Schlagwort-Archive: Friedrich Koch

Ankunft in meinen Erinnerungen

Dieser Beitrag ist Teil 1 von 2 der Beitragsserie "Urlaub in Prerow 2023"

Beim Blättern in den Bildern meiner KindheitFind‘ ich viele vergilbt in all‘ den Jahr’n.Und and’re von fast unwirklicher Klarheit,Von Augenblicken, die mir wichtig war’n![1]Reinhard Mey: Beim Blättern in den Bildern meiner Kindheit, Album „Jahreszeiten“, 1980, Intercord, INT 160.139

Es ist noch gar nicht so lange her, da saßen wir wieder einmal im trauten Kreise der Familie beisammen und sprachen über dies und das und jenes. Und wie es manchmal so kommt, führte uns der Faden des Gesprächs geradewegs auf den Pfad der Erinnerung und wir schwelgten ein wenig in eben dieser. Wir gelangten dabei zurück in die 1980er Jahre, in denen wir einige schöne Urlaube an der Ostsee verbracht hatten, wie es damals sicher viele Familien in der DDR taten. Unser Ziel war stets der Darß gewesen, wo wir in dem einst kleinen Fischerdorf Prerow, das sich längst zu einem beliebten Urlaubsort gemausert hatte, für alljährlich vierzehn Sommertage Quartier nehmen konnten. Nun muß man wissen, daß es zu Zeiten der DDR nicht unbedingt einfach war, an der Ostsee, die ein überaus begehrtes Urlaubsziel war, ein solches Quartier zu finden. Man konnte entweder das Glück haben, einen vom FDGB[2]Das Kürzel stand für Freier Deutscher Gewerkschaftsbund. Das war der Dachverband der Gewerkschaften in der DDR. vergebenen Urlaubsplatz zu ergattern, was jedoch nicht jedes Jahr der Fall war. Oder man gehörte zu den glücklichen Leuten, denen es gelungen war, durch Kontakte – meist über mehrere Ecken – an ein privat vermietetes Zimmer zu kommen. Wer es aber einmal geschafft hatte, in diesen Kreis einzutreten, der verließ ihn nach Möglichkeit nicht wieder und sicherte sich bei der Abreise im einen Jahr das Zimmer gleich für das nächste. Nun, meinen Eltern war der Zugang zu diesem Kreis irgendwie geglückt, und so fuhren wir in jener Zeit alljährlich nach Prerow, mieteten uns für die bereits erwähnten vierzehn Sommertage bei der Familie Koch in der Bergstraße 10 ein und genossen wunderschöne Tage auf dem Darß und am Meer, die mit zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen gehören. Die Kochs vermieteten allerdings nicht nur Zimmer – das taten sie eigentlich nur nebenbei -, sondern betrieben eine kleine Bäckerei, die ich als Kind ungeheuer faszinierend fand. All die leckeren Düfte und die noch viel leckereren Kuchen, die großen Öfen, die großen Bottiche mit Teig… Ich gehörte hier zum Kreise der Eingeweihten, die wußten, wie es hinter den Kulissen eines Bäckereiladens zuging.

Während wir da nun also saßen und uns erinnerten, fragten wir uns plötzlich, ob es die Bäckerei wohl heute noch gäbe. Irgendwann in den Zeiten der Wende war unser Kontakt dorthin bedauerlicherweise abgerissen. Man hatte in jenen Jahren voller Wirren und Umbrüche einfach andere und viel dringendere Sorgen als Urlaube. Meine Eltern verloren ihre Jobs und mußten sich um neue bemühen, was nicht einfach war angesichts der über Nacht gänzlich veränderten gesellschaftlichen Verhältnisse, aber glücklicherweise schließlich gelang. Zur selben Zeit endete meine Schulzeit und ich kämpfte mit der Planung meiner Zukunft, für die ich ein Studium vorgesehen hatte, von dem ich nun zunächst gar nicht wußte, ob und wie das unter den neuen Bedingungen möglich sein würde. Erfreulicherweise regelte sich schließlich alles zum besten, wenn auch in völlig anderer Weise als ursprünglich gedacht – aus einem Mathematik- wurde unversehens ein Informatikstudium -, doch das brachte neue Aufregungen mit sich, denn mit dem Eintritt in die Humboldt-Universität stand ich vor gänzlich anderen Herausforderungen, als sie die Schule mir bisher abverlangt hatte. Angesichts all dessen konnten alljährliche Ostseeurlaube nicht mehr auf der Tagesordnung stehen und wir sahen Prerow, in dem wir alljährlich so gerne gewesen waren, letztlich nie wieder.

