob das noch nicht reichte, läßt Dresden unsere Stadt hier herzlich grüßen – mit der Meldung, daß die Brücke am S-Bahnhof Landsberger Allee – ich glaube, die hat nicht mal eine Namen – wohl alsbald auch wird saniert werden müssen. Möglicherweise droht Totalsperrung. Sie sei aus demselben Stahl errichtet worden wie die selige Carolabrücke… Man geht derzeit von einem Baubeginn um 2029 aus. Vorher habe man keine Mittel. Ob man wohl die Realität schon gefragt hat, was sie davon hält?

Offenbar kann man in Deutschland keine Brücken mehr. Weder im buchstäblichen noch im übertragenen Sinne. Denn auch in der Politik baut man ja keine und reißt sie sogar ein, wo sie noch bestehen, wie man an all den Konflikten in der Welt – vom Ukrainekonflikt sprach ich bereits – sehen kann.

Doch zumindest in Berlin will man jetzt aber dringend etwas tun. Vermutlich mit dem neuen Deutschlandtempo, daß unser Bundeskanzler bei der Eröffnung einer neuen Autobahnbrücke nach „nur“ vier Jahren Bauzeit eingefordert hat – für die halbe Brücke, wohlgemerkt. Unter dem Motto „Berlin baut Brücken“ – ich will nicht wissen, was es gekostet hat, diesen Slogan zu entwickeln – gibt es jetzt sogar eine eigene Übersicht über die „Aktuellen Brückenbaumaßnahmen 2025 / 2026“. Und weil „Berlin, als pulsierende Metropole im stetigen Wandel, […] in die Erhaltung, in den Ersatzneubau und den Neubau von Brücken [investiert], um die städtische Infrastruktur zu modernisieren und den steigenden Anforderungen gerecht zu werden“, sind darin, wenn ich mich nicht verzählt habe, sage und schreibe sechsundneunzig Brücken verzeichnet! Da hat man sich ja richtig was vorgenommen. Da will ich nur hoffen, daß man sich dabei etwas geschickter anstellt als bei den bisherigen Brückenbaumaßnahmen. Sonst sind diese „Aktuellen Brückenbaumaßnahmen 2025 / 2026“ auch noch die für „2027 / 2028“. Und noch ein paar Jahre mehr. Doch was rede ich da… Natürlich sind sie das! Steht ja schon in den entsprechenden Plänen. Elsenbrücke bis 2028, Mühlendammbrücke bis 2029, Neue Gertraudenbrücke noch ohne Termin, da noch in Planung.

Was ist nur los in diesem Land?

Bei einer Führung durch die Berliner Stadtbibliothek, die ich in diesem Jahr mitgemacht habe, berichtete die Angestellte, die uns interessierte Besucher durch die Magazine geleitete, wie sie desöfteren nach größeren Gewittern und Regenfällen dort das Wasser mit Eimern hinausschöpfen müßten… Derweil diskutiert man den Umzug der Bibliothek erst ins Gebäude der ehemaligen Galeries Lafayette – die sind immerhin ausgezogen – und nun, da dies aus irgendwelchen Gründen nichts wurde, in das Gebäude der Galeria Kaufhof am Alexanderplatz – die soll gleichzeitig aber darin verbleiben. Die Diskussion läuft noch. So wie das Wasser. Seit Jahren.

Apropos Alexanderplatz. Da wachsen jetzt Hochhäuser in die Höhe. Geist- und gesichtslos wie alles, was in heutiger Zeit gebaut wird. Braucht niemand, gefällt niemandem. Jedenfalls niemandem, den ich bisher getroffen habe. Wird trotzdem gemacht. Da geht’s komischerweise schnell voran, auch wenn man zwischendurch mal ein bißchen die U-Bahn schwerbeschädigt hat. Konnte ja keiner ahnen, daß die da im Untergrund vorbeifährt.

Derweil überlegt man es sich zweimal, ob man abends im Dunkeln wirklich noch über den Platz und durch seine nähere Umgebung muß oder ob es nicht andere Wege gibt. Daran ändert auch die eigene Polizeiwache nichts, die man dem Platz vor einigen Jahren spendiert hat. Aber is halt jetzt so. Kannste nix dran machen. Ich kann allerdings aus eigener mehr als fünfundzwanzigjähriger Anwohnererfahrung sagen, daß das definitiv nicht so war, als ich damals hierhergezogen bin. Da brauchte man keine extra Polizeiwache. Zu meinen Studentenzeiten in den Neunzigern bin ich, wenn ich weit nach Mitternacht aus dem Studentenclub der Uni oder von irgendeiner Veranstaltung oder Party kam, noch vom Alex mit der U-Bahn oder dem Nachtbus zum Tierpark gefahren, wo ich damals wohnte. Da habe ich mir nicht im geringsten Gedanken darüber gemacht, ob das eventuell unsicher sein könnte und ich mich damit möglicherweise irgendwelchen Gefahren aussetze. Heute würde ich das niemandem mehr empfehlen. Wenn ich heute spätabends mal unterwegs sein muß, ist stets das Taxi mein Verkehrsmittel der Wahl. Und das nicht aus Bequemlichkeit. Oder wenn doch, dann nur am Rande…

Muß ich noch erwähnen, daß ich von der in meinem vorangegangenen Jahresendtext erwähnten Fahrstuhlsanierung in meinem Haus, die 2024 wegen der Insolvenz der damit beauftragten Firma ausgesetzt werden mußte, nie wieder etwas gehört habe? Ob die Fahrstühle wohl eigentlich noch TÜV haben? Ich glaube, ich frage lieber nicht…

Derweil steigen die Kosten für alles munter weiter an. Strom, Wasser, Lebensmittel – für alles bezahlt man mehr. Doch auch die schon direkt vom Gehalt abgezogenen Posten werden immer höher. Mittlerweile treibt mir der Blick auf meinen Gehaltszettel jedesmal die Tränen in die Augen. Da kommt nicht einmal mehr die Hälfte meines Bruttogehalts auf dem Konto an! Und eine Ende scheint nicht in Sicht…

So nimmt es nicht wunder, daß ich mich hin und wieder dabei ertappe, darüber zu sinnieren, wie es wohl wäre, wenn ich anderswo lebte. Ganz besonders war das dieses Jahr der Fall, als ich im Urlaub für zwölf Tage an einen meiner Lieblingsorte zurückgekehrt war, den ich viel zu lange schon nicht mehr besucht hatte. Ich spreche von Budapest, der Stadt, in der ich fünf Jahre meiner Kindheit verbracht habe und die mir seitdem ans Herz gewachsen ist. Und auch, wenn ich leider kein Wort Ungarisch sprechen kann – sieht man einmal von einzelnen Floskeln wie „Danke“, „Guten Tag“ und „Auf Wiedersehen!“ ab -, so fühlte ich mich bei meiner Wiederkehr in diesem Jahr gleich wieder wie zu Hause. Ich habe viele Orte, die mir in meiner Kindheit wichtig und seitdem noch gut in Erinnerung geblieben waren, wieder aufgesucht und sie alle sofort wiedererkannt. Was mir bei meinem Aufenthalt sofort auffiel, war, daß man dort traditionsbewußter zu sein scheint und nicht wie hierzulande den Fehler macht, Vergangenheit und Gegenwart in schreiende Gegensätze zu zwingen. Natürlich gibt es auch in Budapest Neubauten, doch hatte ich, wenn ich sie betrachtete, stets den Eindruck, daß man sich dabei immer darum bemüht hatte, sie in ihr jeweiliges städtisches Umfeld einzupassen, ohne ihnen einen eigenen Charakter völlig zu verweigern. Jedenfalls sind mir bauliche Unfälle wie die hiesigen Neubauten rund um den Alexanderplatz oder den Bahnhof Zoo dort nicht aufgefallen. Was mir dafür unmittelbar ins Auge sprang, war, wie gut dort alles funktionierte. Auf eine U-Bahn, einen Bus oder eine Straßenbahn beispielsweise mußte ich nie länger als zwei bis fünf Minuten warten. Total überfüllte Verkehrsmittel hatte ich ebenfalls nicht zu durchleiden. Und das Stadtzentrum war schon fast peinlich sauber. Graffiti? Fehlanzeige. Zentimeterdicke Plakatringe um die Straßenlaternen, die teils schon in Fetzen herunterhängen? Gab es nicht. Müll auf den Straßen? Nur an einem Tag, und das war der Sperrmüllsammeltag, an dem alle Einwohner alles, was sie loswerden wollten, auf den Bürgersteig stellten, um es kostenlos abholen zu lassen. Schon am nächsten Morgen war die Putzkolonne unterwegs, um die Stadt bis zum Mittag wieder in den blitzsauberen Zustand zu versetzen, in dem sie sich sonst auch immer präsentierte. Ich könnte noch viele Dinge mehr aufzählen, die mir in diesen wenigen Tagen unterkamen, von denen ich sagen würde, daß Budapest sie dem heutigen Berlin voraus hat. Doch ich spare sie mir an dieser Stelle für meinen Reisebericht auf…

Alles in allem, so scheint mir, gibt es derzeit nicht allzu viel Positives, daß ich, bezogen auf die heutige allgemeine Lage in Berlin und Deutschland, erwähnen könnte. Da das allgemeine Weltgeschehen nicht dazu angetan ist, viel Positives zu finden, und die Politik es aufgegeben zu haben scheint, dafür zu sorgen, daß sich daran für die Bürger dieses Landes etwas ändert, bleibt es einem selbst überlassen, in seinem ganz persönlichen Umfeld positive Erlebnisse und Erfahrungen herbeizuführen. So man denn die Möglichkeit dazu hat. Das kann ein Urlaub sein, wie ich ihn in diesem Jahr unternommen habe. Das sind mit Sicherheit Kontakte zu lieben Menschen, Freunde und Familie, die das eigene Leben bereichern und es einem ermöglichen, sich auszutauschen, sich gegenseitig zu helfen und gemeinsam Augenblicke persönlichen Glücks zu erleben. Das sind aber auch Ziele, die man sich selbst setzt und die einen durch den Weg, auf den man sich zu ihnen begibt, persönlich voranbringen. Für mich heißt das beispielsweise, daß ich im nächsten Jahr wieder mehr an meinem Herzensprojekt arbeiten möchte – meinem Blog Anderes.Berlin, von dem ich im vergangenen Jahr etwas Abstand genommen hatte – nicht unbedingt gewollt, aber bedingt zum einen durch jede Menge Änderungen in meinem beruflichen Umfeld, die es für mich schwierig gemacht haben, die nötige Ruhe dafür zu finden, zum anderen und vor allem aber auch durch den Tod meines lieben Vaters 2024, der bei diesem Projekt auch mein Mitautor und -redakteur war und mir dabei natürlich nach wie vor sehr fehlt. Doch nicht zuletzt auch ihm zu Ehren möchte ich diesen Blog natürlich nicht aufgeben, sondern weiterführen, wofür ich mir für 2026 neuen Elan zu finden vorgenommen habe.

Und natürlich – um auf die Möglichkeiten, für Positives im eigenen Umfeld zu sorgen, zurückzukommen – sind auch die kleinen Auszeiten wichtig, die man sich gönnen muß, um von all dem Chaos und der Unruhe, die einem tagtäglich durch die großen Ereignisse und die stets und ständig nur davon berichtenden Medien ins Leben gekippt werden, Abstand zu gewinnen und wieder zur Ruhe zu kommen. Davon, das habe ich in diesem Jahr festgestellt, brauche ich definitiv im nächsten Jahr mehr. Und ich denke, nicht nur ich.

In diesem Sinne wünsche ich Euch trotz allem ein schönes, ein gesundes und glückliches Jahr 2026. Und trotz allem hoffe ich erneut, daß es besser werden möge als die vergangenen Jahre.


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Ersteller: Alexander Glintschert (2025).

Es fährt ein Zug nach Budapest

Dieser Beitrag ist Teil 1 von 1 der Beitragsserie "Eine Reise nach Budapest 2025"

Budapest – Großstadt. Hauptstadt. Weltstadt. Stadt meiner Kindheit.

Die an der – gar nicht so blauen – Donau inmitten des schönen Ungarlandes gelegene Stadt war und ist für viele stets ein beliebtes Ziel, sei es für einen Tagesausflug, wenn man irgendwo in der Nähe ist, oder auch für einen längeren Besuch. Und so mancher hat sie sich auch als Wohnort auserkoren. Nicht wenige sind dorthin ausgewandert.

Auch auf mich übt diese Stadt seit jeher einen Reiz, eine Anziehung aus, die ich verspüre, seit ich in den fernen Tagen meiner Kindheit für einige Jahre dort gelebt habe. Fünf, um genau zu sein. Und weil diese Zeit nicht nur der früheste Abschnitt meines Lebens ist, an den ich zusammenhängende Erinnerungen habe, sondern mich auch in vielerlei Hinsicht geprägt hat, liegt mir diese Stadt natürlich auf eine Weise am Herzen, wie es sonst nur meine Heimatstadt Berlin tut. So nimmt es auch nicht Wunder, daß ich, seit ich sie verlassen habe, stets ein Gefühl des Verlustes mit ihr verbinde und sie bis auf den heutigen Tag vermisse.

Und so ist eine Reise dorthin immer etwas Besonderes für mich – weniger ein Besuch, vielmehr eine Wiederkehr. Seit ich die Stadt damals verlassen habe, war ich bereits zweimal wieder dorthin gereist, um sie zu besuchen. Allerdings hatte mein letzter Aufenthalt dort mittlerweile mehr als zwanzig Jahre zurückgelegen, als ich im vergangenen Jahr während einer Reise die Donau entlang, die mich von Passau in Deutschland bis zum an der Grenze zwischen Serbien und Rumänien gelegenen Eisernen Tor den großen Fluß hinabgeführt hatte, die Stadt für einen Tag erneut besucht hatte.  Natürlich war ein solch kurzer Zeitraum dieser wunderbaren Stadt in keiner Weise angemessen, doch hatte er ausgereicht, die Sehnsucht, die ich eigentlich immer in mir verspürte, wieder aufleben zu lassen. Eine Sehnsucht, von der ich, wieder zu Hause, nicht genau zu sagen wußte, ob es sich bei ihr um Fernweh handelte, oder ob ich sie doch eher als Heimweh bezeichnen sollte. Letztlich spielte das aber auch keine große Rolle, denn mir wurde schnell klar, daß ich diesem stärker und stärker werdenden Gefühl eher früher als später würde nachgeben wollen.

Und weil es bei genauerem Besehen überhaupt keinen Grund gab, damit lange zu warten, beschloß ich kurzerhand, daß es schon in diesem Jahr soweit sein würde. Ich würde mich ein weiteres Mal aufmachen in die große Stadt an der Donau im Herzen des Ungarlandes.

Zwölf Tage hatte ich mir dafür Zeit genommen – die Hin- und die Rückreise eingeschlossen. Großer Vorbereitungen bedurfte es nicht – eine Übernachtungsmöglichkeit und eine Reisegelegenheit waren das Einzige, was ich vorab zu organisieren hatte. Der Rest würde sich vor Ort mehr oder weniger spontan ergeben. So war es mir am liebsten, blieb dadurch doch genug Raum für unerwartete und überraschende Erlebnisse. Natürlich hatte ich vorab ein paar Überlegungen darüber angestellt, was ich mir anschauen wollte, doch dafür mußte ich nichts planen oder buchen.

Und so begab ich mich am 1. Oktober dieses Jahres auf die Reise. Auf nach Budapest.

Doch wie kommt man am besten dorthin? Das Auto verbot sich von selbst. Sah ich einmal davon ab, daß ich den dafür erforderlichen Führerschein gar nicht besaß, konnte ich den Streß des Selberfahrens nun wirklich nicht brauchen. Das Flugzeug kam natürlich in Frage und hätte mich in Nullkommanichts dorthin gebracht. Doch war genau das der Grund, warum es ebenfalls ausschied. Ich will nicht einfach nur irgendwohin kommen. Ich möchte soweit wie möglich beim Reisen die zurückgelegte Entfernung hautnah erleben können. Denn was ist eine Reise denn bitte ohne den Weg?

Aus diesem Grund ist für mich die Eisenbahn stets das Verkehrsmittel der Wahl, wenn nicht Hindernisse wie Meere oder übergroße Entfernungen seine Nutzung unmöglich machen. Und da das bei einer Reise von Berlin nach Budapest nun einmal nicht der Fall ist, sondern man diese sogar ganz bequem, also in direkter Fahrt ganz ohne Umsteigen bewerkstelligen kann, war die Entscheidung schnell getroffen. Ich würde also den Hungaria nehmen. Dieser seit dem Jahre 1960 zwischen den beiden Städten einmal täglich – in beide Richtungen – verkehrende Zug hatte mich bisher immer in die Stadt an der Donau gebracht, und so würde er es wohl auch diesmal tun.

Und was ist das für eine ausgesprochen schöne Fahrt! Durch den Osten Deutschlands geht es südwärts nach Tschechien, wo man zunächst Böhmen und anschließend Mähren durchquert, bis man die Slowakei erreicht, an deren östlichem Rand es dann direkt nach Ungarn geht. Und das alles an nur einem Tag.

Die Reise begann im Herzen Berlins am neuen Hauptbahnhof. Von diesem im Zentrum der Stadt gelegenen Verkehrsknotenpunkt – zumindest, was die Eisenbahn betrifft – gelangt man an viele Ziele. So auch nach Budapest. Der Blick hinaus durch das Hauptportal des Bahnhofs offenbart dessen Umgebung, die auch nach all den Jahren, die er nun schon existiert, immer noch eine Ödnis ausstrahlt, als wolle sie es den potentiellen Reisenden besonders einfach machen, ein Reiseziel auszuwählen, zu dem sie schnellstmöglich verschwinden können. Auch der Bahnhof selbst bietet nicht wirklich etwas Anheimelndes oder gar Schönes, das dem wartenden Reisenden den Aufenthalt hier angenehmer macht. Genau genommen wirkt er eher wie ein zu groß geratenes Einkaufszentrum mit Gleisanschluß und viel innerer Leere. Und weil wegen eben dieser Gleise das Bauwerk auch nicht zur Gänze geschlossen sein kann, ist es hier überdies meist recht – zugig. Man sehe mir dieses Wortspiel nach, doch muß man ja froh sein, daß wenigstens die deutsche Sprache den Aufenthalt mit etwas Doppeldeutigkeitsglanz kurzzeitig angenehmer gestalten kann, wenn es schon der Bahnhof nicht tut. In der Tat ist außer Glas und Stahl und großen Hohlräumen im Inneren nicht wirklich viel zu entdecken. Das war beim Vorgänger des heutigen Hauptbahnhofs, dem einstigen Lehrter Bahnhof, noch anders. Der hinterließ historischen Quellen zufolge in seiner ansprechenden und ästhetisch schönen architektonischen Gestaltung so viel Eindruck, daß sich Architekten anderer Bahnhofsbauten davon inspirieren ließen. Und das nicht nur in Deutschland. Doch diese Zeiten sind lange vorbei.

Am Berliner Hauptbahnhof
Glas und Stahl und viel innere Leere. Der Berliner Hauptbahnhof der Moderne.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
Creative Commons Lizenzvertrag

Am Morgen der Abreise mußte ich mich nicht allzu sehr beeilen, da der Hungaria seine Fahrt nach Budapest zu einer sehr moderaten Zeit startet. 8:56 Uhr stand als Abfahrtszeit auf meinem Ticket, das mir die freundliche Mitarbeiterin des im Hauptbahnhof befindlichen Reisezentrums der Deutschen Bahn einige Wochen zuvor verkauft hatte. Ich hatte es diesmal nicht, wie ich es sonst tue, online kaufen können, da mir das Buchungssystem jedesmal, wenn ich es versucht hatte, nur hatte mitteilen können, daß dies nicht möglich sei. Aus Gründen. Da es mir offenbar nicht zustand, diese zu erfahren, behielt es sie für sich. Natürlich erfuhr ich von der Unmöglichkeit des Online-Erwerbs auch erst, nachdem sämtliche für den Kauf erforderlichen Daten penibel und verteilt über mehrere Eingabemasken abgefragt und von mir sorgfältig eingegeben worden waren. Ordnung muß schließlich sein. Immerhin hatte ich im Reisezentrum feststellen können, daß das Scheitern der Transaktion nicht an mir und meinem eventuellen Unvermögen gelegen hatte. Denn auch der Servicemitarbeiterin, zu der ich nach dem Ziehen einer Wartenummer – die Deutsche Bahn sieht sich offenbar mittlerweile als Behörde – und einiger dementsprechend mit Warten verbrachter Zeit schließlich gebeten wurde, gelang es nicht, mir die gewünschte Reiseverbindung zu buchen. Und auch wenn es mir natürlich leid tat, daß ich ihr nun solch Kopfzerbrechen bereitete, konnte ich doch nicht umhin zu bemerken, wie sich mein leicht angeschlagenes Selbstwertgefühl wieder auf Normalniveau einpendelte. Wie sich schließlich nach Konsultation erst einer Kollegin und dann ihres Vorgesetzten herausstellte, lag die Ursache für die Schwierigkeiten darin begründet, daß der von mir für die Rückreise gewünschte Zug nicht buchbar war. Da mich die Bahnangestellte offenbar für qualifiziert genug hielt, dies wissen zu dürfen, teilte sie mir das auch mit. Über das dahinterliegende Warum war dann aber wieder nichts mehr zu erfahren, denn auch sie war dafür auf das Computersystem angewiesen. Und das verweigerte nicht nur mir, sondern auch den drei mittlerweile mit der Sache beschäftigten Bahnangestellten jegliche Auskunft darüber. Zwar versuchten sie noch, mehr herauszufinden, und ließen mich dafür eine ganze Weile warten, doch letztlich blieben auch sie erfolglos.

Das war natürlich insofern unerfreulich, weil ich – selbstverständlich aus Kostengründen – auf einem Sparticket bestanden hatte, das nur in Verbindung mit einer feststehenden Zugverbindung zu buchen war. Glücklicherweise hatte sich die Bahnangestellte aber durchaus zu helfen gewußt. Und so hatte ich nun ein Ticket in meiner Tasche, das hinsichtlich der Rückreise zwar für einen anderen Zug gebucht war als den, mit dem ich fahren wollte, doch hatte die freundliche Mitarbeiterin darauf einen längeren Hinweis notiert, daß dieses Ticket wegen eines technischen Systemfehlers nicht den korrekten Zug ausweise, aber dennoch gültig sei. Dies hatte sie mit Datum, Stempel und persönlicher Unterschrift versehen, ganz wie es sich für eine Behörde gehört.

Nun, für meine jetzige Fahrt war das alles unerheblich. Das Problem betraf ja nur die Rückreise, und an die dachte ich jetzt natürlich noch überhaupt nicht. Erst einmal wollte ich meine große Fahrt antreten. Überpünktlich fand ich mich auf dem Bahnsteig ein, doch wenn ich tatsächlich gedacht haben sollte, die Deutsche Bahn würde das honorieren, so hatte ich mich geirrt. Vielmehr wurde sie ihrem schlechten Ruf wieder einmal mehr als gerecht und brachte meinen Zug nicht nur erst nach der plangemäßen Abfahrtszeit zum Bahnsteig, sondern auch noch auf einem anderen Gleis. Immerhin befand es wenigstens am gleichen Bahnsteig, so daß ich nicht auch noch durch den ganzen Bahnhof hetzen mußte. Und die Wagenreihung stimmte sogar mit der an der Anzeigetafel angegebenen überein. Man muß sich ja auch über kleine Dinge freuen können…

Als der Zug einfuhr, bemerkte ich das Logo der Bahngesellschaft an den Waggons des Zuges: zwei waagerechte Linien, die einen Kreis durchqueren. Ich vermute, es soll ein stilisiertes Gleis darstellen, das eine Brücke passiert. Oder einen sehr kurzen Tunnel. Wie dem auch sei, ich erkannte es sofort aus meinen Kindertagen wieder, und noch ehe ich den (abgekürzten) Namenszug der Bahngesellschaft überhaupt gesehen hatte, wußte ich anhand des Logos, daß es sich um Waggons der Magyar Államvasutak, der Ungarischen Staatsbahnen handelte, kurz MÁV. Ist es nicht interessant, was der menschliche Geist alles über Jahrzehnte hinweg behalten und, auch wenn er in dieser Zeit nie wieder auch nur ein einziges Mal daran gedacht hat, bei passender Gelegenheit sofort wieder hervorholen kann?

Ich stieg ein, nahm meinen durchaus bequemen Platz ein und hatte es mir kaum einigermaßen bequem gemacht, als sich der Zug auch schon in Bewegung setzte. Es wurde aber auch höchste Eisenbahn – ja, es war Wortspieltag! -, denn noch bevor er den Bahnhof überhaupt verlassen hatte, betrug seine – und damit auch meine – Verspätung bereits gute zehn Minuten. Selbst bei internationalen Zügen schaffte es die Deutsche Bahn also nicht, für Pünktlichkeit zu sorgen. Kurz ging mir der Gedanke durch den Kopf, ob es die tschechische, slowakische und ungarische Bahngesellschaft wohl machen würden wie die schweizerische, die unpünktliche deutsche Züge einfach nicht mehr in ihr Land einfahren ließ, damit sie mit ihrer Verspätung nicht den ganzen Schweizer Eisenbahnverkehr durcheinanderbrachten. Dann würde ich heute nicht mehr in Budapest ankommen. Doch ich schob den Gedanken sofort beiseite und machte mir mit der Überlegung Mut, daß ich ja nicht in einem deutschen, sondern in einem ungarischen Zug saß.

Im Waggon war es einigermaßen kalt, da man die Klimaanlage auf Hochtouren laufen ließ, so daß sie beständig kalte Luft in das Großraumabteil blies. Offenbar hatten jedoch bereits einige Fahrgäste dagegen interveniert, denn als die Schaffnerin das erste Mal bei mir auftauchte, um die Fahrkarten zu kontrollieren, erklärte sie, noch ehe ich etwas diesbezüglich gesagt hatte, daß es in Kürze wärmer werden würde, sie hätte bereits die Heizung eingeschaltet. Und in der Tat dauerte es nicht lange, da konnte ich bemerken, daß die Klimaanlage nun warme statt kalte Luft in das Abteil pustete. Schon bald wurde es erst erträglicher, dann wärmer und schließlich regelrecht mollig, so daß ich bald schon meinen Pullover ausziehen mußte. Offenbar gab es nur zwei mögliche Einstellungen: zu kalt und zu warm. Letzteres war mir in diesem Fall allerdings lieber, da zu niedrige Temperaturen schnell sehr unangenehm werden können, wenn man sich wie ich hier im Zug nicht sonderlich viel bewegen kann.

Nun, da ich einmal unterwegs war, konnte ich entspannt dem entgegensehen, was vor mir lag. Der Zug rollte durch die Landschaft, die vor dem Fenster vorüberzog. Der Himmel war von Wolken bedeckt, durch die hier und da immer wieder einmal die Sonne brach. Als er schließlich Dresden-Neustadt erreichte, hatte der Zug seine Verspätung nicht nur nicht aufgeholt, sondern auf gute zwanzig Minuten ausgebaut. Der Aufenthalt war nur kurz, dann ging es auch schon weiter. Wenige Minuten später überquerten wir die Elbe, was mir einen schönen Panoramablick auf die Dresdner Innenstadt bescherte, deren Anblick als Dresdner Elbpanorama weltberühmt ist. Die Waldschlößchenbrücke, deretwegen die Stadt den Titel des UNESCO-Weltkulturerbes für ihr Elbtal 2009 verspielt hatte, bekam ich allerdings nicht zu sehen. Sie liegt zu weit weg auf der anderen Seite des großen Bogens, den die Elbe vor dem Stadtzentrum beschreibt.

Aus dem fahrenden Zug: Auf der Marienbrücke
Gerade noch geschafft: eine Aufnahme des malerischen Dresdner Stadtzentrums von der Marienbrücke, das allerdings ein bißchen weit weg ist.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Kurz darauf erreichte der Zug den Dresdner Hauptbahnhof. Dieser bietet einen gänzlich anderen Anblick als sein Berliner Pendant. Seine repräsentative Bahnhofsarchitektur des 19. Jahrhunderts dominiert auch heute noch sein Erscheinungsbild, woran auch verschiedene Modernisierungen der Neuzeit nicht wesentlich etwas zu ändern vermochten, sieht man einmal von den riesigen Glasfaser-Membranen ab, die heute das vormals mit Glas gedeckte Dach ersetzen. Einst hatte auch Berlin solch repräsentative Bahnhofsbauten, von denen heute jedoch keine mehr übrig sind – mit einer Ausnahme: dem Hamburger Bahnhof, der als einziger der Berliner Kopfbahnhöfe Krieg und Abrißwahn überstand. Doch auch er hat seine Funktion als Verkehrseinrichtung längst verloren und dient heute einer Kunstgalerie als Domizil.

Weiter ging die Fahrt auf einer Strecke, die sich zunächst immer mehr der Elbe annäherte, bis sie sie kurz vor Pirna erreichte, wo einer der schönsten Abschnitte der gesamten Strecke begann: das Elbtal im Elbsandsteingebirge. Die Eisenbahngleise verlaufen unmittelbar am linken Ufer des Flusses, dessen Lauf sie Windung für Windung, Kurve für Kurve stoisch folgen. Der Zug fuhr flußauf, und da ich das Glück hatte, auf seiner linken Seite zu sitzen, hatte ich vom Fenster einen wundervollen Blick auf den Fluß und die gegenüberliegende Uferseite. Als es kurz vor dem kleinen Ort Rathen in die große s-förmige Doppelschleife der Elbe hineinging, zog alsbald die vielberühmte Bastei an mir vorüber.

Im Elbtal: Bei Rathen
Achtung! Achtung! Eine Zugdurchfahrt.
Ein Halt im kleinen Kurort Rathen ist für einen EuroCity-Zug wie den Hungaria natürlich nicht vorgesehen. So läßt sich die am gegenüberliegenden Elbeufer aufragende Bastei nur in schneller Fahrt betrachten.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Wenig später konnte ich dann den mindestens ebenso bekannten Königstein mit seiner großen Festung sehen. Zwar befindet sich dieser auf derselben Flußseite wie die Eisenbahnstrecke, die unmittelbar an seinem Fuß vorüberführt, doch aufgrund der weitläufigen Schleife, die das Flußtal vor ihm beschreibt, war er für mich dennoch gut sichtbar. Erst recht keine Schwierigkeiten hatte ich, auch den markanten Lilienstein, der dem Königstein direkt gegenüber am rechten Flußufer aufragt, zu betrachten. Er ist insofern etwas Besonderes, als er der einzige Tafelberg des Elbsandsteingebirges ist, der sich auf dieser Seite des Flusses befindet. Aufgrund der weiten Schleife, die der Zug immer noch durchfuhr, konnte ich mir drei seiner Seiten in aller Ruhe ansehen. Unwillkürlich kam mir dabei die alte Geschichte in den Sinn, der zufolge einst der sächsische Kurfürst Friedrich August II. bei einem zur Feier der Beendigung des zweiten Schlesischen Krieges 1745 auf dem Königstein ausgerichteten Bankett dem preußischen Monarchen Friedrich II. den Lilienstein geschenkt haben soll. Als er diesen Akt der Großzügigkeit wenig später bereute, wußte nur der Festungskommandant Friedrich Wilhelm von Kyau Rat. Er ließ dem Preußenkönig mitteilen, Sachsen bitte ihn darum, sein neues Besitztum innerhalb von vier Wochen abzutransportieren, denn – um es im besten Sächsisch zu formulieren – „Mir brauchn de Platz“. Friedrich II., sowohl erstaunt als auch belustigt über diese Dreistigkeit, soll daraufhin auf den Lilienstein verzichtet haben. Ob diese Geschichte nun wahr ist oder in das Reich der Sagen gehört – lustig ist sie allemal.

Im Elbtal: Lilienstein
Auch heute noch ist der Lilienstein, dessen Gipfel aus dem Zugfenster am Grund des Elbtals gut zu sehen ist, fest in sächsischer Hand.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Hinter dem Lilienstein verließen die Elbe und mit ihr mein Zug die große Doppelschleife des Flusses und erreichten nur wenig später das etwa fünf Kilometer davon entfernt gelegene Bad Schandau. Auch dieser berühmte Ort des Elbsandsteingebirges befindet sich – jedenfalls zu großen Teilen – auf dem jenseitigen Elbufer, was mir Gelegenheit gab, ihn in aller Ruhe an mir vorüberziehen zu sehen. Anstelle steiler Felswände ragten hinter ihm die sanft geschwungenen Gipfel bewaldeter Berge auf, und hinter der Ortsmitte war der Eingang in das Tal der Kirnitzsch, die hier in Bad Schandau in die Elbe mündet, gut zu erkennen. Bevor ich diesen Anblick jedoch genießen konnte, mußte ich die Haltezeit abwarten, die der Zug am Bahnhof des Ortes einlegte – doch nicht, weil jener so bedeutend und groß ist, sondern weil es sich um den letzten Halt auf deutschem Staatsgebiet handelt.

Im Elbtal: Bad Schandau
Wenn man den auf der gegenüberliegenden Seite der Elbe gelegenen Ortskern von Bad Schandau vom Zugfenster aus sieht, hat man den Bahnhof des Ortes längst verlassen, denn dieser befindet sich ein Stück flußab an der großen Brücke, auf der die das Elbtal entlangführende Bundesstraße den Fluß überquert.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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So passierte ich wenige Minuten später erst die Schrammsteine und dann Schmilka, den Grenzort zu Tschechien, der am gegenüberliegenden Ufer den wirklich letzten Ort auf deutschem Gebiet darstellt. Ein Stück hinter ihm konnte ich die Grenze deutlich ausmachen, denn noch immer steht dort das einstige, die Uferstraße überspannende Grenzübergangsgebäude. Lange Zeit war es praktisch funktionslos, da mit dem EU-Beitritt Tschechiens die Kontrollen eingestellt wurden. Seit diesem Jahr gibt es wieder welche, doch scheinen die, soweit ich das vom Fenster meines schnell fahrenden Zuges erkennen konnte, nicht an diesem Gebäude stattzufinden. Jedenfalls sah  es nach wie vor recht verlassen aus.

Im Elbtal: Am Grenzübergang Schmilka
Zweckbau am Ufer – der Grenzübergang Schmilka.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Das jenseitige Ufer der Elbe war nun also bereits tschechisches Gebiet. Mein Zug setzte seine Fahrt jedoch noch ein Stück in deutschen Landen fort, bis er schließlich am Gelobtbachtal ebenfalls ins Nachbarland überwechselte, was ich allerdings bei der schnellen Fahrt nicht mitbekam. Das gleiche widerfuhr dem kleinen Dorf Dolní Žleb, das am hiesigen Ufer der erste tschechische Ort nach der Grenze ist und heute zu Děčín gehört. Einst hieß es Dolní Grunt nad Labem, was auf deutsch Niedergrund an der Elbe bedeutet. Von ihm war für mich überhaupt nichts zu sehen, da die Eisenbahntrasse direkt am Ufer der Elbe verläuft und der Ort sich dahinter befindet.

Děčín – oder Tetschen, wie es früher hieß – erreichte der Zug wenig später. Sollten Grenzer im Zug gewesen sein, stiegen sie sicher hier aus. Bei mir waren allerdings keine vorübergekommen. Da hatte mein Zug – und mit ihm also ich – nun Deutschland verlassen und dabei mittlerweile eine gute halbe Stunde Verspätung angesammelt. Vor mir lagen noch reichlich fünfhundert Kilometer, reichlich zweihundert hatte ich hinter mich gebracht. Ich war gespannt, wann ich unter diesen Umständen wohl in Budapest eintreffen würde. Planmäßig wäre es gegen 20:30 Uhr gewesen. Doch das hielt ich nun schon für nicht mehr machbar.

Im weiteren Verlauf der Fahrt wich die Strecke der Elbe, die nun das Böhmische Mittelgebirge durchfloß, nicht von der Seite. Es ging also wie zuvor durch eine schöne Berglandschaft, die allerdings deutlich anders gestaltet war als das Elbsandsteingebirge. Anstelle markanter Sandsteinfelsen blickte ich nun auf schön geschwungene Bergketten, aus denen immer wieder markante Gipfel herausragten. Da diese vulkanischen Ursprungs sind und demzufolge aus Basalt bestehen, waren jetzt keine so markanten und verwitterten Felsen mehr zu sehen, wie sie in der Sächsischen und Böhmischen Schweiz so zahlreich an mir vorübergezogen waren. Felsen gab es allerdings hier und da trotzdem, wie ich in dem wenig später erreichten Ústí nad Labem unmittelbar am Elbufer sehen konnte, als wir erst am Fuße einer senkrechten Felswand entlangfuhren, die gerade noch genug Platz ließ, damit unsere Eisenbahnstrecke und eine Straße daran vorüberführen konnten, und bei der Ausfahrt aus der Stadt die Burg Střekov passierten, die eines ihrer Wahrzeichen ist. Sie ragt auf einem hohen Felsen unmittelbar über dem Fluß auf und ist weithin sichtbar. Ihr deutscher Name lautet übrigens Schreckenstein und sie besitzt für die deutsche Musikgeschichte einige Bedeutung, denn sie inspirierte den Komponisten Richard Wagner, nachdem er sie 1842 besucht hatte, für seine Oper Tannhäuser.  Und wenn ich schon bei deutschen Namen bin: Ústí nad Labem hat natürlich auch einen solchen: Außig. Doch eigentlich übersetzt das nur den Namensteil Ústí. Der Zusatz „nad Labem“ bedeutet allerdings nur „an der Elbe“, denn die tschechische Bezeichnung des Flusses ist „Labe“.

