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Wer braucht schon Brücken…

Dieser Beitrag ist Teil 10 von 10 der Beitragsserie "Gedanken zum Jahreswechsel"

Hat es überhaupt noch einen Sinn, einen neuen Jahresend-Text zu verfassen?

Eine gute Frage, scheint mir, besonders, wenn ich mir jene Texte noch einmal zu Gemüte führe, die ich in den vorangegangenen Jahren verfaßt habe. Vieles, was ich dort bereits geschrieben hatte, könnte ich in diesen Text nahezu unverändert auch wieder einfließen lassen. Kriegsgefahr, der Niedergang nicht nur meiner Heimatstadt Berlin, sondern des gesamten deutschen Landes, beinahe schon tagtägliche Meldungen über Mord und Totschlag – es hat sich nichts verändert. Und wer auf Besserung gehofft hatte, wurde sogar bitter enttäuscht, denn es wurde eher schlimmer.

Andererseits ist es irgendwie auch eine merkwürdige Frage, denn immerhin ist es der zehnte Text dieser kleinen Reihe und damit ein kleines Jubiläum. Und so will ich natürlich auch in diesem Jahr nicht darauf verzichten, ihn zu verfassen, auch wenn das, was am Ende darin stehen mag, nicht unbedingt nur erfreulich und erbaulich sein mag. Doch das ist dann eben so. Wie es auch die Zeiten sind, in denen zu leben wir momentan das Mißvergnügen haben. Schauen wir also, was wir da haben:

Der Krieg in der Ukraine? Noch immer nicht zu Ende. Und noch immer spielen die Europäer bei den Bemühungen um seine Beendigung keine nennenswerte Rolle. Die Verhandlungen führen andere. Sie können nur mit Geld, das sie nicht haben, um sich werfen. Und weil es ja doch irgendwoher kommen muß, machen sie eben Schulden. Schulden, die wir, das Volk, dann bezahlen dürfen. In den nächsten Jahren. Jahrzehnten. Oder auch Jahrhunderten. Wer weiß… Ist ja auch egal. Den Verantwortlichen auf jeden Fall, so scheint es.

Und natürlich wird auch überall gespart, bis es quietscht. Doch das hat man offenbar schon seit längerem so gemacht. Wie sonst wäre zu erklären, daß das Land um uns herum mehr und mehr auseinanderzufallen scheint? Und um das zu sehen, brauche ich nicht mal mehr ins Land hinauszuschauen. Da reicht schon der Blick in meine eigene Stadt. Da muß eine Brücke wegen schwerwiegender Schäden saniert werden. Gut, das kommt vor. Doch dann noch eine. Und noch eine. Und so weiter. Hatte man die Sanierung der ersten – der Elsenbrücke am Berliner Treptower Park – 2020 noch vergleichsweise planmäßig in Angriff genommen – soll auch nur kurze acht Jahre dauern – , geriet die Sanierung der nächsten – der Mühlendammbrücke – schon in chaotischeres Fahrwasser. Hier will man nur fünf Jahre brauchen. Doch anstatt sie parallel zu der langwierigen Straßenverlegung am benachbarten Molkenmarkt durchzuführen, begann man damit 2024, nachdem man jene endlich abgeschlossen hatte. Und verlängerte das damit verbundene Verkehrschaos gleich noch einmal um mehrere Jahre. Wenn es denn nur Jahre sind. Ich habe da so meine Zweifel. Denn bisher beschränkt sich die „Sanierung“ auf den halbseitigen Abriß der Brücke. Und seit dessen Abschluß sind nun schon wieder mehrere Monate ins Land gegangen, ohne daß noch irgendjemand irgendetwas an der Brücke baut. Nur wenige hundert Meter weiter plante man derweil munter den Neubau einer weiteren Brücke. Man hatte nämlich erkannt, daß diese „[…] aufgrund der Konstruktion, des Bauwerkszustandes und des gestiegenen Verkehrsaufkommens den derzeitigen und künftigen Verkehrslasten nicht mehr dauerhaft standhalten [kann]“. Aber in Berlin hat man ja Zeit. Und so veranstaltete man erst mal einen Wettbewerb für den Neubau der Gertraudenbrücke, der derzeit immer noch in Planung ist. Und während sich der brave Bürger noch wunderte, was man denn da so wettbewerben könnte – ist ja schließlich nur eine simple Brücke und kein Kunstwerk -, dachte sich die Realität, sie holt die Verantwortlichen mal ein bißchen auf den Boden der Tatsachen zurück. Und so mußte im Dezember diesen Jahres eben diese Brücke für schwere Fahrzeuge gesperrt werden. Wegen schwerer Schäden, die man jetzt entdeckt hat. Macht ja nichts. Ist ja nur eine von zwei Hauptverkehrsadern durch das Berliner Zentrum. Und die Bundesstraße 1. Kann so wichtig nicht sein. Busse der Berliner Verkehrsbetriebe dürfen übrigens auch nicht mehr rüber. Wer braucht schon öffentlichen Nahverkehr auf den Straßen im Zentrum. Fährt man halt U-Bahn. Dumm nur, wenn die dann auch mehrere Monate Bauarbeiten vor sich hat. In diesem Fall bis Ende August 2026. Die sollen zwar nur nachts stattfinden, doch die angekündigten Routen für den Schienenersatzverkehr sind mit der Einschränkung der Brückennutzung auch hinfällig geworden. Mal sehen, was die Nahverkehrsbetriebe nun machen. Bis heute, also Silvester 2025, hatten sie noch keine Anpassung vorgenommen. Vielleicht lassen sie das mit dem Schienenersatzverkehr diesmal einfach ganz…