Nun, die Frage, ob es die Bäckerei noch gab oder nicht, konnten wir in unserem Gespräch im Familienkreise letztlich nicht beantworten. Doch nun, da die Erinnerungen einmal geweckt waren, ließen sie mich nicht mehr los. Und so setzte ich mich eines Abends kurzentschlossen an den Computer und begann, ein wenig zu recherchieren. Es dauerte nicht lange, da führte mich meine Suche in den Weiten des Internets zu einer Zeitschrift, die sich „Der Darßer“ nennt. Es ist wohl angesichts dieses Namens für niemanden eine wirkliche Überraschung zu erfahren, daß sie sich der Region der Halbinsel namens Darß widmet. Und so kommen natürlich auch immer wieder Beiträge aus und über Prerow darin vor. Und wie ich nun so stöberte, fand ich in der Nummer 30 vom Dezember 2020 einen Beitrag über eben jene Bäckerei Koch, nach der ich gerade suchte. Ich erfuhr, daß sie zwei Monate zuvor nach stolzen 43 Jahren[3]Tatsächlich ist die Bäckerei allerdings älter. Der Zeitraum bezieht sich auf ihren letzten Inhaber. ihre Pforten für immer geschlossen hatte. Dies zu lesen, stimmte mich auf einmal etwas wehmütig, kam es mir doch so vor, als sei etwas, an das ich mich aus meiner Kindheit erinnerte, nun für immer verloren. Nun ja, das Leben ist, wie es ist. Und das ist der normale Lauf der Zeit.

Und doch mußte ich in den folgenden Monaten immer wieder einmal daran denken und ich blätterte in Gedanken in den Kindheitsbildern jener Urlaube am Meer in der Mitte der 1980er Jahre…

Und ganz langsam keimte sie auf in mir, die Idee, jenen Ort, der mit diesen Erinnerungen so eng verbunden war, nach all den Jahren doch wieder einmal aufzusuchen. Sie wuchs und wuchs, und schließlich, in diesem April des Jahres 2023 ist sie groß genug, daß ich sie nicht länger unbeachtet lassen kann. Und so mache ich mich schließlich auf den Weg auf den Darß, nach Prerow am Ufer der Ostsee.

Zugangsweg zum Strand bei Prerow
Gleich hinter der Düne liegt das Meer. Nur noch ein paar Schritte… Dort will ich hin.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
Creative Commons Lizenzvertrag

Wenn jemand wie ich, der weder Auto noch Fahrerlaubnis sein eigen nennt, auf den Darß fahren will, so ist das nicht ganz einfach, wenn diese Fahrt außerhalb der Saison stattfindet. Zwar gibt es von Berlin aus eine Direktverbindung mit dem Flixbus, doch wird diese nur während der Saison bedient. Da aber der April im besten Falle nur als Vorsaison zählt, ist die Direktverbindung nicht zu haben und mir bleibt nur die Eisenbahn als Alternative. Mit dieser kommt man allerdings nicht bis auf den Darß, es sei denn, man schaffte es irgendwie, in der Zeit zurückzureisen. Eine Eisenbahnlinie, die bis Prerow führte und als Darßbahn bezeichnet wurde, hatte es nämlich durchaus einmal gegeben, allerdings nur bis etwa 1945, als man ihren Schienenstrang abtrug, um ihn als Teil der Reparationsleistungen für die mit dem Zweiten Weltkrieg verursachten Schäden in die Sowjetunion zu verfrachten. So hat man heute nur die Möglichkeit, bis Ribnitz-Damgarten oder Barth zu fahren, von wo es in beiden Fällen das letzte Stück Wegs mit dem Bus zurückzulegen gilt. Das steht nun auch mir bevor.