Burg Střekov in Ústí nad Labem
So schrecklich sieht sie eigentlich gar nicht aus, die Burg Schreckenstein am Ufer der Elbe, auf tschechisch Hrad Střekov.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Nachdem der Zug schließlich Ústí verlassen hatte, folgte er zunächst weiter dem Fluß. Da es nun in Richtung Prag ging, glaubte – und hoffte – ich zunächst, die Fahrt führe direkt zur Mündung der Moldau – dem Fluß, an dem Prag liegt – in die Elbe. Doch da hatte ich die Rechnung ohne die Erbauer der Strecke gemacht. Da das Land, durch das der Zug nun fuhr, zunehmend ebener und offener wurde, hatte es keine Notwendigkeit mehr gegeben, jeder weitläufigen Windung des Flusses zu folgen, um ans Ziel zu kommen. Und so verließ die Strecke, als sie endgültig in der nordböhmischen Ebene angekommen war, die Elbe und führte mitten ins Land abseits des Flusses hinein, um eine der besonders großen Flußschleifen abzukürzen. Zwar kehrten wir immer wieder einmal an den Fluß zurück, doch als dieser die schließlich von Westen heranströmende Moldau in sich aufnahm, waren wir gerade wieder inmitten weiter Felder unterwegs und bekamen davon nichts mit. So mußte mich erst ein Blick auf die Karte davon in Kenntnis setzen, daß ich bei der nächsten Sichtung eines Flusses nicht mehr die Elbe, sondern nunmehr die Moldau vor mir hatte. Nun dauerte es nicht mehr lange, da fuhr der Zug in den Hauptbahnhof von Prag ein.

Die berühmte Prager Burg – den Hradschin – hatte ich nur kurz und sehr von weitem zu sehen bekommen. Der Bahnhof lag ganz offensichtlich ein Stück von der Prager Innenstadt entfernt. So gestaltete sich mein Aufenthalt in der Stadt, auch wenn er etwas länger war als bei den bisherigen Stops – nur kurz. Als es nach einiger Zeit weiterging, fuhr ich plötzlich rückwärts. Bis Prag war mein Sitzplatz in Fahrtrichtung ausgerichtet gewesen. Das hatte sich jetzt geändert. Die Landschaft vor den Fenstern war nun Ostböhmen – großenteils hügelig, stellenweise auch eben. Weite Felder wechselten sich mit Wäldern ab, hier und da waren mal kleinere, mal größere Ortschaften eingestreut. Kolín und Pardubice blieben mir als Haltepunkte in Erinnerung.

Tschechische Landschaft bei Hradec nad Svitavou
Nach der bergigen Landschaft Böhmens geht es nahe Hradec nad Svitavou durch sanft geschwungene Hügel. Der Ort hieß einst Grándorf und gelangte als Greifendorf nach dem Münchener Abkommen an das Deutsche Reich, wo er zum Landkreis Zwittau gehörte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er wieder tschechisch und erhielt seinen heutigen Namen, der soviel wie Kleine Burg an der Zwitta bedeutet.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Kurz bevor der Zug Brno, das alte Brünn, erreichte, durchfuhr er ein wieder bergigeres Gebiet, das mir ein Blick auf die Karte als Böhmisch-Mährische Höhe identifizierte. Das kleine Flüßchen, an dem die Strecke zu diesem Zeitpunkt schon eine ganze lange Weile entlangführte und das sich nun kurvenreich durch diesen Höhenzug hindurchwand, trägt den Namen Svitava und wird im Deutschen Zwitta oder Zwittawa genannt. Die Strecke war ein wahrer Leckerbissen für Eisenbahnfans. Tunnel folgte auf Brücke folgte auf Tunnel, es ging mal nach links, mal nach rechts und immer ein Tal entlang, in dem es zu beiden Seiten der Strecke reichlich malerische Ortschaften und bunte Herbstwälder zu sehen gab.

Es war nach vier Uhr am Nachmittag, als der Zug den Bahnhof von Brno schließlich erreichte. Die Oktobersonne, die um diese Zeit bereits recht tief stand, tauchte die Stadt und insbesondere die sich auf einem Hügel über dieser erhebende Kathedrale St. Peter und Paul in leuchtende Farben, die einen starken Kontrast zu den teils düsteren, doch glücklicherweise lockeren Wolken am Firmament bildeten.

Die Kathedrale St. Peter und Paul in Brno
Die Kathedrale St. Peter und Paul steht nicht weit vom Hauptbahnhof in Brno entfernt. Da sie sich auf einem Hügel über die Stadt erhebt, hat man direkt aus dem Zug einen phantastischen Blick auf den Sitz des Bischofs des mährischen Bistums Brünn.
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Von Brno, der großen Stadt in Mähren, begab sich der Zug dann auf eine wahrhaft historische Strecke, denn er befuhr nun die alte Kaiser-Ferdinands-Nordbahn, die bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gebaut wurde. Auf ihr erreichte er nach nicht ganz einer Stunde Břeclav, dessen deutschen Namen Lundenburg ich zuvor noch nie gehört hatte. Dahinter wartete die Grenze zur Slowakei darauf, überquert zu werden. Ein Blick auf die Uhr und ein Abgleich mit dem Fahrplan offenbarte mir, daß die tschechische Bahn offenbar recht tüchtig war und einiges besser machte als die deutsche, denn sie hatte die halbstündige Verspätung, mit der sie meinen Zug übernommen hatte, vollständig aufgeholt. Hier in Břeclav war er pünktlich auf die Minute unterwegs.

Leider sollte es ihm nicht vergönnt sein, dies beizubehalten. Denn die Fahrt auf slowakischem Staatsgebiet, immer nahe dem Ostrand des Landes entlang, wurde von einigen Baustellen verzögert, auf denen die Strecke offenbar nur noch eingleisig war. Zwar kam es nur ein- oder zweimal zu Halten auf freier Strecke, doch insgesamt hatte ich den Eindruck, nun in einem Bummelzug zu sitzen und nicht in einem EuroCity. So kam es, wie es kommen mußte. Hatte mein Zug Kúty, den ersten Ort auf dem Gebiet der Slowakei, noch pünktlich erreicht, konnte ihm das in Bratislava – einst Preßburg – nicht mehr gelingen. Als er in den Hauptbahnhof der Stadt einfuhr, hatte er die halbe Stunde Verspätung nicht nur bereits wieder erlangt, sondern sogar leicht übertroffen. Vor den Fenstern ging derweil die Sonne unter, so daß sich, als der Zug sich wieder in Bewegung setzte, bereits die Nacht herniedersenkte und die Welt vor den Fenstern in absolute Schwärze hüllte. Nun war, wenn ich von der vielfachen Spiegelung des Großraumabteils absah, wirklich gar nichts mehr zu sehen.

Sonnenuntergang über tschechischen Feldern
Die Fahrt am Ostrand der Slowakei ging durch weite, ebene Felder – die optimale Landschaft für ein herrlich-herbstliches Sonnenuntergangsschauspiel – hier in der Nähe von Podivín (deutsch: Kostel).
Fotograf: Alexander Glintschert (2025)
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Vom weiteren Verlauf der Fahrt kann ich daher nichts Nennenswertes mehr berichten. Die Donau, die ich in Bratislava bereits erreicht hatte, war mir dort noch nicht vor die Augen gekommen, und wenn das jetzt der Fall sein sollte, konnte ich sie in der Dunkelheit nicht mehr sehen.

So schön ich das Reisen in der Eisenbahn auch finde, so muß ich doch feststellen, daß es kaum etwas Langweiligeres gibt als eine nächtliche Zugfahrt. Die Welt tauchte nur an den Bahnhöfen für kurze Zeit aus der den Zug umgebenden Schwärze auf. Nové Zámky und Štúrovo waren noch zwei Ortschaften auf slowakischem Gebiet, an denen dieser hielt. Als er schließlich Szob erreichte, befand ich mich schon in Ungarn. Diese Stadt und die, die nun folgten – Nagymaros-Visegrád und Vác -, kannte ich schon von meiner Donau-Kreuzfahrt, die ich im vorangegangenen Jahr unternommen hatte. So wußte ich, daß ich jetzt im wesentlichen dem Lauf dieses großen europäischen Flusses folgte, auch wenn ich ihn nicht sehen konnte. Und ich wußte auch, daß die Landschaft, wenn auch unsichtbar, so doch hügelig bis bergig war und später, vor Budapest in eine weite Ebene überging. Vom Flachland um Berlin war die Fahrt erst durch das Elbtal und dann durch das böhmische Bergland mit seinen Wäldern und Tälern gegangen, hatte das ebene Tiefland, die Felder und  Weinbaugebiete Mährens, die von viel Grün und prächtigen Flußlandschaften geprägten slowakischen Marchauen, das westungarische Tiefland und das sanfte Hügelland des Vértes-Gebirges passiert, bis sie schließlich die weite pannonische Tiefebene um Budapest erreicht hatte. Ich hatte sozusagen einen Querschnitt durch Mitteleuropas ganze Geologie in nur einem Tag live am Zugfenster miterleben können. Kann man da noch ernsthaft bestreiten, daß zu einer Reise auch der Weg gehört? Selbst der Umstand, daß dessen letzter Teil heute quasi in Dunkelheit versunken war, konnte nicht den Reiz, den diese Fahrt auf mich ausgeübt hatte, schmälern. Außerdem würde ich das Verpaßte sicherlich auf der Rückfahrt nachholen können. Doch soweit war es noch lange nicht.

Die Uhr zeigte etwa 21 Uhr an, als der Hungaria sein Ziel schließlich erreichte. „Budapest – Nyugati“ war auf einem der großen Schilder zu lesen, die auf dem Bahnsteig den Namen des Bahnhofs verkündeten. Nyugati – das stand für Nyugati pályaudvar und bedeutete Westbahnhof. Als Kind – noch ohne jedes Verständnis für Sprachen – hatte ich mich manchmal gefragt, was denn der Bahnhof wohl mit Nougat zu tun haben mochte. Und so hatte sich mir diese Assoziation ins Gedächtnis gegraben, das sie nun, da ich das Schild las, brav wieder hervorkramte und mich so zum Lächeln brachte.

Hatte ich, da mein Waggon nach der Umkehrung der Fahrtrichtung in Prag nun der letzte des Zuges war, bei einem letzten Blick aus dem Fenster noch auf einen Neubau geblickt, der derart auf nackten Betonpfeilern ruhte, daß ich durch sein Erdgeschoß glatt zur gegenüberliegenden Seite hindurchsehen konnte, so änderte sich der Eindruck gänzlich, als ich kurz darauf unter dem freien Nachthimmel auf dem Bahnsteig stand. Kaum hatte ich mich, der Ausschilderung folgend, in Richtung Ausgang in Bewegung gesetzt, fiel mein Blick auf die sich einige Meter voraus erhebende Bahnhofshalle, zu der mich der Bahnsteig zielstrebig hinführte. Ihr zu beiden Längsseiten auf rötlichen Ziegelwänden ruhendes Stahlgerüst, ihre mir zugewandte, aus vielen kleinen, rechteckigen Glasscheiben bestehende, wie das Dach nach oben hin spitz zulaufende Schmalseite sowie die zwei schlanken, ebenfalls aus Ziegeln gemauerten und oben von kleinen vierseitigen Kuppeln abgeschlossenen Türmchen, die sie flankierten, verrieten unmittelbar das stattliche Alter des Bahnhofs, der bereits aus dem Jahr 1877 stammt. Als ich genügend weit auf dem langen Bahnsteig vorangekommen war, um von diesem direkt in diese Bahnhofshalle hineingeleitet zu werden, fiel mir nicht nur auf, daß hier auch deren Dach – im Gegensatz zum Dresdener Hauptbahnhof – noch im originalen, glasgedeckten Zustand war, sondern auch, daß es in der Halle tatsächlich nur um eines ging: die Eisenbahn. Abgesehen von kleinen Imbiß- und Informationsständen und dem einen oder anderen Fahrkartenschalter gab es nichts, was auch nur entfernt an einen Laden erinnert hätte. Welch ein Kontrast zu dem riesigen Berliner Hauptbahnhof, von dem ich am Morgen abgefahren war. Dieser Bahnhof hielt sich nicht für ein Einkaufszentrum. Er gab sich  als das, was er war: eine Einrichtung für den Schienenverkehr. Und das hatte unmittelbare Auswirkungen auf die gesamte Atmosphäre. Hier stand niemand, der eigentlich nur Einkäufe erledigen oder Dienstleistungen in Anspruch nehmen wollte, die nichts mit Personenverkehr zu tun hatten, den Reisenden im Weg oder blockierte Zugänge zu Bahnsteigen. Wer hier unterwegs war, wollte in den allermeisten Fällen entweder mit dem Zug irgendwohin fahren oder war, so wie ich, gerade mit einem angekommen. Dementsprechend herrschte hier praktisch keine Hektik und kein Gedränge. Zwar mochte das auch damit zu tun haben, daß die zehnte Stunde der zweiten Tageshälfte bereits angebrochen war, doch hatte ich irgendwie den Verdacht, daß sich daran auch tagsüber kaum etwas änderte. Vielleicht ergab sich in den nächsten Tagen ja eine Gelegenheit, das einmal zu überprüfen. Auf jeden Fall machte dieser im besten Sinne etwas altertümliche Bahnhof auf mich einen viel angenehmeren und heimeligeren Eindruck als der immer ein wenig seelenlos wirkende Zentralbahnhof meiner Heimatstadt. Hier waren die bald einhundertfünfzig Jahre Eisenbahngeschichte, die mit diesem Ort verbunden war, förmlich spürbar. Fast erwartete ich, irgendwo eine Dampflok fauchen zu hören…

Da der Tag bereits recht weit fortgeschritten war und ich nach der langen Reise dann doch endlich einmal ankommen wollte, nahm ich mir jetzt nicht die Zeit, den Bahnhof noch eingehender zu betrachten, sondern verschob das auf einen möglichen anderen Tag. Stattdessen machte ich mich auf den Weg ins Hotel. Da ich bei der Buchung nicht nur darauf geachtet hatte, daß es möglichst zentral und verkehrsgünstig gelegen, sondern auch vom Bahnhof meiner Ankunft leicht erreichbar war, hatte ich keinen allzu weiten Weg zurückzulegen. Und da ich den ganzen Tag über gesessen hatte, entschloß ich mich kurzerhand, diesen zu Fuß zurückzulegen.

Den Koffer hinter mir herziehend, trat ich durch das Portal des Bahnhofsgebäudes auf die Straße und fand mich unmittelbar im Trubel der Großstadt wieder. Vor mir kreuzten sich zwei breite Boulevards auf einem großen, Nyugati tér genannten Platz. Das ungarische Wort „tér“ war auch eines der Dinge, die mein Gedächtnis, obwohl sie lange Zeit ungenutzt darin verborgen gewesen waren, unmittelbar wieder hervorkramte. Und so wußte ich in dem Augenblick, als ich das Straßenschild, auf dem es stand, las, daß es „Platz“ bedeutete. Direkt vor dem Bahnhofsgebäude verlief der Teréz körút, der am Nyugati tér von einer Hochstraße überquert wurde, die man sicherlich zur Entlastung des Verkehrs über die große Kreuzung gespannt hatte. Genau wie sie kreuzte ich den großen Boulevard und machte mich auf den Weg in die Bajcsy-Zsilinszky út, zu der mein Gedächtnis die Feststellung beizutragen hatte, daß das Wörtchen „út“ dem deutschen Wort „Straße“ entsprach, wobei diese eine gewisse Größe erreichen mußte, um als „út“ bezeichnet zu werden. Ein „körút“ ist hingegen nicht nur eine noch größere Straße, sondern entweder eine, die einen – wenigstens halben – Ring beschreibt oder aber die Größe eines Boulevards erreicht. Auf den Teréz körút traf definitiv beides zu.

Bevor ich mich nun aber zu weit in diesen laienhaften sprachlichen Betrachtungen verlor, schritt ich, sobald ich in die Bajcsy-Zsilinszky út eingebogen war, kräftig aus. Nach etwa fünf Minuten wies mich mein Smartphone, dem ich die Wegführung anvertraut hatte, an, in eine Nebenstraße einzubiegen, um den Weg etwas abzukürzen. Ich war nämlich im Grunde unterwegs in Richtung der Budapester Staatsoper, in deren unmittelbarer Nähe sich mein Hotel befand. Das Opernhaus stand jedoch an einem weiteren der großen Budapester Boulevards, der den Namen Andrássy út trug – uneingeschränkt konsequent war man mit der Namensgebung dann auch wieder nicht – und die Bajcsy-Zsilinszky út zwar kreuzte, dies jedoch in einem derart spitzen Winkel tat, daß der Gang durch die Nebenstraßen meinen Weg bedeutend abkürzen würde.

So hatte ich zu guter Letzt nur knappe fünfzehn Minuten zu gehen, bis ich wohlbehalten an meinem links neben der Oper gelegenen Hotel ankam, das sich in der Révay utca befand. Ich konnte nicht umhin, ein weiteres Mal in die ungarische Straßennamenkunde einzutauchen und festzustellen, daß diese Straße in der Tat so klein und schmal war, wie es das Wort „utca“ vermuten ließ. Das Hotel, das den schönen Namen „K+K Hotel Opera Budapest“ trug und immerhin vier Sterne besaß, sah von außen wie ein ehrwürdiger bürgerlicher Altbau aus, der sich mit seinen sechs Stockwerken, über denen noch ein Dachgeschoß lag, in den Straßenzug einfügte, ohne daraus besonders hervorzustechen. Die Eingangsfront war mit fünf aufeinanderfolgenden, bogenförmigen Baldachinen versehen, von denen gleich der erste den Eingang überwölbte, zu dem sieben Stufen hinaufführten.

Die Lobby war etwas moderner gestaltet, als es der äußere Eindruck des Gebäudes vermuten ließ, ohne daß man dabei jedoch in langweiligen Modernismus verfallen wäre. Ganz im Gegenteil, man schien hier einen zwar schlichten, dennoch aber auf eine gewisse Gemütlichkeit bedachten Stil zu pflegen. Im Eingangsbereich standen einige Sessel und niedrige Tische, dahinter lag, der Tür genau gegenüber, die Rezeption, wo ich mich nun anmeldete. Die Rezeptionistin war überaus professionell, so daß alles schnell und problemlos vonstattenging. Lediglich die Bitte, meine Rechnung doch gleich jetzt zu bezahlen, erschien mir ein wenig merkwürdig, und auch die auf meine Nachfrage gegebene Begründung, das würde die Dinge bedeutend vereinfachen, leuchtete mir nicht ganz ein. Da ich jedoch wohlbehalten hier angekommen war und somit auch mein Zimmer beziehen würde, hatte ich nicht wirklich etwas dagegen einzuwenden, zumal mir der Gedanke durch den Kopf ging, daß ich auf diese Weise bei der Abreise alles schon erledigt haben würde. Wenn das mit der Vereinfachung der Dinge gemeint gewesen war, sollte es mir recht sein. Bei der Bezahlung konnte ich dann zum ersten Mal in meinem Leben die Erfahrung machen, wie es sich anfühlt, wenn man mal eben so eine Million für etwas bezahlt. Das hatte seine Ursache darin, daß der Kurs des ungarischen Forints zum Euro bei nicht ganz 1 : 390 lag.

Nachdem alle Formalitäten erledigt waren, erhielt ich meine Schlüsselkarte und eine Beschreibung, wie ich zu meinem Zimmer käme, die sich als so genau erwies, daß ich trotz des langen Weges durch die Flure des Erdgeschosses keine Schwierigkeiten hatte, erst den Aufzug und dann mein Zimmer zu finden. Wie sich herausstellte, zog sich der Hotelkomplex durch den gesamten Gebäudeblock, von einer kleinen Straße zur anderen. Denn als ich schließlich in meinem Zimmer angekommen war und aus dem Fenster blickte, schaute ich nicht auf die Révay utca hinaus, sondern in ihre benachbarte Parallelstraße, die Lázár utca.

Das Zimmer war überaus komfortabel und ließ, was die Ausstattung anging, keine Wünsche offen. Ganz offensichtlich handelte es sich, obwohl ich ein Einzelzimmer gebucht hatte, um ein Doppelzimmer, so daß mir nun ausreichend Platz zur Verfügung stand – ein Umstand, der mir angesichts meines geplanten zehntägigen Aufenthaltes nur recht sein konnte.

Da es mittlerweile zehn Uhr abends geworden war und ich überdies auch keinen großen Hunger verspürte – für ein ausgiebiges Abendessen war es sowieso zu spät -, beschloß ich, sämtliche ersten Erkundungen des näheren Umfeldes des Hotels auf den morgigen Tag zu verschieben, mich stattdessen erst einmal häuslich einzurichten und anschließend von der langen Fahrt auszuruhen. Für heute würde es genügen, mich darüber zu freuen, daß ich wohlbehalten in dieser meiner zweiten Heimatstadt Budapest angekommen war.

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Service? Ist leider aus!

Willkommen in der Dienstleistungshölle

Stellen Sie sich einmal vor, sie sind mit einem Problem konfrontiert, das im Zusammenhang mit von einem Unternehmen angebotenen und von Ihnen für gutes Geld in Anspruch genommenen Dienstleistungen auftritt, wofür Sie nichts können, das Sie aber schnellstmöglich gelöst haben wollen. Keine ganz weit hergeholte Situation, nicht wahr? Wohl jeder von uns hat sie in der einen oder anderen Weise wahrscheinlich schon einmal erlebt. Doch was erwartet man dann?

Nun, die Antwort ist einfach: Service! Und was gehört dazu? Natürlich eine möglichst schnelle Behebung, das ist klar. Doch weil die in der Realität natürlich nicht immer möglich ist – das Problem kann ja durchaus einmal ernsthafter Natur sein -, gehört dazu selbstverständlich auch die Kommunikation seitens kompetenter Mitarbeiter des jeweiligen Dienstleisters mit der nötigen Information über die Gründe sowie das Vorgehen und den Zeitplan für die Behebung.

Doch wie sieht heute nur allzu oft die Realität aus? Sie läßt sich mit einem einzigen Begriff zusammenfassen: Service-Hotlines. Und bei wahrscheinlich jedem löst dieser Begriff die gleiche Assoziation aus: Nerverei, Zeitverschwendung, Ärger, Frust. Hot, also heiß, läuft hier eigentlich nur der Kreislauf des Kunden. Dabei ist es fast egal, mit welchem Unternehmen man es im konkreten Fall zu tun hat, denn man trifft auf viele, bei denen Service nach eigenem Bekunden großgeschrieben wird, aber selten auf eines, bei dem das auch nur annähernd wenigstens zufriedenstellend funktioniert. Berüchtigt und gefürchtet sind die endlosen Dialoge mit den Telefoncomputern, bei denen man oft viel Zeit nutzlos verplempert und die im schlimmsten Fall zu gar nichts führen. Und hat man dann endlich doch einen Service-Mitarbeiter am Telefon, erweist sich der recht schnell als unbedeutendes Rädchen im Getriebe eines gesichtslosen Call-Centers, kann er dem gebeutelten Anrufer doch oft genug nicht wirklich weiterhelfen, weil er selbst geringe bis keine Ahnung von der Materie hat, sondern nur Telefondienst leistet und vorgegebene Checklisten abarbeiten kann.

Nein, Service wird schon lange nicht mehr großgeschrieben in der Dienstleistungsbranche. Überall wird zusammengestrichen und gespart, bis es quietscht und einfach nichts mehr funktioniert. Das konnte natürlich auch ich aus erster Hand schon oft am eigenen Leib erfahren. Doch auch in meinem Bekanntenkreis habe ich schon oft Erzählungen über unangenehme Erlebnisse mit der einen oder anderen Service-Hotline lauschen dürfen. So oft, daß ich mittlerweile über einen reichen Schatz von Erfahrungen in dieser Hinsicht verfüge. Ausreichend Stoff also, um einmal eine kleine Geschichte darüber zu schreiben, was passieren kann, wenn Menschen wie Du und ich gezwungen sind, sich als Kunden mit gesichtslosen, Profit und Kostenersparnis in den Vordergrund stellenden Großunternehmen auseinandersetzen zu müssen. Eine Geschichte, die zwar recht fantasievoll ist, in die jedoch all diese in der Realität von mir selbst oder anderen gemachten Erfahrungen mit unterschiedlichen Dienstanbietern eingeflossen sind, so daß sie letztlich, denke ich, doch die traurige Realität korrekt widerspiegelt, die da lautet:

Service? Ist leider aus!

Erster Tag

Es war an einem Donnerstag im Juli, als Clemens am Ende eines langen Tages im Büro nach Hause kam. Müde sank er in seinen Sessel, als ihm einfiel, daß er noch einen Anruf zu machen hatte, den er nicht auf den morgigen Tag verschieben sollte. So griff er zum Telefon, wählte die Nummer – und hörte nur ein Besetzt-Zeichen. Na gut, da wird wohl gerade gesprochen, dachte er bei sich, am besten versuche ich es in ein paar Minuten noch einmal. Um diese zu überbrücken, griff er nach seinem Tablet, um sich in aller Kürze zu informieren, was den Tag über so losgewesen war in der Welt. Die erste Webseite, die er aufrief, antwortete nicht. Nanu? Haben die eine Störung? Die zweite Webseite verhielt sich nicht wesentlich zugänglicher. Zwei Webseiten mit einer Störung zur gleichen Zeit? Hm, möglich – aber nicht sehr wahrscheinlich, dachte er. Seine Erfahrung, die er im Laufe seiner nun schon reichlich fünfundzwanzig Jahre, die er seinen Beruf als Softwareentwickler ausübte, erworben hatte, lehrte ihn, daß es stets sinnvoll ist, auf der Suche nach der Ursache eines Fehlers nicht die erstbeste Theorie, die einem in den Sinn kam, zu verfolgen, sondern zunächst zu überlegen, was die naheliegenderen Gründe für das Problem sein könnten und diese zuerst zu prüfen. Und um ein Vielfaches naheliegender erschien ihm die Annahme, daß das Problem eher auf seiten des gemeinsamen Faktors dieser beiden Seitenaufrufe und – nicht zu vergessen – des erfolglosen Telefonanrufs lag. Und das war hier der Benutzer, also er.

Ein kurzer Blick auf die Statusleiste am oberen Rand des Bildschirms seines Tablets bestätigte ihm die Richtigkeit dieser Strategie, denn dort konnte er unmittelbar erkennen, was nicht stimmte. Zwar wurde das WLAN-Symbol angezeigt und bedeutete ihm, daß sein Tablet eine Drahtlos-Verbindung zum Router aufgebaut hatte, doch das kleine, ebenfalls angezeigte Ausrufezeichen tat ihm kund, was das Problem war: es gab keine Internetverbindung. Und da auch sein Telefon seine Verbindungen über das Internet herstellte, war ihm nun auch klar, warum er zuvor niemanden hatte erreichen können. Nicht beim angerufenen Teilnehmer war besetzt gewesen, sondern sozusagen bei ihm selbst. Nur daß er nicht telefonierte, sondern überhaupt keine Verbindung mehr bekam.

Na toll. Tags zuvor hatte er noch im Home Office gearbeitet, da war alles noch paletti gewesen. Was war denn da nun wieder los?

Zur Sicherheit prüfte Clemens zunächst den Status seines Routers. Dessen gleichmütig blinkende Power-LED bestätigte seine Befürchtungen: das Problem lag nicht an einem einzelnen Gerät, sondern es gab generell keine Internetverbindung mehr über das Netz seines Internetproviders. Da auch ein Neustart des Routers nichts an der Situation änderte, würde er sich zur Beantwortung seiner Frage wohl mal mit jenem in Verbindung setzen müssen.

So wählte er denn die Servicenummer seines Internetproviders. Auf dem Mobiltelefon, versteht sich. Das andere funktionierte ja nicht. Natürlich bekam Clemens nicht sofort jemanden an die Strippe, der ihm weiterhelfen konnte, sondern wurde zunächst von dem heutzutage obligatorischen Telefoncomputer begrüßt, bei dem er aufgrund zahlreicher früherer Erfahrungen mit anderen Dienstleistern mittlerweile der festen Überzeugung war, er sei dazu da, die Anrufer so lange hinzuhalten und zu nerven, bis diese von allein aufgaben und davon absahen, ihre Frage zu stellen. Warum sollte es mit diesem anders sein? Kurz darauf sah sich Clemens in seiner Erwartung vollauf bestätigt, denn er wurde zunächst darauf hingewiesen, daß er seine Service-PIN und seine Vertragsnummer bereithalten solle. Es blieb ihm allerdings keine Zeit, diese zu besorgen, denn gleich darauf textete ihn der Computer mit einer Reihe von mit Nummern versehenen Optionen zu, aus denen er die auszuwählen hatte, die seinem Anliegen am nächsten kam. Schließlich wurde er tatsächlich aufgefordert, seine Service-PIN einzutippen, was ihn in hektische Betriebsamkeit versetzte, da er sie zunächst einmal heraussuchen mußte. Es dauerte ein bißchen, bis er sie gefunden hatte. Immerhin war der Computer geduldig genug, so lange zu warten, wobei er allerdings die Aufforderung, sie doch bitte einzugeben, stoisch immerzu wiederholte. Schließlich aber hatte Clemens die Ziffern mittels der auf seinem Mobiltelefon eingeblendeten Tastatur eingetippt und hoffte nun, endlich mit jemandem verbunden zu werden. Natürlich war das nicht der Fall, denn nun galt es zu entscheiden, ob er das Unternehmen bei der Verbesserung seiner Servicequalität unterstützen wollte, indem er der Aufzeichnung seines Gesprächs zustimmte. Wenn es doch endlich einmal zustandekäme, fluchte Clemens innerlich. Und verbissen in seinen bereits jetzt aufkommenden Frust, lehnte er kurzerhand ab. Vielleicht deswegen wurde ihm vom Computer nun gleich mehrfach versichert, daß seine Zufriedenheit als Kunde wirklich allerhöchste Priorität habe. Er konnte nicht umhin, angesichts dieses ellenlangen Vorgeplänkels bereits das erste Mal daran zu zweifeln.

Schließlich aber hatte sich Clemens durch den kein Ende nehmen wollenden Dialog mit dem Computer hindurchgekämpft und bekam nun endlich – nein, niemanden an’s andere Ende der Leitung, das wäre ja wirklich zu einfach. Stattdessen spielte man ihm erst einmal die Warteschleifenmelodie vor. Erfreulicherweise mußte er sie sich jedoch nicht lange genug zu Gemüte führen, um sie mitsingen zu können, denn schon nach wenigen Minuten brach sie unvermittelt ab, es klickte in der Leitung und eine Mitarbeiterin begrüßte ihn, sich gleich darauf dafür bedankend, daß er gewartet habe.

Unverzüglich hub Clemens an, ihr sein Anliegen vorzutragen. Störung seit heut… Moment, so einfach geht das nicht. Erst einmal mußten Daten abgeglichen werden. Vor- und Nachname, Telefonnummer, Email-Adresse, Service-PIN – was genau sie davon abfragte, wußte Clemens wenig später schon nicht mehr, denn während er die verlangten Daten durchgab, überlegte er, welchen Sinn diese Fragerei wohl haben mochte. Was genau damit überprüft wurde, erschloß sich ihm nämlich nicht, hatte er doch die Service-PIN, die nur er kennen durfte, bereits dem Computer mitteilen müssen. Und die anderen Daten waren jedenfalls nicht so privat, das sie zweifelsfrei beweisen konnten, daß er wirklich er war. Am wahrscheinlichsten erschien ihm daher die Theorie, daß diese Fragen irgendwie zu einem Ritual gehörten, das getreulich zu erfüllen war. Warum auch immer.

Schließlich war aber auch das geschafft. Das Telefonat dauerte jetzt schon gute zehn Minuten, und Clemens war noch nicht einmal dazu gekommen, sein Anliegen vollständig vorzutragen. Doch jetzt war es endlich soweit! Er setzte nochmal an: Störung seit heute, nichts geht mehr in Sachen Internet, Telefon auch nicht verfügbar, was nun?

Jetzt war es heraus! Und Clemens schnappte erstmal nach Luft, denn er hatte in dem Bestreben, all das endlich einmal loswerden zu können, ohne gleich wieder wegen irgendetwas unterbrochen zu werden, beim Sprechen glatt das Atmen vergessen. Den deutlich hörbaren Tastenanschlägen zufolge tippte die Mitarbeiterin am anderen Ende der Leitung ein wenig an ihrem Computer herum. Dann teilte sie ihm mit, was als nächstes geschehen würde. Offenbar wollte sie irgendein Signal über die Leitung senden, das seinen Router erreichen sollte. Wofür das genau gut war, erklärte sie ihm zwar nicht, wartete jedoch mit der Anweisung auf, den Router in zwei Stunden neu zu starten. Wenn es dann weiterhin nicht funktioniere, würde sich, so versprach sie Clemens, ein Techniker bei ihm melden. Ach ja, und er solle bloß nicht das WLAN benutzen.

Okay? So ganz überzeugt war Clemens nicht, denn es wollte ihm nicht so recht einleuchten, wozu diese Prozedur gut sein sollte. In erster Linie fragte er sich, warum er dafür zwei Stunden warten mußte. Und weshalb durfte er das WLAN nicht benutzen? Vielleicht, so überlegt er im Nachhinein, wäre es besser gewesen, diese Fragen sofort zu stellen, aber er hatte wohl in diesem Moment gedacht, daß er sich mit dem ganzen Netzwerkkram sowieso nicht ausreichend auskannte, um qualifizierte Nachfragen zu stellen – schließlich war er Software-Entwickler und kein Netzwerktechniker. Na, und die Service-Leute würden schon wissen, was sie tun, nicht wahr?

So bedankte sich Clemens für’s Erste und versprach, wie angewiesen zu verfahren. Er ließ also den Router vor sich hinblinken, schnappte sich ein Buch und harrte der Dinge, die da kommen würden.

Es dauerte nur wenige Minuten, da teilte ihm sein Mobiltelefon erfreut mit, daß es eine SMS für ihn empfangen habe. Clemens öffnete sie und stellte fest, daß sie von seinem Internetprovider an ihn versandt worden war. Man informierte ihn darüber, daß es in seinem Gebiet eine Großstörung gäbe. Die Servicetechniker seien aber bereits dabei, sie zu beheben, was außerhalb seiner Wohnung geschehe, weshalb vereinbarte Termine zur Entstörung nicht mehr erforderlich wären und mit dieser SMS abgesagt seien. Als Zeitrahmen gab man die nächsten achtundvierzig Stunden an.

Jetzt war Clemens das erste Mal wirklich verwirrt. Glücklicherweise wußte er zu diesem Zeitpunkt noch nicht, daß ihm dieses Gefühl in der nächsten Zeit noch sehr vertraut werden würde. Welche Termine zur Entstörung denn? Man hatte doch gar keine mit ihm vereinbart… Oder bezogen sie sich damit auf das Versprechen, daß sich ein Servicetechniker bei ihm melden würde, wenn es in knapp zwei Stunden nicht wieder funktionierte? Und was war das eigentlich plötzlich für eine Großstörung? Darüber hatte die Servicemitarbeiterin am Telefon doch gar nichts gesagt…

Für einen kurzen Augenblick erwog Clemens, gleich noch einmal anzurufen, nahm aber bei dem Gedanken an das ellenlange Vorspiel mit dem Computer, das er dann erneut zu absolvieren hätte, von dieser Idee Abstand. Daran konnte auch der Gedanke nichts ändern, daß damit der von ihm zuvor angenommene Zweck dieser Kommunikationverhinderungsmaschine wohl vollauf erreicht worden war. Er hatte an diesem Abend einfach keine Kraft mehr, noch einen Marathon zu laufen…

Aber da war ja noch die Sache mit der Großstörung. Clemens überlegte. Ob es wohl im Internet mehr Informationen dazu gab? Einen Versuch war es wohl wert. Er griff also erneut zu seinem Mobiltelefon – dem einzigen ihm verbliebenen Zugang zum weltweiten Computernetzwerk – und rief die Website seines Internetproviders auf. Im Bereich zur Störungshilfe fand er ein Formular, das ihm bei Eingabe seiner Adresse versprach, ihn über dort existierende etwaige Störungen zu informieren. Netter Service, dachte Clemens. Er tippte also seine Daten ein und erhielt umgehend eine Antwort:

Für Ihre Adresse ist uns momentan keine Störung bekannt.

Na sowas! Da hatte die SMS von eben doch etwas anderes behauptet. Was stimmte denn nun?

Doch die Antwort war noch nicht zu Ende. Für den Fall, daß er doch Opfer einer Störung geworden sein sollte, wurde Clemens die Nutzung eines sogenannten Störungsassistenten empfohlen. Ein Entstörungsassistent wäre ihm zwar lieber gewesen, doch da er noch Hoffnung hatte und nichts unversucht lassen wollte, rief er die Anwendung umgehend auf. Er erwies sich als lustiges, interaktives Frage-Antwort-Spiel mit hopsenden, Denken oder Antwortsuche simulierenden Pünktchen, in dessen Verlauf er mitteilen mußte, wie der Status seines Routers war, welche LEDs wie leuchteten, was beim Starten des Routers genau passierte –  da er diesen vor seinem Anruf ja gerade erst neu gestartet hatte, wußte er das noch ziemlich genau -, ob es Pieptöne gab und falls ja, wieviele, und welche Art Anschlußstecker er hatte, wobei ihm von den abgebildeten irgendwie keiner passend erschien. Nachdem Clemens sich erfolgreich durch alle Fragen hindurchgehangelt hatte – irgendwie erinnerte ihn das an den Telefoncomputer; ob das dasselbe System war? – wußte der sogenannte Störungsassistent auch nicht mehr weiter und gab ihm dem Rat, doch mal den Kundenservice anzurufen. Der würde sein Problem sicher beheben können. Na, wenn das keine Hilfe ist, dachte Clemens sarkastisch. Auf die Idee war er zuvor schon ganz allein gekommen, dafür hätte er keinen Störungsassistenten gebraucht.

Es blieb ihm nun also nichts weiter übrig, als zu seinem Buch zurückzukehren und die zwei Stunden abzuwarten, die der technische Versuch dauern sollte. Nach den erhaltenen widersprüchlichen Informationen machte sich Clemens allerdings keine großen Hoffnungen mehr, daß dieser zum Erfolg führen würde, aber er wollte sich später nicht nachsagen lassen, es hätte an ihm gelegen, weil er die erhaltenen Anweisungen nicht befolgt hatte.