Doch auch an anderer Stelle plagen Berlin Brückensorgen. An der Landsberger Allee – einer weiteren großen Magistrale der Stadt, die für die Anbindung der östlichen und nordöstlichen Bezirke von entscheidender Bedeutung ist -, werden nahe dem S-Bahnhof Marzahn bereits die großen Marzahner Brücken seit 2022 erst abgerissen und nun neu gebaut. Immerhin. Doch als ob das noch nicht reichte, läßt Dresden unsere Stadt hier herzlich grüßen – mit der Meldung, daß die Brücke am S-Bahnhof Landsberger Allee – ich glaube, die hat nicht mal eine Namen – wohl alsbald auch wird saniert werden müssen. Möglicherweise droht Totalsperrung. Sie sei aus demselben Stahl errichtet worden wie die selige Carolabrücke… Man geht derzeit von einem Baubeginn um 2029 aus. Vorher habe man keine Mittel. Ob man wohl die Realität schon gefragt hat, was sie davon hält?

Offenbar kann man in Deutschland keine Brücken mehr. Weder im buchstäblichen noch im übertragenen Sinne. Denn auch in der Politik baut man ja keine und reißt sie sogar ein, wo sie noch bestehen, wie man an all den Konflikten in der Welt – vom Ukrainekonflikt sprach ich bereits – sehen kann.

Doch zumindest in Berlin will man jetzt aber dringend etwas tun. Vermutlich mit dem neuen Deutschlandtempo, daß unser Bundeskanzler bei der Eröffnung einer neuen Autobahnbrücke nach „nur“ vier Jahren Bauzeit eingefordert hat – für die halbe Brücke, wohlgemerkt. Unter dem Motto „Berlin baut Brücken“ – ich will nicht wissen, was es gekostet hat, diesen Slogan zu entwickeln – gibt es jetzt sogar eine eigene Übersicht über die „Aktuellen Brückenbaumaßnahmen 2025 / 2026“. Und weil „Berlin, als pulsierende Metropole im stetigen Wandel, […] in die Erhaltung, in den Ersatzneubau und den Neubau von Brücken [investiert], um die städtische Infrastruktur zu modernisieren und den steigenden Anforderungen gerecht zu werden“, sind darin, wenn ich mich nicht verzählt habe, sage und schreibe sechsundneunzig Brücken verzeichnet! Da hat man sich ja richtig was vorgenommen. Da will ich nur hoffen, daß man sich dabei etwas geschickter anstellt als bei den bisherigen Brückenbaumaßnahmen. Sonst sind diese „Aktuellen Brückenbaumaßnahmen 2025 / 2026“ auch noch die für „2027 / 2028“. Und noch ein paar Jahre mehr. Doch was rede ich da… Natürlich sind sie das! Steht ja schon in den entsprechenden Plänen. Elsenbrücke bis 2028, Mühlendammbrücke bis 2029, Neue Gertraudenbrücke noch ohne Termin, da noch in Planung.

Was ist nur los in diesem Land?

Bei einer Führung durch die Berliner Stadtbibliothek, die ich in diesem Jahr mitgemacht habe, berichtete die Angestellte, die uns interessierte Besucher durch die Magazine geleitete, wie sie desöfteren nach größeren Gewittern und Regenfällen dort das Wasser mit Eimern hinausschöpfen müßten… Derweil diskutiert man den Umzug der Bibliothek erst ins Gebäude der ehemaligen Galeries Lafayette – die sind immerhin ausgezogen – und nun, da dies aus irgendwelchen Gründen nichts wurde, in das Gebäude der Galeria Kaufhof am Alexanderplatz – die soll gleichzeitig aber darin verbleiben. Die Diskussion läuft noch. So wie das Wasser. Seit Jahren.