Natürlich hat sich Die Bahn wieder einige Überraschungen für ihre Fahrgäste überlegt, um ihnen die Reise möglichst unan… Verzeihung, ich meine selbstverständlich: angenehm wie möglich zu machen. Die schnellere Verbindung über Rostock fällt schon einmal aus, da über das Osterwochenende auf der Strecke zwischen Rostock und Ribnitz-Damgarten gebaut werden soll und daher nur ein Schienenersatzverkehr angeboten wird. Daß dieser am Ostersonntag tatsächlich unterwegs ist, kann ich während meiner Anreise höchstselbst feststellen, obwohl ich ihn nicht benutzen muß. Daß aber ausgerechnet am Ostersonntag wirklich irgendwer an der Strecke mit Bauarbeiten beschäftigt sein soll, das glaube ich keine Sekunde[4]Vehemente Verteidiger der Bahn mögen nun einwenden, daß die Bauarbeiten ja sicher länger als ein Wochenende gedauert haben und am Osterwochenende somit nur eine Pause eingelegt worden ist. Das ist … [Weiterlesen]. Wie dem auch sei – ich habe jedenfalls die Strecke über Stralsund zu nehmen, die allerdings ausschließlich mit Regionalzügen befahren wird, was die Fahrt zwar billiger, aber auch langsamer macht. Fünfeinhalb Stunden würde ich von Berlin nach Prerow brauchen. Sagt jedenfalls der Fahrplan. Doch der kann ja nicht wissen, daß der Zug hinter Züssow, kaum daß er dort losgefahren, plötzlich wieder halten würde, um dann eine ganze lange Weile untätig auf freier Strecke herumzustehen. Schon wundere ich mich, warum das permanente, einem Rauschen nicht unähnliche Hintergrundgeräusch, das so ein Regionalexpreß unablässig verbreitet, plötzlich erstorben ist. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, habe ich es überhaupt erst bemerkt, als es mir nun so unvermittelt nicht mehr ständig in den Ohren liegt. Doch daß es nun nicht mehr vorhanden ist, kann mir eigentlich schon ein Hinweis auf die Ursache des außerplanmäßigen Haltes sein, doch ich denke zunächst nicht darüber nach. Und als ich gerade damit beginnen will, erbarmt sich der Zugführer – oder ist es der Zugbegleiter? – seiner Fahrgäste und erklärt in einer Durchsage, daß der Zug – man halte sich fest – einen Energieausfall habe. Und das wäre, so seine professionelle Meinung, „gar nicht gut“. Ob daran die Bahn selbst die Schuld trägt oder dies bereits eine Folge der derzeitigen glorreichen Energiepolitik unserer Regierung ist, dazu äußert er sich nicht. Auch ich werde hier darauf verzichten und mir meinen Teil dazu nur denken. Immerhin hat seine Durchsage zur Folge, daß die Geister der Elektrizität offenbar beschließen, sie umgehend Lügen zu strafen, denn es dauert nur einige weitere Minuten und unser Zug setzt sich wieder in Bewegung. Halleluja!

Strandhafer an der Ostsee
Hinter der Düne rauscht das Meer. Um mich herum rauscht noch nur der Zug. Und momentan noch nicht einmal das!
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
Creative Commons Lizenzvertrag

Für mich hat dieser ungeplante Halt allerdings zur Folge, daß ich mit meinem Zug deutlich später als geplant in Stralsund eintreffe und so meinen Anschlußzug um ganze sieben Minuten verpasse. Ich darf mich allerdings damit trösten, als Ersatz dafür nun weitere zwei Stunden auf diesem schönen Bahnhof zu verbringen, denn so lange dauert es, bis der nächste Zug in Richtung Ribnitz-Damgarten fährt. Für Fahrgäste, die nach Rostock wollen, hat man besagten Schienenersatzverkehr eingerichtet, den man sogar von Stralsund fahren, aber – aufgrund welcher hochintelligenten Überlegung auch immer – nicht in Ribnitz-Damgarten halten läßt, so daß mir diese Möglichkeit des Weiterkommens nicht offensteht. Notgedrungen sitze ich also meine Zeit am Bahnhof ab und steige dann in den Zug in Richtung Ribnitz-Damgarten, den ich jedoch in Velgast bereits wieder verlasse, um in einen weiteren Zug nach Barth umzusteigen. Trotz es zusätzlichen und ursprünglich nicht vorgesehenen Umstiegs, so hatte es mir der Fahrplan verraten, ist das die schnellere Verbindung nach Prerow, da die Meister der Verkehrsplanung die Abfahrtszeit des Busses in Ribnitz-Damgarten auf fünf oder zehn Minuten VOR die dortige Ankunft des Zuges terminiert haben, was mir wenigstens weitere sechzig Minuten Wartezeit, wenn nicht mehr, eingebracht hätte. In Barth würde ich zwar auch warten müssen, aber wenigstens nur eine halbe Stunde.