Vertieft in sein Buch, verpaßte Clemens den Ablauf der zwei Stunden etwas, so daß bereits vierzig Minuten mehr vergangen waren, als er schließlich den Router wie vereinbart neu startete. Das Ergebnis war, wie er es vorausgesehen hatte: es funktionierte nicht. Der Unterschied zu vorher war jetzt nur, daß er den Kundenservice nun nicht mehr erreichen konnte. Der hatte vor vierzig Minuten Feierabend gemacht. Ob das vielleicht der Grund für die Zeitspanne von zwei Stunden gewesen war? Clemens schloß nichts mehr aus.

Da auch mit der Kontaktaufnahme durch einen Techniker um diese Uhrzeit nicht mehr zu rechnen war, würde es wohl oder übel für heute bei diesem Zustand bleiben müssen. Als letzte Amtshandlung warf er nun noch einen Blick in die Service-App, die sein Internetprovider zur Verfügung stellte. Dort entdeckte er überrascht, daß eine Nachricht für ihn eingetroffen war. Diese erwies sich dann jedoch als nicht so neu, wie er gehofft hatte, sondern teilte ihm lediglich dasselbe mit, was er bereits aus der SMS wußte. Mit einer Ausnahme. Am Ende der Nachricht war folgendes zu lesen:

Behebung der Großstörung im Gange.
Bearbeitung abgeschlossen.

Wie jetzt? Clemens war verwirrt. Schon wieder. Behebung im Gange UND Bearbeitung abgeschlossen? Gleichzeitig? Und wenn letzteres stimmte, warum funktionierte es dann weiterhin nicht? Was also sollte das bedeuten? Er konnte sich keinen Reim darauf machen.

So war nun also die Situation am Ende dieses Tages: den verschiedenen Kommunikationssystemen seines Internetproviders zufolge hatte jener die Bearbeitung einer Großstörung, die es gar nicht gab, erfolgreich abgeschlossen, doch Clemens‘ Telefon war noch immer so tot wie das Internet für ihn nicht erreichbar. Aber wenigstens hatte man ihm versichert – mehrfach sogar -, daß seine Zufriedenheit als Kunde allerhöchste Priorität hatte. Wie gerne wollte er das glauben…

Zweiter Tag

Als Clemens am Abend des nächsten Tages von der Arbeit nach Hause kam, blinkte sein Router genauso gleichmütig vor sich hin wie am Vortag. Na, wenigstens behielt einer von ihnen seine Ruhe.

Eine Internet-Verbindung ließ sich folgerichtig weiterhin nicht herstellen und auch das Telefon blieb dysfunktional. Clemens wurde etwas beklommen zumute, als ihm plötzlich der Gedanke kam, was er jetzt wohl machen würde, wenn es zu einem Notfall kam und er kein funktionierendes Mobiltelefon hätte. In einer solchen Situation wäre es ihm dann nicht einmal möglich, einen Notruf abzusetzen. Auf einmal schien ihm die Internet-Telefonie gar keine so gute Idee mehr zu sein…

Zwar hatte er nun glücklicherweise keinen Notfall, doch wollte er trotzdem gerne wieder Zugang zum Internet und ein funktionierendes Telefon haben. Schließlich bezahlte er jeden Monat gutes Geld dafür!

Natürlich hatte sich den ganzen Tag über kein Techniker bei ihm gemeldet, wovon Clemens allerdings nicht sonderlich überrascht gewesen war, da er nach dem Verwirrspiel des gestrigen Abends auch nicht wirklich damit gerechnet hatte. So griff er also erneut zum Mobiltelefon und wählte die Nummer des Kundenservices seines Internetproviders.

Diesmal war es etwas früher als am Tag zuvor und Clemens noch deutlich fitter. So gelang es ihm ohne größere Schwierigkeiten, sich durch die endlos scheinende Litanei des Computers zu quälen, die dennoch stets eine gewisse Aufmerksamkeit erforderte, da er immer wieder aufgefordert wurde, irgendetwas einzugeben oder zu bestätigen. Diesmal hatte er sich, lernfähig, wie er war, die Service-PIN vorher herausgesucht, so daß es etwas schneller als am Vortag ging.

Als die Warteschleifenmusik schließlich abbrach, hatte Clemens diesmal einen Mitarbeiter am Telefon, der sich sehr mitteilsam gab. Nach einiger Tipperei an seinem Computer informierte er ihn darüber, daß es seit zehn Tagen eine Störung gäbe, die in seinem Haus vorläge. Diese müsse erst repariert werden.

Nun, das war Clemens durchaus bekannt. Tatsächlich hatte es Mitte des vorangegangenen Monats in der Etage unter seiner einen Brand gegeben, in dessen Folge es zu Schäden an diversen Leitungen gekommen war, so daß einige Mieter weder Internet noch Telefon und auch kein Fernsehen mehr hatten. Auch hatten irgendwann am Monatsanfang zwei Techniker vor seiner Tür gestanden, die den Zustand der Leitungen inspizieren  sollten und sich dafür deren Führung in seiner Wohnung hatten ansehen wollen. Sie waren ziemlich überrascht gewesen, als er ihnen mitgeteilt hatte, daß sein Internet- und Telefonanschluß zu dieser Zeit noch funktioniert hatte. Da sie darauf bestanden hatten, daß das ja gar nicht sein könne, hatte er es ihnen kurzerhand demonstriert, was sie zwar von der Richtigkeit seiner Aussage überzeugt, allerdings nach eigenem Bekunden auch recht ratlos zurückgelassen hatte, weil sie es sich nicht recht erklären konnten. Schließlich seien doch alle Leitungen kaputt.

Da das nun schon zwei Wochen her war und der Brand mehr als vier Wochen zurücklag, fühlte sich Clemens ob der Aussage des Mitarbeiters einigermaßen verwirrt, denn es erschien ihm merkwürdig zu erfahren, daß die sogenannte Hausstörung erst seit zehn Tagen bestehen sollte. Als er den Servicemitarbeiter darauf und auf die Tatsache hinwies, daß sein Internetzugang noch bis einschließlich vorgestern zufriedenstellend seinen Dienst getan hatte, war es nun an diesem, verwirrt zu sein. Es entstand eine längere Pause, während der der Servicemitarbeiter erneut auf der Tastatur seines Computers herumtippte. Als er dann wieder das Wort ergriff, teilte er Clemens mit, daß es überdies ein Großstörung gäbe, von der sein Haus außerdem betroffen wäre. An der Behebung dieser würde aber bereits gearbeitet.

Nun interessierte es Clemens natürlich brennend, wie lange diese Behebung denn wohl dauern würde. Er zögerte nicht, diese Frage umgehend zu stellen. Leider konnte der Servicemitarbeiter sie nicht mit einer brauchbaren Antwort würdigen. Clemens versuchte es anders und wollte wissen, ob denn auch am unmittelbar bevorstehenden Wochenende entsprechende Arbeiten stattfinden würden. Offenbar wußte der Mann hier mehr, denn er versicherte ihm, daß der Sonnabend als Werktag gelte, so daß sich an diesem Tag auf jeden Fall Techniker um die Behebung der Störung bemühen würden. Am Sonntag, das müsse er verstehen, sei das allerdings nicht der Fall.

Mehr war beim besten Willen nicht herauszubekommen, so daß Clemens eine Fortsetzung des Gesprächs nicht sehr sinnvoll erschien. So verabschiedete er sich und legte auf. Was nun folgte, war im wesentlichen eine Wiederholung der Ereignisse des Vorabends. Nicht allzu lange nach dem Ende des Telefonats traf erneut eine SMS ein, die exakt denselben Wortlaut hatte wie die zuvor erhaltene. Wieder wurde ihm die voraussichtliche Behebung einer ihn betreffenden Großstörung für den Zeitraum der nächsten achtundvierzig Stunden angekündigt. Darüber, daß auch diesmal wieder nicht vereinbarte Technikertermine abgesagt wurden, wunderte sich Clemens jetzt schon nicht mehr, da er diese SMS mittlerweile in der Kategorie Kommunikationssimulation einsortierte und sich weigerte, sie ernstzunehmen.

So überraschte es ihn auch nicht sonderlich, als er wenig später interessehalber einen Blick in die Service-App warf und unter der gestrigen Nachricht einen neuen Zusatz vorfand, der erneut lautete:

Behebung der Großstörung im Gange.
Bearbeitung abgeschlossen.

Darunter wurde nun aber ein Link angezeigt, über den es ihm möglich sein sollte, die Störung als gelöst zu markieren, wenn sie denn nicht mehr bestünde. Der war in seinem Falle allerdings absolut nutzlos, da an diesem Abend des zweiten Tages seine Internetverbindung und sein Telefon ebenso dysfunktional waren wie zuvor, ohne daß Clemens den Eindruck hatte, der Lösung auch nur einen Schritt nähergekommen zu sein. Seine Zufriedenheit als Kunde bekam erste Risse…

Dritter Tag

Als Clemens am Morgen – es war ein Sonnabend – erwachte, hatte sich am Zustand seiner Internet- und Telefonleitung nichts geändert. Das war aber auch nicht zu erwarten gewesen. Da er den Tag über außer Haus sein würde, hoffte er darauf, daß die so pflichtbewußt den Sonnabend als Werktag betrachtenden Techniker seines Internetproviders das Problem bis zum Abend in den Griff bekommen haben würden.

Nun, es wurde Abend, Clemens kehrte nach Hause zurück und – Internet und Telefon waren so mausetot wie am Morgen und die beiden Tage zuvor. Da der Sonnabend nicht nur für die Techniker, sondern auch für den Kundenservice als Werktag galt, griff Clemens umgehend zum Telefon. Vielleicht würde es ihm ja beim dritten Versuch endlich einmal beschieden sein, eine brauchbare Antwort zu erhalten.

Als er schließlich eine Servicemitarbeiterin – es war natürlich wieder eine andere – an der Strippe hatte, teilte ihm diese gut gelaunt mit, daß es ja klar sei, daß er momentan von der Außenwelt abgeschnitten sei, schließlich gäbe es bei ihm im Haus ja eine Störung, und zwar schon seit nunmehr elf Tagen. Die müsse halt erst einmal behoben werden. Da müsse er sich nun wirklich nicht wundern. Das sei nun einmal so.

Clemens atmete einmal tief durch. Dann noch einmal. Und dann – nur zur Sicherheit – noch einmal. Als er schließlich glaubte, ruhig genug für eine Antwort zu sein, wiederholte er seinen bereits am Vortag vorgebrachten Hinweis, daß sein Anschluß aber bis vor drei Tagen funktionstüchtig gewesen sei, und verband ihn mit der Frage, wie es denn dann sein könne, daß der Ausfall seines Anschlusses mit dieser Hausstörung zusammenhänge. Daß er darauf keine diesen Umstand erklärende Antwort erhielt, überraschte ihn allerdings nicht sonderlich. Um der Ursache des Problems vielleicht doch noch auf den Grund zu kommen, fragte er stattdessen, wie es sich denn mit der Großstörung verhalte, die man ihm in den Tagen zuvor als Grund genannt hatte. Hier konnte ihm die ob seiner Hartnäckigkeit auf einmal nicht mehr ganz so gutgelaunte Servicemitarbeiterin immerhin die frohe Nachricht verkünden, daß die Servicetechniker ihren sonnabendlichen Werktag ausgesprochen gut genutzt hätten, denn die sei nun behoben. Als er daraufhin wissen wollte, warum es dann weiterhin nicht funktioniere, fand sich Clemens unversehens auf dem weiten Feld der Unklarheit wieder. Das, so teilte die Dame ihm mit, sei weder bekannt noch momentan feststellbar. Auch seine Erkundigung nach einer Prognose zur Behebung des Problems wurde mit dieser Antwort beschieden. Um vielleicht doch noch etwas mehr Engagement zu provozieren, wies er darauf hin – er hatte sich in der Zwischenzeit diesbezüglich informiert -, daß sein Anschluß nun schon seit zwei Tagen gestört sei und daß damit die Frist, die er für die Behebung des Problems zugestehen müsse, verstrichen sei, so daß ab dem jetzigen Zeitpunkt seinerseits Rückerstattungsansprüche entstünden. Darauf erklärte ihm die Dame gleichmütig, das sie das wisse. Er solle die Rückerstattung einfach beantragen, sobald sein Anschluß wieder funktioniere.

Damit war die Unterhaltung an einem Totpunkt angekommen. Eine Fortsetzung des Gesprächs erschien Clemens – wieder einmal – nicht sinnvoll, und so legte er auf. So langsam beschlich ihn der Verdacht, daß man zwei Tage zuvor versucht hatte, das Problem, das irgendwo in seinem Haus bestand, zu beheben, wobei man unglücklicherweise seine bis dahin noch funktionierende Leitung so beschädigt hatte, daß nun auch bei ihm nichts mehr ging. Wenn das allerdings so sein sollte, warum hatte dann beim Kundenservice niemand eine Ahnung davon, was vor sich ging? Er verlangte doch nicht mehr als eine Aussage darüber, was das Problem war, was man zur Lösung zu unternehmen gedachte und wie lange das dauern würde. Doch nicht einmal zur Beantwortung dieser simplen und – wie er fand – durchaus berechtigten Fragen schien der Kundenservice in der Lage zu sein.

Daß Clemens mit dieser Erfahrung nicht allein war, hatte er durch ein Gespräch zweier Nachbarn mitbekommen, dessen er an diesem Tag zufällig Zeuge wurde, als er gemeinsam mit ihnen auf den Fahrstuhl wartete. Auf die Feststellung des einen, daß schon seit Tagen weder Internet noch Telefon funktionierten, antwortete der andere, daß er deswegen schon mit dem Vermieter gesprochen habe. Der hätte ihn allerdings direkt an die jeweiligen Diensteanbieter verwiesen, da all diese Dienste nicht Bestandteil des Mietvertrags seien und er daher leider nichts darüber wisse. Das gelte mittlerweile auch für das Kabelfernsehen. Vom Kabelanbieter habe er, der Nachbar, allerdings keine brauchbare Antwort erhalten. Man habe ihm lediglich gesagt, das könne Wochen dauern.

Na, das waren ja schöne Aussichten. Und offenbar war nicht nur sein Dienstleister nicht in der Lage, mit seinen Kunden eine vernünftige, auf schnelle Problemlösung orientierte Kommunikation zu führen. Clemens verspürte allerdings wenig Lust, sich mit dieser Situation wochenlang auseinanderzusetzen, und beschloß daher, dem Kundenservice seines Internetproviders so lange auf die Nerven zu gehen, bis etwas geschah. Seiner Kundenzufriedenheit war diese Zukunftsperspektive in diesem Augenblick allerdings nicht sehr zuträglich. Sie begann, ernstlich zu bröckeln…

Fünfter Tag

Da am darauffolgenden Sonntag weder Servicetechniker noch Kundenservice arbeiteten, konnte Clemens erst am Montag neue Anstrengungen unternehmen, sein Problem zu lösen. Am Zustand von Internetverbindung und Telefonanschluß hatte sich nicht das Geringste geändert, und da er an diesem Tag noch frei hatte, beehrte er den Kundenservice seines Internetproviders diesmal bereits mittags mit seinem Anruf. Wieder kämpfte er sich durch das Vorgeplänkel mit Service-PIN, Gesprächsthemenauswahl und Datenabgleich – wozu mußte der eigentlich jedesmal wieder durchgeführt werden? Dann hatte er endlich jemanden am anderen Ende der Leitung.

Zunächst wiederholte sich der Clemens schon ebenso hinreichend bekannte wie nutzlose Dialog über die seit angeblich nunmehr dreizehn Tagen bestehende Hausstörung. Neu war daran lediglich, daß der Servicemitarbeiter diesmal darauf bestand, daß die Tatsache, daß sein Anschluß selbst mit der Störung noch ganze zehn Tage funktionsfähig gewesen war, nicht ausschließe, daß sein Problem mit dieser Störung zusammenhänge. Angesichts seiner zwei Tage zuvor aufgestellten Theorie über bereits erfolgte Reparaturversuche, die mehr zerstört als repariert hatten, war Clemens inzwischen durchaus bereit, das zuzugestehen. Da diese Theorie allerdings noch ihrer Überprüfung harrte, zögerte er nicht, den Mitarbeiter zu fragen, wie er diesen Zusammenhang denn erkläre. Leider sah der sich dazu aber nicht in der Lage. Offenbar hatte er einfach ins Blaue hinein argumentiert.

Clemens, den das nicht mehr sonderlich überraschte, kam nun gleich auf den Punkt zu sprechen, der ihn wirklich interessierte: wie lange würde es dauern, bis das Problem behoben sei? Und auf diese seine in der Vergangenheit nun schon mehrfach gestellte Frage erhielt er dieses Mal eine wirklich interessante Antwort!

Der Umstand, der sie so bemerkenswert machte, war allerdings nicht die Tatsache, daß ihm sein Gesprächspartner weiterhin keine Prognose liefern konnte oder wollte – das war Clemens schon gewöhnt, und er hatte kaum mehr erwartet. Das Interessante bestand vielmehr darin, daß er ihm diesmal eine Begründung lieferte, warum denn diese die Zukunft betreffende Prognose so schwierig sei. Er teilte ihm nämlich mit, daß die beschädigten Schaltkästen für all die Verbindungen in seinem Haus in dem Bereich lägen, in dem es gebrannt habe. Und dieser sei aufgrund dieses Brandes immer noch durch eine polizeiliche Sperrung blockiert, so daß die Techniker keinen Zugang erhielten. Und da man ja nun wirklich nicht wissen könne, wann die Polizei den Bereich wieder freigebe, könne man auch keine Prognose abgeben.

Na, das war doch endlich mal eine Information! Allerdings erklärte sie für Clemens immer noch nicht, warum sein Internet- und Telefonanschluß bis Mitte der vorangegangenen Woche noch über eine funktionierende Leitung verfügt hatte. Könnte es vielleicht sein, daß die Störung in seinem Fall auf eine ganz andere Ursache als die Beschädigung durch den Brand zurückzuführen war? Auf seine entsprechende Frage, ob denn das nicht vielleicht mal jemand überprüfen wolle, bevor man das Problem einfach auf die Brandschäden schiebe, antwortete der Servicemitarbeiter lapidar, daß er dafür ja mal einen Arbeitsauftrag anlegen könne, allerdings würde dieser, wenn die Techniker im System den Hinweis auf den Brandschaden sähen, sowieso gleich wieder geschlossen.

Clemens glaubte, sich verhört zu haben. Was war das denn für eine Arbeitsweise! Doch anstatt auf die Sinnlosigkeit eines solchen Vorgehens hinzuweisen – wer war er schon, all den Fachleuten dort zu erklären, wie sie arbeiten sollten – , insistierte er lieber, daß es doch beispielsweise durchaus auch sein könne, daß sein Router einfach nur defekt sei. Und wenn das der Fall wäre, würde es doch wenig Sinn ergeben, pauschal auf die Entsperrung eines Hausbereichs durch die Polizei und die Behebung der Brandschäden zu warten, da es ja danach immer noch nicht funktionierte. Zumindest ihm erschien diese Strategie des systematischen Ausschlusses alternativer Fehlerursachen plausibel, wandte er sie in seinem Beruf als Softwareentwickler doch beinahe täglich erfolgreich bei der Problemlösung an. Ob sein Gesprächspartner das auch so sah oder ihn einfach nur beschwichtigen wollte, um ihn endlich loszuwerden, blieb für Clemens im Dunkeln. Doch immerhin sagte er ihm zu, daß er jetzt einen entsprechenden Auftrag anlege. Ein Techniker würde sich dann bei ihm melden, wenn er weitere Informationen benötige.

Und dann gab der Servicemitarbeiter Clemens mit der Frage, ob er ihm sonst noch irgendwie weiterhelfen könne, deutlich zu verstehen, daß dieses Gespräch nun zu einem Ende zu kommen hatte. – Danke, nein, antwortete Clemens und dachte bei sich: weder hier noch bei irgend etwas Anderem.

Ärger mit dem Internetanschluß - ein Symbolbild
So stellt sich generative KI Clemens‘ Situation vor. Nah dran, würde Clemens wohl sagen…
Erstellt mit generativer KI in Adobe Photoshop.
Alexander Glintschert (2024).
Creative Commons Lizenzvertrag

Nachdem Clemens aufgelegt hatte, dachte er über das eben Gehörte nach. Eine polizeiliche Sperrung also. Konnte das sein? Wenn das stimmte, wieso hatten dann vor einiger Zeit die beiden Techniker vor seiner Tür gestanden, die nach eigenem Bekunden an den Leitungen arbeiteten und sich sogar wunderten, daß Internet und Telefon bei ihm noch funktionierten? Wie hatten die die polizeiliche Sperrung wohl umgangen? Oder gab es die etwa gar nicht?

Plötzlich fiel ihm ein, das er das ja auf einfachste Weise selbst nachprüfen konnte. Schließlich lagen die fraglichen Räumlichkeiten nicht nur in seinem Haus, sondern nur ein Stockwerk tiefer. Er brauchte nur ein paar Stufen nach unten zu gehen und nachzusehen.

Als Clemens kurz darauf vor der Tür zu den in jener Etage befindlichen Räumlichkeiten, in denen sich der Brand ereignet hatte, ankam, stand diese sperrangelweit offen. Er trat ein und bemerkte an der Wand jede Menge herumliegende Kabel, die so aussahen, als würden sie gerade neu verlegt. Die diese Arbeit ausführenden Handwerker waren jedoch offenbar gerade irgendwo unterwegs, denn es war niemand außer ihm hier. Von einer polizeilichen Sperrung war hingegen weit und breit nichts zu sehen.

Wenn ich schon mal hier im Haus unterwegs bin, dachte sich Clemens, kann ich ja auch gleich mal zum Schaukasten in den Eingangsbereich gehen und die Telefonnummer des Hausmeisters abschreiben, um ihn danach zu fragen. Als er auf dem Weg dorthin an dessen Büro vorüberkam, war dieser zufällig gerade dort. Clemens ergriff die Gelegenheit beim Schopfe und erzählte ihm von seinem Problem und der Auskunft, die er vom Kundenservice des Internetproviders gerade erhalten hatte. Der Hausmeister fiel buchstäblich aus allen Wolken. Nix sei noch gesperrt, schon seit Tagen seien alle Räume für jede Art Handwerker, die etwas zu reparieren hätten, zugänglich, die könnten schalten und walten, wie sie wollten, und seien bei der Arbeit. „Sagen Sie denen das!“ beschied ihn der Hausmeister abschließend.

Clemens bedankte sich herzlich für diese Informationen und kehrte schnurstracks in seine Wohnung zurück. Wollen doch mal sehen, dachte er bei sich, was der Kundenservice dazu sagt. Auf die Reaktion war er nun wirklich gespannt.

Es war erst eine gute halbe Stunde seit seinem vorigen Anruf vergangen, da hatte er wieder einen menschlichen Gesprächspartner in der Leitung. Natürlich war es nicht derselbe wie zuvor, allerdings war ihm das egal, konnte er doch daran sowieso nichts ändern. Er schilderte sein Problem, wiederholte die Antwort, die er zuvor vom Kollegen des Mitarbeiters erhalten hatte und ließ den Hinweis auf die darin enthaltene grobe Fehlinformation und den wahren Sachverhalt den Höhepunkt seiner Ausführungen bilden.

Es überraschte Clemens nicht sonderlich, daß der Servicemitarbeiter, mit dem er sprach, sich daraufhin etwas Bedenkzeit ausbat, indem er ihm mitteilte, daß er das eben kurz überprüfen müsse. Hab ich Euch, dachte Clemens nicht ganz ohne Schadenfreude, während er wieder für eine Weile lediglich eine Folge von Tastenanschlägen hörte. Doch er hatte die Rechnung ohne die Kreativität des Kundenservices gemacht und zu früh frohlockt! Als sich der Servicemitarbeiter schließlich zurückmeldete, bestand seine Antwort nur aus einem einzigen Satz: im System stünde, die Techniker seien bei der Arbeit und die Störung würde diese Woche behoben.

Clemens konnte sich ein kurzes Auflachen und den zugegebenermaßen etwas sarkastischen Hinweis, daß das ja nun eine völlig neue Information sei, nicht verkneifen. Sein Gesprächspartner wiederholte daraufhin noch einmal, daß das so im System stünde.

Clemens fühlte sich versucht zu fragen, wie das denn wohl so plötzlich dorthin gekommen sein könnte. Da er jedoch ahnte, daß das zwar verständlich, doch kaum hilfreich sein würde, sparte er sich das und fragte stattdessen zielführender, was denn „diese Woche“ genau bedeute: eher Dienstag oder eher Freitag? Nun, das wußte der gute Mann dann allerdings nicht zu sagen. Das stand, wie es schien, nicht im System.

Da mehr Information wieder einmal nicht herauszubekommen war, beschloß Clemens das Gespräch mit der Bemerkung, daß er sich dann wohl überraschen lassen müsse.

Eine Woche also. Nun, die auflaufende Rückerstattung wurde immer höher. Clemens‘ Zufriedenheit als Kunde befand sich hingegen mittlerweile im stetigen Sinkflug…

Neunter Tag

Internet und Telefon tot. Internet und Telefon tot. Internet und Telefon tot…

So langsam wurde diese Feststellung zu einem täglichen Abendmantra für Clemens. Hatte er zu Wochenbeginn darauf gehofft, daß das Problem möglichst früh in der Woche behoben würde, mußte er Abend für Abend, wenn er nach Hause gekommen war, feststellen, daß sich am Zustand seiner Internetverbindung und seines Telefons nichts geändert hatte. So war es dann auch am Freitagabend. Dementsprechend war seine Laune nicht die beste.

Nun war ihm durchaus klar, daß der etwaige Einwand, daß er ja bereits wußte, daß die Techniker seines Internetproviders auch am Sonnabend arbeiteten und daß „Ende der Woche“ also diesen Tag durchaus einschließen mochte, nicht ganz ungerechtfertigt war. Allerdings war seine Geduld an diesem zweiten Freitagabend der Störung dann doch bereits arg erschöpft. Mehr als eine Woche war sein Anschluß nun nicht einfach nur gestört, sondern vollumfänglich funktionsunfähig, und es zeichnete sich keine Besserung ab.

So griff er also erneut zum Mobiltelefon und wählte die ihm schon einschlägig bekannte Nummer. Auch seine Service-PIN und sämtliche im Zuge des vorgeschalteten Hindernislaufs geforderten Daten wußte er inklusive Reihenfolge ihrer Abfrage mittlerweile auswendig, so daß er die entsprechenden Auswahlen und Eingaben bereits tätigte, bevor die enervierende Computerstimme überhaupt ausgesprochen hatte. Auch die Warteschleifenmusik konnte er nun schon korrekt mitsingen – inklusive englischen Texts. Dann war er endlich wieder mit einem Mitarbeiter verbunden und fragte angesichts der fortbestehenden Dysfunktionalität von Internet- und Telefonverbindung nach dem Stand der Dinge.

Also im Computer stünde, die Störung sei behoben, teilte ihm der Kollege am anderen Ende der Leitung mit. Clemens klappte die Kinnlade herunter. Wie bitte? Doch bevor er auch nur zu der Entgegnung ansetzen konnte, daß er davon irgendwie so gar nichts bemerken könne, fügte der Servicemitarbeiter ein zweifelndes „Oder doch nicht?“ hinzu. Hinter der Mitteilung sei ein Fragezeichen, setzte er Clemens in Kenntnis. Und fuhr fort: also da wisse er jetzt auch nicht…

Nun, den Eindruck, daß dort niemand etwas wußte, hatte Clemens schon länger. Weise verzichtete er allerdings darauf, das zu sagen, sondern kam noch einmal auf seine schon Anfang der Woche gestellte Frage zurück, ob es denn nicht auch am Router liegen könne und ob man das nicht einfach mal zu überprüfen gedenke. Schließlich hatte sich trotz angeblich dazu erteiltem Auftrag in der ganzen zurückliegenden Woche niemand diesbezüglich mit ihm in Verbindung gesetzt. Doch auch dieser Kollege schien dazu keine Lust zu haben, denn er lehnte den entsprechenden Test rundweg ab. Solange nicht klar sei, ob die Störung noch bestehe, brauche er das nicht zu versuchen.

Clemens hatte Fragen… Eine Menge Fragen…

Doch bevor er auch nur eine davon stellen konnte, versicherte ihm sein Gesprächspartner beflissen, daß er die Angelegenheit jetzt aber wirklich dringend mache. Es werde ihn auf jeden Fall ein Techniker kontaktieren, per Telefon oder per Email.

Guter Witz. Clemens mußte ein lautes Auflachen unterdrücken.

So höflich, wie er nur irgend konnte, wies er darauf hin, daß eine Email ohne einen funktionierenden Internetzugang ihm wohl wenig bringen dürfte, woraufhin der Mann am anderen Ende der Leitung umgehend die Alternativen reduzierte und auf die Kontaktaufnahme per Telefon beschränkte. Selbstverständlich unter Clemens‘ Mobilfunknummer.

In der Tat hätte Clemens die Email kaum mehr empfangen können, da nach der nun schon über eine Woche andauernden Ausfallzeit seines Internetzugangs auch das Datenkontingent seines Mobiltelefons bereits so erschöpft war, daß der den verbliebenen kleinen Rest für die alltäglichen Alltagsgeschäfte wie beispielsweise den Fahrscheinkauf für den Bus aufsparen mußte.

Ihm war die Lust auf weitere Fragen vergangen, und so beendete Clemens das Gespräch. Seine Kundenzufriedenheit war inzwischen an einem Punkt angekommen, an dem er die am Ende jedes Telefonats mit dem Kundenservice gestellte Frage, ob man den Internetprovider einem Freund oder Kollegen weiterempfehlen würde, mit einem inbrünstig ausgerufenen „Niemals!“ beantwortet hätte…

Zwölfter Tag

Keine Sekunde hatte Clemens daran geglaubt, daß ihn irgendjemand kontaktieren würde. So war erneut er derjenige, der den Kontakt wieder aufnahm, als drei Tage und damit ein weiteres Wochenende später – mittlerweile näherte sich das Ende des Monats – immer noch nichts funktionierte und sein Router seine stupide Blinkerei ob der nicht vorhandenen Internetverbindung stoisch fortsetzte. Entweder hatten sie es wieder einmal vergessen oder aber der Sonnabend war überhaupt kein Arbeitstag für die Techniker. Mittlerweile stellte Clemens alles in Frage, was ihm vom Kundenservice aufgetischt wurde.

Die Uhr zeigte kurz nach Mittag, als er seinen nächsten Anruf tätigte. Es war das erste Mal, daß er jemanden am Telefon hatte, mit dem er bereits gesprochen hatte. Es war die Dame vom ersten Telefonat.

Ja, also, das sei wirklich merkwürdig, meinte sie, daß sich da niemand bei ihm gemeldet habe. Nein, sie könne ihm nicht sagen, wie lange es noch dauerte, bis repariert sei, was auch immer repariert werden müsse. Und ob die Störung nun behoben sei, könne sie auch nicht sagen. Im Computer sei sie noch vermerkt. Sie gebe das weiter. Und mache das dringend. Die Techniker würden sich melden. Per Email oder Telefon.

Email bringe nichts, warf Clemens gelangweilt ein.

Na gut, dann per SMS oder Telefon. Oha! Eine neue Option war für ihn im Angebot.

Clemens war gedanklich noch bei der SMS, da fragte sie ihn plötzlich, ob er denn mit seinem Vertrag zufrieden sei. Ja nun, was sollte er sagen… Prinzipiell schon, erwiderte er, wenn denn mal was funktionieren würde.

Sie ignorierte die Spitze und erklärte ihm, daß sie im Computer sehe, daß er von seinem Anschluß auch Handynummern anrufen würde. Das koste extra. Und überhaupt zahlte er zuviel. Da könne sie was machen. Moment…

Nun war sie eine Zeitlang beschäftigt. Und Clemens gingen eine Reihe von Fragen durch den Kopf. Die erste, warum bei seinem Anbieter eigentlich jeder Servicemitarbeiter Zugriff auf seine Liste angerufener Nummern hatte, schob er gleich beiseite – das hier zu diskutieren, würde wohl nichts bringen. Viel unmittelbarer interessierte ihn, ob sie das eigentlich wirklich ernst meinte. Seit Tagen rief er immer wieder wegen einer bestehenden Störung an, und sie fragte ihn nach seiner Zufriedenheit mit seinem Vertrag?

Nach einer Weile teilte sie ihm mit, sie hätte da ein einmaliges Angebot für ihn. Sein Modem sei ja veraltet. Das könne sie ersetzen. Womit, fragte Clemens unwillkürlich. Sie sagte es ihm, und ihm war sofort klar, daß er nicht nur ein Nachfolgemodell seines Routers bekommen würde, sondern ein gänzlich anderes Gerät. Als er bekundete, daß er das nicht wolle, da er keine Lust hatte, alles gänzlich neu einzustellen, legte sie den Vorschlag sofort zu den Akten. Wenn er keinen anderen Gerätetyp wolle, wäre eine Aktualisierung eben nicht möglich. Aber weniger zahlen, das ginge trotzdem. Fast zehn Euro pro Monat könne er sparen. Er müsse dann aber TV dazunehmen, das er bisher nicht im Vertrag habe.

Äh, was? Clemens war verwirrt. Schon wieder. Was war das denn für eine Logik? Er mußte etwas dazubestellen, damit er weniger zu bezahlen hatte?

Da er schon ahnte, daß das ein längeres Gespräch werden würde, wenn er diese Frage stellte, beschloß er, kurzerhand die Antwort zu geben, die der Wahrheit entsprach und von der er dachte, daß sie die Debatte sofort beenden würde: Für Fernsehen habe er keine Verwendung. Er könne sich auch so ganz gut beschäftigen.

Er hatte sich geirrt. Das Gespräch war nicht zu Ende. Offenbar wollte sich seine Gesprächspartnerin durch sein offenkundiges Desinteresse an einer Vertragsänderung nicht von ihrem Vorhaben abbringen lassen, ihm eine solche aufzuschwatzen. Nur weil er sich für Fernsehen nicht interessiere, heiße das ja noch lange nicht, daß er es nicht dazubuchen könne. Und wenn er es wirklich nicht nutzen wolle, dann solle er doch einfach das „Zusatzgerätchen“, das man ihm dafür liefern würde, in den Schrank legen und nicht nutzen. Das wäre doch sicher kein Problem für ihn, wenn er dafür doch sparen könnte. Wieso ein Vertrag mit TV allerdings billiger als einer ohne sein sollte, erklärte sie Clemens nicht.

Dafür kam sie nun auf den Haken zu sprechen, den die Angelegenheit hatte. Clemens war nicht überrascht, daß es einen gab. Worin der wohl bestand? Sie sagte es ihm. Er bekäme auf jeden Fall noch ein neues Produkt dazugebucht.

Noch eins?

Ja, was ganz Neues. Sie ratterte in rasendem Tempo irgendeine Beschreibung herunter, die er auf die Schnelle nicht verstand. Nur, daß es sich um eine Art Testphase handle, blieb bei ihm hängen. Und daß das daher auch einige Monate gar nichts koste.

Und dann?

Ja, dann laufe das halt weiter und koste Geld. Und wenn er das dann nicht weiternutzen wolle, müßte er das in dieser Zeit halt wieder kündigen.

Nepper, Schlepper, Bauernfänger, ging es Clemens durch den Kopf. Er teilte ihr postwendend mit, daß er nichts dazugebucht bekommen wolle, von dem er bereits wisse, daß er es nicht brauche, weshalb er es dann gleich wieder kündigen müsse.

Das brachte sie etwas aus der Fassung. Aber er würde doch fast zehn Euro sparen! Pro Monat!

Jaja, das habe er verstanden, erklärte Clemens, nun schon sichtlich genervt. Wolle er aber trotzdem nicht.

Jetzt war es an ihr, genervt zu sein. Warum er sich so sträube, wollte sie wissen. Und warum er denn partout nicht sparen wolle?

Nun, das hatte er zwar nie behauptet, aber Clemens verspürte wenig Lust, das Gespräch mit einer entsprechenden Erklärung unnötig noch weiter in die Länge zu ziehen. Da jede Ablehnung sie lediglich noch mehr anzustacheln schien, sich in’s Zeug zu legen, um ihn zu überzeugen, sagte er stattdessen, sie solle ihm das Ganze schriftlich zukommen lassen, er wolle das noch einmal in Ruhe prüfen. Nach ein paar Erklärungen am Telefon könne er das nicht gut überblicken und fühle sich überfahren.

Endlich sah sie ein, daß sie mit ihm in diesem Augenblick kein Geschäft würde machen können, und versprach Clemens daher, alles noch einmal in einer Email zusammenzufassen. Er müsse dann nur auf den darin enthaltenen Freigabe-Link klicken und schon werde die Vertragsänderung wirksam. Alles ganz einfach also.

Daß Clemens diese Email wohl kaum würde lesen können, da er ja momentan über keinen funktionierenden Internetanschluß mehr verfügte und daher auch keine Emails empfangen konnte, fiel ihr dabei nicht auf…

Es dauerte nach dem Ende dieses nutzlosen Gesprächs nur wenige Minuten bis zum Eintreffen einer SMS. In dieser teilte man Clemens mit, daß man sein Störungsanliegen erfaßt habe. War das jetzt ein Fortschritt? Desweiteren versprach man, sein Anliegen schnellstmöglich zu lösen und sich bei ihm zu melden. Sogar einen Termin gab man an. Voraussichtlich sei das Problem in spätestens achtundvierzig Stunden gelöst.