Apropos Alexanderplatz. Da wachsen jetzt Hochhäuser in die Höhe. Geist- und gesichtslos wie alles, was in heutiger Zeit gebaut wird. Braucht niemand, gefällt niemandem. Jedenfalls niemandem, den ich bisher getroffen habe. Wird trotzdem gemacht. Da geht’s komischerweise schnell voran, auch wenn man zwischendurch mal ein bißchen die U-Bahn schwerbeschädigt hat. Konnte ja keiner ahnen, daß die da im Untergrund vorbeifährt.

Derweil überlegt man es sich zweimal, ob man abends im Dunkeln wirklich noch über den Platz und durch seine nähere Umgebung muß oder ob es nicht andere Wege gibt. Daran ändert auch die eigene Polizeiwache nichts, die man dem Platz vor einigen Jahren spendiert hat. Aber is halt jetzt so. Kannste nix dran machen. Ich kann allerdings aus eigener mehr als fünfundzwanzigjähriger Anwohnererfahrung sagen, daß das definitiv nicht so war, als ich damals hierhergezogen bin. Da brauchte man keine extra Polizeiwache. Zu meinen Studentenzeiten in den Neunzigern bin ich, wenn ich weit nach Mitternacht aus dem Studentenclub der Uni oder von irgendeiner Veranstaltung oder Party kam, noch vom Alex mit der U-Bahn oder dem Nachtbus zum Tierpark gefahren, wo ich damals wohnte. Da habe ich mir nicht im geringsten Gedanken darüber gemacht, ob das eventuell unsicher sein könnte und ich mich damit möglicherweise irgendwelchen Gefahren aussetze. Heute würde ich das niemandem mehr empfehlen. Wenn ich heute spätabends mal unterwegs sein muß, ist stets das Taxi mein Verkehrsmittel der Wahl. Und das nicht aus Bequemlichkeit. Oder wenn doch, dann nur am Rande…

Muß ich noch erwähnen, daß ich von der in meinem vorangegangenen Jahresendtext erwähnten Fahrstuhlsanierung in meinem Haus, die 2024 wegen der Insolvenz der damit beauftragten Firma ausgesetzt werden mußte, nie wieder etwas gehört habe? Ob die Fahrstühle wohl eigentlich noch TÜV haben? Ich glaube, ich frage lieber nicht…

Derweil steigen die Kosten für alles munter weiter an. Strom, Wasser, Lebensmittel – für alles bezahlt man mehr. Doch auch die schon direkt vom Gehalt abgezogenen Posten werden immer höher. Mittlerweile treibt mir der Blick auf meinen Gehaltszettel jedesmal die Tränen in die Augen. Da kommt nicht einmal mehr die Hälfte meines Bruttogehalts auf dem Konto an! Und eine Ende scheint nicht in Sicht…