Zu guter Letzt lange ich dann nach siebeneinhalb Stunden und damit zwei Stunden später als geplant in Prerow an. Glücklich, endlich am Ziel zu sein, suche ich als erstes mein Quartier auf. Für die sechs Tage und sieben Nächte habe ich mich in der Pension Linde einquartiert. Dort angekommen, werde ich nach meinem Klingeln von einem freundlichen Mann mittleren Alters empfangen, der mich sogleich mit den Worten begrüßt:

„Herzlich willkommen! Komm rein! Ich bin der Sven!“

Ein wenig verdattert über diese ungezwungene, direkte Art der Begrüßung bringe ich nur ein

„Ja, äh, guten Tag. … Glintschert mein Name. … Der Vorname ist Alexander.“

heraus. Sofort verspüre ich ob dieses zusammenhanglosen Gestammels das dringende Bedürfnis, hier an Ort und Stelle im Boden zu versinken. Er ignoriert das jedoch, grinst mich freundlich an und meint nur:

„Das hab‘ ich mir schon gedacht!“

Offenbar bin ich der einzige Gast, der heute noch erwartet wird. Er heißt mich meinen Koffer im Flur stehen lassen und bittet mich in sein Büro, wo er mir den Zimmerschlüssel übergibt und mir die Frühstückszeiten erklärt, woraufhin er mich zu meinem Zimmer führt. Dort angekommen, wünscht er mir einen schönen und angenehmen Aufenthalt und bittet mich, jederzeit auf ihn zuzukommen, wenn ich einen Wunsch hätte oder etwas benötigte. Dann empfiehlt er sich und überläßt mich meiner selbst.

Da bin ich nun also glücklich angekommen. Schnell packe ich meine Sachen aus und richte mich in dem gemütlichen Zimmer, das ausgesprochen ordentlich und sauber gehalten und überdies recht geräumig ist, ein. Schließlich habe ich noch etwas vor.

Immer, wenn ich irgendwohin an’s Meer fahre, statte ich diesem noch am Abend meiner Ankunft einen ersten Besuch ab, sozusagen als eine Art Begrüßung. An dieses kleine Ritual erinnere ich mich noch aus meiner Kindheit. Immer wenn wir hier in Prerow angekommen waren, gingen wir noch am selben Nachmittag oder Abend hinunter an den Strand und begrüßten die Ostsee. So will ich es also auch diesmal halten. Kaum daß ich also fertig bin mit Auspacken und Einrichten, schnappe ich mir meinen Fotoapparat und mache mich auf den Weg zu einem abendlichen Spaziergang.

War der Himmel am Morgen in Berlin noch von dicken, grauen Wolken verhangen gewesen, so hatte es auf meiner Fahrt hierher, je weiter ich nach Norden kam, mehr und mehr aufgeklart. Nun, hier in Prerow, wölbt sich über mir ein strahlend blauer Himmel und die Sonne, die sich langsam auf ihren Weg in Richtung des westlichen Horizonts macht, scheint mir ins Gesicht. Was für eine schöne Begrüßung…

Von meiner Pension, die sich direkt im Zentrum Prerows befindet, spaziere ich langsamen Schrittes zum Hauptweg, der zum Strand hinunterführt, und biege in diesen ein. Ich erkenne ihn sofort wieder. Gesäumt von hohen Bäumen, die eine Allee bilden, führt er geradewegs auf einen Deich zu. Während auf der rechten Seite einige Häuser stehen, liegt am linken Rand des sauber gepflasterten Weges eine Wiese. Dort steht ein altes Postauto, von dem man das rote DHL-Logo säuberlich entfernt hat. Der Besitzer dieses Fahrzeugs ist offenbar ein Buchhändler, denn er hat auf mehreren davor aufgestellten Tischen jede Menge Kisten plaziert, in denen sich Unmengen von Büchern befinden, die er zum Verkauf anbietet. Obwohl ich ausgesprochen gerne lese, steht mir in diesem Augenblick allerdings nicht der Sinn danach, ausgiebig darin zu stöbern. Bücher gibt es auch in Berlin. Und schließlich will ich an’s Meer!

Der Hauptweg zum Prerower Strand
Strahlend blauer Himmel über den Alleebäumen des Hauptweges zum Prerower Strand. Was für ein schöner Empfang!
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
Creative Commons Lizenzvertrag

Während ich langsam weitergehe, zieht plötzlich eine Erinnerung durch meinen Kopf und ich sehe mich wieder als Kind eben diesen Hauptweg entlanggehen, begeistert darüber, was ich hier gerade entdeckt habe. Genau auf dieser Wiese, wo der Buchhändler mit seinem alten Postauto seine Bücherkisten aufgestellt hat, hatten damals Pferde gestanden, die bei den Kindern wahre Begeisterungsstürme auslösten. Ponyreiten hat eben zu jeder Zeit bei den kleinen und größeren Pferdenarren hoch im Kurs gestanden.

Darüber sinnierend, wandere ich den Weg weiter und erinnere mich daran, daß er damals gar nicht so einen ebenmäßig gepflasterten Belag besessen hatte. Zwei breite Fahrspuren aus Beton, dazwischen und daneben jede Menge festgetretener Sand – das war’s. Wenn es heftig geregnet hatte, tat man wohl daran, gut darauf zu achten, die Betonstreifen nicht zu verlassen, wollte man seine Schuhe nicht über und über mit matschigem Dreck bedecken.