Da waren sie wieder, die ominösen achtundvierzig Stunden, von denen für Clemens mittlerweile nur eines absolut sicher war: daß in diesem Zeitraum genau nichts passieren würde. Seine Zufriedenheit als Kunde war mittlerweile gestorben…

Dreizehnter Tag

Nach wie vor funktionierten weder Internetzugang noch Telefon. Clemens war nur froh, daß er seit jeher niemand war, der sein Zuhause gerne zu seinem Arbeitsplatz machen wollte. So vermißte er die ihm abhanden gekommene Möglichkeit zum Home Office überhaupt nicht. Zuhause war für ihn Zuhause und Arbeit war Arbeit. Das sollte bitteschön stets sauber getrennt bleiben. Nun war es durchaus nicht so, daß er es nicht durchaus praktisch fand, zu Hause arbeiten zu können, wenn er mal eine Lieferung oder einen Handwerker erwartete, mußte er doch dafür dann nicht einen kostbaren Urlaubstag verschwenden. Er wollte jedoch keine Gewohnheit daraus machen und die Arbeit auf diese Weise Schritt für Schritt in sein Privatleben einsickern lassen…

Clemens war gerade von der Mittagspause wieder an seinen Arbeitsplatz im Büro zurückgekehrt, als eine SMS auf seinem Mobiltelefon eintraf. Da sie von seinem Internetprovider war, flackerte in ihm kurz die Hoffnung auf, es könnte nun endlich einen Schritt vorwärtsgehen, doch erstarb dieses kleine Flamme sofort wieder, als er die Nachricht las. Man informierte ihn darüber, daß man ihm eine Email mit allen Details zur Vertragsänderung zugesendet habe. Und er müsse diese mit lediglich einem Klick nur noch bestätigen, um die Bestellung abzuschließen.

Leider war es ihm nicht möglich, an die Email zu gelangen, da unglücklicherweise sein Internetanschluß gerade gestört war. Manchmal habe ich aber auch echt Pech, dachte Clemens und grinste vor sich hin. Ganz offensichtlich wirkte sich der Tod seiner Kundenzufriedenheit negativ auf seine Bereitschaft für weitere Abenteuer mit seinem Internetprovider aus…

Vierzehnter Tag

Bis zum Morgen des nächsten Tages – es war ein Mittwoch – hatte sich nichts verändert. Da Clemens den Tag in der Firma verbrachte und sich bisher wie erwartet auch niemand bei ihm gemeldet hatte, war ihm der aktuelle Status seines Internet- und Telefonanschlusses unbekannt, als er am frühen Nachmittag erneut eine SMS erhielt:

Hallo, leider verzögert sich die Bearbeitung Ihres Auftrages. Verfolgen Sie Ihren Bestellstatus online. Ihr Kundenservice.

Zusätzlich war ein Link enthalten, mit dessen Hilfe er der Aufforderung offenbar nachkommen konnte, wenn er denn wollte. Da Clemens zunächst dachte, es gehe um die Störung seines Anschlusses, war er etwas verwirrt ob dieser lapidaren, nichtssagenden Nachricht. Doch dann fiel ihm der Begriff „Bestellstatus“ auf. Ein Blick ins Kundenportal förderte einen weiteren Hinweis zutage. Hier teilte man ihm mit, daß seine Bestellung bearbeitet würde, und stellte ihm einen Link zum Einrichtungsassistenten für seine Hardware bereit. Da er jedoch keinerlei Ahnung hatte, was er damit sollte, schließlich hatte er weder die Änderung seines Vertrages beauftragt noch irgendwelche Hardware für irgendwas bestellt, beschloß er, die Nachricht einfach zu ignorieren.

Da sich bis zum Abend immer noch niemand bei ihm gemeldet hatte und sein Anschluß auch weiterhin außer Funktion war, rief Clemens erneut beim Kundenservice an. Wer auch immer diesmal das Pech hatte, seinen Anruf entgegenzunehmen, würde sich auf einiges gefaßt machen müssen. Seine Geduld war endgültig am Ende.

Clemens eröffnete das Gespräch mit der Feststellung, daß ihm die Behebung der Störung seines Anschlusses bis heute versprochen worden war, daß dies aber nicht der Fall sei und, da es jetzt bereits kurz vor Dienstschluß für den Kundenservice war, wohl auch nicht davon auszugehen sei, daß das noch geschehe. Er wolle nun wissen, wie der Stand sei.

Natürlich bekam er erst einmal die fast schon obligatorische Antwort aufgetischt, daß es da doch eine Hausstörung gebe. Doch dann wollte der Servicemitarbeiter plötzlich wissen, ob das ein Mehrfamilienhaus sei, in dem Clemens wohnte.

Nun ja, dachte Clemens, das könnte man wohl so sagen. Mehr als zehn Wohnetagen, jede mit einer großen Anzahl Wohnungen. Geht das als Mehrfamilienhaus durch?

Er sparte sich allerdings den Sarkasmus und beschränkte seine Antwort auf ein einfaches Ja, an das er noch die Erklärung bezüglich der Etagen und Wohnungsanzahlen anfügte. Da der Servicemitarbeiter nun weder eine Erklärung abgab, warum er das hatte wissen wollen, noch irgendetwas mit dem erlangten Wissen anzufangen gedachte, wiederholte Clemens seinen Hinweis auf das nicht gehaltene Versprechen der Störungsbehebung bis zum heutigen Tag und fragte erneut nach dem aktuellen Status. Daraufhin erklärte ihm der Servicemitarbeiter, daß er darüber leider auch nicht mehr sagen könne. Die Bearbeitung dauere wohl noch an, der Fall sei noch offen. Und die achtundvierzig Stunden seien ja irgendwie auch noch gar nicht ganz um.

In Gedanken ging Clemens eine Runde um den Block, um ruhig zu bleiben, bevor er antworten konnte. Sein letzter Anruf, so setzte er seinem Gesprächspartner anschließend geduldig auseinander, habe vor zwei Tagen mittags stattgefunden. Jetzt sei es zwei Tage später und abends, damit seien doch sehr wohl achtundvierzig Stunden um. Und er ginge nicht davon aus, daß heute am späten Abend noch irgendein Techniker an irgendeiner Leitung Reparaturen vornehme, so daß sich der gegenwärtige Zustand heute noch ändere. Oder etwa doch?

Clemens hätte hinterher nicht mehr zu sagen vermocht, ob das Anschwellen seiner Stimme im Laufe seiner Ausführungen, daß schließlich darin gipfelte, daß er die letzte Frage förmlich herausschrie, lediglich in seiner Vorstellung stattgefunden hatte oder ob das wirklich geschehen war. Allerdings sprach die Tatsache, daß der Servicemitarbeiter ihm vollkommen normal antwortete, für Ersteres. Glücklicherweise, wie Clemens fand.

Der Mitarbeiter mußte wohl oder übel zugeben, daß Clemens wohl recht habe. Und da er ihn nun schon in der Defensive hatte, nutzte Clemens die Gelegenheit, darauf hinzuweisen, daß die Störung mittlerweile bereits seit zwei Wochen anhalte und er mehr als unzufrieden sei, weil sich niemand darum kümmere, niemand sage, was das Problem sei und niemand eine Aussage mache, was getan werde und bis wann.

Wenn er nun gehofft hatte, daß das irgendeine andere Reaktion provozieren würde als den Versuch, ihn zu beschwichtigen, wurde er enttäuscht. Der Mitarbeiter versicherte ihm lediglich, daß er ihn absolut verstehe und die Angelegenheit deswegen jetzt wirklich dringend mache. Innerhalb der nächsten achtundvierzig Stunden werde sich definitiv jemand bei ihm melden.

Nun, das hatte Clemens jetzt wirklich schon mehrfach gehört. Er teilte das dem Kollegen mit und fügte an, daß es sich immer um achtundvierzig Stunden handle, in denen dann allerdings stets genau nichts geschah. Ob das normal sei bei seinem Unternehmen, wollte er schließlich wissen.

Was nun folgte, war eine langwierige und nach Clemens‘ Empfinden ziemlich wirre Erläuterung, die er nicht in allen Einzelheiten behielt und von der er später nur noch wußte, daß sie irgendwas mit der Änderung von Rahmenbedingungen von Verträgen zu tun hatte, die sehr viel Umstellung und Arbeit bedeuten würde und es aus irgendwelchen Gründen notwendig mache – warum auch immer -, daß auch die Techniker involviert werden müßten, die daher voll im Einsatz zu sein hätten, um irgendwas zu gewährleisten und zu unterstützen und überhaupt…

Hatte diese Erklärung immerhin den Vorzug, daß Clemens sie noch nie gehört hatte, so half sie ihm doch in gar keiner Weise weiter. Das war auch der Grund, daß sie ihn letztlich auch überhaupt nicht interessierte, und so ging er nicht weiter darauf ein. Stattdessen sagte er dem Servicemann klipp und klar, daß er, wenn sich an der bisherigen Art und Weise, mit dem Problem umzugehen, nicht sofort grundlegend etwas ändere, kündigen würde. Schließlich könne ihm ja bisher nicht mal jemand sagen, ob sein Problem überhaupt mit der Hausstörung zusammenhänge. Es könne ja auch der Router einen Defekt haben, was aber bisher trotz seiner mehrfachen Nachfragen diesbezüglich nicht mal jemand überprüfen wolle. Das sei außerordentlich unbefriedigend.

Offenbar wurde dem Mann am anderen Ende der Leitung nun endlich klar, daß es Clemens mehr als ernst war, denn er versuchte jetzt, ihn wieder zu beruhigen. Und er gab sich, wie Clemens anerkennen mußte, dabei durchaus Mühe.

Tatsächlich tat ihm der Servicemitarbeiter sogar ein wenig leid, hatte er doch heute das Unglück gehabt, seinen Anruf zugelost zu bekommen. Clemens glaubte ihm sofort, daß er, der den Kunden, also ihn, am Telefon hatte, von allen am wenigstens tun konnte, um das Problem zu lösen. Andererseits waren er und seine Kolleginnen und Kollegen die einzigen Ansprechpartner, die man den Kunden zugestand. Eine wirksame Möglichkeit zur Reklamation gab es nicht – zumindest hatte Clemens keine gefunden -, sah man einmal von den bereits erwähnten nutzlosen Befragungen zur Kundenzufriedenheit ab, die es am Ende jedes Gesprächs gab. Mit wem sonst hätte er denn sprechen sollen? Wo sonst könnte er sein Anliegen und seinen Ärger über dessen konstante Nichtbearbeitung vorbringen? Seine einzige Hoffnung war, daß er, wenn er das hier bei diesem armen Teufel tat, vielleicht eine Eskalation in Gang setzen konnte, die tatsächlich etwas an dem bisherigen Umgang mit der Angelegenheit veränderte.

Natürlich waren die unmittelbaren Möglichkeiten dieses Servicemitarbeiters, Clemens weiterzuhelfen, beschränkt, und so konnte er ihm abschließend lediglich versichern, daß sich ganz gewiß jemand innerhalb der nächsten achtundvierzig Stunden bei ihm melde. Und weil er sich dann doch noch daran erinnerte, daß man Clemens diesen Zeitraum schon mindestens einmal zu oft versprochen hatte, fügte er noch an, daß es, wenn das nicht klappe, vielleicht auch drei Tage oder so werden könnten.

Ja, meinte Clemens, seinen wieder aufkommenden Sarkasmus nicht ganz unterdrücken könnend, dann ist wieder Wochenende.

Zum Ende des Gesprächs bat er seinen Gesprächspartner noch, den zwei Tage zuvor angelegten Vorgang zur Vertragsänderung wieder zu löschen, er wolle jetzt erstmal die Wiederherstellung seines Anschlusses abwarten, bevor er irgendwelche vertraglichen Änderungen vornähme. Offenbar ehrlich erfreut, ihm diesmal tatsächlich wirklich weiterhelfen zu können, teilte ihm der Servicemitarbeiter mit, daß das gar nicht nötig sei, denn wenn er den Auftrag nicht innerhalb von acht Tagen bestätigte, würde dieser sowieso automatisch gelöscht.

Nun, das war Clemens auch recht. Ob er innerhalb dieser Frist überhaupt wieder einen funktionsfähigen Internetzugang haben würde, der ihn in die Lage versetzte, die betreffenden Emails zu lesen, stand ja sowieso noch immer in den Sternen.

Kundenzufriedenheit? Mittlerweile wußte Clemens schon gar nicht mehr, was das Wort bedeutete…

Fünfzehnter Tag

Es geschahen noch Zeichen und Wunder. Am Morgen dieses folgenden Tages – Clemens hatte gerade das Gebäude, in dem er arbeitete, betreten – erhielt er einen Anruf von einer Frau, die sich als Angehörige einer Firma vorstellte, die im Auftrag seines Internetproviders arbeite und die Störung seines Internet- und Telefonanschlusses beheben solle. Sie wolle nun mit ihm einen Termin vereinbaren. Wann er denn in der kommenden Woche Zeit hätte. Sie könne ihm den Montag oder den Dienstag anbieten. Die Techniker müßten in den vom Brand betroffenen Räumen arbeiten, es könne aber sein, daß sie auch in seine Wohnung müßten, daher wäre seine Anwesenheit erforderlich.

Da sich Clemens, als der Anruf kam, gerade auf dem Flur vor dem Büro befand, in dem er arbeitete, war er nicht gerade entspannt, wie er da so mit Tasche und Jacke in der einen Hand und Telefon in der anderen im Gang herumstand. Doch hütete er sich wohlweislich, das Gespräch abzulehnen, denn schließlich wollte er nicht das Risiko eingehen, es auf den Sankt-Nimmerleinstag zu verschieben. Schnell sagte er, da er an diesem Tag frei hatte, den kommenden Montag zu, obgleich er aus dem Stand gar nicht wußte, ob er nicht gegebenenfalls schon andere Verabredungen für diesen Tag hatte. Er würde sich jedoch, dachte er, anschließend in Ruhe überlegen können, was er dafür gegebenenfalls alles umorganisieren mußte. Glücklicherweise war das Zeitfenster, das sie ihm als nächstes nannte, vergleichsweise klein – gerade einmal fünf Stunden am Nachmittag. Er fragte noch, ob er irgendwas vorzubereiten hätte – Möbel beiseite rücken oder so -, doch sie erklärte ihm, es sei noch nicht einmal klar, ob in seiner Wohnung überhaupt etwas gemacht werden müsse, die Techniker müßten sich das erst einmal ansehen. Er müsse also nichts vorbereiten, das finde sich dann schon.

Clemens war von den Socken. Na, Mensch. Das war ja mal ein Ding. Wer hätte denn damit noch gerechnet? War das nun Zufall oder hatte seine Drohung zu kündigen etwa doch etwas ausgelöst? Da er das sowieso nicht herausfinden würde, dachte er nicht weiter darüber nach. Allerdings war ihm nun klar, warum es so schwierig war, Informationen über das, was die Techniker taten und feststellten, bis zum Kundenservice zu bringen, und warum jener so gar keinen Zugriff auf die Techniker hatte, um direkt etwas in die Wege zu leiten. Ganz offensichtlich hatte sein Internetprovider einige, wenn nicht alle Bereiche des technischen Stabes an externe Firmen ausgelagert. Outsourcing nannte man das, und angeblich sollte das für Unternehmen oft kostengünstiger sein, als eigenes Personal zu beschäftigen. Allerdings wurden dafür dann Kommunikation und Koordination um einiges erschwert… Der Dumme war am Ende – wie so oft – der Kunde – in dem Fall also Clemens -, der nichts erfuhr und sich vorkam, als kämpfe er gegen Windmühlen.

Zwar stand ihm nun ein weiteres Wochenende – das dritte – ohne funktionierenden Internetzugang bevor, doch war Clemens dennoch mehr als nur froh, daß sich nun endlich etwas tat.

Über seine Zufriedenheit als Kunde wollte er dann aber doch noch nicht wieder nachdenken…

Neunzehnter Tag

An diesem Montag, kurz nach dem Start des vereinbarten Zeitfensters, klingelte es an der Tür zu Clemens‘ Wohnung und zwei Techniker meldeten sich bei ihm zum Dienst. Sie hatten sich die Anlage eine Etage tiefer bereits angesehen und wollten nun die Leitungsführung in seiner Wohnung begutachten. Nachdem sie das getan hatten, erklärten sie ihm, daß sie auch hier tätig werden müßten, zeigten sich jedoch zuversichtlich, den Schaden beheben zu können, und machten sich unversehens an die Arbeit. Während sie noch einige Vorbereitungen trafen, schaffte Clemens rund um den über Putz gelegten Kabelschacht und die Anschlußdose etwas Baufreiheit. Als sie dann schließlich loslegten, hatten sie – der eine in der Wohnung, der andere eine Etage tiefer – reichlich zu tun. Leitungen wurden ausgetauscht und viele Kabel durchtrennt und neu verbunden. Das dauerte gute zwei Stunden.

Die beiden arbeiteten schnell, zielstrebig und äußerst professionell. Als sie ihre Tätigkeit schließlich abschlossen, testeten sie gemeinsam mit Clemens seinen Anschluß. Er verband seinen Router, den er vorher entfernt hatte, wieder mit der Anschlußdose und schaute gebannt auf die Power-LED. Sie blinkte einige Zeit, die ihm wie eine Ewigkeit erschien, bis sie sich schließlich entschied, in ein dauerhaftes, freundliches Leuchten überzugehen.

Sollte es wirklich wahr sein? Sollte sein Internetanschluß tatsächlich wieder funktionieren?

Er sollte! Stolz vermeldete sein Tablet, daß es nicht nur die Verbindung zu Clemens‘ WLAN, sondern auch zum Internet erfolgreich hatte herstellen können. Alles war wieder in Funktion. Die digitale Welt hatte ihn wieder. Oder er sie.

Clemens dankte den beiden Technikern für ihre gute Arbeit und sie zogen weiter, ihrem nächsten Auftrag entgegen.

Am frühen Abend dieses schönen Tages entging Clemens ein Anruf auf seinem Smartphone. Wie er der ihm nun schon hinreichend bekannten Nummer entnehmen konnte, kam er vom Kundenservice seines Internetproviders. Er vermutete, daß man ihm den erfolgreichen Abschluß der Arbeiten hatte mitteilen wollen. Nach all seinen fruchtlosen Anrufen innerhalb der letzten neunzehn Tage, nach all den versprochenen und nie erfolgten Anrufen und all dem damit verbundenen Ärger erschien es ihm irgendwie als ausgleichende Gerechtigkeit, daß sie nun ihrerseits damit gescheitert waren, ihn zu kontaktieren.

Es gab keinen zweiten Versuch. Doch dafür eine Email. Und die konnte er ja nun immerhin wieder lesen. Es war tatsächlich die Vollzugsmeldung.

Kundenzufriedenheit? Die würde sich sein Internetprovider in nächster Zeit erst einmal wieder verdienen müssen…

Epilog

Ein oder zwei Tage später erfuhr Clemens von seinem Nachbarn, der, wie er wußte, den gleichen Provider hatte, daß bei ihm Telefon und Internet immer noch nicht verfügbar waren. Wenn das stimmte, waren die Techniker lediglich damit beauftragt worden, die Störung für den Leitungstrakt zu beheben, an dem seine Wohnung angeschlossen war. Eine generelle Reparatur hatte es, so wie es aussah, nicht gegeben. Da hatten seine Hartnäckigkeit und seine Drohung zu kündigen am Ende vielleicht doch etwas bewirkt. Für Dienst am Kunden, egal ob groß geschrieben oder klein, sprach dieser Umstand allerdings weniger…

Das Jahr geht zu Ende. Zum Glück.

Dieser Beitrag ist Teil 9 von 10 der Beitragsserie "Gedanken zum Jahreswechsel"

Rumms!
Zisch!
Krach!
Bumm!
RATTATTATTATTATT!

Was sich an diesem letzten Abend des Jahres 2024 vor meinem Fenster akustisch abspielt, klingt gefährlich.  Es pfeift. Es donnert. Es kracht. Und wenn ich hinsehe, kann ich es auch blitzen sehen. In einem fort und ununterbrochen. Da fällt es angesichts der Entwicklungen, die es in diesem Jahr gegeben hat, mehr als schwer, das lediglich für das Silvesterfeuerwerk zu halten, das es ist. Viel anders kann ein Krieg auch nicht klingen. Und dem sind wir nach diesem Jahr 2024 leider noch nähergekommen, als uns lieb sein kann.

Der Trend, den ich in meinem Text zum vorangegangenen Jahreswechsel ausgemacht hatte, hat sich in diesem Jahr 2024 leider fortgesetzt. Ja mehr noch, er hat sich verstärkt. Und zwar in jeglicher Hinsicht.

Was ich bisher nur aus Geschichtsbüchern über die Zeiten vor den beiden Weltkriegen kannte, schallt mir nun tagtäglich entgegen: Kriegspropaganda. Nur vom Frieden will irgendwie keiner etwas wissen, scheint es. Jedenfalls nicht in den höheren Etagen der hiesigen Politik. Jede noch so vorsichtige Initiative, die in diese Richtung führen könnte, wird vehement ausgeschlagen und abgewürgt. Und eigene Vorschläge werden erst gar nicht gemacht. Stattdessen erklärt man uns, es sei wichtig, die Kriegsmüdigkeit endlich abzulegen und uns kriegstüchtig zu machen.

Nie in meinem bisherigen Leben hatte ich auch nur daran gedacht, daß ich einem derartigen Wahnsinn einmal ausgesetzt sein würde. Hatte es nicht „Niemals wieder!“ geheißen? Waren das nicht die Worte, die wir immer im Gedächtnis behalten sollten? Die, die wir doch angeblich aus der Geschichte gelernt hatten? Was ist damit geworden? Vergessen? Wohl eher entsorgt.

Wenn es das ist, wo uns die Wiedervereinigung schlußendlich hingeführt hat, dann vielen Dank für nichts. Dann möchte ich deren fünfunddreißigstes Jubiläum im nächsten Jahr gar nicht feiern.

Huuuh… jetzt hab ich’s gesagt. Oder geschrieben. Undankbarer Ossi, der ich bin. Na und? Soll ich vielleicht dafür dankbar sein, daß ich mich jetzt endlich mit der Frage beschäftigen darf, ob ich einen Krieg noch erleben werde?

Ja, ich weiß, Schuld sind die anderen. Die haben angefangen. Doch so einfach ist die Welt nicht. War sie nie. Das sagen die anderen nämlich umgekehrt auch. Und nun? Wer hat jetzt recht? Meistens keiner von beiden. Zu einem Konflikt gehören nämlich immer mindestens zwei. Und wenn der nicht gelöst wird und es zum Äußersten kommt,  dann haben alle Beteiligten in irgendeiner Form ihren Anteil daran.

Ich will das jetzt gar nicht in die Tiefe analysieren. Kann ich auch gar nicht, denn dazu fehlen mir definitiv eine Menge Informationen. Denn auch das weiß ich als geschichtsinteressierter Mensch nur zu gut: in Zeiten wie diesen erfährt man allerlei, doch nie die volle Wahrheit.

Ist allein dieses Thema für mich schon Grund genug, das zu Ende gehende Jahr 2024 nicht sonderlich zu mögen, so gibt es dafür leider auch noch andere, persönlichere.

Der für mich wichtigste und zugleich traurigste ist unzweifelhaft der Tod meines geliebten Vaters im Juli dieses Jahres. Er war für mich immer einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben – so sehr, daß es mir jetzt, fast schon ein halbes Jahr später, immer noch unglaublich schwerfällt zu akzeptieren, daß er nun nicht mehr da ist. Mit ihm habe ich einen meiner festen Lebensanker verloren – ein Verlust, der eigentlich nicht zu kompensieren ist. Und doch muß ich versuchen, weiterzumachen und damit zurechtzukommen. Denn das Letzte, was er wollen würde, wäre, daß ich mich ob seines Todes verkriechen und unglücklich werden würde. Und so habe ich schweren Herzens meinen ganz persönlichen Abschied von ihm genommen, doch ich werde ihn immer als den liebevollen Vater, der er war, in Erinnerung behalten und ihm stets für alles, was er für mich getan und mir im Leben ermöglicht hat, dankbar sein.

Und als wäre all das nicht genug, hat dieses furchtbare Jahr 2024 auch noch ein weiteres Ereignis für mich bereitgehalten, das gut und gerne in einer Katastrophe hätten enden können. Wieder einmal hat es in meinem Wohnhaus ein Feuer gegeben. Und wieder einmal, wie bereits zwei Jahre zuvor, lag der Brandherd in der Etage unter meiner und diesmal sogar direkt unter meiner Wohnung. Glücklicherweise konnte die Feuerwehr ihn auch diesmal schnell löschen, so daß es keine ernsthaften Schäden gab. Eine unangenehme Erfahrung war es dennoch. Nicht nur wegen der durchwachten Nacht, die ich zusammen mit meinen Nachbarn auf der Straße verbringen durfte, sondern auch wegen der doch recht beträchtlichen Verschmutzung meiner Wohnung infolge des vom Feuer entwickelten Rauchs. Glücklicherweise konnte ich hier auf die tatkräftige Hilfe meiner großartigen Familie zählen, die mir an mehreren Tagen beim Reinemachen half. Habt vielen herzlichen Dank, Ihr Lieben!

Auch der Rest dieses Jahres sorgte nicht unbedingt für Erheiterung. Auch beruflich gab und gibt es jede Menge Unruhe, auf die ich hier aber nicht weiter eingehen will. Ansonsten geht das Land weiter den Bach runter, was mittlerweile auch in meinem privaten Lebensumfeld ankommt, beispielsweise wenn die Wohnungsverwaltung die angekündigte grundlegende Fahrstuhlsanierung absagt, weil die beauftragte Firma sich bei denjenigen eingereiht hat, die insolvent gegangen sind. Nun muß der ganze langwierige Prozeß der Beauftragung von neuem durchlaufen werden, beginnend mit einer Ausschreibung – und das kann dauern. Einen neuen Termin gibt es daher vorerst nicht. In der Zwischenzeit fahren wir halt weiter mit den alten Aufzügen, die geschätzt im Monatstakt reihum einmal ausfallen. Mal sehen, wie lange es dauert, bis keiner mehr geht und wir uns sportlich ans tagtägliche Treppensteigen  machen. Das verkauft man uns dann bestimmt als gesundheitsfördernde Maßnahme, die an das Mietobjekt gekoppelt ist, weswegen man die Miete erhöhen könne. Okay, das habe ich mir ausgedacht, aber wundern würde es mich nicht. So wie mich in diesem verrückt gewordenen Land mittlerweile gar nichts mehr wundert, wo man uns den Verlust des Zugriffs auf billige Energieträger als endlich erreichte Unabhängigkeit von Rußland verkauft und die daraus resultierende Pleitewelle in der Industrie als Erfolg in der Bekämpfung  des Klimawandels. Aber hey, wir Deutschen retten die Welt! Das ist doch was. Nur merkt die nichts davon…

Immerhin gab es aber dann doch noch etwas Positives in diesem Jahr. Nach meiner überaus positiven Erfahrung mit der Flußkreuzfahrt im vergangenen Jahr hatte ich mich entschlossen, dieses schöne Erlebnis in diesem Jahr gleich noch einmal zu wiederholen. Doch dieses Mal wollte ich mir einen schon lange gehegten Traum damit erfüllen: eine Reise die Donau entlang. Am liebsten wäre mir natürlich eine Fahrt von Deutschland bis zur Mündung im weit entfernten Schwarzen Meer gewesen, wegen der dortigen Nähe zur Ukraine zog ich es dann jedoch vor, lediglich die etwas kürzere Tour bis zum Eisernen Tor und zurück zu buchen. Und nach all den weniger schönen bis traurigen Erlebnissen und Erfahrungen dieses Jahres wurde mir so der Oktober zu einem wunderbar entspannten Monat der Ruhe und Entspannung. Der Himmel schien mir dafür sein schönstes Geschenk machen zu wollen, denn nach dem ersten leicht verregneten Reisetag auf der Maxima, wie das Schiff, mit dem ich unterwegs war, hieß, erstrahlten die restlichen elf Tage im hellen Glanz der wundervollen Herbstsonne, die von einem strahlend blauen, fast immer wolkenlosen Himmel auf mich herablächelte. Ach, war das eine schöne Reise! Wien, Bratislava, Budapest, Pécs, Belgrad, Novi Sad – so viele wundervolle Städte bekam ich zu sehen. Dazu die abwechslungsreiche Landschaft links und rechts der Donau – die Wachau in Österreich, die Puszta in Ungarn und schließlich die herrliche Kataraktenstrecke im Taldurchbruch der Donau durch das Balkan- und Karpatengebirge. Es war eine wunderbare Reise. Vielleicht erzähle ich demnächst an dieser Stelle das eine oder andere Erlebnis davon…

Wenn mich dieses Jahr 2024 eines gelehrt hat, so ist es die Erkenntnis, daß es nichts bringt, darauf zu warten, daß die Lage auf wundersame Weise von selbst besser wird oder daß von irgendwoher irgendein Heiland kommt, der alles zum Besseren wendet. Es bringt allerdings auch nichts, sich vorzunehmen, tatkräftig dafür zu wirken, die Welt besser zu machen. Das führt in der Regel nur dazu, daß man sich übernimmt, sich aufreibt und in die Ohnmacht rennt in dem Bestreben, Dinge zu ändern, die man objektiv allein gar nicht zu ändern in der Lage ist. Was man hingegen tun kann, ist, sich zu überlegen, was wirklich in den eigenen Möglichkeiten der Beeinflussung liegt. Dort hinein kann man dann, so man möchte, all seine Tatkraft investieren. Und diese Überlegung ist nicht einmal besonders schwer. Sie führt, wenn man sie realistisch anstellt, zunächst einmal zu einem selbst. Was man nämlich am besten beeinflussen kann, ist das eigene Leben. Hier anzusetzen hilft dabei, Verbesserungen zu erzielen, die einem selbst zugutekommen, ohne dabei seine Tatkraft zu verausgaben. Wenn man es dann noch schafft, dies ohne Egoismus, also unter Rücksichtnahme auf die Mitmenschen im eigenen Umfeld und ihre Bedürfnisse zu tun, dann beginnt man bereits, die eigene kleine Welt ein Stück besser zu machen, ohne die der anderen negativ zu beeinflussen.

Ich behaupte nun nicht, daß dies das Rezept ist, um die Welt im Großen positiv zu verändern, gar Kriege zu verhindern. Wie das geht, ich gestehe es, weiß ich nicht. Doch vielleicht kommt man ja auf dem Weg, die eigene beeinflußbare Sphäre zu verändern, mit anderen Menschen in Kontakt und kann dann gemeinsam Ideen dafür entwickeln, größere Veränderungen zusammen in Angriff zu nehmen. Oder man kommt zu der Erkenntnis, daß man mit seiner eigenen Sphäre bereits genug beschäftigt ist und daß alles weitere nur zur Verausgabung der eigenen Ressourcen führt. Für mich wäre auch das völlig in Ordnung. Wichtig ist, daß man auf diese Weise lernt, für sich selbst und im Rahmen seiner Möglichkeiten vielleicht auch für andere zu sorgen,  ohne daß man sich verausgabt. Und gleichzeitig gelingt es so, sich nicht von den negativen Entwicklungen der großen Welt – den realen wie auch den nur möglichen, angenommenen oder befürchteten – fertigmachen und lähmen zu lassen. Man bleibt tatkräftig in dem, was man bewältigen kann und schafft sich so seine positiven Erlebnisse, auch wenn einen die unvermeidbaren Schicksalsschläge  treffen mögen.

In diesem Sinne wünsche ich Euch ein schönes, ein gesundes sowie ein tatkräftiges und glückliches Jahr 2025. Trotz alledem.


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Ersteller: Alexander Glintschert (2024).

Im Andenken an meinen Vater

Der 10. Juli dieses Jahres 2024 wird mir immer in Erinnerung bleiben, denn es war ein überaus trauriger Tag.

Es war der Tag, an dem Du, Vati, uns verlassen mußtest.

Kurz nach Deinem dreiundachtzigsten Geburtstag hat Dich uns eine Krankheit entrissen, von der Dich zu erholen Dir leider nicht vergönnt war. Eine Krankheit, so tückisch, daß Du Deine letzten Tage nicht einmal mehr zu Hause verbringen konntest und ein Hospiz für Dich zur letzten Heimstatt werden mußte. Was mir jedoch angesichts dieses traurigen Umstands Trost gibt, ist die Gewißheit, daß Du in dieser Zeit – wie in Deinem gesamten Leben – nicht allein warst. Das hätten wir, Deine Familie, niemals zugelassen. Und so waren wir jeden Tag bei Dir und haben Dich bis zu Deinem letzten Augenblick in dieser Welt begleitet.

Wenn ich heute an Dich denke, so kommen mir nur liebevolle Erinnerungen in den Sinn. Und das nicht etwa, weil man von Verstorbenen nicht schlecht sprechen soll, sondern weil es tatsächlich nur solche Erinnerungen in meinem Gedächtnis gibt. Denn Du warst ein überaus liebevoller Mensch.

Und so habe auch ich Dich über alles geliebt. Als ich ein Kind war, schien es mir unvorstellbar, ohne Dich zu sein. Als Mutti einmal eine zweiwöchige Urlaubsreise mit mir allein antreten mußte, weil Du keinen Urlaub hattest bekommen können, kamst Du nicht umhin, uns bereits nach einer Woche wieder abzuholen, da ich mich weigerte, den Urlaub auch nur einen weiteren Tag ohne Dich fortzusetzen.

Für uns, Deine Familie, hast Du immer alles in Bewegung gesetzt. An Dich hast Du dabei stets zuletzt gedacht. Ich weiß noch, wie ich damals unendlich traurig war, als ich an der von Dir organisierten Jugendweihefahrt meiner Schulklasse nach Weimar wegen einer Erkrankung nicht teilnehmen konnte. Da hast Du sie einfach noch einmal organisiert und dann mit Mutti und mir allein unternommen. Und es wurde für mich ein wunderschönes Erlebnis. Und als ich, mittlerweile erwachsen und Student, zaghaft andeutete, daß ich darüber nachdachte, mich auf eigene Füße zu stellen, das elterliche Nest zu verlassen und mir eine Wohnung zu suchen, hast Du mir nicht nur keine Steine in den Weg gelegt, sondern mir, der ich überhaupt noch keinen Plan hatte, wie ich an die Sache herangehen sollte, innerhalb kürzester Zeit ein erstklassiges Wohnungsangebot beschafft. Ach Vati, und dabei fiel es Dir doch so schwer, mich das elterliche Heim verlassen zu sehen…

Du und Mutti – für mich wart Ihr immer eins. Fünfundsechzig Jahre wart Ihr zusammen, dreiundsechzig davon verheiratet. Das soll Euch erstmal einer nachmachen! Und in der ganzen Zeit habt Ihr zusammengehalten wie Pech und Schwefel. Durch alle Höhen und Tiefen seid Ihr zusammen gegangen. Und von letzteren gab es einige, wie das im Leben nun mal so ist. Doch Ihr habt sie gemeistert. Zusammen. Immer. Voller Liebe füreinander und für uns, Eure Kinder. Nie gab es auch nur ein einziges böses Wort, nicht zwischen Euch und nicht zu uns. Stattdessen immer Liebe und Verständnis, Hilfe und Unterstützung. Und dafür bin ich Euch für immer dankbar. Ich denke, das weißt Du.

Doch nun muß ich ohne Dich weitermachen. Und das fällt unendlich schwer. So richtig kann ich mir das immer noch nicht vorstellen, daß Du jetzt nicht mehr da sein sollst. Doch ich denke, daß ich jetzt den Kopf hängen ließe, wäre das Letzte, das Du wollen würdest. Wie oft hast Du mich, gemeinsam mit Mutti, wieder aufgerichtet, wenn ich am Boden lag und nicht weiterwußte, weil irgendwas gründlich schiefgegangen war? Und so mache ich, wenngleich ich doch immer noch unendlich traurig bin, auch jetzt weiter. Versprochen!

Und weißt Du was? Einen großen Batzen Hoffnung, daß mir das gelingt, habe ich bereits an dem Tag, an dem Du uns endgültig hast verlassen müssen, einsammeln können. Am Abend dieses Tages stand ich auf dem Balkon Eurer Wohnung und schaute traurig dem sanften Regen zu, der in der warmen, sommerlichen Atmosphäre vom Himmel fiel. Dunkle Wolken trieben von mir weg über das Firmament und wurden von der irgendwo hinter mir untergehenden Abendsonne angeleuchtet. Es war ein Bild voller Melancholie, angefüllt mit einer Stimmung, die ganz gut zu der meinigen paßte. Mein Blick glitt hinüber zu dem Ort, an dem Du an diesem Nachmittag verstorben warst. Hinter den hohen Wohnhäusern konnte ich das Hospiz natürlich nicht sehen, doch genau dort, wo es sich befinden mußte, bemerkte ich einen schwachen Lichtschein, der zunächst nur sachte schimmerte, doch bald schon mehr und mehr an Intensität gewann, bis sich in seinem Leuchten verschiedene Farben ausmachen ließen. Höher und höher stieg der Schein den Himmel hinauf, bis er schließlich den Zenit erreichte, von dem er sich wieder hinunter senkte, zu den Häusern mir gegenüber. Nun erstrahlte vor mir ein wunderschöner Regenbogen, in leuchtenden Farben auf die eben noch so traurig wirkende Szenerie gemalt. Und mit einem Mal spürte ich, obwohl ich immer noch traurig war, in mir ein Gefühl der Hoffnung aufkeimen. Eine Hoffnung, daß es vielleicht irgendwie und irgendwo nach dem Ende doch weitergeht, daß Du Deinen Weg gefunden hast an einen Ort, an dem es Dir besser geht als in den letzten Tagen Deines Lebens und an dem Du auf uns wartest. Und mit dieser Hoffnung in meinem Herzen würde ich, so dachte ich und denke es noch, weiterleben können und Dich stets in guter und liebevoller Erinnerung behalten.

Mach’s gut, Paps. Bis bald.

Kerzen mit Rose
Abschied für immer…
Alexander Glintschert (2024).
Creative Commons Lizenzvertrag

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Ersteller: Alexander Glintschert (2024).

Deutsche Bahn – mehr von allem

Dieser Beitrag ist Teil 6 von 6 der Beitragsserie "Aus den Notizen eines Bahnfahrers"

Die Deutsche Bahn ist mittlerweile leider eher dafür bekannt, ihren Kunden eine Menge Unannehmlichkeiten zu bereiten und damit Ärger und Streß zu verursachen. Um so mehr ist es mir eine Freude, mitteilen zu können, daß es ihr nach all dem Chaos, das sie bereits im Vorfeld meiner Fahrt nach Bonn veranstaltet hatte, dann doch gelungen ist, mich ohne größere Pannen an mein Ziel zu bringen. Das heißt natürlich nicht, daß ich dort pünktlich angekommen bin, doch betrug die Verspätung nur reichlich zehn Minuten, was für deutsche Verhältnisse heutzutage als pünktlich gelten muß. So kam ich dann doch recht entspannt in Bonn an.