So nimmt es nicht wunder, daß ich mich hin und wieder dabei ertappe, darüber zu sinnieren, wie es wohl wäre, wenn ich anderswo lebte. Ganz besonders war das dieses Jahr der Fall, als ich im Urlaub für zwölf Tage an einen meiner Lieblingsorte zurückgekehrt war, den ich viel zu lange schon nicht mehr besucht hatte. Ich spreche von Budapest, der Stadt, in der ich fünf Jahre meiner Kindheit verbracht habe und die mir seitdem ans Herz gewachsen ist. Und auch, wenn ich leider kein Wort Ungarisch sprechen kann – sieht man einmal von einzelnen Floskeln wie „Danke“, „Guten Tag“ und „Auf Wiedersehen!“ ab -, so fühlte ich mich bei meiner Wiederkehr in diesem Jahr gleich wieder wie zu Hause. Ich habe viele Orte, die mir in meiner Kindheit wichtig und seitdem noch gut in Erinnerung geblieben waren, wieder aufgesucht und sie alle sofort wiedererkannt. Was mir bei meinem Aufenthalt sofort auffiel, war, daß man dort traditionsbewußter zu sein scheint und nicht wie hierzulande den Fehler macht, Vergangenheit und Gegenwart in schreiende Gegensätze zu zwingen. Natürlich gibt es auch in Budapest Neubauten, doch hatte ich, wenn ich sie betrachtete, stets den Eindruck, daß man sich dabei immer darum bemüht hatte, sie in ihr jeweiliges städtisches Umfeld einzupassen, ohne ihnen einen eigenen Charakter völlig zu verweigern. Jedenfalls sind mir bauliche Unfälle wie die hiesigen Neubauten rund um den Alexanderplatz oder den Bahnhof Zoo dort nicht aufgefallen. Was mir dafür unmittelbar ins Auge sprang, war, wie gut dort alles funktionierte. Auf eine U-Bahn, einen Bus oder eine Straßenbahn beispielsweise mußte ich nie länger als zwei bis fünf Minuten warten. Total überfüllte Verkehrsmittel hatte ich ebenfalls nicht zu durchleiden. Und das Stadtzentrum war schon fast peinlich sauber. Graffiti? Fehlanzeige. Zentimeterdicke Plakatringe um die Straßenlaternen, die teils schon in Fetzen herunterhängen? Gab es nicht. Müll auf den Straßen? Nur an einem Tag, und das war der Sperrmüllsammeltag, an dem alle Einwohner alles, was sie loswerden wollten, auf den Bürgersteig stellten, um es kostenlos abholen zu lassen. Schon am nächsten Morgen war die Putzkolonne unterwegs, um die Stadt bis zum Mittag wieder in den blitzsauberen Zustand zu versetzen, in dem sie sich sonst auch immer präsentierte. Ich könnte noch viele Dinge mehr aufzählen, die mir in diesen wenigen Tagen unterkamen, von denen ich sagen würde, daß Budapest sie dem heutigen Berlin voraus hat. Doch ich spare sie mir an dieser Stelle für meinen Reisebericht auf…

Alles in allem, so scheint mir, gibt es derzeit nicht allzu viel Positives, daß ich, bezogen auf die heutige allgemeine Lage in Berlin und Deutschland, erwähnen könnte. Da das allgemeine Weltgeschehen nicht dazu angetan ist, viel Positives zu finden, und die Politik es aufgegeben zu haben scheint, dafür zu sorgen, daß sich daran für die Bürger dieses Landes etwas ändert, bleibt es einem selbst überlassen, in seinem ganz persönlichen Umfeld positive Erlebnisse und Erfahrungen herbeizuführen. So man denn die Möglichkeit dazu hat. Das kann ein Urlaub sein, wie ich ihn in diesem Jahr unternommen habe. Das sind mit Sicherheit Kontakte zu lieben Menschen, Freunde und Familie, die das eigene Leben bereichern und es einem ermöglichen, sich auszutauschen, sich gegenseitig zu helfen und gemeinsam Augenblicke persönlichen Glücks zu erleben. Das sind aber auch Ziele, die man sich selbst setzt und die einen durch den Weg, auf den man sich zu ihnen begibt, persönlich voranbringen. Für mich heißt das beispielsweise, daß ich im nächsten Jahr wieder mehr an meinem Herzensprojekt arbeiten möchte – meinem Blog Anderes.Berlin, von dem ich im vergangenen Jahr etwas Abstand genommen hatte – nicht unbedingt gewollt, aber bedingt zum einen durch jede Menge Änderungen in meinem beruflichen Umfeld, die es für mich schwierig gemacht haben, die nötige Ruhe dafür zu finden, zum anderen und vor allem aber auch durch den Tod meines lieben Vaters 2024, der bei diesem Projekt auch mein Mitautor und -redakteur war und mir dabei natürlich nach wie vor sehr fehlt. Doch nicht zuletzt auch ihm zu Ehren möchte ich diesen Blog natürlich nicht aufgeben, sondern weiterführen, wofür ich mir für 2026 neuen Elan zu finden vorgenommen habe.

Und natürlich – um auf die Möglichkeiten, für Positives im eigenen Umfeld zu sorgen, zurückzukommen – sind auch die kleinen Auszeiten wichtig, die man sich gönnen muß, um von all dem Chaos und der Unruhe, die einem tagtäglich durch die großen Ereignisse und die stets und ständig nur davon berichtenden Medien ins Leben gekippt werden, Abstand zu gewinnen und wieder zur Ruhe zu kommen. Davon, das habe ich in diesem Jahr festgestellt, brauche ich definitiv im nächsten Jahr mehr. Und ich denke, nicht nur ich.

In diesem Sinne wünsche ich Euch trotz allem ein schönes, ein gesundes und glückliches Jahr 2026. Und trotz allem hoffe ich erneut, daß es besser werden möge als die vergangenen Jahre.


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Ersteller: Alexander Glintschert (2025).