Nun, diese Gefahr besteht mit der sorgfältigen Pflasterung heute nicht mehr. Auf ihr wandere ich nun den Deich hinauf und auf dessen anderer Seite wieder hinab, wo der Weg einen kleinen Schwenk nach rechts macht und zu einem Damm führt, auf dem er den Prerower Strom überquert. Zwischen Strom und Deich liegt auf der rechten Seite ein kleiner Platz, auf dem meine Erinnerung ein Kettenkarussell plaziert, das heute jedoch nicht mehr da ist. Stattdessen stehen dort zwei Zelte, ein Bierwagen und eine Holzhütte, die sich etwas hochtrabend als „Stromblick“ bezeichnet und einen Thai-Imbiß beherbergt, der jedoch gerade geschlossen hat und auch die ganzen nächsten Tage nicht öffnen wird. Vom tags zuvor hier veranstalteten Osterfeuer liegen noch die verkohlten Reste herum.

Auf der gegenüberliegenden Wegseite stehen hohe Bäume, vorwiegend Kiefern, zwischen die ein Waldweg hineinführt, der sich nach wenigen Metern in zwei aufteilt. Ein Schild weist mich darauf hin, daß sich hier der Kurpark Prerows befindet. Okay. Das ist neu. Also für mich. Einen Kurpark gab es damals noch nicht. Aber Seebad ist Prerow ja auch erst seit 1997.

Am Prerower Strom
Idyll am Prerower Strom.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
Creative Commons Lizenzvertrag

Auf dem Dammweg überquere ich den Prerower Strom und durchquere den dahinter gelegenen Dünenwald. Ganz sicher bin ich nicht, aber es kommt mir so vor, als habe man diesen mächtig ausgedünnt. In meiner Erinnerung ist das Unterholz zu beiden Seiten des breiten Weges, auf dem ich unterwegs bin, bedeutend dichter und erinnert streckenweise an ein Dickicht, das mich als Kind stets neugierig gemacht hat, was sich wohl darin verbergen mag. Auch habe ich, besonders in Stromnähe, ein sumpfiges Waldgelände vor Augen, in das man sich besser nicht hineinwagt, will man nicht unversehens im Boden versinken. Demgegenüber blicke ich heute in einen vergleichsweise lichten Wald mit wenig Unterholz. Und sumpfiges Gelände kann ich so gut wie überhaupt nicht mehr entdecken.

Nach wenigen Metern beginnen die Buden. Nun, das ist vielleicht ein bißchen ungerecht, denn die Hütten, die nun zu beiden Seiten des Hauptweges stehen, sind eigentlich recht ansehnlich, wie sie da so stehen mit ihren hübschen Schilfdächern. In jeder von ihnen ist ein anderer Laden untergebracht. Von Restaurants über Imbisse bis hin zu zahlreichen Souvenir- und Kunstläden ist hier alles zu finden, was Ostsee-Touristen interessieren könnte. Wobei die kulinarischen Angebote eindeutig in der Überzahl sind.

Ich passiere die Ladenstraße vor der Düne und frage mich, ob es damals eigentlich auch schon so viele Verkaufsstände waren wie heute. Ich neige dazu, die Frage zu verneinen, bin mir aber nicht sicher. Zumindest auf der rechten Seite des Weges, so scheint mir jedoch, sind seit damals einige Hütten hinzugekommen. Ich weiß noch genau, wie damals an ihrer Stelle fliegende Händler mit ihren Klapptischen am Wegesrand standen und allerlei Klimbim anboten. Bei den Kindern und Jugendlichen ganz besonders hoch im Kurs standen die Ansteckbuttons mit den Konterfeis der angehimmelten Stars der Rock- und Pop-Musik, vornehmlich aus dem Bereich der westlichen Hemisphäre. Daß es für derartige Angebote fliegender Händler bedurfte, war klar, denn offiziell wurden Fanartikel von Künstlern aus dem Westen in der DDR selbstverständlich nicht verkauft. Auch an mir ging das Verlangen, wenigstens ein paar dieser Ansteckbuttons mit meinen Lieblingen mein eigen nennen zu können, natürlich nicht spurlos vorüber. Und so sehe ich sie heute noch vor mir, die von mir erstandenen Buttons: einer zeigte die Band a-ha, der andere das Duo Modern Talking. Dabei bedurfte es in meiner Schulklasse schon durchaus einer gewissen Courage, Modern Talking am Revers zu tragen. Denn die Modern-Talking-Fraktion war in der absoluten Minderheit und stand einer ungleich größeren Depeche-Mode-Fangruppe gegenüber, von der sie regelmäßig ausgelacht wurde. Immerhin gab es über die Akzeptanz von a-ha keine Diskussion. Ach, hatten wir damals Probleme…