Wie bereits berichtet, hatten sich die Planer für meine Rückfahrt, nachdem sie meine direkte Verbindung Anfang April bereits gestrichen hatten, am Ende des Monats jedoch offenbar gedacht, daß selbst die semi-direkte Verbindung mit einem Umstieg am Kölner Hauptbahnhof doch noch viel zu langweilig sei, und mir mitgeteilt, daß ich stattdessen von Bonn nach Siegburg und von dort dann nach Köln fahren solle, wobei sie mir für den ersten Abschnitt dieser Strecke ihre eigenen Dienste nicht mehr würden anbieten können, so daß ich auf die der Straßenbahn des Köln-Bonner Verkehrsverbunds würde zurückgreifen müssen. Immerhin war mir bereits im Vorfeld eine Empfehlung für die entsprechende Verbindung übermittelt worden.

Doch gestählt durch eine große Menge an Erfahrung im Reisen mit der Deutschen Bahn, traute ich dieser Empfehlung nicht so ohne weiteres und entschloß mich, etwas früher loszufahren. Etwas zeitlichen Puffer zu haben, ist ja immer gut, und bei der Bahn weiß man ja nie…

Den ersten „Ich hab’s ja gewußt“-Moment hatte ich bereits am Bonner Hauptbahnhof. Und ausnahmsweise konnte die Deutsche Bahn gar nichts dafür. Am Anzeiger der Straßenbahnhaltestelle entdeckte ich eine Laufschrift, die mir verkündete, daß am Bonner Bertha-von-Suttner-Platz ein Polizeieinsatz im Gange sei, aufgrund dessen die Linie 66 erhebliche Verspätungen erleide. Während ich schon überlegte, ob es nicht besser wäre, sofort auf ein Taxi umzusteigen, da die Linie 66 eben jene war, die mich nach Siegburg bringen sollte, lief die Meldung weiter und verriet mir, daß die Verspätungen nur in der Fahrtrichtung Bad Honnef zu erwarten wären. Puh, Glück gehabt.

Tatsächlich fuhr meine Bahn erst pünktlich ein und ich dann mit ihr los. Gute vierzig Minuten war ich nun früher unterwegs als von der Deutschen Bahn empfohlen. Das sollte wohl genügen, um pünktlich nach Köln zu kommen und meinen Zug nach Berlin zu erreichen.

Einige Minuten später verkündete die vor jeder Station erklingende Durchsage die in Kürze bevorstehende Ankunft am Bertha-von-Suttner-Platz. Herrje! Stimmte denn hier gar nichts? Wenn der Platz auf meiner Strecke lag, mußte der Polizeieinsatz doch wohl auch mich betreffen. Würde ich nun etwa doch aufgehalten?

Ich wurde nicht. Die Bahn hielt, Leute stiegen aus, andere Leute stiegen ein, die Türen schlossen sich und weiter ging’s. Ob ich einfach Glück gehabt und der Einsatz kurz zuvor geendet hatte oder ob die Meldung veraltet gewesen war – ich weiß es nicht. Ohne jegliche Verzögerung setzte die Bahn die Fahrt fort, überquerte den Rhein und langte nach reichlich zwanzig Minuten Fahrt glücklich am Siegburger Bahnhof an.

Wie ich nach einer kurzen Prüfung möglicher Verbindungen am Abend zuvor erfahren hatte, standen mir nun wenigstens vier Züge zur Auswahl. Genug Optionen, um von hier aus nach Köln Messe/Deutz zu kommen, wo ich meinen Zug nach Berlin heute erreichen würde, der aus mir nach wie vor unbekannten Gründen nicht am Kölner Hauptbahnhof halten konnte.

Da ich aus dem mir von der Bahn empfohlenen Plan noch wußte, daß mein Anschlußzug hier vom Gleis 1 verkehren sollte, lenkte ich meine Schritte dorthin. Es war ja durchaus anzunehmen, daß auch andere Züge in Richtung Köln dort verkehren würden. Ein Fahrstuhl brachte mich zum Bahnsteig hinauf. Als sich dessen Türen oben öffneten, fand ich mich unmittelbar vor einem Anzeiger wieder. Das erste, was ich dort zu lesen bekam, war die Information über die nächsten beiden Züge. Und die war alles andere als erfreulich, denn für beide wurde der komplette Ausfall der Fahrt verkündet.

Großartig! Das lief ja super!

Da ich keine Lust verspürte, jetzt den Informationsschalter oder einen Fahrplanaushang zu suchen, holte ich mein Handy hervor und rief die App der Deutschen Bahn auf. Eine kurze Suche über die nächsten zur Verfügung stehenden Verbindungen brachte mir nicht nur umgehend die Information, daß ich in einer Minute einen ICE nach Köln nehmen könnte, sondern auch die Erkenntnis, daß ich dafür auf dem falschen Bahnsteig stand. Ich befand mich am Gleis 1, der ICE, den ich nur wenige Meter von mir entfernt stehen sah, am Gleis 3. Eine Minute! Ob ich das schaffen würde?

Die Antwort auf diese Frage war: Nein.

Als ich mich dem Strom der den Zug verlassenden Menschen entgegen die Treppe zum Bahnsteig hinaufgekämpft hatte, konnte ich nicht mehr tun, als dem bereits abfahrenden Zug hinterherzuwinken.

Nun gut, der war weg. Die beiden nächsten, das wußte ich vom Anzeiger am Gleis 1, fielen aus. Da jedoch alle drei nicht auf meinem mir von der Bahn empfohlenen Plan gestanden hatten, machte ich mir keine Sorgen. Denn ein kurzer Blick auf eben diesen Plan, den ich in der App einsehen konnte, zeigte mir, daß der dort angekündigte Zug nicht ausfallen sollte. Allerdings wurde bereits eine Verspätung angezeigt, die jedoch nur eine Minute betrug. Und solange sie kleiner blieb als jene meines Zuges nach Berlin, für den bereits eine aktuelle Verzögerung um zehn Minuten angegeben wurde, war alles gut. Lediglich meine frühere Abfahrt in Bonn wäre dann nutzlos gewesen.

Doch ich hatte noch eine andere Option. Knapp zehn Minuten vor meinem geplanten Zug sollte hier am Gleis 3 noch ein weiterer ICE halten. Eigentlich waren es zwanzig, doch auch dieser ICE sollte gute zehn Minuten verspätet sein. Ich beschloß, es mit ihm zu versuchen. Sollte sich seine Verspätung noch vergrößern, könnte ich immer noch zurück zum Gleis 1 wandern, wo mein eigentlich geplanter Zug abgehen sollte.

Es war jetzt kurz nach halb zehn Uhr morgens. Eine gute halbe Stunde hatte ich nun Zeit. Ich setzte mich auf eine Bank und harrte der Dinge, die da kommen sollten.

Zunächst waren das jede Menge Durchsagen. Offenbar war der heutige Tag für die Bahn wieder einmal voller Probleme. Es vergingen kaum einmal fünf Minuten, ohne daß es in den Lautsprechern knackte und irgendeine Meldung durchgegeben wurde. Hier fiel ein Zug aus, weil es einen Notarzteinsatz gab, dort fuhr ein anderer gar nicht, weil am Zug technische Defekte aufgetreten waren. Hier am Bahnhof in Siegburg konnte man der Deutschen Bahn jedenfalls nicht vorwerfen, ihre Fahrgäste über das Geschehen im Dunkeln zu lassen. Dachte ich zunächst, daß es angesichts all dieser Durchsagen offenbar ganz schön viele Probleme gäbe, stellte ich bald fest, daß die hier betriebene Informationspolitik einigermaßen merkwürdig war. Nicht nur, daß man alle fünf Minuten den Ausfall derselben Züge verkündete – das könnte man ja durchaus als beflissenen Informationsdienst am Kunden betrachten. Nein, man gab auch Meldungen durch, über deren Sinnlosigkeit sich kaum streiten lassen dürfte. So hörte ich um 9:53 Uhr bereits zum zweiten Mal die Durchsage, die mich davon in Kenntnis setzte, daß der Zug nach Au am Sieg heute nicht wie geplant um 7:32 Uhr fahren, sondern stattdessen wegen eines Notarzteinsatzes ausfallen würde. Selbiges verkündete man für den Zug um 8:32 Uhr. Wozu? Die Abfahrtszeiten waren doch lange vorbei! Und so brachten mich diese Durchsagen lediglich zu der Frage, was das wohl für ein Einsatz sein mußte, der wenigstens drei Stunden lang reihenweise Züge ausfallen ließ, denn auch für das Ausbleiben eines eigentlich um kurz nach halb zehn Uhr verkehrenden Zuges gab er den Grund ab.

Da ich keine Antwort auf diese Frage finden würde, freute ich mich stattdessen wenig später über das Eintreffen des ICEs, der seine zehnminütige Verspätung immerhin nicht vergrößert hatte. Als Grund für die Verzögerung verriet mir eine weitere Durchsage am Bahnsteig die Verspätung eines vorausfahrenden Zuges. Der mußte aber irgendwo abgebogen sein, denn solange ich mich an dem Bahnsteig aufhielt, kam nur einer hier vorbei, und der fuhr gute fünfzehn Minuten vorher durch.

Dieselbe Zeitspanne später langte ich glücklich in Köln an. Noch viel glücklicher war ich, als ich feststellte, daß sich die zehnminütige Verspätung meines Zuges nach Berlin bisher nicht nur nicht vergrößert hatte, sondern daß er auch noch von eben dem Gleis abfahren würde, an dem ich gerade angekommen war.

Die zehn Minuten blieben auch die ganze halbe Stunde lang erhalten, die ich wartend auf dem Bahnhof Köln Messe/Deutz verbrachte. Als der Zug dann kurz vor elf Uhr den Bahnhof verließ, schien die Welt also noch in Ordnung. Mehr oder weniger jedenfalls. Für Bahnverhältnisse. Wenn ich aber gedacht hatte, daß das so bliebe, sollte ich bald eines Besseren belehrt werden.

Keine Stunde später – es war 11:44 Uhr und der Zug hatte Wuppertal passiert – knackte es im Lautsprecher des Waggons, in dem ich saß, und eine weitere der an diesem Tag so reichlichen Durchsagen brachte uns Fahrgästen die frohe Kunde, daß wir Bielefeld heute nicht sehen würden. Ein Halt sei dort nicht möglich. Kurz dachte ich an die Sperrung des Bahnhofs, doch erfuhr ich gleich darauf, daß es nicht der Bahnhof war, den man gesperrt hatte. Es war die Strecke.

Ich muß gestehen, ich konnte ein kurzes Auflachen nicht unterdrücken. Hatte ich etwas anderes erwartet?

Immerhin, so teilte man mit, würden wir nicht irgendwo herumstehen müssen, sondern stattdessen über eine andere Strecke umgeleitet werden. Leider würde das bedeuten, daß wir von Hagen aus ohne weiteren Halt bis Hannover durchfahren müßten. Alles in allem brächte uns das leider eine Verlängerung der Fahrt um hundert bis hundertzwanzig Minuten ein. Doch das, so beeilte man sich hinzuzufügen, sei nur eine Prognose.

Man ist offenbar vorsichtig geworden bei der Deutschen Bahn. Feste Zusagen macht niemand mehr, seit die Fahrpläne auch keine mehr darstellen. So war es auch nicht sonderlich verwunderlich, daß das Geschehen nicht nur von mir mit einem gewissen Galgenhumor quittiert wurde. Und das betraf nicht nur die Fahrgäste! Als ein Kellner durch den Waggon ging, um die zuvor bestellten Getränke auszuliefern, entspann sich zwischen ihm und dem hinter mir sitzenden Fahrgast folgender Dialog:

Kellner: „Wie möchten sie zahlen? Bar, mit Karte oder mit Gutschein?“
Fahrgast: „Ach, Gutschein geht auch? Stellen Sie mir einen aus?“
Kellner: „Haben sie keinen? Na, kriegen sie wahrscheinlich heute, wir werden ja zwei Stunden Verspätung haben…“

Inzwischen war es 11:55 Uhr geworden und wir hatten Hagen erreicht.

Da man sich über den Grund der Streckensperrung zunächst nicht weiter geäußert hatte, schaute ich ein weiteres Mal in die Handy-App der Deutschen Bahn, ob es irgendwelche diesbezüglichen Mitteilungen gäbe. Und tatsächlich wurde ich nicht nur fündig, sondern erhielt mehr Informationen, als mir lieb waren.

Die erste Meldung verkündete lapidar einen „Notarzteinsatz auf der Strecke“ und wurde unmittelbar gefolgt von einer zweiten, die die „Verspätung eines vorausfahrenden Zuges“ zum Besten gab. Na, Mensch, da war ja heute ganz schön was los bei der Bahn.

Doch damit nicht genug. Eine dritte Meldung griff den Notarzteinsatz der ersten auf und konkretisierte den Ort: es sei die Strecke zwischen Hamm und Bielefeld betroffen, irgendwo zwischen Rheda-Wiedenbrück und Oelde[1]Hier der etwas konfuse Originaltext der Meldung: „Notarzteinsatz auf der Strecke: Auf der Strecke Hamm (Westf) Hbf – Bielefeld Hbf zwischen Rheda-Wiedenbrück und Oelde. Es kommt zu … [Weiterlesen].

Für alle diese Meldungen war kein Zeitpunkt angegeben. Das änderte sich bei der vierten. Sie behauptete, von „Jetzt“ zu sein und lieferte einen dritten Grund:

Zwischen Hamm (Westf) Hbf und Bielefeld Hbf befinden sich Gegenstände in der Oberleitung. Die Züge halten am nächsten Bahnhof und warten dort die Dauer der Streckensperrung ab oder werden nach Möglichkeit umgeleitet.

Eine fünfte Meldung schließlich kam wieder auf den Notarzteinsatz zurück, verlegte aber dessen Ort:

Aufgrund eines Notarzteinsatzes zwischen Gütersloh Hbf und Hamm (Westf) Hbf ist die Strecke in beide Richtungen gesperrt. Die Streckensperrung dauert voraussichtlich bis 13:15 Uhr. Weitere Informationen folgen.

Tja. Da konnte ich mir jetzt wohl etwas aussuchen. Verwirrt studierte ich die fünf Meldungen und entdeckte dabei noch eine sechste, die als einzige einen konkreten Zeitpunkt nannte: 1. März 2024, 1:28 Uhr. Sie lautete: „Bauarbeiten. Der Zug hält ersatzweise in Köln Messe/Deutz Gl. 11-12. Bitte prüfen Sie Ihre Reiseverbindung kurz vor der Abfahrt des Zuges.“

Mal davon abgesehen, daß ich die Empfehlung im letzten Satz wenig hilfreich fand – das muß man meiner Erfahrung nach mittlerweile bei jeder Fahrt mit der Deutschen Bahn tun, egal, ob sie etwas meldet oder nicht -, wußte ich nun immerhin, warum ich so umständlich von Bonn nach Köln hatte fahren müssen.

Einer kurz nach dem Verlassen des Bahnhofs in Hagen durchgegebenen Meldung zufolge war unsere Verspätung nun bereits auf einundzwanzig Minuten angewachsen. Dabei hatten wir die Umleitung noch gar nicht erreicht. Immerhin wurde nun auch der Grund für die Streckensperrung durchgegeben. Es sei ein Personenunfall zwischen Rheda-Wiedenbrück und Oelde gewesen, der einen Notarzteinsatz erforderlich gemacht habe. Offenbar war Meldung Nummer Drei aus der Handy-App die richtige.

Reichlich zwanzig Minuten später – es war nun 12:20 Uhr – hielt der Zug überraschend in einem Bahnhof an. Sollten wir nicht bis Hannover durchfahren? Ich schaute aus dem Fenster und entdeckte ein Bahnhofsschild: Hamm. Das lag immer noch auf unserer Stammstrecke. Und eigentlich sollten wir laut den Informationen über die Fahrt des Zuges, die ich in der Handy-App gefunden hatte, heute hier gar nicht halten! Was war denn nun schon wieder los?

Wenn ich mich auf dieser heutigen Reise auch über vieles beschweren konnte – die Durchsagen in diesem Zug nach Berlin gehörten erfreulicherweise nicht dazu. Die Erklärung folgte prompt. Der Zugführer habe noch keinen Fahrplan für die Umleitungsstrecke erhalten. Da der aber erforderlich sei, müßten wir darauf jetzt warten. Nur auf die Frage, wie lange das dauern würde, schien auch der Schaffner keine Antwort zu haben. Jedenfalls äußerte er sich nicht dazu.

Sieben Minuten später folgte bereits die nächste Durchsage. Der Fahrplan sei jetzt eingetroffen, in Kürze gehe es weiter. Offenbar legte man sich mächtig ins Zeug.

Und tatsächlich: drei Minuten später waren wir wieder unterwegs und begaben uns auf die angekündigte Umleitung. Hatte ich angesichts der gegebenen Prognose eine Bummeltour durch die Lande erwartet, ging die Fahrt zu meiner Überraschung flott voran.

Als nach einer Weile – es war inzwischen 13:49 Uhr  – wieder eine Durchsage durch den Waggon schallte, gab es – zumindest unter den gegebenen Umständen – endlich einmal gute Nachrichten. Wir kämen, hieß es, sehr gut durch die Umleitung und bräuchten wohl noch etwa fünfundvierzig Minuten bis Hannover.

Als ich eine knappe Viertelstunde später aus dem Fenster blickte, bemerkte ich überrascht, daß hinter uns die Porta Westfalica dem Horizont entgegenrückte. Ganz offensichtlich befanden wir uns bereits wieder auf der Stammstrecke unseres Zuges. Na, das ging ja fix.

Auch das Zugpersonal hatte ganz offensichtlich diesen Eindruck und wollte nicht versäumen, die Fahrgäste daran teilhaben zu lassen. Die Prognose sei angepaßt worden, hieß es in einer entsprechenden Durchsage, wir würden Hannover bereits um 14:34 Uhr erreichen. Gegen 16 Uhr seien wir dann Berlin. Nun, wenn sich das tatsächlich bestätigte, wäre das eine knappe Stunde früher als ursprünglich vorhergesagt.

Als wir um 14:38 Uhr Hannover verließen, betrug unsere Verspätung gute siebzig Minuten. Wahrlich kein Grund zur Freude, doch angesichts der ursprünglich prognostizierten Ankunft war, wie mir schien, trotzdem niemand ernsthaft verärgert. Auch meine Verstimmung hielt sich in Grenzen. Zum einen lag die Ursache heute tatsächlich nicht in der Verantwortung der Bahn, zum anderen hatte man alles in allem die Situation gut gehandhabt. Die nötigen Informationen waren prompt durchgegeben worden und hatten stets über die Lage informiert. Und ganz offensichtlich hatte man auch alles Menschenmögliche dafür getan, die Auswirkungen so gut wie möglich zu minimieren. Lediglich die Handy-App hatte mit ihrem Verwirrspiel hinsichtlich der einander widersprechenden Meldungen das Bild etwas getrübt.

So kam ich trotz des holprigen ersten Teils der heutigen Fahrt zu guter Letzt doch noch gut und einigermaßen streßfrei in Berlin an. Dennoch muß ich, wenn ich rückblickend alle Umstände dieser Reise nach Bonn und zurück, von der Buchung bis zu den Fahrten, zusammen betrachte, wieder einmal feststellen, daß bei der Deutschen Bahn derzeit einiges im Argen liegt. Entspanntes Reisen sieht anders aus. Doch anstatt mich aufzuregen, nehme ich es lieber mit Humor. Schließlich habe ich heute von allem ein wenig mehr bekommen, als zu erwarten gewesen wäre: mehr Umstiege, mehr – teils verwirrende – Meldungen in der App, mehr – teils ebenso verwirrende – Durchsagen, mehr Strecke und schließlich mehr Zeit im Zug. Und das am Ende sogar noch für weniger Geld. Denn wegen der Verspätung darf ich mich auf eine teilweise Rückerstattung freuen. Und dann habe ich vielleicht auch einen Gutschein…

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1 Hier der etwas konfuse Originaltext der Meldung: „Notarzteinsatz auf der Strecke: Auf der Strecke Hamm (Westf) Hbf – Bielefeld Hbf zwischen Rheda-Wiedenbrück und Oelde. Es kommt zu Verspätungen in beide Richtungen im Fernverkehr der Deutschen Bahn.“

Vorfreude à la Deutsche Bahn

Dieser Beitrag ist Teil 5 von 6 der Beitragsserie "Aus den Notizen eines Bahnfahrers"

Wer nicht nur gelegentlich mit der Deutschen Bahn durch die Lande fährt, ist Kummer gewöhnt. Doch immer wenn man denkt, nun habe man wirklich alles erlebt, schlimmer könne es nun wirklich nicht mehr werden, sorgt die Bahn umgehend dafür, daß man seinen Irrtum erkennt. Denn schlimmer geht immer!

Wieder einmal ist es Mai. Wieder einmal ist es Zeit für die jährliche FedCon – das große Treffen der Fans und Stars der Science-Fiction-Szene in Deutschland, an dem ich nun schon das zweiundzwanzigste Mal teilnehme. Und wie jedes Mal fahre ich mit der Bahn zum Ort der Veranstaltung, der, wie in den letzten Jahren auch, das Maritim-Hotel in Bonn ist. Jedes Jahr bin ich auf’s neue gespannt, was die Freunde des Schienenstrangs diesmal für mich bereithalten. Denn eines ist sicher: Langweilig wird es garantiert nie. Doch was sie sich dieses Mal ausgedacht hatten, hatte ich wirklich noch nie erlebt. Denn dieses Mal begann das Chaos bereits weit vor der Fahrt…

Doch der Reihe nach.

In diesem Jahr hatte ich mich entschlossen, mit dem Kauf meines Tickets für die Convention auch gleich Hotel und Fahrkarte zu buchen. Das gestaltete sich via Internet recht unkompliziert und ermöglichte mir den Erwerb eines Spartickets, dessen Preisnachlaß so groß war, daß das Budget sogar eine Fahrt in der ersten Klasse hergab. Dafür mußte ich lediglich eine Einschränkung meiner Flexibilität in Form einer Zugbindung in Kauf nehmen, doch das war alles in allem akzeptabel. Und wenn es, wie sie behauptet, der Bahn half, besser zu planen, sollte es mir recht sein, auch wenn ich das Modell der Preisgestaltung, das die Bahn ihren Ticketverkäufen zugrundelegt, ja nie so recht verstanden habe. Insbesondere leuchtete mir nie richtig ein, inwiefern es bei der Planung hilft, wenn ich einen Zug früher buche, dessen Fahrt im Fahrplan doch bereits festgelegt ist, fährt er doch damit so oder so. Was sich allerdings in der Folge ereignete, zeigte mir, daß ich diese meine Grundannahme vielleicht doch noch einmal überdenken sollte.

So hatte ich also bereits am 22. Januar sämtliche Buchungen abgeschlossen – Veranstaltung, Hotel und Bahn – und blickte dem Termin der Convention entspannt und mit Vorfreude entgegen. Zumindest mit der Entspannung war es jedoch am Morgen des 2. April erst einmal vorbei. Um 9:02 Uhr nämlich schickte mir die Bahn eine Email mit dem Titel:

Fahrplanänderung auf Ihrer Reise nach Bonn Hbf am […]: Fahrt nicht wie geplant möglich

Als Grund wurde recht lapidar „eine Fahrplanänderung“ angegeben. Dachte ich zunächst an einen Fahrplanwechsel vom Winter- zum Sommerfahrplan, so wurde ich durch eine kurze Suche eines Besseren belehrt: der aktuelle Fahrplan der Bahn war noch bis zum 8. Juni 2024 gültig. War er etwa doch nicht so in Stein gemeißelt, wie ich bisher immer angenommen hatte? Wurden Züge, für die bis zu einem Stichtag ungenügend viele Buchungen eingegangen waren, etwa einfach aus dem Programm genommen? Oder gab es vielleicht einen anderen Grund? Ich konnte nur rätseln, denn weitere Auskünfte über die Hintergründe besagter Fahrplanänderung waren nirgendwo zu finden – weder in der Email noch auf der Website, auf der ich dem in ihr enthaltenen Link zufolge aktuelle Informationen abrufen können sollte.

Nun, es war kurz nach neun Uhr morgens, ich hatte zu arbeiten und zunächst keine Zeit, mich um das Problem zu kümmern. So hatte ich noch nichts unternommen, als mir die Bahn am Abend desselben Tages, genauer um 22:28 Uhr eine weitere Mail schickte, um mir folgendes mitzuteilen:

Fahrplanänderung auf Ihrer Reise nach Berlin Hbf am […]: Fahrt nicht wie geplant möglich

Das nenne ich mal konsequent! Nicht nur meine Hinfahrt, nein, auch meine Rückfahrt sollte es nun also nicht mehr geben. Der Grund für die zweite Absage, war derselbe wie für die erste: Fahrplanänderung. Welchen Grund allerdings diese hatte, mußte mich nach Meinung der Bahn offenbar nicht interessieren.

Immerhin teilte man mir erfreulicherweise mit, daß ich kein neues Ticket erwerben mußte. Man habe die Zugbindung, der ich bisher unterlegen hatte, aufgehoben. Ich könne also nun auch andere Fernverkehrszüge der Deutschen Bahn sowie Nahverkehrszüge und S-Bahnen nutzen. Lediglich eine neue Sitzplatzreservierung müsse ich vornehmen, da die alte natürlich nicht mehr aufrechtzuerhalten sei. Und auch zu der Frage, wie mit dieser zu verfahren sei, hielt man einige Hinweise bereit:

Sie können sich – soweit verfügbar – einen Sitzplatz für Ihre neue Verbindung buchen. Die Kosten für die nicht in Anspruch genommene, ursprüngliche Reservierung können Sie zur Erstattung einreichen. Dazu können Sie den digitalen Fahrgastrechte-Antrag Digitale Fahrgastrechte nutzen.

Auf die Idee, die Kosten für eine per Internet gebuchte und per Paypal oder Kreditkarte bezahlte, aber nun hinfällige Reservierung von allein und automatisch zu erstatten, kommt man bei der Bahn ganz offensichtlich nicht. Böswillige würden jetzt wohl unterstellen, man spekuliere dort darauf, daß die Leute das vergessen. Ich würde das natürlich nie denken!

Ich brauchte nun einige Tage, bis ich die Zeit fand, mich um die Buchung einer neuen Reservierung und die Erstattung der alten zu kümmern. Daß sich das nämlich nicht ganz so einfach gestalten würde, hatte ich recht schnell herausgefunden. Zwar versprach die Mail, daß mir der Klick auf den Link zu den aktuellen Informationen dabei helfen würde, eine alternative Zugverbindung zu finden, und tatsächlich war eine entsprechende Suchmöglichkeit auf der Website, zu der ich dann geleitet wurde, auch vorhanden, doch diese lieferte bei jedem meiner Versuche immer wieder nur ein und dasselbe Ergebnis: eine alternative Verbindung konnte nicht gefunden werden. Ich würde wohl oder übel das reguläre Buchungssystem mit seinem langwierigen Buchungsprozeß nutzen müssen.

So machte ich mich also am Abend des 17. April daran, neue Sitzplatzreservierungen vorzunehmen. Da sich die Bahn nach wie vor nicht in der Lage sah, mir die angekündigten alternativen Verbindungen zu meinen abgesagten Zügen herauszusuchen, mußte ich das wohl selbst tun. Also rief ich das Buchungssystem auf und nahm meine Einstellungen vor: Ausgangsbahnhof Berlin, Zielbahnhof Bonn, Datum, gewünschte Ankunftszeit, 1. Klasse, mit Rückfahrt, noch einmal Datum und gewünschte Ankunftszeit und zu guter Letzt noch auswählen, daß bitte nur Sitzplätze reserviert werden sollen. Klick auf „Suchen“. Los ging’s. Als nächstes mußte ich meinen Zug auswählen und erfuhr endlich, worin eigentlich die ominöse Fahrplanänderung bestand: zu dem von mir gewünschten Fahrtzeitpunkt gab es nun keine durchgehende Verbindung von Berlin nach Bonn mehr. Ich würde also in Köln umsteigen müssen.

Nun gut, ich wählte eine Verbindung und anschließend einen Sitzplatz aus. Seit ich von der automatischen Platzauswahl einmal einen Fensterplatz zugewiesen bekommen hatte, der gar keiner war, weil sich lediglich die Lehne des Sitzes am Fenster befand, mache ich das immer selbst. Ein Klick auf „Weiter“ und – nanu? Müßte jetzt nicht eigentlich die Auswahl der Rückreiseverbindung folgen? Stattdessen trat ich bereits in den Zahlungsprozeß ein. Da stimmte doch was nicht!

Also wieder zurück auf Anfang. Ich stellte alles nochmal ein, Hinreise, Rückreise, 1. Klasse und zu guter Letzt noch „Nur Sitzplatzreservierung“ auswählen. Und diesmal fiel es mir auf! Kaum aktivierte ich die Option, daß ich nur Sitzplätze reservieren möchte, wurden die für die Rückreise ausgewählten Daten kommentarlos gelöscht. Die Bahn ermöglichte es mir also, ein Ticket für Hin- und Rückreise zusammen zu buchen und dafür auch Plätze zu reservieren, wollte ich aber ausschließlich Platzkarten kaufen, dann ging das nur einzeln. Inklusive Kaufprozeß. Service vom Feinsten!

Nun gut. Es war ja nicht anders möglich. Ich klickte mich also zweimal durch den gesamten Buchungsvorgang, der nicht gerade kurz war, veranlaßte damit zwei getrennte Abbuchungen von meinem Konto und hatte am Ende glücklich zwei neue Platzkartenreservierungen erstanden. Uff! Es ist schon fast müßig zu erwähnen, daß natürlich auch für die Rückfahrt keine durchgehende Verbindung zum von mir gewünschten Zeitpunkt mehr existierte.

Nun noch die Rückerstattung. In den beiden Emails hatte man mir versprochen, daß ich das digital erledigen könne. Ich war gespannt und klickte erwartungsvoll den Link an, der mit „digitale Fahrgastrechte“ benannt war. Ich landete auf einer Seite, die mir detailliert die zur Verfügung stehenden Möglichkeiten beschrieb, meine digitalen Fahrgastrechte – wie können Rechte eigentlich digital sein? – geltend zu machen. Neben dem Einsenden eines entsprechend ausgefüllten Formulars per Post standen mir zwei Wege offen, das online zu erledigen: auf der Website über mein Kundenkonto oder in der Handy-App der deutschen Bahn. Da ich nun schon mal am Computer saß und die Website vor mir hatte, wählte ich diese Option.

Als erstes sollte ich mich erstmal einloggen. Man wollte ja schließlich wissen, mit wem man es zu tun hatte. Nachdem ich mich der Bahn zu erkennen gegeben hatte, versuchte ich, der zuvor erhaltenen Anweisung zu folgen:

Wählen Sie in Ihrer Buchungsübersicht die entsprechende Reise oder Streckenzeitkarte aus, für die Sie Entschädigung beantragen wollen. Klicken Sie innerhalb des Reiters „Fahrgastrechte“ den Button „Entschädigung beantragen“ an.

Ich war absolut bereit, das zu tun, nur konnte ich nach der Auswahl der entsprechenden Reise den angesprochenen Reiter „Fahrgastrechte“ leider nirgendwo entdecken. Eigentlich gab es auf der Seite überhaupt keine Reiter. Das wäre ja auch zu einfach gewesen.

Ich fing nochmal von vorne an. Das Ergebnis blieb dasselbe. Wenn der Button da irgendwo war, schien er nicht so einfach zu finden zu sein[1]Hier muß ich fairerweise anmerken, daß ich heute, als ich den Artikel schreibe, die Seite noch einmal aufgerufen habe. Zwar sind dort immer noch keine Reiter zu finden, doch ganz unten, fast am … [Weiterlesen]. Aber es gab ja noch eine andere Option.

Ich griff zu meinem Handy, rief die als „DB Navigator“ bezeichnete App der Deutschen Bahn auf und wählte meine Reise aus. Unter „Weitere Aktionen“ wurde ich sofort fündig: Entschädigung beantragen. Klick! Und schon war ich wieder raus aus der App. Mein Webbrowser startete. Da hatte jemand Entwicklungskosten gespart. Wozu die Funktion in der App noch einmal realisieren, wenn man sie schon auf der Website hat? Aber wenn es funktionierte, sollte es mir egal sein.

Tat es natürlich nicht. Stattdessen wurde mir eine Seite angezeigt, auf der lediglich stand, daß ich die Erstattung erst beantragen könne, wenn der Zeitraum meiner Reise in der Vergangenheit läge. Bitte was? Es war bereits jetzt klar, daß ich die Reservierung nicht würde wahrnehmen können, weil es die Fahrt, für die der Platz reserviert wurde, nicht mehr geben würde. Ich mußte jetzt aber trotzdem warten, bis der Termin der abgesagten Fahrt verstrichen war, bevor ich die Erstattung beantragen konnte? Warum genau? Weil der Fahrplan bis dahin vielleicht nochmal geändert werden und es die Fahrt dann plötzlich doch wieder geben könnte, oder was? Kann ich die böswillige Unterstellung von vorhin bitte nochmal sehen?

Da ich der Bahn das Geld für die obsoleten Reservierungen keinesfalls zu schenken gedachte, ich die Rückerstattung aber derzeit auch nicht beantragen konnte, blieb mir nichts anderes übrig als in meinem Kalender eine entsprechende Erinnerung zu hinterlegen.

Wenn ich nun allerdings dachte, daß die Bahn sich mit diesem Chaos zufriedengeben würde, so hatte ich mich geirrt. Obwohl ich jetzt neue Reservierungen vorgenommen hatte, schickte sie mir von nun an in unregelmäßigen Abständen immer wieder einmal eine Information, daß meine Zugverbindung nicht wie geplant fahrbar sei und ich mich doch bitte um alternative Reisemöglichkeiten bemühen solle. Diese Informationen trudelten mal per Email und mal über die Handy-App ein, manchmal auch in beiden Medien gleichzeitig, und jedesmal mußte ich genauestens prüfen, was genau nicht mehr funktionieren würde. Es war ja schließlich möglich, daß auch meine neu gebuchten Verbindungen plötzlich nicht mehr fahrbar waren. Bei der Bahn weiß man ja nie…

Wie recht ich mit dieser Befürchtung hatte, erwies sich einige Tage später. Der Monat April sollte wohl nicht vorübergehen, ohne daß die Bahn noch etwas mehr Chaos produzierte. Am 30. April trudelte nach 22 Uhr wieder eine Email ein, die ich fast schon geneigt war zu ignorieren, dann aber glücklicherweise doch noch einmal genauer in Augenschein nahm. Diesmal teilte man mir mit, daß es weitere Fahrplanänderungen gäbe, die eine meiner neuen Reiseverbindungen beträfen. Der Link zu den aktuellen Informationen half genauso wenig weiter wie beim letzten Mal und einen Grund für die Änderung suchte ich erneut vergeblich. Diesmal hatte man mir aber immerhin bereits in der Email einen alternativen Reiseplan mitgeliefert. Diesem konnte ich entnehmen, daß nun die Zugverbindung von Bonn nach Köln gestrichen worden war, und zwar offenbar so gründlich, daß die Alternative darin bestand, von Bonn nach Siegburg die Straßen- beziehungsweise U-Bahn[2]Im Verkehrsverbund von Köln und Bonn sind Straßen- und U-Bahn gewissermaßen dasselbe. Insbesondere an den unterirdischen Streckenabschnitten als U-Bahn bezeichnet, fahren die Züge aber an anderen … [Weiterlesen] zu nehmen, um von dort dann mit der Regionalbahn nach Köln zu gelangen. Davon waren nun immerhin meine Sitzplatzreservierungen nicht betroffen, so daß keine weiteren Aktivitäten meinerseits mehr erforderlich waren. Immerhin. Bei der Bahn muß man sich ja mittlerweile auch über die kleinen Dinge freuen…

Noch immer steht die Reise erst bevor. Ich darf also weiterhin gespannt darauf sein, was die Deutsche Bahn bis dahin noch für mich bereit hält.

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1 Hier muß ich fairerweise anmerken, daß ich heute, als ich den Artikel schreibe, die Seite noch einmal aufgerufen habe. Zwar sind dort immer noch keine Reiter zu finden, doch ganz unten, fast am Ende der Seite, entdecke ich dann doch noch den mit „Entschädigung beantragen“ beschrifteten Button. Ob er bei meinem ersten Versuch noch nicht da war oder ob ich ihn aufgrund der irreführenden Beschreibung des Vorgehens schlicht übersehen hatte – was ich durchaus bereit bin einzuräumen -, kann ich heute nicht mehr sagen.
2 Im Verkehrsverbund von Köln und Bonn sind Straßen- und U-Bahn gewissermaßen dasselbe. Insbesondere an den unterirdischen Streckenabschnitten als U-Bahn bezeichnet, fahren die Züge aber an anderen Stellen wie anderswo Straßenbahnen.

Und der Wind weht allzeit über’s Meer…

Dieser Beitrag ist Teil 7 von 7 der Beitragsserie "Urlaub in Prerow 2023"

Um so schneller eilt die Zeit, je mehr wir wünschen, daß sie sollt‘ verweilen.

Dieser Erfahrung, die sich zwar physikalisch nicht belegen läßt, doch trotzdem von kaum jemand bestritten werden dürfte, der auch nur über ein Mindestmaß an Lebenserfahrung verfügt, muß auch ich mich an diesem siebten Tag meines Urlaubs in Prerow stellen, denn er ist bereits der letzte meines kleinen Ausflugs, der mich nicht nur hierher auf den Darß geführt hat, sondern auch zu einer Reise zurück in die Erinnerungen an die Zeit meiner Kindheit und Jugend geworden ist, als ich gemeinsam mit meinen Eltern jedes Jahr hier im Urlaub gewesen bin.