Schließlich steigt der Weg etwas an und führt über die große, dem Strand nachgelagerte Sanddüne. Langsam gehe ich zur Anhöhe hinauf und erreiche auf deren anderer Seite schließlich die Seebrücke von Prerow. Oder ich täte es, wäre sie noch da. Tatsächlich sind jedoch lediglich ein paar kreisrunde Pfeiler zu sehen, die aus dem Sand ragen. Und weil sie bereits auf der zum Strand abfallenden Seite der Düne beginnen, erscheinen die ersten von ihnen nur sehr kurz, während jeder weitere ein Stück mehr aus dem Sand herausragt. Tatsächlich sind sie jedoch alle gleich hoch. Die alte Seebrücke, die es hier seit 1993 gab, hat man bereits vollständig abgerissen. Die Reihe der Pfeiler setzt sich zum Meer hin und in diesem fort, bis sie schließlich schon ein paar Meter hinter dem Ufer aufhört. Ganz offensichtlich ist man mit dem Setzen dieser die neue Seebrücke später tragen sollenden Stützen noch längst nicht fertig, denn etwas so kurzes würde man wohl kaum als Seebrücke bezeichnen.

Wo die Prerower Seebrücke sein sollte
Eine Ansammlung von (noch) nutzlosen Pfeilern. Das ist alles, was derzeit von der Prerower Seebrücke zu sehen ist.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
Creative Commons Lizenzvertrag

Ein wenig geahnt hatte ich schon, daß ich hier am Strand von Prerow wohl keine Seebrücke zu sehen bekommen würde, als ich noch auf dem Dammweg über den Prerower Strom unterwegs gewesen war. Denn bereits von dort aus hatte ich den hoch aufragenden Kran deutlich sehen können, den ich nun aus nächster Nähe bewundern kann. Er steht allerdings ziemlich untätig in der Gegend herum, denn heute, am Ostersonntag, ist hier natürlich niemand mit irgendwelchen Bauarbeiten beschäftigt.

Der Weg zum Strand wird von der großen Baustelle weitestgehend versperrt. Lediglich auf seiner rechten Seite hat man einen schmalen Durchgang gelassen. Bevor ich diesen jedoch hinabsteige, gehe ich noch weiter rechts auf die Aussichtsplattform, die man dort eingerichtet hat, damit man von hier oben auf den Strand und die Baustelle hinabschauen kann. Weiter draußen im Meer, ein ganzes Stück hinter der Pfeilerreihe, kann ich einen steinernen Wall entdecken, auf dessen Zweck ich mir jedoch keinen Reim machen kann. Und in einem weiteren Abstand zu diesem ist ein zweiter solcher Wall zu sehen, dessen Sinn mir ebenso unklar ist. Immerhin meine ich, dort einen Bagger ausmachen zu können, was bedeutet, daß diese beiden Wälle ebenfalls gerade in Bau sind. Ob sie wohl zu der neuen Seebrücke gehören werden? Ich weiß es nicht. Vielleicht finde ich es irgendwann später noch heraus.

Ganz hinten am Horizont ist eine unregelmäßige Reihe von Windrädern zu sehen. Einundzwanzig Stück zähle ich. Sie bilden den vor der Küste des Darß positionierten sogenannten Offshore-Windpark namens Baltic 1. Hier nimmt man es mit der Energiewende offenbar sehr genau. Ob sie wohl gelingen wird? Wenn ich in Betracht ziehe, daß eine ganze Reihe dieser einundzwanzig Windräder gerade in Untätigkeit verharrt, obwohl doch ein recht lebhafter Wind um meine Nase weht, dann kommen mir daran gewisse Zweifel. Denn immerhin reicht der ja aus, um einen Kitesurfer mit seinem Drachen über die Wellen reiten und dabei ein beachtliches Tempo erreichen zu lassen. Und trotzdem steht eine ganze Menge dieser Windräder gerade ziemlich still…

Baltic 1
Technik, die begeistert. Am Strand von Prerow hat man den Offshore-Windpark Baltic 1 immer vor der Nase. Ist das nicht ein schöner Blick auf’s Meer?
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
Creative Commons Lizenzvertrag

Ich stapfe durch den Sand zum Strand hinunter und begebe mich geradewegs zur an diesen anbrandenden Ostsee, um ihr nun wirklich Guten Tag zu sagen, ganz wie es mein Ritual verlangt. Als das erledigt ist, entschließe ich mich, den Strand ein kleines Stück nach Westen entlangzuwandern, bis ich den nächsten Dünenübergang erreiche. Selbstverständlich ist es aus Gründen des Umwelt- und Küstenschutzes nicht gestattet, einfach so irgendwo über die Düne zu stapfen.

Weil das Laufen im tiefen Sand auf die Dauer doch etwas beschwerlich ist, gehe ich nahe am Wasser entlang, wo er dank der beständigen Feuchtigkeit fester und damit einfacher zu gehen ist. Allerdings muß ich dafür beständig darauf achten, daß die Wellen mich nicht erwischen und meine Schuhe überspülen, was mir ziemlich nasse Füße einbringen würde.

Als ich den nächsten Übergang erreicht habe, wende ich mich wieder landeinwärts und spaziere durch den Dünenwald zurück zum Strom. Kaum habe ich die Düne überquert, besteht der Boden des Weges plötzlich aus gelben, orangenen und roten Ziegeln. Sehe ich einmal davon ab, daß die Ziegel nicht nur gelb sind, könnte ich fast meinen, ich habe den Backsteinweg erreicht, der mich in die Smaragdenstadt führt. Ach, was habe ich als Kind die Bücher von Alexander Wolkow geliebt. Regelrecht verschlungen hab ich sie. Kaum hatte ich eines ausgelesen, rannte ich in die in unserer Straße beheimatete Kinderbibliothek und holte mir das nächste. Daß der erste Band, der den Titel „Der Zauberer der Smaragdenstadt“ trug und von dem Mädchen Elli erzählte, das ins Zauberland verschlagen wird und gemeinsam mit ihrem Hündchen Totoschka, dem (erst später weise werdenden) Scheuch, dem eisernen Holzfäller und dem feigen Löwen Abenteuer erlebt, eine freie Nacherzählung von Lyman Frank Baums Buch „Der Zauberer von Oz“ ist, wußte ich damals noch nicht. Es tut der Qualität des Buches und meiner Liebe zu ihm aber auch keinen Abbruch.

Im Prerower Dünenwald
Auf dem Weg in die Smaragdenstadt ist man hier wohl doch nicht. Dafür ist dieser Weg aber mehr als einhundert Jahre alt!
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
Creative Commons Lizenzvertrag

Nun, der gelbe Backsteinweg ist es nicht, sondern lediglich ein Weg durch den aus Kiefern bestehenden Dünenwald. Auch diesen darf man, genau wie die Dünen, nur auf den gekennzeichneten Wegen betreten – aus den gleichen Gründen. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts hatte man in Prerow fast im gesamten Ort die Bürgersteige mit Klinkersteinen wie diesen hier gepflastert, damit sie auch nach starkem Regen noch passierbar waren. Dabei hatte man die Wege im Dünenwald nicht ausgespart. Heute sind es eben diese Waldwege, auf denen die originalen Steine noch erhalten geblieben sind. Ich wandle also nun auf mehr als einhundert Jahre alten Ziegeln.

Zurück am Strom, überquere ich diesen über eine Brücke, die, soweit ich mich erinnere, damals noch eine reine Holzbrücke war. Aus Holz besteht sie auch heute noch, doch sieht sie recht neu aus und die Geländer zu beiden Seiten sind mit Netzen verhängt, deren engmaschige Fäden sich auf den zweiten Blick als dünne stählerne Seile herausstellen. Offenbar hat man hier große Angst davor, daß jemand durch die Holzbalken der Geländer hindurch ins Wasser fällt. Als könnten die Menschen nicht selbst auf sich aufpassen. Eigentlich ist es schon fast ein Wunder, daß man die Geländer nicht gleich übermannshoch gestaltet hat.

Auf der anderen Seite wende ich mich nach rechts und folge ein Stück einem Waldweg, der sich mir auf einem Schild als Johann-Niemann-Weg vorstellt. Bereits nach wenigen Metern entdecke ich unter den Bäumen am Ufer des Stroms eine hölzerne Bank. Da sie frei ist, setze ich mich und lasse für einige Minuten die abendliche, langsam zur Ruhe kommende Natur auf mich wirken. Schilf wiegt sich sacht im Wind, der hier so zahm ist, daß er die Wasseroberfläche nur leicht kräuselt. Eine himmlische Ruhe liegt über dem Strom und dem angrenzenden Wald, in der lediglich ein paar Vogelstimmen hier und da zu hören sind. Und so langsam spüre ich, wie auch ich mehr und mehr zur Ruhe komme.