Nachdem ich meine gestrige Fahrt nach Barth des ausgesprochen hartnäckigen Regens wegen schließlich hatte abbrechen müssen, ist das Wetter heute wieder zur Ruhe gekommen. Zwar ziehen nach wie vor dicke, mal mehr, mal weniger graue Wolken über den Himmel, wobei sie nach meinem Eindruck eine recht beachtliche Geschwindigkeit an den Tag legen, doch behalten sie die Wasser, die sie in ihrem Inneren tragen mögen, für sich, so daß es heute weidlich trocken bleibt. Allerdings hatte ich mir nach der Erfahrung vom Vortage für heute noch keinen rechten Plan für eine Unternehmung zurechtgelegt, hatten sich doch die einschlägigen Wettervorhersagen samt und sonders geweigert, einen regenfreien Tag zu garantieren. Daher wird sich mein heutiges Programm mehr oder minder spontan gestalten müssen. Doch das muß ja nichts Schlechtes sein…

Meine gestrige ausgiebige Besichtigung der großen Barther Sankt-Marien-Kirche hatte mir etwas wieder in Erinnerung gerufen, das noch auf meiner Wunschliste steht, für das ich aber im Zuge der Ausflüge der letzten Tage noch keine Zeit gefunden hatte: ein Besuch in der alten Seemannskirche von Prerow. Und mangels anderweitiger konkreter Planungen habe ich heute definitiv genug Zeit, diesen Besuch abzustatten.

Gleich nach dem Frühstück mache ich mich auf den Weg. Da ich keinesfalls Gefahr laufen möchte, wieder vor verschlossener Tür zu stehen, wie es nach meinem Prerower Rundgang am späten Nachmittag einige Tage zuvor der Fall gewesen war, ziehe ich es diesmal vor, bereits am Vormittag an der Kirche zu erscheinen. Auf dem vor dem Prerower Strom gelegenen Deich wandere ich zum östlichen Ende des Ortes. An der kleinen Märchenhütte vorbei erreiche ich den Abzweig des Weges, der mich in den Kirchenort hineinführt, wo sich der alte Friedhof befindet, in dessen Mitte sich die Seemannskirche erhebt. Wieder öffne ich das schmiedeeiserne Tor, wieder quietscht es leicht, und wieder gewährt es mir ohne weiteres den Zugang zum Friedhof. Und doch ist, wie ich fasziniert bemerke, die Atmosphäre, die mich dahinter umfängt, heute anders als einige Tage zuvor. Zwar verspüre ich auch heute das Empfinden, eine Welt der Ruhe, der Andacht und der Erinnerung zu betreten, doch wirkt sie jetzt irgendwie zurückgezogener, melancholischer. Ob das an den grauen Wolken liegt, die noch immer über den Himmel jagen? Vielleicht. War bei meinem letzten Besuch der Himmel strahlend blau gewesen und von der abendlichen, dem Horizont entgegenstrebenden Sonne hell erleuchtet worden, die die Kirche und den Friedhof mit seinen Bäumen, Büschen und Hecken in bunte Farben hüllte, so wirken diese heute gleichförmig düster. Von bunten Farben keine Spur. Eher dominieren Grau- und Brauntöne. Melancholie und Traurigkeit scheinen die Atmosphäre zu bestimmen.

Auch die Kirche ist davon nicht ausgenommen. Auch sie scheint heute eher gedrückter Stimmung zu sein. Der hölzerne Turm wirkt dunkel, von dem freundlichen Rot, mit dem das Dach einige Tage zuvor im Licht der untergehenden Sonne so hell leuchtete, ist heute keine Spur zu sehen. Einzig die gelben Ziegel des Hauptweges bringen etwas Farbe in die Szenerie. Schnurgerade führen sie auf die kleine Tür zu, die sich in der Seite des Kirchenschiffes befindet und, wie ich erfreut bemerke, einen Spaltbreit offensteht. Dort angekommen, schiebe ich sie zur Gänze auf und trete ein.

Ich finde mich in einem kleinen Vorraum wieder, nicht viel größer als eine Kammer. Ein Aufsteller präsentiert eine Reihe von Faltblättern mit Informationen zur Kirche, zu stattfindenden Veranstaltungen und vielem mehr, das mich angesichts meiner bevorstehenden baldigen Abreise allerdings nicht sonderlich interessiert, so daß ich meine Aufmerksamkeit alsbald der zweiten Tür zuwende, die auf der gegenüberliegenden Seite des Vorraums weiter in das Kircheninnere hineinführt. Sie gibt meinem Druck nach und gestattet mir einzutreten[1]Leider kann ich auch hier aus dem Inneren der Kirche keine Fotos präsentieren. Auch wenn ich in der Prerower Seemannskirche kein solches Verbotsschild wie tags zuvor in der Barther … [Weiterlesen].

Nach dem etwas düsteren Eindruck, den die Kirche mit ihrem dunkelbraunen, hölzernen Turm und den rötlich-braunen Backsteinmauern von außen hinterlassen hatte, bin ich ein wenig von der strahlenden Helligkeit überrascht, die mich in ihrem Inneren empfängt. Große Fenster, die ich von außen in den Mauern gar nicht recht wahrgenommen hatte, lassen reichlich Licht einfallen, das eine zusätzliche Beleuchtung des Kirchenschiffes weitestgehend unnötig macht. Lediglich an dessen westlichem Ende, wo sich aufgrund des sich anschließenden Turms keine Fenster befinden, verbreiten ein paar Lampen freundliches gelbes Licht.

Meine Aufmerksamkeit gilt jedoch zunächst dem Ostende des Schiffes und dem dort aufragenden Altar. Auch er sorgt bei mir für einige Überraschung, ist er doch weit von der Schlichtheit entfernt, die man sonst für gewöhnlich in evangelischen Gotteshäusern antrifft. Gut, auch der Altar der Barther Sankt-Marien-Kirche war mit seinem einen Sternenhimmel imitierenden Baldachin nicht gerade ein Ausbund an Schlichtheit gewesen, doch jene Kirche war immerhin im Auftrag eines preußischen Königs gestaltet worden. Bei der Prerower Seemannskirche handelt es sich jedoch um eine reine Dorfkirche, wenn auch eine mit ausgeprägter Tradition, wie ich bei meinem Rundgang feststellen werde. Dies drückt sich auch in dem Altar aus, der nicht nur ausgesprochen schön ist, sondern überdies eine kleine Besonderheit darstellt. Er ist nämlich Altar und Kanzel in einem. Der Altartisch, den eine vor ihm aufgestellte niedrige hölzerne Barriere zum Kirchenraum hin abschließt, befindet sich vor einer hohen Rückwand, die in die Ostwand des Kirchenschiffs integriert ist, an die sich die als Sakristei genutzte Apsis des Gotteshauses anschließt. Diese Rückwand wird nach oben hin von einem Rundbogenaufsatz und zu beiden Seiten von runden Säulen abgeschlossen, zwischen denen sich in etwa eineinhalb Metern Höhe die Kanzel befindet. Auf dem sie bekrönenden Baldachin ist eine kleine Statue zu sehen, deren Kopf ein Strahlenkranz umgibt. Da die Kanzel über keinen sichtbaren Zugang verfügt, muß dieser sich in der Apsis befinden, die durch zwei Türen zugänglich ist, die sich je eine zu beiden Seiten des Altars befinden. Dieser sogenannte Kanzelaltar wurde im Jahre 1728 von dem Stralsunder Meister Elias Keßler geschaffen. Es ist sehr wahrscheinlich, daß von dieser Kanzel auch der hier von 1813 bis zu seinem Tode im Jahre 1825 tätige Pastor Joachim Gottfried Danckwardt seine Predigten unter das Volk brachte, der ein Lehrer des berühmten Lyrikers und Historikers Ernst Moritz Arndt gewesen ist.

Auf der rechten Seite des Kirchenschiffs, ebenfalls direkt an seinem östlichen Ende, befindet sich der Taufstein der Kirche. Und ebenso wie der Altar ist auch dieser eine Besonderheit, die ich so noch nirgendwo zu sehen bekommen habe. Das liegt allerdings weniger daran, daß es sich gar nicht um einen Stein, sondern vielmehr um ein Taufbecken handelt, das sich auf einem kunstvoll geschnitzten Ständer befindet. Nein, das allein wäre noch nichts sonderlich Außergewöhnliches. Diesen Status erlangt das Taufbecken jedoch durch sein sogenanntes Taufgehäuse. Ich würde es am ehesten als kleinen Pavillon beschreiben, der am Boden von einer umlaufenden Brüstung umgeben ist, die in vier große und acht kleine ornamental durchbrochene Felder unterteilt ist. Vier Pfeiler, an denen sich ebenso viele Figuren befinden, die Engelhermen darstellen, tragen das Dach des Gehäuses, auf dem kleine, allerliebst anzusehende Engelputten sitzen, die Inschriftkartuschen halten und in deren Mitte eine Jesus-Figur steht. Die üppige Vergoldung der Figuren und Brüstungsfelder kontrastiert sehr hübsch mit dem tiefen Blau der Pfeiler, des Daches und des Rahmens der Brüstung. Im Zentrum des Gehäuses befindet sich der geschnitzte Taufständer. Geschaffen wurde dieses beeindruckende Kunstwerk, dessen Positionierung vor zwei großen Eckfenstern es im hellen Tageslicht erstrahlen läßt, im Jahre 1740 von dem Stralsunder Meister Michel Müller.

Nachdem ich mir diese beiden außergewöhnlichen Kunstwerke eingehend angesehen habe, wobei ich über die Kunstfertigkeit ihrer Schöpfer und die Schönheit der Gestaltung angemessen beeindruckt bin, wende ich mich nun dem Kirchenschiff zu, das rund dreißig Meter lang und etwa halb so breit ist. Und hier finde ich nun auch die Schlichtheit vor, die ich in einer evangelischen Kirche erwartet habe. Obwohl die Seemannskirche ein eher kleines Gotteshaus ist, schließen sich links und rechts an das von einem Tonnengewölbe nach oben hin abgeschlossene Mittelschiff zwei kleine Seitenschiffe an. Sie besitzen jeweils eine flache Decke und werden vom Hauptschiff durch schlanke, mit breiten Rundbögen verbundene Holzpfeiler getrennt. Eine auf schlichten Pfosten aus demselben Material ruhende Empore umläuft das Kirchenschiff an den Längs- und der Westseite. Sie nimmt der Länge nach etwa das halbe Schiff ein. Daß sich auf ihr an den Seiten weitere Sitzplätze befinden, kann ich nur vermuten, denn von hier unten ist von dem, was sich auf der Empore befindet, lediglich die am westlichen Ende des Kirchenschiffs aufgestellte kleine Orgel des Gotteshauses zu sehen.

Der gesamte untere Raum der drei Schiffe wird dort, wo sich an den Seiten die Empore befindet, vom Kirchengestühl eingenommen. Während sich dieses im hinteren Teil auf einfache Kirchenbänke beschränkt, ist es im vorderen, dem Altar zugewandten Bereich als Kastengestühl ausgeführt. Hier befinden sich offenbar die besseren Plätze, die in der Vergangenheit wohl den höhergestellten Mitgliedern der Prerower Einwohnerschaft vorbehalten gewesen sein mögen. Sowohl Gestühl als auch Empore sind in einem hellen Grau gestrichen, wobei in die Begrenzungswände des Kastengestühls ebenso wie in die Brüstung der Empore verzierende Felder eingelassen wurden, deren Innenfläche jeweils in einem hellen Blau gehalten ist und von einem dunkelblauen Rahmen eingefaßt wird. Diese doch recht einfache Farbgestaltung verleiht dem Innenraum eine helle, freundliche Atmosphäre von ausgeprägter Schlichtheit, in der ich mich jedoch ausgesprochen wohlfühle. Abgerundet wird dieser Eindruck durch die dazu passenden Sitzauflagen auf den Kirchenbänken, die das Blau der Felder in Empore und Gestühleinfassungen aufnehmen.

Als ich meinen Blick nach oben hebe und ihn von der Orgel die Empore entlang in Richtung Altar gleiten lasse, entdecke ich in der Mitte des Kirchenschiffs, direkt über den vorderen Reihen der Bänke, ein großes Schiffsmodell, das von der Gewölbedecke herabhängt. Es stellt ein Dreimast-Segelschiff mit Bug- und Hecksegel dar. Votivschiffe wie dieses gibt es in der Kirche mehrere. Und nicht nur hier. Sie repräsentierten in evangelischen Kirchen des Ostseeraumes den Berufsstand des Schiffers beziehungsweise Seemanns und wurden der jeweiligen Kirche gewöhnlich aus Dankbarkeit für die Rettung aus Seenot gestiftet. Das gilt auch für das Schiff, das ich hier im Mittelschiff vor mir sehe und das das größte der drei ist, die die Kirche heute besitzt. Dem Segler Napoleon nachempfunden, wurde es um das Jahr 1850 von einem Kapitän an die Kirche übergeben.

Zu erwähnen sind noch die beiden Kronleuchter, die ebenfalls im Mittelschiff der Seemannskirche aufgehängt sind. Im westlichen Teil des Innenraums entdecke ich einen sechsarmigen, aus Messing bestehenden Leuchter, während vor dem Altar ein – wenn ich mich nicht verzählt habe – zehnarmiger Leuchter aus Kristallglas zu sehen ist. Beide fanden als Stiftungen ihren Weg in die Kirche. Der Messingleuchter wurde 1733 von Prerower Bauern und Fischern übergeben, während um 1800 eine Mannschaft, deren Schiff vor der Küste Prerows strandete und gerettet wurde, den Kristallglasleuchter in die Kirche brachte.

An all diese Kunstwerke und Gegenstände habe ich ebenso wie an den gesamten Innenraum der Kirche keinerlei Erinnerungen aus der Zeit meiner Kindheit und Jugend, als wir uns des öfteren hier in Prerow aufhielten. Wenn wir dabei auch einmal der Seemannskirche einen Besuch abgestattet haben sollten – was ich für durchaus wahrscheinlich halte -, so habe ich mich damals allerdings nicht sonderlich dafür interessiert, weshalb kein bleibender Eindruck entstehen konnte, an den ich mich heute noch erinnern würde. Um so froher und zufriedener bin ich, daß es mir heute möglich war, den Besuch nachzuholen, denn ich bin durchaus der Meinung, daß mir andernfalls etwas Wertvolles und Interessantes entgangen wäre.

Mit diesem Gedanken wende ich mich wieder der Tür zu, durch die ich die Kirche zuvor betreten hatte, und verlasse Gotteshaus und Friedhof auf demselben Wege, auf dem ich gekommen bin.

Und nun? Einen Moment stehe ich unschlüssig auf dem Platz vor dem Friedhof und überlege, was ich als nächstes unternehmen soll. Da die Sonne es mittlerweile schafft, immer wieder einmal durch die nach wie vor recht schnell über den Himmel ziehenden Wolken zu lugen, lenke ich meine Schritte zum nahegelegenen Prerower Hafen. Vielleicht, kommt es mir in den Sinn, könnte ich ja zum Abschluß des Urlaubs noch eine kleine Wanderung durch die von Prielen und Fließen durchzogenen Wiesen und Felder unternehmen, durch die der Prerower Strom seine vielfach gewundene Bahn zieht, die ihn hinüber zum Bodstedter Bodden führt. Das könnte doch eigentlich ganz schön sein, und vielleicht schaffe ich es ja tatsächlich bis hinüber zum Bodden und in das an diesem gelegene Örtchen Wieck. Von dort ließe es sich dann am Nachmittag ganz bequem mit dem Bus nach Prerow zurückkehren.

Je länger ich auf meinem Weg hin zum Hafen über diese Idee nachdenke, desto verlockender erscheint sie mir. So schenke ich dem heftigen Wind, der mich plötzlich von der Seite her umweht, als ich gerade den Prerower Strom überquere, keine große Beachtung. Doch das soll sich kurze Zeit später ändern. Kaum habe ich den Hafen hinter mir gelassen und den kleinen, parallel zum Strom verlaufenden Deich erreicht, auf dem ich die ersten Meter meiner Wanderung zurückzulegen gedenke, muß ich feststellen, daß der Wind durchaus kein Ereignis eines einzelnen Moments zu bleiben gedenkt, sondern hier, wo er durch den Strom und die nahen Wiesen über ausreichend freie Fläche verfügt, nicht nur ausgesprochen beständig weht, sondern sich auch als recht steife Brise entpuppt, die dem Wanderer einen gewissen Widerstand entgegenzusetzen in der Lage ist. Doch noch will ich mich nicht geschlagen geben. Als ich das Ende des Prerower Ortsteils Krabbenort erreicht habe, wo mich ein Schild recht bestimmt darauf hinweist, daß das Weitergehen auf dem Deich von hier an untersagt ist, folge ich einer kleinen Straße, die zwischen die Häuser hineinführt und mich hoffen läßt, über sie auf deren anderer Seite die Wiesen und einen über jene hinwegführenden Weg zu erreichen. Kaum befinde ich mich zwischen den Häusern, ist der Wind verschwunden. Als die Straße sich nach wenigen Schritten – der Krabbenort ist hier an seinem nahen Ende nur noch zwei bis drei Grundstücke breit – schließlich als Sackgasse erweist, von deren Ende kein Weg in die Wiesen weiterführt, muß ich wohl oder übel umkehren, um mir eine andere Möglichkeit des Weiterkommens zu suchen. Irgendwo wird hier schon ein Weg in die Wiesen zu finden sein.

Kaum habe ich den Deich wieder erreicht, ist auch der Wind wieder da. So langsam wird mir klar, daß der Grund dafür, daß ich ihn bisher nur gelegentlich zu spüren bekommen hatte, wohl darin zu suchen ist, daß mich mein Weg durch Prerow hierher praktisch nie über größere Freiflächen, sondern immer zwischen Häusern und kleinen oder größeren Waldstücken hindurchgeführt hatte. Dabei waren doch die geschwind über den Himmel ziehenden Wolken die ganze Zeit ein recht deutlicher Hinweis auf die Wetterlage und die mit ihr verbundenen Luftbewegungen gewesen. So komme ich zu guter Letzt zu dem Schluß, daß ich wohl, sollte ich bei meinem Vorhaben einer Wanderung über die Wiesen bleiben, mit dem Wind als ständigem Begleiter, wenn nicht gar Gegner würde rechnen müssen. Angesichts der am heutigen Tag nicht allzu hohen Temperaturen, die ich auf höchstens acht Grad Celsius schätze, kommt mir die Aussicht darauf auf einmal gar nicht mehr so verlockend vor wie noch vor etwa einer halben Stunde. Bereits bei dem Gedanken an eine Wanderung in unablässig wehendem steifen Wind vermeine ich ein leichtes Frösteln zu spüren. Dem wäre mit einem dickeren Pullover sicher abzuhelfen, nur liegt dieser im Schrank meines Zimmers. Ihn jetzt von dort zu holen, bedeutete, den ganzen Weg hierher erst zurück- und dann wieder herlaufen zu müssen. Und dazu verspüre ich dann doch eher weniger Lust.

Nachdem ich mich ein wenig für meine unzureichende Tagesplanung gescholten und mich über mich selbst geärgert habe, was mir für eine kleine Weile eine gewisse Mißstimmung beschert, stelle ich schließlich fest, daß das am Ende auch nichts bringt außer schlechte Laune. Und weil ich die nicht haben will, beschließe ich, mit dem zufrieden sein, was ich habe. Und das ist nicht nur der Besuch, den ich der kleinen hübschen Seemannskirche am Vormittag abgestattet hatte, sondern auch die Tatsache, daß mir immer noch ein ganzer Nachmittag zur Verfügung steht. Und da ich mich nun von der Idee freigemacht habe, an diesem letzten Tag noch irgendeine größere Unternehmung in Angriff nehmen zu müssen, ist mir auf einmal völlig klar, was ich mit der verbleibenden Zeit wirklich tun möchte.

Genau wie mir das Begrüßen des Meeres noch am Tage meiner Ankunft eine liebe Tradition geworden ist, die ich aus der Zeit meiner Kindheit und unseren damaligen Urlauben hier in Prerow übernommen habe, so ist auch der Abschied am letzten Tag zu einer solchen geworden. Egal, welches Programm für diesen letzten Tag auch immer vorgesehen war, am Ende gingen wir stets noch einmal an den Strand, um der Ostsee Lebewohl zu sagen – bis zum nächsten Mal. So will ich es auch diesmal halten.

Und so mache ich mich langsamen Schrittes auf den Weg zurück in den Ort, um mich zu verabschieden. Langsam spaziere ich durch die mir inzwischen wieder vertrauten Straßen, komme vorüber an den vielen neuen Häusern und an jenen, die ich noch von damals kenne, wandere ein Stück den Deich und den dahinterliegenden Prerower Strom entlang, den ich auf einer der schmalen Brücken überquere, die hinüber in den Dünenwald führen, in dem sich der altvertraute Ziegelweg unter meine Füße legt. Schließlich gelange ich noch einmal zum Hauptübergang mit seinen zahlreichen Buden, an denen alles verkauft wird, was der geneigte Tourist und Strandbesucher vielleicht brauchen oder zumindest haben wollen könnte, von Souvenirs über Kleidung und Schmuck bis hin zu Bratwurst und Crêpes. Dann stehe ich wieder auf der Düne, wo ich überrascht feststelle, daß man inzwischen die Aussichtsplattform, von der ich vier Tage zuvor noch auf die Pfeiler der Seebrücke und bis hinüber nach Hiddensee geblickt hatte, abgerissen hat. Von ihr ist keine Spur mehr zu sehen.

Hier oben ist natürlich auch der Wind wieder da, von dem während meines Spaziergangs durch den Ort und den Dünenwald so gut wie nichts mehr zu spüren gewesen war, so daß ich ihn inzwischen völlig vergessen hatte. Doch hier, wo die weite Wasserfläche des Meeres ihm keinerlei Hindernis in den Weg stellt, geht er nun voller Inbrunst zu Werke. Das bleibt natürlich nicht ohne Folgen für die in den letzten Tagen so überaus friedliche See. Bereits von hier oben ist deutlich zu erkennen, daß von der spiegelglatten, wellenlosen Meeresoberfläche, die sie mir stets präsentiert hatte, wann immer ich in den vergangenen Tagen zu ihr gekommen war, heute keine Rede sein kann. Zwar wäre es auch völlig übertrieben, davon zu sprechen, daß sich das Meer in Aufruhr befände – so stürmisch ist der Wind dann auch wieder nicht -, doch lassen sich heute immerhin die Wellen sehen, die ich bisher stets hatte vermissen müssen.

Ich stapfe durch den Sand den Strand hinunter zum Wasser, das in heftiger Bewegung ist. Mutwillig dringt es auf den Strand vor und versucht, möglichst große Areale des weißen Sandes zu bedecken, bis ihm die Puste ausgeht und es sich widerwillig wieder zurückziehen muß, nur um sofort einen neuen Anlauf zu wagen. Weiter draußen, wo die Oberfläche des Wassers stark gekräuselt ist und wabernd hin- und herwogt, rollen Wellen auf das Ufer zu, die sich urplötzlich überschlagen und weiße Schaumkronen bilden, wo sie auf Sandbänke treffen, die sich im Meeresboden angehäuft haben und sie in ihrem Vorwärtsdrängen aufhalten. Wirken sie hier noch vergleichsweise harmlos, zeigen sie kurz darauf, wieviel Energie sie tatsächlich in sich tragen. Da sich die Bauschiffe am heutigen Sonnabend wieder in den Nothafen am Darßer Ort zurückgezogen haben, ist der Weg entlang der Pfeilerreihe der im Entstehen begriffenen neuen Seebrücke für die Wellen frei, bis sie auf die aus irgendeinem Grund in den Meeresboden gerammten metallenen und parallel zum Ufer verlaufenden Spundwände treffen. Als wären sie über das unverhoffte Hindernis unvermittelt in Wut geraten, setzen die Wellen von einem Moment auf den anderen die ihnen innewohnende Energie frei, als wollten sie versuchen, es aus dem Weg zu räumen. Doch die metallene Front ist hartnäckig und weicht keinen Zentimeter, so daß den Wellen keine andere Wahl bleibt, als sich in hoch aufspritzenden Gischtfontänen über sie hinwegzusetzen. Das ist jedesmal ein phantastischer Anblick. Keine dieser Fontänen ist wie die andere und eine jede scheint die Höhe ihrer Vorgänger noch überbieten zu wollen. Nicht jeder gelingt es, doch alle versprühen sie Myriaden großer und kleiner Tröpfchen, die über die Spundwände spritzen und auf die dahinterliegende Wasseroberfläche aufschlagen. Doch die Macht der Welle ist gebrochen. Hinter der Spundwand findet sie sich nicht wieder und das Wasser ist ungleich ruhiger. Dieses sich ewig wiederholende Spiel der Wellen entfaltet, je länger ich ihm zusehe, eine schon fast hypnotische Wirkung, die durch das es begleitende rhythmische Rauschen des Wassers noch verstärkt wird.

An der Seebrücke in Prerow
Hoch schäumt die Gischt, wenn sich die Welle bricht.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Am Ende weiß ich gar nicht, wie lange ich hier gestanden und dem Meer in seiner endlosen Bewegung, mit der es, getrieben vom Wind, unverdrossen gegen das Land anbrandet, zugesehen habe. Mir ist, als erblickte ich darin ein Stück der Ewigkeit. Wir kommen in diese Welt und müssen sie irgendwann wieder verlassen, doch das Meer wird auch dann noch dem Spiel seiner Wellen frönen und sie unverdrossen in Richtung Land schicken, wenn wir und Generationen nach uns schon längst nicht mehr sind. Und aus irgendeinem Grund hat dieser Gedanke, obwohl er mich an meine eigene Endlichkeit erinnert, nichts Bedrohliches, sondern etwas sehr Beruhigendes.

Im Geiste verabschiede ich mich von der See und verspreche ihr – und auch mir selbst -, bald einmal wiederzukommen. Vielleicht schon im nächsten Jahr. Vielleicht wird es nicht in Prerow sein, sondern irgendwo anders. Usedom vielleicht. Oder Rügen. Und vielleicht – sicher bin ich mir im nachhinein darüber nicht – spreche ich diese Abschiedsworte auch laut aus und lasse sie vom Wind davontragen.

Mach’s gut, Ostsee. Es war schön. Bis bald mal wieder…

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1 Leider kann ich auch hier aus dem Inneren der Kirche keine Fotos präsentieren. Auch wenn ich in der Prerower Seemannskirche kein solches Verbotsschild wie tags zuvor in der Barther Sankt-Marien-Kirche vorfinde, bin ich mir nicht sicher, ob ich dies rechtlich als Freifahrtschein für die Veröffentlichung meiner Fotos ihres Innenraums ansehen darf. So muß auch in diesem Falle das Wort genügen, um einen Eindruck des Kircheninneren zu vermitteln.

Barther Kirchentag

Dieser Beitrag ist Teil 6 von 7 der Beitragsserie "Urlaub in Prerow 2023"

Bomm!
Bomm!
Bo-bomm!
Bo-bomm!
Bomm!

Von irgendwo läßt sich ein sanftes Trommeln vernehmen. Zuerst nur ganz leise, doch dringt es, sich in seiner Vehemenz beharrlich durchsetzend, lauter und lauter durch die Schleier hindurch, die der Schlaf um mich gewoben hat, bis sich diese endlich verflüchtigen und mich aus meinen Träumen in die reale Welt zurückführen. Noch wehre ich mich dagegen, doch schließlich kann ich nicht mehr umhin, die Traumwelt endgültig zu verlassen und meine Aufmerksamkeit diesem unablässigen Trommeln zuzuwenden.

Bomm!
Bomm!
Bo-bomm!

Ein Weile lausche ich dem Geräusch, das mich aus dem Schlaf geholt hat. Was könnte das sein? Ein tropfender Wasserhahn vielleicht? Nein, dazu ist es zu vielfältig. Das müßten schon mehrere Wasserhähne zugleich sein, die da so stetig vor sich hin tropfen. Und es kommt ja auch gar nicht aus dem Badezimmer. Nein, das Geräusch kommt definitiv von draußen. Es dringt durch das geöffnete Fenster und zwischen den schweren Vorhängen hindurch, die das Zimmer in einem beständigen Halbdunkel halten. Nur durch den schmalen Spalt zwischen ihnen fällt ein wenig Licht des bereits angebrochenen Tages. Von dort kommt auch das ewige Trommeln.

Mein Gehirn kommt nur langsam in die Gänge. Doch schließlich findet es den Gedanken, nach dem es gesucht hat, seit ich von dem Geräusch geweckt worden bin: Regen! Das muß Regen sein.

Auf einmal erscheint mir das Bett als ein ausgesprochen sympathischer Aufenthaltsort für den Tag. Ich könnte mich ja nochmal auf die andere Seite drehen und eine weitere Runde schlafen…

Andererseits ist das Verschlafen des hellichten Tages keine Option, die sehr unterhaltsam und interessant klingt. Und so wirklich müde bin ich eigentlich auch nicht mehr…

Ach, was soll’s! So ein bißchen Regen wird mir nicht den Tag verderben. Und wer weiß, vielleicht hört er ja auch bald auf. Entschlossen schlage ich die Decke zurück und stehe auf. Zunächst will ich mir doch einmal ansehen, was denn das eigentlich für ein Regen ist, der da vor meinem Fenster herumtrommelt. Ich tappe durch das Halbdunkel des Raumes um das Bett herum und ziehe die Vorhänge zurück. Licht strömt ins Zimmer, doch ist es nicht gerade blendend. Dafür ist der Tag, der vor dem Fenster herumlungert, viel zu grau. Und naß.

Das Trommeln, das mich geweckt hat, kommt von irgendwo dort draußen, ohne daß ich genau ausmachen kann, woher eigentlich. Es hört sich so an, als befände sich an irgendeiner Stelle des Hauses in der Nähe meines Fensters ein Blech, auf das Wasser tropft. Daß es der feine Regen ist, der unaufhörlich herniederströmt, kann ich mir eigentlich nicht vorstellen. Offenbar sammelt er sich jedoch irgendwo und verursacht stetig fallende Tropfen. Den Klängen nach an gleich mehreren Stellen.

Egal. Ich bin wach. Laß es tropfen.

Ich suche nicht weiter. Stattdessen starte ich frohen Mutes in den Tag. Von dem bißchen Regen lasse ich mir nicht die Laune verderben. Zunächst stehen Waschen, Zähneputzen und Frühstücken auf dem Programm. Und wer weiß, wenn ich damit fertig bin, hat der Regen ja vielleicht auch schon aufgehört.

Tatsächlich ist das der Fall. Als ich den Frühstücksraum meiner Pension verlasse, auf mein Zimmer zurückkehre und einen Blick aus dem Fenster werfe, sind die Regenschleier verschwunden. Der Himmel sieht zwar immer noch so aus, als habe er sich heute in Asche gewandet, doch das stört mich nicht weiter. Solange es einigermaßen trocken ist, wird mich nichts davon abhalten, vor die Tür zu gehen. Allerdings erscheint es mir klug, dem regenschwangeren Wetter doch Rechnung zu tragen und keine Ausflüge in Gegenden zu unternehmen, in denen es vor vom Himmel herniederstürzendem Wasser keinerlei Schutz gibt. Da kommt es mir sehr zupaß, daß sich auf der Liste meiner Ausflugsziele für diesen Urlaub noch eines findet, das sich ganz wunderbar für solch einen Tag eignen könnte: Barth. Die auf dem Festland am südlichen Ufer des nach ihr benannten Boddens gelegene Kleinstadt ist, orientiert man sich an ihrer ersten urkundlichen Erwähnung, fast so alt wie Berlin. Tatsächlich ist sie älter, denn in eben jener Urkunde aus dem Jahr 1255 ist bereits von einer Stadt die Rede. Das könnte also ein für mich als an Geschichte Interessiertem ein lohnendes Ziel sein.

Auch sagen mir meine Erinnerungen, daß wir in unseren Urlauben zu den Zeiten meiner Kindheit und Jugend mehrfach in Barth gewesen sind. Ein Besuch dort gehörte in jedem Jahr einfach dazu. Vieles habe ich zwar mittlerweile vergessen, doch an die bereits geschilderte Fahrt über die Meiningenbrücke erinnere ich mich noch gut. Auch die Passage einer engen Durchfahrt durch eine Art Stadttor taucht aus den Tiefen meines Gedächtnisses auf, wenn ich an Barth denke; und aus irgendeinem Grund weiß ich noch, daß wir pro Besuch stets nur ein einziges Mal hindurchfuhren. In die Gegenrichtung führte der Weg immer an dem Stadttor vorbei, wohl weil es so eng war. Zwar erinnere ich mich noch gut, daß ich das jedesmal irgendwie enttäuschend fand, doch könnte ich heute nicht mehr sagen, ob das auf der Fahrt in die Stadt hinein gewesen ist oder beim Verlassen derselben. Nun, das werde ich ja vielleicht ergründen können, wenn ich mich jetzt auf den Weg dorthin mache.

Ein kurzer Blick auf den Busfahrplan, den ich über mein Smartphone abrufen kann, belehrt mich, daß ich mehr als ausreichend Zeit habe. Und weil ich weder große Lust verspüre, diese auf meinem Zimmer zu verbringen, noch ein langes Herumstehen an der nahegelegenen Bushaltestelle im Zentrum des Ortes sonderlich verlockend finde, entschließe ich mich zu einem Spaziergang zur Hafenstraße, wo sich, wie ich von meinem Prerow-Rundgang ein paar Tage zuvor weiß, eine weitere Busstation befindet. Bis ich dort bin, dürfte die Zeit bis zur Abfahrt des Busses schon fast heran sein.

Wegweiser in Prerow
Jede Menge Ziele. Mitten im Zentrum, an der Ecke Wald- und Bergstraße, steht dieser bunte, typische Prerower Wegweiser.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
Creative Commons Lizenzvertrag

Vorüber an den bunten Prerower Wegweisern, die ich dieses Mal allerdings lediglich zu fotografischen Zwecken beachte, da ich sie zum Auffinden des mir bereits bekannten Weges nicht benötige, spaziere ich durch Berg- und Lange Straße der Hafenstraße entgegen.

An selbiger angekommen, habe ich wider Erwarten doch noch mehr Zeit übrig als erwartet. Eine reichliche Viertelstunde muß ich noch auf den Bus warten. Angesichts des nach wie vor tiefgrauen Himmels und der sich beharrlich hinter der Wolkendecke verbergenden Sonne erscheint es mir nicht sehr sinnvoll, diese Zeit mit Herumstehen an der Haltestelle zu verbringen, denn ohne die wärmenden Strahlen der Sonne wird mir an diesem Apriltag doch recht schnell recht kühl. So spaziere ich ein wenig in der Gegend herum und nehme sie in Augenschein. Zunächst fällt mir erneut das Wartehäuschen auf. Mit mir warten einige Personen, die trotz dieses sauertöpfischen Tages recht fröhlich gestimmt scheinen. Ein junges Mädchen in rotem T-Shirt und knielanger blauer Sommerhose, ausgestattet mit Sonnenbrille und Strohhut sitzt auf seinem blauen Koffer direkt neben drei Sitzen, die sämtlich frei sind. Auf deren anderer Seite steht eine junge Familie mit zwei Kindern. Die Eltern tragen beide lange blaue Hosen und schulterfreie Tops, die Kinder, ein Mädchen und ein Junge, stehen brav vor ihren Eltern und sind ebenfalls recht sommerlich angezogen. Etwas abseits wartet noch ein junger Mann mit Vollbart, der einen Rucksack über die Schulter geworfen hat und einen Koffer in der Hand trägt. Auch er ist lediglich mit knielangen Hosen bekleidet. Daß diese Gesellschaft Wartender bei diesem kühlen Wetter nicht friert und auch die freien Sitze beharrlich meidet, hat seinen Grund. Denn genau wie die Fenster des Häuschens sind alle diese Personen lediglich auf dessen Wand aufgemalt. Eine hübsche und durchaus passende Gestaltung für eine Bushaltestelle.

Die Bushaltestelle "Hafenstraße" in Prerow
Gemeinschaft im Wartestand – Das Wartehäuschen der Bushaltestelle an der Prerower Hafenstraße.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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In Berlin versucht man dergleichen auch immer wieder einmal, doch leider erweist sich ein solches Unterfangen stets als verlorene Liebesmüh, die Perlen vor die Säue streut, denn innerhalb kürzester Zeit sind tumbe Graffiti-Schmierfinken zur Stelle, um die mit viel Liebe gestalteten Wandbilder mutwillig zu beschmieren und so zu zerstören. Und das ist nicht nur in Berlin so. Auch andere der größeren deutschen Städte haben mit diesem Problem zu kämpfen. Es ist mir unbegreiflich, warum es nicht möglich ist, das in den Griff zu bekommen. Andere Städte dieser Welt schaffen das doch schließlich auch. Weder in Singapur noch in Auckland, Sydney, Melbourne, Adelaide oder auch Vancouver und Quebec habe ich derartiges in dem Ausmaß zu Gesicht bekommen, wie es in den Städten unserer heimischen Gefilde gang und gäbe zu sein scheint. Wenn es sich dabei wenigstens um Bilder mit zumindest etwas gestalterischem Anspruch handeln würde, ließe sich noch trefflich darüber streiten, ob das nun Ausdruck einer Art Subkultur oder einfach nur Geschmiere und Sachbeschädigung fremden Eigentums ist. Doch schaut man sich an, was da beispielsweise in Berlin an Hauswänden, Brückenpfeilern, Mauern, auf Fahrzeugen des öffentlichen Nahverkehrs und an sonstigen Flächen aufgesprüht wird, handelt es sich meist um irgendwelches unentzifferbares Gekrakel, mit dem seine Verursacher vermutlich lediglich eine Marke setzen wollen, die ihr Revier kennzeichnen oder auch nur ein profanes „Ich bin hier gewesen“ mitteilen soll. Am Ende ist es auch wieder nur eine neue Form des heute so allgegenwärtigen Hangs zur Selbstdarstellung. Solche Graffitis offenbaren lediglich die Geist- und Ideenlosigkeit ihrer Urheber. Vermutlich von ihnen ungewollt, doch dafür um so entlarvender. Besonders dreist und unverschämt wird es natürlich, wenn sie dabei die ästhetisch schönen und wertvollen Werke wirklicher Könner auf diesem Gebiet zerstören. Der Stadt und ihren Verantwortlichen scheint es egal zu sein. Ihnen fehlen ganz offenbar nicht nur die Fähigkeiten, sondern auch der Wille, dies wirksam zu unterbinden. Doch wahrscheinlich ist dies nicht nur ein administratives, sondern auch ein gesellschaftliches Problem. Man kann wohl mit einigem Fug und Recht davon sprechen, daß eine Gesellschaft, die Derartiges widerspruchslos geschehen läßt, sich selbst längst aufgegeben hat – eine Feststellung, die ich einmal irgendwo gelesen habe, wobei mir leider entfallen ist, wo das gewesen ist und von wem sie stammt. Trotzdem erscheint sie mir wahr.