Schilf am Prerower Strom
Sacht wiegt sich das Schilf im Wind am Prerower Strom. Wer Ruhe sucht, wird hier außerhalb der Saison ganz sicher fündig.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
Creative Commons Lizenzvertrag

Als ich mich schließlich wieder erhebe und meinen Spaziergang fortsetze, indem ich den Weg zurückgehe, gelange ich nach wenigen Metern wieder zum Deich, den ich überquere. Einige Minuten später bin ich wieder im Zentrum des Ortes angelangt. Hier gestatte ich mir noch einen kleinen Schlenker durch die Bergstraße, der mich bis zur Hausnummer 10 führt. Denn schließlich bin doch ein bißchen neugierig, wie das Haus, in dem wir früher für unsere Tage in Prerow stets Quartier bezogen hatten, heute aussieht. Das einst von einer wilden Wiese bedeckte Gelände davor ist heute dicht bebaut, so daß ich für einen Augenblick daran zweifle, daß ich in der richtigen Straße unterwegs bin. Doch schon nach einigen Metern sehe ich sie vor mir – die alte Bäckerei. Und ein wenig erleichtert stelle ich fest, daß sie noch fast genauso aussieht, wie ich sie in Erinnerung habe. Lediglich die Veranda auf der linken Seite kommt mir unbekannt vor. Vermutlich ist sie erst in der Zeit nach unseren Aufenthalten hier hinzugekommen.

Die (ehemalige) Bäckerei Koch
Die einstige Bäckerei Koch in Prerow. Heute hat sie ihre Pforten für immer geschlossen.
Fotograf: Alexander Glintschert (2023)
Creative Commons Lizenzvertrag

Ein orangefarbenes Schild, aufgestellt ganz in der Nähe, verrät mir Dinge, die ich noch nicht wußte. Das Gebäude, so lese ich da, stammt bereits aus den Anfangsjahren des zwanzigsten Jahrhunderts. Als Villa Ruheleben errichtet, wurde darin 1910 das Café Stein eröffnet. Im Jahre 1928 übernahm es der Bäckermeister Friedrich Koch und richtete darin seine Bäckerei ein. Bis heute ist das Gebäude im Familienbesitz. Und, so wird berichtet, noch immer backe man hier nach alter Tradition. Nun, daß das so nicht mehr stimmt, darüber bin ich dann doch bereits informiert. Daß hier jedoch einmal eine Bäckerei gewesen ist, kann man noch erahnen, selbst wenn man es nicht weiß. Die Markise über der abgeschrägten Ecke mit der Eingangstür, zu der drei kleine Stufen hinaufführen, ist ein deutlicher Hinweis darauf, daß sich hier einmal ein Laden befunden hat. Und wer genau hinsieht, kann in dem weißen Rechteck im oberen Stockwerk noch das einstige Bäckerei-Logo mit dem großen K erkennen, das für den Namen der Eigner steht.

Zufrieden mit all meinen ersten Entdeckungen und auch ein wenig glücklich darüber, doch bereits so vieles, das mir aus meiner Kindheit noch in Erinnerung ist, wiedergefunden zu haben, schließe ich für diesen ersten Tag meines kleinen Urlaubs in Gedanken das Album mit den Bildern meiner Kindheit und mache mich auf den Weg zurück zu meinem Quartier.

Sie können alle Fotos auch direkt auf Flickr anschauen.
Für alle Fotos gilt die folgende Lizenz:

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz.

Referenzen

Referenzen
1 Reinhard Mey: Beim Blättern in den Bildern meiner Kindheit, Album „Jahreszeiten“, 1980, Intercord, INT 160.139
2 Das Kürzel stand für Freier Deutscher Gewerkschaftsbund. Das war der Dachverband der Gewerkschaften in der DDR.
3 Tatsächlich ist die Bäckerei allerdings älter. Der Zeitraum bezieht sich auf ihren letzten Inhaber.
4 Vehemente Verteidiger der Bahn mögen nun einwenden, daß die Bauarbeiten ja sicher länger als ein Wochenende gedauert haben und am Osterwochenende somit nur eine Pause eingelegt worden ist. Das ist sicher richtig. Allerdings habe ich dagegen einzuwenden, daß angesichts der Tatsache, daß eine Woche später die Bahn bereits wieder durchfuhr, durchaus eine andere Planung möglich gewesen sein müßte, als ausgerechnet am Osterwochenende, wo viele Menschen ein sehr langes Wochenende frei haben, das zu Kurzreisen auch an die Ostsee geradezu einlädt, eine dafür wichtige Strecke mit stillstehenden Bauarbeiten zu blockieren!