Auf meinem kleinen Streifzug durch die Umgebung der Bushaltestelle bin ich mittlerweile an der Straßenkreuzung angekommen, an der Hafen- und Strandstraße einander begegnen. Als ich ein paar Tage zuvor auf meinem Rundgang durch Prerow hier vorübergekommen war, hatte ich mich nicht allzu lange aufgehalten, denn viel gibt es wirklich nicht zu sehen. Der große Parkplatz, der nur eine zerfahrene Wiese ist, gegenüber die Darss-Passage mit dem Supermarkt und die Straßenkreuzung, an der sich ein kleiner Imbißstand befindet, der sich De lütt Eck nennt und als Prerows Snackbar bezeichnet. Viel mehr ist da nicht. Und doch, nun, da ich hier gewissermaßen die Zeit totschlagend herumlungere, bemerke ich zu meinen Füßen am Straßenrand, zwischen Fahrbahn und Gehsteig, eine Reihe von Blumenrabatten, die ganz offensichtlich liebevoll gepflegt werden und den Frühling in den Ort einladen. Und der hat das Anerbieten dankend angenommen und ist mit einer Reihe von Narzissen als Frühlingsboten in Prerow eingezogen, die mit ihren üppigen gelben Blüten dem heutigen Grautag einen willkommenen Farbtupfer bescheren.

Narzisse in Prerow
Bote des nahenden Frühlings – Narzisse am Prerower Straßenrand.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
Creative Commons Lizenzvertrag

Und als ich gerade noch sinnend auf die hübschen Blumen herunterschaue, entdecke ich ein Stück voraus in Richtung Ortsausgang den Bus. Die Tatsache, daß ich mich ein Stück von der Bushaltestelle entfernt befinde, muß mich allerdings nicht in Hektik versetzen, denn mittlerweile bin ich nach mehreren bereits absolvierten Busfahrten gut darüber informiert, wie sich die Sache mit den Fahrten des öffentlichen Personennahverkehrs in Prerow verhält. Zunächst wird der Bus die Haltestelle an der Hafenstraße ignorieren und direkt ins Zentrum fahren. Nachdem er alle dort wartenden Fahrgäste aufgenommen hat, wird er wenden und schließlich hierher zurückkommen, einen kleinen Abstecher zur Haltestelle an der Hafenstraße einlegen und mir so die Möglichkeit geben, ebenfalls zuzusteigen und die Fahrt nach Barth anzutreten. Bis dahin bin ich ganz gemütlich und in Ruhe zu der Haltestelle zurückgelaufen. Und genauso geschieht es dann auch.

Die Fahrt ist mir bereits hinlänglich bekannt. Wieder einmal passiere ich den Prerower Hafen, den Alten Bahnhof, die Hohe Düne, die Engstelle zwischen Ostsee und Prerower Strom und die Haltestelle Prerow Hertesburg, an der es auch heute keinen Halt gibt. Dann bin ich auch schon wieder in Zingst. Von hier aus geht die Fahrt weiter zur Meiningenbrücke, die wir überqueren, um über Bresewitz und Pruchten schließlich nach Barth zu gelangen. Nun, da ich nach meiner zwischenzeitlichen Beschäftigung mit der Darßbahn und ihrer früheren Route weiß, worauf ich zu achten habe, gelingt es mir, ihre einstige Trasse während der Fahrt nahezu die gesamte Wegstrecke über in der Landschaft auszumachen, folgt die Straße in ihrem Verlauf doch im wesentlichen dem der einstigen Darßbahn. Ab Bresewitz ist das sogar bedeutend leichter, da hier zu großen Teilen noch die alten Gleise liegen. Von Barth bis Bresewitz war die Bahn noch einige Jahre länger in Betrieb gewesen, bis dieser 1947 auch hier eingestellt wurde und man die Gleise entfernte. Allerdings hatte, wie ich bereits weiß, die Nationale Volksarmee der DDR genau zwanzig Jahre später diesen Abschnitt wiederaufgebaut, um ihn für Truppen- und Materialtransporte zu nutzen. Dafür errichtete sie nahe Bresewitz eine Laderampe, über die ihr Übungsplatz in den Sundischen Wiesen und ihr Stützpunkt in Zingst versorgt werden konnten. Bis zur sogenannten Wende im Jahre 1989 blieb die Strecke in Betrieb und ist daher heute noch samt Gleisen vorhanden. Als mein Bus Bresewitz im Süden des Ortes verläßt, kann ich auf der rechten Seite den einstigen Darßbahn-Haltepunkt des Ortes erkennen, an dem es zwar kein Bahnhofsgebäude gibt, wohl aber drei alte Güterwaggons, die dort noch herumstehen und langsam vor sich hinrotten. Und auch das alte Bahnhofsschild und ein Formsignal sind noch vorhanden.

Rund fünfundvierzig Minuten dauert die Fahrt. Als wir die Barthe, einen in den Barther Bodden mündenden, knapp fünfunddreißig Kilometer langen Fluß, überqueren und kurz darauf die ersten Häuser Barths erreicht haben, beginne ich zu überlegen, wo genau ich aussteigen will. Ich beschließe, nicht bis zum Bahnhof mitzufahren, sondern möglichst nah am Zentrum der kleinen Stadt auszusteigen. Gespannt warte ich darauf, irgendwo voraus das alte Stadttor zu entdecken, das heute morgen bereits aus meinen Erinnerungen aufgetaucht war. Werden wir hindurchfahren? Oder drumherum?

Kurz darauf habe ich die Antwort. Gerade als ich durch das Frontfenster des Busses weit voraus ein hohes turmartiges Gebäude mit einer Toröffnung am Boden ausmachen kann, schwenkt der Bus nach links, verläßt die darauf zuführende Straße und umfährt das Zentrum der Stadt weiträumig in Richtung Bodden. Wenige Minuten später kommt er an der am Hafen der Stadt gelegenen Haltestelle zum Stehen. Die Türen öffnen sich und ich steige aus.

Just diesen Moment sucht sich der Himmel aus, um den Regen wieder einsetzen zu lassen. Zwar nieselt es nur leicht, doch ich verspüre dennoch nur wenig Lust, draußen herumzulaufen, während unablässig Wasser von oben auf mich herunterfällt. Wollte ich lediglich ein paar Besorgungen machen, wäre das nicht weiter schlimm, doch für einen Stadtbummel eignet sich Regenwetter eher weniger. So beschließe ich, den Hafen später einer eingehenderen Betrachtung zu unterziehen, und mache mich auf den Weg zum nahegelegenen Marktplatz, wo, wie ich weiß, die Sankt-Marien-Kirche zu finden ist. Eine eingehende Besichtigung des Gotteshauses sollte dem Himmel ausreichend Gelegenheit geben, den Regen wieder einzustellen. Stadt und Hafen würde ich danach noch ausgiebig besichtigen können.

Von der am Hafen vorüberführenden Straße, in der der Bus gehalten hatte und die passenderweise den Namen Hafenstraße trägt, biege ich in die Fischerstraße ein. Bereits nach wenigen Metern passiere ich die einstige mittelalterliche Stadtmauer, was allerdings kaum zu bemerken ist, da sie nicht mehr steht. Lediglich die hier die Fischerstraße kreuzende Mauerstraße erinnert mit ihrem Namen an das historische Bauwerk, das die Stadt einst vollständig umgeben hat. Genau hier hat sich auch eines der vier Tore befunden, die damals Zugang zur Stadt gewährten. Im Pflaster der Straße hat man dessen Standort markiert, indem man links und rechts der mit Kopfsteinpflaster ausgelegten Fahrbahn die diese begrenzenden Mauern des Turms angedeutet hat. Warum man dafür auf der rechten Straßenseite allerdings erhöhte, in die Fahrbahn hineinragende und sie so verengende Bordsteinkanten verwendet hat, während sich die Markierung auf der linken Seite eben in das Straßenpflaster einfügt, erschließt sich mir nicht so ganz. Aber wie heißt es doch: Die Genossen werden sich schon was dabei gedacht haben. Ich muß unwillkürlich schmunzeln, als mir diese Redewendung aus vergangenen DDR-Tagen durch den Kopf geht.

Die meisten Häuser in der Fischerstraße haben drei Stockwerke, deren oberes durch ein Spitzdach nach oben hin abgeschlossen wird. Bis auf wenige wenden sie ihre Giebelseite der Straße zu. Die Fassaden sehen nahezu alle wie aus dem Ei gepellt aus. Hier hat man in den letzten Jahren und Jahrzehnten ganz offensichtlich viel gemacht. Die Häuserfronten sind sauber verputzt, allerdings meist in nur einer Farbe, was sie ein wenig langweilig macht. Einige wenige Häuser durchbrechen dieses Einerlei jedoch. Eines präsentiert stolz seine Ziegelfassade, ein anderes zeigt sich in schlichtem Fachwerk. Und eines ist dabei, das wohl als das schwarze Schaf der Straße bezeichnet werden muß, denn es scheint ihm nicht gelungen zu sein, es zu etwas zu bringen. Der Putz ist fleckig braun und bröckelt hier und da bereits ab, wodurch er die darunter liegenden Ziegel freilegt. Die Fenster im Erdgeschoß hat man mit Brettern und Sperrholzplatten verrammelt, in den oberen Stockwerken ersetzen, wie es scheint, blinde Plastiktafeln die Scheiben der ansonsten leeren Fenster. Und an der Giebelspitze bröckelt bereits die Dachkante nach und nach weg. Hier wohnt ganz offensichtlich niemand mehr.

Als ich das Ende der Fischerstraße erreicht habe, stehe ich an der nordöstlichen Ecke des Marktplatzes. Sein großes Areal wird an allen vier Seiten von ebensolchen Häusern umstanden, wie ich sie bereits in der Fischerstraße angetroffen habe, allerdings mit dem Unterschied, daß den hiesigen ein viertes Stockwerk gestattet wurde. Doch auch hier sehen allesamt so aus, als seien sie nagelneu. Der Markt besitzt eine rechteckige Grundform, wobei die Ost-West-Ausdehnung die größere Länge aufweist. Nord- und Südseite werden jeweils von einer Baumreihe gesäumt, wobei man die Bäume so zurechtgestutzt hat, daß sie nicht nur einheitlich hoch sind, sondern daß ihre Kronen auch an der Unterseite eine gerade Linie bilden. Zwar sind die Äste um diese Jahreszeit noch kahl, doch wird trotzdem sehr deutlich, daß die Baumreihen wie zwei große, auf mehreren Baumstammstelzen ruhende Balken aussehen. Es ist mir ein ewiges Rätsel, warum sich Menschen die Mühe machen, Pflanzen in ihrem Wachstum so zu dressieren, daß sie strenge Formen und Linien, einheitliche Höhen und strikte Symmetrie einhalten. Das ist in meinen Augen nicht nur gemein, sondern auch ausgesprochen langweilig anzusehen. Mehr Glück hatte da der Baum, der auf der Ostseite des Marktes allein stehen darf. Ihm ist es gestattet, so zu wachsen, wie er will. Der Verzicht auf jegliche Symmetrie, jede Beschränkung in Breite und Höhe und die Wahrung irgendeiner vorgegebenen Form läßt ihn trotz seiner momentanen Laublosigkeit ungleich viel interessanter aussehen als seine bedauernswerten in Reih und Glied gezwungenen Artgenossen an den Seiten des Platzes.

Aufgrund des regnerischen Wetters wirkt der Platz heute etwas trist. Weil er, sieht man einmal von dem einzelnen Baum, dem achteckigen Brunnen mit den drei auf einer Ziegelsäule aufragenden Fischen in der Mitte und ein paar vereinzelt parkenden Autos ab, weitgehend leer ist, dominiert sein rotes Ziegelpflaster das Erscheinungsbild des Platzes. Es glänzt in der Nässe, die der Regen ausgiebig darauf verteilt. Kaum eine Menschenseele ist zu sehen. Wie es scheint, haben es die meisten Bewohner der Stadt vorgezogen, sich im Inneren der Häuser aufzuhalten, wo es warm und trocken ist. Nur wer unbedingt muß, ist jetzt draußen unterwegs. Und ich.

Über den Dächern der Häuser an der Westseite des Marktes, meinem Standort genau gegenüber, kann ich das Dach und den Turm der Sankt-Marien-Kirche aufragen sehen, die sich dahinter befindet. Und weil ich angesichts des Regens keine Veranlassung sehe, mich länger als unbedingt nötig draußen aufzuhalten, lenke ich meine Schritte zielstrebig dorthin. An der Nordwestecke des Marktes angekommen, gehe ich an den Häusern vorbei in die Papenstraße hinein und bin nach wenigen weiteren Schritten an der nördlichen Längsseite der Kirche angekommen.

Eine kleine Grünanlage trennt die Kirche von der ebenfalls mit Kopfsteinen ausgelegten Fahrbahn der Straße. Direkt an der Wand des Gotteshauses führt ein Weg entlang, den ich einschlage. Links neben mir ragen die Backsteinmauern des Kirchengebäudes in die Höhe, die in regelmäßigen Abständen von riesigen, dreigeteilten und nach oben hin in einem spitzen Bogen auslaufenden Kirchenfenstern unterbrochen werden – unmißverständliche Hinweise auf den Baustil der norddeutschen Backsteingotik, der dem Bau zugrundeliegt.

Wann der Grundstein für die Sankt-Marien-Kirche, die das bedeutendste Gotteshaus Barths ist, gelegt wurde, weiß man nicht genau. Vermutet wird, daß es um das Jahr 1250 herum geschah. Aus dieser Zeit stammt der Chor der Kirche, an dem ich als erstes vorübergekommen bin, denn er ist dem Marktplatz zugewandt. Den Namen Sankt-Marien-Kirche trug das in Bau befindliche Gotteshaus damals noch nicht. Dessen erste urkundliche Erwähnung findet sich erst 1340. Gebaut hat man gute zweihundert Jahre. Mit der Vollendung des Turms waren die Bauarbeiten im 15. Jahrhundert schließlich abgeschlossen. Zu dieser Zeit war die Kirche natürlich noch katholisch, schlug doch Martin Luther seine 95 Thesen erst im Jahre 1517 an die Tür der Wittenberger Schloßkirche, womit die Reformation offiziell begann. Und da die Bürger der Stadt damals recht wohlhabend waren und die katholische Kirche gegen Prunk nichts einzuwenden hatte, war die Innenausstattung des Gotteshauses zu jener Zeit noch recht prachtvoll. Das änderte sich jedoch, als die Reformation schließlich auch nach Vorpommern kam und Fuß zu fassen begann. Offiziell eingeführt wurde sie hier um 1535. Das hatte eine erste und gleichzeitig radikale Umgestaltung des Kircheninneren zur Folge. Entsprechend den neuen Ansichten hatte die Ausstattung einer Kirche schlicht zu sein. So entfernte man die prächtige Innenausstattung, die die Bürger der damals reichen Hafenstadt über die Jahre  der Kirche hatten angedeihen lassen, und ersetzte sie durch eine bedeutend einfachere Ausgestaltung.

Als sich Anfang des 19. Jahrhunderts die Aufklärung auch in den deutschen Landen durchzusetzen begann, erfuhr das Gotteshaus eine weitere Umgestaltung. 1820 wurde sie im Stil der Aufklärung renoviert und erhielt eine neue Orgel, die der Berliner Orgelbauer Johann Simon Buchholz gemeinsam mit seinem Sohn Carl August Buchholz schuf. Fast vierzig Jahre später kam es dann zu einer erneuten gravierenden Veränderung. Seit dem Jahre 1815 gehörte Pommern zum Königreich Preußen, dessen König Friedrich Wilhelm IV. der Provinz immer wieder einmal einen Besuch abstattete. Als er bei einer dieser Reisen auch einmal nach Barth kam und die Sankt-Marien-Kirche aufsuchte, mißfielen ihm deren in schlichtem Weiß gehaltene Innenbemalung und die nüchterne Ausstattung offenbar derart, daß er im Jahre 1857 eine umfassende Neugestaltung des Gotteshauses veranlaßte. Den Auftrag dazu vergab er an keinen Geringeren als den Architekten Friedrich August Stüler, einen Schüler Karl Friedrich Schinkels. Berliner sollten ihn als den Schöpfer des Neuen Museums, der Kirche St. Peter und Paul auf Nikolskoje, der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße, der Alten Nationalgalerie auf der Museumsinsel sowie der Kuppel des Berliner Stadtschlosses kennen. Passend zum gotischen Baustil des Kirchengebäudes verhalf Stüler dessen Innenraum zu seinem heutigen Erscheinungsbild, das er im Stile der Neugotik entwarf. Dieses selbst in Augenschein zu nehmen, bin ich mehr als gespannt.

Mittlerweile habe ich eine genau in der Mitte der Nordseite des Kirchenschiffes gelegene zweiflügelige Eingangspforte erreicht, deren Tür sich bei einem Druck auf die Klinke als offen erweist. Somit steht einem Besuch des Inneren der Sankt-Marien-Kirche nichts mehr im Wege und ich trete ein[1]Leider kann ich aus dem Inneren der Kirche keine Fotos präsentieren. Gleich neben der Eingangstür stoße ich auf ein kleines Hinweisschild, das mir in strengem Ton das Folgende … [Weiterlesen].

Hatte ich erwartet, in einen von Dämmerlicht erfüllten Kirchenraum zu gelangen, so bin ich einigermaßen überrascht, als ich mich stattdessen in einem Kirchenschiff wiederfinde, das zwar von Licht nicht gerade überflutet wird, doch einen ausgesprochen hellen und freundlichen Eindruck macht. Verantwortlich dafür sind nicht nur die hohen, dreiteiligen und nach oben spitz zulaufenden Bogenfenster in den beiden Seitenschiffen, sondern auch die farbenprächtige Gestaltung des Raumes. Die Wände und die mächtigen, die drei Schiffe voneinander trennenden und das Gewölbe der Decke tragenden Pfeiler sind in einem hellen, sandsteinfarbenen Ton gehalten. Die einander kreuzenden Rippen dieses Gewölbes sind ebenso wie die spitz zulaufenden Bögen zwischen den Pfeilern rot und blau bemalt und teilweise mit Ornamenten verziert.

Auf dem Boden des Hauptschiffes stehen die Kirchenbänke, die zwischen den Pfeilern bis in die Seitenschiffe hineinragen. Dabei handelt es sich jedoch nicht um einfache, hintereinander aufgereihte lange Bänke, wie man sie aus vielen Kirchen kennt. Zwar sind die hiesigen, in hellem Grau gehaltenen Sitzgelegenheiten ebenfalls aus Holz und sehen mit ihren senkrechten Lehnen, die in strengen rechten Winkeln zur Sitzfläche stehen, auch genauso unbequem aus wie anderswo, doch hat man hier jeweils mehrere dieser Bänke zu Blöcken zusammengefügt, eingefaßt von hölzernen Wänden, die die gleiche Höhe wie die Banklehnen aufweisen und in denen Türen den Zugang zu den einzelnen Bänken gewähren. Es handelt sich um ein sogenanntes Kastengestühl.

Über dem Mittelgang, der zwischen den Kirchenbänken durch das gesamte Hauptschiff verläuft, hängen drei große Kronleuchter aus einem Metall, das ich für Messing halte. Der mittlere, heißt es, sei eine Stiftung Kaspar Kümmelbergs gewesen, der von 1577 bis 1655 lebte und in Barth Bürgermeister war. Die anderen beiden Leuchter hat der Stralsunder Gelbgießer Dominicus Slodt in den Jahren 1589 und 1590 geschaffen. Das Material dafür gewann man aus dem Deckel des Tauffasses, der dafür eingeschmolzen wurde.

Dieses Tauffaß ist ebenfalls noch in der Kirche vorhanden. Ich entdecke es direkt vor der Kanzel, die sich an der nördlichen Längsseite des Hauptschiffes am vom östlichen Ende aus zweiten Pfeiler befindet. Taufbecken habe ich in Kirchen schon viele gesehen, doch ein Tauffaß wie dieses noch nie. Auch als Tauffünte bezeichnet, gehört es zu den ältesten Stücken des Kircheninventars. Vollständig aus sogenanntem Rotmessing beziehungsweise Bronze bestehend, wurde es in der Zeit nach 1360 geschaffen. Daß mir ein so altes Taufbecken aus Metall ungewöhnlich erscheint, kommt nicht von ungefähr. Der ansonsten gebräuchliche Begriff Taufstein hat schließlich durchaus seinen Grund. Und tatsächlich ist das hiesige Exemplar die einzige erhaltene Bronzetaufe in ganz Vorpommern. Im Grundriß achteckig, zeigt das Faß, dessen Höhe ich auf etwa einen Meter und zwanzig Zentimeter schätze, an seinen acht Seiten jeweils zwei übereinanderliegende Reliefbilder. In jedem von ihnen stehen immer zwei Personen, die dem Kreis der Apostel, der christlichen Heiligen und der Figuren biblischer Geschichten entstammen. Am oberen Rand ragt an jeder der acht Kanten ein kleiner Kopf hervor. Menschen und Tiere sind dabei bunt gemischt. Unten ruht das Faß auf einem großen Fuß, dessen Standfläche den achteckigen Grundriß wiederholt. An vier der acht Seiten stehen darauf Figuren, die so gestaltet sind, daß sie das Faß auf ihren Schultern zu tragen scheinen.

An dem Pfeiler, vor dem das Tauffaß steht, windet sich eine steinerne Treppe zum Korb der Kanzel hinauf. Dieser zeigt an seinen Außenseiten in Feldern mit gotischen Formen als Relief gestaltetes steinernes Blattwerk. Die Felder wurden mit einem tiefblauen Hintergrund versehen, über dem sich die Ranken zu winden scheinen. Während an der unmittelbaren Vorderseite des Kanzelkorbes ein aufgeschlagenes Buch mit den beiden griechischen Buchstaben Alpha und Omega in das Blattwerk eingearbeitet wurde, sind es an den Seiten links und rechts davon Spruchbänder, ein Engel und ein Kelch. Am unteren Rand des Kanzelkorbes, der auf einem mächtigen Sockel ruht, blicken kleine Engelsköpfchen dem Betrachter entgegen. Nach oben hin wird die Kanzel durch eine Abdeckung abgeschlossen, die die Form eines gotischen Turmes besitzt und reich gegliedert ist. Im Gegensatz zum steinernen Kanzelkorb besteht diese Abdeckung aus tiefdunklem Holz.

Ausmalung und ornamentale Gestaltung wurden ebenso wie die Kanzel und die Emporen im Zuge der von Stüler vorgenommenen Umgestaltung entweder erneuert oder gänzlich neu geschaffen. Die Emporen befinden sich an den Seitenwänden der äußeren Kirchenschiffe sowie am westlichen Ende des Hauptschiffs. Während erstere aus Holz bestehen und nur eine Etage besitzen, ist die Westempore aus Stein gemauert und weist zwei Ebenen auf, von denen die obere die Orgel trägt. Das bereits vorhandene gewaltige Instrument hatte Stüler mit einem neuen Prospekt versehen lassen, der seinem Gesamtkonzept entsprechend im Stile der Neugotik geschaffen wurde. So bilden insbesondere Kanzel und Orgel eine gestalterische Einheit.

An einem der Pfeiler, deren Grundriß im übrigen ebenfalls achteckig ist – das scheint ein wiederkehrendes Motiv zu sein -, hat man an fünf seiner Seiten lange Tafeln angebracht, deren Form ebenfalls Elemente der Neugotik aufweist. Die darauf zu lesenden langen Namenslisten weisen sie ebenso wie die am oberen Ende sichtbaren Darstellungen von Kränzen und Eisernem Kreuz als Erinnerungsstätte für im Krieg gefallene Soldaten aus. Die Daten aus den Jahren 1914 bis 1918 zeigen, daß es sich um Soldaten handelt, die ihr Leben im Ersten Weltkrieg verloren und sicherlich alle aus Barth stammten. Insgesamt sind es 286 Namen, die für jedes Jahr nach den Ländern gruppiert sind, aus denen ihre Träger nicht zurückkehrten. Frankreich, Flandern, Rußland, Rumänien, Mazedonien – der Orte sind viele. Und wo man kein Land zuordnen konnte, hat man Gruppen wie „Lazarett“ oder „Auf See“ verwendet. Fast dreihundert Männer, an die der damalige Kriegerverein der Stadt mit diesen Tafeln erinnern wollte. Liest man anderswo, daß der Weltkrieg Millionen tote Soldaten zeitigte, ist das stets eine Größenordnung, die nur schwer Eingang in die eigene Vorstellungskraft findet. Doch die Zahl Dreihundert in Bezug zu einer Kleinstadt wie Barth läßt mit einem Mal deutlich werden, wie groß die Verluste an Menschenleben in diesem Krieg wirklich waren und wie sehr sie die Bevölkerung des Landes betrafen. Männer, die in fremde Lande auszogen, um dort irgendeinen Kampf zu kämpfen, der sie und ihr Leben eigentlich nicht betraf, und aus denen sie niemals zurückkehrten – zu ihren Familien, ihren Frauen und Kindern, ihren Müttern und Vätern, ihren Geschwistern, die von nun an ohne sie weiterleben mußten, betroffen von dem Verlust und dem vielleicht nie ganz zu verwindenden Schmerz darüber. Und dennoch wird die Menschheit nicht klüger. Dennoch werden bis zum heutigen Tage immer wieder Kriege geführt, in denen sich Soldaten gegenüberstehen und gegenseitig töten, die sich nicht einmal kennen und einander vorher nie etwas zuleide getan haben, die jedoch durch Kriegspropaganda so aufgehetzt wurden, daß sie ernsthaft glauben, sie kämpften für irgendeine gerechte Sache oder gegen einen bösartigen Feind und helfen, den Frieden zu sichern, indem sie Gewalt ausüben und töten. Und die Bevölkerung zu Hause wähnt sich derweil an der Heimatfront und übt sich in Haß auf den Gegner, in dem sie das personifizierte Böse zu erkennen glaubt, weil es in den Medien der Mächtigen tagtäglich so steht oder gesagt wird. Und keiner erinnert sich daran, was die älteren Generationen über vergangene Kriege erzählten, wieviel Leid sie brachten, wieviel sie unwiederbringlich zerstörten und welche Lehren man doch einst daraus gezogen zu haben glaubte, als man aus voller Überzeugung „Niemals wieder!“ gelobte. Hassen ist ja so einfach, besonders, wenn man über den vermeintlichen Gegner so gut wie nichts weiß, doch alles glaubt, was einem über ihn gesagt wird. Und so kommen zu den vergessenen Denkmälern vergangener Kriege nach und nach neue hinzu, wenn es denn nach den nächsten Kriegen noch Orte gibt, an denen man sie aufstellen kann, und wenn dann noch jemand da ist, der es tut. Nach dem zweiten der großen Weltkriege war das wohl schon nicht mehr der Fall, denn ein ähnliches Denkmal für die darin zu Tode gekommenen Männer Barths findet sich in der Kirche nicht. Vielleicht gab es einfach nur keinen Kriegerverein mehr, der das hätte tun können. Vielleicht waren es auch einfach zu viele Namen, die man hätte auflisten müssen, als daß sie an einen Pfeiler gepaßt hätten. Und wer weiß – wenn es demnächst erneut zu einem großen Krieg kommt, weil die Deutschen wieder einmal glauben, gegen den Russen in den Kampf ziehen zu müssen, weil die Medien ihnen das gesagt haben, dann wird es in dieser Kirche vielleicht nicht einmal mehr einen Pfeiler geben, an dem man ein weiteres Denkmal für die Gefallenen anbringen könnte…

Ich wende mich von den Tafeln mit den Namenslisten ab und gehe den Mittelgang des Kirchenschiffs entlang in Richtung des Chores, der sich am Ostende des Gotteshauses befindet. Ganz traditionell steht hier der Altar. Handelt es sich dabei zumeist um einen großen, mit einem Tuch verhängten Tisch, auf dem ein Kruzifix und vielleicht ein paar Kerzen stehen, so ist dieser hier etwas ganz Besonderes. Zwar gibt es auch hier einen großen Altartisch, doch ist dieser nicht komplett verhängt. Das große weiße Tuch, das ihn bedeckt, hängt nur an den Schmalseiten wenige Zentimeter herunter, doch insbesondere die Vorderseite läßt es frei. Hier hängt lediglich ein etwa ein Meter breites, hellgraues Leinentuch herab, auf dem ein goldfarbenes Kreuz und darüber eine ebensolche Krone eingestickt sind. Links und rechts davon kann man an den beiden seitlichen Enden des Tisches die beiden steinernen Säulen sehen, die ihn tragen, während die hintere Seite von einer massiven Rückwand abgeschlossen wird. Da diese lediglich unter der Tischplatte zu sehen ist und somit in tiefem Schatten liegt, kann ich leider nicht erkennen, ob sie aus Holz oder Stein besteht. Dafür ist die Kante der Altarplatte um so besser zu erkennen. Sie ist mit dicht aneinandergereihten goldenen Sternen verziert. Auf dem Altar stehen zwei große Kerzen auf schwarzen Leuchtern, zwischen denen man eine Vase aufgestellt hat, in der einige dicht mit weißen Blüten besetzte Zweige stecken. Hinter der Vase ragt ein übermannshohes Kruzifix mit einer marmornen Jesusfigur auf. Das beeindruckendste Accessoire des Altars ist jedoch der hohe Sandsteinbaldachin, der ihn überwölbt. Auf vier in einem Quadrat angeordneten starken Pfeilern ruhend, ist er ebenso wie Kanzelhaube und Orgelprospekt im neugotischen Stil gestaltet und sieht aus wie eine kleine Kirche in der großen. An jedem der vier Pfeiler befindet sich am Ansatz des Baldachin-Daches eine steinerne Statue. Die vier Seiten sind mit großen, spitz zulaufenden Bögen versehen, über denen sich jeweils ein dreieckiger Giebel befindet, auf dessen Spitze eine Engelsfigur steht. Im Inneren des Baldachins ist das Dach als Gewölbe gestaltet, dessen in der Mitte befindlicher Schlußstein die Figur einer weißen Taube trägt. Die Felder des Gewölbes sind mit tiefem Blau ausgemalt, auf dem sich eine Vielzahl goldfarbener Sterne befindet, was den schönen Eindruck erweckt, der Tisch des Altars befände sich unter einem prächtigen Sternenhimmel.

Einen solchen sogenannten Ziborium-Altar hatte Stüler ein paar Jahre zuvor bereits in der alten Berliner Garnisonkirche gestaltet[2]Ich habe darüber ausführlich in meiner Serie zur Geschichte der Berliner Garnisonkirche berichtet, die auf meiner Website Anderes.Berlin zu finden ist. Die Beschreibung des dortigen von Stüler … [Weiterlesen]. Dort war es ihm allerdings nicht möglich gewesen, ihn freistehend in der Mitte des Raumes zu plazieren, wie er das hier getan hatte, so daß der Altar gewissermaßen das Zentrum des Chorraumes bildet. In der Garnisonkirche hatte er ihn stattdessen mit der Rückseite an eine Wand anschließen müssen, was ihm andererseits jedoch die Möglichkeit geboten hatte, den Altar mit einem großen Altarbild über dem Tisch zu versehen. Heute wäre es sicher interessant, diese beiden Werke Stülers miteinander zu vergleichen, doch leider ist die Berliner Garnisonkirche im Zweiten Weltkrieg untergegangen – ein Schicksal, das ihr Ziborium-Altar teilte, auch wenn er sich zu dieser Zeit bereits nicht mehr im Kirchenraum befunden hatte, da er bei einem Umbau im Jahre 1899 von dort entfernt worden war.

Die Wände des Chorraums sind mit Scheinemporen versehen. Im unteren Bereich reihen sich als Spitzbögen ausgeführte Felder aneinander, die von als runde Säulen gestalteten Pilastern voneinander getrennt werden. Darüber ist eine Balustrade zu sehen, die den Anschein erweckt, als befände sich darüber eine Empore. Tatsächlich setzen sich jedoch, sieht man einmal vom ersten Drittel des Chorraumes ab, wo das tatsächlich der Fall ist, die Wände unmittelbar fort. Sie zeigen lebensgroße Darstellungen der zwölf Apostel, die der Maler Karl Gottfried Pfannschmidt, der in hiesigen Gefilden auch als Barths Michelangelo bezeichnet wird, im Rahmen der von Stüler konzipierten und geleiteten Neugestaltung der Kirche geschaffen hat. Die Freskenmalereien sind von beeindruckender Natürlichkeit und wirken regelrecht lebensecht. Die Apostel sind dabei jeweils paarweise angeordnet und scheinen in von gotischen Baldachinen überdachten Nischen zu stehen, die jedoch ebenfalls aufgemalt sind. Jeder von ihnen ist an charakteristischen Gegenständen zu erkennen, mit denen er in der biblischen Geschichte verbunden ist und die er in der hiesigen Darstellung bei sich trägt. Jacobus der Ältere beispielsweise trägt die Jakobsmuschel sowie Pilgerhut und -stab, während Petrus an dem Schlüssel zu erkennen ist. Paulus hält das Schwert und Johannes der Evangelist den Kelch mit der Schlange. Bei einigen von ihnen bedarf es allerdings der Kenntnis ihrer Attribute nicht, denn ihre Namen sind in die steinernen Sockel zu ihren Füßen eingemeißelt.

Die östliche Rückwand des Chores wird in der Mitte von einem riesigen Fenster eingenommen. Es ist wohl das einzige Buntglasfenster der Kirche und vorwiegend mit roten und blauen Ornamenten gestaltet. Nur in seiner Mitte ist eine große Mandorla[3]Eine Mandorla ist eine Glorie oder Aura beziehungsweise Aureole, die eine ganze Figur umgibt. zu sehen, in deren Innerem sich das Bildnis Der auferstandene Christus befindet. Es wurde im Jahre 1889 nach Entwürfen von Professor Andreas Müller geschaffen.

Als ich den Chorraum wieder verlassen will, komme ich an einem kleinen Ständer vorüber, der ein einfaches Textblatt trägt. Es weist mich auf zwei weitere von Karl Gottfried Pfannschmidt geschaffene Bildnisse hin, die sich im sogenannten Gurtbogen des Chores befinden. Der Gurtbogen ist der große steinerne Bogen, der gewissermaßen den Eingang in den Chor bildet und diesen vom Kirchenschiff abtrennt. Da ich meinen Blick beim Betreten des Chores auf den in dessen Zentrum befindlichen Altar gerichtet hatte, waren mir die beiden Gemälde völlig entgangen, obwohl sie sich doch in Augenhöhe und damit bedeutend tiefer als die Apostelfresken befanden. Aus dem Text erfahre ich, daß die Nordseite des Bogens Die Menschwerdung Christi zeigt, während auf der Südseite Die Auferstehung Christi zu sehen ist. Folgerichtig ist auf ersterem Gemälde die von den Hirten umgebene Maria zu sehen, die den neugeborenen Jesus auf ihrem Schoß hält, während das letztere den auferstandenen Heiland zeigt. Die Wahl der Themen für die beiden Gemälde, so heißt es in dem Text, geht auf Pfannschmidt selbst zurück, der sie vorschlug, nachdem Stüler im Anschluß an die Besichtigung der gerade fertiggestellten Apostelfresken angeregt hatte, daß man doch auch den unteren Teil des Gurtbogens noch mit weiteren Malereien Pfannschmidts versehen solle, um zu ermöglichen, daß die großartige Malkunst des Künstlers auch aus der Nähe gesehen werden könne. Und tatsächlich, so beeindruckend und schön die Darstellungen der Apostel im Chor der Sankt-Marien-Kirche auch sind, erst die Betrachtung dieser beiden Gemälde, die ich gewissermaßen direkt vor Augen nehmen kann, läßt mich die großartige Malkunst des Barther Michelangelo so richtig würdigen. Derart lebensechte Darstellungen habe ich in einer Kirche auf den dort üblichen Bildwerken selten zu sehen bekommen. Meist scheinen mir die Malereien religiös stark überhöht, die Figuren entrückt und weit jenseits gewöhnlicher Menschen zu sein. Ein Eindruck, der wahrscheinlich durchaus gewollt ist. Hier jedoch kann ich nicht umhin zu meinen, ganz gewöhnliche Menschen – im besten Sinne – vor mir zu sehen, wie man sie in jenen Zeiten allerorten hätte treffen können. Und doch strahlen die Gemälde gleichzeitig etwas Erhabenes aus, jedoch auf eine Weise, daß man sich als Betrachter nicht klein und weit davon entfernt fühlt.

Über ihren Schöpfer, den Maler Karl Gottfried Pfannschmidt, erfahre ich später noch, daß er, der ursprünglich aus Mühlhausen in Thüringen stammte, sein Leben in meiner Heimatstadt Berlin beendet hat und auf dem Alten Sankt-Matthäus-Kirchhof bestattet wurde, wo sein Grab seit 1984 ein Ehrengrab der Stadt Berlin ist. Zu seinen Lebzeiten hatte er gemeinsam mit Peter von Cornelius an der Ausschmückung der Vorhalle des Alten Museums gearbeitet und mit Wilhelm von Kaulbach die Ausmalung des Treppenhauses des Neuen Museums vorgenommen. Manchmal muß man erst ein Stück in die Ferne reisen, um etwas über die eigene Heimat zu erfahren.

Ich bewundere die Bildnisse, den Altarraum und die gesamte Kirche noch eine Weile, doch schließlich habe ich alles eingehend in Augenschein genommen, so daß es Zeit ist, das Gotteshaus wieder zu verlassen. Langsam begebe ich mich zum Ausgang, wo ich durch ein Hinweisschild noch auf die Bibliothek der Kirche aufmerksam werde, die sich in der nördlichen Seitenhalle des Turmes befindet. Sie wurde bereits im Jahr 1398 erstmals erwähnt und umfaßt etwa viertausend vorwiegend kirchengeschichtliche Werke – Handschriften, Bücher und Drucke. Darunter sind nicht nur die umfangreiche Sammlung des Barther Reformators Johannes Block, sondern auch die Erstausgaben sämtlicher Schriften Martin Luthers sowie einige Schriften Philipp Melanchthons. Zwei Weltkriege hatten ihr glücklicherweise nichts anhaben können, so daß sie heute weitgehend vollständig erhalten ist. Leider ist sie nicht öffentlich zugänglich, so daß ich sie nicht selbst in Augenschein nehmen kann.

Als ich schließlich durch die seitliche Kirchentür, durch die ich hereingekommen war, wieder ins Freie trete, muß ich feststellen, daß der Wettergott die Zeit weidlich genutzt hat, um den Regen noch zu verstärken. Nun nieselt es nicht mehr nur, sondern pladdert regelrecht. Zwar kann ich auf dem Straßenbelag noch keine Blasen sich  bilden sehen, doch kann das auch daran liegen, daß dieser hier konsequent aus Kopfsteinpflaster besteht, von dem ich nicht weiß, ob Regen darauf üblicherweise Blasen bildet.

Nun, das ist weniger schön. Doch will ich mich davon nicht abschrecken lassen. Das wäre ja noch schöner, denke ich. Wie heißt es doch so treffend? Es gibt kein schlechtes Wetter, nur unangepaßte Kleidung. Genau! Das bißchen Regen wird mich nicht davon abhalten, mir die Stadt anzusehen.

Mutig laufe ich los. Zunächst geht es zur Westseite der Kirche, denn in dieser Richtung muß, wie ich weiß, das alte Stadttor liegen. Schließlich war mein Bus vorhin von Westen aus in die Stadt hineingefahren. Dort angekommen, finde ich mich vor einem großen Eingangsportal wieder, dessen Spitzbogen von einer dreifach abgestuften Ziegeleinfassung gebildet wird und das damit dem Seitenportal, durch das ich die Kirche zuvor betreten hatte, recht ähnlich ist. Dort waren es allerdings vier Abstufungen gewesen. Die große, zweiflügelige Holztür ist fest verschlossen. Hier kommt niemand hinein oder hinaus. Glücklicherweise hatte ich den an der Nordseite gelegenen offenen Eingang zur Kirche bereits vorher gefunden.

Das westliche Eingangsportal der Barther Sankt-Marien-Kirche
Tag der geschlossenen Tür – Das Westportal der Sankt-Marien-Kirche in Barth läßt an diesem Tag niemanden in die Kirche.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Das Kopfsteinpflaster der Papenstraße, auf der ich unterwegs bin, glänzt vor Nässe, die vom niederprasselnden Regen beständig erneuert wird. Nur wenige Schritte weiter stoße ich auf eine Kreuzung, an der die Papenstraße auf die Dammstraße trifft. An der Ecke steht ein Wohnhaus, dessen prächtige rote Fassade aus einfachen Ziegeln besteht. Über und unter den Fenstern hat man mittels gelber Steine Verzierungen eingemauert. Und zwischen der oberen Etage und dem Erdgeschoß verläuft ein breiter Streifen aus ebensolchen gelben Ziegeln, als habe man das Gebäude mit einer Art zick-zack-gemusterten Bordüre versehen wollen. Das Haus ist der Länge nach entlang der Papenstraße ausgerichtet und wendet der Dammstraße seine schmale Giebelfront zu. Es wirkt mit seinen Verzierungen sehr hübsch, strahlt aber gleichzeitig mit seiner rohen Ziegelfassade eine gewisse Rustikalität aus. Obwohl seine sich in der Dammstraße anschließenden Nachbarhäuser alle eine ähnliche Form aufweisen, ist es leider nur noch eines von zweien unter ihnen, die über eine Backsteinfassade verfügen. Alle anderen Häuser wurden von ihren Besitzern verputzt. Zum Teil hat man dabei auch die klassische Aufteilung in Fensterachsen aufgegeben und stattdessen großformatige Fensteröffnungen geschaffen, die derart riesige Ausmaße haben, daß an den schmalen Giebelfronten nur je eine pro Etage Platz gefunden hat. Dafür ist jedes der Häuser in einer anderen Farbe gehalten, was dem Anblick eine angenehme Buntheit verleiht. Jedes der Gebäude wird nach oben hin durch einen dreieckigen Giebel abgeschlossen. Während sich einige dabei an die klassische geometrische Form halten, bevorzugen andere abgestufte Treppengiebel.

Die Dammstraße in Barth
Kleinstädtische Häuserfront in der Barther Dammstraße.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Der Blick in die Straße hinein offenbart mir nicht nur, daß ich weit und breit der einzige Mensch zu sein scheine, der bei diesem Wetter in der Stadt unterwegs ist, sondern auch die Richtigkeit meiner Annahme, daß sich in dieser Richtung das alte Stadttor befinden müsse, kann ich es doch weiter hinten aufragen sehen. Es nimmt die ganze Breite der schmalen Straße ein.

Es sind nur wenige Schritte zu gehen, dann habe ich das Tor auch schon erreicht. Steht man unmittelbar davor, wirkt es in seiner Wuchtigkeit unglaublich beeindruckend. Trotzig ragt der fünfunddreißig Meter hohe Torturm in den grauen, wolkenverhangenen Himmel auf. Die Straße führt direkt auf ihn zu. Nur widerwillig scheint er ihr Durchlaß gewähren zu wollen, denn die spitzbogige Toröffnung ist, obwohl schon die kopfsteingepflasterte Fahrbahn nicht eben breit genannt werden kann, noch einmal schmaler als diese. Darüber ragt die glatte, aus Ziegeln festgefügte Turmwand auf, bis sich im dritten Stock endlich zwei kleine Bogenfenster zeigen. Ob sie über Fensterscheiben verfügen oder einfach die schwarzen Löcher sind, als die sie von hier unten erscheinen, kann ich nicht erkennen. Der vierte Stock tut es dem dritten gleich, allerdings scheinen hier die Fenster schmaler zu sein. Die fünfte Etage besitzt anstelle von Fensteröffnungen nur mehr ein kleines Guckloch, das sich in einem Erker befindet, dessen unteres Ende ebenfalls eine Öffnung zu haben scheint. Und in der Tat – diese sogenannten Trauferker, von denen es an jeder Seite des Turmes einen gibt, waren als sogenannte Pechnasen gestaltet, durch die man auf etwaige Angreifer hätte siedendes Pech hinabgießen können. Darüber erhebt sich das Spitzdach des Turmes, das von einer Wetterfahne bekrönt wird und an jeder Ecke ebenfalls einen Erker aufweist. Diese vier weiteren Vorsprünge sind diagonal ausgerichtet, besitzen ihr eigenes kleines Spitzdach sowie Gucklöcher.

Das Dammtor in Barth
Trutzturm ohne Funktion – der Turm des Dammtores ist der letzte verbliebene Rest der einstigen mittelalterlichen Wehranlagen der Stadt Barth.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Natürlich war dieser Turm einst nicht als Einzelstück errichtet worden. Vielmehr war er Bestandteil der mittelalterlichen Stadtmauer, in der er gemeinsam mit seinen vier Kameraden, dem Langen Tor im Süden, dem Wiecktor im Osten und dem Fischertor am Hafen im Norden, einen gesicherten Durchgang in die Stadt bot. Er selbst trägt den Namen Dammtor, der auf den Hochwasserschutzdamm Bezug nimmt, der unmittelbar vor ihm begann. Errichtet wurde das Dammtor um das Jahr 1425 herum. Was man von außen natürlich nicht sehen kann, ist der Umstand, daß es im Inneren des Stadttores keine Treppen gab. Von Etage zu Etage gelangte man nur über Leitern, die man jeweils hochziehen mußte, wollte man die nächste Ebene erreichen.

Heute ist nur noch der trutzige Torturm erhalten. Zu Zeiten der Stadtmauer hatte das Dammtor jedoch noch ein vorgelagertes Vortor besessen, von dem der Weg bis zum eigentlichen Haupttor durch Mauern eingefaßt wurde. Auch einen doppelten Wassergraben hatte es gegeben, der vor der Stadtmauer lag und auf dem Weg vom Vor- zum Haupttor überquert werden mußte. Davon ist heute leider nichts mehr zu sehen. Vielmehr wirkt es so, als hätte jemand einst einen großen Turm errichten wollen, sich aber nicht sonderlich darum geschert, ob er mit ihm jemanden behindern oder stören würde, und ihn so mitten auf der Straße plaziert. Weder Stadtmauer noch Vortor noch Wassergraben sind heute noch vorhanden. Lediglich ein paar Reste schmiedeeiserner Torangeln in den Mauern der Durchfahrt zeugen davon, daß diese nicht immer so offengestanden hatte wie heute, sondern mit schweren Holzbohlentoren verschlossen werden konnte.

Warum das Dammtor nicht wie seine anderen drei Pendants und die Stadtmauer insgesamt im 19. Jahrhundert abgerissen wurde, scheint heute nicht ganz klar zu sein. Die an seinen Mauern angebrachten Texttafeln, die ein wenig aus der Geschichte der Barther Wehranlagen plaudern, wissen dazu leider nichts Genaueres zu berichten. Noch im 20. Jahrhundert hatte man Pläne dafür gemacht, doch letztlich lediglich ein paar angrenzende Häuser abgerissen. So blieb das Dammtor als einziges der einstigen vier Stadttore Barths bis zum heutigen Tag erhalten. Daß hier allerdings der Bus, der mich in die Stadt gebracht hatte, nicht versuchte, durch die Toröffnung zu fahren, leuchtet mir angesichts ihrer Enge unmittelbar ein. Er wäre, hätte er es getan, wohl geradewegs steckengeblieben. Mit unserem kleinen Trabant 601 S war das hingegen damals kein Problem gewesen, und so ist mir die Durchfahrt durch das Tor nach wie vor in Erinnerung. Heute kann ich immerhin hindurchlaufen. Und das tue ich auch. Schon, um wenigstens für ein paar Sekunden einmal nicht im Regen zu stehen.

Da es in der Barthestraße, die die Dammstraße auf der anderen Seite des Torturms fortsetzt, nichts weiter zu sehen gibt, was für mich von Interesse wäre, wende ich mich wieder um und gehe in die Stadt zurück. An der Ecke Dammstraße und Papenstraße würdige ich noch einmal den prachtvollen Anblick der Sankt-Marien-Kirche, von dem ich vorher, als ich in der Gegenrichtung unterwegs gewesen war, keine Notiz genommen hatte.

Die Sankt-Marien-Kirche in Barth
Norddeutsche Backsteinromantik – die Barther Sankt-Marien-Kirche.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Ich gehe nun auf dieser, der Südseite der Kirche entlang, die ebenfalls durch eine kleine Grünanlage von der Straße getrennt ist. Auch hier gibt es ein in der Mitte der Kirchenwand gelegenes zweiflügeliges Portal, das den anderen beiden stark ähnelt, sich andererseits jedoch von ihnen dadurch unterscheidet, daß auf den Türflügeln zwei große preußische Kreuze zu sehen sind. Auch ist der Spitzbogen hier wieder mit vier Abstufungen versehen. Die Prüfung, ob die Tür offen oder verschlossen ist, spare ich mir diesmal allerdings und gehe weiter an der Grünanlage entlang. An ihrem östlichen Ende stoße ich auf einen großen metallenen Gegenstand, der hier auf der Rasenfläche abgelegt worden ist. Es handelt sich um eine große Glocke, die bei mir mit ihren beeindruckenden Ausmaßen einigen Eindruck schindet.

Eine Grünanlage scheint mir allerdings ein eher ungewöhnlicher Aufbewahrungsort für eine Kirchenglocke – denn um eine solche handelt es sich bei dem guten Stück unzweifelhaft – zu sein. Ganz sicher wird sie hier an diesem Ort keinen Ton mehr produzieren. Doch das muß sie auch nicht, denn sie ist eine der beiden Eisenglocken, mit denen man im Jahre 1925 die zwei kleineren der insgesamt drei Glocken der Kirche ersetzte. Weil Eisen jedoch als Glockenmaterial nicht sonderlich gut geeignet ist, da es nach nicht allzu langer Zeit ermüdet, mußte man die beiden Glocken bereits runde siebzig Jahre später stillegen. Das war 1997. Während die eine von ihnen im Stockwerk unterhalb der Glockenstube in der Kirche verblieb, legte man die andere an dieser Stelle vor der Kirche ab. Die dritte im Bunde, die große Glocke, wurde im Jahre 1911 gegossen, wobei man sich allerdings – wie bereits zweimal zuvor – an der 1585 gegossenen ersten Glocke orientierte. Vielleicht wollte man neben der Rücksicht auf Traditionen auch den mit ihr verbundenen Superlativ nicht verlieren, ist sie doch die zweitgrößte Bronzeglocke Vorpommerns.

Die Sankt-Marien-Kirche in Barth
Was macht eine Glocke auf dem Rasen? – Die ausrangierte Kirchenglocke von Sankt Marien in Barth.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
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Nach wie vor prasselt der Regen ununterbrochen hernieder. Und wie ich mir nun eingestehen muß, ist es ihm mit seiner unverminderten Stärke mittlerweile gelungen, meinen Trotz, den ich ihm zuvor beim Verlassen der Kirche entgegengebracht hatte, Stück für Stück aufzuweichen. Zwar hält ihn meine Regenjacke nach wie vor wirksam von mir ab, doch erweist sich ein Stadtbummel bei Dauerregen dann doch als wenig erbauliche Angelegenheit, zumal inzwischen auch die Kälte beginnt, vom Boden aufzusteigen, meine Schuhe und Strümpfe zu überwinden und meine Beine hinaufzuklettern. So erkenne ich denn zähneknirschend den Sieg des Wetters über meine Pläne und meinen Willen, ihm zu trotzen, an und beschließe schweren Herzens, meinen Ausflug abzubrechen und zurückzufahren.

Ist eine Entscheidung, so ungeliebt sie auch sein mag, einmal gefallen, setzt sie doch neue Energie frei. Und auch das Denken und die eigene Stimmung passen sich unmittelbar daran an, wie ich interessiert an mir selbst beobachten kann. War ich zuvor noch voller Enthusiasmus gewesen, mir alles in der Stadt anzusehen, Neues zu entdecken oder auch auf alte Erinnerungen zu stoßen, so bin ich nun, da ich beschlossen habe, den Regen Regen sein zu lassen und nach Prerow zurückzukehren, nur noch daran interessiert, zu einer Bushaltestelle zu gelangen, wo ich mich in einen Bus setzen und Kälte und Regen für eine Weile entkommen kann. Nun, vielleicht ist es aber auch das Mißempfinden, das mich angesichts fortdauernder Nässe und aufsteigender Kälte befallen hat, das es mir jetzt verleidet, irgendwo noch einmal anzuhalten und eine schöne Hausfassade oder einen anderen interessanten Ort zu bewundern. Nicht gerade mißmutig, doch konsequent verfolge ich mein neues Vorhaben und gehe raschen Schrittes zurück zum Marktplatz und von dort durch die Lange Straße direkt zum Bahnhof. Ich hätte auch zurück zum Hafen gehen können, was vielleicht geringfügig näher gewesen wäre, doch erscheint mir das Warten auf den Bus am Ufer des Boddens, wo der Wind ungehindert wehen und mir den Regen um die Ohren schlagen kann, als die weniger attraktive Alternative.

Von der Langen Straße registriere ich auf meinem Weg eigentlich nur noch, daß sie wohl die Hauptgeschäftsstraße der Stadt ist, denn ich komme an einer Vielzahl von Geschäften aller Art vorüber. Auch daß es hier einige sehenswerte Gebäude gibt, deren eingehendere Betrachtung sich lohnen würde, bemerke ich zwar durchaus wohlwollend, doch weil der Regen seine Intensität nun sogar noch einmal verstärkt hat, weiche ich von meinem gefaßten Entschluß dennoch nicht ab. Ihre Besichtigung wird einem zukünftigen weiteren Besuch in Barth ebenso vorbehalten bleiben müssen wie die des Hafens, den ich eigentlich nach meiner Besichtigung der Kirche noch einmal hatte aufsuchen wollen. Ich setze daher gedanklich einen weiteren Barth-Besuch auf die Liste meiner zukünftigen Vorhaben.

Am Ende der Langen Straße angekommen, befinde ich mich direkt am Bahnhof. Ich setze mich in eines der Wartehäuschen, die sich an dem angeschlossenen großen Parkplatz befinden. Als einige Zeit später der Bus vor mir hält, steige ich ein und fahre den Weg zurück, den ich gekommen bin. Der Regen hört während der gesamten Fahrt nicht auf und prasselt auch auf mich herunter, als ich in Prerow von der Bushaltestelle im Zentrum des Ortes zu meiner Pension gehe. Wie es scheint, umfaßt das Regengebiet mittlerweile nicht nur Barth, sondern die gesamte Region der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst.

Es ist früher Nachmittag, als ich schließlich mit leidlich nasser Regenjacke, doch nicht durchnäßt durch die Tür meines Zimmers trete. Ich werde wohl den Rest des Tages hier verbringen müssen. Nun gut, dann soll es eben so sein.

Ich verfolge einige Zeit das Fernsehprogramm, das mir eindrücklich vermittelt, warum es vor einigen Jahren eine ausgesprochen gute Idee war, den Fernseher aus meiner Wohnung zu verbannen. Was man dort an einem Nachmittag wie diesem geboten bekommt, ist kaum anders zu bezeichnen als mit Volksverblödung.

Da gibt es Quizsendungen, in denen die Fragen entweder so trivial sind, daß man sie auch noch beantworten kann, wenn man sein Gehirn im Tanzbein aufbewahrt, oder so abgehoben, daß selbst ein Hochschulstudium einem keine Chance einräumt, über derartiges Nischenwissen zu verfügen.

Auf einem anderen Kanal läuft eine Sendung, in der sich die Protagonisten redlich mühen, eine Gerichtsverhandlung zu simulieren. Weil das aber so billig wie nur irgend möglich produziert wird, sind die Darbietungen der Darsteller, bei denen es sich ganz offensichtlich um Laienschauspieler handelt, derart schlecht, daß jede Schulaufführung dagegen als hohe Schauspielkunst durchgeht. Von der hanebüchenen Story gar nicht zu reden. Wäre diese wirklich wahr, wie man offenbar den Anschein erwecken möchte, müßte man sich als Zuschauer ernsthaft fragen, ob es bei der Polizei eigentlich noch Ermittler gibt, die ihren Beruf verstehen. Offenbar nicht, denn in jeder dieser simulierten Gerichtsverhandlungen müssen die Anwälte und Richter es übernehmen, die Wahrheit ans Licht zu bringen, was ihnen natürlich stets durch ihre überragenden Fragen gelingt. Und wo die doch einmal nicht weiterhelfen, tritt garantiert irgendein unglaublicher Zufall auf den Plan, der sich natürlich immer genau zum Zeitpunkt dieser Gerichtsverhandlung ereignet. Der Stuß könnte größer nicht sein und beleidigt die Intelligenz des Zuschauers.

Der Rest des Angebots fällt allerdings auch in diese Kategorie oder, was noch schlimmer ist, in die der regelrechten Menschenverachtung. Wer will, kann dabei zusehen, wie Leute aus den untersten Schichten der Gesellschaft, die dafür wahrscheinlich ein paar dürftige Euro kriegen, vor die Kamera gezerrt und bloßgestellt werden. Hier versuchen schwer Übergewichtige abzunehmen und scheitern dabei, dort probieren notorisch Abgebrannte dies und das, um ihre Schulden zu vermindern, was ihnen jedoch nicht gelingt. Und stets sind scheinbar selbstlose Helfer zur Stelle, die letztlich jedoch nichts anderes tun, als diese Menschen vorzuführen und der allgemeinen Lächerlichkeit preiszugeben.

Und dann sind da noch die ganzen anderen Formate, die als Realitätsfernsehen beziehungsweise Reality TV angepriesen werden und doch nur aus einer Aneinanderreihung genauso gestellter Szenen bestehen, wie es bei den Gerichtsshows bereits der Fall ist. Da kann man als Zuschauer Polizisten auf Streife begleiten oder Anwälten bei ihren Ermittlungen über die Schulter sehen, die sie mit der Hilfe von Privatdetektiven offenbar selbst anstellen müssen, weil die Polizei dafür keine Zeit mehr hat, da sie doch das Fernsehen auf Streife mitnehmen muß.

Das Nachmittagsprogramm des deutschen Fernsehens ist nach meinem Empfinden mittlerweile durch die Bank so dämlich, daß es definitiv besser ist, man schaltet den Fernseher umgehend wieder aus. Und weil es mit dem Programm zu anderen Tageszeiten nicht viel besser aussieht, habe ich den Fernseher bereits vor einigen Jahren komplett aus meinem Leben verbannt.

Nachdem ich mich nun also davon überzeugt habe, daß es in der Zeit seitdem mit dem Fernsehen nicht besser, sondern eher noch schlimmer geworden ist, schalte ich den Kasten, der heute ja keiner mehr ist, sondern genauso flach wie das Programm, das er zeigt, aus. Mir gefällt der Gedanke, daß sich das Empfangsgerät gewissermaßen dem Inhalt angepaßt hat.

Ich greife zu einem guten Buch und verbringe den Rest dieses regnerischen Tages zufrieden und ohne Gram über die widrigen Umstände in dem Zimmer meiner Pension. So ein Nachmittag der Ruhe ist ja eigentlich auch mal ganz schön…

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Referenzen

Referenzen
1 Leider kann ich aus dem Inneren der Kirche keine Fotos präsentieren. Gleich neben der Eingangstür stoße ich auf ein kleines Hinweisschild, das mir in strengem Ton das Folgende verkündet:
„Ton-, Film-, Foto- und Videoaufnahmen sind nur zu privaten Zwecken erlaubt. Die Veröffentlichung von Aufnahmen, auch im Internet, ohne Genehmigung ist verboten!“
So muß in diesem Falle das Wort genügen, um einen Eindruck des Kircheninneren zu vermitteln.
2 Ich habe darüber ausführlich in meiner Serie zur Geschichte der Berliner Garnisonkirche berichtet, die auf meiner Website Anderes.Berlin zu finden ist. Die Beschreibung des dortigen von Stüler geschaffenen Ziborium-Altars nebst einem Bild findet sich im fünften Teil der Serie, der den Titel Die zweite Garnisonkirche: Neuanfang und Wiederaufstieg trägt.
3 Eine Mandorla ist eine Glorie oder Aura beziehungsweise Aureole, die eine ganze Figur umgibt.

Volle Fahrt voraus und Kurs auf’s Riff!

Dieser Beitrag ist Teil 8 von 10 der Beitragsserie "Gedanken zum Jahreswechsel"

Wieder einmal ist ein Jahr vorüber.

Wieder einmal steht der Jahreswechsel kurz bevor. Fast schon höre ich seine Schritte vor meiner Tür. Gleich wird er anklopfen und, ob ich ihn nun hereinlassen möchte oder nicht, kurz darauf vor mir stehen und mir ein enthusiastisches „Hallo, da bin ich!“ entgegenrufen.

Könnte ich ihn doch auch nur so ausgelassen und unbeschwert begrüßen…

Doch irgendwie will mir das in diesem Jahr nicht gelingen.

Daß ich an diesem Silvesterabend des Jahres 2023 allein an meinem Schreibtisch sitze und diesen Text schreibe, hat allerdings nichts mit dieser eher gedämpften Stimmung zu tun, die mich momentan umfängt. Vielmehr ist mir das mittlerweile eine liebgewordene Tradition geworden, den letzten Abend eines jeden Jahres allein zu verbringen, mich bei einem Glas roten Weins ein wenig zu besinnen und Rückschau zu halten auf die zurückliegenden 365 Tage, fernab von Partytrubel und Knallerei.

Nein, der Dämpfer, den meine Stimmung gerade erfährt, ist eher das Ergebnis der Situation, in der ich mich am Ende dieses Jahres wiederzufinden das Mißvergnügen habe und die mir eben diese Rückschau deutlich vor Augen führt. Da hilft es auch nicht gerade, noch einmal einen Blick in meinen Text zum vorangegangenen Jahreswechsel zu werfen, offenbart mir dieser doch, daß die Entwicklung dieses Jahres keine neue, sondern lediglich die konsequente Fortsetzung jener des Vorjahres ist. Der damals von mir zitierte Pessimist hat offenbar recht behalten. Leider.

Denke ich über das vergangene Jahr nach, fallen mir, was die allgemeine Lage der Welt anbetrifft, eigentlich nur Dinge ein, die mein Fazit von vor einem Jahr, daß jene vollkommen verrückt geworden sei, nur bestätigen.

Noch immer ist Krieg. Im europäischen Osten hat er nicht aufgehört. Im Nahen Osten ist einer dazugekommen. Und weil im Fernen Osten noch viel zu wenig los ist, versucht man offenbar auch dort, einen herbeizuführen. Nur eines macht man nicht: Konflikte friedlich lösen. Denn Frieden bekommt man schließlich nur mit Waffen, oder? Warum sonst liefern wir die andauernd überall hin?

Und damit keiner auf die Idee kommt, das zu hinterfragen, wird bei jedem Konflikt vehement verlangt, daß man sich als Erstes mal auf eine Seite schlägt. Und zwar auf die richtige. Also paßt man am besten genau auf, welche das gerade wieder ist. Und wer es ganz richtig machen will, schwenkt auch noch eine Fahne dazu. Oder hängt sie irgendwo auf, wo sie auch jeder sieht.

Muß ich auch?
Ja!

Na gut, dann tue ich das. Ich bin auf der Seite des Friedens. Das ist auch wieder falsch? Wieso? Ach, die steht gar nicht zur Wahl? Bringt wohl zu wenig Profit und Gewinne ein… Nun, dann mache ich da eben wieder mal nicht mit. Das kenne ich ja schon aus den letzten drei Jahren.

Was war noch? Pleiten gab’s. Jede Menge davon. Benko und Signa, Real, Peek & Cloppenburg, Reno, Hallhuber, Gerry Weber, Klingel… Die Liste ist lang und wird beinahe tagtäglich länger, wie man in den Medien lesen kann. Das Wort „einwecken“ hätten wir fast aus dem deutschen Wortschatz streichen müssen, denn das Unternehmen Weck konnte nur gerade so gerettet werden.

Aber so schlimm ist das ja nicht. Pleite, ach was! Da hören halt mal ein paar Unternehmen auf zu produzieren. Was macht das schon? Da sind die doch nicht gleich insolvent. Machen die halt irgendwann später weiter. Sagte der Wirtschaftsminister. Und der muß es ja wissen, oder?

Komisch nur, daß das mittlerweile im Alltag spürbar wird. In meiner näheren Umgebung schließen mehr und mehr Läden ihre Pforten. Und irgendwie sieht es stets so gar nicht danach aus, als wollten sie ihre Geschäfte irgendwann später wieder aufnehmen. Kurze Zeit darauf sind die Schaufenster leer und die Verkaufsräume komplett ausgeräumt. Und das bleibt dann so. Woran das wohl liegt? Vielleicht ist man ja doch recht schnell insolvent, wenn man nichts mehr produziert und verkauft…

Sind wir froh, daß wenigstens Reparaturen noch stattfinden, wenn mal was kaputtgeht. Das kann dann halt nur ein wenig dauern. Mitte dieses Jahres wurde in meinem Wohnhaus ein Fahrstuhl repariert. Der war nur ein reichliches Jahr kaputt. Auf die Reparatur des zweiten, der sich kurz danach in eine Betriebspause verabschiedet hat, warte ich allerdings noch. Wird wahrscheinlich erst im nächsten Sommer was. Und ich bin schon sehr gespannt, wie lange es dauert, bis die Hauseingangstür repariert wird, die sich nicht mehr öffnen läßt. Wenn ich die Zeit von einem knappen Jahr für die Renovierung der Kellerräume nach dem Brand im Jahr 2022 als Maßstab nehme, wird das wohl noch eine Weile so bleiben. Dafür haben wir jetzt eine Zentrale, die wir Mieter anrufen können, wenn etwas in unseren Wohnungen kaputtgeht. Die organisieren dann die Reparatur. Komisch nur, daß ich denen manchmal, wenn ich anrufe, erstmal erklären muß, wo sich mein Haus überhaupt befindet…

Von Bahn und Post will ich hier gar nicht erst anfangen. Zu letzterer habe ich in diesem Jahr bereits einen längeren Erlebnisbericht verfaßt, ersterer habe ich mittlerweile eine eigene Artikelserie gewidmet, die allein in diesem Jahr um drei neue Beiträge gewachsen ist. Was ich dort zu beschreiben die Ehre hatte, zeigt: da ist mittlerweile Scheitern der Normalzustand.

Auch von der Klimapanik und den Klimaklebern mit ihren Aktionen will ich hier nur schreiben, daß ich sie fragwürdig finde – ein Ausdruck, der zwar nicht annähernd zutreffend beschreibt, was mir wirklich durch den Kopf geht, doch die drastischeren Ausdrücke, die das täten, wären an dieser Stelle nicht druckfähig. Stets, wenn ich etwas über sie lese, frage ich mich, welche Vorstellung diese Leute von der Wirkung ihrer Aktionen eigentlich haben. Wieso glauben sie, ihrem selbsterklärten Ziel, die Gesellschaft bezüglich der Dringlichkeit des Handelns gegen den Klimawandel aufzurütteln, auch nur einen Millimeter näherzukommen, wenn sie die Bürger dieses Landes gegen sich aufbringen und in Wut versetzen. Denn viel mehr haben sie zumindest bei mir nicht erreicht. Wie auch soll ich mich bemüßigt fühlen, sachlich über dieses Thema – für wie sinnvoll man es auch immer halten mag – nachzudenken, wenn ich wütend darüber bin, daß zwei Wahrzeichen meiner Heimatstadt, das Brandenburger Tor und die Weltzeituhr, stark verschmutzt und teilweise schwer beschädigt wurden? Da ist mir die Motivation aber so was von egal!

Ich denke, ich höre an dieser Stelle lieber auf damit, das Jahr 2023 in größeren Kontexten Revue passieren zu lassen. Sollte ich dafür ein Fazit ziehen, würde ich es gar nicht erst versuchen, sondern einfach auf das Lied „Das Narrenschiff“ von Reinhard Mey verweisen, das er im Jahr 1997 veröffentlicht hat. Wer hätte damals wohl gedacht, daß es 2023 eine exakte Zustandsbeschreibung unserer Zeit und unseres Landes abgeben würde.

Schaue ich also auf der Suche nach Erfreulicherem in diesem Jahr 2023 auf eigene Erlebnisse.

Nun, da wäre zunächst eines, das definitiv nicht in diese Kategorie fällt, bin ich doch im April knapp einem Wohnungsbrand entgangen. Eine Steckdose, die nicht einmal benutzt wurde, hatte sich einfach so selbst entzündet. Sie dachte wohl, sie paßt sich mal der allgemeinen Lage an und löst sich in Rauch auf. Glücklicherweise war ich gerade zu Hause, so daß ich den Brand noch rechtzeitig bemerken und selbst löschen konnte. Eine Renovierung war dennoch erforderlich. Ich nutzte die Gelegenheit, gleich die ganze Wohnung wieder auf Vordermann zu bringen – oder besser: bringen zu lassen. Und da ich das nicht selbst tun wollte – das letzte Mal zehn Jahre zuvor saß mir gewissermaßen immer noch in den Knochen -, entschloß ich mich dazu, eine Malerfirma zu beauftragen. Meine Wahl fiel auf „Die Anstreicherinnen“ und ich habe sie nicht bereut, denn sie erledigten den Job in nur drei Tagen schnell und in erstklassiger Qualität! Mag das hier auch ein wenig Werbung sein, so ist es mir egal, denn: Ehre, wem Ehre gebührt!

So brachte mir das Jahr 2023 also eine schön renovierte Wohnung – etwas, das ich gar nicht hoch genug schätzen kann! Und weil das natürlich für mich dennoch nicht ganz ohne Arbeit abging – immerhin mußte für die Malerarbeiten ja Platz geschaffen werden -, gönnte ich mir im Herbst dann noch einen Urlaub. Und dieser war für mich gleich doppelt nötig und wichtig, denn es war der erste richtige Urlaub seit mehr als drei Jahren. Als jemand, der – wie bereits erwähnt – in diesen drei Jahren bei dem großen Treiben nicht mitgemacht hat, war es mir in dieser Zeit nicht möglich gewesen, Urlaubsreisen zu unternehmen. Doch nun, da die leidige Pandemie endlich besiegt war – wenn auch eher bedingt durch die Kriegsereignisse, die nun die Medienkanäle füllten, als daß sich wirklich etwas am Erkältungsgeschehen geändert hätte -, war es soweit. Und zur Feier dieses Anlasses hatte ich mir etwas für mich ganz Besonderes ausgewählt: eine Flußkreuzfahrt!

Etwas Derartiges hatte ich noch nie unternommen. Zwar befürchtete ich, daß ich bei einem solchen Unternehmen den Altersdurchschnitt der Teilnehmer ganz entschieden senken würde – was auch tatsächlich der Fall war -, doch das spielte keine Rolle. Warum auch? Es gibt in jeder Altersgruppe nette Leute – und ich lernte auf der Reise auch solche kennen. Diese startete in Regensburg, führte die Donau ein Stück flußauf, dann durch den Main-Donau-Kanal an Nürnberg vorüber nach Bamberg, von wo es den Main flußabwärts ging. Würzburg, Wertheim und Frankfurt lagen auf dem Weg und waren mir natürlich jeweils einen Ausflug wert. Weiter ging es nach Mainz, wo das Schiff in den Rhein einbog. Von Rüdesheim ging es durch den vielleicht schönsten Abschnitt des Flusses: das Mittlere Rheintal. Von Koblenz an führte die Fahrt die Mosel flußauf, an Cochem vorüber bis nach Trier. Zehn Tage war ich unterwegs, an die ich dann noch eine Woche Trier anhängte. Alles in allem eine wunderschöne Fahrt mit herrlichen Eindrücken, nicht nur von phänomenal schönen Landschaften mit Flußtälern, Weinbergen und Wäldern, sondern auch von teils pittoresken, teils majestätischen mittelalterlichen Städten. Gerade in diesen Zeiten, in denen man um Ängste, Unruhe und Streß kaum noch herumkommt, war diese Reise ein echtes Erlebnis voller Ruhe und Entspannung, weit abseits von den Irrungen und Wirrungen dieser Welt. Es kam gar nicht darauf an, irgendwo hinzukommen, irgendwo zu sein, irgendetwas gesehen haben zu müssen. Vielmehr war es schön, das Gefühl zu haben, einfach nur unterwegs zu sein und sich die Welt anzusehen, die sich auf einmal als gar nicht so verrückt erwies, wie man sie tagtäglich erlebt, sobald man die Zeitung aufschlägt, den Fernseher oder das Radio anschaltet und von überallher hört, welche Katastrophen sich gerade wieder irgendwo ereignet haben. Und so habe ich neben den vielen schönen Eindrücken eben auch dies von meiner Reise mitgenommen: von Zeit zu Zeit ist es nicht nur ganz erholsam, sondern regelrecht lebensnotwendig, sich eine Auszeit zu nehmen – eine Auszeit von den Medien, ob digital oder analog, und eine Auszeit von der Angst und von der Panik, die sie ständig verbreiten. Stattdessen muß man sich den schönen Dingen widmen. Spazieren oder Wandern in der Natur, Treffen mit guten Freunden, mit denen man gute und bereichernde Gespräche führt und gemeinsame Aktivitäten betreibt, der Genuß eines guten Glas Weins, das Lesen eines guten Buches und noch vieles mehr gehören dazu. Man muß sich bewußt machen, daß sie auch noch da sind, sonst gehen sie in all dem Chaos, all den Wirren, all den Ängsten und negativen Dingen, die Tag für Tag auf uns einprasseln, völlig unter. Und das sorgt für eine permanente, unterschwellige Nervosität, für Unruhe, für Streß, für Anspannung. Und das mag alles sein, keinesfalls aber gesund. Mein Tip ist daher, Fernseher und Radio, wenn nicht ganz zu entsorgen, so doch aber wenigstens aus der täglichen Routine zu entfernen und nur noch gelegentlich und dann ganz bewußt zu nutzen, wenn man sich dem gewachsen fühlt und sich darauf einstellt. So können all die negativen Einflüsse, die sie verbreiten, nicht unbewußt auf uns wirken.

Und so mag das Jahr 2024 vielleicht genauso chaotisch werden wie das zurückliegende Jahr, möglicherweise wird es sogar verrückter – es gibt gegenwärtig leider genug Grund zu der Annahme, daß das Ziel unserer Steuerleute das Riff ist – ob aus Unkenntnis, Unvermögen oder Absicht, spielt eigentlich keine große Rolle. Doch wenn wir für uns selbst, den entsprechenden Ausgleich mit den schönen Dingen des Lebens und damit für unser eigenes Wohlbefinden sorgen, wenn wir uns auf die für uns wichtigen Personen besinnen und sie mit unserem Leben verbinden, so daß wir Teil einer guten Gemeinschaft sind, dann sorgen wir auf diese Weise vielleicht für das nötige Rettungsboot und werden auch das überstehen.

In diesem Sinne wünsche ich Euch ein schönes, ein gesundes, streß- und angstfreieres Jahr 2024.